v^rsa«; STUDIEN AUF DEM GEBIETE DER AEEZTLICHEN SEELENKUNDE. GEMEfflFASSLICHE VORTRAEGE VON S^ DR FRIEDRICH WILHELMJ^GEN, kgl. Oberarzt und Vorstand der Kreis-Irrenanstalt,"Professor an der Universität zu Erlangen. UM^l' EELANGEN, VERLAG VON EDUARD BESOLD. 1870. Das Recht der Uebersetzung wird vorbehalten. WA1 ... ;u34^ Vorwort. JL/ie folgenden Vorträge sind, mit Ausnahme des ersten, theils im hiesigen von akademischen Lehrern aller Fakultäten gebildeten philomathischen Verein theils zu einem wohlthätigen Zweck auf Wunsch des betreffenden Ausschusses vor gemisch- tem Publicum gehalten worden. Wenn ich dieselben hiedurch der 0Öffentlichkeit übergebe, so bestimmte mich dazu nicht etwa blos das subj'ective Motiv, wieder einmal ein Buch heraus- geben zu wollen; denn bei der Masse von Büchern, welche jetzt geschrieben werden, sollte Jeder billig Anstand nehmen, j'ene ohne noch anderweitigen Grund zu vermehren. Als einen solchen kann ich den viel gebrauchten mit Wahrhaftigkeit angeben, dass ich von mehr als einer Seite und schliesslich vom Verleger selbst um die Herausgabe angegangen worden bin. Ich durfte daraus die Hoffnung schöpfen, dass diese Arbeiten auch in weiteren Kreisen Anklang finden und ihren Zweck erfüllen würden. Gleichwohl würde ich das nonum prematur in annum, im Gegensatz zur Druckhast unserer Zeit, auch auf die jüngeren der folgenden Vorträge ausgedehnt haben, wenn ich hätte glauben dürfen, dass ich selbst in dieser Frist auf ihre wieder- holte Durcharbeitung würde zurückkommen können. Da mich aber meine dermaligen Studien nach anderen Richtungen führen, so musste ich jene, um mich für diese frei zu machen, jetzt schon vornehmen. IV Vorwort. Die Anmerkungen und Zusätze haben mehrerlei Zweck. Fachmännern gegenüber musste mancher im Texte enthaltene Satz näher begründet werden; den übrigen Lesern mochte betreffs anderer Puncte vielleicht ein Nachweis der wichtigsten Literatur, in welcher sie über dieselbe weitere Belehrung finden können, erwünscht sein. Endlich ergab die Darstellung hie und da Veranlassung zu Excursen, welche in den Vorträgen selbst nicht unterzubringen waren, ohne deren Anlage zu stören und ihren inneren Bau zu ungleichmässig werden zu lassen. Im Einzelnen habe ich noch folgende Vorbemerkungen zu machen. Der erste Vortrag ist eine öffentliche Antrittsvorlesung, durch welche ich mich in die Reihe der akademischen Lehrer einführte. Im Jahre 1860 gehalten, wurde dieselbe unmittelbar vor der Drucklegung, um sie meinem jetzigen (in der Haupt- sache zwar nicht veränderten) Standpunct entsprechend zu gestalten, ihrer grösseren Hälfte nach umgearbeitet. Zu S. 17 habe ich nachträglich zu bemerken, dass der Ausdruck Radical auf psychische Vorgänge zwar schon von Guislain ange- wendet wurde, jedoch in einem von dem meinigen verschiede- nen Sinn (als Sensation douloureuse), in welchem er nicht allgemeine Zustimmung finden konnte. Die zweite Abhandlung gibt eine Probe von der in der ersten dargelegten psycho - physischen Untersuchungsmethode. Auch sie hat eine Umarbeitung erfahren, welche hier haupt- sächlich in einer Erweiterung bestand. Als ich nämlich den Vortrag im Jahre 1862 im philomathischen Verein hielt, hatte ich mehr nur den Zweck, um der prognostischen Würdigung willen nachzuweisen, dass bei der fixen Idee ein psychisches Allgemeinleiden angenommen werden müsse; auf die Wahn- bildung selbst war ich damals nicht des Näheren eingegangen weil der Vortrag dadurch für einen Abend zu umfangreich ge- Vorwort. V worden wäre. Hier, wo die Abhandlung zum Lesen bestimmt ist, konnte diess nun nachträglich geschehen; es ist aber dafür, um der besseren Abrundung des Textes willen, ein Theil des Stoffes den Zusätzen einverleibt worden. Der dritte Vortrag (1864) bespricht ein Thema, welches schon öfters und besonders noch im letzten Jahrzehend behan- delt worden ist. Allein einerseits darf ich wohl voraussetzen, dass nur wenige meiner Leser mit der ganzen Literatur über Jeanne d'Arc bekannt sind, und andererseits weiss ich und wurde mir überdiess auch von competenten Seiten versichert, dass gerade in dieser Weise der Gegenstand bis jetzt noch nicht behandelt worden ist. So hoffe ich denn, dass die Ab- handlung als ein historisch-psychologisches Gutachten auch vom grösseren Publicum mit Gunst möge aufgenommen werden. Nachdem ich den vierten Vortrag (1869) gehalten hatte, sagten mir mehrere Collegen, dass in Norddeutschland der Aus- druck Narr als Synonymum für Geisteskrank unbekannt sei, wonach also mein Eifer nur einer süddeutschen Unart gälte; vielleicht findet sich Süddeutschland durch denselben bewogen, seine Eigenthümlichkeit wenigstens in dieser Hinsicht als eine unberechtigte aufzugeben. In die Anmerkungen zu dieser Arbeit wurden mit den erforderlichen Zusätzen einige Stellen aus einem anderen in dieser Sammlung nicht mitabgedruckten Vortrag, welcher die Uebergänge von psychischer Gesundheit zur Krankheit zum Gegenstand hatte, aufgenommen. Dass die fünfte Abhandlung (1866) nicht etwa, wie es Manchem scheinen könnte, in Widerspruch mit der ersten steht, wird bei einiger Ueberlegung leicht erhellen. Auch brauche ich wohl kaum mich noch besonders vor dem Missverständniss verwahren zu müssen, als ob ich psychische Behandlung der Geisteskranken überhaupt für überflüssig und zweckwidrig hielte. VI Vorwort. Ueber das Thema des sechsten Vortrages (1868) habe ich schon einmal einen Aufsatz geschrieben, der in Schwegler's Jahrbüchern erschien. Da ich aber davon weder einen Separat- abdruck mehr besitze noch dieses Journals selbst mehr habhaft werden konnte, so vermag ich nicht einmal den Jahrgang an- zugeben, welcher ihn enthält, sondern weiss nur, dass er dem Anfang der vierziger Jahre angehörte. Ich erwähne diess nur desshalb, weil aus jenem anonym erschienenen Aufsatz ein paar Stellen in den Vortrag übergingen; in allem Uebrigen ist dieser nach Form und Inhalt von jenem Aufsatz verschieden und völlig neu. Er gehört zwar nur zum Theil in's Gebiet der Medicin und erscheint hier mehr als Beigabe oder Nachtisch. Doch denke ich, es soll Niemand an den fünf Hauptgerichten so übergenug haben, dass er nicht auch diesen noch geniessen möchte. Erlangen, den 24. Mai 1870. Hagen. Inhalt. I. Der Werth und die Bedeutung der Psychologie für die Psychiatrie.................. 1 II. Fixe Ideen.................. 39 III. Die Jungfrau von Orleans............ 87 IV. Narrheit...................117 V. Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken ... 151 VI. Der Zweck heiligt die Mittel........... 177 s'< 1 Der Werth und die Bedeutung der Psychologie für die Psychiatrie. Hagen, Studien. 1 enn die Grundlage der Pathologie, wie jetzt allgemein an- erkannt ist, die Physiologie oder, noch richtiger gesprochen, die Pathologie selbst Physiologie, aber Physiologie des kranken Lebens ist, so scheint naturgemäss und logisch daraus zu folgen, dass der- jenige Zweig der Pathologie, welcher sich mit dem kranken Seelen- leben befasst, also die Psychiatrie, zur Grundlage und zum Aus- gangspunkt die Psychologie haben müsse. So sehr sich diess für den noch nicht näher mit diesem Gegenstande Bekannten von selbst zu verstehen scheint, so können doch gegen diese Schlussfolgerung gewichtige Bedenken erhoben werden. Zuerst kann man die Frage aufwerfen, und hat sie in der That auch schon oft genug verneinend beantwortet: ob es denn überhaupt richtig sei, von Seelen krankheiten zu sprechen, und ob nicht vielmehr als erstes und oberstes Axiom in dieser Lehre der Grundsatz aufgestellt werden müsse, dass die Seele nicht erkranken könne. Man weist ferner, und nicht mit Unrecht, darauf hin, dass alle psychischen Krankheiten doch in letzter Instanz auf eine Ge- hirn- oder Nervenkrankheit zurückgeführt werden müssen. Man möge nun, so schliesst man etwa weiter, entweder nur beabsichtigen, die nächste Ursache derselben zu ergründen oder sich bestreben, eine richtige Heilmethode für sie zu finden, so sei es im Grunde sehr gleichgültig, die Gesetze des gesunden Seelenlebens zu kennen, da das störend wirkende Princip nicht in diesem Seelenleben selbst, sondern ausserhalb desselben seinen Sitz habe, und der ganze Auf- ruhr in jenem sich lege, sobald dieser abnorme Reiz entfernt sei. Nimmt man vollends an, dass alle Thätigkeit nur eine Kraftäus- serung der Materie und sohin auch jede psychische Erscheinung nur eine Function des Gehirns ist, so ist es, kann man sagen, doch nur nothwendig, im Allgemeinen zu wissen, dass eine psychische 1» V* 4 Der Werth der Psychologie Störung vorhanden sei; man sei dadurch sofort auf die Untersuchung der Gehirn- und Nervensubstanz hingewiesen, welche dann schon von selbst die nähere Beschaffenheit des vorliegenden Zustandes im Detail ergeben werde. Wenn ein Typhuskranker delirire, so komme sehr wenig darauf an, ob er dabei eine schwungvolle oder lahme Phantasie zeige, ob seine Aeusserungen einen hohen oder niederen Bildungsgrad verrathen und ob sich dabei sein Charakter von einer guten oder schlimmen Seite darstelle. Die Prognose richte sich doch immer nach dem diagnosticirten Hirnzustand und nach den sonstigen begleitenden körperlichen Symptomen, und diese, und nur diese, gäben auch die Anzeigen für die Behandhing ab. Ebenso werde es denn auch mit den psychischen Krankheiten im engeren Sinne sein, und ein Studium der Psychologie sei daher zu ihrer pathogenetischen Erkenntniss und ihrer Cur sehr überflüssig. Sie sehen, es sind Einwürfe von nicht eben leichtem Gewicht, welche gegen die Bedeutung der Psychologie für die Erkenntniss der Geisteskrankheiten erhoben werden. Ja, wir können dieselben sogar noch vermehren. Gehirn und Nervensystem sind es — das ist durch die Forschungen unserer- Zeit zu einem uns nicht mehr zu raubenden Gemeingut geworden — durch deren Erkrankung eine Geisteskrankheit allein möglich wird. Nun sind wir aber auf rein psychologischem Wege (durch Selbstbeobachtung, Denken, sei es über diese oder a priori, Erschliessen der psychischen Processe im Innern Anderer) niemals im Stande, zu irgend einer Vorstellung vom Gehirn zu gelangen. Wir wissen 'aus und durch uns selbst ebenso wenig etwas davon, dass wir ein Gehirn, als dass wir einen Magen, Herz, Muskeln u. s. f. haben. Und nicht allein von der Existenz des Gehirns, sondern auch von vielen Functionen desselben und des Nervensystems können wir ein Wissen nur durch die sinn- liche Beobachtung erlangen. Bei Erkrankung dieser Organe, bei Erschwerung ihrer Leistung, werden sie uns zwar wohl fühlbar, aber eben nur fühlbar; eine Anschauung von ihnen gewinnen wir auch durch die Krankheit nicht; diese muss immer erst durch die äussere Erfahrung gegeben werden. So vermögen wir denn auch die wirkliche Natur und Herkunft gestörter psychischer Thätigkeiten weder blos durch Selbstbeobachtung noch durch logische Schluss- folgerungen lediglich aus den Aeusserungen des Kranken zu erken- nen ; denn mit diesen Mitteln können wir eben so gut zu der An- für die Psychiatrie. 5 nähme gelangen, dass es sich in Fällen psychischer Krankheit eigentlich um Bosheit handle, oder dass wir einen wirklich unter der Last seiner Sünden Zerknirschten vor uns haben oder (je nach unserem religiösen Standpunct) dass hier ein böser Dämon sein Spiel treibe. Dagegen lehren nun aber vielfache Erfahrungen der ver-# gleichenden Anatomie und der Physiologie, dass das Nervensystem zur Vollziehung psychischer Thätigkeiten unentbehrlich ist; es ist ferner kein Zweifel, dass jede bedeutendere Verletzung oder krank- hafte Affection desselben Störung der psychischen Functionen zur Folge hat, dass Alcohol, Chloroform und narcotische Substanzen die geistige Thätigkeit zu alteriren vermögen, und dass zwischen Nervenkrankheiten und psychischen Krankheiten eine innige Ver- wandtschaft stattfindet, in Folge deren oft eine in die andere über- geht oder mit ihr abwechselt, — lauter Beweise, dass die Wurzel der psychischen Krankheitserscheinungen im Nervensystem zu suchen ist. Wer wäre jemals im Stande, aus den Resultaten der Selbst- beobachtung seiner Seelenvorgänge und aus rational-psychologischen Gründen zu ermitteln, dass im gegebenen Falle die Ursache einer Geisteskrankheit ein — Nierenleiden sei? So wären wir also zu dem Ergebniss gelangt, dass für die Psychiatrie die Psychologie in der That — wo nicht sogar schäd- lich — doch wenigstens nutzlos und entbehrlich sei? Ich glaube nicht, dass diess aus dem Angegebenen folgt. Vielmehr hoffe ich zu zeigen, dass ein solches Ergebniss, welches schon an und für sich dem gesunden Menschenverstand als paradox erscheint, in der That aus dem Zugestandenen nicht abgeleitet werden kann. Die fraglichen Einwürfe, so richtig sie an sich sind, vermögen doch nicht, den somatischen Standpunct als den allein massgebenden darzuthun. Die sinnliche Anschauung des Gehirns, seine chemische Unter- suchung , die Ergründung der physikalischen Seite der Nerven- thätigkeit, geben für sich allein nicht den mindesten Aufschluss über psychische mit ihnen im Zusammenhang stehende Vor- gänge. Aus ihnen allein lässt sich absolut nicht erschliessen, dass es nur überhaupt psychische Leistungen gibt. Selbst die Vivi- sectionen lehren über die psychischen Functionen der Centraltheile an und für sich nichts ohne gleichzeitige Analogie, ohne Schlüsse von unserer Selbstbeobachtung auf die psychischen Vorgänge bei 6 Der Werth der Psychologie den Thieren um die Zeit der Verletzung; denn ohne solche ver- bindende Beziehung würden wir eben nichts Anderes gewahr wer- den als dass Extremitäten der Thiere sich im Raum bewegen oder dass diese Laute von sich geben, welche ihrerseits eben so mecha- nische Effecte sein könnten. Eben so wenig aber lässt sich auf eine psychische Krankheit vom körperlichen Befund allein schliessen. Zwar kann ausgesprochener Blödsinn aus dem Leichenbefund er- rathen werden da, wo entschieden Atrophie, Zerstörung und Schwund von Hirnzellen in grösserem Umfang oder Mangel grösserer Hirntheile gefunden wird, diess aber doch nur, weil und nachdem wir durch vielfältige Erfahrung wissen, dass in solchen Fällen im Leben Blödsinn vorhanden zu sein pflegt. Wer es anders behauptet, wer glauben machen möchte, dass (abgesehen vom wirklichen Her- gang, der ohnehin kein anderer ist als der angegebene) es bei richtigem Verfahren in der Macht der Menschen gestanden wäre, a priori aus Hirnbefunden abzuleiten, dass es Geisteszerrüttungen geben müsse, der täuscht sich selbst und hat in Bezug auf Ein- bildung seinem Gegner, dem Metaphysiker, welcher die ganze Welt aus seinem Geist heraus construirt, nicht das Geringste vorzuwerfen. In den allermeisten Fällen, in dem weitaus grössten Theile der Manien, der Melancholie, der Verrücktheit, ja selbst in vielen Blöd- sinnsfällen ist es aber überhaupt unmöglich, auch a posteriori einen nothwendigen Zusammenhang zwischen dem sichtbaren Gehirnbefund (der in der Regel negativ ist) und der psychischen Störung nach- zuweisen; das Gegentheil mag zwar Wunsch und Hoffnung, für Manche auch Postulat sein, Thatsache aber ist es jedenfalls noch nicht. Noch weniger natürlich kann man aus einer Herz- und Lungenkrankheit, die man bei einer Section eines ganz und gar unbekannten Menschen findet, den Schluss ziehen, dass dieser ein Geisteskranker gewesen sein müsse; so sehr es auch sonst durch Erfahrung bewiesen sein mag, dass Herz- und Lungenkrankheiten zu Mitursachen psychischer Krankheit werden können. Wenn es nun so schon da steht, wo wir das leidende Organ unmittelbar zu Gesicht bekommen, um wie viel grösser muss die Schwierigkeit sein, wenn wir die Diagnose einer Geistesstörung auf körperliche Befunde an Lebenden gründen sollen. Fast am directesten, scheint es, können wir noch zum Gehirn heran gelangen durch ein zu anderen Zwecken erfundenes Instrument, durch den Augenspiegel. Es unterliegt gar für die Psychiatrie. 7 keinem Zweifel, dass wir durch denselben im Stande sind, zwar nicht das kranke Gehirn unmittelbar zu sehen, aber von der Be- schaffenheit des Sehnerven bei seinem Eintritt in den Augapfel ge- wisse Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Gehirnes selbst zu machen. Ich muss es den Sachverständigen überlassen, zu bestim- men, wie weit dieses diagnostische Hülfsmittel für die Gehirnkrank- heiten reicht und in wie fern die mitunter ziemlich kühnen Auf- stellungen in dieser Hinsicht begründet sind. So viel aber ist jedenfalls gewiss, dass damit eben nur Vegetations - Anomalien der Hirnsubstanz aufgedeckt werden können; ob mit diesen Störungen der psychischen Functionen verbunden sind und welche, ist Sache weiterer Ermittelung, zu welcher der Augenspiegel nichts mehr bei- tragen kann. Alle übrigen körperlichen Symptome vollends reichen, selbst wenn man deren mehrere zusammenfasst, erfahrungsmässig nicht hin, um ein psychisches Kranksein zu constatiren. Selbst dasjenige Symptom, was neben dem Augenspiegel noch am unmittel- barsten auf ein gestörtes Hirnleben zurückzuweisen scheint, die Be- schaffenheit der Pupille ist bekanntlich sogar bei derjenigen psychi- schen Krankheitsform, welche ganz eminent auf einem organischen Hirnleiden beruht, unzuverlässig, zur Diagnose eines psychischen Krankseins überhaupt aber für sich allein völlig werthlos. Die Pulslehre hat in neuerer Zeit unbestritten sehr bedeutende Fort- schritte gemacht und man kann es vielleicht bereits als bewiesen annehmen, dass wir aus der Beschaffenheit der Pulscurven Schlüsse auf den Lebenszustand des sympathischen Nerven ziehen können l), aber das Höchste, was auf diesem Wege erreicht werden kann, ist doch (und wohl auch nur in Verbindung mit anderen Zeichen) eben nur diess; das Vorhandensein einer Geisteskrankheit und deren Beschaffenheit aus dem Puls erkennen zu wollen, würde wohl Jeder- mann für Vermessenheit halten. Ich muss mich, um nicht zu weitläufig zu werden, auf diese Beispiele beschränken. Sie werden hinreichen, um zu beweisen, was ich darthun wollte, dass die Diagnose der Existenz und Art einer Geisteskrankheit niemals durch die physischen Symptome ge- macht werden kann. Wir haben dazu kein anderes Mittel, als die psychischen. Alle physischen Zeichen, so werthvoll sie sein mögen, um ein Gesammtbild des Zustandes zu gewinnen, sind für sich allein, selbst wenn man sie alle zusammen nimmt, nicht im Stande, 8 Der Werth der Psychologie uns mit Sicherheit eine Hirnstörung von der Art, wie sie zur Er- zeugung von Seelenkrankheiten erfordert wird, anzuzeigen. Also sind die psychischen Symptome die pathognomischen Symptome der psychischen Krankheiten. Ihre genaue Erhebung und ihr Ver- ständniss sind das erste und unerlässlichste Erforderniss bei dem Studium der Geisteskrankheiten. Es mag Manchem sonderbar be- dünken, dass diess erst noch besonders betont werden muss oder wenigstens betont wird; eine gewisse einseitige Strömung, welche viele Geister erfasst hat, macht es aber heut zu Tage nothwendig, auf diese selbstverständlichste aller Wahrheiten immer wieder hin- zuweisen. Die einseitige Betrachtung führt eben, wie überall, so ganz besonders bei diesem Gegenstande, zu Nichts; es muss von beiden Standpuncten aus geforscht und dann versucht werden, die Ergeb- nisse dieser verschiedenen Untersuchungsweisen mit einander zu ver- einigen. Eine Vereinigung aber ist nur möglich, wenn ein Gemein- schaftliches gefunden wird, an welchem beide Theil haben, ein Mittelpunkt, in welchem sie sich treffen. Dieser Punct ist das Leben und Wirken des Gehirns und Nervensystems in demjenigen Theil seiner Functionen, welcher eben der Seele zugewendet ist und unmittelbar mit der Seele zu thun hat. Nicht um Structur und Mischung handelt es sich hier zunächst, obgleich diese weiterhin sehr in Betracht kommen können, sondern um Dynamik (falls dieses Wort überhaupt zur Zeit noch erlaubt und statt desselben nicht immer nur »Molekularbewegung« zu sagen ist), um Strömungen, Spannungen des Nervenagens oder wie man es nennen will: denn von der Natur dieser Function wissen wir noch sehr wenig und müssen uns mit allgemeinen, muth- masslich vielfach bildlichen Ausdrücken begnügen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass gerade von der Psychiatrie noch manche Auf- klärung für diese noch so vielfach dunkeln Partien kommen wird; jedenfalls aber muss die psychische Krankheit in diesem Boden ihre letzten Wurzeln und hier ihre nächste Ursache haben. Alles, was man gewöhnlich Ursache psychischer Erkrankung nennt, verhält sich zu der Störung dieses Nervenagens als ent- ferntere Ursache. Von äusseren Geschicken und Ereignissen, dann von Erkrankungen anderer Leibesorgane versteht sich diess von selbst, sie sind ohne allen Vergleich viel häufiger vorhanden, ohne für die Psychiatrie. 9 eine psychische Störung zu erzeugen, als dass sie eine solche be- wirken. Aber selbst was organische Affectionen des Gehirns und Nervensystems betrifft, so decken sich diese und die Zeichen psy- chischer Störung durchaus nicht immer und nicht völlig. So hat man schon längst gefunden und hervorgehoben, dass die anatomi- schen Gehirnbefunde dieselben sein können, die Krankheit mag Manie oder Melancholie gewesen sein. Eine Zeit lang beherrschte die Idee der Gehirnhyperämie die Theorie der Geisteskrankheit, in neuerer Zeit ist an deren Stelle grossentheils die Gehirnanämie ge- treten ; man mag aber der einen oder der anderen huldigen, so sieht man sich gezwungen, zu erklären, dass jede derselben sowohl Manie als Melancholie hervorbringen könne; ein deutlicher Beweis, dass in diesen Zuständen noch nicht die nächste Ursache der Geistes- störung, noch nicht jener körperliche Vorgang enthalten sein kann, welcher in unmittelbarem nothwendigem Causalzusammenhang mit dieser steht. Selbst in derjenigen pathogenetischen Form, die im eminentesten Sinn auf einer vegetativen Gehirnanomalie beruht, der paralytischen Psychose, können alle elementaren Formen von Geistes- krankheit auftreten, ja es können auf eine Zeit lang sogar die Symp- tome psychischer Störung sowohl als motorischer Schwäche ganz und gar in den Hintergrund treten, während wir doch nach aller Analogie annehmen müssen, dass während des vorhergegangenen Aufruhrs eine Anzahl Nervenelemente des Gehirns zu Grunde ge- gangen sind. Es kann zwar sein, , dass eine künftige Zeit uns noch so manche unerwartete Aufschlüsse gibt. Wer weiss, ob die Hülfs- mittel der neueren chemischen Analyse, Spectral - Untersuchung oder vielleicht noch etwas Anderes, von dem wir zur Zeit noch keine Ahnung haben, oder Mittel, Abweichungen im Verhalten der Nerven-Electricität als Ursachen nachzuweisen, uns nicht noch ein- mal in den Stand setzen, durch eine Jedem leicht zugängliche Me- thode in Fällen, wo nur überhaupt Zeichen psychischer Störung zugegen sind, irgend eine Blutvergiftung oder veränderte Modali- täten der electrischen Strömungen aufzuzeigen. Es ist hier noch gar viel möglich, und wer über dergleichen Hoffnungen von vorn herein ungläubig lächelt, hat keine Idee von der Art des Fort- schrittes in den Wissenschaften. Missverstehen wir uns aber nicht. Mit dem eben Gesagten sollte nur zugegeben sein, dass die künftige 10 Der Werth der Psychologie Untersuchung mittelst der physikalischen Methoden uns noch die werthvollste Förderung unserer Kenntnisse von den Ursachen ver- schaffen könne, Kenntnisse, welche möglicherweise von weittragend- ster Bedeutung auch für die Heilkunst werden können. Die nächste Ursache jedoch können sie, obgleich sie ein Weg zu ihrer näheren Ergründung werden könne, nicht direct aufdecken ; denn die Thä- tigkeit der Hirnfaser in ihren Beziehungen zum psychischen Leben ist ein Ding für sich, das seine eigenen Gesetze hat, und auf dessen Zustände bei dem zu erzielenden Resultate noch viel ankommt. Dass zwischen jener Ursache und dem psychischen Effect nach Quantität und Qualität kein directes Verhältniss besteht, zeigt sich sogar da, wo die körperliche Schädlichkeit ganz unzweifelhaft und handgreiflich ist, z. B. am Typhus, am Rausch. Man nehme zu einer gewissen Zeit Blut von Zweien, die Wein oder Branntwein getrunken haben, und untersuche es. Man wird Alcohol darin rinden, bei A viel, bei B wenig, aber B hat einen Rausch und bei A findet sich keine Spur eines veränderten Benehmens; oder A hat zwar auch einen Rausch, kann aber durch eine Schreckensbotschaft augenblicklich ernüchtert werden, B nicht. Aehnlich verhält es sich mit dem Genüsse des Opiums. Es ist ferner zwar gewiss, dass auf die psychischen Symptome im Typhus die Temperatur den grössten Einfluss hat; aber nicht unbedingt; bei hoher Temperatur kann das Delirium fehlen und bei wenig erhöhter da sein; die Höhe der Temperatur ist auch nicht correspondirend und parallel mit der Intensität, mit der Qualität und dem Inhalt des Deliriums, und es wird sich daher wohl kaum Jemand vermessen, aus der Temperatur allein zu bestimmen, ob ein Typhuskranker zu einer letzten Willenserklärung fähig sei oder nicht. In wie viel höherem Grade muss nun diese Incongruenz der auf das Gehirn wirkenden Schädlichkeiten mit den psychischen Leistungen stattfinden bei den psychischen Krankheiten, wo sowohl die so häufige Unbeständigkeit oder Geringfügigkeit der körperlichen Symptome, als die Wandel- barkeit der psychischen, das plötzliche Auftreten nach psychischen Ursachen, das zuweilen rasche Verschwinden oder das Alterniren der Formen beweisen, dass die psychischen Vorgänge in den Nerven jedenfalls höchst feine sein müssen. Da nun also auch bei noch so grosser Erweiterung unserer Kenntnisse von den materiellen Veränderungen, welche zu den für die Psychiatrie \\ Geisteskrankheiten in Beziehung stehen, immer ein Rest bleiben wird, der von dieser Seite her nicht erkannt werden kann, und da zweitens tiberdiess diese Kenntnisse jedenfalls dermalen noch unvoll- ständig sind — so ist es um so nothwendiger, auch die übrigen uns zu Gebote stehenden Quellen der Erforschung recht auszunützen. Diese muss von zwei Seiten her geschehen, weil eben das Gehirn- leben nach zwei Seiten hin gekehrt ist, ein Janusgesicht hat. Von jeder Seite her muss so weit als möglich fortgeschritten werden, aber in der Richtung nach der anderen Seite zu, und die Resultate der einen Seite müssen immer denen der anderen zur Probe dienen. So werden wir, wenn wir mit den Hülfsmitteln der vergleichenden und der pathologischen Anatomie, der Nervenphysiologie und der Nervenpathologie bis zu gewissen Puncten vorgedrungen sind und gewisse Wahrscheinlichkeiten gefunden zu haben glauben, immer auch nach der anderen Seite sehen und uns überzeugen müssen, wie das Gefundene sich mit den Thatsachen, die von psychologischer Seite ihr Licht auf das Nervenleben werfen, sich verträgt. Wir werdeu uns fragen müssen, welcher Art die Nervenstörung sein muss, um die psychischen Symptome gerade in dieser Beschaffenheit, dieser Aufeinanderfolge und diesem Verlaufe hervorzurufen. Dazu ist aber eine genaue Kenntniss des gesammten That- bestandes und somit auch des psychologischen unerlässlich. Es fragt sich nur, ob zur Erhebung desselben gerade Psychologie als Wissenschaft und Studium derselben erforderlich sei. Kann man denn nicht, so lässt sich sagen, in die verschiedenen hier zur Be- obachtung kommenden Zustände, als da sind : Temperamentsfehler, Leidenschaften, Affecte, Schrullen und Phantasiespiele eine gute Einsicht haben, ohne jemals über Psychologie ein Collegium gehört oder ein Buch gelesen zu haben, durch blosse Lebenserfahrung? Allerdings, so ferne man diese Zustände für sich betrachtet, ohne ihre Beziehung auf psychische Krankheiten; um diese zu verstehen, ist aber ein ganz anderes Eingehen erforderlich. Was man ge- wöhnlich Menschenkenntniss zu nennen pflegt, ist eine bei guter Beobachtungsgabe durch häufigen Umgang mit Menschen gewonnene Erfahrung über deren Tauglichkeit für diese oder jene Zwecke, über die Eindrücke, welche gewisse Lagen auf ihr Gemüth zu machen pflegen, ihre Lieblingsneigungen und Schwächen, und nament- lich über die vorzüglichsten Triebfedern ihrer Handlungen. Eine 12 Der Werth der Psychologie solche Menschenkenntniss ist ohne Zweifel, wie für das sociale Leben überhaupt, so auch für die Psychiatrie ein unumgängliches Erforder- niss; denn die Mehrzahl der Irren ist ja nicht blos und nicht durch und durch geisteskrank, sondern bietet immer noch viele gesunde Seiten, bezüglich welcher sie dieselbe Behandlung verlangen wie Gesunde, und wobei besonders ihre Fähigkeiten, ihre Bildungsstufe und ihre Gemüthsart in Betracht kommen. Die Psychiatrie braucht aber mehr. Man kann vieler Menschen Städte gesehen und Sitte gelernt haben, kann mit den verschiedensten Ständen in den man- nichfaltigsten Lagen in Berührung gewesen sein, sich eines scharfen Blickes in die Falten des menschlichen Herzens mit Recht rühmen, kann als Diplomat die Menschen trefflich benützen, als Dichter sie meisterhaft schildern gelernt haben — in Bezug auf die Seelen- zustände der Irren lässt doch all diese Erfahrung im Stich, man befindet sich hier plötzlich in tiefster Finsterniss oder geräth, was schlimmer ist, auf gefährliche Abwege. Die Geschichte der Irren- heilkunde beweist diesen Satz zur Genüge. Im Mittelalter und bis in's 17. und 18. Jahrhundert herein bekümmerte sich die Medicin wenig um die Seele; die Lehre von ihr war der Theologie und Philosophie zugewiesen. Da aber der Natur der Sache nach die psychischen Krankeiten den Bemühungen dieser Wissenschaften nicht zugänglich waren und dieselben mit diesen Erscheinungen (wenn solche nicht gar für dämonische Wirkungen angesehen wur- den) practisch nichts anfangen konnten, so war die Psychiatrie von allen Seiten verlassen und es blieb der Routine und dem ge- sunden Menschenverstand überlassen, mit ihnen fertig zu werden so gut sie konnten. Das Resultat war traurig genug. Wenn das Aufheitern und Zerstreuen der Melancholischen, das Belehren der Wahnsinnigen, das Bändigen der Tollen durch Schmerzen, Hunger und Schläge, wie so oft, nicht zum Ziele führte, so legte man die Hände in den Schooss, überliess die Kranken sich selbst oder suchte sich ihrer durch Einsperrung schlechthin, so gut es ging, zu ent- ledigen. Daher die uns jetzt so unbegreiflich lange Dauer des traurigen Schicksals, zu welchem früher die Geisteskranken verur- theilt waren. Selbst das Humanitätszeitalter würde hierin durch seine Philanthropie allein, so grosse Verdienste es auch in dieser Beziehung hat, doch wenig geleistet haben, wenn nicht gleichzeitig ein anderer Geist auch in die Wissenschaft eingedrungen und die für die Psychiatrie. 13 Psychologie der Geisteskranken zu einem philosophisch - medicini- schen Studium geworden wäre. Aber sofort war eine andere Klippe zu vermeiden: die Nei- gung, den Schwerpunkt lediglich in die psychologische Seite der Forschung zu verlegen, eine Neigung, welche ihren Grund haupt- sächlich in der im vorigen Jahrhundert sich so sehr geltend ma- chenden Vorliebe für das Philosophiren überhaupt hatte. Man stellte Definitionen auf, leitete daraus Erscheinungen, Arten und Unterarten ab, classificirte diese, meistens nach Seelenvermögen, und gelangte so zu complicirten Divisionen und Subdivisionen. Ueber der Freude an dem Spiel mit logischen Formen übersah man, dass diesen Constructionen meistens die Natur nicht entsprach, und statt die Beobachtung und Analyse der Erfahrung zum Ausgangspunkt zu nehmen, begnügte man sich seine Deductionen mit einzelnen auffallenden Beispielen aus dieser zu illustriren. Wenn nun dabei das somatische Element, obwohl die Kenntnisse von demselben noch schwache waren, doch noch anerkannt wurde 2), so wurde dasselbe von einer späteren Theorie ganz und gar aus der Pathogenie der Seelenkrankheiten gestrichen. Unbefriedigt von jenen Abstractionen sowohl als von den Versuchen jeder von aussen nach innen gehen- den Erklärung und von dem Drange erfüllt, sich den gesammten Process der Seelenstörung aus einem einheitlichen Mittelpunct her- aus verständlich zu machen, suchte Heinroth 3) der Frage auf den Grund zu gehen, in ihren Kern einzudringen. Er glaubte da- her die nächste Ursache aller psychischen Erkrankung in das Sub- ject derselben, in die Seele selbst, verlegen zu müssen; da diese jedoch den Gesetzen der Naturnothwendigkeit nicht unterworfen sein durfte, so kam es, dass Heinroth das Wesen aller Seelenstö- rung in freiwillig eingegangene Unfreiheit setzte. Die offenbare Einseitigkeit dieser Theorie, durch welche namentlich die Gränze zwischen Sünde und Krankheit völlig verwischt wurde, trug trotz des Geistes und der Energie, mit welcher sie vertheidigt wurde, den Keim des baldigen Verfalles in sich selbst. Und eben so konnte die Ansicht des verdienstvollen Ideler4), welcher das We- sen der Seelenkrankheiten, der von ihm so genannten idiopathischen wenigstens, in höchst gesteigerte Leidenschaft setzte, obgleich sie Heinroth's Schroffheit vermied und mehr auf die Breite und Fülle der Erscheinung einging, sich vor der Erfahrung nicht halten. 14 Der Werth der Psychologie Jetzt sind beide moralisirende Schulen bei den Aerzten ganz um ihr Ansehen gekommen, und in ihrer Ausschliesslichkeit mit Recht; aber ihr negativer Effect dauert noch heut zu Tage fort in dem Misscredit, in welchen durch sie die psychologische Erforschung der psychischen Krankheiten gekommen ist. Unter diesem Misscredit hatten selbst solche Bestrebungen zu leiden, welche, die Einseitig- keiten beider Parteien vermeidend, bald mehr äusserlich zu ver- mitteln 5) bald ihre Pathologie auf der Idee der anthropologischen Einheit, jedoch mit organischer Gliederung, aufzubauen suchten 6). Die Verirrungen der sog. rationalen Psychologie wurden jedem Versuche, überhaupt psychologische Erklärungsweisen mit hereinzu- ziehen , als warnendes Schreckbild vorgehalten, und endlich Psy- chologie überhaupt schlechthin für „Metaphysik" und psychologische Beurtheiluugen von krankhaften Seelenzuständen für „luftige Spe- culationen" erklärt 7). Mit diesen äussersten Consequenzen wäre nun aber die Sache wiederum verfahren und der Psychiatrie der Boden und die Hälfte ihrer Hülfsmittel entzogen worden, wenn nicht die praktische Ir- renheilkunde in sicherem Instinct stets wieder auf den richtigen Weg gewiesen hätte. In der That ist Psychologie, eingestanden oder nicht, stets einer der Leitsterne im irrenärztlichen Erkennen und Handeln gewesen. Freilich darf sie, wenn sie von Nutzen sein soll, keine blos deductive, rationalistische, auch keine oberflächliche, aus den Erfahrungen des gemeinen Lebens abstrahirte, sondern sie muss eine empirisch-wissenschaftliche sein, was von selbst voraus- setzt, dass sie auch in den Gränzgebieten wohl bewandert sei. Um die Symptome gehörig zu erheben und aufzufassen und das psy- chische Gesammtbild richtig aufzunehmen, dazu gehört eben auch eine Schulung und ein Studium. Denn die Aeusserungen des Kran- ken, aus welchen wir auf seinen Seelenzustand schliessen, sie mö- gen in Worten, Mienen oder Handlungen bestehen, sind nichts Ein- faches, wie etwa eine Neuralgie oder ein Muskelkrampf, sondern das Endergebniss einer complicirten Reihe von Vorgängen, von welchen ein Theil normal von Statten gehen kann, indem das ab- norme Endproduct nur durch das falsche Eingreifen der abnorm gewordenen Glieder entsteht. Es wird daher immer eine Analyse darüber erfordert, was von diesem Gemisch dem Gesunden und was dem Kranken angehört, und die ganze Reihe muss sorgsam in ihre für die Psychiatrie. 15 Glieder aufgelöst werden, um auf den schadhaften Punct zu kom- men. Es muss ferner wohl auf den bisherigen Verlauf geachtet werden, um zu erfahren, welche psychisch krankhafte Erscheinun- gen die ersten und ursprünglichen waren, und welche erst später hinzugekommen sind. Will man alle und jede auffallende psychische Erscheinungen bei Geisteskranken unmittelbar auf organische Vor- gänge zurückführen, die psychischen Symptome alle über Bausch und Bogen mit physischen Störungen in Beziehung setzen, so er- schwert man sich die Sache ganz unnöthiger Weise und täuscht sich noch dazu oft gründlich dem hausbackenen Verstand eines Laien gegenüber. Ein Theil der psychischen Symptome kann und muss psychologisch erklärt und gedeutet werden; es müssen erst die verschlungenen Fäden des psycho-pathischen Gewebes, wenn man so sagen darf, aufgelöst und klar gelegt werden, ehe man un- tersuchen kann, mit welchen dieser Fäden es mit der organisch krankhaften Grundlage verflochten ist. So kann z. B. die Zer- streutheit eines Geisteskranken durch sehr verschiedene Zustände bedingt sein und es kann durch diesen verschiedenen Ursprung die Classification und die Prognose der betreffenden Psychose bestimmt werden; um aber auf die Beschaffenheit des abnormen Gehirnzu- standes schliessen zu können, muss erst psychologisch ermittelt sein, in welchen psychischen Vorgängen die Zerstreutheit begründet ist, ob in einer überraschen Production sich drängender und jagender Vorstellungen, oder in einem überwichtigen Interesse, welches den Anforderungen der Aussenwelt die nöthige Aufmerksamkeit zu schenken verhindert, oder in einer Schwäche, welche nicht er- laubt, eine bestimmte Gedankenreihe zu verfolgen, sondern dieselbe fortwährend durch zufällige äussere Eindrücke unterbrechen lässt. Irrige Gedanken können bei einem Irren ganz unabhängig von sei- ner Geisteskrankheit sein und ihre Erklärung in zufälligen Bege- benheiten oder in seiner Bildungsstufe finden; was aber die krank- haften Wahnideen betrifft, so muss man, ehe man deren Genese im Gehirn sucht, sich jedenfalls vorher darüber klar geworden sein, in welchem Zusammenhang dieselben mit den Leidenschaften, Ge- fühlen und Affecten der betreffenden Person stehen. Und um von diesen selbst noch Einiges anzuführen, so kann der Hochmuth, durch welchen sich ein Irrer bemerklich macht, schon in seinem Charakter begründet sein; ist er aber durch die Krankheit ent- 16 Der Werth der Psychologie standen, so kann er seinen Grund in einer Ueberspannung des Selbstgefühles haben, woraus Geringschätzung Anderer folgt; es kann aber auch durch das herrschende Gefühl des Unmuthes und der Bitterkeit Menschenhass, Menschenverachtung, Zurückziehen in sich selbst und daraus erst in zweiter Linie Selbstüberhebung ent- stehen, auf ähnlichem Wege, auf welchem, wie schon Spinoza hervorgehoben hat, auch der Schüchterne hochmüthig werden kann. Für die Beurtheilung und Behandlung des Kranken ist es unerläss- lich zu wissen, ob sein Egoismus ein ihm natürlicher oder ein krank- hafter, seine Trägheit Characterfehler oder Krankheitserzeügniss, sein Schimpfen eine besondere Form seines Sprech- oder Schrei- dranges oder Ausfluss der bewussten Absicht zu kränken ist. Diese Beispiele mögen genügen, um darzuthun, wie die psy- chischen Erscheinungen beim Irresein durchaus nichts so Einfaches sind, dass sie so unmittelbar, wie sie sich aufdrängen, jede auf gestörte Organfunctionen zurückgeführt werden können, und wie, bevor man zu diesem Geschäfte schreiten kann, durchaus erst psy- chologische Arbeit gethan werden muss. Hiezu gehört freilich, dass man ein relativ selbstständiges Seelenleben anerkennt, und die Exi- stenz von psychischen Vorgängen zugesteht, welche nicht unmittel- bar durch Nervenzustände bedingt und provocirt sind. Die Psy- chiatrie wird und muss dieses Bedürfniss für die Zwecke der Praxis und der Theorie stets empfinden, und braucht sich hierin nicht durch gegentheilige Behauptungen von Disciplinen her beirren zu lassen, welche in diesem Punct vielleicht ebenso viel von ihr zu lernen haben als sie von ihnen. Aber die Anknüpfung an die abnormen Functionen des Gehirnes und Nervensystems wird natürlich immer das Endziel von Allem sein müssen. Bei der gründlichsten psychologischen Zergliederung, bei dem lebendigsten Hineindenken in das Seelenleben des Irren wird doch immer ein Rest bleiben, der nicht psychologisch zu erklären ist, man wird ein fremdartiges Etwas finden, das in den psychi- schen Lebensvorgängen sein Spiel treibt und nicht aus rein geisti- gen Prämissen abzuleiten ist. Diesen basischen psychischen Grund- vorgang zu finden, zu welchem sich das gesammte übrige Heer der psychischen Erscheinungen als Folgewirkung oder als Reaction ver- hält, ist der Endzweck der psychologischen Erforschung der Gei- steskrankheiten. Wir können denselben, da in ihm gewissermassen für die Psychiatrie. 17 das ganze psychische Krankheitsgewächs seine Wurzeln hat, oder (um einen Vergleich aus der Chemie herzunehmen) da er die Grund- lage, den ersten psychischen abnormen Elementarvorgang darstellt, von welchen alle übrigen psychisch krankhaften Vorgänge sich als Verbindungen betrachten lassen, das psychische Radical nen- nen. In seiner Erkenntniss wird uns auch das Wesen aller psychi- schen Krankheit im Allgemeinen sowohl, als in seinen besonderen Gestaltungen aufgeschlossen und in ihm auf seinen einfachsten Aus- druck gebracht. Aber mit dem Wesen ist noch nicht die nächste Ursache ge- geben. Man kann die Aeusserungen des kranken Seelenlebens auf das feinste zergliedert haben und ein lebendiges Gemälde von dem- selben zu entwerfen im Stande sein, ohne dass noch im Mindesten etwas von der Kraft sichtbar würde, welche alle diese Erscheinun- gen sprudelnd auf die Oberfläche treibt. Eine Diagnose, welche sich darauf beschränkt, je nach dem Zustand und der Wechselwir- kung der Vorstellungs - Gefühls- und Willensthätigkeit das Vorhan- densein einer Manie, Melancholie, Verrücktheit u. s. w. nachzuwei- sen, ist zwar auch nicht ohne Nutzen, namentlich in Hinsicht auf das, wessen man sich von dem Kranken zu versehen haben kann und auf die gerichtliche Psychologie. Aber die Medicin darf sich damit eben so wenig begnügen, als sie sich in der somatischen Pa- thologie auf die Diagnose von Halsweh, Leibschmerz, Gliederweh mit den Unterarten von Reissen, Stechen, Schneiden, Bohren u. s. w. beschränken darf, um daran sofort ihre Indicationen zu knüpfen. Eine wirkliche Diagnostik psychischer Krankheiten darf sich nicht mit der Breite der psychischen Aeusserungen begnügen, sondern sie muss auch in die Tiefe steigen, um den Erscheinungen auf den Grund zu sehen. Jenes psychische Radical, in welchem wir das Wesen der Geisteskrankheit ausgedrückt fanden, ist nämlich selbst nur Reflex, Spiegelbild, Wirkung der proxima causa, der Nerven- störung. Die Natur und Beschaffenheit dieser kennen zu lernen ist die Aufgabe. Wir sahen, dass dieses Ziel nicht auf einseitigem Wege, blos durch physikalische Mittel und Sinneswahrnehmung, erreicht werden kann. Mit aller sinnlichen Beobachtung, Mikroskopie, Chemie, Physik werden wir immer nur bis zu einem gewissen Punct vordringen können, über welchen hinaus der eigentliche Vorgang Hagen, Studien. 2 lg Der Werth der Psychologie in der Gehirn- und Nervenfaser bei ihrer Lebensthätigkeit für alle Ewigkeit ein innerlicher, dem Sinn entrückter, bleiben wird. Hier wird das strenge Denken, der scharfe Schluss, verbunden mit einer gewissen natürlichen Intuition, immer die Hauptarbeit thun müs- sen; denn zu Vorgängen, die sich dem Auge und dem Ohr entzie- hen haben wir keinen anderen Zugang. Von metaphysischer Specu- lation ist hiebei nicht die Rede, auch sollen die physischen Hülfs- mittel keineswegs vernachlässigt werden; aber ohne sich den be- treffenden Zuständen innerlich hinzugeben, sich in sie hineinzu- denken und hineinzufühlen und ohne Reflexion darüber wird der betreffende krankhafte Nervenprocess ebenso wenig unserem Ver- ständniss näher gerückt werden. Gerade die psychischen Processe sind, weil sie in manchen Beziehungen durchsichtiger und verständ- licher sind als die physischen, geeignet, so manches Licht auf Ver- hältnisse zu werfen, welche von der anderen Seite her ewig im Dunkel blieben. Die psychologische Betrachtung, ja der psycho- logische Versuch ist oft genug, wo nicht das einzige, doch das hauptsächlichste Reagens auf den Zustand der Centralorgane, die feinsten Veränderungen in dem Verhalten und den Strömungen des Nervenagens geben sich im Psychischen kund, und kann so dieses für jenes zum Barometer und Thermometer werden. Freilich geht uns hier die Möglichkeit exaeter Messung ab; aber auch ohne sie bleibt der Werth dieser Methode noch gross genug. Indem ich so als den Kern alles geistigen Erkrankens ein psychisches und ein physisches Radical annehme, von welchem jenes durch dieses gesetzt und bedingt wird, während das weitere psy- chische Geschehen und die Ausgestaltung des geistigen Krankheits- bildes auf selbstthätiger Mit- und Gegenwirkung der Seele beruht, brauche ich kaum noch besonders hervorzuheben, dass hienach als propädeutische Wissenschaften der Psychiatrie weder die Psychologie noch Physiologie im gewöhnlichen Sinn und Umfang ausreichen. Für das theoretische psychiatrische Verständniss ist vielmehr als Grundlage eine Disciplin nothwendig, welche man zwar nach Um- ständen bald zu der einen bald zu der anderen rechnen kann, welche aber in Hinsicht auf Umfang und Bedeutung recht wohl auch als selbstständige Wissenschaft gelten kann: die Psycho - Physiologie, medicinische Psychologie oder die Lehre von der Wechselbeziehung des Seelen- und Leibeslebens. Auf dem geheimnissvollen Boden, für die Psychiatrie. 19 wo leibliche Affectionen zu Empfindungen, Vorstellungen und Gefühlen werden, und wo die Gedanken, Gemüthsbewegungen und Triebe sich in körperliche Veränderungen übertragen, geht auch die Entwicklung der psychischen Störungen vor sich, und von hier aus als von ihrem Heerd müssen diese erforscht werden. Was sich von da aus weiter in den höheren psychischen Sphären, im Urtheil, in der Ge- sinnung , im Willen Abnormes gestaltet, kann dann auf jene Prä- missen hin allerdings eben so rein psychologisch erörtert werden, als nach der anderen Seite hin die begleitenden Störungen im or- ganischen Leben eine rein- physiologisch-pathologische Erklärung nicht allein gestatten, sondern auch erfordern 8). Die Physio-Psy- chologie setzt ferner, da sie als eine Brücke zwischen zwei Dis- ciplinen angesehen werden kann, zwar selbstverständlich Kenntnisse aus beiden voraus und vermag nicht ohne sie zu bestehen, ist aber, schon nach dem Principe, dass Theilung der Arbeit ein grosses Förderungsmittel der Forschung ist, auch als eine selbstständige Disciplin anzuerkennen. Diess um so mehr, als sie zugleich die Aufgabe hat, Erfahrungen und Thatsachen aufzubewahren und für den praktischen Gebrauch darzubieten, welche noch keine genügende Erklärung gefunden haben, und, wenn sie von der momentanen Zeitrichtung etwas seitwärts liegen, von der Physiologie oder von der Psychologie ausser Acht gelassen werden. Sie muss in solchen Fällen ihre Unabhängigkeit namentlich auch desshalb bewahren, weil der Weg jeder Wissenschaft, und so auch ihrer Hülfswissen- schaften, zur Wahrheit ja so vielfach durch den Irrthum hindurch- geht. Da es nun oft geschieht, dass neue und alte Meinungen nur durch einen gewissen Terrorismus eine Zeit lang die Herrschaft behaupten, während sie in der That irrig sind, so darf die Anthro- pologie, von der ja unsere Wissenschaft ein Theil ist, sich durch den Schein des Widerspruchs, den ihr bereits gewonnenes Besitz- thum mit solchen herrschenden Tagesmeinungen darbietet, nicht verleiten lassen, dasselbe aufzugeben. Sie wird dann aber auch ihrerseits, da man sich nur auf das stützen kann, was widersteht, nicht blos für die Psychologie, sondern auch für die Physiologie selbst eine wirkliche Hülfswissenschaft werden; daher viele der umsichtigsten Forscher auf dem Gebiete der Physiologie, wie Dar- win der ältere, Reil, Johannes Müller, in neuerer Zeit Wundt, sich auch eindringlich mit Psychologie beschäftigt haben. 2* 20 Der Werth der Psychologie Eine solche Psycho - Physiologie nun ist der Eckstein und die Grundlage, auf welche die ganze Psychiatrie sich gründen muss, und alle Kenntniss, die der Irrenarzt als solcher sich zu erwerben hat, muss er auf diesen Mittelpunct beziehen, um ihn gruppiren. Er wird von ihm aus die ganze zwingende Macht kennen lernen, welche vom dunkeln Naturgrund aus sich auf das Seelenleben er- streckt und vermöge deren wir überhaupt allerdings in gewissem Sinne nicht anders sein können als wir sind; aber er wird auch einsehen, dass das Seelenleben nicht so unbedingt von dem physi- schen Leben abhängig ist, um bei Erkrankungen ganz und gar und in jeder Beziehung von diesem bestimmt zu werden. Denn die psychische Thätigkeit in ihrem Verhältniss zum Gehirn ist nicht etwa einfach so zu denken, dass dieses eine Saite wäre, welche be- beliebig gestimmt und angeschlagen dann immer die psychische Aeusserung als die Schwingung ihrer selbst unmittelbar von sich gäbe, sondern, um bei dem Gleichniss zu bleiben, es handelt sich hier um zwei Saiten, von welchen die eine das Gehirn und das Nervensystem, die andere die Seele vorstellt. Wenn nun die erste angeschlagen wird, so klingt die letztere mit; wie sie aber mit- klingt, das hängt zwar zum Theil, aber keineswegs ganz von der Beschaffenheit der ersten Saite und ihres Anschlages ab, sondern zum grossen Theil von der Stärke und der Stimmung der anderen. Daher kann bei Gleichheit der physischen Nervenstörung doch die Art, wie das mitleidende Seelenleben sich gestaltet, immer noch verschieden sein. Eine gewisse Nervenverstimmung mit ihrer Ein- wirkung auf die Seele ist gegeben; was aber die Seele nun in der Weiterbildung daraus macht, das hängt zum grossen Theil ab von ihrer natürlichen Begabung, ihrem Temperament, der Stärke und Richtung ihrer Phantasie, dem Inhalt ihres Gedächtnisses, ihren Gewohnheiten und Neigungen, ihrer Gesinnung und Gemüthsart, ihrem Charakter; ja theilweise kommt selbst noch Willkühr und Absicht ins Spiel, so dass aus dem Zusammenwirken so verschiede- ner Elemente nothwendig eine unendliche Mannichfaltigkeit der einzelnen Fälle hervorgehen muss. Die Lebhaftigkeit, mit welcher die Seele hierbei reagirt, und wobei oft auch ihre höheren Thätig- keiten zur Befestigung des Wahnes verwendet werden, drängt sich oft in so auffallenden Erzeugnissen hervor, dass man dadurch sogar zuweilen verleitet werden kann, in diesen secundären psychischen für die Psychiatrie. 21 Abirrungen, in dem zufälligen Inhalt des Wahnes, die Hauptsache zu sehen. Religiöse Grübeleien und Einbildungen erscheinen dann leicht fälschlich als der Excess einer theosophischen Richtung oder Schmähsucht und Zerstörungslust als der Durchbruch eines ursprüng- lich schadenfrohen Characters, wobei es im Endergebniss ziemlich gleich ist, ob man den Zustand moralistisch als sündhaft, oder materialistisch schlechtweg als Hirnorgan - Läsion erklärt; das Eine ist in seiner Abstraction so oberflächlich und falsch als das Andere. Will man nicht Gefahr laufen, auf-diese Weise unwesentlichen Er- scheinungen, die sich in den Vordergrund drängen, nachzugehen, so muss man sorgfältig Alles abscheiden, was in Folge der physi- schen und psychischen Organisation durch eine Kette von Gliedern hindurch erst eine secundäre und tertiäre Wirkung ist, man muss auf den Kern der Sache eingehen, und dieser besteht in einer Störung des sinnlichen Seelenlebens, des Seelenlebens jener Sphäre, welche zunächst mit dem physischen Nervenleben zusammenhängt. Erst wenn wir uns in diesen Mittelpunkt gestellt haben, erhält unser Erfahrungswissen über die Ursachen und Erscheinungen der psychischen Krankheiten seine rechte Stellung und Bedeutung. In der Lehre vom Temperament, in der psychischen Symbolik des organischen Baues, in den Thatsachen, welche uns den Uebergang von Geistes- und Gemüthseigenthümlichkeiten von den Erzeugern auf die Nachkommen beweisen, und in dem, was wir von der Wir- kung der Leidenschaften und Gemüthsbewegungen auf den Organis- mus und von dem Einfluss, den dieser auf jene ausübt, wissen, liegen die wesentlichsten Elemente für die Kenntniss der Ursachen der psychischen Krankheiten. Die Vorgänge bei der Bildung der Wahrnehmungen und Vorstellungen, die Gesetze der Association der Vorstellungen, ihres Auftauchens und Verschwindens und die innere Verwandtschaft der Phantasie mit der organischen Plastik werden uns den Wahnsinn und die Geistesschwäche erklären helfen, und das Studium des Schlafes und Traumes uns werthvolle Ana- logieen für das Verständniss des Deliriums und des krankhaften Irrthums überhaupt geben. Die Entstehung und Verkettung der Gefühle, Strebungen und Triebe, die Förderung und Hemmung, ja der Zwang, welchen sie durch körperliche Zustände erfahren, der Antagonismus und die Sympathie, in welchen überhaupt körperliche und psychische Vorgänge zu einander stehen, die Frage, in wie 22 Der Werth der Psychologie weit das Gesetz der Erhaltung und Metamorphose der Kraft auch von der Wechselwirkung zwischen Seele und Leib gilt, alles das muss bei der Beurtheilung der psychischen Krankheiten möglichst genau erkannt und wohl erwogen sein. Die Erfüllung dieser For- derungen im Einzelnen ist Gegenstand der Wissenschaft selbst, und von diesem Standpunct aus soll es meine Aufgabe sein sie zu lehren, wie es schon längst mein Bestreben war, sie von ihm aus zu er- forschen. Ich kann aber diesen Vortrag über die Beziehungen der Psy- chologie zur Psychiatrie nicht schliessen, ohne noch einen Blick auf das umgekehrte Verhältniss zu werfen, nämlich auf den Gewinn, den die Psychologie von der Psychiatrie zieht. Sie wissen, meine Herren, dass die Physiologie nicht den kleinsten Theil ihres Stoffes und ihrer Aufgaben aus der Pathologie bezieht, ja dass vielleicht diese von jeher die vornehmste Triebfeder für die Forschungen in jener war. Was aber vom Ganzen gilt, gilt auch von den Theilen und so haben auch wohl die bald Furcht bald Mitleid bald Ver- wunderung erregenden Eindrücke, die man durch das Gebahren der Delirirenden, Nachtwandler und Geisteskranken erhielt, vielfachen Anstoss zu den Untersuchungen über Seelen- und Leibesleben in ihrem gegenseitigen Zusammenhang gegeben. Eben durch dieses Ueberraschende der Erscheinungen drängen uns die Seelenstörungen ganz vorzüglich zum Nachdenken und Forschen. Zwar ist dem menschlichen Geiste die Wissbegierde und das Streben, die Gründe der Erscheinungen zu erkennen, schon von Natur eingeboren, aber die Gewohnheit des täglichen Lebenslaufes stumpft uns oft gerade gegen das Wichtigste und Räthselhafteste in einer Weise ab, dass es uns vorkommt, als ob sich das von selbst so verstünde, und der Wunder grösstes ist ja, wie schon Lessing sagte, diess, dass uns das tägliche Wunderbare nicht mehr wunderbar erscheint. Da liefern nun die Seelenstörungen ein wohlthätiges Ferment, indem sie uns täglich neue Probleme aufgeben und das durch Bequemlich- keit oder Systemsucht so leicht in Stocken gerathende Getriebe unserer Ideen immer von Neuem in Bewegung setzen. Eine Wissen- schaft wie die Psychiatrie ist ganz dazu angethan uns keine er- träumte Sicherheit zu erlauben; denn sind wir nur einigermaassen aufrichtig, so müssen wir in ihr täglich unseres Nichtwissens gewahr werden und bekennen, dass es im Seelenleben noch Vorgänge und für die Psychiatrie. 23 Gesetze gibt, welche nicht in unsere Begriffe von Reiz, Reflex, Vor- stellungsmechanismus, Spannung u. dergl. gehen, von denen wir aber noch keine Ahnung haben. Doch die Psychiatrie gibt uns nicht blos schwerere Aufgaben, sie hilft sie auch lösen. Von den izwei Hauptquellen der Psycho- logie nämlich, der Selbstbeobachtung und der Beobachtung Anderer, wird die letztere oft getrübt, ja zum Theil gesperrt durch die Selbstbeherrschung der Menschen, in Folge deren ihre Mimik und Sprache das Gegentheil von dem ausdrückt, was ihr Inneres bewegt. In der Geisteskrankheit dagegen fällt in der Regel mit der Beson- nenheit die Verstellung weg, die Decke, welche sonst das geheime Räderwerk der menschlichen Gedanken verhüllt, ist weggezogen, und es ist uns ein Einblick in das Spiel derselben gestattet. Wie lehrreich dadurch die Geisteskrankheiten für die Psychologie wer- den können, liegt am Tage. Doch muss ich auch gleich hinzusetzen, dass damit auch eine gefährliche Quelle des Irrthums eröffnet ist. Wie nämlich von einem analogen Zustande, dem Rausch, schon längst das: in vino veritas, als Wahrheit erprobt wurde, so machen wir auch in der psychischen Krankheit oft die Erfahrung, dass in derselben nur ausgesprochen wird, was schon längst im Innern genährt und gepflegt wurde. Aber so wahr diess in vielen Fällen ist, so falsch und gefährlich kann die Verallgemeinerung einer solchen Erfahrung werden. Denn die Krankheit spricht keineswegs blos aus, wie der Wein, sondern sie erfindet auch, und zwar mit solcher Lebhaftigkeit, dass der Kranke ihre Erfindungen selbst nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden kann. Wie irrig unser Urtheil ausfallen würde, wenn wir darauf hin einen Schluss auf den sittlichen Gehalt des Patienten machen wollten, wird Ihnen schon aus dem einzigen Beispiel klar werden, dass Melancholiker sich häufig dieser oder jener, ja aller Todsünden anklagen und zwar nicht etwa nur im Allgemeinen, sondern dass sie uns Handlungen erzählen, von welchen wir selbst zur Evidenz beweisen können, dass dieselben niemals stattgefunden haben. Müssen uns aber solche Erfahrungen in Hinsicht auf die Verwer- thung der Psychiatrie für die Psychologie etwas vorsichtig machen, so sind sie doch eben auch zugleich ein doppelter Reiz für die Forschung und lehren uns das Seelenleben von neuen Seiten kennen. Wir erfahren, was aus unserem ganzen geistigen Besitzthum werden 24 Der Werth der Psychologie kann, wenn die gewöhnlichen Bedingungen unserer psychischen Be- wegung sich in ungewöhnliche und ungünstige verwandelt haben, und lernen uns hüten, aus der Aehnlichkeit oder Gleichheit psychi- scher Producte auf die Gleichheit der Factoren zu schliessen, aus welchen sie entstanden sind. Wir lernen besser begreifen, was Irrthum ist und unparteiischer die Momente in Anschlag bringen, durch welche der Character gebildet wird. Dass in dieser Richtung die Psychiatrie auch der Philosophie überhaupt und der Theologie manche Ausbeute gewähren könne, liegt zu sehr in der Natur der Sache, als dass ich dabei zu ver- weilen brauchte, und allgemein anerkannt ist ohnediess schon der theoretische und practische Werth der ärztlichen Seelenkunde für die Jurisprudenz, so dass sich ja bereits mehr und mehr eine eigene Disciplin, die gerichtliche Psychologie, von der gerichtlichen Medicin abzweigt und für sich gestaltet. So gibt es denn, meine Herren, keine Facultät, zu der die Psychiatrie nicht nach irgend einer Seite hin in innigen Beziehungen stände, sei es dass sie Förderung von derselben empfängt oder ihr entgegenbringt. Und wenn diese gegenseitige Belebung und Durch- dringung der verschiedenen Wissenschaften das wesentlichste Ele- ment unserer deutschen Hochschulen und der erste Beweggrund ist, der, wie wir hoffen wollen, für immer ihre Auflösung in Special- schulen verhindern wird, so darf sich die Psychiatrie wohl auch in dieser Beziehung als ebenbürtiges Glied in der Universitas litterar um betrachten. Möchte es mir gelingen, sie darin würdig zu vertreten! für die Psychiatrie. 25 Anmerkungen und Zusätze. 1) Man lese hierüber die werthvollen »Beobachtungen über den Puls bei Geisteskranken« von Wolff in der allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie Bd. XXIV. XXV. XXVI. Wenn sich die Resultate, welche Wolff gewonnen hat, bestätigen, so hat die Diagnostik der psychischen Krankheit oder vielmehr der ihnen zu Grunde liegenden neuropathischen Zustände einen grossen Fortschritt gemacht. Obgleich ich der Psychologie ihr Recht in der Psychiatrie zu wahren suche, so bin ich doch weit entfernt, ihre Tragweite zu überschätzen und die mannichfachen Lücken zu verkennen, welche sie in der Erkenntniss der bezüglichen nervösen Processe nothgedrungen lassen muss. Nimmt man hinzu, dass die nächste Ursache der psychischen Krankheit noch im Keim vorhanden sein kann, auch ohne dass eine Geisteskrankheit besteht, so muss ein Mittel in hohem Grade willkommen sein, welches eine gewisse Beschaffenheit des Nervensystems, wenigstens einer Ab- theilung desselben, in seinen Wirkungen auf die Gefässbewegung unserem Auge durch sichtbare Zeichnungen und Zahlen zugänglich macht. Frei- lich erhebt sich noch die Frage, ob die Beschaffenheit des Pulses, auch bei dem hier als pathognomisch betrachteten pulsus tardus in der That blos vom Nerveninfluxus herrührt, und ob nicht auch die natürliche und krankhafte Beschaffenheit der Musculatur, der allgemeine Kräfte- zustand, die Quantität der Blutmasse und noch manche andere Zustände Einfluss darauf haben. Auch die Annahme, dass die organische Basis der Seelenstörungen lediglich in Functionsanomalieen des vasomotori- schen Nervensystems bestehe, dürfte wohl kaum auf allgemeine Bei- stimmung rechnen. 2) So von Erhard in seinen Abhandlungen »ein Versuch über die Narrheit und ihre ersten Anfänge« in Michael Wagner's Beiträgen zur philosophischen Anthropologie, I. Band, Wien 1794, S. 100 ff., und »über Melancholie«, ebendas. IL Bd., 1796, S. 1 ff. Er unterscheidet vorbereitende und gelegentliche Ursachen. »Die vorbereitenden scheinen dem Körper eine solche Disposition gegeben zu haben, aus welcher die Krankheit entstehen musste; diese Disposition heisst dann die nächste Ursache; diejenige Beschaffenheit des Körpers endlich, welche den näch- sten Grund der Zufälle enthält, aus welcher die Krankheit besteht, 26 Der Werth der Psychologie heisst die unmittelbare Ursache.« Aber diese unmittelbare Ursache nun will Erhard ganz übergehen, weil er nichts von ihr zu sagen wisse, da alles bisher darüber Vorgebrachte unbefriedigend und hypothetisch sei. Er will sich an die Symptome halten und macht daher seine Evn- theilung der »Verrückungen« nach den Seelenvermögen, je nachdem die Abweichung in den Wahrnehmungen, in den Trieben und den Hand- lungen stattfindet. Aber ehe er sich's versieht, wird aus den Definitio- nen der Ordnungen und Arten, eine pathogenetische, rein psychologische Erklärung, nicht auf dem Wege der Analyse, der Induction, sondern ganz einseitig blos auf dem der Deduction. Definitionen werden gegeben und dann aus ihnen Alles, Kennzeichen, Benehmen u. s. f. abgeleitet. Ein paar magere ganz unvollständige Fälle dienen mehr zur blossen Illustration; man sieht überall das Künstliche, Gemachte und den Mangel der Erfahrung. Naiv, aber ganz das Vertrauen des Zeitalters auf die Macht des philosophischen Construirens ausdrückend, ist besonders eine Stelle, in welcher Erhard bei der Schilderung der Zeichen der Narrheit erklärt, es sei dazu auch nöthig, das Benehmen eines Melancholischen (Melancholie ist bei ihm immer gleichbedeutend mit Wahnsinn), eines Narren und eines Rasenden zu vergleichen, und sodann fortfährt: »Da es zu diesem Vorhaben gleich gilt, ob die Fälle erdichtet oder wirklich sind, welche ich zu dieser Vergleichung wähle, so wähle ich einen sehr bekannten Charakter, den Don Quixote dazu«, und nun weist er nach* wie dieser zuerst melancholisch gewesen und dann ein Narr geworden sei. Da die pathologische Psychologie, die doch nur ein äffender Schein der gesunden ist, hier ganz und gar auf diese gegründet und der orga- nische Zwang, das Erwachsen abnormer Gefühle und Vorstellungen aus der Wurzel der Sinnlichkeit viel zu sehr ausser Acht gelassen wurde, so kann es nicht fehlen, dass die Erklärungen vielfach schief und gemacht erscheinen und der Erfahrung widersprechen. Die Neigung zu vielgliederigen Classificationen auf Grund abstracter Begriffe findet sich übrigens in mehreren medicinischen Systemen des vorigen Jahrhunderts. 3) Heinroth, Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens, 2 Bde. Leipzig 1818. — Dann in noch mehreren anderen Schriften, so in den Beilagen zur üebersetzung von G e o r g e t's Werk de la folie, Leip- zig 1821; in der Anweisung für angehende Irrenärzte, Leipzig 1825 u. A. 4) Ideler vermied die Fehler Heinroths und Hess auch dem somatischen Factor mehr Recht widerfahren, als Viele glauben, die seine Ansichten nur vom Hörensagen kennen (^denn es ist nicht Jeder- manns Sache, seine sehr breit angelegten und weitläufig geschriebenen Bücher durchzulesen). Er thut tiefe Blicke in das normale und abnorme Seelenleben und deckt mit kritischer Schärfe die Schwächen der rein somatischen Theorie auf. Es gehört zu seinen Hauptverdiensten das für die Psychiatrie. 27 Mitwirken der Seele bei ihren krankhaften Zuständen im Wahnsinn gebührend hervorgehoben zu haben. Aber er überschätzte den Antheil dieser Mitwirkung an der Erzeugung der psychischen Krankheit; von der Gewissheit durchdrungen, dass in den gewöhnlichen Körper- krankheiten die volle Ursache der Geisteskrankheit nicht zu finden sein könne, that er im Suchen nach dem entscheidenden Moment, das den Zustand erst zur psychischen Krankheit mache, einen Schritt zu weit vor und setzte die nächste Ursache, statt in das dynamische Wir- ken gewisser Theile des Nervensystems, in die Seele selbst. Theils humane Denkungsart, theils die Consequenzen, zu welchen die Hein- roth'sche Theorie führte, mussten ihn abhalten, das Wesen der psychi- schen Krankheit in der freiwillig eingegangenen Unfreiheit zu sehen; was blieb ihm Anderes übrig, als Dasjenige, was ausserdem noch in der Seele als vorzugsweise abnorm und der Krankheit am nächsten stehend gelten kann, die Leidenschaft? Er betrachtet die psychischen Krankheiten als Producte höchst gesteigerter Leidenschaft; es ist ihm aber nicht gelungen, den Unterschied zwischen dieser und dem Wahn- sinn gehörig zu bestimmen; denn die äussere Besonnenheit (resp. deren Verlust), welche das Kriterium hauptsächlich abgeben soll, geht auch in der höchsten Leidenschaft verloren, die noch kein Wahnsinn ist, wo- gegen viele Wahnsinnige sie noch haben und bei solchen eine so starke Leidenschaft, wie sie erfordert wird, um die Besonnenheit zu rauben, nicht nachzuweisen ist. Die wichtigen Wirkungen somatischer Krank- heitszustände sind ihm nicht entgangen; er erkennt sie auch an in seiner zweiten Hauptclasse von Seelenstörungen, den sympathischen, während die blos durch die Leidenschaften erzeugten die idiopathischen seien. Allein auch die sympathischen sollten nur dadurch und dann entstehen, wenn die betreffenden somatischen Störungen auf eine leiden- schaftlich bewegte oder besonders leicht in Leidenschaft zu versetzende Seele träfen — eine Aufstellung, die ohne Zweifel für manche Fälle zutrifft, aber weit entfernt ist, zum allgemeinen Satz erhoben werden zu dürfen. Eine Folge des Grundirrthums seiner Theorie zeigt sich unter Anderem auch darin, dass Ideler die religiöse Schwärmerei und dergl. als Wahnsinn bezeichnete und mit diesem identificirte. Sein Hauptwerk ist: Grundriss der Seelenheilkunde, Erster Theil. Berlin 1835. 809 S. Zweiter Theil. 1838. 975 S. — Ausserdem legte er seine An- sichten noch in mehreren Büchern dar, so: in seinen »Biographieen Geistes- kranker«, dann in einem Werke: der Wahnsinn in seiner psycholo- gischen und socialen Bedeutung, Bremen 1848; Versuch einer Theorie des religiösen Wahnsinns. Zwei Theile, Halle 1848 und 1850; und mehreren anderen grösseren und kleineren Schriften. — Versuche, den Wahnsinn aus den Leidenschaften abzuleiten, waren übrigens schon früher gemacht worden, so von Zuckert (von den Leidenschaften, 28 Der Werth der Psychologie 3. Aufl. Berlin 1774, §. 55) und dem Engländer Harper (a treatise on the real cause and eure of insanity. Lond. 1789, übers, von Cons- bruch, Marb. 1792). S. Friedreich, Literärgeschichte der Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, Würzb. 1830. S. 500. Versuche, die Seelenkrankheiten psychologisch zu erklären, machten auch zwei Philosophen, Hoff bau er (zugleich Rechtsgelehrter), welcher 1802—1807 Untersuchungen über die Krankheiten der Seele herausgab, und Beneke (Beiträge zu einer rein seelenwissenschaftlichen Bearbei- tung der Seelenkrankheitskunde, als Vorarbeiten für eine künftige Btrengwissenschaftliche Naturlehre derselben. Leipzig 1824). Unter Nichtärzten sind derartige Anschauungen und darauf ge- gründete Einwirkungs- und Behandlungsversuche noch vielfach verbreitet_ 5) Groos, Entwurf einer philosophischen Grundlage für die Lehre von den Geisteskrankheiten, Heidelberg 1828, und in einer Reihe von anderen Schriften und Journalaufsätzen. 6) Leupoldt, Lehrbuch der Psychiatrie, Leipzig 1837. — Da- mer ow, Elemente der Zukunft der Medicin, Berlin 1829. Sefeloge, eine Wahnsinnsstudie, Halle 1853, S. 154 ff. — Ausserdem sprach ei- serne theoretische Grundanschauung in einer Reihe von Aufsätzen aus, wovon ich nur anführe: Zeitschr. für Psychiatrie, III. Bd. S. 31 und die Abhandlung: über die Grundlage der Mimik und Physiognomik als freier Beitrag zur Anthropologie und Psychiatrie, ebendas. Bd. XVII. S. 385 ff. — Jessen, Versuch einer wissenschaftlichen Begründung der Psychologie, Berlin 1855. 7) Der neueste Repräsentant dieser Richtung ist Henry Mauds- ley, vormals Vorstand der Irrenanstalt zu Manchester, jetzt Arzt am West London Hospital und Professor der Psychiatrie an der medici- nischen Schule des St. Mary Hospitals. Nachdem derselbe sich schon durch mehrere Abhandlungen vortheilhaft bekannt gemacht hatte, gab er im Jahr 1867 eine Physiology and Pathology of Mind heraus, welche sowohl in England als auf dem Continent eine so günstige Aufnahme fand, dass bereits im Jahr 1868 eine zweite Auflage nöthig wurde. Da Maudsley's Meinung von dem Werth und der Bedeutung der Psychologie für die Psychiatrie eine sehr geringschätzige ist, so bin ich eben wegen der weiten Verbreitung seines Werkes und des Einflusses, den es da- durch ausüben kann, um so mehr verpflichtet, mich mit ihm ausein- ander zu setzen. Die Fülle des Materials, die Feinheit der Beobachtung und die gewandte und zuweilen geistvolle Art der Darstellung lassen den Beifall welchen das Buch fand, im Allgemeinen als berechtigt erscheinen und es war vollkommen am Platze, dass eine Uebertragung derselben in's Deutsche erschien (durch Dr. Böhm, Würzb. 1870). Indessen sind die für die Psychiatrie. 29 Theile desselben sich an innerem Werth nicht gleich; und wenn die genannten Vorzüge besonders dem zweiten, dem pathologischen Theil, zukommen, so werden sie durch die Trrthümer des ersten, die auch auf die im zweiten enthaltenen Ansichten in manchen Punkten nachtheilig einwirken, sehr beeinträchtigt. Der wesentlichste dieser Irrthümer besteht in der Verachtung der Psychologie und ihrer förmlichen Aus- weisung aus dem Gebiete der psychischen Krankheitslehre. Maudsley glaubt dieser damit einen grossen Dienst zu erweisen, und ist ohne Zweifel der Meinung, nach dieser Ausfegung, nach der Ausreissung dieses Unkrauts werde das Beet der Psychiatrie erst die schöneren Blu- men und die saftigsten Früchte tragen. Dabei begegnet ihm nun aber von vornherein ein sonderbarer Unstern. Als Freund der deutschen Literatur (mit welcher er, auch das müssen wir rühmend hervorheben, eine nicht gewöhnliche Bekannt- schaft zeigt) stellt er an die Spitze seines Buches ein Motto aus Göthe, aber — unglücklicher Weise das aus dem Faust: »Ich sage dir, ein Kerl der speculirt« u. s. f. Hat Herr Maudsley nicht bedacht, dass es der Teufel ist, der also spricht, der Geist, der stets verneint, der es für besser hält, wenn nichts entstünde, und der kurz nach dem Aus- sprechen der citirten Sentenz dem Faust nachruft: Verachte nur Ver- nunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft-----so hab' ich dich schon unbedingt! Es ist mir in der That nicht bekannt, wie es mit der psycholo- gischen Wissenschaft im Ganzen in England zur Zeit des ersten Auf- tretens Maudsley's stand; vielleicht hatte er wirklich Grund, dem Ueber- wuchern und den Prätentionen einer rationalen Psychologie, welche ihre Sätze aus metaphysischen Voraussetzungen schöpft, entgegenzu- treten. Wir in Deutschland sind über die Zeit, wo jeder junge Arbeiter sich dem Publicum durch einige Seitenhiebe und Ausfälle auf die „meta- physischen Speculationen" empfehlen zu müssen glaubte, schon seit ein paar Jahrzehendeu hinaus. Wir haben schon eine Reihe ganz erkleck- licher Arbeiten auf dem Gebiete der empirischen Psychologie und der Psycho - Physiologie und wissen recht gut, dass diese und Metaphysik zweierlei sind. Wir wissen aber auch, dass ohne eine tüchtige philo- sophische Grundlage die bei der Eingangsthür unter ihrer eigenen Firma zurückgewiesene Metaphysik zu einer Menge von Seitenpforten wie durch eine poröse Wand unvermerkt und unerkannt hereinzieht und dass dann Irrthum und Selbsttäuschung erst recht arg wird. Maudsley gesteht zwar zu, dass es bisher ausser der transcenden- talen auch schon eine empirische Psychologie gegeben habe, thut aber immer, als ob diese bisher lediglich in directer Befragung des Bewusst- seins bestanden habe. Wie Maudsley behaupten kann, die bisherige Psychologie habe keine anderen Quellen gehabt, als die Selbstbeobach- 30 Der Werth der Psychologie tung, so zwar, dass er sie öfters schlechtweg als introspective Psycho- logie bezeichnet, ist unbegreiflich. Die Schwierigkeiten, welche mit der Selbstbeobachtung verbunden sind und die Irrthümer, zu welchen sie ohne Vorsicht führen kann, sind uns Allen längst bekannt; man darf nur in die Handbücher einen Blick werfen, so findet man sie überall aufgezählt, eben so aber auch die sonstigen sorgsam zu benutzenden Quellen für die Psychologie. Es ist nöthig, diess besonders hervorzu- heben , weil bei so Manchem, der, von der Journal - Literatur erdrückt, keine Zeit mehr findet, wissenschaftliche Bücher, die älter als ein paar Jahre sind, zu lesen, durch die Autorität Maudsley's die Meinung ent- stehen könnte, die Sache sei wirklich so; wir seien bisher ganz elend auf dem Holzweg gewesen, und erst mit Maudsley gehe eine neue Aera an. Die bisherige Psychologie hat bei uns mit nichten lediglich die Selbstbeobachtung als Quelle angenommen und Maudsley selbst verräth in gelegentlichen Bemerkungen, dass er von unserer Psycho- Physiologie Kenntniss hat; gleichwohl erscheint nach dem Gesammtein- druck, den seine Aeusserungen über diesen Gegenstand machen, ein Psy- cholog als Einer, der den ganzen Tag auf seinem Sessel sitzt und seinen Nabel anschaut. Ueberdiess ist Maudsley auch im Irrthum, wenn er die introspec- tive Psychologie im Gegensatz zu anderen Erforschungsmitteln und Erfahrungsquellen so gar gering schätzt. Es ist zwar richtig, dass die Selbstbeobachtung immer nur eine gelegentliche, ein Erhaschen des Momentes sein kann, und dass, wenn man seine Aufmerksamkeit län- ger auf einen inneren Vorgang richtet, dieser inzwischen ein anderer geworden ist*). Wer empfiehlt denn aber etwas so Verkehrtes? Mauds- ley ficht gegen Windmühlen. Die Wahnideen Geisteskranker selbst sollen ein Beweis sein, wie wenig man dem Zeugniss des individuellen Selbstbewusstseins trauen dürfe. Wunderbar! Weil Irre sich täuschen, müssen wir Gesunde uns auch täuschen. Und welches Mittel habe ich *) p. 10. To direct conscioussness inwardly to the Observation of a particular state of mind is to isolate that activity for the time to cutt it off from its relations, and, therefore, to render it unnatural. In order to observe its own action, it is necessary that the mind pause from activity; and yet it is the train of activity that is to be obser- ved. As long as you cannot effect the pause necessary for self-contem- plation, there can be no Observation of the current of activity; if the pause is effected, then there can be nothing to observe. Also alle Beobachtungen und Erfahrungen unserer grossen Dichter und Weltwei- sen über die Vorgänge in ihrem Innern wären hienach trügerisch und nichtig. für die Psychiatrie. 31 denn, mir die Entstehung der Wahnideen eines Irren zu erklären, als wenn ich mich möglichst in ihn hineindenke und in dieser Situation mich selbst beobachte? Zudem haben wir durch die Selbstschilderun- gen von Geisteskranken, .zum Theil noch während ihrer Geistesstörung oder nachher schon die werthvollsten Aufschlüsse erhalten. Ein gut Theil der von Maudsley gerühmten sonstigen Erforschuugs- mittel und Erfahrungsquellen werden zu solchen überhaupt erst durch die Selbstbeobachtung oder mittelst dieser erst nutzbar. Wir können die Zustände des Thieres und des Kindes nur beurtheilen, wenn und in so fern wir uns in diese hineindenken. Ohne dieses, also ohne Selbst- beobachtung, ist alle sonstige Beobachtung todt und stumm und lehrt höchstens physische Bewegungen, Schreien u. s. f. kennen, ohne irgend eine Spur von den bewegenden inneren Ursachen. Maudsley wirft (p. 11, S. 10 der Uebersetzung) dem Selbstbewusst- sein vor, dass sein Licht nur für die Zustände des Bewusstseins, nicht für die der Seele ausreiche. Nun bin ich zwar vollkommen mit dem einverstanden, was er p. 14—22 über die Wichtigkeit des unbewuss- ten Seelenlebens sagt; wenn er aber daraus die Folgerung ableitet, das Selbstbewusstsein sei nicht im Stande, die Thatsachen für eine wahre Seelenwissenschaft zu liefern, so ist das kaum zu begreifen. Allein reicht es freilich nicht hin; aber die mental science ist auch nicht möglich ohne dasselbe. Auf unbewusste Vorgänge im Seelenleben können wir allerdings in vielen Fällen nur schliessen; dass es aber über- haupt solche gibt, davon hätten wir ja ohne Selbstbeobachtung gar keinen Begriff, denn von einem guten Theil derselben wissen wir ja doch nur dadurch, dass sie uns hinterher bewusst werden; bei anderen erschliessen wir es dann aus der | Analogie. »Das Bewusstsein, sagt Maudsley p. 13, gibt keine Rechenschaft von den wesentlichen materiel- len Bedingungen, welche jeder Seelenäusserung zu Grunde liegen und deren Charakter bestimmen; lasst die Function der optischen Ganglien eines Individuums durch Krankheit oder sonst wie vernichtet werden, und er wird sich nicht bewusst werden, dass er blind ist, bis ihn die Erfahrung davon überzeugt.« Diess ist vollkommen richtig; nur muss man auch die Kehrseite betrachten. Lasst einen Blindgebornen an einem Gehirn die optischen Ganglien betasten und fragt ihn dann, ob er nun eine Vorstellung vom Sehen habe. Dass es ein Sehen gibt, weiss der Sehende eben nur durch sein Bewusstsein. Dass wir aber vermittelst der optischen Ganglien sehen, diess zu erkennen, dazu ge- hört eine Verbindung der inneren mit der äusseren Beobachtung. Maudsley hat sein Buch »Physiologie und Pathologie der Seele« ge- nannt. Man durfte erwarten, dass er in demselben auch sagte, was die Seele sei, und wenn man auch recht gerne eine Definition von dem Worte erlässt, so möchte man doch ungefähr wissen, was von 32 Der Werth der Psychologie dem Autor darunter verstanden und dazu gerechnet wird. Maudsley macht auch Ansätze dazu, er sagt im zweiten Kapitel: »Es ist von grosser Wichtigkeit, den Begriff der Seele genau zu präcisiren. Vor- erst kann die Seele, als Naturkraft betrachtet, nicht beobachtet, an- gefasst (handled) und behandelt (dealt with) werden wie ein palpables Object; gleich der Electricität oder der Schwere oder einer anderen Na- turkraft, ist sie nur auffassbar (appreciable) in den Veränderungen der Materie, welche die Bedingungen ihrer Aeusserung sind.« Unter diesen Stoffveränderungen dürften wir jedoch nicht die Umsatzproducte bei dem Stoffwechsel verstehen, welche bei jeder Gehirnthätigkeit statt fin- den müssen; in sofern sei der Vergleich der Hirnthätigkeit mit der Gallensecretion falsch. »Was bezeichnen wir nun also im physiologi- schen Sinne mit Seele? Nicht die materiellen Producte der Hirnthätig- keit, sondern die wunderbare Energie which cannot be grosped and handled.« Nun, und diese ist —? Jetzt wird es kommen. »Zweitens ist es (nach S. 39 der Uebersetzung) zur Vermeidung von Confusionen vor Allem nothwendig, die genaue Bedeutung des Wortes »Seele« uns klar zu machen, die ihr dem allgemeinen Sprachgebrauch nach zu- kommt. Es ist ein allgemeiner Begriff, der durch Beobachtung und Abstraktion von den mannichfältigen, verschiedenen Seelenerscheinungen entstanden ist. Durch Beobachtung der einzelnen Erscheinungen und geeignete Abstraktion von ihnen, gelangen wir zur äussersten Verall- gemeinerung, zu einem Hauptbegriff, oder, wenn man so sagen darf, zu einer essentiellen Vorstellung von der Seele.« Folgt nun der Ver- gleich mit einer Dampfmaschine, deren Gesammtleistung abhängig sei von dem Mechanismus und dem Ineinandergreifen ihrer einzelnen Theile und nicht von diesen getrennt noch unabhängig von ihnen gedacht werden könne, obwohl sie als eine Vorstellung für sich in unserem Geiste bestehen könne. Wie wir nun durch Beobachtung ihres Mecha- nismus und gehörige Abstraktion zu einer essentiellen Vorstellung von der Dampfmaschine gelangen, einen fundamentalen Begriff von ihr be- kommen , so »gelangen wir durch Beobachtung und Abstraktion zu dem allgemeinen Begriff oder der essentiellen Vorstellung von Seele, einer Vorstellung, der nicht mehr äussere Wirklichkeit entspricht als irgend einer anderen abstracten Vorstellung oder einem allgemeinen Begriff. Kraft des mächtigen Bestrebens des menschlichen Geistes, die Wirk- lichkeit nach seinen Ideen zu gestalten, eine Tendenz, welche die Quelle so vieler Verwirrung in der Philosophie geworden ist, ist dieser allgemeine Begriff in eine Entität verwandelt worden, von der sich der Verstand knechten Hess. Eine metaphysische Abstraktion wurde zu einer spiri- tuellen Entität und dadurch der objektiven, positiven Forschung voll- ständig der Weg versperrt. Wie immer die reale Natur der Seele beschaffen sein mag— davon soll hier nicht die Rede sein — sie muss für die Psychiatrie. 33 in allen ihren Aeusserungen von dem Gehirn und dem Nervensystem abhängig sein. Die wissenschaftliche Forschung erschliesst uns täglich klarer die Beziehungen zwischen ihr und ihrem Organ, wesshalb es vor Allem nothwendig ist, sich vor der gewöhnlichen metaphysischen Auf- fassung der Seele zu hüten und den wahren subjectiven Charakter der Vorstellungen und den Modus ihrer Entstehung und ihres Wachsthums kennen zu lernen.« Und hiemit ist alle Erklärung von der Seele zu Ende und wird nicht weiter davon gesprochen. Seelenerscheinungen sind Lebensäusser- ungen der Seele; die Seele aber ist die blosse Abstraction von diesen Seelenerscheinungen und in Wirklichkeit nichts. Der Verf. hätte eben so gut sagen können: so wie es keine Dampfmaschine für sich, abge- sehen von ihren Bestandtheilen, gibt und wir den Begriff derselben nur durch Abstraction von diesen erhalten, so gibt es auch in Wirklichkeit keinen Organismus, ja nicht einmal einen Menschen; es ist Alles nur eitel Abstraction. Wirklich »essentiell« ist nur, was die Sinne ganz unmittelbar bezeugen. Mit welchem Recht diese, von denen Maudsley selbst zugibt, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach sehr beschränkt sind, zu diesem Privilegium kommen, ist freilich nirgends gesagt. Es gibt aber nach alle Dem für den Verf. keine Seele und er hätte sich nicht weiter zu geniren gebraucht durch die Worte: »wie immer die reale Natur der Seele beschaffen sein mag«, obgleich er hie und da mit sich selbst im Widerspruch, vor der Ansicht warnt, dass ein ob- jectives Studium der Natur nur in der sinnlichen Betrachtung derselben bestehe. Seele ist Gehirn und Gehirn Seele; »an der Spitze des organi- schen Lebens steht das Nervensystem und dessen höchste Vollendung ist die Seele.« Da ich hier nicht ein philosophisches oder anthropologisches Werk zu besprechen habe, sondern ein psychiatrisches, so will ich nicht länger bei der Erörterung dieser anthropologischen Grundanschauungen verweilen; für uns ist, da wir es hier mit der Bedeutung der Psycho- logie für die Psychiatrie zu thun haben, wichtig zu erfahren, was wir denn, nachdem wir auf Maudsley's Anrathen die Psychologie verab- schiedet haben werden, als Ersatz dafür erhalten. S. 16: »Das Bewusstsein enthüllt uns nichts von dem Process, durch welchen eine Vorstellung eine andere hervorruft und hat keine Gewalt über die Art und Weise ihrer Reproduction.« Ei. woher kennen wir denn die Gesetze der Association? Sehen wir, welche Erkenntniss wir statt dieser »Erfindungen« der Psychologen bescheert bekommen. S. 17: »Wenn von zwei Perceptionen das Gleichartige festgehalten, das Ungleichartige aber vernachlässigt wird, so möchte es scheinen, dass dies auf einer assimilirenden Thätigkeit der Nerven- oder Gehirn- Hagen, Sturticn. 3 34 Der Werth der Psychologie zellen beruhe, welche durch den ersten Eindruck besonders modificirt, eine Anziehung oder Affinität für künftige gleichartige Eindrücke be- kämen. Die Zelle functionirt hiebei in der Weise, dass sie das, was ihr angemessen ist und was sie assimiliren oder was sie gleichartig mit sich selbst machen kann, aufnimmt, während sie zurückweist und den übrigen Zellen zufAssimilation hinterlässt, was sie als ungleichartig nicht mit sich verbinden kann u. s. f." und S. 19 : „das Gehirn em- pfängt nicht nur unbewusst Eindrücke, es registrirt dieselben ohne die Mitwirkung des Bewusstseins, verarbeitet unbewusst dieses Material, ruft ohne das Bewusstsein die latenten Residuen wieder wach, es reagirt auch als ein mit organischem Leben begabtes Organ auf die inneren Stimuli, die es von anderen Organen des Körpers unbewusst erhält." Wie ist es möglich, hierin (denn spätere Capitel enthalten zwar Wie- derholungen dieser Anschauung, aber nichts wesentlich Neues) eine Er- klärung der Associationen zu sehen ? Mit der Hervorhebung der That- sache, dass das Gehirn auf diese Einfluss hat, ist es nicht gethan. S. 41: „Der Hergang des Denkens involvirt Veränderungen oder Degeneration in den nervösen Elementen. Man kann in der That sagen, dass jede Ganglienzelle im Gehirn eine ständige Vorstellung repräsen- tirt, während die Vorstellung eine Kraftäusserung, eine Leistung der Ganglienzelle darstellt." Einen Nachweis des Zusammenhanges, in wel- chem hiemit die Gesetze stehen, nach welchen sich Vorstellungen mit einander verknüpfen und einander hervorrufen, so wie dass und warum Zellenthätigkeit eine bessere Einsicht in diesen Vorgang verschafft, als die uns bisher aus unserer Psychologie bekannten Associationsgesetze, sucht man bei Maudsley und den Genossen seiner Anschauungsweise vergeblich*); da sie aber von uns nicht verlangen können, dass wir uns bemühen, diese (Erklärung nach ihren Postulaten nun selbst zu versuchen, so sind wir auch nicht verpflichtet, uns weiter damit zu be- fassen. Mit der Substitution des Wortes Hirnzellen an Stelle der Vor- stellung und der Zellengruppenanhäufung, welche man Gehirn nennt, an Stelle der Seele (schon gefallen sich Einzelne darin, recht modern statt: „die Seele" zu sagen: ,,die Hirnzelle") ist nur der Schein einer *) Denn das wird doch wohl keine Erklärung sein sollen, dass (S. 123) die beim Vorstellen unverbrauchte Kraft in den Corticallagen von Zelle zu Zelle wandert, dass ein „Reiz" von einer Zelle zur ande- ren mitgetheilt werde, dass vermöge dieser Communication eine Vor- stellung „durch irgend eine Association" die andere wachrufe, indem sie selbst bei diesem Vorgange ganz oder theilweise verschwinde u. s. f. und dass dabei auch (S. 127) die Reihenfolge unserer Erfahrungen in's Spiel komme. Und darum die donnernde Philippica gegen die Psycho- logie? Words! words! könnte man mit M. gegen ihn selbst ausrufen. für die Psychiatrie. 35 Erklärung und eines Fortschrittes gegeben, nicht dieser selbst. Man hat den Prädicaten ein anderes Subject untergeschoben, nnd geht seines Weges, ohne sich weiter darum zu bekümmern, wie diejenigen, welche sich die Sache nun zusammenreimen wollen, damit zurecht kommen mögen. S. 21 der Uebersetzung sagt M.: „Wir können daher zu dem, was oben über die unbewusste Seelenthätigkeit bemerkt wurde, noch hinzu- fügen, dass die gesammte psychische Thätigkeit auf dem organischen Leben des Gehirns beruht, das sich im gesunden Zustande dadurch charakterisirt, dass es ausserhalb des Bewusstseins abläuft. Ein Mensch, dessen Gehirn ihm zum Bewusstsein bringt, dass er ein Gehirn hat, ist nicht gesund, sondern krank, und ein Denken (thought), das sich seiner selbst bewusst ist, ist kein gesundes (natural and healthy) Denken." Was würden Kant und Hegel dazu sagen ? Der Vf. hat sich durch diese Consequenz selbst, ohne dass er es merkte, am besten wi- derlegt. Die Schlussfolgerung an sich ist ganz correct: ein Gehirn, das sich uns während seiner Arbeit fühlbar macht, ist krank; da nun das Gehirn die Seele ist und Gehirnthätigkeit Gedanke, so ist das Bewusst- werden dieser Thätigkeit krankhaft. Die Sache ist aber gerade umge- kehrt; das Bewusstwerden seines Denkens, das was wir im Deutschen im eigentlichen Sinne Selbstbewusstsein nennen, hält bei uns kein Mensch für etwas Krankhaftes; da es nun vorkommt, dass wir hie und da un- ser Gehirn in widriger Weise fühlen, so ist es ganz unmöglich, dass Denken und Gehirnthätigkeit eines und dasselbe sind. Das Gehirn ist ein Organ und hat als solches mit anderen Organen, die mit der Seele nichts direct zu thun haben, diess gemein, dass es uns im krankhaften Zustande fühlbar wird. Der Vf. wird sagen, er habe hier nur die unbewusste Seelenthätig- keit gemeint, wenn diese, also die Gehirnthätigkeit, uns bewusst werde, sei es krankhaft. Ich finde aber im ganzen Buche nicht, dass Maudsley die bewusste Seelenthätigkeit einem anderen Substrat zuschreibt als dem Gehirne und er wirft dem Selbstbewusstsein Leistungsunfähigkeit und Unnatürlichkeit für die bewussten Seelenvorgänge so gut vor, wie für die unbewussten, wie denn auf die eben angeführte Stelle unmittelbar die ganz allgemein gehaltenen Worte folgen: „Wie wenig competent ist also das Bewusstsein, uns die Thatsachen für eine induktive Wis- senschaft der Seele zu liefern" und eine Seite später: „Das sind die Vorwürfe, auf welche das Urtheil von der Incompetenz des Bewusstseins gegründet ist; sie zeigen, dass der, der sich unterfängt, die ganze Reihe der verschiedenen seelischen Vorgänge mit dem Lichte seines eigenen Bewusstseins beleuchten zu wollen, nicht unähnlich ist einem Menschen, der das Universum mit einem Talglicht beleuchten wollte." Nun, ich meine, dieser Vorwurf lässt sich mit viel grösserem Rechte umkehren und auf den anwenden, der das ganze reiche Seelenleben mit 3 * 36 Der Werth der Psychologie der Vorstellung: „Zellen und Zellengruppen" wie mit einem Lichtstümpf- chen ausmessen und erleuchten will. Gerade mit der Vorstellungsweise, welche Maudsley anempfiehlt, muss man dem Fehler verfallen, welchen er (S. 61) der alten Psychologie vorwirft, dass sie das Unterscheiden vernachlässige oder unmöglich mache. Diese Zellen haben ja eine Menge von Functionen zugleich zu vollziehen und entledigen sich dieser Auf- gaben mit einer Vielseitigkeit der in ihnen schlummernden Kräfte, welche wirklich in der Natur nicht ihres Gleichen hat. So eine Zelle der obersten Centra (Hemisphären) hat vor Allem sich in ihrem Bestand zu erhalten, zu wachsen und den verbrauchten Stoff von sich abzustossen. Sie hat Reize zu empfangen, dieselben fortzupflanzeu und Reflexe zu vermitteln. Sie hat Gefühle zu erzeugen und zwar nicht blos sinnliche, Düsterkeit, Dumpfheit oder Gefühl der Leichtigkeit des Vorstellens, sondern auch Gemüthsbewegungen, Emotions, äthetische, religiöse Ge- fühle sammt den Willensbestrebungen, niederen und höheren; sie hat aber auch (denn M. thut dar, wie kein Grund sei, anzunehmen, Emo- tions und Ideas seien an verschiedenen Zellen und Zellengruppen ver- theilt) das Geschäft der Ideenbildung, Ideation; sie idealisirt die sen- Borischen Perceptionen, das Wesentliche in ihnen ergreifend, das Un- wesentliche verwerfend. Wie die Zelle diess anfängt, an was sie das Wesentliche und Unwesentliche erkennt, ob jede Zelle nur eine Idee haben kann oder mehrere, oijer ob mehrere Zellen für eine Idee da sind, wie die Zelle zu neuen Ideen kommt, da sie doch von den Eindrücken diejenigen abweisen muss, die nicht zu ihrem Bestand passen, wie sich die Idee eigentlich vom Gefühl unterscheidet, über alles das erfahren wir nichts. Weiteres sei gegenwärtig bei unseren stumpfen Instrumen- ten und bei der ausnehmenden Feinheit dieser Vorgänge nicht auszu- sagen; vielleicht dass wir künftig einmal in den Stand gesetzt werden, die Entstehung der Idea, der Emotion und Volition in der Zelle zu sehen — vielleicht aber auch nicht. Warum müssen wir denn nun aber gleichwohl jetzt schon die Seele abdanken und dafür an die psy- chische Allmächtigkeit der Zelle glauben? Weil — nun weil das eben in den allgemeinen Voraussetzungen und Heischesätzen liegt; wir müs- sen es — ich kann dem Nieht-Metaphysiker Maudsley nicht helfen — wir müssen es nach ihm annehmen a priori. Werden wir nun so schon im Gebiete der normalen Psychologie gerade da im Stiche gelassen, wo es uns am Meisten daran läge, Dun- kelheiten aufgeklärt zu sehen, so finden wir eben so viele unaufgelöste Fragen in der Pathologie. Jede Zellenthätigkeit ist die nothwendige Resultante ihres jeweiligen Kraftbestandes und einwirkender Reize. Wenn nun diese Resultante eine krankhafte Thätigkeit ist, so weiss die Zelle entweder davon oder sie weiss nichts davon. Wenn das erstere der Fall ist, warum hilft sie sich denn nicht, indem sie das Ungeeignete abweist und sich in ihrem richtigen Bestände erhält? oder, im Fall für die Psychiatrie. 37 man sie eben wegen ihrer Krankheit entschuldigt, warum weiss sie denn wenigstens nicht während des ganzen Verlaufes der psychischen Krankheit davon, dass sie krank ist? Weiss die Zelle aber von vorne herein nichts von ihrem Kranksein, woher die oft langen Incubations- stadien, in welchen der schmerzliche und\ qualvolle Kampf mit den krankhaften Ideen und Anwandlungen gekämpft wird? Hilft man sich hier mit der Entgegnung, dass hier eben noch die gesund gebliebenen Zellengruppen die Abweichung in den krank gewordenen empfinden und dagegen reagiren, so fühlt man dabei selbst nur zu gut, dass man sich in das Reich des völlig Hypothetischen, Willkührlichen, Chimärischen flüchtet, da noch keines Sterblichen Auge diese gesunden und kranken Zellengruppen bei einem Melancholiker oder Verrückten von einander unterschieden hat, ganz abgesehen davon, dass überhaupt bei jedem nicht völlig verwirrten Geisteskranken eine grössere oder geringere An- zahl psychischer Functionen noch normal vor sich gehen, ohne dass doch damit zugleich ein Bewusstsein der Störung in den übrigen ge- geben ist. Warum kommt es bei „Reizungen" der Cells in dem einen Falle nur zu Gefühlen und in anderen zu Wahnideen, und worin be- Bteht eigentlich der Unterschied zwischen dem moralischen Irresein und der ideational insanity? Denn die psychologische Erklärung hievon, welcher M. schliesslich nicht ausweichen kann (S. 341—347 der Ueber- setzung) dass hier „Verkörperungen" von Stimmungen, ,Niederschläge" in der Seele stattfiaden, können wir gerade ihm nicht gelten lassen, sondern er muss uns, da er die Zelle als das A und das 0 aller und jeder psychischen Thätigkeit verkündigt, nachweisen, welche Modifi- cation der Zellenthätigkeit dem blossen Gefühl und welche Modifica- tion der Wahnidee zu Grunde liegt; mit der psychologischen Erklärung lassen wir uns nun hier auf einmal, wie gesagt, gerade von ihm nicht abspeisen. Er hätte uns ferner zu sagen, warum es bei der Zellenrei- zung nicht blos zum Denkenmüssen eines gewissen Gedankens kommt, sondern dieser Gedanke gerade ein falscher, ein Wahngedanke ist ? und was uns die Wahrheit hilft, dass (S. 160 und 161) das Denken frei macht, da es, wie eben daselbst nachgewiesen wird, keinen Willen gibt, sondern wir nur das Zusehen haben, wie eine Vorstellung die andere verdrängt oder festhält und Alles schliesslich auf Zellenvegetation hin- ausläuft ? Fragen wir endlich zum Schluss noch, mit welchen Mitteln Maudsley denn eigentlich nach Abdankung der verhassten Psychologie die Gei- steskrankheiten diagnosticirt wissen will, so ist sein Buch selbst seine beste Widerlegung. Eine Schilderung psychisch krankhafter Zustände ist ja gar nicht möglich ohne Psychologie; ist aber diese einmal nicht zu umgehen, so darf sie auch nicht an der Oberfläche bleiben, sondern es muss erlaubt sein, die Sache gründlich zu nehmen und in die Tiefe zu steigen. Wenn diess nicht gestattet, wenn jede psychologische Ana- 38 Der Werth der Psychologie für die Psychiatrie. lyse der Erscheinungen und jeder Schluss daraus verworfen werden soll, nun dann wird eben schliesslich nichts übrig bleiben, als in jedem Fall einen Explorativtroicart durch den Schädel in die Hirnrinde einzu- senken und mittelst desselben eine Anzahl Hirnrindezellen zur mikro- skopischen Untersuchung herauszuziehen. Ich schliesse diese Beurtheilung des Werkes von Maudsley, indem ich nochmals dessen Vorzüge bereitwillig anerkenne, besonders was den zweiten Theil, den eigentlich pathologischen, betrifft. Sie sind unab- hängig von seinen Theorieen, ja sie wären grösser ohne die Befangen- heit durch diese. Was mich bestimmte, das Werk hier in einem Excurs ausführlicher zu besprechen, war die Verpflichtung, die ich fühlte, der Psychologie ihr Recht in der Psychiatrie zu wahren gegen Machtsprüche, welche von einem Theile unserer dermaligen Literatur in sehr hohem, dem wirklichen Gehalt der Behauptungen nicht eben immer entspre- chenden, Ton vorgetragen zu werden pflegen. 8) Diess hat schon einer der eifrigsten Vorkämpfer der somati- schen Schule, Nasse, ganz entschieden ausgesprochen in seiner Ab- handlung „die Thätigkeit der Seele im Irresein" AUg. Zeitschrift für Psychiatrie Bd. VII. S. 361. Ferner Guislain, schon in seinen Phre- nopathieen, und auch später in den Lecons. — Zeller in der Vor- rede zu der Uebersetzung von Guislain und in den Zusätzen dazu. — Wachsmuth, in der Recension von Flemming's Pathologie und The- rapie der Psychosen, allg. Ztschr. f. Psychiatrie. Bd. XVI. S. 495—498. — Richarz, ebend. Bd. III. S. 309. XVI. S. 409, und wie ich so eben bei der Druckgebung dieser Zeilen sehe, erst noch vor Kurzem bei Gelegen- heit seines 25jährigen Anstalts - Jubiläums ebendas. Bd. XXVII. S. 251 —254, woraus ich zum Schlüsse folgende Stelle anzuführen mir er- laube : „Zur vermittelnden Handreichung zwischen Medicin und Philo- sophie ist wohl keine Doctrin geeigneter als die Psychiatrie. Nur muss sie, nicht wie die modernste psychiatrische Verirrung es versucht hat, ihres specifischen Objectes, der krankhaften psychischen Er- scheinungen, und damit einer naturgesetzlichen Psychologie sich ent- schlagen wollen. Es muss vielmehr eine so beschaffene Psychologie, als physiologische Psychologie, ebenso wie die Physiologie selber, ein Zweig der Medicin werden und zugleich ein Abschnitt der Philosophie bleiben. Und nicht als ein blos geduldeter Gast soll diese Psychologie und eine so geartete Psychiatrie in den Hallen der exacten Naturfor- schung und der Medicin erscheinen dürfen, als ein Gast, der dort nur Almosen zu empfangen, aber selber nichts zu bieten und zu geben hätte und der niemals mit dem ihm allein Eigenen zu Worte kommen könnte' sondern als ein ebenbürtiger und gleichberechtigter Genosse unter den Uebrigen." — Kahlbaum's Bestrebungen gehen ebenfalls in dieser Richtung. Fixe Ideen. Hine der häufigsten Formeln, unter welchen der Irrenarzt nach dem Zustande eines Geisteskranken gefragt wird, ist die: welches denn wohl dessen fixe Idee sei? Eine Frage, die gar oft nicht zu beantworten ist, weil sie von der irrigen Voraussetzung ausgeht, dass zu dem Begriffe der Geisteskrankheit fix gewordene Wahnvorstellungen als wesentliche Erscheinungen gehören. Sie können aber sowohl im acuten als chronischen Irresein fehlen, ohne dass darum die Existenz einer Seelenstörung in Zweifel gezogen werden dürfte. Auf der anderen Seite werden krankhafte Wahnideen aber auch oft wieder zu gering geschätzt; man betrachtet das Hegen fixer Ideen dann als einen besonderen Zustand, der noch gar nicht in das Bereich der psychischen Krankheit gehöre. Familienglieder, welche durch das Zugeben von Geisteskrankheit des Kranken Ehre gefährdet wähnen, oder gute Freunde, welche in wohlfeiler Sym- pathie nothwendig befundene Massregeln hintertreiben wollen, sagen dann wohl: Geisteskrank sei der X nicht, er habe weiter nichts als eine fixe Idee. Und damit glaubt man den Kranken von den Tobsüchtigen und Verwirrten als den eigentlich Geisteskranken mit Glück geschieden und jeden Versuch, ihn einer ähnlichen Behand- lung wie diese zu unterwerfen, mit Recht abgewiesen zu haben. Nicht so der Sachverständige; für ihn hat ein solcher Kranker gar oft nicht nur, sondern leider schon eine fixe Idee, und was Jene als tröstlich ansehen, ist ihm höchst bedenklich; denn die Erfahr- ung lehrt, dass gerade solche Kranke, welche in der That keine andere abnorme Erscheinung darzubieten scheinen, als die fixe Idee, in der Regel für diese Welt geistig rettungslos verloren sind. Das Vorhandensein dieser beiden Vorurtheile und die prak- tische Wichtigkeit, welche dieselben erlangen können und nicht selten wirklich erlangen, ist der Beweggrund für mich, heute vor 42 Fixe Ideen. Ihnen einige Betrachtungen über fixe Ideen anzustellen. Betracht- ungen sage ich, und will damit von vorn herein angedeutet haben, dass Sie nicht ganze Erzählungen und nicht blos ein Register seltsamer Einbildungen zu erwarten haben, sondern Reflexionen und Theorie. Es sind die Fragen nach der Entstehung der fixen Ideen bei den Geisteskranken, nach ihren Beziehungen zu dem übrigen Gedanken- kreis des Individuums und ihrer Bedeutung für sein Gesammtleben, welche ich zu beleuchten gedenke. Das Erste, was wir zu diesem Zwecke zu thun haben; ist, dass wir unser Feld umgränzen. Wir haben es mit fixen Ideen Geistesgestörter zu thun, also mit krankhaften Wahnideen, nicht mit anderen fixen Ideen, wie sie auch bei Geistesgesunden vor- kommen. Die unbewusste und unwillkührliche Verwechslung beider ist eine Hauptquelle des einen von den beiden Irrthümern, welche ich erwähnt habe. Das Vorherrschen einer Idee bei einem Geistes- gesunden ist etwas Anderes als die Beherrschung eines Kranken durch seinen Wahn. Gewisse Gedankenkreise können vorwalten und mit unwider- stehlicher Gewalt immer wiederkehren, und Richtungen auf gewisse Ideen können sich fixiren, ohne dass eine psychische Krankheit vor- handen wäre. Der sinnende Forscher hat eine Idee erfasst, sie erscheint ihm in ihrem ersten Aufspringen als eine neue Sonne, die einen weiten Kreis bisher zusammenhangsloser Thatsachen plötz- lich hell beleuchtend sie in ihrer natürlichen Gruppirung erscheinen lässt; mit dem Schwinden der Neuheit und der ersten Begeisterung wird daraus das zweifelhafte Licht einer Hypothese. Aber die erweckte Hoffnung lässt sich nicht so leicht wieder dämpfen; immer und immer wieder kehrt der Gedanke, das erste Entzücken kann nicht getrogen haben, die Hypothese muss doch wahr sein — und dann ist keine Ruhe mehr — ihr Beweis muss gefunden werden — da und dort werden Gründe für sie gesehen — neue wird und muss die Zukunft noch bringen — in ihrer Erwartung lebt und strebt der Mensch ihnen entgegen — sie bildet den Mittelpunkt seines Sinnens und Trachtens — sie ist ihm zur fixen Idee gewor- den. Dieser Zustand kann stattfinden bei voller Gesundheit, ja bei der eminentesten Geisteskraft — und die Idee, wenn sie im Men- schen auch feststehend geworden ist, ist darum keineswegs eine irrige, sondern sie kann die volle, die ganze Wahrheit enthalten. Fixe Ideen. 43 Aber allerdings ist die Gefahr des Irrthums gross, und es kann Zeit, Kraft und Lebensfreude aufgeopfert werden, lediglich um einem Phantom nachzujagen; die grossen Talente sind zwar mehr, aber keineswegs ganz davor gesichert, dergleichen falsche Fährten zu verfolgen. Dass die festgehaltene Idee falsch ist, ist daher kein Beweis für die Geistesschwäche ihres Pflegers, sonst musste so ziemlich jeder grosse Naturforscher dümmer sein als irgend ein hundert Jahre später lebender Student, und Jeder, der sich heut zu Tage die grossen Fortschritte in der Lehre vom Licht angeeignet hat, klüger als Göthe, der sich in seine Farbenlehre verrannt hat. Da nun überdiess die Wahrheit oder Falschheit einer Lehre sich nicht immer schon bald herausstellt, sondern die Welt oft lange Zeit die eine für die andere nimmt, so begreift sich leicht, wie wenig an und für sich das hartnäckige Verfolgen einer absonderlich erscheinenden Idee als ein Symptom von Krankheit angesehen wer- den kann. Aehnliches wiederholt sich in vielen anderen Verhältnissen, daher es genügt, nur kurz darauf hinzuweisen. Der Schuldbeladene, an dem die Reue über eine That nagt, die Mutter, welche immer an das ihr durch den Tod entrissene Kind denken muss, der Aengst- liche, der in einer Epidemie den Gedanken angesteckt zu werden, nicht losbringen kann, haben in ihrer Art auch fix gewordene Ideen. Gewisse Heilsysteme haben eine Zeit lang, aller Erfahrung zum Trotz, die Köpfe beherrscht; ein Genie wie Friedrich II. ver- fiel dem Geschick, in Finanzsachen eigensinnig eine verkehrte Idee durchzuführen, und von fixen Ideen auf dem Gebiete der Philosophie und Dogmengeschichte Belege anzuführen erlassen Sie mir ohnehin. Mit dergleichen Grillen und Schrullen nun haben wir es hier nicht zu thun, sondern mit Wahnideen, die das Erzeugniss einer Geisteskrankheit sind. Dieselben sind zwar mannigfaltiger Art, aber doch nicht so vielfältig verschieden, als man glauben sollte; vielmehr findet man gewisse Typen überall wieder. Ich führe Ihnen, damit Sie doch von den Erscheinungen, deren Wesen be- sprochen werden soll, vorher einige empirische Kenntniss erlangen, die gewöhnlichsten derselben vor. Um des Verständnisses willen ist es dabei nöthig, die Beispiele nicht blos von jenen Formen her- zunehmen, wo die Wahnidee scheinbar isolirt dasteht, sondern auch von solchen, wo die psychische Gesammterkrankung noch deutlicher 44 Fixe Ideen. ist, daher auch von acutem Wahnsinn, namentlich aber der frischen Melancholie. . Ein Melancholiker kann von der Vorstellung nicht loskommen, dass er ein schweres Verbrechen begangen habe und ihm jede Stunde die Bestrafung oder Hinrichtung bevorstehe; oder er ist von dem Gedanken erfüllt, dass er die ewige Seligkeit ver- scherzt habe und in die Hölle werde Verstössen werden. Oder er glaubt die schwersten absonderlichsten Leiden zu haben, todt zu sein u. dergl. Daneben sind seine übrigen Vorstellungen der Wirk- lichkeit entsprechend und seine Reden verständlich. In anderen Fällen, in Zuständen maniacalischer Art, ist der Wahn fröhlicher, beglückender Natur. Der Kranke hat das grosse Loos gewonnen, oder es liegt irgendwo eine ungeheuere Erbschaft für ihn deponirt, oder er ist General, oder es ist kein Zweifel, dass die Prinzessin X oder Y zum Sterben in ihn verliebt ist. Am häufigsten und pathognomisch ist aber der fixe Wahn als Hauptsymptom jener chronischen Seelenstörung, welche wir die partielle Verrücktheit nennen. Die bereits angeführten Wahnideen können auch in ihr vorkommen, nur dass der melancholische Wahn selten mehr den Inhalt der Selbstunterschätzung, des Selbstvorwurfes, sondern mehr den der ungerechten Behandlung hat. Es ist fixer Wahn, wenn ein Mensch, dem Niemand Leid's zu thun Veranlassung hat, sich für das Opfer systematischer Verfolgung hält, wenn er in allen Speisen und Getränken, solchen selbst, die er mit Anderen zusammen geniesst, Gift findet, wenn er Beschimpfungen und Drohungen zu vernehmen glaubt, die Niemand ausgestossen hat, und wenn Einer, der nie ein Wasser trübte und sonst wenig Bedeutung hat, sich für das ausersehene Ziel geheimer Verfolgung der Jesuiten hält. Der Eine glaubt, dass der Teufel seine Seele ausgetrieben habe und nun in Kopf, Hals, Brust und allen Gliedern sitze, von ihm zehre und ihn quäle, ein Anderer, dass er auf unsichtbare Weise magnetisirt und galvanisirt werde, dass ihn seine geheimen Feinde mittelst ihrer Apparate überallhin verfolgen, ihm den Schlaf rauben, ihn zum Gegenstand ihrer ausgesucht bübischen Experimente machen, ihm in Kopf und Gliedern nach Gefallen die unsäglich peinigendsten Empfindungen verursachen. Aber der Inhalt des Wahns kann auch angenehmer, erhebender Natur sein und zwar ist diess öfter der Fall. Der Kranke fühlt sich im Besitze beson- derer Weisheit, sei diese nun durch eigene Anstrengung errungen Fixe Ideen. 45 oder durch höhere Begnadigung, durch Inspiration, durch geheimen wunderbaren Verkehr mit Geistern ihm zu Theil geworden. Er kennt die Geheimnisse der Schöpfung und Weltregierung besser als alle anderen Menschen; was diese darüber gelehrt und geschrieben, ist ihm unnöthig und überflüssig zu wissen; er ist berufen, die Welt zu lehren, zu reformiren, und neue Gesetze zu verkünden. Ein Schritt weiter und er ist Prophet, Messias, Gott, oder wenn Patient weiblichen Geschlechtes ist, Himmelskönigin, Mutter Gottes, die etwa auch berufen ist, noch einmal einen Heiland zu gebären. Das neue Glück, in welchem der Kranke schwelgt, bezieht sich aber oft auch auf weltliche Dinge. Er ist im Besitze grosser Reichthümer, die ihm bisher vorenthalten wurden und auf deren Auszahlung er täglich wartet; er hat Schlösser und Paläste, in denen Alles von Silber und Gold strahlt, oder er ist von vornehmer Abkunft, aus fürstlichem Geblüt, mit Kaisern und Königen ver- wandt, Prinz oder Prinzessin, ja wohl selbst Kaiser (entweder der von Oesterreich oder Frankreich oder der bereits erwählte deutsche). Alle diese partiell Verrückten leben, sofern sie nicht durch verschiedene Anlässe von Zeit zu Zeit aufgeregter werden, im Gan- zen ruhig dahin, verrathen für gewöhnlich und so weit ihr Wahn nicht berührt wird, keinen besonderen Affect, und äussern sich über gewöhnliche Lebensverhältnisse mit richtigem, nicht selten sogar mit scharfem Urtheil und in geordneter Rede. Der Wahn imponirt als ein isolirtes Phänomen, das von dem übrigen Verhalten des Individuums wie abgelöst erscheint, das man sich nicht zurecht- zulegen vermag, dessen unrichtige Beurtheilung daher manche schlimme Folge hat. Es ist daher auch in praktischer Beziehung von Wichtigkeit, dass man diese Formen der Seelenstörung im rechten Lichte betrachtet. Versuchen wir es nun, uns eine Einsicht in die Vorgänge zu verschaffen, welche so seltsamen Einbildungen zu Grunde liegen müssen. Was der Kranke wähnt, kann er begreiflicher Weise nicht wirklich erfahren haben, sondern er muss sich die Vorstellungen, deren Inhalt er für einen reell vorhandenen hält, selbst geschaffen haben. Nun sind aber diese Vorstellungen keine absolut neuen, noch niemals da gewesenen; auch die kranke Seele kann so wenig wie die gesundo etwas ganz Neues schaffen, sondern hat ihre Vor- stellungen ebenfalls nur aus der Erfahrung; der Kranke könnte 46 Fixe Ideen. sich nicht einbilden, Gott oder Kaiser zu sein oder aufs Schaffet geführt zu werden, wenn er niemals gehört hätte, dass es einen Gott, einen Kaiser, ein Schaffot gibt. Das Neue und das mit der Wirklichkeit nicht Uebereinstimmende liegt also in der Zusammen- ordnung und in der Beziehung der Vorstellungen auf das Subject. Mit dieser Betrachtung sind wir gleich von Anfang an vor einem Abweg behütet, nämlich vor dem, in der Erklärung des fixen Wahns das Hauptgewicht statt auf den Wahn auf die Fixität zu legen. So denkt man sich wohl, derselbe bestehe einfach in einer fix, stabil gewordenen Vorstellung von grosser Lebhaftigkeit, welche dem inneren Auge und Ohr des Kranken fortwährend vor- schweben. Es wäre diess etwas Aehnliches, wie wenn auch Gesunde eine gewisse Vorstellung lange nicht los werden können , eine ge- hörte Melodie uns Tage lang im Kopfe summt oder gewisse Phrasen und Verse uns immer wieder einfallen. So ist es aber, wie schon eine kurze Beobachtung von Verrückten lehrt, bei der Wahnidee nicht, diese ist nicht eine sinnliche uns immer vorgaukelnde Vor- stellung, welche uns etwa dadurch hinderte, andere Vorstellungen zu haben und mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, sondern sie ist nur ein leicht und gern wiederkehrender Gedanke. Dergleichen kommt, wie wir sahen, schon bei- Geistesgesunden vor; wir finden die Erscheinung auch als Krankheitssymptom bei manchen Irren, welche einem Denkzwang unterworfen sind. Sie müssen in Folge desselben immerfort über gewisse Dinge nachdenken, ohne dass gerade das Resultat oder der Stoff dieses Denkens schon im Wider- spruch mit der Wirklichkeit sein müssen; oder sie sind zu Gedanken genöthigt, welche sie sich selbst zum Vorwurf machen, z. B. Gottes- lästerungen oder menschenfeindliche Wünsche. Alles das ist zwar ein fixirtes Denken, aber noch kein fixer Wahn; denn zu diesem gehört nothwendig der Irrthum. Der Wahn ist eine Art des Irrthums i). Es würde mich zu weit führen, hier tiefer in das Wesen und die Entstehung des Irrthums einzugehen. Was uns interessirt, ist nur die Frage, wie sich der Begriff des Irrthums verwerthen lässt für die Entstehung der Wahnidee des Geisteskranken. Irrthum ist ein falsches Urtheil. Sitzt nun der Wahn im Urtheil und besteht ev in einer Erkrankung des Urtheilsvermögens ? Dann müssten alle Urtheile falsch werden, wahrend es gerade das Auszeichnende Fixe Ideen. 47 der fixen Idee sein soll und es in der partiellen Verrücktheit auch oft genug ist, dass der Kranke in jeder anderen Beziehung gut und richtig urtheilt. Und' wollte man auch beim acut Wahnsinnigen auf dessen allzu rasche Urtheilsfällung oder Leichtgläubigkeit verweisen, so blieben doch noch so viele Melancholische übrig, welche ausser ihrem Wahn durchaus keine Urtheilsschwäche ver- rathen, ja oft scharfsinnig genug da- und dorther Beweise .für die Richtigkeit desselben erholen. Oder soll es speciell der Mangel an Kritik sein, welcher hindert, die falschen Vorstellungen von wahren zu unterscheiden? Es ist kein Zweifel, den Kranken fehlt die ge- hörige Kritik; aber, wenn in ihrer Ermangelung eine falsche Vor- stellung als wahre hingenommen wird, so muss die falsche doch schon erzeugt sein, und ein Schneider, der glaubt, er könne der Kaiser sein, ist sicherlich schon krank, indem er diess denkt und nicht erst, sofern er die Kritik dieser Vorstellung unterlässt. Also auf einer Krankheit des Vorstellens oder Denkens über- haupt kann der fixe Wahn nicht beruhen. Das Kranksein äussert sich ja in der Richtung vorzugsweise auf einen Gegenstand, be- zieht sich auf ein irrig aufgefasstes Verhältniss. Wo der Wahn ohne deutliche, auffällige Betheiligung anderer psychischer Affectio- nen das Hauptsymptom bildet, da hat man aus diesem Grunde einen solchen Zustand Monomanie genannt. Man kann diesen Namen wohl zulassen behufs der Verständigung über Classification, nur darf man nicht glauben, durch denselben etwas zur Erklärung des fixen Wahns selbst gethan zu haben, besonders da solcher eben ganz entschieden auch in Zuständen von mehr allgemeinem psychi- schen Ergriffensein vorkommt. Es ist überhaupt nicht recht klar, was man sich unter dem Ausdruck: die Seele ist nur in Bezug auf einen einzigen Punct krank, zu denken hat. Da wir es hier zunächst nur mit Ideen (nicht mit Handlungen) zu thun haben, so kann diess doch wohl nur heissen: in Bezug auf einen Gedan- ken; die Seele wird für krank erklärt in ihrer Eigenschaft, diesen Gedanken hegen und glauben zu können. Wenn sie nun aber ausserdem gesund ist, wie wir denn gesehen haben, dass die Vor- stellungsthätigkeit und das Denken im Allgemeinen, namentlich in formeller Hinsicht, keine Abweichungen darbieten kann, so muss sich die Theorie der Monomanie (sofern sie eine Erklärung anstrebt) auf ein engeres Gebiet zurückziehen; sie muss ein Erkranken des 48 Fixe Ideen. einzelnen psychischen Actes in Hinsicht auf seinen Inhalt annehmen. Das Individuum muss nach ihr erkranken können lediglich in seiner Fähigkeit, sich für magnetisirt oder sich für den Kaiser von Russ- land zu halten; nur diese einzelne Seelenkraft wäre hienach in ihm die erkrankte, d. h. die excessiv und gegen den Antagonismus der anderen überwiegend thätige. Diess ist absurd, aber die Theorie kann, in ihre Consequenzen verfolgt, zuletzt nirgends anders anlan- gen; und es hilft ihr auch nichts, wenn sie sich zum Zwecke der Erklärung in gewisse Hirnorgane flüchtet, welche bei der Mono- manie gereizt sein sollen. Man denkt sich heut zu Tage wohl, es sei Alles bereinigt, sobald man nur einmal die Idee habe und fest- halte, dass es sich hier um »Reizungen« von »Zellengruppen« handle, wobei es nichts zur Sache thue, dass diese noch Niemand kennt. .Aber wir kommen damit um kein Haar breit weiter. Diese Lehre, welche sich auch ihrerseits gern auf die Monomanie stützt und. im Principe mit der Phrenologie (abgesehen von deren kraniologischen Deutungen) zusammenfällt, musste doch ebenfalls erst nachweisen, dass es für jede fixe Idee ein specielles Hirnorgan gibt; ferner musste sie, da nach ihr psychische Gesundheit im Gleichgewichte sämmtlicher Organe besteht, zugleich auch annehmen, dass sämmt- liche übrige Hirnorgane, weil sie unfähig sind, durch ihre compen- sirend antagonistische Thätigkeit die Wirkung der einzigen krank- haft gereizten zu neutralisiren, ebenfalls krank sind; und endlich begreift man nicht, warum eine Krankheit, die lediglich ein so kleines einzelnes Hirnorgan betrifft, so oft eine viel ungünstigere Prognose darbietet als eine allgemeine acute Psychose. Die Phreno- logie oder so gestaltete und gedachte Hirnorganenlehre kann uns höchstens eine Vorstellung davon gewähren, wie es zugeht, dass wir gewisse Gedanken immer denken müssen; sie kann aber, ohne die Partialität der Störung wieder aufzuheben, nicht erklären, warum der Gedanke gerade ein falscher, ein widersinniger geworden ist (es musste dann in der That jeder Irrthum auf Gehirnstörung beruhen), und warum wir an die Realität dieses falschen Gedankens glauben müssen, warum also Alles, was in anderen Organen (Ge- dankenreihen) diesem Glauben entgegensteht, annullirt und ver- wischt ist2). Wir sind hiemit an einen Punct gelangt, an welchen ich meine eigenen Ansichten über die Entstehung der Wahnideen an- Fixe Ideen. 4g knüpfen will. Indem wir sagen: die Kranken glauben an das, was sie sich einbilden, sagen wir fast noch zu wenig. Dieselben halten nämlich nicht etwa das, was sie wähnen, für das Wahrscheinlichste, für das sie sich nach ihrem Gefühl oder auf eine Autorität hin entscheiden, sondern sie glauben zu wissen; ihr Glaube, ihre Meinung erscheint ihnen als ein Wissen. Sie haben es, wenigstens nach ihrem Bewusstsein und ihrer Darstellung zu urtheilen, nicht durch Schlüsse ermittelt, nicht auf dem Wege des Calculs und lan- ger Reflexionen zu Wege gebracht. Vielmehr lehrt gerade die par- tielle Verrücktheit, bei welcher man noch am ehesten von den Kranken Aufschlüsse über die Entstehung ihrer Ideen erlangen kann, dass zwar im Laufe der Krankheit sich der Patient aller- lei Combinationen erklügelt und sich ein System schafft, in wel- chem Einzelheiten durch Urtheile und Schlüsse verbunden sind, dass diess aber nicht der Vorgang beim Beginne der Krankheit ist. Wäre diess so, so musste der Versuch, dem Kranken seinen Irr- thum auf dialektischen Wege zu benehmen, weit öfter gelingen. Sie werden aber, wenn Sie bei einem solchen Versuche den Quellen seines Irrthums nachgehen, bald auf gewisse Puncte kommen, die der Kranke festhält, und auf welche als auf unumstössliche Vor- aussetzungen er alle seine Behauptungen stützt. Diese Voraussetz- ungen sind nicht logisch gefundene Resultate, sondern wenn man nach der Weise forscht, wie der Kranke darauf gekommen sei, woher er Diess und Jenes wisse, wer es ihm gesagt habe, so stösst man immer auf eine angebliche Erfahrung. Diese vermeintliche Erfahrung kann eine Hallucination oder Illusion, also eine förmliche Sinnestäuschung sein, es ist diess aber durchaus nicht nothwendig. Illusionen, so wie auch Hallucinationen können in allen Krankhei- ten, die mit Wahnbildung einhergehen, vorkommen, sind aber nicht eben sehr häufig, und andererseits können Illusionen und Hal- lucinationen, wenn die Täuschung vorübergehend ist, statthaben, ohne dass ein fixer Wahn daraus entsteht. Damit es zu diesem, zu einer irrigen Meinung des Individuums von seiner Stellung in und seiner Beziehung zu der Welt komme, braucht die Empfin- dung und daraus gebildete Objectanschauung durchaus nichts an sich Falsches zu liefern, nichts, was der Gesunde sinnlich nicht eben so wahrnähme. Ich hatte einmal auf der weiblichen Abtheilung nicht weniger als drei Patientinen, welche (unabhängig von einan- Hagoa, Studien. 4 50 Fixe Ideen. der, denn sie waren auf verschiedenen Abtheilungen) die Gärtenbeete und Mistbeete im Gemüsegarten für Gräber erklärten. Eine von ihnen behauptete zugleich (eine Einbildung, die überhaupt nicht selten ist), das Fleisch welches sie zu essen bekomme, sei abscheu- lich, es sei Ratten-, Katzen-, Menschenfleisch, und Waschlumpen, welche sie in der Ferne aufgehängt sah, seien abgezogene Menschen- häute. Unmöglich ist es in solchen Fällen nicht, dass Illusionen mitspielen, aber doch nur dann, wenn aus der Ferne gesehen wird, wobei die Vorstellung das undeutlich Gesehene wirklich umzuge- stalten vermag; sicherlich aber ist eine solche Deutung unstatthaft bei dem Nahe sehen; also des nächsten Gartenbeetes, des Flei- sches auf dem Tisch. Keine von unseren Kranken hatte jemals Ratten- oder Menschenfleisch, namentlich gekocht, gesehen, so dass sie es etwa wegen der Aehnlichkeit verwechselte. Das Falsche ist vielmehr das An sich, das Wesen, der Sinn, den sie in die Wahr- nehmung hineinlegen, der Gedanke an die Herkunft des Gegen- standes oder an die Absichten der Menschen dabei. Es wird etwas hinter den Phänomenen gesucht, etwas gemerkt, und diess so- fort als wirkliche Wesenheit genommen, dessen Ausdruck das Wahr- genommene ist, wobei sich der Kranke um die nähere Beschaffen- heit, exacte Untersuchung dieses letzteren nicht weiter bekümmert, so wenig als ein speculativer Philosoph von reinem Wasser um genaue Constatirung von Thatsachen. Gleichwohl behauptet der Kranke hinterher, wirklich Gräber, Menschenfleisch, Menschenhäute gesehen zu haben. Eine an einer heftigen acuten Psychose leidende Kranke hatte zwar auch Gefühlshallucinationen und ihr Geplauder trug auf der Höhe oft den Charakter des vagen Wahnsinns. Aber schon durch ihn ging das, was sich im Stadium der Abnahme deutlicher zeigte, als rother Faden hindurch, nämlich das Argwöhnen falscher Ab- sichten, die Behauptung, dass man unnatürliche Dinge mit ihr treibe, in ihrem Bette, im Nachtstuhl allerlei Dinge versteckt halte, ja in sie selbst hinein stecke, sie vergifte u. dgl. Dass hier we- nigstens nicht blos Hallucinationen zu Grunde lagen, zeigte sich an weiteren Erscheinungen. Bei ihrer geschärften Beobachtungsfähig- keit nahm sie die geringsten Bewegungen der Leute um sich her wahr und fragte immer gleich: was thut denn Die jetzt wieder? Von mir verlangte sie öfters, ich solle den Rock öffnen, oder, wenn Fixe Ideen. kj ich zufällig die Hände auf den Rücken gekreuzt hielt, ich solle sehen lassen, was ich da verberge. — Also beherrschte sie der Ge- danke, dass hinter den Dingen etwas Feindseliges für sie stecke; aber dieser Gedanke wurde nicht als solcher für sich formulirt und nackt hingestellt, sondern er wurde nur unwillkürlich zu jeder Wahrnehmung hinzugedacht, so wie beim körperlichen Sehen die dritte Dimension immer nur hinzugedacht wird. Solche Gedanken fliegen, namentlich um die Entwicklungszeit und den Ausbruch des Wahnsinns, den Wahrnehmungen gewissermas- sen an, ohne dass der Kranke sich darüber weitere Rechenschaft gibt. Mit gewissen Körperempfindungen verbindet sich plötzlich der Ge- danke des Vergiftetseins; eine Tasse Kaffe, ein Glas Wein war es, wodurch man es ihnen angethan hat; durch eine bestimmte Prise Schnupftabak zu einer bestimmten Zeit ist plötzlich das Gehirn metallisirt worden. Durch den Blick von Diesem und Jenem wur- den oder werden sie noch bezaubert, behext oder magnetisirt. Die Mienen der Leute erscheinen bedeutungsvoll, Diess und Jenes aus- sagend, sie drücken Vorwürfe aus — die Leute munkeln allerlei unter einander, es wird geredet u. s. f. Der sich für einen Für- sten hält, ist darüber etwa einmal durch eine plötzliche innere Er- leuchtung, während er in der Kirche betete, aufgeklärt worden, oder die Worte eines Freundes haben diesen Sinn gehabt, der Fürst oder auch eine Prinzessin haben ihn bei ihrer Spazierfahrt mit vielsagendem Lächeln gegrüsst. Oder die Kranken haben die Empfindung des Klarsehens, Hellsehens, des tiefen Einblickes in die Dinge und Verhältnisse. Diese, in denen sie leben, machen den Eindruck, mehr hinter sich zu haben, als die gemeine äussere Wirk- lichkeit anzugeben scheint, sind daher nicht die wahren. Sie selbst Bind ganz andere Leute als sie scheinen, reich, mächtig, vornehm; und auch diess wird durch die angeblichen Mienen und Blicke der Anderen bekräftigt. In allen Fällen glauben die Kranken das, was sie bei gewissen Anlässen gedacht haben, auch erfahren zu haben. Der Kranke hat also eine vermeintliche, eine verfälschte Erfahrung; die Hauptpuncte seines Wahnes sind ihm erlebte oder geoffenbarte Thatsachen, welche für ihn die ganze Realität und Unumstösslichkeit des Er- fahmngswissens haben, daher ist es denn auch unmöglich, den Kranken auf logisch demonstrativem Wege von seinem Irrthum zu Überzeu- 52 Fixe Ideen. gen. Ist es schon im gewöhnlichen Leben bekanntlich oft schwierig, sich gegenseitig zu verständigen, wenn man von verschiedenen Standpunkten ausgeht, so ist diess völlig unmöglich, wenn man sich gegenseitig sogar die Erfahrungen bestreitet. Auf diese Er- fahrungen macht der Kranke nun weiter Schlüsse, die richtig sind, sobald mau nur ihre Prämissen zugibt, bringt alle seine Gedanken, so weit sie in den Bereich des Wahnes kommen, mit ihnen in Ver- bindung, und macht sich allmählich ein System daraus. Die fixe Idee, die schiefe Auffassung der Welt in gewissen Beziehungen wird durch diese häufigen Wiederholungen und durch die Verknü- pfung mit dem ganzen Gedankensystem immer kräftiger und hart- näckiger, sie verwächst mit dem Ich des Kranken so vollständig, dass er ihre Nichtrealität nur im Widerspruch mit seinem ganzen sonstigen Sein denken kann; sie ist ihm wahr, so wahr er lebt. Wir werden von dieser Befestigung des Wahns später noch aus- führlicher handeln und haben nun seine erste Entstehung noch näher zu betrachten. Wie also kommt die Verfälschung der Erfahrung ursprüng- lich zu Stande? Wir haben gesehen, dass die Sinnesthätigkeiten nicht alterirt zu sein brauchen; der Wahnsinn setzt nicht nothwen- dig Sinnenwahn voraus. Wir fanden auch, dass keine formale Ver- standesabweichung statt findet. Die Hauptsache und das Grnnd- phänomen ist vielmehr, dass das Urtheil über Sinn und Bedeutung eines Vorkommnisses, sei es ein äusseres oder ein inneres, schon in die Wahrnehmung hinein gelegt wird, und dass der Kranke glaubt, jene mit wahrgenommen zu haben. Um diess zu verstehen, müssen wir, wie bei aller pathologischen Theorie, auf die Vor- gänge in der Gesundheit zurückgehen. In der Erfahrung finden wir da ganz analoge Erscheinungen. Wir reihen irgend welche Eindrücke nicht blos nach ihrer sinnlichen Beschaffenheit, sondern vermöge einer Abkürzung des Denkprocesses in unsere Gedanken- welt sogleich nach ihrer Bedeutung und ihrem inneren Zusammen- hang ein. Wenn wir einen Postboten auf der Strasse sehen, so glauben wir ihn die Briefe austragen zu sehen, obgleich er viel- leicht zufällig einen anderen Gang hat; wir sehen Jemand fliehen oder verfolgen, obgleich wir sonst Niemand, sohin nur das Laufen sehen. Leidenschaftliche oder ungebildete Menschen vermögen Begebenheiten, bei welchen ihr Interesse in Spiel ist oder ihr Fixe Ideen. 53 Gemüth in Erregung kommt, durchaus nicht objectiv zu erzählen, sondern mischen immer ihre subjectiven Erklärungen für gewisse Handlungen in die Beschreibung dieser selbst hinein, so dass es aussieht, als hätten sie gerade diesen Zusammenhang wirklich er- fahren. Bei etwas beschränkten und doch sich für gescheidt dünken- den Bauersleuten hat der Arzt oft grosse Schwierigkeiten, eine ein- fache Schilderung des Thatbestandes ihrer Leiden zu erfahren, weil sie ihm statt dieses ihre Anschauung von der Entstehung und dem Fortschritt des Leidens gebe, in der festen Meinung, damit etwas Objectives gesagt zu haben3). Spielt nun schon im gesunden Leben unser Denken so viel- fach bereits in unsere ersten Auffassungen von den Dingen hinein, so ist dies in weit höherem Grade bei dem Geisteskranken der Fall, welcher in Folge seiner Befangenheit die Dinge und Menschen um ihn her immer nur in Beziehung auf sich und sich auf jene setzt. Der fixe Wahn drückt aus, wie das Individuum die Dinge und Ereignisse versteht, was es ihnen für eine Bedeutung zuschreibt. Die Nöthigung zu ihm kann nach allem bisher Erörterten, da es sich hier um Krankheit handelt, in nichts Anderem bestehen als darin, dass in Folge der veränderten Gehirn- und Nervenstimmung sowohl die Sinneswahrnehmungen als die eigene Vorstellungsthätig- keit einen ganz anderen, fremdartigen, ungewohnten Eindruck auf den Menschen machen. i Wir wissen, dass wir, indem wir empfinden, nicht die objecti- ven Eigenschaften der Dinge allein gewahr werden, ihre Farbe und Gestalt, ihre Schwere und Glätte, die Schallwellen, die von ihnen ausgehen, sondern dass jede Empfindung zugleich noch ein Gefühl mit sich führt, durch welches wir inne werden, wie wir als Sub- ject in Ansehung auf Lust und Unlust davon berührt werden. Wir unterscheiden Beides aber nur auf dem Wege der Abstraction, nicht für gewöhnlich; für gewöhnlich legen wir den Dingen den subjec- tiven Werth, den sie für uns haben, auch als etwas Objectives bei; es wird die Eigenschaft des Angenehmen oder Unangenehmen, des Zusagenden, Freundlichen, oder des Widerwärtigen, Feindseligen ihnen selbst als etwas ihnen Adhärirendes zugetheilt; es riecht etwas gut oder schlecht, sieht hübsch oder garstig aus, und ist daher scheinbar selbst objectiv bös oder gut. Wenn uns dies auch im Drange des Lebens und weil wir entweder von der objectiven 54 Fixe Ideen. Seite der Dinge oder von anderen Interessen gefesselt sind, meistens nicht zum Bewusstsein kommt, so können wir doch bei einiger Aufmerksamkeit uns bald überzeugen, namentlich an neuen und ungewohnten Eindrücken oder wenn wir irgendwie in erhöhter Stimmung oder Verstimmung sind, dass in der That ein solches zu sofortiger unbewusster objectiver Werthschätzung führendes Ge- fühl mit jeder Wahrnehmung verbunden ist. Dasselbe Gefühl der Billigung oder Missbilligung, der Befriedigung und Nichtbefriedigung, der Schätzung des Werthes ihres Inhalts für unsere Persönlichkeit begleitet alle unsere Gedanken4), allerdings meist flüchtig und un- bemerkt; denn wir haben durch die Lebenserfahrung und die Aus- bildung unseres reflectirenden Verstandes gelernt, um unseres eigenen Interesse willen, die Dinge möglichst unbefangen zu betrachten, und uns dabei über uns selbst hinweg zu setzen, andererseits aber auch ein Interesse über das andere zu stellen. So lernen wir eine Menge von Vorkommnissen, inneren und äusseren Erlebnissen, als für unser persönliches Wohl oder Wehe indifferente ansehen; das sich sonst an sie knüpfende Gefühl kommt nicht zur Ausbildung, wir werden wegen seiner Flüchtigkeit und Verkümmerung uns seiner nicht be- wusst, und vergessen die Dinge selbst oder sehen sie wie aus der Ferne, wie als solche an, die uns nichts angehen. Anders wird es in der Krankheit. Mit der veränderten Stimm- ung der Nervenfaser bildet sich auch eine neue Erregbarkeit der mit Wahrnehmungen und Vorstellungen verknüpften Gefühle, und diese selbst erhalten einen dem Individuum selbst bisher ganz un- bekannten, fremdartigen Charakter, wodurch sie sich seinem Ich mit unwiderstehlicher Macht aufdrängen. Sie wuchern und legen sich um jede Wahrnehmung und Vorstellung schon in deren Ent- stehen herum, verwachsen, so zu sagen, mit derselben schon in statu nascenti, so dass der Kranke nicht mehr fähig ist, sie von einander zu trennen und selbst die ganze Lebenserfahrung sammt dem ge- Bunden Menschenverstand gegen diesen organischen Zwang nichts mehr auszurichten vermag. So bekommt denn jede äussere Wahr- nehmung nicht nur, sondern auch die Selbstempfindung des Körpers von dessen verschiedenen Theilen aus durch die damit verbundenen Gefühle und Stimmungen eine gewisse Nota, eine Marke des Ab- sonderlichen, Wichtigen. Die erste und allgemeinste Wirkung hie- von ist immer, dass die Wahrnehmungen eine besondere Beziehung Fixe Ideen. 55 zum Ich erhalten, den Charakter des Auffallenden, persönlich Be- züglichen annehmen, wodurch das Individuum genöthigt wird, sich damit besonders zu befassen. Es ist ähnlich, wie wenn die Wichtig- keit eines Satzes und dessen besondere Empfehlung an die Berück- sichtigung des Lesers durch gesperrte Schrift, ja durch blosses Unterstreichen erreicht wird, obgleich durch Letzteres an den Wor- ten selbst gar nichts geändert wird. Und diess gilt, wie gesagt, nicht blos für Wahrnehmungen, sondern auch für Körperempfind- ungen (jede Sensation kann sich mit Angst verbinden) und für die eignen Gedanken, welche dem Individuum von grösster Bedeutung und von wichtigen Folgen erscheinen, es mag sie nun für blasphe- misch und schlecht oder für sehr klug und scharfsinnig halten. In Folge dieser steten Gefühlseinmengung erscheint dem Kranken Alles in bestimmter Weise gefärbt: es überrascht ihn das Unbedeutendste, ihn eigentlich nichts Angehende, es berührt ihn Alles entweder feindselig und widrig oder kitzelnd, Lust erregend. Er müsse nicht ein denkender Mensch sein, wenn er diese immer so bestimmt ge- arteten Eindrücke nicht in einen ursächlichen Zusammenhang zu bringen versuchte, wobei es das Natürlichste ist, dieselben wegen ihrer Ungewöhnlichkeit und Fremdartigkeit für beabsichtigte Wirkungen zu nehmen. Es wird ihm und ist ihm, als ob diese Wirkungen absichtlich in besonderer Richtung auf ihn dirigirt wür- den, die Dinge gerade um seinetwillen so geschehen, und selbst bei den gleichgültigsten Anlässen regt sich in ihm ein Tua res agitur. Die Kranken können nicht sagen wie das eigentlich zugeht; sie merken nur etwas — es geht wie sie sagen, etwas vor, sei es Schlimmes oder Gutes; es gehört entweder Alles ihnen oder es wird ihnen fortwährend Alles genommen, oder Beides ist gemischt, wie bei Jenen, deren aus widrigen Sensationen und Angst entstan- dener Wahn verfolgt zu werden, verbunden ist mit dem Kitzel der Eitelkeit, der Gegenstand einer Verfolgung zu sein. So weit ist der Wahn noch mehr vag, unentschieden, es kommt dem Kranken nur mehr überhaupt vor, als ob die Welt oder er selbst anders geworden sei, Alles einen anderen Schein erlangt habe. Selbst bei der paralytischen Geistesstörnng, deren so häu- figes Symptom sonst der Grössenwahn ist, kommt es doch zuweilen nicht zu diesem, sondern nur zu einer sehr heiteren, mit den äusse- ren Umständen nicht harmonierenden Vergnügtheit, in welcher der 56 Fixe Ideen. Kranke mit Allem zufrieden ist und Alles im besten Lichte sieht. Alle Möglichkeiten der Erklärung in bestimmterer Weise sind noch offen. »Man weiss nicht, was noch werden mag.« Wodurch wird nun dieser noch halbwüchsige, unbestimmte Wahn zum festbestimm- ten fixen? Kann diess in äusseren, vielleicht zufälligen Verhält- nissen liegen? Manchmal wohl. Eine gauz specielle Kränkung, zuweilen aber auch nur eine geringe oder vermeintliche Beleidigung, oder etwas Widerwärtiges in der Physiognomie eines Anderen rich- tet sofort die Spitze auf diesen, ein vermeintlicher verliebter Blick oder ein schlechter Spass lustiger Gesellen, welche eine Freude daran haben, dem Anderen etwas aufzureden und denselben zum Narren zu haben, leitet sofort im Geiste des Kranken einen Roman ein, der ihm die volle Wirklichkeit vertritt; häufiger aber liegt die Notwendigkeit der Fixirung im Subject selbst und dessen Bedtirf- niss; ja jene eben erwähnten Zufälle vermögen ohne dieses Moment eigentlich gar nicht so wirksam zu werden. Gerade die Unsicher- heit, in welche der Kranke durch die geschilderte Lage versetzt ist, das Ungewohnte theils blos Fremdartige theils Unheimliche der- selben treibt ihn und zwingt ihn, sich nicht passiv dem Strudel hinzugeben, sondern feste Stellung in ihm zu nehmen. Wer nur halbwegs Phantasie oder theoretischen Sinn hat, den drängt es instinctiv, hinter alle Dem Zusammenhang, Einheit und festbestimm- ten Zweck zu suchen. Wie wir auch im gesunden Leben für unser Verhalten und unsere Entschlüsse einen Stützpunkt nothwendig haben, welcher in dem Bewusstsein unserer Stellung in der Welt, unserer Lebenszwecke, unserer Persönlichkeit besteht und wie dieses Bewusstsein, das aber oft noch auf der Stufe des dunkeln Gefühles stehen bleibt, uns Leitstern bei der Schätzung aller Ereignisse, die irgendwie Bezug auf uns haben und bei unseren Handlungen ist6), so sucht sich auch der Kranke einen solchen, und er muss ihn erst suchen, weil er den natürlichen Stützpunct und damit das instinc- tive Gefühl der Sicherheit verloren hat. Die Panphobie z. B., wo eine unbestimmte Furcht vor allem Möglichen waltet und sich bei jedem Ereigniss regt, ist ein viel zu unerträglicher Zustand, als dass er lange bestehen könnte. Das Dunkle wird klar zu machen gesucht, dem Wunsch nach Entfernung des Leidens muss dieses erst selbst fassbar entgegentreten. Denn nur so kann der kranke Mensch das auf ihn Eindringende einigermassen bewältigen die Fixe Ideen. 57 verlorene Objectivität zum Theil wieder gewinnen. Es ist diess keine bewusste Bestrebung, kein absichtlicher Erklärungsversuch, sondern ein unwillkürlicher, dem Individuum selbst unbewusster Act6), das Erwachsen eines neuen Gedankens unmittelbar aus dem Geist der Krankheit heraus. In dem Individuum sind alle Beding- ungen gegeben, sich einen Vorgang, ein Verhältniss, das die jüng- sten Erfahrungen zu einer Einheit verbindet, als nothwendig und hiemit auch als wirklich zu denken. Es füllt mittelst seiner Phan- tasie 7) die Lücke aus , welche im Ring der Erfahrungen und Be- gebenheiten noch fehlt, um sie abzuschliessen und Position zu ihnen nehmen zu können; eine Thätigkeit, welche derjenigen analog (nicht identisch) ist, welche das Sehfeld an der Stelle des blinden Flecks unbewusst ausfüllt. Ist diess nun aber einmal geschehen, so wird der Gedanke, welcher als verbindende Einheit den Wahrnehmungen zu Grunde gelegt wurde, diese mag als Absicht, Plan, Sinn oder Zweck erscheinen, später wiederum aus Allem herausgelesen, und dieses wird zum Beweise von jenem. Man könnte nun fragen, welches denn jene Modification in der Nerventhätigkeit sei, auf welche ich alles Gewicht lege und von welcher als dem Mittelpunct und der Wurzel aus ich alle Er- scheinungen ableite. Ich hätte das Recht die Beantwortung dieser Frage abzulehnen, weil es hier, in einem psychologischen Vortrag, nur darauf ankommt, die Entstehung der Wahnidee von der psy- chologischen Seite aufzuklären und diese Erklärung bis zu dem Punkte zu führen, wo die physische beginnt und sich anknüpfen muss. Ich will von diesem Rechte keinen Gebrauch machen, aber nur, um offen zu gestehen, dass wir die fragliche Störung des Nervensystems ihrem Wesen nach noch nicht kennen. Alles muss hier noch der künftigen Forschung mit allen schon vorhandenen oder noch zu entdeckenden Hülfsmitteln überlassen bleiben8). Wenn wir aber erwägen, wie die minimalsten Gaben gewisser Gifte so furchtbare Wirkungen ausüben können, und dass manche Farbstoffe selbst in kleinsten Mengen noch grosse Massen von Flüssigkeit zu färben vermögen, so werden wir uns darauf gefasst machen müssen, dass die Störungen in der Nervensubstanz von einer Feinheit sind, welche ihrer Ergründung noch lange die grössten Schwierigkeiten bereiten wird. Einstweilen mögen wir uns genügen lassen, zu wissen, dass sie vorhanden sind. Und dafür haben wir unzweifel- 58 Fixe Ideen. hafte Beweise. Die verschiedenartigsten und sonderbarsten Sensa- tionen, über welche derartige Kranke, Verrückte namentlich, klagen, oder deren sie sich wohl auch rühmen, sprechen dafür 9). Mehr als ein Kranker hat mir sogar gesagt, er spüre den neuen Geist, der in ihn gefahren, im ganzen Leib, bis in die Fingerspitzen hinaus. Instinctiv drücken Andere das fremdartige Etwas, das in ihren Nerven haust, dadurch aus, dass es ihnen angethan worden sei. Und das Gefühl, welches ihr Vorstellen begleitet, bezeichnen wieder Andere je nach der Qualität bald dadurch, dass ihnen die Gedanken gehemmt oder entzogen würden, bald dadurch, dass sie hellsehend oder somnambul geworden seien. So ist nun im Wesentlichen der Vorgang bei der Bildung der fixen Wahnideen. Wir sehen, dass diese nicht in einem Ver- standesirrthum beruhen, und desshalb können sie auch nicht durch verstandesmässige Belehrung umgestossen werden. Sie sind ein Product der Phantasie, aber kein reines, für sich bestehendes, son- dern ein durch die Bearbeitung der Wirklichkeit entstandenes und mit der Vorstellung von dieser vermischtes. Der Kranke beruft sich auf seine Erfahrung, diese Erfahrung ist eine falsche; aber er hat kein Bewusstsein davon, weil schon der Act der Verfälschung selbst ihm unbewusst von Statten gegangen ist; er muss daher seine Erfahrung für so rein, sicher und beweiskräftig halten, wie irgend eine andere. Er muss an seine Wahnideen glauben. Obgleich wir nun hierin die Hauptsache und den Kern der Wahnbildung zu sehen haben, so dürfen wir uns doch nicht ver- hehlen, dass die Macht der Wirklichkeit und zum Theil auch, namentlich in den frischeren Fällen, die Reaction des gesundge- bliebenen Theiles des Seelenlebens den Wahn, auch wenn die an- gegebenen Bedingungen gegeben sind, gar oft entweder bereits im Keime ersticken oder seine Weiterentwicklung verhindern und seine Lebensdauer abkürzen müssen. Es wäre von grossem Interesse, diese Umstände weiter zu verfolgen, ihre Kenntniss musste von den weittragendsten Folgen für Prophylaxis und Therapie dieses so oft unheilvollen Symptomes sein. Wir müssen uns aber ver- sagen, in diese Gebiete hier, wo wir es nicht mit der Verhütung, sondern mit der Erzeugung des fixen Wahns zu thun haben, tiefer einzudringen, sondern haben im Gegentheil die Umstände aufzu- suchen, welche die Entstehung und das Wachsthum desselben be- Fixe Ideen. 59 fördern. Wir fassen zu diesem Zwecke die Formen von Seelen- störung, in welchen er auftritt, nach ihren zwei Hauptgruppen, den acuten und den chronischen, ins Auge. In sehr acuten Fällen kann der Wahn plötzlich, mit einem Schlag entstehen. Diess ist wohl nur bei sehr plötzlich, in der Nacht, unmittelbar nach dem Aufwachen ausbrechenden activen Melancholieen der Fall, wo die Kranken unter unsäglicher Angst mit einem Male von dem Gedanken befallen werden, dass ihnen Mörder oder Gespenster oder dergl. drohen. Meistens liegt hier eine aus dem Traum mit herübergenommene Vorstellung zu Grunde, die ihnen dann Alles als Schrecken erregend vorkommen lässt. Hie und da kommt dasselbe auch in anderen Fällen von sog. transitori- scher Manie, besonders wenn durch einen heftigen Schrecken eine momentane Sinnesverwirrung eingetreten ist, dann bei den Paroxis- men Hysterischer und Epileptischer vor. In allen diesen Fällen ist das Individuum in einem halben Traumzustand, und das Be- wusstsein noch mehr allgemein gestört. Viel häufiger ist aber die Entwicklung des Wahnes auch in den acuten Formen der Manie und der Melancholie eine allmälige, und es ist bei ihnen vorzugsweise die Leidenschaft und der Affect, in deren Brutwärme er rasch wächst und gross gezogen wird. Wir können uns davon eine annähernde Vorstellung machen, wenn wir die Wirkung der Stimmung auf die Geistesgesunden in Betracht ziehen. Wer in zornmüthiger Stimmung ist, dem erscheint Alles feindselig, selbst die Heiterkeit Anderer ärgert ihn, er fasst die harmlosesten Aeusserungen schief auf, als anspielerisch, höhnisch, ja er ist geneigt, seinen Zorn auch an unschuldigen Dingen oder Personen auszulassen, wenn diese ihn nur irgendwie stören (»du kommst mir gerade recht«). Instinctartig suchen manche Leute ihres Aergers dadurch los zu werden, dass sie nach Etwas oder nach Einem suchen, an dem sie ihn auslassen können, bei jedem Unangenehmen, das ihnen widerfährt, sofort nach einem Thäter spähen, und womöglich nicht den Zufall gelten lassen, sondern immer schlechte Absicht, Eigensinn und dergl. wittern, diess dann sofort als gewiss annehmen und Scheltworte oder Züchtigung darauf setzen, alles oft in rapider Schnelligkeit. Andererseits erscheint dem freudig Gestimmten, dem Verliebten, der geliebt wird, dem, der eine Erbschaft gemacht hat, oder dem, dessen Eitelkeit oder Ehr- 60 P"te Ideen. geiz befriedigt worden ist und dem ein Plan nach dem anderen glückt, Alles freudig, Alles rosig, er nimmt Unangenehmes auf die leichteste Achsel, es tangirt ihn nichts. Indem er alle Leute mit freundlichem Gesicht anschaut, ärntet er wieder freundliche Mienen dafür, und so nimmt er auch Alles, was er hört oder gewahr wird, in bestem Sinne. Es begreift sich leicht, dass alle diese Einflüsse der Stimmung auf die Auffassung und Wertschätzung der Dinge in der Geisteskrankheit, wo vor Allem das Gemüth tief und intensiv ergriffen ist, sich um so stärker geltend machen werden. Manche Tobsüchtige, besonders solche, welche im Uebergang von der acuten zur chronischen Manie begriffen sind, sind immer in zornmüthiger Stimmung, und kommen aus dem Schimpfen und Spucken nicht her- aus. In den geringereu Graden wüthen sie nur gegen gewisse Personen, und es ist hier, da ihnen diese in der Regel nichts gethan haben, nichts anderes denkbar, als dass dieselben etwas Feindseliges, Gehässiges für sie haben, dass ihnen deren Blick, ja ihr Wesen überhaupt, eine Beleidigung und ein Vorwurf zu sein scheint. Sie schimpfen auf sie blind darauf los und wählen zum Inhalt ihrer Schmähungen das nächste Beste, wie wenn man einen Stein oder sonst etwas aufrafft, um damit zuzuschlagen — daher vor Allem Ge- brechen, oder irgend eine Möglichkeit, woraus sofort eine Lüge gemacht und dem Anderen an den Kopf geworfen wird. Dabei wird zugleich diesem Anderen die eigene Stimmung, die eigene aggressive Absicht, untergeschoben. Schliesslich dehnt sich diess in den höheren Graden auf alle Menschen aus, die Kranken verhüllen sich wohl zuweilen, nur um Niemanden zu sehen und nicht zum Zorn gereizt zu werden. Ein ganz anderes Bild stellt der heitere Maniaker dar; aber auch er beurtheilt, wenn ihm Alles leicht und glückverheissend oder auch als lächerlich und seines Muthwillens würdig erscheint, die Dinge falsch. Der Melancholiker endlich braucht noch gar keine fixe Wahnidee zu hegen, um doch im All- gemeinen sich für werthlos oder missachtet zu halten, Alles in düsterem Licht zu sehen und immer nur möglichst Unangenehmes, wenn es auch nicht irrig ist, zu denken. Es begreift sich, dass in solchen Gemüthsverfassungen der Wahn, wenn er auf die früher besprochene Weise im Keim gebildet ist, den günstigsten Boden findet, auf welchem er wie ein Parasit auf schon erkrankten orga- Fixe Ideen. 61 nischen Gebilden sich in üppigster Weise rasch vollends ent- wickeln kann. Was nun in acuten Seelenstörungen in mehr oder minder kurzer Zeit geschieht, das vollzieht sich in den chronischen, soferne sie sich nicht aus acuten herausbilden, mehr allmälig. Die Um- stimmung im Nervenleben macht sich auch hier durch mancherlei Erscheinungen bemerklich. Ein allgemeines tiefes Unwohlsein, bald mit schmerzhaften oder widerlichen örtlichen Sensationen, bald mit unbestimmtem Weh, Zustände, welche meistens für Hypochondrie erklärt werden, gehen zuweilen der Gestaltung der Krankheit als partielle Verrücktheit längere Zeit vorher. Die beim Ausbruche dieser selbst in ihnen stattfindenden Vorgänge bezeichnen die Kran- ken sehr oft mit einem der schon früher angegebenen Ausdrücke. Und auch während des späteren Verlaufes äussert sich die Nerven- störung noch oft genug durch allerlei Symptome. Obgleich nämlich die Verrückten im Allgemeinen körperlich gesund erscheinen, so ist doch in der That ein völliges Freisein derselben von leiblichem Unwohlsein eine Seltenheit. Manche leiden zuweilen an allgemeiner Ermattung und Abgeschlagenheit bis zu dem Grade, dass sie Tage lang im Bett liegen bleiben, oder sie haben öfters Gastricismen; oder es verschlimmern sich von Zeit zu Zeit asthmatische Beschwer- den; besonders häufig sind aber Nervenschmerzen und unangenehme Empfindungen aller Art, welche freilich eben so, wie die ebenfalls von innen heraus entstehenden angenehmen Sensationen sofort irrig gedeutet werden. Zu dieser einen Grundlage für die Wahnbildung kommt nun aber bei den auf dem Wege zur Verrücktheit Befindlichen noch eine Umwälzung im Gemüthsleben. Jene intensive Angst, welche bei dem Melancholiker, jenes tiberschwängliche Gefühl von Wohl- sein und Ueberlegenheit, welches bei dem Manischen Keimstätte des fixen Wahnes ist, finden wir zwar hier nicht. Aber gleichwohl ist die Unversehrtheit der Gemüth ssphäre bei den Verrückten theils überhaupt selten, theils nur scheinbar vorhanden und bei nur einigermassen schärferer Nachforschung immer zu entdecken. Wo die Umgebungen des Kranken auf diesen achtsam und fähig zur Beobachtung waren, findet man immer, dass entweder mehr oder minder lange Zeit die Erscheinungen einer auffallenden Veränder- ung im Gemüthsleben vorhergegangen waren, sich kundgebend 62 Fixe Ideen. in überspannt lebensfroher oder gedrückter Stimmung, Empfindlich- keit, vagen Misstrauen, oder dass durch seine nervösen hypochon- drischen Sensationen in dem Kranken selbst der deprimirende Ge- danke bevorstehender geistiger Erkrankung erregt und unterhalten worden war. Aber auch, wenn die Verrücktheit sich schon aus- gebildet hat, so entgeht dem aufmerksamen Beobachter nicht, dass Gefühle und Bestrebungen auch unabhängig von ihrer Erregung durch den Wahn sich verändert haben. Die Lust zur eigentlichen Arbeit verliert sich, auch ohne dass man in der ersten Zeit schon lediglich die Befangenheit des Interesses durch die fixe Idee allein als Ursache beschuldigen könnte; und Liebe und Zuneigung zu Frau, Aeltern, ja Kindern verwandeln sich zuweilen nicht blos in Gleichgültigkeit, sondern selbst in Abneigung. Dass dieses Mit- leiden des Gemüthslebens nicht immer deutlich in die Augen fällt, hat ausser der anfänglichen Selbstbeherrschung der Kranken und der Unachtsamkeit der Umgebung noch einen dritten Grund, den nämlich, dass dasselbe durch den Wahn selbst so zu sagen, maskirt ist. Da dieser nämlich das Blendende, leichter Aufzufassende ist, so nimmt er alle Aufmerksamkeit in Anspruch, und es gewinnt leicht den Anschein, als ob er das Primäre, die Gemtithsaffection aber lediglich das Secundäre, erst in seinem Gefolge Entstandene wäre. Diess ist nun zwar zuweilen so, in der Hauptsache aber nicht, wie eine sorgfältigere Betrachtung und Erwägung des Ge- sammtverlaufes der Störung lehrt. Vor Allem muss man sich vor der falschen Anschauung hüten, dass der fixe Wahn etwas Ruhendes, ein für allemal Fertiges sei, das im Hirn etwa so eingebettet sei wie ein Tuberkel. Diess ist in der That, wenn auch unbewusst, die landläufige, so ziemlich Jedem unwillkührlich geläufig werdende Vorstellung; wenn man von Jemand sagt, er habe eine fixe Idee, so denkt man sich die- selbe nun so fest in die Seele hineingedrungen, dass sie darin steckt wie ein eingeschlagener Nagel. Eine Idee ist aber niemals etwas Todtes, sondern immer eine lebendige Function, die, wie auch andere nicht blos auf die Ernährung bezügliche, sich durchaus nicht immerfort äussern muss. Nicht allein, dass der Wahn keines- wegs in Einem fort kundgegeben wird, so denkt ihn auch der Kranke nicht anhaltend. Man kann manche partiell Verrückte wenn man vorsichtig zu Werke geht, im Gespräch so führen, dass lange Fixe Ideen. 63 Zeit ihr fixer Wahn gar nicht zum Vorschein kommt; die Arbeiten, welche die Kranken verrichten, sind gar oft von der Art, dass die- selben, um sie recht zu machen, an etwas Anderes dabei nicht denken dürfen; sie spielen Schach und Karten ganz gut, womit sich ein gleichzeitiges fortwährendes Denken des Wahnes nicht vertrüge. Wäre Letzteres der Fall, so musste die anhaltende Einförmigkeit der Gedanken den Blödsinn ohne allen Vergleich viel rascher herbeiführen als es der Fall ist. Aus alle Dem geht hervor, dass der fixe Wahn des partiell Verrückten nicht immerfort in Wirklichkeit besteht, son- dern dass unter seiner Fixität nur ein sehr häufiges und leichtes Auftauchen desselben verstanden werden kann. Der Wahn wird immer wieder, durch bedeutende oder geringe Anlässe, erzeugt, weil in der chronischen Seelenstörung selbst die Ursachen gegeben sind, dass unter gewissen Bedingungen der Vorstellungslauf immer wieder denselben Gang nimmt. Wir beobachten hienach, dass in der Häufigkeit der Aeusserung des fixen Wahns bei den einzelnen Verrückten eine sehr grosse Verschiedenheit herrscht. Während ihn die Einen nur auf schriftlichem Wege verrathen, sprechen ihn die Anderen lieber in der Conversation aus; und während die Einen Wochen lang von ihm stille sind, und ihn nur in ihren Paroxys- men aussprechen, kann man Andere ihn alle Tage zum Besten geben hören. Dazwischen gibt es natürlich viele Mittelstufen; vor Allem aber sind es ausserordentliche Ereignisse, der Besuch eines Fremden in der Anstalt, Veränderungen, die im Personal vorgehen, Unzufriedenheit über das Essen oder über ein Kleidungsstück u. dgl., wodurch der Erguss der wahnhaltigen Aeusserungen hervorgerufen wird. Diese Thatsachen sind uns der Leitfaden, an welchem wir das Verhältniss des Gemüthszustandes der Wahnsinnigen zu ihren fixen Ideen auffinden können. Wir sahen, wie bei den acuten Formen der Geisteskrankheiten die Bildung des Wahns aus den veränderten die Empfindungen und Vorstellungen begleitenden Gefühle mittelst der symbolisch ausdrückenden Phantasie durch die Gemüthslage des Kran- ken eine mächtige Förderung empfängt. Der Uebergang von ihnen zu den chronischen Seelenstörungen bilden die periodischen, und so werden wir vermuthen dürfen, dass hier die vermittelnden Glieder zwi- schen dem acuten Wahnsinn und dem fixen Wahn der partiellen Verrücktheit zu finden sein werden. Nun ist es bei diesen periodi- schen Seelenstörungen eine häufige Beobachtung, dass bei jedem 64 Fixe Ideen. Rückfall oder Paroxysmus sich immer dieselbe Gedankenreihe und damit dieselbe Gruppe von Wahngebilden einstellt wie im ersten Anfall. Nicht anders wird es sich im Wesentlichen da verhalten, wo die zeitenweisen Aufregungen weniger reine Zwischenräume zwi- schen sich haben, sondern wo eine gewisse Unfreiheit auch die ruhigeren Perioden charakterisirt und den Paroxysmus mehr als eine temporäre Steigerung der chronischen Seelenstörung erscheinen lässt. Wir haben gesehen, wie bei den partiell Verrückten der Wahn oft sehr zurücktritt und sich wenig oder gar nicht verräth; wir wissen aber auch, wie von Zeit zu Zeit, wenn ein körperliches Unwohlsein oder ein psychischer Anlass, eine Zumuthung, Ableh- nung oder Zurechtweisung eine Gemüthsregung setzt, in dem da- durch bewirkten Sturm aller verborgener Unsinn aufgewirbelt wird. Dass es der Gemüthsaffect ist, welchem in solchen Fällen die Wie- dererneuerung des Wahnes zuzuschreiben ist, geht aus zwei That- sachen hervor. Erstens kann der Verrückte manchmal zufällig oder absichtlich an seinen Wahn erinnert werden, ohne dass er sonder- lich darauf reagirt oder sich vermüssigt fühlt, denselben weitläufiger auseinanderzusetzen; und zweitens kann die Ursache, welche den Affect erregte, eine dem Wahne selbst ganz fremde sein und doch dieser augenblicklich hervortreten. Die Wahngedanken sind eben bei dem Kranken eine innige Verbindung mit leidenschaftlichen Gefühlen eingegangen; jeder Affect ruft auf dem Wege der Erinne- rung frühere ähnliche Gemüthslagen und mit ihnen die mit ihnen verbunden gewesenen Vorstellungen wach. Es können aber auch, ebenso wie durch einen Aerger oder Schrecken oder selbst durch eine plötzliche Freude Kopfweh, Zahnschmerz, Kriebeln in den Ex- tremitäten oder sonst' eine dem Individuum habituelle Neuralgie erregt werden kann, beim Verrückten durch einen auf irgend einen Anlass entstehenden Affect seine abnormen Sensationen erregt oder wenigstens seine sensible Nerventhätigkeit so afficirt werden, dass deren gewöhnliche Function sich ihm in abnormem Modus fühlbar macht, woran sich dann die Wahnvorstellungen anreihen. So erklärt es sich, dass diese oft längere Zeit latent sein können, so lange eben keine leidenschaftliche Aufregung da ist. Tritt aber eine solche, sei es in Folge einer temporären Steigerung der Reiz- barkeit oder durch einen bedeutenden äusseren Anlass ein, so brin- gen die aus dem dunkeln Grund aufsteigenden Gefühle allemal die Fixe Ideen. ß5 fixen Ideen mit herauf; und die Aufregungen entstehen daher in der Regel nicht desshalb, weil der Patient an seine Wahnideen denkt, sondern wenn er aufgeregt ist, denkt er mehr an seine Wahnideen. Zuletzt wird alle Leidenschaft der Idee dienstbar, d. h. es kann keine leidenschaftliche Aufregung mehr entstehen, ohne dass sich auch der fixe Wahn einmischt, ihr seinen Inhalt und Sinn substi- tuirt, kurz sie in ihren Dienst nimmt und für sich thätig sein lässt. Es lässt sich leicht denken, wie dadurch nach und nach die Em- pfänglichkeit des Gemüthes für andere Interessen abgestumpft und die Fähigkeit der Begeisterung für andere Ideen ganz erlöschen kann. Wenn uns nun so die Erfahrung gelehrt hat, dass die Affecte auch in chronischen Seelenstörungen ihren reichen Beitrag zur Ent- stehung und Unterhaltung des Wahnsinns liefern, so ist doch da- mit nicht gesagt, dass sie dazu durchaus nothwendig sind. Das die Wahnbildung bedingende abnorme Empfindungs- und Denkge- fühl kann auch ohne Affect existiren. Dann thut hier die Gewohn- heit sehr viel. Ist dem Individuum einmal das Eingleiten auf ge- wisse Vorstellungs- und Ideengeleise recht geläufig geworden, so braucht das betreffende Gefühl gar keine sonderliche Höhe zu er- reichen, sondern, sobald es nur im Keim, im Anklang, erregt ist, so stellt sich schon die Wahnidee ein. Wenn es daher zwar nicht richtig ist, Affectlosigkeit schlechthin als Charakteristicum der par- tiellen Verrücktheit aufzuführen, so lehrt doch im Allgemeinen die Erfahrung, dass in ihr die fixen Ideen nicht mehr unter solchen Gemüthstürmen auftreten wie in den acuten Formen. Oft genug üben daher die verrückten Ideen auch in den relativ besseren Zei- ten ihren Einfluss aus und geben nach und nach dem gosammten Vorstellungskreis des Individuums eine einseitige Richtung und Färbung. Je allmäliger der Wahn sich ausbildet, desto deutlicher kann man gewahr werden, wie er aus einem Keime heraus wächst. Im Anfang spielt dann der Kranke noch mit der Möglichkeit des Ge- dankens, er hat an ihr sein Gefallen, und verspürt dabei einen, wenn auch zuweilen zugleich schaurigen, Kitzel der Productivität; in den Perioden der Ernüchterung erscheint ihm das Wahnbilden dabei noch als eine Schwäche 10), er kann sich dessen noch schä- men und die Aeusserung seines Wahnes Anderen gegenüber noch unterdrücken. Je häufiger er aber den Gedanken reproducirt, desto wahrscheinlicher wird er ihm. Wie es überhaupt nach einer ge- Hagen, Studien. 5 66 Fixe Ideen. meinen Erfahrung nur nöthig ist, den Menschen gewisse Sätze recht oft ausschliesslich vorzusagen, um sie schliesslich zum Glauben der- selben zu bringen, so macht die stete Repetition des Lieblingsge- dankens dieselbe Wirkung. Diess um so mehr, wenn in entspre- chendem Maasse die mit dem Wahn in Widerspruch stehenden Vorstellungen seltener reproducirt werden. Allerdings befestigt sich der Wahn dadurch, dass diese Contrastvorstellungen, wie man sie zu nennen pflegt, zurücktreten. Aber man darf diesem Um- stand keine zu grosse Wichtigkeit beilegen und etwa gar den fixen Wahn aus dem (mehr oder weniger zufälligen) durch die Gehirn- krankheit bewirkten Auslöschen der entgegengesetzten Vorstellungen erklären wollen. Leute, welche sich für Kaiser und Prinzen er- klären, haben desshalb noch nicht ihren Namen vergessen, lassen sich bei demselben nennen, und gestehen willig zu, dass sie Buch- drucker und Metzger sind. Ein soches Auslöschen und Obliteriren von Contrastvorstellungen könnte ja an und für sich nur partiellen Blödsinn hervorbringen; und andererseits musste man dann den Wahnsinn durch das stete Vorsagen der Wahrheit, durch im- merwährendes Wiedereinprägen dessen, was der Patient vergessen zu haben scheint, neutralisiren können. Der Wahn selbst wird immer die Hauptsache und das Primäre sein; blassen ihm gegen- über die contrastirenden Vorstellungen ab, so wird er allerdings un- gestörter wachsen können. Er wächst aber nicht blos dadurch, dass er die ihm entgegen- stehenden Erinnerungen abschwächt, sondern auch dadurch, dass er indifferente verfälscht. Diess kann auf verschiedene Weise ge- schehen. Es kann für die jüngste Vergangenheit eine Umsetzung der Aufeinanderfolge stattfinden, so dass, was Wirkung war, als Ursache erscheint. So behauptete einer unserer Kranken, welcher in besonders innigem Verkehr mit Gott zu stehen erklärt, es habe einmal, als er während eines Gewitters im Garten war, immer ge- rade dann gedonnert und geregnet, wenn er es gerade gewollt; ein andermal, es seien morgens die Gaslaternen draussen auf der Strasse in dem Augenblick ausgelöscht, wo er daran dachte. Es mag hie- bei der Zufall das Meiste gethan haben; gewiss aber wurde auch hinterher in der Erinnerung der Gedanke öfters auch an Zeitstellen eingeschoben, wo er in der Wirklichkeit nicht stattgefunden hatte. Manche Kranke, die Nachts viel plaudern und dadurch Andere Fixe Ideen. 67 stören, behaupten hartnäckig, durch Andere geweckt und erst da- durch unruhig geworden zu sein. In den meisten Fällen ist es jedoch die weiter zurückliegende Vergangenheit, welche durch Ein- mischung von Wahnideen verfälscht wird, entweder so, dass ge- wisse Begebenheiten umgewandelt, im Sinne des Wahnes in einzel- nen ihrer Bestandtheile verändert werden oder ganz und gar er- dichtete Begebenheiten in sie eingeschoben werden. Eine Taglöh- nerin hat viel mit einem Geist zu thun, der oft Stunden, ja ganze Nächte laug in sie hineinredet, bald Angenehmes, bald Widerwär- tiges, namentlich aber auch sie zu manchen Handlungen, zu Schim- pfen und Zuschlagen, auffordert; als mir dieselbe nun einmal ihre Lebensgeschichte erzählte, kam sie auch darauf, dass sie einmal (aber schon viele Jahre vor ihrer Erkrankung) einen Käselaib ge- stohlen und behauptete, nach dem Motive gefragt, diess sei ihr schon damals von ihrem Geist befohlen worden. Eine andere weib- liche Kranke, welche Misstrauen gegen eine Wärterin hegte, erklärte, ihr Bruder "habe ihr schon zu Hause gesagt, dass diese (die beide vorher gar nicht kannten, die er aber mit Namen genannt haben sollte) sie vergiften werde. Ein Metzger, seit 1857 in der Anstalt, der vor 30 Jahren längere Zeit in Wien war, will damals schon öfters mit seinem »Herrn Bruder« Louis Napoleon zusammenge- wesen sein; bei einer dieser Gelegenheiten habe ihm N. anvertraut, dass er eine Spanierin heirathen werde. Ein anderer Kranker er- zählt, er habe schon als Knabe mit seinem Vater den hiesigen Irrenhausbau besprochen, und es mag nun noch in und an der An- stalt zugebaut werden was will — von Allem war auch schon im älterlichen Hause die Rede gewesen; der Erzherzog Max von Oe- sterreich sei schon vor Jahren zu ihm nach Nürnberg gekommen und habe ihn nach Mexico engagiren wollen, während der Kranke doch in Wirklichkeit schon lange vor dem mexicanischen Handel in die Anstalt gekommen ist. So manche Fälle, wo Kranke be- haupten, uns schon früher in dieser Eigenschaft da und dort ge- sehen und gekannt zu haben und uns den entsprechenden Titel und Namen geben, dürften ebenfalls in diese Kategorie gehören11)- In Fällen dieser Art wird irgend eine Wahrnehmung oder eine Begebenheit, die erzählt wird, sofort oder kurze Zeit danach für eine schon einmal dagewesene, für eine Erinnerung gehalten, entweder in der Art, dass es sich dabei um einen Gedanken, etwa 5 * 68 Fixe Ideen. so<*ar eine Entdeckung, handelt oder um etwas Besonderes, das dem Betreffenden widerfahren ist 12). Dieser kann es im Gefühl seiner eigenen Weisheit nicht vertragen, dass er nicht schon einmal im Besitze dieses Wissens gewesen sein soll. Das Neue ist fin- den Kranken gewissermassen eine Verneinung seines Wissens, sei- nes Selbstgefühles, und muss als solches beseitigt werden. Er sucht daher (alles nicht mit bewusster Absicht, etwa um Andere zu täuschen, sondern instinctiv) in seiner Erinnerung herum, bis er irgend welche Umstände aufgetrieben hat, unter welchen er jene Ideen zuerst gehabt oder ausgesprochen oder jene Erfahrung, jene Bekanntschaft gemacht haben, bis er gewissermassen ein Nest oder einen nestähnlichen Platz gefunden hat, worin ganz gut ein Ei lie- gen könnte, das er dann darin als von ihm selbst wirklich gelegt in der eingebildeten Erinnerung sieht. Mit der Wiederholung be- festigt sich diese wahnhafte Erinnerung dann immer mehr, und ist ein Analogon hievon die bekannte Erfahrung, dass alle Lügner zu- letzt ihre Lügen selbst glauben; nur mit dem Unterschied, dass beim Geisteskranken schon von Anfang eine unbewusste Selbsttäu- schung, kein absichtliches Lügen stattfindet. Scheinbar etwas ganz Anderes, in Wirklichkeit aber eine ver- wandte Erscheinung ist es, wenn der Patient dieses schon früher Gedachthaben und Erfahrenhaben nicht sich selbst, sondern Anderen zuschreibt, und nicht in die fernere sondern in die unmittelbare Vergangenheit verlegt. Die Wahnsinnigen oder Verrückten glauben dann, Andere wüssten ihre Gedanken oder hörten dieselben gar. Dieses Hören ist offenbar kein wirkliches, sondern nur eine Folge- rung. Es ist den Kranken nur so, als ob die Leute ihre Gedanken wüssten, und diess wiederum ist nur eine Variation des Pseudo- wissens von Dem, was Andere überhaupt•denken, eine Variation, welche durch das Gefühl entsteht, beeinträchtigt, beherrscht zu werden, nicht entrinnen zu können; woraus dann, zugleich unter Missdeutung der Mienen, die Idee sich bildet, als ob Andere da- durch über den Kranken Gewalt hätten, dass sie seine Gedanken wissen. Indem nun diess sofort als wirkliche Erfahrung genommen wird, wird darin eine Bestätigung der Wahnideen gesehen, und so ist ein weiteres Element und Bindemittel in dem Truggewebe des Wahnsinns fertig. In so ferne der Wahn auf die bisher besprochene Weise sich Fixe Ideen. ßp, allmälig entwickelt, ist derselbe jedenfalls im Anfang weniger aus- gebildet als später. Die ihm angehörigen Vorstellungen stehen an Kraft und so zu sagen hinsichtlich des Raumes, welchen sie im Bewusstsein einnehmen, noch zurück gegen diejenigen, welche durch den Lauf des gewöhnlichen socialen und bürgerlichen Lebens, durch Studien u. dgl. erregt werden. Aber mit der Dauer und der Zu- nahme der Krankheit kommen sie, wie wir sahen, häufiger und schon bei geringen Anlässen. Wenn man früher jene gewöhnlichen, dem Stand und den Verhältnissen des Individuums natürlichen Ge- danken seine Hauptgedanken nennen konnte, können diese krank- haften, deren der Mensch sich anfangs noch schämt und zu erweh- ren sucht, als Nebengedanken betrachtet werden, welche mit jenen oft zugleich ausgelöst werden, sich wie ein Schatten an dieselben hängen. Mitgedanken, Mitvorstellungen hat man sie genannt13). Sie sind aber jedenfalls nicht eine Nebensache, sondern die Haupt- sache bei der fixen Idee, sie sind diese selbst. Nur sind sie in ihrer Embryonalzeit oft noch unscheinbar und stellen sich nur mehr als Begleiter dar. Aber durch ihre häufige Wiederholung, und indem sie sich allmälig mit immer mehreren psychischen Acten verbinden, werden sie zuletzt das Bindemittel für diese und er- scheinen als der gemeinschaftliche Hintergrund, auf welchen die- selben spielen. Dem Menschen selbst unbewusst durchsetzen sie seine gesammte Vorstellungsthätigkeit, geben den Einschlag zum Gewebe und bestimmen seine Auffassungsweise und sein Verhalten. Auch dafür haben wir Analoga im gewöhnlichen Leben. Wir sind unzählige Male in der Lage, während der Ausführung von Hand- lungen, welche an und für sich die Aufmerksamkeit schon für sich allein in Anspruch zu nehmen scheinen, noch andere Gedanken mit uns zu führen, um im Bedürfnissfalle von ihnen Gebrauch zu ma- chen, Gedanken, welche an sich keine grosse Lebhaftigkeit haben, ja nicht haben dürfen, aber doch stark genug sind, gegebenen Falles sich sofort geltend zu machen. Ein Beispiel dieses steten Denkens an die Situation oder besondere Umstände der Situation ist das Musiciren. Wir denken beim Spielen eines Musikstückes nicht blos an die Noten und deren Werth und an das Tempo, sondern auch fortwährend an den Tact, namentlich aber an die Tonart, so dass wir nicht fehlgreifen, obgleich das # und das b keiner Note mehr extra vorgedruckt ist, und obgleich wir fast 70 Fixe Ideen. keine Zeit zu haben scheinen, bei Sechszehnteln und Zwei und Dreissigsteln uns der Tonart allemal erst zu erinnern, uns das # und das b neben der Note vorzustellen. Das, was man im Leben Tact und Lebensart nennt, besteht hauptsächlich in der Anerziehung dieser Mitgedanken, welche in jedem Fall, wo sie zur Anwendung zu kommen haben, sich sofort einstellen und so, indem sie zur an- deren Natur werden, dem so gewöhnten Menschen einen Vortheil vor jenem geben, welcher sich die zweckmässigste Art des Beneh- mens in jedem Falle erst aus seinem eigenen Ingenium bilden muss. Solche die gesammte psychische Thätigkeit influirende Mit- und Nebengedanken nun können auch die durch krankhafte Stimmung erzeugten, die Wahngedanken im Anfang sein. Da sie aber, weil sie theils Zwangs- theils Lieblingsgedanken sind, sehr oft reprodu- cirt werden und eine Menge von Associationen in unserer Seele unbewusst vor sich gehen, so beeinflussen sie unsere Gedanken, Urtheile und Handlungen, ohne dass wir es wissen. Statt der normalen oder unseren wirklichen Interessen entsprechenden Asso- ciation entsteht eine durch diesen krankhaften Hintergrund be- dingte, und die ganze Vorstellungswelt erscheint nun in dieser Be- leuchtung. Allmälig wuchern nun aber die Wahnideen so, dass sie, namentlich wenn sie einmal zu einem System vereinigt sind, nicht mehr blos im Gefolge von anderen Wahrnehmungen und Vorstellungen als deutende und lückenfüllende, sondern als selbst- ständige auftreten; das Individuum lebt dann ganz in ihnen und sieht in ihnen Inhalt und Aufgabe seines Lebens. Auch gewöhn- liche Vorurtheile, Gewohnheit, eigenthümliche Neigungen können gewisse Lieblingsgedanken fixiren; aber diese Befangenheit des Ge- sunden unterscheidet sich von der des Geisteskranken dadurch, dass sie nicht von excessiv krankhafter Stimmung und Selbstem- pfindung getragen ist, und dass daher die vorherrschenden Gedan- kenkreise nicht den Umfang und die Selbsständigkeit erlangen, um die Besonnenheit zu rauben. Nachdem wir nun so die Bildungsweise der fixen Ideen bei den Verrückten kennen gelernt haben, werden wir uns auch die Frage beantworten können, wie es zugehe, dass der Kranke trotz aller Collisionen, in welche er durch seinen Wahn mit der Welt geräth., trotz der Freiheitsbeschränkung, die er in Folge davon er- fährt, dennoch so hartnäckig an ihm festhält, dass er sie fast nie- Fixe Ideen. 71 mals verläugnet, ja dass er sich im Besitze seiner Idee selbst heiter und beruhigt fühlen kann (wiewohl Letzteres nicht so häufig ist als man glaubt). Hat die Verrücktheit den melancholischen Charakter, wie das in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle in der ersten Zeit ihrer Entwicklung der Fall ist, so fühlt sich der Kranke in Folge der unheimlichen Gefühle und Sensationen, über welche er nicht Herr werden kann, wie einer fremden dunklen Macht preis- gegeben. Es entsteht dadurch in ihm ein Gefühl der Haltlosigkeit und der Unsicherheit, welches ihn instinctartig treibt, nach einem festen Punct zu suchen, an welchem er sich halten und anklammern könne. Diese Ergänzung, diese Stärkung und Tröstung findet er nur in einer Idee, ganz ähnlich wie auch der Gesunde unter ana- logen Umständen. In allen Lagen des Lebens, in welchen wir uns gedrückt, beängstigt und rathlos fühlen, hat das plötzliche Be- wusstwerden eines klaren Erkennens, dieses mag in Wirklichkeit ein wahres oder ein falsches sein, an sich schon eine beruhigende Wirkung und das durch jene Lage in uns erregte Gefühl ver- liert caeteris paribus oft schon dadurch sehr an seiner Stärke, dass das Urtheil über sie an Klarheit gewinnt; wie umge- wendet kein Grauen grösser ist als das vor einer noch unbe- stimmten Gefahr. Ist nun vollends oder scheint wenigstens die Erkenntniss zugleich die Bestätigung einer Lieblingsidee, gelingt es uns, unsere Lage aus ihr zu erklären, so fühlen wir uns schon sicherer; wir sind orientirt; wir haben nun den Instinct, dass wir an dem rechten Gedanken auch eine Waffe und einen Schild haben uns zu behaupten. So nun auch beim Verrückten in seiner so eben geschilderten Lage. Indem ihm diese, in der ihm bisher Alles dunkel, unheimlich, grauenhaft erschien, durch die gefasste Wahnidee plötzlich wie durch einen Blitz erhellt erscheint, sieht er in seinen Empfindungen, Gefühlen und Erlebnissen nicht allein einen Zusammenhang überhaupt, sondern den einzig möglichen und wirklichen Zusammenhang, und Alles hat jetzt erst einen Sinn. Es ist hienach wohl erklärlich, dass der Kranke, auch nachdem die Aufregung, in welcher er den Wahngedanken erzeugt hat, vorüber ist, doch nicht so schnell wieder von ihm zu lassen geneigt ist. Es kommt aber dazu noch ein Anderes. Ist uns etwas Widerwär- tiges zugestossen, oder finden wir uns überhaupt in unserer Lage unglücklich, so unterlassen wir es nur gar zu oft die Ursache des 72 Fixe Ideen. Ungemaches da zu suchen, wo sie zu suchen wäre, nämlich in un- serer Unbesonnenheit, Thorheit oder wenigstens Eigenheit, son- dern schieben gar zu gerne die Schuld auf Andere oder auf das Geschick; wenn nur der X oder Y andere Leute wären, oder wenn sich nicht zufällig Diess oder Jenes ereignet hätte, dann wäre Alles in der Ordnung. So kann sich ohne alle Krankheit der Wahn ausbilden, dass die Missgunst, welche man erfährt, nur Ausfluss eines feindseligen Princips oder Systems sei; eine Annahme, welche nicht a priori widersinnig, weil nicht überhaupt unmöglich, ist, welche aber eben in dem betreffenden Falle auf Täuschung beruht. In viel höherem Grade macht sich diess bei der Geisteskrankheit geltend, wenn dieselbe chronisch, zur Verrücktheit wird. Vermöge einer Art Naturheilkraft erwacht hier der Selbsterhaltungstrieb, welcher nun nicht mehr, wie in der Melancholie, die Ideen von Selbsterniedrigung und Selbstverdammung zulässt; der Kranke er- geht sich daher immer nur in Ideen der Beeinträchtigung von aussen; es entsteht der Verfolgungswahn, wobei das Individuum oft schon befriedigt ist, wenn es sich die Feindseligkeiten, welchen es ausgesetzt ist, nur recht lebhaft denken und systematisirt vor- stellen kann, meistens aber einzelne Personen besonders heraushebt, denen es heillose Absichten und Motive unterschiebt. Die organisch - psychische (nicht moralische) Selbstsucht, in Folge deren der Kranke wegen der Aufdringlichkeit seiner Gefühle Alles auf sich beziehen muss, und welche sich in der melancholi- schen Abart der Verrücktheit in der eben geschilderten Weise äussert, gestaltet sich in der expansiven Art derselben natürlich in entgegengesetzter Weise. Das kitzelnde Wohlgefühl, welches den Kranken erfüllt und die bedeutungsvollen Beziehungen, welche der- selbe in den Mienen und Reden Anderer sowie in den gewöhnlich- sten Begebenheiten auf sich selbst findet, haben die Idee in ihm erregt und genährt, dass er eine bedeutende Persönlichkeit sein müsse. Durch was, ist dabei ziemlich zufällig, und richtet sich nach der natürlichen Sinnesart des Individuums. Hat dasselbe Neigung zum Denken und Grübeln und erscheint ihm in Folge der Krankheit sein eigenes Denken immerfort als wichtig und imposant, so wird er sich für einen grossen Weisen, Propheten u. dgl. halten; in anderen Fällen, wo mehr die Sehnsucht nach dem Besitz irdi- scher Güter vorwaltet, gestaltet sich der Wahn, eine bedeutende Fixe Ideen. 73 Persönlichkeit zu sein, in der Weise, dass man es sei durch hohe Geburt, Rang, Macht, Reichthum. Alles Das wird zwar dem Individuum nur zu verstehen gegeben oder es beruft sich auf eine Eingebung oder eine angebliche frühere Erfahrung, und die Sache ist zwar gewiss, ja wir wissen selbst davon, aber doch ist sie noch verhüllt und zwar durch die objective Wirklichkeit, die aber im Sinne des Kran- ken die scheinbare ist, während sein Wahn nach seiner Meinung die eigentliche Wirklichkeit ausdrückt, weil er als der allein wür- dige, entsprechende und mögliche Ausdruck für den Inbegriff neuer Verhältnisse gilt, die jetzt die Summe der Existenz des Kranken bilden. Daher vermag die mit seinem Irrthum selbst in schreiend- stem Widerspruch stehende Wirklichkeit denselben nicht zu ent- kräften. Vielmehr hat er sich, wenn er einmal grossgewachsen ist, so mit dem den Kranken beherrschenden Wohlgefühl verbun- den, dass dieses demselben als die natürliche Folge seines Gedan- kens oder vielmehr des Sachverhaltes, welchen dieser ausdrückt, erscheint. Und da jenes Wohl- und Glücksgefühl mit seinem ge- sammten Daseins - und Lebensgefühl eine unzertrennliche Verbin- dung eingegangen hat, so ist es ihm, ohne sich selbst seinen inner- sten Lebensnerv abzuschneiden, unmöglich den Gedanken aufzu- geben. Er würde dadurch in ein bodenloses Nichts versinken, er kann ihn nicht fahren lassen, auch wenn er wollte; seine Idee muss wahr sein, so wahr er lebt, weil er eben sonst nicht leben könnte. Da ihm nun überdiess, wie wir sahen, falsche Thatsachen als vollgültige Beweise gelten, so wird es wohl einigermassen be- greiflich geworden sein, warum selbst die gewandteste Dialektik den Kranken seinen Wahn nicht auszureden im Stande ist 14). Beiderlei Arten von Wahnsinn oder Verrücktheit, die mehr leidenden und die beglückten können auf einander folgen, und es ist möglich, dass zuweilen schon während der ersten die zweite sich im Geheimen entwickelt. Oft sind sie aber auch überhaupt und während der ganzen Dauer der Störung mit einander gemischt oder wechseln mit einander ab. So bei jenem fixen Wahn, wo die Kranken glauben, dass Alles ihnen gehöre, dass sie ein Recht des Befehles hätten, und sie daher höchlich beleidigt sind, wenn etwas vorgenommen wird, ohne dass sie vorher davon gewusst haben oder danach gefragt worden sind. Dann ist es aber überhaupt vielleicht eine Seltenheit, dass das vom fixen Wahn befallene Individuum ein 74 Fixe Ideen. vollkommen seliges Gefühl der Befriedigung hat (mit Ausnahme der paralytischen Wahnsinnigen). Es erwartet vielmehr meistens eine Zukunft, künftige Anerkennung, künftige Erbschaft u. s. f., womit immer zugleich mehr oder weniger Unmuth über die der- malige Beeinträchtigung verbunden ist. Damit ist nicht gesagt, dass der Kranke etwa noch zweifelte; sein Recht, sein ihm gebüh- render Rang u. s. f. sind ihm an und für sich ganz gewisse Dinge, in deren Ausmalung er seine Phantasie sich ergehen lässt; aber er ist keineswegs so völlig verblendet, dass er bereits in actuellem Besit« und in wirklichem Genuss zu sein glaubte, sondern diese Dinge sollen erst, werden aber ganz bestimmt noch kommen. Bei manchen Kranken sind endlich auch ihre widrigen Sensationen selbst für sie mit einem gewissen Reiz verbunden; Verrückte, wel- chen angeblich solche Empfindungen von aussen her gemacht wer- den, verrathen bei ihrem Sprechen davon oft durch ein schmunzeln- des Lächeln, dass ihnen dieses Leiden und diese geheime Einwir- kung selbst innerliche Freude macht, weil es ihnen den Gedan- ken einer gewissen Wichtigkeit und insoferne Bevorzugung erregt. Noch erinnere ich mich eines hauptsächlich an theosophischer Ver- rücktkeit leidenden Kranken, welcher an Wassersucht starb; in den letzten Tagen hatte er wegen der Wasseransammlung in der Brusthöhle häufige Athembeklemmungen und auch Schmerzen, welche ihn zum Fussstarapfen und Schreien nöthigten; er erklärte diese Schmerzen für dämonisch und magnetisch, lächelte aber dabei zugleich sehr selbstzufrieden und mit der Miene der Schlauheit über diese Entdeckung. Unter allen Umständen aber ist es dem Verrückten mit sei- nen Ideen voller Ernst; und weil ihm Alles an der Zusammen- stimmung seiner Wünsche mit seinem Denken und an der Wirk- lichkeit seiner Aufstellungen liegt, so kann er, namentlich wenn der Wahn beglückender Natur ist, selbst wenn es sein baarster Vortheil wäre, es fast niemals über sich gewinnen, denselben zu ver- schweigen oder zu verläugnen, und es ist daher im Ganzen ein seltenes Vorkommniss, dass der Arzt bei partiell Verrückten dieser Art erheuchelte Geistesgesundheit und absichtliches Zurückhalten der fixen Idee angewöhnen muss. Anmerkungen und Zusätze. 1) Aus diesem Grunde erscheint es bedenklich, die fixen Wahn- ideen, wie es wohl zuweilen zu geschehen pflegt, mit »Zwangsvorstellun- gen« synonym zu gebrauchen. Soferne ein Individuum, welches fixe Ideen hat, nicht als frei betrachtet werden kann, sind dieselben aller- dings als ihm aufgenöthigte anzusehen, allein der Ausdruck »Zwangs- vorstellung« schliesst nicht den Wahn in sich, ausser secundär, wenn der Kranke das Gefühl, dass er nicht über seine Gedanken Herr ist, sich übersetzt in die Einwirkung eines dämonischen Wesens, einer frem- den Persönlichkeit, welche ihm die Gedanken machen. Das Denken- müssen gehört an und für sich, eben so wie das Thunmüssen, als eine Beschaffenheit unserer Willensrichtung zum Kapitel der Narrheit. Ich hätte gleichwohl nichts dagegen, den Terminus als generelle Bezeich- nung für solche Ideen anzuwenden, welche dem Individuum durch die Wirkung der Krankheit aufgezwungen werden, wobei dann die wahn- haften Ideen eine Unterart bilden würden. Man musste aber über- einkommen , darunter eben nur krankhafte Ideen zu verstehen, damit nicht auch solche Ideen, zu denen auch ein Gesunder immer wieder hinge- zogen wird, damit bezeichnet werden können. Dann sagt mir aber auch ein gewisses Sprachgefühl, dass es gut wäre, das Wort zu beschränken auf gewisse Wahnvorstellungen Melancholischer, welche von diesen stereotyp und monoton geäussert werden, so dass man fast kein anderes Wort mit ihnen reden kann, und dann auch bei solchen Kranken, denen das Denken- und Vernehmenmüssen eine Pein ist. Dagegen widersteht es, den heiteren Höhenwahn von grossem Besitz, Ehren, Weisheit und dergl. mit demselben Namen zu belegen. 2) Diese Gründe gelten auch gegen die Bestrebungen, die Lehre von den Seelenkrankheiten auf die Principien der Phrenologie zu stützen. Wer nur einige Zeit sich mit Beobachtung und Behandlung von Geistes- kranken befasst hat, kommt schon bald zu der Einsicht, dass er mit jener Lehre nichts anfangen kann, wesshalb denn meines Wissens kein namhafter Irrenarzt Phrenolog gewesen ist. 3) Um diesen für die Erklärung der Erfahrungsfälschung so wichtigen Vorgang, die unzertrennliche Vermischung der Wahrnehmung 7(J Fixe Ideen. und der hinzugedachten Ursache, noch mehr zu beleuchten, führe ich noch einige Beispiele an. Wir hören Pferdegetrappel oder das Schlagen der Glocken und nehmen dabei unwillkührlich an, die Vorstellung des Pferdes und der Glocke liegen schon in der Gehörempfindung, und doch beweisen die Locktöne des Jägers, die täuschende Nachahmung von Thierstimmen oder auch von fremder Menschenrede, dann das Bauch- reden (Drobisch, Psychologie, S. 127. 129) wie sehr wir uns hierin täuschen können. Wir sehen und hören eine Person auf dem Theater ein Lied zur Guitarre singen und können glauben, es sei wirklich so, während die Guitarre im Orchester gespielt und das Lied hinter den Coulissen vorgetragen wird, und glauben ein schreiendes Kind zu hören, während es doch nur eine Katze war (Meyer, Vortrag über Sinnes- täuschungen. Berlin 1866. S. 10 u. 11). Wer sich durch irgend etwas eine Entzündung der Bindehaut des Auges zugezogen hat, hat genau dieselbe Empfindung, wie wenn ihm ein kleiner fremder Körper ins Auge gerathen wäre. Derjenige, welcher noch keine Erfahrung hievon hat, lässt es aber nicht bei diesem Vergleich, sondern geht sofort unwill- kührlich in der Vorstellung weiter, und glaubt das als Ursache des Schmerzes vorgestellte Sandkorn auch wirklich, in einer gewissen Grösse und Gestalt, im Auge zu fühlen. Lange kann der Hypochonder er- klären, dass es ihm sei, als ob Mäuse in seinem Leib herumsprängen, als ob man ihm Drath durch den Kopf zöge; in dem Augenblick, wo er ein melancholisch Verrückter wird, behauptet er wirklich, Mäuse im Leib und Dräthe im Kopf zu haben. (Ein Beispiel hievon s. bei Krauss, der Sinn im Wahnsinn, allg. Zeitschr. für Psychiatrie. Bd. XVI. S, 32 *). 1) Man vergleiche hierüber die vortrefflichen Ausführungen von Lotze in dessen Mikrokosmus. Erster Band (erste Auflage) S. 264 ff. und II. Bd. S. 178—185. Ich will nur ein paar Stellen davon ausheben. »Man wird vor Allem sich entwöhnen müssen, die Gefühle als Neben- ereignisse zu nehmen, die im Verlauf der inneren Zustände zuweilen eintreten, während der grössere Theil der letzteren in einer rleihe leid- und lustloser Veränderungen bestände. Ausser der völligen Ruhe wür- den wir uns keinen Zustand denken können, der nicht mit den eigenen Entwicklungsbedingungen der Seele entweder übereinstimmte oder in *) Indem ich diess zum Druck gebe, kommt mir noch die Ab- handlung von Freese »Zur Theorie der Gefühle« im ersten Doppelheft des Bd. XXVII. der allg. Zeitschrift für Psychiatrie zu, woselbst S. 61 und 67 diese »Versuche organischer Empfindungen durch Vergleichungen und Vermuthungen genetisch an irgend einen anderen Gegenstand oder an Bewegungen eines solchen zu knüpfen« ebenfalls besprochen sind. Fixe Ideen. 77 irgend einer Weise ihnen zuwider wäre. Welche Erregung daher die Seele auch immer erfahren mag, von jeder werden wir einen Eindruck der Lust oder Unlust erwarten müssen, und eine genauere Selbst- beobachtung , soweit sie die verblassten Farben dieser Eindrücke zu erkennen vermag, bestätigt diese Vermuthung, indem sie keine Aeusser- ung unserer geistigen Thätigkeit findet, die nicht von irgend einem Gefühle begleitet wäre. Verblässt sind jene Farben allerdings in dem entwickelten Gemüth vor dem übermächtigen Interesse, das wir einzelnen Zwecken unserer persönlichen Bestrebungen zuwenden, und nur eine absichtliche Aufmerksamkeit findet sie wieder auf, ebenso wie unsere mikroskopische Beobachtung die regelmässige Bildung unscheinbarer Gegenstände, über die unser Blick gewöhnlich unachtsam hinwegsieht. Jeder einfachen sinnlichen Empfindung, jeder Farbe, jedem Ton ent- spricht ursprünglich |ein eigener Grad der Lust oder Unlust; aber ge- wöhnt, diese Eindrücke nur in ihrer Bedeutung als Merkmale der Gegen- stände aufzufassen, deren Sinn und Begriff uns wichtig ist, bemerken wir den Werth des Einfachen nur dann noch, wenn wir mit gesammelter Aufmerksamkeit uns in seinen Inhalt vertiefen. Jede Form der Zu- sammensetzung des Mannichfaltigen erregt neben ihrer Wahrnehmung in uns einen leisen Eindruck ihres Uebereinstimmens mit den Gewohn- heiten unserer eigenen Entwicklung, und diese oft unklaren Gefühle sind es, welche für jedes einzelne Gemüth jedem einzelnen Gegenstand seine besondere Färbung geben, so dass er mit demselben Thatbestand der Merkmale für alle, doch für jeden von uns ein anderer scheint. Aber selbst die einfachsten und scheinbar trockensten Gefühle des Denkens sind nie von diesem nebenhergehenden Gefühle ganz entblösst; wir fassen den Begriff der Einheit nicht, ohne zugleich ein Glück der Befriedigung zu geniessen, das sein Inhalt einschliesst, den des Gegen- satzes nicht, ohne zugleich die Unlust der Feindseligkeit mit zu em- pfinden, Ruhe, Bewegung und Gleichgewicht beobachten wir weder an den Dingen, noch entwickeln wir uns ihre Vorstellungen, ohne uns mit unserer ganzen Lebendigkeit in sie hinein zu versetzen und den Grad und die Art der Förderung oder der Hemmung mitzufühlen, die für uns aus ihnen hervorgehen könnte.« Dann: »Wie widerwärtig auch immer, und am nächsten an thierisches Leben erinnernd uns die besondere Ausbildung des Geschmacksinnes vorkommen mag, so ist doch wajrr, dass selbst in der vollkommensten Schwelgerei nicht blos die Lust des Gaumens als eine wohlthuende Anregung unseres Leibes gesucht wird, sondern dass die prüfende Zunge in dem Geschmacke der Speisen ■ein ihnen eigenthümliches Verdienst anerkennt, dessen annehmliche Nebenaffecte sie sich freilich gerne ge- fallen lässt. Nur das Thier frisst und säuft; d. h. es verwendet die äusseren Mittel lediglich zur Tilgung eines unlusterzeugenden Bedürf- 73 Fixe Ideen. nisses oder zur Herbeiführung einer egoistischen Empfindungslust; es verweilt nicht bei diesen Mitteln, sondern beeilt sich, dieselben zu con- sumiren; es vertieft sich in keiner Weise beobachtend, kostend und überlegend in die Natur derselben; es kennt sie eben nur als Mittel für seinen Nutzen. Der essende und trinkende Mensch kann es dagegen nicht lassen, die Süsse als die eigene Freundlichkeit der Dinge freund- lich anzunehmen, ihre Herbigkeit als ihre eigene innere charakteristische Bosheit zu fassen; er kann in Rührung gerathen über die innere Vor- trefflichkeit der Naturstoffe, zu der sein Geschmacksinn ihm nur den Zugang zeigt. Nicht dass es ihm auf seinen eigenen Genuss ankäme; es gibt nur kein anderes Mittel, dieses Gute der Dinge anzuerkennen und dahinter zu kommen, als ihren sinnlichen Genuss. Schon in der zweideutigen Vorliebe der menschlichen Sinnlichkeit für die flüssige Form der Geschmackreize zeigt sich ihre Befreiung von dem gröbsten Interesse ihres körperlichen Wohles; noch deutlicher lässt das Gefallen an Wohlgerüchen diese Neigung zum Versenken in eine objective Lieb- lichkeit des Materiellen hervortreten. Das Thier scheint diese Neigung nicht zu theilen; wie kräftig auch der Geruchsinn einzelner Klassen zum Dienst ihrer Lebenszwecke entwickelt ist, so finden wir doch nirgends ein bestimmtes Beispiel eines Wohlgefallens, das mit dem Duft der Dinge zufrieden wäre. Die menschliche Cultur dagegen umgibt sich mit ihm schon bei ihrem Beginne, zuerst in feierlichen Augenblicken religiöser Stimmung, bald auch zur Verschönerung des täglichen Lebens. Auf der unbedeutenden Grösse der sinnlichen Lust, die so erzeugt wird, kann diese Gewohnheit nicht beruhen; sie wird bedeutsam erst durch die Phantasie der menschlichen Sinnlichkeit, die sich in eine andere Atmosphäre des Daseins nicht versetzt, ohne neben der Lust, welche sie erfährt, den eigenen inneren Werth derselben ahnungsvoll anzu- erkennen. Solion wir hinzufügen, dass auch die Empfindungsinhalte der übrigen Sinne, dass selbst Wärme und Kälte weder blos als gleich- zeitig Verschiedenes, noch blos als lust- und schmerzerregende Kräfte von uns aufgefasst werden; dass wir vielmehr auch in ihnen eine eigene unabhängige Schönheit oder Hässlichkeit finden, deren Vortheil und Nachtheil nur nebenbei uns zufällt? Sollen wir endlich zu den höheren Sinnen zurückkehrend erinnern, wie im Klang und der Farbe fast jede Spur egoistischen Interesses aus- gelöscht ist, und wir uns völlig der Anschauung einer auf sich beruhen- den Trefflichkeit hingeben? So gross ist der eigene Werth dieser Ein- drücke, dass bei aller übrigen Armuth des Lebens wir doch immer dem gütigen Schicksal zu danken hätten, das Tag für Tag diese schöne Welt vor unseren Sinnen aufthat und uns gestattete, in die lebendige ahnungsvolle Tiefe der Farben, der Töne und Düfte niederzutauchen.« 5) Diess ist auch schon bei den Bewegungen überhaupt der Fall. Fixe Ideen. 79 Zenker (in Königslutter) hebt in seiner Abhandlung über Dysphagieen bei Geisteskranken (allg. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. XXVI. S. 484), hervor, »dass jeder vom ganzen Körper oder von einzelnen Gliedern auszuführenden Bewegung die Sorge um den Unterstützungspunct für die beabsichtigte Kraftäusseiung vorausgehen muss, dass zu dem Ende entsprechende Positionen eingenommen und die bewegten Glieder fixirt werden. Da nun eine während des Ablaufes der Bewegung eintretende Verrückung des Unterstützungspunctes auf der Stelle Unsicherheit, Be- einträchtigung der gewollten Bewegung, selbst Vereitelung des Zweckes hervorruft, so ist umgekehrt sobald Unsicherheit und Störung einer Bewegung Platz greift, die erste Frage nach dem Unterstützungspunct, das erste Bestreben, ihn zu sichern.« Die Paralytischen haben mit dem Bewusstsein der Unsicherheit der ausgeführten Bewegungen das Gefühl des fehlenden Festen, sie greifen und tasten nach diesem umher, und so entstehen Mitbewegungen. 6) Vgl. über die instinctive Erkenntniss als Gefühl, als aus un- bewussten Processen sich entwickelndes Resultat, das bloss als Resultat zum Bewusstsein komme, Wundt's Vorlesungen über Menschen und Thierseele. Zweiter Band, Leipzig 1863. 43. und 49. Vorlesung. — So geschieht denn auch die erste Bildung der Wahnideen aus dem Gefühl heraus im Unbewussten (desshalb aber doch sehon Psychischen); in dem Augenblick, wo Vorstellung und Gedanken entstanden ist, wird uns das Ergebniss erst bewusst; wir sehen diess am ängstlichen Traum, Alles, was nun folgt, so besonders die Rückwirkung des Gedankens auf die Gefühle, bleibt uns allein im Bewusstsein, und wir halten nun den letzten Vorgang für den einzigen und ursprünglichen, während er in der That der secundäre ist. 7) Die Phantasie dürfte überhaupt in der psychologischen Er- klärung der Geisteskrankheiten wieder mehr berücksichtigt werden, als es eine Zeit lang, zum Theil unter dem Einflüsse einer gewissen Philo- sophie, zum Theil aus einer eigenthümlichen Furcht, dadurch selbst als zu phantastisch zu erscheinen, geschehen ist. Früher hat ihr besonders Ideler (namentlich in: »der Wahnsinn, Bremen 1848) ihr Recht wider- fahren lassen. Es lassen sich auch manche Analogieen zwischen den Phahtasiegebilden der Kunst und des Wahnsinnes nachweisen, und gewiss wird Jedermann leicht die Aehnlichkeit finden, wenn er z. B. folgende Stelle aus Vi seh er's Aesthetik II, S. 341 liest: »Wird aber der Stoff, die Fabel auch vermeintlich ganz ersonnen, so wird bei genauerer Selbstprüfung der Dichter immer finden, dass die einzelnen Personen, Scenen, Bilder, die er auf der Grundlage der Anschauung gebildet hat und nur einzuflechten meint, es vielmehr sind, die den Gedanken der Fabel durch Entfaltung der in ihm liegenden Keime in ihm weckten. Ein Maler, ein Dichter sieht eine Gestalt, eine Scene 80 Fixe Ideen. daran schiesst ihm, wie an einem Magnet seine innere Welt an, er erneuert den unscheinbaren Keim des Kunstwerkes, aber der Keim, der Magnet war gegeben.« 8) Ich willhiemit nicht gesagt haben, dass ich nicht allerdings dar- über schon gewisse Gedanken habe. Aber sie sind noch nicht so nach allen Seiten gereift, dass ich sie schon öffentlich aussprechen möchte, und man darf nicht Alles auf einmal erklären wollen, wenn man nicht Gefahr laufen will, auch das wirklich Gewonnene wieder aufs Spiel zu setzen. 9) Um die Würdigung dieser Sensationen in Hinsicht auf die Entstehung des Wahnsinns hat sich (allerdings in einer von der meini- gen etwas abweichenden Auffassungsweise) besonders verdient gemacht Schuele durch seine Schrift: Die Dysphrenia neuralgica. Carlsruhe 1867, deren Resultate er später noch einmal übersichtlich zusammenstellte in der allg. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. XXIV. S. 689. 10) Wie einen solchen Fall T u k e in Bucknill and Tulce's Manual of psychological Medicine. London 1862, S. 178 erzählt. 11) Weitere Beispiele für die symbolische Umdeutung aller Er- lebnisse s. bei Sander, über originäre Verrücktheit in Griesinger's Archiv für Psychiatrie, I. Band, 1868, S. 387; für das rückläufige Er- finden .von Begebenheiten Brierre de Boismont, des Hallucinations. 3e. edition. Paris 1862. Obs. 30. p. 91. 12) Zur Erklärung solcher Fälle wurde auch (Jensen) ein Doppelbewusstsein angenommen, und die Duplicität der Hirnhemisphä- ren dafür in Anspruch genommen. Nun möchte ich zwar einige der- selben sowie diejenigen, welche Huppert in der allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie Bd. XXVI, S. 529 ff. von Doppelwahrnehmungen und Doppeldenken berichtet, ebenfalls mir letzterem auf eine Incongruenz beider Hemisphären, sowie er S. 543 diesen Gedanken formulirt, beziehen, aber nicht diejenigen, von welchen ich vorn im Texte gesprochen habe. Es ist hier zuweilen der Schein einer Erinnerung vorhanden, wo es ßich in Wirklichkeit gar nicht um eine Erinnerung handelt. Es liegt vielmehr schon in dem Act des betreffenden gegenwärtigen Vorstellens selbst etwas, was ein Wiedererkennen ausdrückt; dem Wahrnehmen ist schon während seines Geschehens die Signatur des Wiedererkennens aufgedrückt, weil das Individuum das Gefühl des Bestätigens, Aner- kennens dabei hat, welches sich in verschiedener Weise äussern kann. Betrifft es lediglich eigene Gedanken, so verknüpft sich mit jedem oder vielen derselben auch der von deren untrüglicher Wahrheit, ihrer grossen Bedeutung und in Folge der Selbstliebe, zugleich der der Neu- heit. Wird der Gedanke hingegen von einem Anderen geäussert eine interessante Beobachtung erzählt u. s. f., so regt sich in dem Kranken das Gefühl, dass er das nicht so hinnehmen könne, ohne sich auch Fixe Ideen. 81 einen activen Antheil daran zu vindiciren; es kommt ihm gewisser- massen als eine Beeinträchtigung vor, dass Jemanden eine Ehre von etwas zufallen soll, ohne dass er auch ein Stück davon hat. Wo er daher nothgedrungen einem Anderen die Ehre geben muss, etwas erlebt, gethan zu haben, travestirt er sich sein Anerkennen dahin, dass das- selbe seinerseits eine Erinnerung ist, d. h. er behauptet, es ist schon einmal dagewesen. 13) Griesinger im Archiv für Heilkunde 1866 S. 345. 357. Griesinger legte sich diese Mitempfindungen und Mitvorstellungen als Ausbreitung von Erschütterungskreisen der Empfindungen auf ganz entfernte Vorstellungsfelder im Gehirn aus. 14) Wie ich im Verlaufe meiner Darstellung schon öfter die krankhaften Vorgänge durch Analogieen aus dem gesunden Leben zu erläutern suchte, so will ich zum Schlüsse noch eine solche Verwandt- schaft der Wahnbildung erörtern, welche von Interesse für den theolo- gischen Theil meiner Leser sein wird. In dem Leben jedes Menschen, dessen geistiges Leben kräftig angelegt ist und in dem der Wahrheits- trieb mächtig ist, kann es zu einer Periode kommen, wo er sein wirk- liches Sein im schmerzlichen Widerspruch mit dem findet, was es sein könnte. Unbefriedigt sowohl von dem, was er bisher für Genuss ge- halten hat als von dem, was er leistet, findet er zuletzt, dass er durch und durch ein Anderer werden, dass ein anderer Geist ihn durchdringen muss. Wenn dieser geistige Entwicklungsprocess, der zur Umwandlung des Menschen führt, im Sinne der Religion und unter Beziehung auf einen göttlichen Einfluss stattfindet, so nennt ihn die Kirche Wieder- geburt. Indem ich die Vorstellung von diesem Geschehen mit den psychi- schen Krankheiten in Verbindung bringe, ist es, da diess noch nie geschehen ist, wohl kaum anders möglich, als dass dabei der Eindruck des Ungewohnten und Seltsamen entsteht. Und zwar nach zwei Seiten hin, indem es sowohl den Theologen als den Medicinern scheinen könnte, als ob hier in ganz ungehöriger Weise versucht werden wollte, hetero- gene Gebiete zu vermischen. Dass dem aber nicht so ist, sondern dass gerade diese Frage mit dazu dienen wird, die Gebiete dieser Wissen- schaften scharf von einander abzugränzen, ohne eine derselben in ihrem Rechte zu verkürzen, das hoffe ich sofort zu zeigen. Die Kirche versteht unter Wiedergeburt eine Umwandlung des inneren Menschen, durch welche er in ein anderes, innigeres und leben- digeres Verhältniss zu Gott tritt. Ihre Vorbedingungen sind die Busse, die Bekehrung und der Glaube, ihre Wirkungen die Rechtfertigung und die Heiligung, und die Gesammtheit dieser Zustände kommt dem Subject zum Bewusstsein, wenn sich dieses auch von der Art, wie sie Hagen, Studien. 82 Fixe Ideen. zu Stande komme, als von einem Mysterium, eine deutliche Vorstellung nicht machen kann. Damit nun dieses Alles vor sich gehen kann, ist erstens überhaupt ein Subject erforderlich, in welchem es geschieht, und zweitens ein Subject mit bestimmten Kräften und Vermögen. Denn da es eine Heiligung, eine Bekehrung an und für sich, gewissermassen abstract, ohne einen Menschen, welcher bereut, welcher glaubt, nicht geben kann, so muss der Mensch dieser Zustände, wenn er in sie versetzt werden soll, überhaupt fähig sein, er wird nur in sie treten können, sofern gewisse Vermögen und Kräfte, die ihm von Natur zu- kommen, in Wirksamkeit gesetzt werden. Ich will die Summe dieser Voraussetzungen, ohne welche das ganze subjective von Statten gehen, nicht blos bei der Wiedergeburt, sondern bei der Religion überhaupt, nicht gedacht werden kann, die anthropologische Grundlage desselben nennen. Ist nun diese einmal vorhanden, so müssen nach allgemeinen psychologischen und physiologischen Gesetzen, welche unter allen Um- ständen ihre Geltung behalten müssen, die zu ihr gehörigen Vermögen durch alle Anlässe, welche mit ihnen eine Verwandtschaft haben, ihnen adäquat sind, also nicht etwa nur durch eine, in Thätigkeit gesetzt werden können. Andererseits vermag der kräftigste äussere Anreiz den Erfolg, den man sonst von ihm gewöhnt ist, nicht hervorzurufen, wenn die Fähigkeit, welche ihm zu antworten hätte, abgestumpft oder er- loschen ist. Ich will diess durch ein paar Beispiele erläutern. So sehr auch die Kirche von ihrem Standpuncte aus im Rechte sein mag, wenn sie den Glauben als eine Wirkung der göttlichen Gnade bezeichnet, so wird doch auch Niemand zu läugnen im Stande sein, dass der Glaube überhaupt, auch der religiöse, spontan und von selbst durch die natürliche Entwicklung des Menschen in diesem zu Stande kommen könne. Die vor-christlichen und die nicht - christlichen Reli- gionen sowie die mannichfaltigen Arten des Aberglaubens beweisen diess zur Genüge. Wo diese allgemeine Glaubensfähigkeit nicht vor- handen ist, da kann auch der Glaube im Sinne des Dogmas keinen Boden finden, es ist kein Gefäss da, in das er sich ergiessen könnte. Das beweisen die psychischen Krankheiten. Ein Melancholischer, der an seinem Seelenheil verzweifelt, kann nicht glauben, und so lange er in diesem Zustande ist, ist alle geistliche Zuspräche, sind alle Mittel der Heilsordnung vergeblich. Und wenn Dr. Guggenbühl erzählt, dass seine Cretinen auf dem Abendberge beim Anblick der von der aufgehen- den Sonne beschienenen Jungfrau von Gottesgedanken ergriffen und zur Anbetung hingerissen wurden — wer Cretinen kennt, wusste von jeher, was er davon zu halten hatte. So ist es auch mit der Bekehrung. Dass allmählich oder plötzlich durch einen erschütternden Eindruck oder durch eine gefundene Fixe Ideen. 83 Wahrheit eine Umwandlung der ganzen Lebensanschauung eines Men- schen eintreten kann, auch ohne dass ein religiöses Moment im Spiele ist, wer möchte das bezweifeln? Kann nicht auch irgend ein In- differentist oder ein Atheist durch irgend eine Enttäuschung oder durch die Resultate seines Denkens, zu einer völligen Umänderung seiner Grundsätze, seiner Lebensweise, seiner Schätzung der Mitmenschen ge- langen? Sind nicht solche Epochen, wenn auch wenig deutlich nach aussen hervortretend, am Ende in dem Leben der meisten Menschen nachweisbar, entweder als Läuterungsperioden oder als Perioden tieferen Verfalls, wenn auch nur in dem vulgären Lebensegoismus? Die Psychologie als Naturwissenschaft nun muss, indem sie diese Thatsachen auf Gesetze zurückzuführen strebt, eine solche conversio als Wirkung bestimmter theils im Individuum theils in den dasselbe umgebenden Einflüssen liegenden Umständen und Verhältnissen ansehen, sie mag nun dabei mehr den allmählichen Einfluss neuer Umgebungen oder den Eindruck erschütternder Lebensereignisse auf das Gemüth oder mit den Herbartianern die Umgestaltung der alten die Appercep- tion besorgenden Vorstellungsmassen durch eine neue fremdartige Vor- stellung in den Vordergrund stellen. All das lässt sich denken, ohne dass der Vorgang eine religiöse Färbung in christlichem Sinne hat. Die religiöse Wiedergeburt kann nun noch hinzutreten, sie kann aber auch ausbleiben. Wo sie hinzutritt, wird die Kirche jene ihr vorher- gehenden Umwandlungsprocesse als die Wirkungen der vorbereiten- den Gnade ansehen und somit schon zum Processe der Wiedergeburt in ihrem Sinn rechnen. Die Psychologie hat kein Interesse, ihr diess abzustreiten, wenn ihr nur andererseits das Recht vorbehalten bleibt, den Vorgang in ihrer Weise nach natürlichen Gesetzen zu erklären. Missverständnisse ergeben sich nur dann, wenn die beiderseitigen Ge- biete vermengt werden und die Wissenschaften in einander übergreifen. So gut diess die Theologie thun würde, wenn sie jede Möglichkeit einer inneren Umwandlung, welche nicht zugleich Wiedergeburt in geistlichem Sinn wäre, abläugnen würde, so sehr würde auch die Psychologie im Irrthum sein, wenn sie die Existenz einer christlichen Palingenesie des- halb verwerfen würde, weil sie derartige Umwandlungsprocesse schon anthropologisch hinreichend erklären zu können glaubt. Kehren wir nun zu unserem eigentlichen Gegenstand zurück. Der Zweck dieser Digression war der Nachweis und die Anerkennung, dass eine geistige Umwandlung, eine Regeneration des inneren Menschen möglich und wirklich ist innerhalb der Gränzen anthropologischer Vor- gänge und insofern auch dem Studium mittelst der naturwissenschaft- lichen Methode zugänglich. In vielen Menschen kommt es zu diesem Umschwung gar nicht, in anderen nur zu schwachen Anwandlungen, in wieder anderen bleiben die Blüthen ohne Frucht, und vielen schlägt 84 Fixe Ideen. der innere Kampf gar zum Unheil aus, indem sie fortan zum Princip ihres künftigen Lebens den nackten Egoismus wählen und dem Ideal abschwören. Eine krankhafte Ausartung hingegen, eine Nach- ahmung des Vorgangs, bei welcher die Natur sich zu einem Afterproduct verirrt, ist der fixe Wahn der Verrücktheit. Wie der innerlich Erneute als Ausdruck des Geistes, von welchem durchweht er künftig alle seine Beziehungen zu Gott und Welt an- schauen und durchleben soll, die Idee erkennt, die ihm nun Mittel- punct seines Denkens und Bestrebens wird, so schafft sich der Verrückte seine fixe Idee, und findet in ihr ebenso eine Ergänzung, eine Aus- füllung der Lücken, eine Tröstung und Stärkung wie jener; er hat ebenso nunmehr einen Inhalt und Ausdruck für sein ganzes jetziges Sein und Denken gefunden. Desshalb ist er denn auch durch sie so beruhigt. Obgleich der Ausbau seines inneren Menschen nur ein schein- barer ist, so täuscht ihn doch darüber das Gefühl subjectiver Befriedig- ung vollkommen, und zwar um so mehr, je dringender durch die Ge- walt seiner ins Psychische reflectirten Nervenverstimmung und des da- durch gesetzten Gefühles der Haltlosigkeit sein Bedürfniss nach einem Schwerpunct geworden war. Gleich dem Wiedergeborenen hat er nun den Grund gefunden, der seinen Anker hält, und so fest wie jener steht er im Glauben, dass er sich von diesem Grunde um keinen Preis verdrängen lassen dürfe, wenn er nicht in den Abgrund versinken wolle. So ähnlich nun hienach auch subjectiv für den Krauken die Processe der Verrücktheit und der Wiedergeburt sind, so sind doch natürlich beide Vorgänge im Grunde ihres Wesens verschieden, indem, wie ich schon bemerkte, jener nur die krankhafte Nachäffung, die Carricatur von diesen ist. Was sie unterscheidet, ist daher nicht die Form, sondern der Stoff, an welchem sich der Vorgang vollzieht. In beiden Fällen handelt es sich um eine geistige Gährung; aber die eine führt zum Leben und die andere zum Tode. Die Wiedergeburt ist eine normale Entwickelung geistigen Lebens aus dem alten heraus, die Ver- rücktheit ein abnormer Vorgang, dessen Product aber, bei der Aehn- lichkeit des inneren Eindruckes von dem Kranken falsch beurtheilt wird. Ja, der Kranke kann sogar glauben, er sei wiedergeboren im Sinne der Kirche, und dieser Glaube kann doch nichts Anderes sein als ein krankhafter Wahn, und wird diess um so mehr sein, je mehr und lauter sich der Kranke dessen rühmt. Es ist mir mehr als ein verrückter Bauer vorgekommen, welcher predigte und Lehren der Weis- heit vortrug und alle Zurechtweisungen mit der Erwiderung abfertigte, davon verstünden wir nichts, wir steckten noch im Fleisch er aber sei wiedergeboren aus dem Geist. Eine alte Patientin, welche auch be- hauptete, dass sie niemals sterben werde (sie wurde nahezu 80 Jahre alt) motivirte ihre öfteren Entlassungsgesuche damit, dass sie nicht Fixe Ideen. 85 hierher gehöre, weil sie ein erneuerter Mensch sei. Eine andere noch in der Anstalt befindliche Kranke war um die Zeit, wo ihr an- fänglicher melancholischer Verfolgungswahn sich in Verrücktheit um- setzte, öfters bettlägerig, sehr unwohl und von allerlei peinlichen Em- pfindungen gequält; aber öfters waren diese Empfindungen auch von einem süssen Schauer begleitet und sie erklärte ausdrücklich, sie spüre, wie der alte Mensch ausgezogen werden solle und das neue Leben überall, unter der Haut, in den Fingern und Zehen, im Gesicht, ja in der Mundhöhle durchzubrechen sich anschicke. Einer der eben erwähn- ten Bauern wusch sich öfters nicht gehörig, und darüber zur Rede gestellt, sagte er allen Ernstes, der Schmutz auf seiner Haut sei ja nur die Schlacke des alten Menschen, und das Waschen werde so lange nichts helfen, als dieser Erneuerungs- und Läuterungsprocess noch im Gange sei. Ein alter Verrückter, der sich für den erwählten Präsidenten der deutschen Republik hält und seit Jahren nicht mehr am Abendmahl Theil nimmt, erwidert, darüber befragt, gewöhnlich, ihm sei diess nicht mehr nöthig; warum? er habe die Religion bereits so erfasst, dass er gar nicht mehr sündigen könne, und also auch nichts zu beichten habe. Meinen Zweifel schlug er mit der Aufforderung nieder, ihm einmal eine bestimmte Sünde nachzuweisen. Ich konnte es nicht. Die Jungfrau von Orleans. W enn es als einer der Zwecke des pbilomathischen Vereins, als eines Vereines akademischer Lehrer, gelten darf, von der Zu- sammengehörigkeit und dem innigen Zusammenhange der einzelnen, sonst oft weit auseinandergehenden, Disciplinen Zeugniss abzulegen, so werden diesen Zweck besonders solche Themata zu erfüllen ver- mögen, an welchen mehrere Wissenschaften, jede von ihrem Stand- puncte, Theil haben. So habe ich denn für den heutigen Abend einen Gegenstand gewählt, welcher dem Gebiete der Geschichte entnommen ist, aber weniger, um ihn historisch als vielmehr um ihn anthropologisch oder medicinisch zu betrachten, nämlich die Geschichte der Jungfrau von Orleans. Bei der Allbekannt- heit der Thaten und Schicksale dieser Heldin kann natürlich eine Erzählung derselben nicht in meiner Absicht liegen; da ich die- selben so wie die damalige Zeit- und Weltlage als bekannt voraus- setzen darf, so habe ich mir nur die Erörterung eines einzigen Punctes vorgenommen, der aber freilich der wichtigste in dieser Sache und ohne dessen Aufklärung ein Verständniss dieser Er- scheinung nicht wohl möglich ist, nämlich der Visionen Johanna's und der Beziehungen derselben zu ihrem gesammten geistigen Leben und Wirken 1). Jeanne d'Arc war geboren in Domremi, einem Dorfe an der Gränze von Champagne und Lothringen den 6. Januar 1412. Sie wurde ganz wie ein gewöhnliches Landmädchen aufgezogen und half ihrer Mutter in ihren häuslichen und bäuerlichen Arbeiten; dass ihr vorzugsweise das Hüten der Schafe überlassen gewesen sei, ist eine Fabel. Ebenso die Geschichte von dem geheimnissvollen Baum, einer Eiche oder Buche, unter welchem es gespuckt und wo sie zuerst den Verkehr mit Geistern gelernt habe; vielmehr war sie nie abergläubisch. Was in Hinsicht auf unseren Gegenstand wirk- lich historisch beglaubigt ist, ist Folgendes. 90 Die Jungfrau von Orleans. Im Jahre 1425, also in ihrem 13. Lebensjahre, befand sich Johanna an einem Sommertage, den Tag nach einem Fasttag, im Garten ihres Vaters. Da hörte sie auf einmal eine Stimme, als ob man sie rufe, und zugleich erschien ihr eine grosse Helle zu ihrer Rechten von der Seite der Kirche her. Sie hörte dann auch eine Stimme, welche sie ermahnte, forthin auf der Bahn der Tugend zu wandeln und ein gutes Mädchen zu sein, und ihr die Hülfe Gottes versprach. Nachdem dieses erste Ereigniss vorüber war, zweifelte Johanna anfangs selbst an Dem, was sie vernommen und blieb mehrere Wochen lang ganz ruhig. Die Lichterscheinung wiederholte sich jedoch später, und nun bildeten sich aus derselben auch Gestalten heraus. Jetzt erst erfuhr sie, dass der, welcher zuerst zu ihr gesprochen habe, der Erzengel Michael gewesen sei. Zuerst scheinen sich die Visionen ziemlich in vierwöchentlichen Typus gefolgt zu sein, wurden aber weiterhin immer häufiger und belebten sich mit zahlreicheren Gestalten; ausser dem Erzengel Michael erschien ihr nun auch noch Gabriel mit den himmlischen Heerschaaren zu vielen Tausenden, die heilige Katharina und die heilige Margaretha; sie waren mit schönen Kronen reich und kost- bar geschmückt. Die umgebenden Engel hatten gemeiniglich sehr kleine Dimensionen, waren aber in unendlicher Anzahl vorhanden; sie sah dieselben sehr deutlich, und, wie sie ausdrücklich immer hervorhob, nicht mit geistigem, sondern mit leiblichem Auge. Aber noch immer ging dem Erscheinen der Gestalten ein Lichtglanz voraus und diese selbst scheinen nicht immer so ganz bestimmt gewesen zu sein. So fest sie auch überzeugt war, Engel und Hei- lige zu sehen, so konnte sie doch dieselben immer nur im Allge- meinen beschreiben; sie sehe eigentlich nur das Gesicht deutlich; betreffs der Haare, der Glieder und des übrigen Körpers erhielt der Inquirent nur negative Antworten; über Bekleidung und Alter etwas mitzutheilen habe sie die Erlaubniss. Auf ihrer Fahne Hess sie die beiden Engel abbilden, und als sie nun späterhin bei der Untersuchung gefragt wurde, warum sie die Engel mit Armen, Füssen, Beinen, Kleidern habe malen, und ob sie jene Engel habe abbilden lassen, welche zu ihr kamen, erwiderte sie: »Ich habe sie abbilden lassen, wie sie in den Kirchen abgebildet werden.« Auf die weitere Frage, ob sie dieselben in der Art gesehen habe, Die Jungfrau von Orleans. 91 wie sie auf der Fahne dargestellt waren, antwortete sie: »Ich sage euch weiter nichts.« Was die Stimmen betrifft, so Hessen sich dieselben zu ver- schiedenen Zeiten hören, aber vorzüglich um die Zeiten des Glocken- läutens, früh, zur Vesper und Abends beim Angelus. Einmal (schon im Gefängniss) kam die Stimme, während sie schlief und weckte sie auf; sie brauchte damals einige Zeit, bis sie dieselbe verstand. Die Wahrnehmung der Stimme wurde begünstigt durch massiges, etwas entferntes Geräusch, wie eben Glockenklänge, dann das Säuseln des Windes in den Bäumen, während dagegen ein un- geordnetes Lärmen ihr die Laute in ihrem Ohre verwirrte und sie viele der an sie gerichteten Worte verlieren Hess, was namentlich oft in ihrem Gefängniss der Fall war. In ihren Unterredungen mit den Stimmen unterschied sie verschiedene Intonationen, nach welchen sie die Redenden unterschied; denn nicht immer war mit den Stimmenhören auch sofort eine Visiou verbunden, obgleich sie später selten Stimmen hörte, ohne dass nicht wenigstens die all- gemeine Lichterscheinung, welche sie ursprünglich hatte, sich damit verbunden hätte. Der Inhalt derselben ging von allgemeinen Er- mahnungen allmälig zu Aufforderungen, zum Geheisse bestimmten Handelns über und zuletzt verging kein Tag mehr, ohne dass sie die Stimmen hörte. Auch die Sinne des Geruchs und Gefühls scheinen sich be- theiligt zu haben. Johanna wurde in ihren Verhören u. A. auch gefragt, ob die Heiligen gut gerochen hätten, was sie bejahte, so wie auch, dass sie zuweilen von denselben umarmt worden sei. Diese Erscheinungen nun währten von ihrem ersten Beginn bis zu Johanna's öffentlichem Auftreten sechs Jahre. Sie lebte im Verkehr mit ihren Heiligen, ohne dass sie jedochv dabei in ihrer äusseren Lebensweise etwas änderte. Man sah sie zwar öfters ihre Gespielen verlassen, bei Seite gehen und wie mit unsichtbaren Wesen sprechen, wesshalb man sie bespöttelte, aber Niemand wusste, was in ihr vorging, nicht einmal ihr Beichtvater. Sie hielt die Sache geheim, weil sie die Zeit des Handelns noch nicht für ge- kommen erachtete und sich vor den Fallstricken der Burgunder und dem Widerstand ihres Vaters fürchtete. Denn schon bald hatte ihr der heilige Michael gesagt, dass der König Hülfe nöthig habe, ihr den Jammer des Landes geschildert, und die Erscheinung der 92 Die Jungfrau von Orleans. heil. Margareth und Katharina verkündigt, welche ihr Gottes Be- fehl kund thun würden. Dieser bestand, wie bekannt, in dem Auftrag, ihrem König in der Befreiung des Landes von den Eng- ländern beizustehen. Mit der wachsenden Gefahr des Landes kamen die Erscheinungen immer häufiger; zwei und dreimal in der Woche wiederholten ihr die Stimmen, dass sie sich aufmachen solle, um Orleans zu entsetzen und ihren König zur Krönung zu führen. Da die Stimmen sich niemals widersprachen und niemals ein einmal gegebenes Geheiss wieder von denselben zurückgenommen wurde, so vertraute sie zwar denselben und gelobte sich, ihnen zu folgen; als aber nun endlich der bestimmte Befehl an sie erging, nach Vaucouleurs zu Robert von Baudricourt, dem Commandanten des Ortes zu gehen, welcher sie führen würde, wohin sie wünsche — da erschrack sie nun doch; und so begeistert und ungeduldig sie auch früher, als die Aufforderungen nur allgemein waren , gewesen war, so erwiderte sie nun: sie sei ja nur ein armes Mädchen, welches weder zu reiten noch Krieg zu führen verstehe. Die Stimme überwand ihr Widerstreben und nun bewog Johanna ihren Oheim, sie (am 13. Mai 1428) nach Vaucouleurs zu führen, wo sie den Herrn von Baudricourt, den sie vorher niemals gesehen hatte, so- gleich unter den Seinigen erkannte. Sie wurde indessen mit ihren Anträgen nicht gut aufgenommen; Baudricourt sagte zu ihrem Oheim, es wäre das Klügste, sie nach einigen tüchtigen Ohrfeigen wieder zu ihrem Vater zu bringen. Die Stimmen sollen ihr diese Schmach vorausgesagt haben. Traurig kehrte sie heim; aber an Ruhe war nicht zu denken. Die Noth der Stadt Orleans nahm täglich zu und die Stimmen wurden immer dringender, ja drohend. Gott sprach durch sie: »Und wenn ich 100 Aräter und 100 Mütter hätte, und wäre des Königs Tochter, ich würde gehen.« So ver- liess sie denn die Aeltern zum zweiten Mal, dieses Mal ohne Ab- schied zu nehmen; doch bat sie dieselben späterhin desshalb um Verzeihung. Wieder begab sie sich nach Vaucouleurs. Der Anhang, welchen sie mehr und mehr unter dem Volke fand, bestimmte den Ritter Baudricourt, nun doch endlich aus seiner Gleichgültigkeit herauszutreten; er berichtete an den Hof zu Chinon, und dieser unterrichtete sich mit grösster Vorsicht, ob sie nicht der Magie ergeben sei, schickte Geistliche nach Vaucouleurs, um Nachrichten über ihre Sitten, ihre Lebensweise, ihre religiösen Uebungen zu Die Jungfrau von Orleans. 93 sammeln, Hess sie heimlich Tag und Nacht beobachten, ob sie nicht mit abgefallenen Geistern verkehre, und durch Weiber ihre Jung- fräulichkeit prüfen. Endlich kam man dann doch so weit, ihrer Unternehmung kein Hinderniss mehr entgegenzusetzen. Am 13. Febr. 1429 entliess Baudricourt sie mit sechs Bewaffneten, gab ihr ein Schwert, und sagte beim Abschied zu ihr: »Geht nun, geht; und komme, was da kommen mag.« In Chinon angekommen, wurde sie nochmals mehrfachen Prüfungen unterworfen; vor einem Tribunal von Gottesgelehrten in Poitiers und dann durch die hohen Damen des Hofes; und Alle überzeugten sich von der Reinheit ihres Herzens und ihren höhen Geistesgaben. Was nun weiter sich begab, wie sie ausgerüstet wurde, in Orleans einzog, die Engländer in ihren Schanzen vor der Stadt angriff und zur Aufhebung der Belagerung zwang, wie sie trotz aller Missgunst und aller Intriguen einer ihr feindseligen und hinderlichen Partei doch einen Erfolg um den anderen errang, wie sie die Burg Jargeau stürmte, dann den Lord Talbot bei Patay in offener Feldschlacht schlug und den Dauphin durch die Feinde hindurch nach Rheims zur Krönung führte, wie sie dann bei einem Ausfall aus Compiegne, das sie entsetzen wollte, gefangen wurde, ist bekannt. Für meinen Zweck genügt es zu bemerken, dass Johanna die Visionen auch jetzt noch fortwährend hatte, sowohl im Felde und im Getümmel der Schlacht, als im Gefängniss; eine Zeit lang waren sie von Unglück verkündender, dann aber wieder von tröstender Art. Sie starb den Feuertod in Rouen am 30. Mai 1431, erst 19 Jahre alt. Ich habe mit Absicht nur von einer Seite des Auf- tretens Johanna's gesprochen, von ihren Visionen, weil eben nur diese der Gegenstand unserer Betrachtung sein sollen, und es schon um der Zeit willen gerathen scheint, den Kreis derselben möglichst enge zu ziehen. Es wird dabei zwar allerdings nicht möglich sein, die anderen merkwürdigen an ihrer Persönlichkeit hervortretenden Eigenschaften, ihre Glaubenstreue, ihren Heldenmuth unerwähnt zu lassen; ich werde dieselben aber, um Wiederholungen zu vermeiden, erst im Laufe unserer Erörterungen am geeigneten Orte in Er- wägung ziehen. Wer sich gegen eine so wunderbare Erscheinung, wie die in Rede stehende, nicht überhaupt indifferent verhält, sie dahingestellt sein lässt, oder schlechthin ohne weitere Gedanken darüber hin- 94 Die Jungfrau von Orleans. nimmt — der kann sich gegen sie nur in zweierlei Weise verhal- ten : er muss entweder überhaupt ihre Existenz skeptisch bestreiten oder sich bestreben, sie zu erklären. Das Erste ist wohl niemals in vollem Ernste versucht wor- den, und was in dieser Richtung geschehen ist, ist so zu sagen, immer nur partiell gewesen, es ist niemals die ganze Begebenheit als solche angefochten worden. Zwar, so sollte man meinen, ist gerade eine Geschichte wie diese, so recht dazu angethan, Zweifel gegen ihre Aechtheit zu erregen, und alle Schwierigkeiten ihrer Erklärung wären am schnellsten abgethan, wenn man sie als einen Mythus nachweisen könnte. Es geht aber nicht. Denn so zwei- fellos auch andere lange Zeit als historisch angenommene Thatsachen von der Kritik als unhistorisch erwiesen worden sind — in unse- rem Falle muss diese anerkennen, dass die Geschichtserzählung von Johanna D'Arc, wie sie uns überliefert worden ist, in allen wesent- lichen Puncten eine richtige und begründete ist. Ist ja ausser den Berichten der Zeitgenossen noch ihr ganzer Process sammt allen Protokollen wohlerhalten vorhanden 2). Die Sache ist also actenmässig. Aber es gibt andere, es gibt, wie schon bemerkt, partielle Anzweiflungen; so soll z. B. bestritten worden sein, dass Johanna wirklich verbrannt worden sei — oder ihre wirkliche Be- geisterung wurde geleugnet und sie zu einer Buhlerin der franzö- sischen Heerführer gemacht, die sie für ihre Zwecke benützt hätten. Alle diese Ausdeutungen zerfallen vor der constatirten historischen Wirklichkeit. Müssen wir also die Thatsachen, wie sie sind, annehmen, so bleibt nur noch übrig, ihre Erklärung zu versuchen. Diese kann eine mehrfache sein. Für den, welchem ein sinnliches Einwirken der Geisterwelt auf die Menschen als möglich und wirklich noch stattfindend gilt, wird die Annahme nahe liegen und selbstver- ständlich erscheinen, dass die Erscheinungen Johanna's wirkliche gewesen seien, d. h. dass die Erzengel Michael, Gabriel, die heilige Margareth und Katharine ihr wirklich erschienen und dass es buchstäblich die Befehle Gottes waren, welche sie ihr mittheilten. Diese Anschauung ist wesentlich eine Sache des Glaubens, denn gewusst werden kann ein solches Sachverhältniss nicht. Es kann weder sein Bestehen noch das Gegentheil bewiesen werden; denn um eine Thatsache als objectiv gültig festzustellen, ist es nach allen Die Jungfrau von Orleans. 95 jetzt angenommenen Gesetzen der Forschung unerlässlich, entweder ein Experiment zu machen, das ein Jeder muss nachmachen können, oder, wo das Experiment nicht möglich ist, uns ih die Lage zu versetzen, dass wir die gleiche Beobachtung ebenfalls machen kön- nen, oder nachzuweisen, dass dieselbe von mehreren glaubhaften und unbefangenen Zeugen gleichzeitig gemacht wurde. Weder Je- nes noch Dieses ist aber bei diesen Erscheinungen der Fall; denn es ist ja eben das Eigenthümliche der Visionen, dass Andere, als das betreffende Individuum, nichts sehen. Nun kann zwar hiegegen erwidert werden, dass die Visionäre eben eine eigenthümliche feinere Organisation hätten, vermöge deren ihr Auge und Ohr noch für Einwirkungen fähig sei, für welche andere Sterbliche unem- pfänglich seien. Ich gebe zu, dass in der menschlichen Natur noch Kräfte verborgen liegen können, von welchen wir noch wenig wis- sen, und welche auch nur in wenigen Persönlichkeiten zur Entfal- tung kommen; denn nichts wäre thörichter, als wenn wir uns ein- bildeten, das Gebiet der anthropologischen Phänomene für alle Zeiten abgepflockt zu haben. Aber es liegt eben in der Behauptung eine petitio principii; was bewiesen werden soll, dass nämlich die er- schienenen Gestalten wirklich objective, äusserlich vorhandene, ge- wesen seien, ist als factisch schon vorausgesetzt, und nur hinterher soll durch eine Hypothese erklärt werden, warum sie anderen Leu- ten nicht erschienen. Dieses wirkliche Vorhandensein der erschie- nenen Personen ist aber nicht zu erweisen, schon desshalb nicht, weil weder durch die allgemeine Erfahrung noch durch wissen- schaftliche Mittel darzuthun ist, dass es einen Erzengel Michael oder Gabriel überhaupt gibt. In der Begebenheit, von der eben die Rede ist, selbst liegt nichts, was mit Bestimmtheit für eine solche Annahme spräche. Stellt man nun überdiess die Erwägung an, dass, wenn man einmal die objective Realität dieser Erschei- nungen zugibt, man dieselbe Eigenschaft nothwendig auch einer Menge anderer Vorkommnisse zuschreiben musste, die sich noch heut zu Tage ereignen, die aber ohne allen Zweifel dem Gebiete der Krankheit angehören, so ist man genöthigt, die äussere Realität der fraglichen Vorgänge aufzugeben 3) und deren Erklärung ledig- lich als innerer zu versuchen. Erklären heisst, eine Erscheinung auf ihre Gründe zurück- führen, ihren inneren Zusammenhang mit anderen uns schon be- 96 Die Jungfrau von Orleans. kannten Thatsachen aufzeigen, sie von als bestehend bereits nach- gewiesenen Gesetzen ableiten. Wollen wir uns hienach eine Ein- sicht verschaffen, wie Jeanne d'Arc zu ihren Visionen gekommen sein möge, so werden wir uns nach analogen, ähnlichen oder glei- chen uns schon bekannten Zuständen umzusehen und zu prüfen haben, ob die bei dieser bereits als erprobt befundene Erklärungs- weise nicht auch auf diesen Fall anzuwenden sei. Hier ist nun freilich vor Allem zu bedauern, dass die Be- richte, welche über Johanna vorliegen, in Bezug auf Umfang und Genauigkeit der Thatsachen Manches zu wünschen übrig lassen. Indessen, wenn man bedenkt, dass die Untersuchung, welche gegen sie geführt wurde, ganz andere Zielpuncte hatte, als sie eine me- dicinische sich gesetzt hätte, so muss man sich nur wundern, dass wir doch noch so viel interessantes Detail haben, ein Detail, wel- ches hinreicht, den Fall unter andere uns bekannte zu grnppiren. Für's Erste muss von vorn herein die Idee abgewiesen wer- den, dass es sich hier lediglich um Geschöpfe der Phantasie oder um das handle, was man Ekstase oder Verzückung zu nennen pflegt 4). Was das erste betrifft, so sagte Johanna selbst, dass sie die Heiligen nicht mit geistigem, sondern mit leiblichem Auge sehe, und der Begriff der Verzückung schliesst ein gleichzeitiges völliges Entrücktsein aus der wirklichen Umgebung und ein Nicht- wahrnehmen derselben ein, Umstände, welche bei dem Sehen und Stimmenhören Johanna's niemals Statt hatten. Ihre Erscheinungen gehören vielmehr dem Gebiete der subjectiven Sinnesempfindungen, und zwar jener derselben an, welche man insgemein Hallucina- tionen nennt. Der blendende Lichtglanz, die Gestalten, welche sich allmälig aus demselben herausbilden, ganz besonders aber die Stimmen, welche Johanna hört und durch welche ihr Verkehr mit Geistern höherer Ordnung geschieht, Stimmen, welche sie ermuntern, trösten, auffordern, ihr gebieten — wer nur irgend einige Erfahrungen über Geisteskrankheiten hat, der muss gestehen, dass das eine Sympto- menreihe ist, wie sie eben bei Geisteskranken hundertfältig beob- achtet wird. In der That hat es, namentlich als die Lehre von der s. g. Monomanie an die Tagesordnung kam, nicht an Leuten gefehlt, welche die Jungfrau von Orleans schlechthin für eine Gei- steskranke erklärten, und zwar ist diess vorzugsweise von ihren Die Jungfrau von Orleans. 97 eigenen Landsleuten geschehen, von welchen ich nur Calmeil, Lelut und Moreau nenne. So widerwärtig eine solche Annahme auch in manchen Augen erscheinen mag, so kann doch eine solche Ent- rüstung kein Beweis für ihre Falschheit sein. Ueberdiess wäre der Ehre der Jungfrau dadurch nicht zu nahe getreten; denn geistes- krank zu sein ist keine Schande, weder in Hinsicht auf den Cha- rakter, da lautere und innige Gemüther der Gefahr, es zu werden, sogar mehr ausgesetzt sind, noch auf Intelligenz, denn grosse Genie's sind in Wahnsinn verfallen und die berühmtesten Männer zählen unter ihren Familiengliedern in auf- und absteigender Linie Geisteskranke. Die Hauptsache ist einfach: ob die Annahme richtig ist oder nicht, und wenn sie sich bewähren würde, so wären wir zwar einer schö- nen Täuschung mehr verlustig geworden, wir müssten uns aber darein fügen, des Glaubens dass die Fügungen des Himmels wun- derbar sind, und er auch durch Wahnsinnige grosse Dinge thun kann. Diejenigen, welche bei dem Mädchen von Orleans eine Gei- stesstörung annehmen, führen dafür gar manche wichtige Gründe an. Es kann sich hier allerdings nur um eine einzige Form der Seelenstörung handeln; denn von einer gewöhnlichen Tobsucht oder Manie, von einer gewöhnlichen Schwermuth oder einer Narrheit im engeren nosologischen Sinn oder gar von Blödsinn kann hier gar keine Rede sein. Es bleibt also nur die Form der partiellen Ver- rücktheit übrig, welche man auch als eine Art der s. g. Mono- manie bezeichnet hat; man erklärt die Jeanne d'Arc für eine Mo- nomane, Calmeil speciell für eine Theomane. Auf diesen Punct allein also haben wir unsere Beurtheilung zu richten, und uns zu fragen, ob das Mädchen von Orleans jene Symptome darbietet, welche wir als die Kennzeichen einer solchen partiellen Verrückt- heit anzusehen pflegen. Eines der bekanntesten Symptome der Verrücktheit, und ihr besonders eigenthümlich, so dass das Vorhandensein des- selben überhaupt schon eine starke Präsumtion gerade für diese Form erwecken muss, sind die Hallucinationcn. Unter Hal- lucinationen versteht man sinnliche Wahrnehmungen von Din- gen , die nicht wirklich existiren. Ich sage, sinnliche Wahr- nehmungen, weil die fraglichen Eindrücke eben als reelle Sinnes- affectionen erscheinen und durchaus nicht mit blossen Wahnvor- Hagen, Studien. 7 98 Die Jungfrau von Orleans. Stellungen oder Phantasiebildern verwechselt werden dürfen, wess- halb denn Alles, was Traum und Träumerei ist, nicht zu diesem Gebiet gezogen werden darf. Bei den Verrückten kommt es nun, namentlich im Beginn ihrer Krankheit, doch auch zuweilen noch im Verlaufe derselben, öfters vor, dass sie mit offenen Augen und bei vollem Bewusstsein allerlei Gestalten ausser sich sehen, bald leblose Figuren verschiedener Art, Sonnen, Sterne, bald Per- sonen, Bekannte und Unbekannte, Heilige, Engel. Wie bei Jeanne d'Arc, so besteht auch bei ihnen die erste Vision oft blos in einer lebhaften Lichterscheinung, einer glänzenden Fläche oder Wolke, einem Strahlenbüschel, aus welchem sich erst später bestimmte Umrisse und in sich gegliederte Gestalten herausbilden. Noch häufiger, und zwar durch den ganzen Verlauf der Krankheit, also meistens das ganze Leben hindurch vorhanden, sind die Hallucina- tionen des Gehörs; in einer nur einigermassen grösseren Irrenan- stalt sind diese Gehörstäuschungen ein dem gesammten Personal wohlbekanntes Vorkommniss. Die Stimmen, welche die Kranken hören, sind bald unangenehmen Inhalts, indem sie Vorwürfe erheben, be- schimpfen oder drohen und Unheil verkünden, oder angenehmen Inhalts, indem sie dem Kranken die göttliche Gnade verkündigen, ihm Macht und Ehre prophezeien, ihm hohe Weisheit mittheilen, ihm Aufträge und Befehle geben. Die fixen Ideen der Verrückten finden ihren Ausdruck häufig nur in solchen Sinnestäuschungen; umgewendet werden ihre Wahnvorstellungen durch nichts so sehr befestigt als durch die Hallucinationen, welche für den Kranken die ganze Ge- walt und Wucht unbestreitbarer sinnlicher Erfahrungen haben. Dass die Geisteskranken mit solcher Festigkeit und Ueberzeugungstärke an ihren Wahngebilden hängen, hat daher zum Theil seinen Grund in ihren Hallucinationen, von denen ihr ganzes Seelenleben in An- spruch genommen, so zu sagen, gebannt ist. Und auch Johanna's Standhaftigkeit und Unerschütterlichkeit stützte sich vorzugsweise auf ihre Visionen. Die s. g. Monomanen verlieren ferner für alles Andere, für ihren eigentlichen Beruf, für das Wohl und Wehe ihrer Familie, das Interesse, um ganz nur in ihren Ideen zu leben; auch die Jung- frau verliess ihre gewohnten ländlichen Beschäftigungen, ihr Dorf, ihre Aeltern, um dem mächtigen Zuge zu folgen, der sie trieb, und für die Regungen der geschlechtlichen Liebe war sie unem- pfänglich. Die Jungfrau von Orleans. 99 Die Hallucinationen haben endlich auch einen mächtigen Ein- fluss auf den Willen. Wird dem Menschen durch Stimmen, die er täglich hört, unablässig etwas vorgesagt und zwar in einer Weise, dass er all' Das wirklich zu hören vermeint, so lässt er um so mehr seine Entschlüsse dadurch bestimmen, als eben das Gehörte natürlich vollkommen mit seiner Stimmung harmonirt. Ausbrüche von Jäh- zorn und Gewaltthätigkeit, wenn Kranke sich auf diese Weise be- schimpft glauben, und die Worte als von Jemandem aus der Um- gebung kommend annehmen, sind bei Geisteskrankheiten häufig und die Annalen der gerichtlichen Medicin bewahren nicht wenig Fälle auf, wo der so entstandene Wahn verfolgt zu werden, zu Verbrechen führte, bald um der Rache, bald um der Selbstvertheidigung willen. So kann denn der Kranke auf diese Weise auch den gött- lichen Auftrag zur Vollführung eines Werkes zu erhalten glauben, und dasselbe in dem festen Glauben, damit den göttlichen Willen zu thun, vollziehen. Auch auf diesem Wege ist es schon zu bluti- gen Unthaten, zumal an den Gliedern der eigenen Familie, ge- kommen. Wie solche Kranke, so hat auch Jeanne d'Are stets auf das Bestimmteste erklärt, dass das, was sie gethan, nicht die Voll- führung eigener Gedanken und Vorsätze, sondern die eines gött- lichen Gebotes gewesen sei, und dass sie diesem habe folgen müssen. Der Einwendung, dass ihre Klugheit, ihre Gewandtheit und Bered- samkeit sowohl im Rathe als auf dem Schlachtfelde, sich mit einer gleichzeitig vorhandenen Seelenstörung nicht vertrügen, steht die Thatsache gegenüber, dass es gar manche Monomaniker gibt, welche in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens ein ungetrübtes Ur- theil haben und ihre fixen Ideen mit ungewöhnlichem Scharfsinn vertheidigen. Endlich, um auch noch die hier so belangreichen körperlichen Zustände zu berücksichtigen, so weist der vollständige Mangel der monatlichen Reinigung, welche sie niemals hatte, ob- gleich sie sonst wohl ausgebildet war, auf etwas von der Norm Abweichendes hin. So scheint denn Alles für die Identität von Johanna's Zu- stand mit dem der partiellen Verrücktheit zu sprechen. Ja, man kann sogar die Frage so stellen, dass es schier zur Unmöglichkeit wird eine verneinende Antwort zu geben. Fragen Sie mich näm- lich was ich thun würde, wenn mir heute ein Bauernmädchen an- gemeldet würde, welches mit einer Fahne im Lande herumzöge 100 Die Jungfrau von Orleans. und verkündete, dass sie berufen sei, Deutschlands Schmach*) zu rächen, weil ih* täglich die Jungfrau Maria erscheine und ihr diess befehle — wenn Sie mich fragten, ob ich mich weigern würde, selbe in die Irrenanstalt aufzunehmen, weil sie nicht geisteskrank sei; ich musste antworten: nein, ich würde mich nicht weigern. Und ich glaube, Sie Alle würden eben so urtheilen. Desshalb kann auch dem Dauphin von Frankreich , so viele Mängel dessen Character auch hat, doch aus seiner Zögerung, auf Johanna's An- träge einzugehen, kein Vorwurf gemacht werden. Zwar betrafen in damaliger Zeit die Zweifel weniger die Gesundheit als die Integrität in Bezug auf den Teufel; da wir aber jetzt wissen, dass die Teufelsbesessenen und Hexen des Mittelalters grossentheils Geisteskranke waren, so läuft diess im Endresultat auf dasselbe heraus. Und wenn sie auch aus allen Prüfungen, welchen man sie unterzog, siegreich hervorging und sie für ein gottbegeistertes Mädchen wirklich erklärt wurde, so ist doch die Frage erlaubt, ob an dieser Anerkennung nicht auch die verzwei- felte Lage der Dinge einen grossen Antheil hatte. Die Sache des Dauphin stand so, dass sie nicht schlechter mehr werden konnte; er hatte fast kein Heer mehr und sein letztes Bollwerk Orleans war schon so viel wie aufgegeben. Unter diesen Umständen konnte ein derartiger Versuch nichts schaden, vielleicht aber doch noch nützen. Man bot ihr die Hand zuerst nur in schwachem Glauben, aber der Erfolg machte ihn stark. Wenn man nun also am Hofe zu Chinon Recht hatte, dass man Johanna nicht leichtsinnig, sondern nur nach sorgfältiger Prü- fung aufnahm, und wenn wir selbst heut zu Tage beim Auftauchen eines solchen Phänomens auf die Frage: ob geisteskrank oder nicht, uns für das Ja entscheiden würden — so wäre also die Jungfrau von Orleans in der That als eine Geisteskranke anzusehen? Keineswegs. Jene Frage, welche ich an mich selbst habe stellen lassen, hinsichtlich der Aufnahme in die Irrenanstalt, so schlagend die darauf gegebene Antwort für die Richtigkeit des Verdicts zu sein scheint, ist doch weiter nichts als eine Spiegelfechterei. Sie ist ein unpimcntum ad homhiem, das alle Mängel eines solchen trägt. *) 1864. Die Jungfrau von Orleans. \Q\ Sie ist auf ein praktisches Handeln, auf einen Entschluss gerichtet, sie will wissen, was in einem gegebenen Falle das Klügste sei. Die praktische Lebeusklugheit darf nun nicht mit Ausnahmen rech- nen, sondern im GegentheiL sie fährt am besten und gewinnt ihre Erfolge dadurch, dass sie, auf die gewöhnliche Menschenkenntniss gestützt, ihre Manipulationen nach dem berechnet, was nach der gemeinen Erfahrung das Häufigste, also das Wahrscheinlichste ist. Damit fährt man in der Regel gut, darf aber freilich nicht ver- gessen, dass eine derartige Berechnung, wohin selbst die Weisheit der Diplomaten gehört, eben gerade ungewöhnlichen Persönlichkeiten und unverhofften Ereignissen gegenüber gar oft kläglich scheitert. Visionen, wie die Johanna's, in Verbindung mit solchem Enthusias- mus, ohne dass zugleich Geisteskrankheit vorhanden wäre, sind nun so selten, dass man, wo man jene Erscheinungen findet, mit der Wahrscheinlichkeit von etwa 100,000 gegen 1 auf eine Geistes- störung schliessen kann. Wer diese also in einem solchen Falle annimmt, hat gegen den, der sie leugnet, hunderttausendmal mehr Chancen für sich, und um eben so vielmal hat er nicht allein das Recht, sondern, was bei den Leuten noch mehr bedeutet, die Lacher auf seiner Seite. Und wer mag erwarten, dass in einem gegebenen Falle gerade das seltenste und demnach unwahrscheinlichste Ver- hältniss das richtige sei? Aber diese Vorschrift der praktischen Klugheit, wobei man das Gewöhnliche annimmt, nur der eigenen Sicherheit wegen, weil man da am wenigsten Gefahr läuft, einen Fehler zu machen, der einem Nachtheil oder Spott zuzieht, ist kein Beweis für die -Rich- tigkeit einer Sache. Dieser muss den Verhältnissen entnommen werden, und wenn man diese, um practische Consequenzen unbe- kümmert, in unserem Falle scharf in's Auge fasst, so findet man, dass alle Gründe, welche die Geistesstörung der Jeanne d'Arc dar- thun sollen, vor der Kritik nicht Stich halten. Zwar kommen allerdings eine Anzahl Symptome, welche bei Geistesstörungen be- obachtet werden, auch bei ihr vor; aber es ist unrichtig, dass jene Merkmale immer eine Geistesstörung anzeigen, und andererseits bietet Johanna's gesammtes Denken, Fühlen und Thun das Bild eines Zustandes dar, für welchen man ein Analogon in den Kranken- geschichten Verrückter zu finden vergebens streben wird. Ich sagte, die als Beweise für die Geistesstörung Johanna's 102 Die Jungfrau von Orleans. angeführten Thatsachen zeigen eine solche keineswegs immer an. Damit sind vor Allem ihre Visionen und ihr Stimmenhören ge- meint. Solche Erscheinungen kommen zwar als Symptome von Seelenstörung vor, können aber auch ohne diese vorhanden sein; denn es existiren viele Beispiele, wo nicht nur Gesichtserscheinungen stattfanden, sondern auch nicht wirklich gesprochene Reden gehört wurden bei völliger geistiger Gesundheit. Ich will von denselben nur ein paar anführen. Von Socrates zwar ist es noch zweifelhaft, ob sein Dämon wirklich als eine Vision zu erklären ist. Von Ma- homet aber ist es bekannt, dass er öfters convulsivische Anfälle hatte und während, aber auch ausserhalb derselben, Gesichter sah. Der berühmte Pascal wurde einst, als er an einem Abgrund fuhr und die Pferde scheu wurden, davon so stark erregt, dass er von der Zeit an sehr oft einen feurigen Abgrund zu sehen glaubte, vor dessen Anblick er sich sogar durch einen Schirm zu schützen suchte. Und wem ist nicht die Geschichte des Berliner Nicolai bekannt, welcher Monate lang täglich Gestalten sah, dann auch ihre Unter- haltungen hörte, diese Erscheinungen als krankhafte erkannte und später beschrieb, aber nicht eher von ihnen befreit wurde, als bis »Blutegel sich an seinem Steiss ergötzten.« Diese Beispiele, deren Zahl sich leicht vervielfältigen lässt 5), mögen Ihnen zum Beweise genügen, dass Täuschungen der Sinne, Hallucinationen, auch bei vollkommen geistiger Gesundheit stattfinden können. Trotzdem konnten sich manche Leute von dem Axiom, dass Hallucinationen Zeichen von Geisteskrankheit seien, nicht losreissen und für diese waren die Fälle der angeführten Art nicht etwa eine Ausnahme von der oder ein Instanz gegen ihre Regel, sondern nach ihnen war es eben von jeher ein Irrthum, die betreffenden Männer für Geistes- gesunde zu halten; sie müssen vielmehr für geisteskrank erklärt werden. So erweitert sich der Kreis der historischen Folie (wie man zu sagen pflegt) beträchtlich; Socrates war ein Fou, Mahomet war ein Fou, Luther auf der Wartburg war ein Fou. Unser Ein- wand, dass ja doch sonst kein Mensch etwas Verrücktes an Jenen wahrgenommen hat, ist vergeblich; denn wir werden belehrt', dass sie, als Monomanen, eben nur in einer einzigen Richtung, in Bezug auf einen einzigen Punct in sensorieller' Hinsicht geisteskrank ge- wesen, ihre übrigen Seelenkräfte aber gesund geblieben seien, viel- Die Jungfrau von Orleans. 103 leicht sogar auch durch den Reiz der Krankheit einen etwas grös- seren Elan bekommen hätten. Die Hallucinationen kämen von Hirnreizung her; auch die psychische Krankheit sei doch wahrhaftig nichts als Hirnreizung; da also sowohl der blosse Visionär als der psychisch Kranke beide an Hirnreizung litten, so sei ganz natürlich auch jeder Visionär ein Geisteskranker. Das sind in nuce die Be- weismittel für diese Anschauung, durch die man sich mit den grössten, tiefsten und lebenvollsten Erscheinungen der Weltge- schichte abfinden zu können glaubt. Die Zeit erlaubt mir natürlich nicht, die Lehre von den so- genannten Monomanieen weiter zu beleuchten; zum Theil ist diess in einem früheren Vortrag bereits geschehen; daher ich hier nur das Nöthigste in Bezug auf unseren Gegenstand anführe. Nach den Gesetzen der Diagnostik reicht ein einziges Symptom niemals zur Erkenntniss eines Krankheitszustandes hin, und so oft daher auch sonst Verrückte an Sinnestäuschungen leiden mögen, so kann doch das Vorhandensein der letzteren niemals zur Constatirung einer Geisteskrankheit genügen. Sinnestäuschungen sind zunächst nur eine Art des Irrthums; Irrthum aber, auch wenn sich auf ihn Handlungen gründen, ist noch nicht identisch mit Irresein. Um also bei Einem, der Gesichte sieht und Stimmen hört, Geistesstörung anzunehmen, ist es absolut nothwendig, auch sein übriges Verhalten in Bezug auf Geist und Gemüth auf etwa vorhandene Abnormitäten zu prüfen. Ich habe vorhin schon die wesentlichsten Puncte ange- führt, welche als Inclicien für eine Seelenstörung Johanna's angeführt werden. Sehen wir, in wie weit sie diesen Zweck erfüllen. Zuerst der Umstand überhaupt, dass Johanna ihre Gesichte nicht für Producte ihres Gehirnes, sondern für Wirklichkeiten ge- nommen hat, nach der Schulregel: Wer Einbildungen für Realitäten nimmt, ist ein Wahnsinniger, ergo etc. Dieser Grund ist beinahe ein zu lächerlicher, als dass man sich ernsthafte Mühe mit seiner Widerlegung geben sollte. Seit wann wissen wir denn überhaupt etwas über die eigentliche Natur dieser Erscheinungen? Und war nicht in jener Zeit der Glaube an die Möglichkeit eines unmittelbar innigen Verkehrs mit geistigen, guten oder bösen, Wesen, der Glaube an die Erscheinungen von Engeln und Heiligen ein so natürlicher und selbstverständlicher, wie wir mit unserer Ungläubig- keit daran uns gar nicht mehr vorstellen können? Oder war 104 Die Jungfrau von Orleans. Johanna desshalb geisteskrank, weil sie nicht im 18. Jahrhundert gelebt, nicht Medicin studirt oder Nicolai's Schriften gelesen hatte, sondern auf einem einsamen Dörfchen, ohne Lesen und Schreiben zu lernen, aufgewachsen war? Nicht etwa bloss die Heldin selbst, sondern auch ihre Zeitgenossen und Landsleute, Freunde wie Gegner, darunter Bischöfe und Gelehrte und die Universität von Paris waren von der Thatsache, dass hier ein wirklicher Verkehr mit Geistern vorliege, überzeugt, nur dass dem Theil der Franzosen, dem sie nützten, diese Geister gute, den Burgundern und Englän- dern , denen sie schadeten, böse waren. Das ganze Zeitalter für wahnsinnig zu erklären, wäre aber doch etwas zu stark. Die Zähigkeit und Unerschütterlichkeit, mit welcher Johanna ihren Glauben festhielt und ihr Ziel verfolgt, beweist ebenfalls nichts für eine Krankheit. Sie ist zwar ein in Hinsicht auf Prog- nose schlimmes Symptom, aber nur dann, wenn es sich eben um Krankheit handelt, wenn also diese schon anderweitig festgestellt ist; ausserdem gehört sie zu jenen nothwendigen Eigenschaften, ohne welche kein Heldenmuth denkbar ist. Je nach dem Namen, den man einer solchen Eigenschaft zu geben beliebt, kann man freilich der Sache überhaupt auch einen beliebigen Anstrich ver- leihen. Was wir bei den christlichen Märtyrern der ersten Jahr- hunderte und bei denen, welche um die Reformationszeit verbrannt wurden, bewundernswürdige Standhaftigkeit nennen, war den Römern nur Halsstarrigkeit und den Katholiken ketzerische Verstocktheit. Damit hängt ein weiterer Punct innig zusammen: der, dass Johanna, von ihrem Wahn gefangen, alle Anhänglichkeit an ihre Familie und alle anderen zarten Regungen des Herzens verleugnet habe. Aber Niemand kann zweien Herren dienen, und wer in der Welt etwas Grosses erreichen will, der muss vor Allem nach ande- ren Seiten hin Opfer zu bringen wissen. Und in dieser Hinsicht ist das Verhalten Johanna's ein ganz anderes als das der Verrückten. Bei diesen entsteht die Theilnahmlosigkeit an den Geschicken der Familie unmittelbar und unwillkührlich dadurch, dass eben alles Interesse von Wahn gefesselt ist und keine Empfänglichkeit für andere Regungen mehr übrig bleibt, was denn zuweilen bis zu völliger Auslöschung von Liebe und Mitleid geht. Aber Johanna fehlten diese Regungen nicht, und es war ein schmerzlicher, mit vollem Bewusstsein vollzogener Kampf mit sich selbst nöthig, um Die Jungfrau von Orleans. 105 sich ihnen zu entziehen. Die Theilnahmlosigkeit der Verrückten ist schon eines der Schwächesymptome, welche den psychischen Defect anzeigen, Johanna's Theilnahme an den Ihrigen aber bestand ungeschwächt fort und wurde nur vom höheren Interesse an Wirk- samkeit überboten. Wir sehen also, dass Alles, was für die Existenz einer Geistes- krankheit bei Jeanne d'Arc angeführt wird, dieselbe nicht beweist, theils weil das betreffende Symptom ohne alle Geisteskrankheit vorhanden sein kann, theils weil es sich bei ihr in ganz anderer Weise vorfindet und genetisch anders zu erklären ist. Wir können aber die Sache auch noch umkehren, und nachweisen, dass die Charaktereigenschaften und Handlungen Johanna's Züge darbieten, welche mit dem Krankheitsbilde eines partiell Verrückten im Wider- spruch stehen. Sowohl was Johanna von ihren Stimmen hört, als was sie aus sich selbst im Rath und im Verhör spricht, gibt Zeugniss von einer höheren Begabung, von Verstand und Scharfsinn, sie trifft immer das Rechte, und niemals knüpft sie an ihre Visionen jene aberwitzigen und absurden weiteren Auslassungen, welche die Existenz von Geisteskrankheit durch die Verdrehung der natürlichen Ge- sichtspuncte verrathen. Die sonstige Integrität der Geisteskräfte bei den partiell Verrückten, den sogen. Monomanen, ist bei diesen doch immer nur eine relative, d. h. sie können über Gegenstände des gewöhnlichen Lebens ein verständiges Urtheil fällen und je nach ihrer natürlichen Begabung von ihren noch im gesunden Zu- stande erworbenen Kenntnissen selbst in scharfsinniger Weise Ge- brauch machen; aber es fehlt ihnen die schaffende Kraft, ihr geistiges Thun ist unfruchtbar, sie drehen sich ohne wirkliches Resultat immer im Kreis herum (die Anekdötchen von Pater Sgambari, Prof. Titel sind nur schwach beglaubigt und stehen isolirt). Nicht ein- mal eine rechte Berufsthätigkeit ist mehr in die Länge möglich, geschweige denn, dass wir von einem partiell Verrückten jemals ein wissenschaftliches Werk, eine Entdeckung oder Erfindung er- halten hätten. Wie ganz anders Johanna! Da finden wir in den Antworten, die sie zu Poitiers und zuletzt in ihrer Untersuchung gibt, keine wortklauberische Dialektik, sondern ein einfaches klares Urtheil, das ohne Abschweifungen immer den Nagel auf den Kopf trifft. Sie führt ihr Werk, die Befreiung von halb Frankreich und 106 Die Jungfrau von Orleans. die Führung ihres Königs nach Rheims, mit einer unverdrossenen Arbeit aus, wie sie einem Verrückten nicht möglich ist. Stets erwies ihr Rath sich als der beste, und wo es weniger erwünscht ging, war derselbe sicherlich nicht befolgt worden. »Die Prinzen und Feldherrn in Johanna's Begleitung, heisst es ausdrücklich, konnten sich nicht genug wundern über ihr Geschick bei Anord- nung der Heerhaufen und des Geschützes so wie über die Sicher- heit des Erfolges, wenn sie die Massen begeisterte.« Wer aber hat jemals diese Eigenschaften eines Feldherrn bei einem Verrückten gefunden? Dieselbe Ruhe und Klarheit des Geistes bewies sie auch in religiösen Dingen; da ist keine Spur von eigentlichem Aber- —glauben, von Ueberspannung und Schwärmerei, von süsslicher Frömmelei, und trotz aller Erfolge lässt sie sich niemals zu sich selbst vergötterndem Hochmuth als Bevorzugte des Himmels hin- reissen, sondern bleibt immer dieselbe demüthige Dienerin ihres Gottes; lauter Züge, die mit dem Bilde des religiösen Wahnsinns, des exaltirten nämlich, nicht verträglich sind. Wir sind aber damit schon zu einer anderen Reihe von Er- scheinungen gekommen, nämlich denen des Gemüthes. Dem Ver- rückten ist es oft schon genug, seine Ideen überhaupt nur zu hegen, das Schwelgen in ihnen gibt ihm Genuss, wenn's hoch kommt, wird in ihm Stolz darauf rege; aber über das Gefühl geht er nicht hinaus. Ja, wenn es mit dem blossen Worte abginge, commandiren und Wunder thun würde er genug; aber schwere Arbeit zu thun, sich anhaltend um etwas abzumühen, dazu ist er nicht der Mann. Bei Widerspruch entlädt er zwar oft seinen Zorn in heftigen Wor- ten, aber es bleibt bei der Gemüthsbewegung. Zwar sind auch hie und da von Monomanen schwere Unthaten in Folge ihrer Wahn- ideen verübt und es ist hiebei manchmal mit Schlauheit verfahren worden, um sich die passende Gelegenheit zu verschaffen. Aber welch ein Unterschied zwischen ihren Handlungen und der plan- mässigen Ausführung eines vernünftigen Vorsatzes! Monomanie- kranke sind immer feig, sie ermorden nur ihre Kinder oder Weiber, oft während dieselben schlafen, oder sie überfallen aus dem Hinter- halt und unvermuthet, und ihr Gebahren ist weit entfernt von der Tapferkeit, mit welcher eine Idee durch alle Wechselfälle des Krieges und durch die Foltern des Martyriums hindurch verfolgt wird. Man sagt zwar, Verrückte könnten wohl auch für ihre Die Jungfrau von Orleans. 107 Wahnideen in den Tod gehen, und sucht diess durch ihre Selbst- morde oder ihre Mordthaten, um hingerichtet zu werden oder ihre schmerzhaften Selbstverstümmelungen zu beweisen. Allein man darf nur den Gesammtzustand solcher Irren in's Auge fassen, die entweder durch Angst oder durch einen kitzelnden unwidersteh- lichen Trieb zu solcher Selbstbeschädigung oder Vernichtung ge- trieben wurden, in der Regel bei ziemlicher Unempfindlichkeit gegen Schmerz und dagegen die ruhige Klarheit, den freudigen und doch demüthigen Heldensinn, die bewundernswerthe Festigkeit Johanna's auch bei ihrem letzten schweren Gang halten, um die Unrichtigkeit einer solchen Vergleichung oder gar Identificirung einzusehen. Also von einer Geisteskrankheit kann bei Johanna d'Arc nicht die Rede sein. Wie aber sind dann ihre Visionen, da sie doch einmal lediglich ein subjectives Phänomen sind, zu erklären? Wir kennen solche ausserdem auch nur als krankhafte Zustände, und sind daher nicht berechtigt, in diesem Falle eine Ausnahme zu machen, sondern wir müssen auch hier'Hallucinationen annehmen. Brierre de Boismont, welcher, wie auch mehrere andere fran- zösische Irrenärzte, für die Geistesgesundheit Johanna's in die Schranken tritt, hat daher für diese Classe von Erscheinungen die Bezeichnung der physiologischen Hallucinationen aufgebracht 6), worunter er eine Hallucination versteht, welche mit dem freien Vernunftgebrauch verträglich ist, und ohne Symptom psychischer Störung vorkommt. So richtig die in dieser Erläuterung ausge- sprochene Thatsache ist, so sonderbar und in sich widersprechend ist aber die Bezeichnung; denn Hallucination ist immer etwas Pathologisches, und wenn sie noch zum Breitengrad der Gesundheit gehören könnte, so musste sie noch viel häufiger sein als sie ist. Die Hallucination kann aber etwas Pathologisches sein, ohne dass desshalb mit ihr irgend eine psychische Krankheit verbunden sein musste; sie ist eben dann ein vorwaltend körperliches nervöses Symptom. Auch Mahomet war in diesem Sinne krank, was noch obendrein durch seine Convulsionen bewiesen ist; Pascal war in hohem Grade nervös, urtd bei Nicolai thut die Cur den körperlichen Ursprung zur Genüge dar. Kann auch bei Johanna irgend ein anderes körperliches Krankheitssymptom nicht nachgewiesen werden, so thut diess unserer Annahme keinen Eintrag; denn gerade ge- wisse Nervenleiden können, wenn sie nur in AnfäUen kommen, die 108 Die Jungfrau von Orleans. übrige Gesundheit intact lassen; so wie einem Epileptiker ausser seinen Anfällen unter Umständen kein Mensch ein Kranksein ansieht. Wenn wir nun also Johanna's Visionen für das Erzeugniss eines körperlich krankhaften Zustandes erklären, so geschieht da- durch unserer Bewunderung für ihre übrigen Eigenschaften nicht der mindeste Eintrag. Ihre Visionen an und für sich würden ohnediess nur unsere Verwunderung erregen. Die Vorzüge des Geistes und Characters sind es aber, durch welche die Jungfrau uns zur Bewunderung auffordert. Bei einer schwachen oder nur mittelmässigen Intelligenz und einer weniger edlen Gemüthsart würden ihre Hallucinationen sie zu ganz anderen Zielen geführt haben. Entweder wäre sie eine gewöhnliche Schwärmerin geworden, welche sich schon bald die Flügel verbrannt hätte, noch ehe es zum rechten Aufschwung gekommen wäre, oder sie wäre, nament- lich in ihren späteren Jahren, selbst subjectiv, d. h. in ihren eigenen Augen, das geworden als was sie verbrannt worden ist, nämlich eine Hexe, da es uns bekannt genug ist, dass bei dem allgemeinen Teufels- und Hexenglauben damaliger Zeit gar manche Weiber sich einbildeten, mit dem Teufel in innigem Verkehr zu stehen. Oder endlich unter gewissen Bedingungen wäre sie wirklich eine Verrückte geworden. Dagegen konnte nun andererseits nur ihre hervorragende Individualität die Ursache sein, dass sie durch ihre Hallucinationen zum unsterblichen Ruhme geführt wurde. Diese selbst sind desshalb, obgleich sie etwas Krankhaftes sind, doch für Johanna's Geschichte keineswegs von geringerer Bedeutung; man kann vielmehr sagen, dass sie ohne dieselben schwerlich jemals zu ihren Thaten gelangt wäre. Um unter grossen Schwierigkeiten und bei anscheinender Hoffnungslosigkeit doch den Plan zu kühnen Thaten nicht nur zu fassen, sondern ihn auch, namentlich wenn dazu die Mitwirkung Anderer, selbst Vieler er- forderlich ist, auszuführen, dazu reichen weder Intelligenz noch der Muth der gewöhnlichen Tapferkeit aus. Es ist dazu vor Allem eine felsenfeste Zuversicht nöthig, eine Gewissheit von der Wahr- heit der Sache und von ihrem Gelingen, ein Glaube an die Beruf- ung zu dem Werke, wie er, wenn die Person sich nicht wirklich selbst für inspirirt hält, nur bei dem stärksten Bewusstsein ihrer natürlichen Ueberlegenheit sich bilden kann. Zu einer solchen Selbsthochachtung oder Selbstüberhebung über Andere wären aber Die Jungfrau von Orleans. 1Q9 ganz andere Vorbedingungen nöthig gewesen, als wir bei Johanna finden. In einem kleinen Dorfe aufgewachsen, ohne Unterricht und ohne die Welt zu kennen, hätte die erste Bekanntschaft mit dieser, die verfänglichen Fragen, welche ihr in den Unterredungen mit gelehrten Männern, mit Bischöfen, mit Hofleuten vorgelegt wurden, die Bemerkung, dass man von allen Seiten lauerte, Schwächen bei ihr auszuspüren, nothwendig deprimirend und einschüchternd auf sie wirken müssen. Dass diess nicht der Fall war, dass sie mit ihrem natürlichen Verstand und ihrem geraden Wesen alle Fall- stricke zerriss und sich durch alle Klügeleien und allen Skepticis- mus hindurch unaufhaltsam auf ihr Ziel zubewegte, konnte un- möglich in einer natürlichen Dreistigkeit oder Süffisance begründet sein, welche mit Johanna's sonstigem sanften und demüthigen Wesen wenigstens nicht in bedeutenderem Grade zusammen gedacht werden können. Vielmehr bekam sie die ihr nöthige Zuversicht, welche Andere aus dem Gefühl ihrer Ueberlegenheit schöpfen, durch ihre Visionen, durch ihre Stimmen. Sobald sie dieselben einmal, was bei ihrem Naturell sowohl als bei der ganzen damaligen Zeitricht- nng kein Wunder ist, für wahrhaft himmlische erkannt hatte, musste sie sich in der That für eine von Gott Erwählte halten. Damit bekam sie alles Selbstvertrauen, dessen sie bedurfte; indem ihr dadurch alle schüchterne Befangenheit genommen wurde, er- hielt ihr Mutterwitz den freiesten Spielraum, mit seiner vollen Schneide zu wirken. Nur dadurch war es ihr auch möglich, ihre Umgebungen zu der gleichen Begeisterung fortzureissen, und die Franzosen siegten, weil sie an Johanna's Wort, dass sie siegen würden, fest glaubten. Wenn nun hienach bei Johanna zur Erklärung ihrer Persön- lichkeit, ihres Lebensganges und Erfolges zwei Reihen von That- sachen anzunehmen sind, wenn nämlich (mit Hecker) ihre Staatsklugheit, ihre Kriegsgeschicklichkeit, Tapferkeit, Sittlichkeit, Massigkeit, Bescheidenheit als ursprüngliche Eigenschaften einer hohen Natur angesehen werden müssen — wenn dagegen der feste Glaube, den sie sowohl hegte als fand, selbst dann, wenn Un- schlüssigkeit, Schlaffheit, ja selbst der böse Wille, der sich gegen das Edle auflehnenden Gemeinheit allen Aufschwung wieder lähmen zu wollen schienen, als die Wirkung ihrer Visionen anzusehen ist— so fragt sich zuletzt, ob nicht am Ende beide Elemente, die ausser- 110 Die Jungfrau von Orleans. ordentliche Begabung und die Visionen doch nicht so zufällig neben einander herlaufen, sondern einen tieferen Ursprung mit einander gemein haben. Die Beantwortung dieser Frage würde uns den Gegenstand von einer neuen Seite zeigen, aber sie erfordert so umfassende Erwägungen und würde uns so weit führen, dass es unmöglich ist, hier noch auf sie einzugehen. Vorläufig möge es daher genügen, den Blick auf dieses neue Gebiet von Thatsachen und Verhältnissen, das sie uns eröffnet, hingelenkt zu haben; viel- leicht ist es mir vergönnt, dasselbe einmal später zum Gegenstand eines besonderen Vortrages machen zu können, dessen Thema die Verwandtschaft desGenie's mit dem Irresein sein würde. in Anmerkungen und Zusätze. 1) Bei der ersten Bearbeitung des Thema'a im Jahre 1864 welchem der Vortrag gehalten wurde, schöpfte ich den Stoff aus 'fol- genden Schriften: Calmeil, der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten, be- arbeitet von Leubusch er. Halle 1848 S. 22—26. Heck er, über Visionen. Berlin 1848. Von mir besprochen in der allg. Zeitschr. für Psychiatrie Bd. VI. S. 285 ff. Pauli, die Jungfrau von Orleans in dessen: »Bilder aus Alt- England« 1860. Brierre de Boismont, de Vhallucination historique ou etude medico - psychologique sur les voix et les revelations de Jeanne d'Arc in dessen Werk: des hallucinations 3te edit. Paris 1862 p. 499—521. Seitdem lernte ich noch kennen: Hase, Neue Propheten. Zweite Auflage. Leipzig 1861. Erstes Heft: Die Jungfrau von Orleans. Eysell, Johanna d'Arc, genannt die Jungfrau von Orleans, ihre Jugend, ihre Thaten und ihre Leiden, getreu nach den Quellen und mit Benützung der besten Hülfsmittel. Für Gebildete aller Stände darge- stellt. Regensburg 1864. Wallon, Johanna d'Arc, die Jungfrau von Orleans. Münster 1869. Liebetrut, Vorträge. Gotha 1869. Darin: Geschichte und Kritik der Jungfrau von Orleans S. 41 —147. Es sind noch mehr Schriften und Journalabhandlungen erschie- nen, deren nähere Bekanntschaft zu machen ich jedoch kein Bedürfniss empfand, da dieselben weder hinsichtlich des Stoffes noch der An- schauungsweise etwas wesentlich Neues zu liefern schienen. 2) Proces de eondamnation et de rehabilitation de Jeanne d'Arc dite la Pucelle publies pour la premiere fois d'apres les manuscrits de la Bibliotheque Boyale, stiivis de tous les documents historiques qu'on a pu reunir et accompagnes de notes et declaircissements, par Jules Qui- cheral. Paris 1841—49. 5 Tom. 3) Obgleich dieser Ansicht noch immer von Solchen gehuldigt wird welchen die Aunahme der Möglichkeit eines innigen unmittelba- 112 Die Jungfrau von Orleans. ren mystischen Verkehres mit der Gottheit Herzensbedürfniss ist, und welche daher Alles, was als Beweis dafür gelten kann, in diesem Sinne zu erklären und festzuhalten bestrebt sind. So Liebe trut. Er findet in der Vision überhaupt und so auch der Johanna's »nicht die gemeine Wirklichkeit der sinnlichen Anschauung, sondern die ideale der höheren Weltordnung, welche in der geheimnissvollen Berührung der sichtbaren durch die unsichtbare Welt gründet, für welche die Thä- tigkeit der leiblichen Organe so wenig und noch weniger in Anspruch genommen wird, als schon bei den krankhaften Erscheinungen des Som- nambulismus und verwandter Zustände.« Das Traumleben, die Orakel, der Somnambulismus sollen »unwidersprechlich auf einen geheimniss- vollen Zusammenhang des höheren und des niederen Naturlebens, der höheren und der niederen Weltordnung, oder, wenn man will, des Na- türlichen und Uebernatürlichen« hinweisen, ein Zusammenhang, dessen Gesetze sich durch keine physiologische Entwicklung der Sinnesthätig- keit klarlegen oder gar beseitigen Hesse. S. 139: »Und Gott der Herr bekannte sich zu der frommen Jungfrau; diese aber unterstand sich in jungfräulicher Schüchternheit und Demuth nicht, ihres Berufes ohne ein untrügliches Zeichen sicher zu werden oder gar hervorzutreten und die Thaten von gottberufenen Männern und Helden zu thun. So blieb nur übrig, falls der Herr durch die Jungfrau retten wollte, ihr seinen Willen in unzweifelhafter ihr verständlicher Weise kund zu thun. Ja es war selbst nöthig, sie unter den täglichen Gefahren und Schwierig- keiten ihres absonderlichen Berufes fort und fort zu leiten, aufzurichten und zu stärken.« So vernahm die Jungfrau die Stimmen als Boten des Herrn. »Ob die Jungfrau in Wahrheit die Stimmen und Gesichter dieser Heiligen und Engel vernommen, ob sie dieselben sämmtlich im Raum erblickt und mit leiblichem Auge und Ohr wahrgenommen? Oder hat die ewige Weisheit Gottes, das Wort, das alle Dinge schuf, hält und trägt, sich nur zu der Schwachheit der Jungfrau herabgelas- sen, und was sie der Jungfrau kund thun wollte, im Bild und Gleich- niss der Heiligen gewiesen?« — Das sei schwer zu entscheiden (140). Um Engel und Heilige wahrzunehmen, müsse der Seele ein höheres Wahrnehmungsvermögen eröffnet werden, oder die Kräfte und Wesen der höheren Welt nehmen das Kleid der unsrigen an, wenn sie diese berühren und sich dem Seher kund geben wollen. S. 141. »In dem Falle der Jungfrau liegt es vielleicht noch näher, an eine unmittelbare Berührung ihrer Seele durch Hand und Wort ihres Gottes zu denken, welche sich in das Bild ihrer Engel und Heiligen kleidete, die sie am Throne Gottes wusste, als Boten seiner Macht und Gottheit verehrte.« Gott wollte Frankreich erretten und hatte sich die Jungfrau dazu zubereitet, hatte in ihr auch wohl den Gedanken erweckt, dass er diess durch ihren Arm thun werde. »Nun Die Jungfrau von Orleans. JJ3 aber kam es auf ein göttliches Zeichen und Siegel an, dass er es sei, der sie berufe.« Er berührte ihren Geist und sie schaute, einerlei, ob in leiblichem Bild oder nur in ihrem Geist, jedenfalls eine Realität im höchsten Sinn.« Nach seinen Gegnern schöpft die Jungfrau alle scheinbar höheren Kundgebungen nur aus dem reichen Brunnen der eigenen, natürlichen Begabung. S. 144: »Uns strömt diese Kraft aus den Tiefen der oberen Welt, obschon sie ganz und gar in der natürlichen Anlage und Be- stimmung des wunderbaren Mädchens ihre Unterlage findet. So liegen uns die Gesichte derselben über der gemeinen Wirklichkeit der Sinnen- welt, aber sie begreifen die höhere Realität und Wirklichkeit der obe- ren Welt und treten der Seherin in voller Objectivität gegenüber; so findet sie in ihnen einen über ihr liegenden Halt. Den Gegnern blei- ben diese Gesichte blosse Hallucinationen, rein natürliche, lebhafte Er- scheinungen ohne alle Objectivität.« Liebetrut findet auch hier den lebendigen, in Natur und Geschichte eingreifenden Gott; am Beispiele Frankreichs sei das Bedürfniss eines directen Verkehres mit der Gott- heit deutlich gemacht worden. Für einen solchen sprächen die Vor- hersagungen Johanna's, obgleich (S. 140) er ihre Gesichte den Visionen, welche in der h. Schrift vorkommen, nicht gleichstellen will. Ich ehre die Gesinnung, aus welcher diese Anschauungsweise hervorgeht. Aber ich fürchte, die Erklärung, welche von ihr einge- geben worden ist, bewegt sich allzusehr im Gebiete der Phantasie und leidet überdiess an Widersprüchen; ja sie lässt uns die Gottheit selbst in einem bedenklichen Licht erscheinen. Wenn es einen überhaupt sichtbaren Erzengel Michael und Gabriel gibt, warum haben ihn soviel tausend Millionen gläubige Juden und Christen, die auf der Welt ge- lebt haben, noch nicht zu sehen bekommen? Und gibt es keinen (was doch wohl das Wahrscheinlichere ist), hat sich Johanna dann nicht gerade so gut getäuscht, als wenn sie eine Hallucination gehabt hat? Was war, wenn nun Gott doch einmal ganz direct und speciell seine Hand im Spiel haben sollte, seiner würdiger, ihre Gedanken von innen heraus bestimmen, ihr Urtheil über die Lage der Dinge und die nothwendigen Massregeln lenken, und ihren Muth stärken, als dieses mittelst einer Vorspiegelung von Dingen thun, die nicht existiren, eine wahrhaftige göttliche pia fraus ? Ich bin durchaus nicht so platt ver- ständig, um nicht die Möglichkeit zuzugeben, dass einer menschlichen Seele in Augenblicken, »wo sie dem Weltgeist näher steht als sonst«, Blicke in die Zukunft oder in die Ferne verstattet sein können; und so glaube ich auch, dass mehrere Fälle, in welchen Vorhersagungen Johanna's in Erfüllung gingen (die ihrer Verwundung vor Orleans, und die der Vertreibung der Engländer aus Frankreich) vernünftiger Weise nicht angefochten werden können. Aber es ist auch hier bedenklich, Hagren, Studien. 8 114 Die Jungfrau von Orleans. eine unmittelbare Wirkung der Gottheit anzunehmen, denn Johanna hat auch andere Vorhersagungen gethan, die nicht in Erfüllung gin- gen. Sie unternahm den Sturm auf Paris, und tals es dabei schlecht ging, ermuthigte sie doch die Soldaten immer wieder, indem sie fest behauptete, die Stadt werde an demselben Tage noch gtaiommen wer- den. Sie sagte längere Zeit voraus, dass ihre Zeit nun bald aus sei, dass sie in Gefangenschaft gerathen werde, die Stimmen hätten ihr diess kund gegeben. An dem Tage aber, wo sie in Gefangenschaft gerieth, sagten ihr die "Stimmen diess nicht, und im Gefängniss hoffte sie fest auf Befreiung, weil ihr die Heiligen gesagt hatten, sie würde durch einen grossen Sieg befreit werden. Da diess nicht geschehen ist, so muss, um die Heiligen zu retten, die Sache allegorisch gedeutet werden : durch ihren eigenen Sieg, ihr Märtyrerthum, ihre Hingabe bis zum Feuertod; die Heiligen sagten ihr diess unter einer Metapher, um ihr die Qualen der Erwartung desselben zu ersparen und sie bei Muth und Hoffnung zu erhalten. Sie hatte auch wirklich diese Zuversicht, die für sie ein Glück war, und mag diess eben desshalb wohl als gött- liche Fügung angesehen werden. Dass sich aber Johanna täuschte und ihre Voraussicht ihr zur Illusion wurde, das beweist doch, dass kein unmittelbar göttliches reines Schauen in die Zukunft statt Hatte; offen- bar hörte sie aus der Stimme der Heiligen nur ihren Wunsch und ihre Hoffnung heraus, wie sie das überhaupt that, indem sie, wie Hase richtig bemerkt, von ihren Stimmen naiv sagte: Ich bin immer ihrer Meinung. Es widerstrebt dem natürlichen Gefühl anzunehmen, dass Gott ihr durch die Heiligen eine Zweideutigkeit habe sagen lassen, einen orakelhaften Spruch, in der Voraussicht, dass Johanna diesen ge- rade auf die falsche Weise auslegen und sich täuschen werde. Johanna schrieb auch einen Strafbrief an die Hussiten, worin sie denselben vorwirft, dass sie aus Christen Ketzer, ja blinde Heiden und Sarazenen geworden seien und einem empörenden Aberglauben fröhn- ten, sie auffordert, in den Schoos des katholischen Bekenntnisses zu- rückzukehren und im Weigerungsfalle ihnen droht, dass sie dann wohl sogar von den. Engländern ablassen und gegen sie ziehen weide. Wurde auch dieser Brief unter unmittelbarer göttlicher Inspiration geschrieben? Wenn nicht, so muss man, wie auch hinsichtlich ihrer Weissagungen annehmen, dass Johanna's Anschauungen und Triebfedern, selbst in religiösen und politischen Dingen, bald göttliche, bald menschliche waren. Wer unbefangen urtheilt, wird aber hierin nur eine gute Wen- dung sehen, sich um die Schwierigkeit herumzudrücken; eine Wendung, welche auch Lange (in Herzog's Realencyclopädie) gebrauchte, in- dem er das Göttliche und Menschliche sogar auf zwei Zeiten vertheilte die durch die Krönung m Rheims geschieden sein sollten. Aber bereits Hase hat hiegegen nachgewiesen, wie weder in den Stimmen der Hei- Die Jungfrau von Orleans. jjg hgen noch in ihren eigenen Aeusserungen irgend ein Beleg für die An- nahme liegt, dass ihre Sendung mit dem Krönungszug nach Rheims beschlossen sein sollte, und dass sie daher nur bis zu dieser Zeit eine von Gott berufene Seherin, von da an aber eine fromme Schwärmerin gewesen sei. Hase sagt auch ganz richtig, das von der Vorsehung angesponnene kunstreiche Gewebe, welches wir die Weltgeschichte nen- nen, sei, auf Erden mit rein irdischen Mitteln bestritten, viel feiner und durchdachter, als wenn der Erzengel und die Heiligen einen täg- lichen Botendienst an die Jungfrau verrichtet hätten. 4) Diese irrige Deutung, wobei häufig auch der Somnambulismus mit hereingezogen wird, findet sich bei Manchen, die doch Bedenken tragen, ein objectiv wirkliches Erscheinen von Engeln und Heiligen anzunehmen, oder auch mit dieser Annahme selbst verquickt. Es ist ein Flüchten ins Gebiet des Wunderbaren und Mystischen, auf welchem sodann Alles möglich ist. Dass aber Johanna keine Somnambule war, liegt für Jeden, der weiss, was unter einer solchen zu verstehen ist, am Tage; und vom Zustande der Ekstase während ihrer Visionen kann bei ihr auch keine Rede sein; wir bemerken keine Spur überspannter, schwärmerisch traumhafter Verzückung, sondern Alles ist bei ihr rein und hell wie der Tag. 5) Wer sich hierüber des Weiteren unterrichten will, findet viele Beispiele gesammelt in: Hibbert, Andeutungen zur Philosophie der Geistererscheinungen. Aus dem Engl. Weimar 1825. — Horst, Deuteroskopie. Frankfurt 1830. — Walter Scott, Briefe über Dä- monologie und Hexerei. — Hagen, die Sinnestäuschungen in Bezug auf Psychologie, Heilkunde und Rechtspflege. Leipzig 1837. — Ruf, die Delirien, die Visionen und Hallucinationen des Tag- und Nacht- lebens und die phantastischen Zustände. Innsbruck 1856. — Brierre de Boismont, des hallucinations ou histoire raisonnee des apparitions, des visions, des songes, de Vextase, des reves, du magnetisme et du som- nambulisme. Troisieme edition. Paris 1862. — Sterne, die Naturge- schichte der Gespenster. Weimar 1863. — Mayer, die Sinnestäusch- ungen, Illusionen und Hallucinationen, allgemein verständlich darge- stellt. Wien 1869. — Viele kleinere Abhandlungen sind noch über die Hallucinationen erschienen, welche alle anzuführen unnöthig ist. Meine derrnalige Ansicht über dieselben habe ich dargelegt in einer Abhand- lung : Zur Theorie der Hallucination m der allgemeinen Zeit- schrift für Psychiatrie Bd. XXV. (1868) S. 1—113. Ich möchte diese Abhandlung Herrn Perty in Bern zur Leetüre empfehlen, welcher (Blicke in das verborgene Leben des Menschengeistes 1869 S. 46) von meiner (zum Theil bereits in den »Sinnestäuschungen« enthaltenen) Theorie sagt, dass sie schon durch Gerber bekämpft worden sei. Aber Gerber's Polemik richtet sich hauptsächlich dagegen, dass durch die- 116 Die Jungfrau von Orleans. selben Geistergeschichten und Gespensterspuk erklärt werden sollten; womit ich ganz einverstanden bin, weil solche Geschichten viel zu we- nig beglaubigt und objectiv nach allen Richtungen hin sicher gestellt zu sein pflegen, als dass man sie zur Grundlage wissenschaftlicher Un- tersuchungen machen könnte ; ich habe desshalb in der genannten Ab- handlung ausdrücklich erklärt, dass ich alle Erzählungen, bei welchen voraussichtlich etwas Mythisches unterlaufen kann, aus meiner Betrach- tung ausschliesse. Wo zweifellos nachgewiesen wird, dass irgend ein Spuk wirklich stattgefunden hat und von Geistern oder Dämonen auf- geführt worden ist, oder dass ein Verstorbener wirklich als solcher sich einem Anderen wieder sichtbar gemacht hat, da wird eben meine Er- klärung, die es nur mit krankhaften Zuständen zu thun hat, schon an und für sich nicht in Betracht kommen können. Die historische Kritik des Thatbestandes muss in allen solchen Fällen jedem weiteren Urtheil vorhergehen. 6) Eine solche scheint auch Hecker anzunehmen, obgleich er das Wort nicht gebraucht; aber es ist unmöglich, aus dem Reiz der Vorstellung allein so mächtige sinnliche Wirkungen abzuleiten. Die stärkste Phantasie, sie werde angestrengt so sehr sie wolle, bringt ohne ein somatisch krankhaftes Element keine subjective Lichterscheinung zu Wege; Johanna war um die Zeit ihrer ersten Vision durchaus nicht etwa in Phantasieen vertieft; sie sah auch nicht sofort eine Gestalt, sondern nur ein Lichtphänomen (elementare Hallucination) und als sie zuerst Stimmen hörte, wusste sie durchaus noch nicht gleich, von wem dieselben stammten. Auch Hase macht entschieden die krankhafte Natur der Visionen Johanna's geltend. — Der Idee von den physiolo- gischen Hallucinationen huldigt auch Ortiz (Bulletin deV Instituto me- dico Valenciano. Jan. — Mai 1869. Zeitschr. für Psychiatrie Bd. XXVII. S. 245). N a r r h e i t. Ich bin schon oft gefragt worden, und ohne Zweifel auch viele meiner Collegen, wie es doch komme, dass Dieser oder Jener, der in eine Irrenanstalt gebracht wurde, habe geisteskrank werden können, da er doch immer ein so ruhiger, besonnener und gescheid- ter Mann gewesen sei. Da aus der Häufigkeit dieser Frage wohl zu schliessen ist, dass auch unter Ihnen Viele sind, welche dieselbe schon, wenigstens für und unter sich, aufzuwerfen veranlasst waren, so erschien es mir passend, dieselbe zum Motiv des Vortrages zu machen, welchen ich heute vor Ihnen zu halten die Ehre habe. In dem Sinne zwar, in welchem sie aufgeworfen zu werden pflegt, kann die Frage hier nicht beantwortet werden; denn sie betrifft da ein Individuum, und will die Ursachen erfahren, welche gerade für dieses die Krankheit bewirkten; sie könnte daher in sofern auch nur den einzelnen Fragern in Bezug auf die betreffende Person beantwortet werden, wäre aber eben desswegen kein Gegen- stand für einen Vortrag, dessen Gegenstand doch mehr allgemeiner Natur sein muss. Soll sie daher besprochen werden, so kann diess nur im allgemeinen Sinne geschehen. Wenn wir uns nun fragen, was denn allen derartigen Fragen Gemeinschaftliches zu Grunde liegt, so finden wir: sie drücken eine Verwunderung aus und schliessen damit eine Voraussetzung in sich, die nämlich: dass verständige, geordnete nnd wackere Lebensführung einerseits und psychisches Erkranken andererseits für unsere Erfahrung und unser Denken in einem inneren Wider- spruch stünde, class daher ein Mensch, dem erstere nachzurühmen sei, nicht geisteskrank werden könne, sondern im Falle eines solchen Erkrankens die Angelegtheit dazu sich immer schon durch ein von der Regel abweichendes, bizarres oder excentrisches oder sonst irgendwie absonderliches Thun und Treiben verrathen haben müsse, so dass die Geisteskrankheit nur als die Gipfelung einer schon von 120 Narrheit. jeher oder wenigstens seit lange bestandener Geistesanomalie er- scheine. Hiemit hängt nun ganz innig eine andere Aeusserung zusam- men, welche man ebenfalls oft hört. Von manchem wunderlichen Menschen, der gewisse seltsame Ideen mit unverwüstlicher Ausdauer pflegt, immer auf sie zu reden kommt und sie am unrechten Orte und zur unrechten Zeit geltend machen will, oder von manchem Anderen, der sich durch masslose Eitelkeit auszeichnet oder von Hochmuth bis zum Zerplatzen aufgeblasen ist, pflegt man zu sagen, er sei ein »Candidat für's Irrenhaus« nnd werde gewiss noch ein- mal hineinkommen. Und doch ist diese Erwartung in den meisten Fällen vergeblich; es vergehen Jahre um Jahre, der Betreffende wird alt und wird doch nicht geisteskrank. Er mag zwar von jeher ein närrischer Kerl gewesen sein, er will aber nicht närrisch werden. Sie sehen schon an dieser Antithese, dass das Wort Narr in verschiedenem Sinn gebraucht wird. Noch klarer tritt dies an einer dritten Redensart hervor, die sich viele Leute als Witz an- geeignet haben, der nämlich: in den Irrenanstalten seien eigentlich noch die wenigsten Narren, die meisten liefen draussen in der Welt frei herum, etwa gar in Aemtern und Würden, und wenn man die alle hinein sperren wolle, wie gross müssten die Anstalten noch gebaut werden! Einen Schritt weiter, und die Welt selbst wird für ein grosses Narrenhaus erklärt. Narrenhaus! Ich musste dieses Wort aussprechen, obgleich, aber auch weil es mir in der Seele verhasst ist, und weil ich heute vorhabe, es aus dem Sprachgebrauch austilgen zu helfen. Denn dieses Wort, wie auch das Wort Narr überhaupt auf Geistes- kranke angewendet, trägt nicht am Wenigsten dazu bei, die Vor- urtheile hinsichtlich der letzteren, welche sonst wohl schon im Wanken sind, noch zu pflegen und zu erhalten. Da seh ich wohl an einem heiteren Sonntagsmorgen im Juni zum Fenster hinaus, und freue mich, wie in der schönen Natur um mich her Alles grünt und blüht — nun bewegt sich als Staffage eine Gruppe in dieses Bild herein, ein Familienvater aus einer unserer Nachbarstädte mit Weib und Kindern, sie gehen auf unsere Berge, in die »Kirschen.« Wie sie nun vor unserem Gatter vorüber- Narrheit. -J91 ziehen, tönen die Worte des Mannes zu den Seinigen zu mir her- über: Seht, das ist das Narrenhaus! Oder ein Hiesiger hat Nachmittags eine Landpartie nach A. oder S. gemacht, und erzählt Abends in Gesellschaft oder im häuslichen Kreise davon. »Es war recht hübsch«, sagt er, »die Narren waren auch draussen.« Solche Wahrnehmungen berühren gerade uns, die wir zu Aerzten und Pflegern dieser Kranken berufen sind, um so schmerz- licher, als in den Anstalten selbst diese Worte längst verpönt sind und weder ein Kranker noch ein Bediensteter sie in den Mund nehmen darf, ohne eine Rüge zu empfangen. Diese Worte sind aber auch in dieser Anwendung ganz und gar unberechtigt, indem es sich mit leichter Mühe nachweisen lässt, dass dabei mit der Sprache ein Missbrauch getrieben wird, welche die Bezeichnungen »Narr« und »Geisteskranker« oder »Irrer« durchaus nicht als gleichbedeutend gebraucht, sondern im Gegen- theil mit beiden fast immer einen verschiedenen Sinn verbindet. Die deutsche Literatur liefert Beispiele genug, dass das Wort Narr und Narrheit von ihr von jeher in ganz anderer Bedeutung als in der der Geisteskrankheit, genommen worden ist. Das berühmte Gedicht: das Narrenschiff von Sebastian Brant, zuerst erschienen zu Basel im Jahre 1494, geschrieben, wie er in der Vorrede selbst sagt, »zu nutz und heylsamer 1er, vermanung und ervolgung der wyßheit, Vernunft und guter sytten: auch zu Verachtung und straff der narheyt, blintheyt, yrrsal und Dorheit aller stat und geschlecht der menschen« behandelt nur alle möglichen Thorheiten und Schlech- tigkeiten, kein einziges seiner 111 Kapitel ist irgend einer Form von Geisteskrankheit gewidmet. Gleiches gilt von des Erasmus Encomion Moriae, welches jener selbst als stultitiae laus, Lob der Dummheit, (nicht Narrheit) übersetzt, und in welchem von psychi- scher Krankheit keine Rede ist. Selbst noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts gibt Adelung in einem sechsbändigen Werk »Ge- schichte der menschlichen Narrheit« *) nur, wie es der Titel besagt »Lebensbeschreibungen berühmter Schwarzkünstler, Goldmacher, Teufelsbanner, Zeichen- und Liniendeuter, Wahrsager und anderer philosophischer Unholden«, unter welchen namentlich auch eine Anzahl Literaten und Pamphletschreiber, wie Peter Aretin, sich befinden. Derselbe Adelung hat ein Wörterbuch der deutschen 122 Narrheit. Sprache herausgegeben, in welchem er beim Worte Narr sagt, dasselbe bedeute 1) einen Menschen, welcher seltsame Possen mache, andere zu belustigen, 2)' einen jeden Menschen, welcher der gesunden Vernunft auf eine grobe Art zuwider handle und erst 3) in engerer Bedeutung einen Menschen, welcher des Gebrauches seiner Vernunft ganz unfähig sei, wie der Wahnwitzige, Wahnsinnige, Alberne. Er sagt, in dieser Bedeutung werde es wenig mehr ge- braucht, vermuthlich, wie er meint, um die Zweideutigkeit mit der vorigen Bedeutung zu vermeiden; ich finde aber keinen Beweis, dass es vor jener Zeit in eben diesem Sinne häufiger gebraucht worden sei. Mir wenigstens ist es nicht gelungen, das Wort in der Schriftsprache früher als in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für Irre gebraucht zu finden. Damit stimmt auch das neueste deutsche Wörterbuch, das von Sanders 2). Hier findet sich, nachdem sechs verschiedene andere Bedeutungen und Gebrauchsweisen des Wortes angeführt sind, erst als siebente, mit dem Prädicat: »veraltend und mundartlich« diejenige, wo es so viel heisse als: verrückte Person. Für das Wort Narrenhaus weiss aber Sanders keine älteren Gewährsmänner anzuführen als Hebel und Wieland, während das Wort Narrenhäuschen, Drillhäuschen gar nur einen Käfig bedeutete, in welchem man geringere Ver- brecher ausstellte und der öffentlichen Verspottung preisgab. Ich konnte auch nicht finden, dass die früheren Irrenhäuser, so traurige Stätten sie auch waren, den Namen Narrenhäuser führten; im Norden hiessen die wenigen, die es überhaupt gab, Tollhäuser, in Augsburg gab es ein Unsinnigenhaus. Der Name Narrenhaus dafür scheint in der That erst eine Erfindung der letzten Jahr- zehende des 18. Jahrhunderts und das Wort Narr für Geisteskranke eine Sprachmode zu sein, welche sich um eben diese Zeit aus- bildete 3), leider aber sich länger als andere Moden erhalten hat. Es ist aber nicht blos die Literatur, aus welcher wir in dieser Hinsicht Belehrung zu schöpfen haben, sondern die Sprache des gewöhnlichen Verkehrs und Lebens selbst beweist ganz entschieden, dass ihr Geist sich in der That im innersten Grunde gegen den Gebrauch des Wortes Narr für Geisteskranker sträubt. Alle Sprüch- wörter bestätigen diess. »Ein Narr macht zehn« kann nicht über- setzt werden in: »Ein Geisteskranker macht zehn« und »ein närri- scher Kauz« nicht in: »ein geisteskranker Kauz.« Statt: »jedem Narrheit. 123 Narren gefällt seine Kappe« kann man nicht sagen: »jedem Tob- süchtigen oder Schwermüthigen gefällt seine Mütze« und würde Ihnen jemals beikommen, den bekannten Luther'schen Tisch- und Trinkspruch so zu fassen: »Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Geisteskranker sein Leben lang?« Umgewendet sträubt sich die Sprache auch entschieden dagegen, psychisch Kranke ohne Unterschied als Narren zu bezeichnen. Einen tief Melancho- lischen, dem ein schwerer Druck auf der Seele lastet und der sich ohne Unterlass mit Selbstanklage quält, einen Narren zu nennen, da- vor bewahrt doch Jeden ein natürlicher Tact. Woher kommt nun aber trotz alle Dem die so häufige Ver- mengung und Verwechslung beider Begriffe? Offenbar aus einer nicht genügenden Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit. Auch in der Breite der Gesundheit gibt es Abweichungen des psychischen Lebens von der Norm, welche nicht Krankheit sind. Es gehören dazu die Sünde und das Laster, welche aber, als aus freiwilliger Hingabe an das Böse und Stellung des selbstsüchtigen Eigenwillens über das Sittengebot, ausser den Kreis unserer Betrachtung fallen. Eben so auch die Leidenschaften. Zwar sind auch diese schon, von den Stoikern zumal, als Krankheiten der Seele bezeichnet worden; sie sind es aber auch nur dann, wenn schlechthin jeder abnorme Seelenzustand mit Krankheit identificirt wird. Aber eben weil dadurch, durch diese metaphorische Uebertragung gewisser Vorstellungen von einem auf's andere Gebiet, so leicht eine heillose Begriffsverwirrung ange- richtet wird, sollte man eine solche Erklärung unterlassen, und die Leidenschaften als Abweichungen, Ausschreitungen, Gleichgewichts- verluste, die aus der Seele selbst und ihrem Wesen hervorgehen, nicht zu den Krankheiten zählen, als welche nur organisch be- dingt sein können. Dann würde auch der Begriff Seelengesund- heit seine schillernde und unsichere Bedeutung verlieren. Was man gegenwärtig darunter versteht, wenn man z. B. sagt, eine gute Erziehung müsse darauf ausgehen, die jungen Leute gesund an Leib und Seele zu erhalten, oder wenn man von gesunder Logik spricht, oder wenn man Jemanden nachrühmt,.gesunde Lebensan- sichten zu haben — davon ist der Gegensatz nicht die Geisteskrank- heit, sondern jene figürlich sogenannte Seelenungesundheit, als deren Abarten man sowohl Leidenschaft als Narrheit ansehen kann, zu 124 Narrheit. welcher aber auch noch manche andere Geistes- und Gemüthsver- fassungen gehören, wie psychische Wehleidigkeit, Weichlichkeit, Launenhaftigkeit, Ueberspanntheit, Sentimentalität, Griesgrämigkeit, Misanthropie und Aehnliches. Der Gegensatz von psychischer Krank- heit, von Geistestörung dagegen ist Gesundheit schlechtweg, Ge- sundheit im eigentlichen einfachen nnd gewöhnlichen Sinne des Worts. Schon die Leidenschaft selbst kann man unter gewissen Um- ständen oder von gewissen Gesichtspuncten aus Narrheit nennen, und in vielen Fällen beruht auch das, was man im gewöhnlichen Leben eine Narrheit oder eine Manie nennt, auf einer hoch gestei- gerten Leidenschaft, wie wir sogleich weiter sehen werden. Aber ganz fallen beide Begriffe doch keineswegs zusammen. Um einen Ehrgeizigen und Ruhmsüchtigen, namentlich wenn er seine Zwecke erreicht, einen Narren zu nennen, müssen wir uns schon immer ein wenig anstrengen, uns mit einiger Abstraction extra auf einen philosophischen Standpunct schwingen; ähnlich geht es mit dem Spieler, wenigstens mit dem Hazardspieler und mit manch anderen Leidenschaften. Wenn wir hienach die Leidenschaft nur oft, nicht immer, zur Narrheit werden sehen, so giebt es andererseits noch andere Abweichungen und Auswüchse des psychischen Lebens, deren Träger wir, auch ohne dass sie einer besonderen ausschliesslichen Leiden- schaft huldigen müssten, doch als excentrische, bizarre Menschen, als Sonderlinge, als Narren bezeichnen. Auf kürzere Zeit kann eine derartige, wenn man so sagen will, physiologische 4) oder ge- sunde Narrheit jeden Menschen befallen, blos von der Seele aus, ohne Krankheit, insoferne in jedem Menschen, freilich in sehr ver- schiedenem Grade, von Zeit zu Zeit ein instinctartiges Bestreben erwacht, einmal das Geleise des gewöhnlichen regelrechten Lebens, in welchem immer nur gewisse Seiten unserer Existenz angesprochen werden, zu durchbrechen, irgend etwas Absurdes, Unschickliches, sogar Verbotenes zu thun, oder sich selbst in gewisse narrenhafte quasi verrückte Zustände zu versetzen, sich recht auszutollen, was seinen Gipfel im Fastnachtsnarrenwesen, freilich in dem urwüchsi- gen, volkstümlichen der früheren Zeiten erreicht. Aber es gibt auch chronische Ab- und Ausartungen, die dem Individuum habi- tuell sind und die wir als Schrullen, als bizarre Manieen im un- Narrheit. 125 eigentlichen Sinn, als Narrheiten in vulgärer Bedeutung des Wortes bezeichnen. Alle Ab- und Ausartungen dieser Art nun, sie mögen leiden- schaftlicher Natur sein oder nicht, unterscheiden sich von dem, was wir psychische Krankheit, Geisteskrankheit nennen, dadurch, dass sie unmittelbar Abnormitäten des Seelenlebens sind, Ungleich- förmigkeiten und Einseitigkeiten im geistigen und gemüthlichen Thun und Treiben, die von der Seele selbst ausgehen, während die psychische Krankheit in der Hauptsache eine körperliche Krank- heit, ein Leiden des Gehirns und Nervensystems ist, welches nur seiner eigenthümlichen Natur nach die Seele in besondere Mit- leidenschaft zieht. Sie sehen auf den ersten Blick den wesent- lichen Unterschied, welcher zwischen beiderlei Zuständen besteht. Betrachten wir aber die Sache etwas näher. Was versteht man im gewöhnlichen Leben unter einem Narren? Zuerst werden wir schon jede Gleichbedeutung des Wortes mit dumm, einfältig, zurückweisen müssen, denn diese Worte drücken einen Mangel, eine Negation aus, Narrheit aber etwas Actives, Positives. Dumm geht ferner auf's Erkennen, Denken, Wissen, dessen Störung oder Gebrechen durchaus nicht nothwendig zum Begriff der Narr- heitgehört; dem Dummen ist der Talentvolle, Geweckte, Gescheidte, dem Narren dagegen der Kluge und der Weise entgegengesetzt. Der Begriff wird also wesentlich auf's Thun, auf's Verhalten, auf's Streben gehen. Versteht man nun vielleicht unter Narren Jemand, der verkehrtes, verwirrtes Zeug spricht? Oder muss er, um sich diese Benennung zu verdienen, auf der Strasse tanzen und Grim- massen schneiden? Gewiss nicht. Oder ist derjenige ein Narr, der überhaupt anders spricht und handelt als man nach seiner Lage und seinen Verhältnissen erwarten sollte, und dabei seine Interessen oder was wir dafür halten, in für uns unbegreiflicher Weise ver- nachlässigt? Das träfe schon näher zu; für sich allein aber wäre es immer erst Leichtsinn, Unbesonnenheit. Ein blosses Hingeben an Genüsse ist noch nicht Narrheit. Wir nennen den Säufer, wenn er noch so sehr Sklave seiner Neigung geworden ist, desshalb doch nicht einen Narren; den Ausdruck: Trinknarr gibt es nicht. Der Narr lebt nicht in den Tag hinein, er muss ein Ziel haben, einen Zweck verfolgen, der an sich kein schlechter ist, aber uns nichtig, lächerlich erscheint 5). Der Narr findet sein Glück in Dingen, die: 126 Narrheit. wir durchaus nicht für ein solches halten, und wir nehmen an, dass er sich gewisse Dinge zu wünschens- und erstrebenswerthen erst durch seine Phantasie ausmalt. Um aber Jemand für einen Narren zu erklären, reicht es dann noch keineswegs hin, dass er einfach in dem erträumten zukünftigen Glück mit seiner Phantasie schwelgt, sondern es ist dazu nothwendig, dass er sich's Arbeit und Opfer kosten lässt, und gerade desshalb wird er ausgelacht, weil er es nach unserer Meinung für Nichts thut. Einem zum Narren haben, besteht hauptsächlich darin, ihn zu Handlungen oder Reden zu veranlassen und sich daran zu erfreuen, weil sie um ein Nichts unternommen sind. Es erhellt hieraus schon, wie schwankend und relativ der Begriff überhaupt ist und wie seine Anwendung gar oft nur auf unserer subjectiven Beurtheilung beruht. Und zwar theils auf der Ansicht von dem, was wir für das würdige und selbstverständliche Ziel menschlichen Lebens und Strebens überhaupt halten als auch auf der Ansicht von dem, was sich das betreffende Individuum in dem Punct, um dessen willen es für einen Narren gehalten wird, als Ziel vorgesetzt hat. Der Eigennutz ist das, was alle Welt für das Vernünftige hält; darum wird Jeder ein Narr genannt, der bei irgend einer Gelegenheit seine Vortheile ausser Augen lässt; und wenn Jemand, der sich einen leichten Gewinn verschaffen könnte oder dem ein Geschenk angeboten wird, wegen allerlei Scrupeln in seinem Ehrgefühl oder Gewissen damit zögert, so pfleg- ten Andere ihm oder schliesslich er sich selbst zuzurufen: Sei doch kein Narr! Ja selbst die grossen Diebe, die sich in gewissen gros- sen Staaten auf Kosten des Volkes oder der Soldaten in unerlaubter Weise bereicherten, wurden dazu zum Theil durch ein gewisses Schamgefühl getrieben; sie bildeten sich nämlich ein, wenn sie im Rohr sässen, ohne sich Pfeifen zu schneiden, so würde man sie all- gemein für Narren halten. Es ist diess überhaupt eine der Teufels- pforten, d. h. eine der vielen Arten und Weisen, auf welche die Welt oder wir selbst uns von der Befolgung des Pflichtgebotes zu dispensiren suchen, so z. B. auch in Hinsicht auf Wahrhaftigkeit. Dem feurigen Verse des Burschenliedes: Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht, tritt mit abkühlender Philisterhaftigkeit das Sprtichwort gegenüber: Kinder und Narren reden die Wahrheit; womit offenbar nicht so- Narrheit. 127 wohl gesagt sein soll, dass beide vorzugsweise im Besitze der Wahr- heit seien, als vielmehr, dass sie unbekümmert um den Nachtheil sind, den ihnen das Aussprechen derselben bringen kann. Wir haben gesehen, dass man auch die meisten Leidenschaf- ten bei einem gewissen Grade derselben als Narrheiten ansehen kann; da aber nichts Grosses in der Welt geschieht ohne leiden- schaftliche Antriebe, so laufen wir Gefahr, jeden grossen Menschen so lange für einen Narren zu erklären, als er sein Ziel noch nicht erreicht hat und als dieses, besonders wenn es auch vor ihm noch gar nicht erstrebt wurde, auch als unerreichbar und das Streben danach als chimärisch erscheint. Alle grossen Entdecker sind, so lange sie sich noch abmühten und es noch zu keinem Resultat ge- bracht hatten, mit Misstrauen, ja mit Verachtung oder Mitleid betrachtet, für Narren erklärt worden, von derselben Welt, welche hinterher, wenn die Entdeckungen gemacht sind, sie ganz gemüth- lich, als ob sich's von selbst so verstünde, geniesst. Das erste Beispiel solcher Art geben uns die Bewohner der weltbekannten Stadt Abdera in Griechenland (Thracien). Ihr Mitbürger, der be- rühmte Weltweise Democrit, kam ihnen, weil er, statt in ihre Ge- sellschaften zu gehen, Tag und Nacht allein war und sich in Studien vertiefte, so bedenklich vor, class sie den eben in der Nähe (auf der Insel Thasos) sich aufhaltenden Hippokrates zu seiner Untersuchung und Behandlung herbeiriefen. Hippokrates kam und erklärte den Democrit für den Weisesten aller Sterblichen 6). Man könnte zwar dieses so überaus günstige Urtheil eines Arztes über einen Philosophen zum Theil auf Rechnung des Umstandes schreiben, dass jener diesen mit anatomischen Untersuchungen an Thieren be- schäftigt fand — allein dem sei wie ihm wolle, die Abderiten hatten sich jedenfalls blamirt; und weil sie nicht nur einen Weisen für einen Narren in unserem vulgären Sinn erklärt, sondern auch diese vermeintliche Narrheit wieder mit Geisteskrankheit verwechselt haben, so ist ihre Stadt, wie sich's gebührt, das classische Urbild der Schiida, Laienburg und Hirschau aller Zeiten geworden. Nicht anders ist es, was den subjectiven Charakter derartiger Beurtheilungen betrifft, mit allen anderen Leidenschaften, sofern wir sie für Narrheiten erklären. Es gebührt sich, dass ich die mächtigste von allen zuerst anführe. Sie wissen, dass man in gewissen Fällen statt des Ausdruckes verliebt den Ausdruck 128 Narrheit. vernarrt gebraucht; man will damit sagen, dass das Glück, welches der betreffende Liebende zu empfinden seheint, oder sein excentrisches Gebahren für uns in diesem Falle etwas Unbegreif- liches hat; wobei nun die Ursache entweder in der absoluten und sonnenklaren Unerreichbarkeit des geliebten Gegenstandes oder in dem wirklichen oder nur angenommenen Missverhältniss zwischen den Eigenschaften der Geliebten und der Aufregung des Liebenden bestehen kann. Das Erste wäre z. B. der Fall, wenn ein junger Beamter bürgerlichen Standes sich um eine Prinzessin abhärmte, während er in seiner nächsten Nähe viele und sehr schöne junge Damen zur Auswahl hätte. Es wird nicht wenig Leute geben, welche geneigt sind, zu dieser Kategorie auch den Ritter Toggen- burg zu zählen. Als der anderen Reihe angehörig können die Stu- denten im Faust gelten, von welchen die Bürgerstöchter sagen: »Da seht mir nur die schönen Knaben, es ist wahrhaftig eine Schmach; Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben, und laufen diesen Mägden nach.« Von den beseelten Blumen führt mich ein natürlicher Ge- dankengang zu den wirklichen. Blumenzucht wird Jedermann für eine vernünftige und schöne Liebhaberei erklären; ihr Pfleger wird aber zum Narren, wenn ihm der Erwerb und der Besitz, also das Mittel, zur Hauptsache wird, über welchem der eigentliche Zweck, der Genuss in der Betrachtung und Pflege, völlig zurücktritt, und wenn er, blos um Vieles und Seltenes zu haben, allen Sinn für andere Lebensfreuden und Lebenszwecke verliert und vielleicht sogar sein Vermögen zu Grunde richtet. Man nennt diese und andere zum Excess getriebene Liebhabereien oft Manieen, jmit Un- recht, ja zum Theil zum förmlichen Schaden richtiger Begriffe, in- dem dabei etwas als eine Geisteskrankheit angesehen wird was keine ist, dafür aber wieder rückwärts wirkliche Geisteskrankheit lediglich als eine unverzeihliche Leidenschaft oder Schrulle, die man dem Betreffenden wohl austreiben könne. Im Grossen geschieht diese Verwechslung, wenn gewisse Geistesrichtungen, sei es religiöser oder politischer Art, welche ganze Zeitalter beherrschen und ihrem Dichten und Trachten vor- waltend zu Grunde liegen, wie z. B. der Teufels- und Hexen- glauben im Ganzen, als Wahnsinnsepidemieen betrachtet werden, so sehr ich auch überzeugt bin, dass ein grosser Theil der angeblichen Narrheit. 109 Hexen Kranke waren. Eine solche Art der Geschichtsbetrachtung schien eine Zeit lang bei französischen Schriftstellern Mode werden zu wollen; sie hat aber auch bei uns Eingang gefunden, wie diess unter Anderen7) eine im Jahr 1850 in Berlin gedruckte medicini- sche Inaugural - Dissertation von Groddekk de morbo democratico bezeugt, die später deutsch unter dem Titel: die democratische Krankheit, eine neue Wahnsinnsform, erschien, und wogegen gleich darauf ein Pseudonym Namens Cebedaeus Cameleon Odreg eine satyrische Gegenschrift: de morbo reactionario, antiqua insaniae forma, herausgab. Es versteht sich von selbst, dass mit solchen Witzen der Wissenschaft nicht gedient, vielmehr die Verwirrung der Begriffe vermehrt, und nach zwei Seiten zugleich Schaden gestiftet wird. Zu solchen missbräuchlich so genannten Manieen gehört ferner, um noch ein Beispiel anzuführen, die Bibliomanie, Sucht nach Er- werb und Besitz von Büchern, entweder überhaupt nur von vielen, zuweilen selbst blos schön eingebundenen, oder häufiger von seltenen, blos um sie zu haben. Im des schon erwähnten Sebastian Brant Narrenschiff eröffnet der Büchernarr8) die Reihe, indem er spricht: den vordantz hat man mir gelan dann ich on nutz viel Bücher han, die ich nit lyß und nit verstan. Es ist schon vorgekommen, dass solche Büchernarren auch Bücher gestohlen haben; während wir aber über andere Bücher - oder Raritätendiebe, welche damit Handel oder sonstigen egoistischen Missbrauch treiben, entrüstet sind, ist hier unser Unmuth über die That immer mit einem gewissen Kitzel zum Lachen verbunden. Mehr oder weniger können alle Sammler zu Narren in diesem Sinne werden, sobald sie in dieses blosse Sammeln das ganze Glück ihres Lebens setzen , all ihr Bestreben darin aufgehen lassen, und von ihrer Leidenschaft oft auch ganz am unrechten Orte und zu unrechter Zeit beherrscht werden. Es ist unnöthig und würde viel Zeit kosten, dieselben alle einzeln aufzuführen. Am gesteigertsten und zugleich am gehässigsten erscheint dieser Sammeltrieb, wenn er auf zeitliche Güter überhaupt, auf Geld und Geldeswerth geht, als Habsucht und Geiz. Der Geiz kann zum Laster werden, und gehört dann ins Gebiet der UnsittHchkeit; er wird es aber nur dann und insofern, wenn er die besseren Gefühle des Menschenherzens, die Hagen, Studien. 9 130 Narrheit. Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit austilgt. An sich und in Bezug auf seine eigene Lage betrachtet, erscheint der Geizige, weil er über dem Erwerb und Besitz dessen, was Mittel zum Genuss seih soll, auf diesen selbst verzichtet, als ein Narr. Die Schätze, auf deren Erwerb man ausgeht, müssen aber nicht nothwendig in Gold und Silber bestehen, sie können auch geistiger Art sein. Gibt es auch hier eine Narrheit? Es kommt dabei viel auf den Standpunct des Beurtheilers an. Wer, mit Vorliebe der wechselnden Erscheinung zugewendet, an der Mannich- faltigkeit der Dinge seine Freude hat oder sich nur im Getriebe der Welt wohl fühlt, dem kann ein in den Schachten des Wissens Grabender und all sein Sinnen auf gewisse Gegenstände Concentri- render, an dem die Güter der Welt völlig unbemerkt vorüberziehen, leicht vorkommen, wie ein Thier auf dürrer Haide Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt, Und rings umher liegt schöne grüne Weide. Er weiss nicht, dass jenem Forscher sein Arbeitsfeld schon selbst die grüne Weide ist. Gleichwohl kann auch das Studiren zur Narrheit werden, sobald Aufstappelung von Kenntnissen und ge- lehrtes Wissen als solches zum Selbstzweck gemacht wird, wo dieses dann nicht mehr ein Mittel zur Erforschung der Gesetze der Natur und Geschichte oder zur Erreichung praktischer Zwecke, sondern die blosse Befriedigung des Wissensstolzes das Ziel ist und die grösste Krän- kung darin besteht, wenn einem Solchen nachgewiesen wird, dass er irgend etwas, sei es auch Kleinliches, noch nicht gewusst habe. Von diesem äusserlich sehr verschieden, aber innerlich näher verwandt als es scheint, ist derjenige, der allen Werth darauf legt, jederzeit bis ins Kleinste herab mit der jeweiligen allgemeinen Sitte nicht nur zu gehen, sondern vor Allen auch Jedermann zu zeigen, dass er diess thut, wobei es von höchster Wichtigkeit ist, es immer sobald als möglich zu wissen, dass etwas Neues wirklich demnächst zur allgemeinen Sitte werden wird. Sie merken, dass ich im Be- griffe stehe, auf das Gebiet der Modenarrheit zu gerathen. Da ich mich jedoch hiemit auf einen gefährlichen Boden begebe, auf welchem ich schwerlich etwas gewinnen würde, so will ich lieber gleich das Feld räumen, und zu anderen Narrheiten übergehen. Es muss nicht gerade eine ausserhalb des Geschäftes liegende Narrheit. 131 Liebhaberei sein, welche uns den Eindruck einer sog. Manie macht. Zwar ist ernsthaftes und eifriges Betreiben eines Berufes in der Regel ein Hemmniss für das Entstehen von Narrheiten, und diese können sich um so weniger ausbilden, je grösser die Ansprüche sind, die an unsere Thätigkeit gemacht werden, daher man sie schwerlich bei Fabrikarbeitern und Locomotivführern finden wird, mehr bei Privatiers, besonders unverheiratheten (denn eine Frau ist zwar kein untrügliches, aber doch eines der besten Mittel gegen Narrheiten). Aber der Beruf kann doch auch manchmal in einer Weise betrieben werden, dass dabei der eigentliche Lebenszweck verfehlt wird. Es ist der Lebensberuf der Derwische, religiöse Uebungen zu treiben, viele derselben geberden sich aber dabei wie Narren. Eines der schönsten Beispiele hiervon ist das, welches uns der ungarische Reisende Vambery erzählt 9). Indem er von dem Fanatismus der muhamedanischen Religionspartei der Schiiten spricht, erwähnt er auch einen Derwisch, der zur Zeit seines Auf- enthaltes in Tebris ebenfalls zufällig dort anwesend war und wel- cher »durch und durch überzeugt von der Gerechtigkeit der An- sprüche Ali's als ersten Chalifen schon vor 30 Jahren ein Gelübde gethan hatte, während seines ganzen Lebens sein Sprachorgan zu nichts Anderem gebrauchen zu wollen, als zur Ausrufung der Worte: Ali, Ali!, indem er, wie er meinte , hiemit als eifrigster Parteigänger des vor mehr als 1000 Jahren verewigten Chalifen sich zeigen werde. In seinem Hause, denn er war verheirathet, sprach er zu Frau und Kindern, zu Freunden und Verwandten nur Ali, Ali; wenn er essen, trinken, oder was immer begehren wollte, rief er Ali, Ali, wenn er im Bazar etwas erbetteln oder kaufen wollte, rief er Ali, Ali, wenn man ihn misshandelte oder belohnte, rief er Ali, Ali, und in neuerer Zeit stieg sein Eifer so hoch, dass er den ranzen Tag zu Pferde wie ein Besessener die Strassen durch- rannte, einen Stab hoch in die Luft schwang und wild ausrief: Ali, Ali.« Dieser Derwisch hatte, wie so manche andere seines Standes, von seiner Narrheit wenigstens den Vortheil, als Heiliger verehrt zu werden. In anderen Ständen hat freilich die Liebhaberei für den Beruf wenn sie narrenhaft wird, diesen Erfolg nicht, son- dern sie ist nur ihr eigener Lohn. Wie sich ein Beamter in seine Acten verlieben kann, hat uns der weiland »Staatshämorrhoi- darius« der fliegenden Blätter oft in ergötzlicher Weise dargestellt; y * 132 Narrheit. und damit auch meine eigene Facultät nicht ungerupft davonkomme, so bitte ich Sie, unseren Jean Paul nicht ganz zu vergessen, sondern in Dr. Katzenberger's Badereise zu lesen, wie Jemand über der Jagd auf Missgeburten zum Räuber werden kann. Ein Stück Katzenberger hat aber noch jetzt jeder rechte Mediciner im Leibe. Am gefährlichen wird die im Beruf wurzelnde Narrheit auf dem Thron. Der Besitz der Macht und die Gewohnheit des Be- fehlens soll, wo die Dinge recht stehen, das Mittel sein, um Ord- nung und Gesetz aufrecht zu halten und das öffentliche Wohl zu fördern. Wo aber statt der Sorge um dieses das Befehlen selber zum Zweck wird und der Kitzel, an Allem und Jedem die absolute Willkühr zu üben, den Mittelpunct und das Ziel alles Strebens ausmacht, da kann die Sucht, die schrankenlose Machtvollkommen- heit immer sofort in unmittelbaren Wirkungen zu schauen, zu der ungeheuerlichsten und unsinnigsten Verschwendung, zur abge- schmacktesten Selbstvergötterung und dem grauenhaftesten Hinweg- setzen über alle menschlichen Gefühle führen. Ein Caligula, ein Nero waren solche Narren auf dem Thron. Solche Häupter müssen aber nicht gerade immer gekrönt sein, es reicht schon der ander- weitig erlangte Besitz der Macht aus, und der Schwindel ist dann oft nur um so grösser. Schon manche schöne Volkserhebung ist schliesslich dadurch verdorben worden und verunglückt, dass sie in die Hände von Revolutionsnarren gerieth, welche das Wesen der Freiheit darein setzten, die Revolution für permanent zu er- klären, d. h. auch wenn gar keine neue Freiheit und kein weiteres Recht mehr zu erfechten ist, doch fortan noch wenigstens alle 14 Tage einen neuen Krawall nebst Strassenkampf aufzuführen und die Barrikaden immer gleich für das nächste Mal stehen zu lassen. Unter der Schreckenszeit in Frankreich schien es vollends, als ob die schönste Aufgabe der Republik das Köpfen ohne Ende sei. Es mag sein, dass bei all diesen Ungeheuerlichkeiten die wirkliche Sorge um das Freiheitswerk mehr oder weniger Motiv war; aber mitwirkte und bei Vielen vorschlagend war die Freude an der Macht über das Leben Anderer. Im Kleineu finden wir dasselbe in der Mordlust Einzelner. Nicht zu verwechseln mit der krankhaften Mordmonomanie gehört sie, wenn man vorläufig von der moralischen Seite absieht, ihren psychischen Quellen nach in das Gebiet der Narrheit. Am deutlichsten tritt diess bei jenen Gift- Narrheit. 133 mischerinnen hervor, denen, wie der Brinvilliers, der Gesine Gott- fried , der Zwanziger, das Vergiften zur Gewohnheit, zum süssen Lebensreiz geworden ist. Im Anfang Mittel zur Befriedigung von Rache, Habsucht, Wollust, wird mit dem einmaligen Gelingen der Kitzel, als Quasi - Schicksal mit dem Leben Anderer zu schalten und diese in seiner Gewalt zu haben, Selbstzweck, das Individuum wird ein Vergiftungsnarr. Auch der Jeanneret ist wohl zu glauben, dass sie wenigstens im Anfang lediglich an Anderen experimentiren wollte, wobei die Gefährlichkeit des Mittels schon einen eigenen schauerlichen Reiz hinzufügte, später, als sie fand, dass sie unge- straft Herrin über Leben und Tod war, machte ihr auch das Tödten und endlich nur noch das Tödten Genuss. Indessen bin ich bei ihr noch nicht völlig gewiss, ob nicht auch etwas wirklich Krank- haftes mit zu Grunde lag. Doch genug der Beispiele. Sie werden hinreichen, um zu beweisen, dass in allen Fällen der besprochenen Art, für welche die Sprache den Ausdruck Narrheit gebraucht, von Geisteskrankheit keine Rede ist, und für die Mehrzahl derselben müssen wir Irren- ärzte im Namen unserer Kranken feierlichst dagegen protestiren, sie mit denselben in eine Linie zu stellen. Gerade die häufigsten Haupt- und Elementarformen der Geisteskrankheit, Tobsucht, Me- lancholie, Wahnsinn, selbst partielle Verrücktheit haben mit den verschiedenen Arten von Narrheit, die ich Ihnen in Kürze geschil- dert habe, nichts gemein. Es gibt zwar eine Form psychischer Krankheit, welche wir Narrheit nennen. Sie zeichnet sich aus durch einen instinctartigen unbesiegbaren Trieb zu barocken, son- derbaren Handlungen, zu welchen ein entsprechendes Motiv nicht zu finden ist, und ohne damit weiter sich daran anknüpfende Folgen für sich und Andere zu bezwecken. So die Neigung, allerlei sonder- bare Bewegungen und Gesticulationen zu machen, oder den Körper oder einzelne Glieder immerfort in derselben Stellung unbeweglich zu erhalten, oder immerfort Gebete vor sich hinzuplappern, oder andächtige Geberden und Stellungen anzunehmen, zu knieen, oder der krankhafte Hang sich in phantastischer Weise zu putzen , oder in Reden die Worte eigenthümlich zu verderben oder ganz neue Worte zu machen oder gleich Monate und Jahre gar nicht zu reden oder immerfort zu schreiben oder irgendwie Schaden zu stiften, sei es durch Stehlen oder Anzünden oder Mord oder Selbstverstümme- 134 Narrheit. lung. Wenn aber für dies e Zustände der Name Narrheit (im Fran- zösischen Folie in engerem Sinne nach Guislain) gewählt wird, was übrigens noch nicht allgemein geschieht, so thut man diess nicht desshalb, weil dieselben wirklich nichts Anderes als Narrheiten in jenem gewöhnlichen Sinne und mit denselben identisch wären, son- dern weil wir einen anderen Ausdruck nicht haben und daher, um doch diese Species besonders benennen zu können, denjenigen wählen, der im Bereich der Gesundheit die verwandteste Erschein- ung bezeichnet. Wir behalten aber dabei vollkommen das Be- wusstsein, dass, wenn wir von Narrheit in diesem Sinne sprechen, wir eine Krankheit meinen, so wie es auch eine Schwermuth gibt, die ein natürlicher, objectiv begründeter Zustand ist, und wir doch das Wort Schwermuth auch zur Bezeichnung einer psychischen Krankheitsform gebrauchen. Es ist eben ganz natürlich, dass, wenn durch abnorme Gehirn- und Nervenzustände, Abweichungen im psychischen Leben hervorgerufen werden, diese solche sein werden, zu welchen der Mensch überhaupt fähig ist, von welchen daher so manche auch ohne psychische Krankheit auf andere Weise sich des Menschen bemächtigen können. Ungenügende Kenntniss und Beobachtung hat nun aber früher häufig genug das Vorhandensein von Krankheit misskannt, und in solchen Krankheiten nur psychisch motivirte, mehr oder weniger freiwillig eingegangene mit Lust und Willkühr cultivirte Schwächen und Missgewohnheiten erkannt und beiderlei Zustände mit einander vermischt und verwechselt. Und so lässt sich denn auch leicht denken, auf welchem Wege der Name Narrheit zuletzt populäre vulgäre Bezeichnung für Geisteskrankheit wurde. Da die psychische Krankheitsform Narrheit in der Regel eine chronische ist, das von demselben Individuum lange Zeit, Jahre lang, immer wieder ge- sehen wird; da sie ferner von allen die leichtest bemerkbaren Züge darbietet, und ein bizarres Gebahren dieser Leute zur Belustigung der Zuschauer, in einer Zeit namentlich', wo man dergleichen In- dividuen noch mehr sich selbst überliess, leicht zu provociren war, so wurde der Name Narrheit vorzugsweise häufig in den Mund genommen und unvermerkt auf alle anderen Arten von Geistes- krankheit ausgedehnt, er wurde zu einem Gattungsnamen 10). Aber sicherlich gegen den urspünglichen Genius der Sprache, wie ich oben schon nachwies, und auch gegen die Thatsachen. Denn die Narrheit. 135 Krankheitsform Narrheit ist gegen die anderen Formen psychischer Krankheit verhältnissmässig nicht häufig. Die daran Leidenden bilden nur eine kleine Zahl und es kann sich in einer kleineren Irrenanstalt zuweilen wohl treffen, dass in derselben längere Zeit kein einziger Narr ist. Nun werden die Fragen der Verwunderung, welche ich einer Beleuchtung zu unterwerfen mich anheischig gemacht hatte, Ihnen schon von selbst in einem ganz anderen Licht erscheinen. Narrheit in dem einen und dem anderen Sinne sind eben zwei verschiedene Dinge, welche gar nicht nothwendig zusammen gehören. Es kann Einer sein ganzes Leben lang seine Marotten und sonderbaren Nei- gungen haben, kann ein närrischer Kauz und in seiner Art, wie man zu sagen pflegt, ein Narr in folio sein, aber er wird nicht geisteskrank. Dazu wird ein Erkranken des Gehirns und Nerven- systems erfordert, das seine besonderen Ursachen, sei es der Prä- disposition oder der Gelegenheit hat. Ich will nun hiemit natür- lich keineswegs ableugnen, dass auch Sonderlinge oder solche, die eine gewisse Idee rücksichtslos oder leidenschaftlich verfolgen, zu- letzt in Geisteskrankheit verfallen können. Es kann vorkommen, dass ein Geizhals durch grosse Vermögensverluste psychisch er- krankt, dass ein Processnarr und Querulant oder ein solcher, der neue kunstvolle Maschinen zu erfinden sich Jahre lang abmüht, schliesslich verrückt wird, dass der Hochmuth endlich zu einem Fall führt, aus welchem sich der Betreffende nur psychisch gestört wieder erhebt, aber das Alles ist viel seltener als man glaubt. Das bei weitem Häufigere ist (wenn dergleichen Schwächen und Leiden- schaften überhaupt üble Folgen haben und nicht schliesslich in Folge der heilsamen Zucht der Erfahrung zur Besonnenheit zurück- führen), dass das Individuum ein ärmliches, bedauernswerthes Dasein führt, bis es griesgrämig zur Grube fährt, oder dass es verkommt und verliedert, oder dass es in Selbstmord endigt, oder dass Aerger, Grimm oder Reue es in eine körperliche Krankheit stürzt, welcher es unterliegt. Man könnte zwar denken, ein Son- derling, ein Narr der beschriebenen Art müsse, wenn auch seine Gemüthsverfassung nicht von selbst zur psychischen Krankheit heranwachse, doch wenigstens mehr zu solcher disponirt, daher unter sonst gleichen Umständen mehr in Gefahr sein, geistig zu erkranken als ein Anderer. Aber auch diese Meinung ist zurück- 136 Narrheit. zuweisen. Denn selbst die Disposition zu psychischer Krankheit liegt keineswegs vorzugsweise in der Seele selbst, sondern zum bei weitem grösseren Theile im Gehirn und Nervensystem. Beweis dessen ist, dass so oft, und zwar je acuter die psychische Krankheit ist, desto entschiedener ein totaler Widerspruch zwischen dem jetzigen und dem sonstigen geistigen und sittlichen Verhalten des Individuums besteht. Der Geizige wird zum Verschwender, der Misanthrop läuft jetzt in alle Gesellschaften und der lustige Lebemann wird zum religiösen Grübler und Andächtler. Man kann diess wohl zuweilen so erklären, dass der Mensch sich eben bisher verstellt habe, und jetzt erst seine wahre Natur zum Vorschein komme; aber häufiger ist gewiss das gerade Gegentheil der Fall. Eben weil die dem Menschen überkommende Krankheit mit ihren Wirkungen auf die Seele so oft seinem gewöhnlichen Denken und Thun widerspricht, so unterliegt er ihrem Andrang auf seine Willenskraft um so leichter. Er hat gegen die fremdartigen Stimmungen, Anschau- ungen, Triebe, Gelüste, die jetzt in ihm aufsteigen, keine Hülfen in sich, weil er nicht gewohnt war, mit solchen kämpfen zu müs- sen, und er wird von ihnen um so leichter hingerissen, als ihm sein dermaliger Zustand als ein normaler, selbstverständlicher, der Lage entsprechender erscheint; denn nur im Anfang und am Ende desselben sagt er zuweilen selbst noch, er sei wie verdreht. Ich kann hier nicht weiter auf die merkwürdigen Charakterveränder- ungen und Gemüthsumwälzungen, welche durch den psychischen Krankheitsprocess im Menschen entstehen, eingehen; sie zu be- leuchten, würde eine eigene Abhandlung erfordern, und die mir zugemessene Zeit ist wohl schon verstrichen. Ich bemerke daher nur noch Eines. Statt dass Sonderlinge zu Geisteskrankheit stärker als Andere disponirt wären, kann man sogar sagen, dass sie der Gefahr des psychischen Erkrankens weniger ausgesetzt sind als andere Leute, und man findet daher nicht, dass dieselben ein unverhältnissmässig grosses Contingent zur Zahl der Geisteskranken stellen u). Am meisten noch die misanthropischen Sonderlinge so wie die Querulanten, weil die Stimmungen des Hasses und die Ein- bildung, im Rechte gekränkt zu sein, eine das Nervenleben unter- grabende Wirkung haben. Den Uebrigen ist die Excentricität und Einseitigkeit der Richtung zur anderen Natur geworden, sie kümmern sich wenig darum, was Andere von ihren Schwächen Narrheit. 137 sagen und halten, und sind durch die Gewohnheit in einem be- stimmten Geleise festgefahren, aus welchem sie nicht leicht heraus- zuwerfen sind. Für eine grosse Anzahl von Affecten sind Manche derselben von vorne herein unempfänglich, weil sie für eine Menge menschlicher Interessen und socialer Berührungspuncte keinen Sinn haben. Oder sie sind sich selbst so genug, mit ihrem Thun und Treiben so zufrieden und dadurch innerlich mit sich in Harmonie, dass Beleidigungen und Kränkungen theils gar nicht als solche von ihnen aufgenommen werden, theils leicht von ihnen abgleiten. Sie sondern Alles, was geeignet werden könnte, ein Krankheitsferment zu werden, sofort von sich ab. Es ist gewissermassen, als ob sie durch eine natürliche oder schon frühzeitig durch ihren Lebens- gang bewirkte psychische Impfung schon von vorn herein vor dem eigentlichen Erkranken geschützt wären. Fassen wir nun zum Schluss das Ergebniss unserer Betrach- tungen noch einmal zusammen, so können wir es in dem Satz aus- sprechen: die Begriffe Narrheit und Geisteskrankheit decken sich nur zum kleinsten Theil, gleichsam mit ihren Rändern 12); im Uebrigen gehen sie weit auseinander; die wenigsten Narren werden geisteskrank und die wenigsten Geisteskranken sind oder waren Narren. Ich weiss zwar nicht, ob Sie die Einsicht, welche Sie hie- durch gewonnen haben, besonders hoch anschlagen; mir ist es schon genug, wenn ich wenigstens eine Wirkung erzielte: den Ausdruck Narren für Irre und Narrenhaus für Irrenanstalt aus dem Kreise vorläufig wenigstens unserer nächsten Umgebung zu verbannen. Ich weiss zwar zum Theil, theils glaube, theils hoffe ich es, dass in den Kreisen, welchen Sie angehören, die Worte Narr in diesem Sinne und Narrenhaus nicht gebraucht werden. Aber Sie sind nur die Elite, und, Sie gestatten mir diess zu sagen, ich hielt diesen Vortrag nicht blos für Sie. Nicht auf die hier Versammelten soll er seine Wirkung beschränken, sondern ich wünsche, dass durch Ihre Vermittlung die richtige Ansicht sich weiter, besonders in die tieferen Schichten des Volkes verbreite und sie durchdringe. Dann werden auch noch andere hiemit in enger Verbindung stehende Vorurtheile verschwinden. Wir Irrenärzte werden nicht mehr die Frage zu hören bekommen: Werden denn auch welche geheilt? Eine Frage, welche uns ungefähr so anmuthet, wie wenn Jemand 138 Narrheit. einen Advocaten nach längerer Unterhaltung über dessen Beruf plötzlich fragen würde: hören denn auch manche Processe wieder auf? An sich betrachtet wäre die Frage, soferne sie auf Belehrung ausgeht, ganz berechtigt. Obgleich es nämlich Leute genug gibt, (unter Ihnen selbst vieUeicht die Hälfte), welche genesene Geistes- kranke kennen, so ist doch Geisteskrankheit im Ganzen ein zu seltenes Vorkommniss, als dass man Erfahrungen darüber bei Je- dermann voraussetzen dürfte und noch weniger kann man Jeder- mann zumuthen, dass er die statistischen Berichte über Anstalten in Zeitschriften und Büchern gelesen und gemerkt hat. Allein leider wird die Frage um der blossen Belehrung willen grossentheils gar nicht gestellt, sondern aus den halb ungläubigen, halb mitleidigen Mienen des Fragenden geht in der Regel hervor, dass derselbe sie für sich selbst schon längst beantwortet hat und zwar verneinend. Er denkt: ach, da wird Keines mehr recht, es schickt sich aber doch, um seine Theilnahme zu zeigen, wenigstens darnach zu fragen. Da eine solche Ansicht von der Unheilbarkeit der Geisteskranken unmöglich der Erfahrung entnommen sein kann, weil diese das Gegentheil aussagt (wie z. B. unsere Anstalt allein im ver- flossenen Jahre 38 vollständig geheilt verHessen), so ist sie eine Ansicht a.priori. Denn diese Einbildung ist, wenn auch unbe- wusst, deducirt, abgeleitet aus einem allgemeinen Satz, dem: dass die Geisteskranken Narren seien. Unter diesem Gesichtspunct an- gesehen erscheint natürlich das Unternehmen, einen Geisteskranken zu heilen, als ein vergebliches und hoffnungsloses; denn einen Narren gescheidt machen zu wollen, ist ja gerade so thöricht und lächerlich, als einen Mohren weiss zu waschen; und diejenigen, welche sich einbilden es zu können und sich damit abgeben, ver- dienen in ihren Illusionen das tiefste Mitleiden. Diese aber ihrer- seits werden durch solche Ansichten ebenfalls zum Mitleid erregt, aber für die Kranken, welche unter diesem Vorurtheil noch immer, wenn auch glücklicher Weise nicht mehr in dem Umfang wie früher leiden. Noch jetzt kommt gar manche Familie, der der Rath ge- geben wird, eines ihrer Glieder in eine Anstalt zu bringen, über diesen Vorschlag ganz ausser sich. Ihr Kranker, sagt sie, sei ja kein Narr. Freilich ist er kein Narr, aber die, welehe bereits in der Anstalt sind, sind eben auch keine, und viele von ihnen sind sogar in demselben Augenblick geistig viel besser daran als der Narrheit. 139 betreffende Kranke, vor dessen Zusammengesellung mit jenen man schaudert. Diesem unsinnigen Vorurtheil und der Rohheit des vul- gären Sprachgebrauchs fallen noch jetzt in Deutschland jährlich Hunderte zum Opfer, und wie oft habe ich bei solchen Gelegen- heiten, wo alles Reden nichts half, gedacht: der schrecklichste der Schrecken das ist der Mensch in seinem Wahn. Da nun alles Dieses zum grossen Theil von jenem heillosen Gebrauch des Wortes Narr für geisteskrank und von der Unge- wobnheit herrührt, Geistesstörungen für das anzusehen, was sie sind, für Krankheiten, so sehen Sie wohl ein, dass mir daran liegen musste, mich einmal darüber auszusprechen. Möchte es mir beschieden sein, recht bald Früchte meiner und wie ich nun hoffe, auch Ihrer Bemühungen zu sehen, und ich nicht die Enttäuschung erleben, dass nach Jahren noch dieselbe Sprachgewohnheit und die- selben Begriffsverwechslung in gleicher Macht fortbestehen. Möchte ich mir dann nicht sagen müssen: ich bin einem Phantome nach- gejagt, ich bin, indem ich mich bestrebte, eingewurzelte Vorur- theile auszurotten, und hoffte es zu können, ein Narr gewesen! Anmerkungen und Zusätze. 1) Das Werk erschien in Leipzig 1786 —1788, und enthält 67 Nummern. 2) Sanders, Wörterbuch der deutschen Sprache. Leipzig 1863. 3) Weikard, in »philosophischen Arzt« gebrauchte das Wort Narrheit bald für Thorheit, bald für Irresein; Erhard hingegen (in Wagner's Beiträgen zur philosophischen Anthropologie. Wien, l.Bd. 1794) schon für fixen und vagen Wahn, zum Theil auch Manie. Es ist bezeichnend, dass Erhard, wie schon im ersten Vortrag erwähnt wurde, überhaupt die vernünftelnd deductive Methode zur psychologi- schen Erklärung des Irrseins anwendete. 4) Den Ausdruck »physiologische Narrheit« hat zuerst Blum- röder gebraucht in einer Abhandlung »über Narrheit in allgemeiner und in speciell psychiatrischer Beziehung« in Friedreich's Magazin für philosophische, medicinische und gerichtliche Seelenkunde. Siebentes Heft. Würzburg 1831, S. 64 ff. Diese Abhandlung enthält viele werth- und geistvolle Bemerkungen; aber gleichwohl ist das Wesen des Unter- schiedes zwischen physiologischer und pathologischer Narrheit nicht scharf genug erfasst. Er setzt »das Wesen der ersteren vorzugsweise in ein lustiges Verzichten auf Ernst und Besonnenheit, wobei allerlei scurril nach aussen fröhlich geniessend Thätiges das Bewusstsein an- und abzieht, so dass das Selbstbewusstsein mehr oder weniger daran auf kurze Zeit überwunden ist, daher secundär in eine temporäre Ge- störtheit, Geschwächtheit oder auch wohl momentanen Verlust des sich selbst Objectivseins (jedoch mit der Fähigkeit des Individuums, es will- kührlich jeden Augenblick wieder zu gewinnen*und sich berichtigen zu lassen«, während in der pathologischen, abnormen Narrheit, das Selbst- bewusstsein so sehr und dauernd gestört, getrübt und überwunden ist, dass »der Irre von seinem Organismus ausgehende Sinnestäuschungen für äussere Objecte, Irrthum für Wahrheit hält, mit der Unfähigkeit, sich durch Gründe berichtigen lassen zu können.« Die vorn im Texte gepflogenen Erörterungen so wie- darauffolgenden Beispiele beweisen hinlänglich, dass Blumröder's Definition der physiologischen Narrheit viel zu eng ist, da die Narrheit auch oft genug sehr ernster Natur Narrheit. 141 sein kann und der Träger derselben sich vielleicht nur in der Minder- zahl der Fälle bewusst ist, willkührlich auf Besonnenheit zu verzichten. Auch die Unfähigkeit, sich durch Gründe berichtigen zu lassen, macht es nicht aus. Schon hier scheint die materialistische Theorie hemmend auf die gehörige Unterscheidung von der Geisteskrankheit gewirkt zu haben, aber doch sind Blumröder's Erklärungen hier noch annehmbarer als spätere in seinem Buche über das Irresein (Leipzig 1836) S. 159. 160, wo sie in's System gebracht sind. Blumröder's Stärke war weit mehr die Kritik, welcher wir treffliche Leistungen, besonders auch in einer Reihe von Recensionen in Schmidt's Jahrbüchern, verdanken. In seinen eigenen positiven Aufstellungen führten ihn sein Geist und Witz in manchen Beziehungen auf Abwege. 5) Blumröder 1. c. S. 81 sagt mit Recht von Adelung, welcher den Unterschied zwischen Thorheit und Narrheit dahin be- stimmte , dass Narr hart und niedrig, Thor aber um einige Grade ge- linder und anständiger sei, derselbe vergesse, dass noch eine Verschie- denheit je nach den Gesichtspuncten des Beurtheilers stattfinde. »Der Moralist, der ernste Philosoph nennt Thorheit, was der Komiker, Saty- riker, Humorist, Narrheit heisst.« Wenn er aber noch weiter hinzu- setzt, »dass doch auch manchmal Narr viel harmloser, zutraulicher und weniger hart ist als Thor, so z. B. »ein guter Narr« und überhaupt auch der Narr nichts feindliches oder schädliches, sondern, als blos lächerlich, sogar etwas ergötzliches hat, was beim Thoren nicht immer der Fall ist, so muss man doch hervorheben, dass Narrheit durchaus nicht immer unschädlich, wenn auch meist lächerlich erscheint. Dann ist auch noch eine Hauptsache übersehen, dass »Thorheit« mehr auf mangelhaftes Erkennen, Beurtheilen, Abschätzen geht, während die Narrheit sich mehr auf die Willensrichtung, auf das Nachjagen .nach dem imaginären Glück selbt, also auf ein Thun und Treiben bezieht. 6) Nach Zimmermann, über die Einsamkeit. Erster Band. Leipzig 1784, S. 11; und Häser, Geschichte der Medicin. Jena 1852, S. 34. 7) »Geistesepidemieen« nannte man dergleichen. Man vergleiche darüber auch die Bemerkungen Damerow's, allg. Zeitschrift f. Psy- chiatrie Bd. VII. S. 414 in der Abhandlung »zur Kritik des politischen und religiösen Wahnsinns«; und ebendaselbst Jessen, über die Con- vulsionen unter den Jansenisten in Paris, S. 430. Die durch Nachahm- ung entstandenen Convulsionen in solch epidemischer Ausbreitung sind in Hinsicht auf ihre wirkliche Natur noch immer nicht gehörig that- sächlich constatirt. 8) Zarncke, Seb. Brandt's Narrenschiff, Leipzig 1854, bemerkt gegen Vi 1 mar S. 301 mit Recht, dass Brandt damit durchaus nicht sich selbst gemeint habe, da er auch andere Narren von sich in der 142 Narrheit. ersten Person sprechen lässt. Als Typus eines Bibliomanen kann ßou- lard gelten, dessen Sammelwuth Sinogowitz (die Geistesstörungen in ihren organischen Beziehungen als Gegenstand der Heilkunde be- trachtet, Berlin 1843 S. 33) beschrieben hat nach einem französischen Werke: Vie publique et privee des Frangais. Paris 1826, T. II. p. 336 ff.) 9) Vambe'ry, Wanderungen und Erlebnisse in Persien, Pest 1867, S. 53. — Dass nicht bloss bei den Mohamedanern dergleichen vorkommt, beweisen die indischen Fakirs, besonders die Vanaprasthas (Waldeinsiedler), von deren sonderbaren Büssungen Ideler, Grundriss Theil 1. S. 504 ff. aus Bohlen's Werk über Indien eine Anzahl Bei- spiele mittheilt); und die Zerrbilder, zu welchen die Uebungen religiöser Andacht bei den Anachoreten und Säulenheiligen geworden sind, sind bekannt; Zimmermann hat ihrer Schilderung einen grossen Theil seines Werkes über die Einsamkeit gewidmet. 10) Aehnlich wie in einem Theile Süddeütschlands der Name Fex. Vergl. hierüber Zillner, über Idiotie in den Verhandlungen der Leop. Carol. Acad. der Nat. 1860, XXVII. Bd. S. 129. Nachdem Zillner gesagt, dass, indem die Fexen in Salzburg die Rolle öffentlicher Volksnarren spielten, sich dadurch das Fexenthum mit dem Burlesken und Schnakischen versippte, fährt er in §. 17 fort: »Eine weitere Be- sonderheit der Salzburger Fexen (darunter werden vorzugsweise nur Idioten der mittleren und geringeren Grade verstanden) war ihr mit- unter sonderbares Dilettantenthum. Dasselbe gibt über die Kultur- fähigkeit, die Geistesfähigkeiten und Richtungen der Idioten nicht un- erhebliche Auskünfte. So liebte der Eine Kreuze und Ordensbänder, ein Anderer die Soldatenkleider und ein Dritter Denkmünzen und Ablass- pfennige. Während ein Vierter die Heiligennamen des Kalenders in der Ordnung und mit ihren Monatsnamen auswendig lernte und auf Befragen darüber jederzeit richtigen Bescheid gab, erlangte ein Fünfter ziemliche Fertigkeit im Hersagen gehörter Predigtstücke und erwarb sich ein Sechster im Stehlen nnd Abrichten junger Hunde eine gewisse Geschicklichkeit und eine Art Ruf. Die rücksichtslose Pflege einer Liebhaberei, das einseitige Betreiben gewisser Nebenbeschäftigungen, das unüberlegte Gefallen und Vertiefen an und in nach dem allge- meinen Massstab unpraktische und unnütze Dinge, das übertriebene Wertnsehätzen brodloser Künste verschafft noch heutigen Tages im Munde der Stadtbevölkerung den betreffenden Personen das Epitheton ornans: Fex, z. B. Hundsfex, Steinfex, Kalenderfex, Bartfex u. s. w. §. 18: Auch die Neigung Verstandesschwache zu »hänseln«, und an Geistesunmündigen sein Müthchen zu kühlen, fand bei solcher Sachlage reichliche Befriedigung. Jener kulturgeschichtliche Hang, der seine Freude hat, wenn der Hanswurst geprügelt wird, der noch unauso-e- Narrheit. 143 merzte christliche Sittenzug, der anderwärts die »Narren« und »Drill- häuschen« erfand und in der Redensart »Jemanden am Narrenseil her- umführen« sich ein dauerndes Denkmal gesetzt hat, ist auch in Salz- burg häufig beobachtet worden. Man fand genügenden Anlass, sich an den Possen der Fexen zu letzen und den Gegenstand der Laune zu »vexiren«, daher der Name Fex, vir vexabilis. »Und wie die Hofnarren gar oft mit Arglist und Tücke vergalten, so hatten auch diese Schelme der alten Bischofsstadt nicht selten den Schalk hinter den Ohren.« Was die im Texte besprochene Krankheitsform Narrheit be- trifft , so fehlt dieselbe in den meisten neueren Handbüchern, gewiss zum Theil unter dem Einfluss psychologischer Doctrinen. Die Natur der Dinge selbst wird aber immer wieder die Annahme solcher Formen aufdrängen. Französische Schriftsteller gebrauchen den Ausdruck Mo- nomanie instinctive, welcher jedoch den Begriff Narrheit nicht voll- kommen deckt. Guislain wendet den allgemeinen Namen folie speciell für diese besondere Form an (Lecons I. p. 225). Parigot schlug das Wort Diastrephie vor (Les diastrephies de la volonte et des instincts au point de vue criminel. Bruxelles 1856) und Kahlbaum (Gruppirung der psychischen Krankheiten S. 95 und 102) bezeichnet die Diastrephie als eine Unterart partieller Seelenstörungen (Vecordiae), nämlich als eine Störung der ergetischen Vorgänge. II) Diess fand auch Bucknillin: A Manual of psychological Medicine etc. by J. Gh. Bucknill and by D. H. Tuke, M. D. Second edition. London 1862. S. 305 und 306 sagt er: An alienist physician of judgment and experience might be able to point out, in thecircle of society with which he is acquainted, nearly all the men who are very likely to become insane; but were he imprudent enough to make Tcnown this invidious prescience, it would be found that his judgmmt differed widely from the opmions on this subject which are current in the world. It woidd be found, for instance, that his prophecy would not often rest upon those men who are called eccentric. Eccentricity more frequently depends upon a disregard of public opinion, in trifling and non essen- tial matters, then upon any twist or perversion in the mind of the indi- vidual. The eccentric man is often a large-hearted and a courageous man, and as such, one of the last to become insane. The ominous fore- thougth of the physician would rather rest upon the man over - susceptible concerning the good opinion which others may entertain of him; the suspicious and timorous man, who hears scandal before it is spoken, and apprehends the commencement of every possible mischief; the man who has not at the bottom of his heart a sincere liking for is fellow creatures, but who is querulous and contentious, and who perpetually finds himself in disaccord with the world. Man vergleiche damit auch die Stellen g. 344_346 und 356; und Maudsley, physiology and pathology of 144 Narrheit. mind 2. ed. p. 479. — Obgleich die originellen Käuze immer mehr aussterben, so wird doch wohl Jeder noch aus dem Kreise seiner Er- fahrung Beispiele von Sonderlingen kennen, die sich dem Einflüsse der gewohnten Sitte entziehen und für Narren erklärt werden, ohne dass sie jedoch jemals in Geisteskrankheit verfallen. Einen der auffallendsten Belege hiezu bietet dar Le Sauvage du Var. Ann. med. psych. 1865 S. 381. 12) Zustände, wo dieses der Fall ist, gehören zu den Ueber- gangsformen von psychischer Gesundheit zu Krankheit, Formen, welche hinsichtlich ihrer Classification, ihrer Behandlung und ihrer moralischen und rechtlichen Beurtheilung so grosse Schwierigkeiten darbieten. Sie unterscheiden sich von der im Texte besprochenen Narr- heit der Gesunden, der physiologischen Narrheit, von den Eigenheiten, Excentricitäten und blossen Bizarrerien dadurch , dass sie nicht bloss seelische Zustände an sich, leidenschaftliche Strebungen, barocke An- gewohnheiten u. dergl. sind, sondern dass ihnen ein Krankhaftes, etwas Abnormes im Organischen zu Grunde liegt. Dieses hat aber noch nicht jene Stärke und Uebermacht, dass eine eigentliche Krankheit entstünde, sondern es lässt anderweitigen Einflüssen auf die Seele, von welchen namentlich die Erziehung ein sehr bedeutender ist, und der individuellen Willkühr und berechnenden Ueberlegung, somit der Besonnenheit, noch viel Spielraum. More au (Psychologie morbide, Paris 1859) hat das Wesen dieser Disposition, welche nach ihm auch bei der genialen An- lage anzunehmen ist, in eine Surexcitation nerveuse gesetzt; Morel (traite des maladies mentales, Paris 1860) beschrieb die neuropathischen Zustände als ein besonderes Attribut der erblichen Disposition zu Geistes- krankheit. K r a u s s (der Sinn im Wahnsinn, Zeitschrift für Psychiatrie Bd. XVI. S. 229) bezeichnete sie als (in der cerebralen Organisation des Gehirns begründete) psychopathische Diathese und Affectionen. Grie- singer endlich (Archiv für Psychiatrie I. Bd. Berlin 1868, S.V. nannte sie constitutionelle Neuropathieen. Diese eigenthümliche Beschaffenheit in der Modalität und Reactionsweise des Nervensystems kann angeboren sein und ist dann wohl fast immer ererbt; sie kann aber auch er- worben sein. Selbstverzärtelung, oft Folge einer schlechten Erzieh- ung kann eine Weichlichkeit und üeberempfindlichkeit und damit eine Art Hypochondrie herbeiführen, in Folge deren plötzlich entstan- dene Krankheitseinbildunngen sich auf eine Zeit lang fixiren, ohne dass doch das Individuum im Allgemeinen ein Hypochonder genannt werden könnte. Wer aus irgend welchen inneren und äusseren Gründen der Griesgrämigkeit verfällt, steigert in seiner Vereinsamung sein melan- cholisches Temperament leicht zu habituellem Kleinmuth, Zaghaftigkeit, Pessimismus in Bezug auf die Zukunft, und geräth in Folge der nach- teiligen Wirkung dieser Gemüthsverfassung in einen Zustand anhal- Narrheit. 145 tender bänglicher Stimmung, in welcher er durch Grillenfängerei zu einer Art Narr wird. Er ist der Sorge verfallen, welche in ihrer Wirkung auf den Menschen, den sie beherrscht, von Göthe im zweiten Theil des Faust so schön geschildert ist: »Wen ich einmal mir besitze, der ist auf der Welt nichts nütze u. s. f.« Es schliessen sich hieran die Processsucht oder die Processmanie, wovon jeder einigermassen grösserer Gerichtsbezirk seine Beispiele aufzuweisen hat. Solche Process- narren laufen wegen den geringsten Kleinigkeiten zu den Advocaten und sind mit Landrichtern und Assessoren oft zu deren grosser Qual wohlbekannt. Man kann bei der Processsucht zweierlei Varietäten nach ihrer Entstehungsquelle unterscheiden. Die eine scheint nur bei den Bauern vorzukommen und mit einem gewissen Hochmuth in Ver- bindung zu stehen, vermöge dessen sie bei irgend einem Streithandel nicht nachgeben, sondern lieber eine Summe Geldes und ihr halbes Vermögen darangeben, nur damit der Andere nicht reicher erscheine und nicht länger nachhalten-könne als sie. Wer Riehl's Schilderung des Bauernstandes kennt, erinnert sich wohl auch seiner Zeichnung dieses Characterzugs. Die Bauern betrachten ihren Process als Lotterie, als ein Spiel, und sagen, wenn sie ihn verloren haben, sie haben ihn verspielt. Diese Art Processsucht, so lange sie diesen Charakter bei- behält, kann zwar durch den damit verbundenen Aerger und durch das Schwanken zwischen Hoffnung und Furcht auch zur Geisteskrankheit führen, ist aber an sich mit dieser nicht so sehr verwandt als die zweite. Hier hat sich die Idee irgend eines Rechtes oder Vorrechtes festgesetzt, ob begründet oder nicht, ist gleichgültig; es ist der An- spruch auf eine Erbschaft, oder die Concession zu einem Unternehmen, oder die Anerkennung einer Abstammung und dergl., was das Indivi- duum beschäftigt. Er gelangt trotz aller Bestrebungen nicht zum Ziel, kann sein wirkliches oder vermeintliches Recht nicht erhalten, das Ge- fühl des erlittenen Unrechts und der Gedanke daran wird in ihm an- haltend, er spricht mit Jedermann davon, all sein Streben und Denken dreht sich darum, der Gewinn des Processes wird Lebensziel und Ideal, das ihm zu rauben Frevel ist, er spricht von seinem Process als wie von seiner Tochter, es werden zuletzt eingebildete Ursachen unter- gelegt, die das rechte Urtheil verhindern, dadurch wächst Hass und Erbitterung, es kommt zu endlosen Klageschriften, Ausfällen in Zeitun- gen, selbst zu Gewaltthat. Gewöhnlich hatten solche Leute ihre ganze Sache auf einen solchen Process desshalb gestellt, weil sie auf anderem, auf dem gewöhnlichen Wege, durch blosse Arbeit es zu Nichts brachten und lügen sich nun vor, ihr Herunterkommen und ihr Unglück sei lediglich durch die Rechtsverletzung herbeigeführt, die sie erlitten. Ein solcher Zustand kann in wirkliche Verrücktheit übergehen, wobei die früher vielleicht noch massigen Ansprüche sich vervielfachen und Hagen, Studien. 10 146 Narrheit. in's Abenteuerliche wachsen, die Reden völlig unbesonnen, die Mittel zur Erreichung des Zweckes ganz unangemessen werden und zuletzt zu Amts- und Majestätsbeleidigungen und gewaltthätigen Handlungen ausarten. Ich habe mehrere höchst interessante Fälle dieser Art be- obachtet, welche mitzutheilen jedoch hier zu weit von meinem eigent- lichen Zweck abführen würde. Man findet Beispiele solchen »Querulan- tenwahnsinns« aufgezeichnet bei Casper, gerichtliche Medicin, 2. Aufl. I. S. 518 ff. Stolz, Gutachten über einen Rechthaber im psychiatri- schen Correspondenzblatt 1861, Nr. 3 und 4; Feld, im Irrenfreund 1866 Nr. 10; Scholtz, in Horn's Vierteljahresschrift für gerichtliche Medicin 1868 S. 343. — Bei Manchen äussert sich die nervöse Ueberreizbarkeit oder neuropathische Constitution dadurch, dass sie sehr leicht in hef- tigen Jähzorn zu versetzen sind. Sie können, wenn eine vermeintliche Kränkung sie gerade in übler Laune trifft, in eine Wuth ausbrechen, welche der Tobsucht in ihrer äusseren Erscheinung ganz ähnlich ist und den alten Satz bewährt: Ira furor brevis. Solche Zornwüthige kommen oft so ganz ausser sich, dass sie Alles um sich her vergessen und keinen anderen Gedanken als den der Beleidigung und Rache mehr haben, sie gerathen in völlige Sinnesverwirrung und können durch diese eben ;so wie der von einem heftigen Schrecken erfasste, Handlungen verüben, welche sie hinterher tief bereuen. Wo nun dieser Jähzorn zwar sehr leicht erregbar aber doch für gewöhnlich nicht gefährlich oder schädlieh ist, und wo die Betreffenden überdiess einigermassen schwach an Geist, leichtgläubig sind oder sonst Schwächen haben, da gehören auch sie zu denen, welche in der Gesellschaft gern gehänselt, zum Narren gehabt werden, weil man sich an ihrer Ereiferung ergötzt. Manchmal sind allerdings dergleichen Spässe übel abgelaufen, weil unversehens der erregte Grimm, statt wie gewöhnlich schwächlich und harmlos zu bleiben, in heftige Wuth ausschlug und eine blutige Ge- waltthat zur Folge hatte. Es ist ferner jedenfalls ein Zeichen dieser besonderen Art von Nervosität, wenn ein Mensch häufig gewisse Gelüste zur Ausführung verbotene, auffallender oder verhängnissvoller empfindet und dieselben nur mit Aufgebot grosser Kraft überwindet. Mehr oder weniger steckt in den meisten Menschen ein solches Stück Narrheit, wenn auch nur im Rudiment. Man denkt etwa in der Kirche plötzlich, was würde es für Aufsehen geben, wenn Jemand jetzt einen Pfiff thäte, und hat von diesem Augenblick an an sich zu halten, dass man diess nicht selbst thut; oder man fährt auf tiefem See im Kahn, und wird, ohne allen Selbstmordtrieb, doch von den Wellen wie angezogen, in sie hinein- zuspringen; oder man geht spazieren, mit dem Stock fechtend, es geht vor Einem ein dicker Mann, und mit dem Gedanken: wie war' es jetzt, wenn du diesem eins über den Rücken zögest, regt sich auch schon ein Narrheit. 147 Bewegungskitzel in der Hand; aber es fährt auch gleich Angst in die Brust und Hitze in's Gesicht, wie wenn man sich schon vor der Mög- lichkeit schämte und fürchtete, einen so tollen Gedanken auszuführen. Man denke sich nun diese Antriebe, welche an sich nur einem geheim- nissvollen Drang der Seele selbst angehören, bei einem Menschen, der mit der in Rede stehenden abnormen Nervenorganisation begabt ist, so werden sie von ungleich grösserer Gewalt und der Mensch weit leichter in Gefahr sein, ihnen zu unterliegen. Und diess um so mehr, je ungeheuerlicher die vorschwebende That und je schauriger daher ihr Reiz ist. So kann denn die lockende Möglichkeit, eine frei daliegende Kostbarkeit oder auch selbst etwas Geringfügiges zu entwenden, in sonst rechtschaffenen, ja gewissenhaften Individuen doch den Gedanken des Diebstahls mit eben solcher Mächtigkeit anregen, wie Menschen, die zum Schwindel geneigt sind, sich, auf einer jähen Höhe stehend, nur mit äusserster Anstrengung davon zurückhalten können, sich selbst in die Tiefe zu stürzen, wenn sie auch ausserdem weder furchtsam noch zum Selbstmord geneigt sind. Die Antriebe dieser Art sind aber manchmal noch von viel ernsterer Natur. Wohl jeder Mensch, und der gemüthreiche und gewissenhafte manchmal nicht am wenigsten, hat etwas Dämonisches in sich, das ihm zuweilen Gedanken in der Seele erregt, über deren Schlechtigkeit er vor sich selber erröthet; bestialische Wünsche in Bezug auf Andere, Phantasiespiele gemeinen Inhalts um- gaukeln den Menschen, der dann mit einem gewaltsamen Ruck sich aus diesem momentanen moralischen Dämmerzustand herausreissen muss. »Abgründe gibt es im Gemüthe, die ärger als die Hölle sind.« Wie oft gerade die grössten Männer am meisten über solche Anfechtungen zu klagen hatten, so werden auch oft die besten und gesittetsten Men- schen plötzlich von solchen grauenhaften' Gedanken ergriffen; sind die- selben dann überdiess noch jener unglückseligen nervösen Disposition unterworfen, so können sie zu Handlungen hingerissen werden, welche mit ihrem sonstigen Charakter in grellem Widerspruch stehen. Besonders Ideler hat sich um die psychologische Würdigung dieser Zustände, welche der gerichtlichen Medicin schon länger bekannt waren, Verdienste erworben. Nur ein schnelles Entfernen von dem gefährlichen Anblick (man denke an die Mutter, die beim Anblick eines scharfen Messers von dem Trieb erfasst wird, ihr Kind zu tödten), ein gewaltsames Hin- wenden zu einer anderen Handlung bringt hier Rettung, selbst noch da, wo eine gewisse nervöse Schwäche mit im Spiel ist. Aber es gibt Nervenverstimmungen, welche ein solches Losreissen äusserst erschweren, sondern in welchen im Gegentheil durch das Bestreben selbst, den An- trieb zu bekämpfen und durch die längst vor der That der Kitzel und das Gelüste nach ihr gesteigert wird, so wie der geängstete Vogel vor dem Anblick der Klapperschlange wie gebannt stille^ stehen soll. 148 Narrheit. Dann verliert der Wille seine freie Beweglichkeit; unfähig, irgend eine andere Idee mit gleicher Lebhaftigkeit hervorzurufen, bleibt er an diesem einzigen Gedanken kleben, der dann von dem unwiderstehlichen thierischen Impuls ausgeführt wird. Schliesslich will ich noch eines Mittelzustandes erwähnen, welcher als »unreife Geistesstörung« von Casper, (klinische Novellen zur ge- richtlichen Medicin, Berlin 1863, S. 215) in treffenden Zügen beschrieben worden ist, nämlich der Gemüthsverfassung der Vagabunden. Das un- stete Umherstreifen und das fortwährende Wechseln des Dienstes und der Arbeit ist oft schon das Zeichen einer allmälig sich entwickelnden Geisteskrankheit, welche dann oft genug auf erblicher Grundlage ruht und zu Blödsinn führt. »In der grösseren Zahl von vorkommenden Fällen aber, sagt Casper, wird andererseits das vagabundirende Leben Ursache zu geistiger Erkrankung. Wie es bei solchen Individuen von Haus aus an einem sittlichen Halt fehlt, und Arbeitsscheu und Lust am liederlichen Leben sie ursprünglich zum Verlassen einer ge- ordneten Beschäftigung antreibt, so treten nun die mannichfachen vom Vagabundiren untrennbaren Schädlichkeiten hinzu: Trunk, geschlecht- liche Ausschweifungen, Hunger, schlechte Ernährung, gestörte Nacht- ruhe, Erkältungen beim Schlafen auf Feldern, in Neubauten u. s. w., Schädlichkeiten, die nicht einzeln und vorübergehend, sondern anhaltend md lange Zeit und in ihrer Gesammtheit einwirkend, nicht verfehlen, Geist und Gemüth zu erschüttern und erkranken zu machen. Nicht genug, das Leben solcher Menschen wird bald ein ewiger Conflict mit den Polizei- und Gerichtsbehörden, und ich habe sehr viele solcher Individuen beobachtet, deren Leben viele Jahre lang ein fortgesetzter Wechsel zwischen Irrenanstalt, Arbeitshaus, Ausgewiesensein, Straf- anstalt u. s. w. gewesen war. Bei solchen Männern und Weibern ent- wickelt sich dann fast unfehlbar und findet man einen Geisteszustand, der ein so merkwürdiges Gemisch von Geisteskrankheit, Geistesgesund- heit, und dazu oft genug von Simulation der ersteren darstellt;, dass auch der geübteste Beobachter stutzig wird, und sich nicht selten in die Lage versetzt sieht, auch nach oft wiederholten persönlichen sorg- fältigsten Prüfungen des Individuums schliesslich sein Gutachten doch nur mit Wahrscheinlichkeitsgründen abzugeben.« So weit dieser Zu- stand bereits ein krankhafter geworden ist, gehört er meistens der Form des s. g. moralischen Irreseins, der folie raisonnante an, auf welche ich hier nicht weiter eingehen will (sie ist in der neueren Zeit besonders von unseren Nachbarn jenseits des Rheins in zahlreichen Schriften und Discussionen besprochen und mit einer ziemlichen Anzahl von Synonymis benannt worden. Zuweilen nimmt aber der Zustand auch die Form der Narrheit an; die Leute sind von einem hier schon bei weitem mehr instinctiven Kitzel gestochen, recht ausgesucht faul Narrheit. 149 zu sein, sich dummer zu stellen als sie sind, Insubordinationen zu be- gehen, Sachen zu zerstören und durch allerlei unangenehme Gewohn- heiten zu ärgern, und werden dadurch den Inspectoren und Aerzten der Gefängnisse zur Qual. Alle diese Zustände nun, deren Zahl sich leicht noch vermehren Hesse, stehen auf der Gränze zwischen moralischen Schwächen, Narr- heiten, Sonderbarkeiten einerseits und Geisteskrankheit andererseits. Die Disposition zu ihnen kann, wie gesagt, angeboren und im Laufe des Lebens verstärkt sein (vgl. über die Symptome dieser häreditären psychopathischen Anlage v. Krafft-Ebing in dessen Abhandlung über die prognostische Bedeutung der erblichen Anlage im Irresein in der allg. Zeitschrift für Psychiatrie Bd. XXVI. S. 444—448). Wo sie aber erworben ist (obgleich vielleicht auch hier eine, wenn auch ge- ringere, natürliche Anlage viel Schuld trägt) da thut die Gewohnheit viel, und zwar, da es sich hier um die Erzeugung halb krankhafter Zustände handelt, nicht lediglich durch ihren Einfluss auf den psychi- schen Mechanismus allein, sondern auch auf den psycho - physichen. Durch die häufigen Erregungen des Nervensystems in ganz bestimmter Weise und von bestimmten Seiten her wird dieses nicht etwa gegen dieselben abgestumpft, sondern dafür empfänglicher, verliert aber zu- gleich die Fähigkeit, durch andere Gemüthszustände, Gefühle und Stre- bungen in entsprechende, diese selbst wieder kräftigende Erregung ver- setzt zu werden. Diese Mittelzustände sind noch nicht eigentliche Geisteskrankheit, können aber zu derselben werden. Sie unterscheiden sich dadurch, durch ihre organische Grundlage, von jenen Narrheiten und Excentricitäten, welche das Gebiet des Seelenlebens allein angehen und daher, wie früher gesagt wurde, in der Regel nicht zu Geistes- krankheiten werden. Und weil dieser Unterschied besteht — und er ist auch in gerichtlicher Hinsicht sehr wichtig — so liegt eben darin wieder ein Beweis, dass Gehirnleben und Seelenleben, so innig sie auch zusammenhängen, doch zwei von einander zu unterscheidende Dinge sind. ✓ Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. » J'as Thema, über welches ich heute zu Ihnen zu sprechen mich anheischig gemacht habe, mag vielleicht Manchem unter Ihnen ein Bedenken verursacht haben. Die psychische Behandlung der Geisteskranken ist ein so viel umfassender Stoff, dass er nicht in dem kurzen Zeitraum einer Stunde bewältigt werden kann, nament- lich wenn etwa dabei zugleich eine Anleitung erwartet werden wollte, da diese sich in's Detail der so verschiedenen individuellen Zustände ergehen musste. Ich will daher von vorn herein erklären, dass es mir nicht in den Sinn kommt, den Stoff erschöpfen zu wollen, sondern dass mir nur am Herzen liegt, Sie auf den richtigen Standpunkt zu führen. Dass diesen wo möglich Jedermann ge- winne, hat ja, ausser dem Interesse an der Sache selbst, auch seinen unmittelbar praktischen Vortheil; denn bei der jetzt doch so ziem- lich zweifellosen Zunahme dieser Krankheiten in der neueren Zeit wird es nicht leicht Jemand geben, der nicht wenigstens einmal, wo nicht öfter, in seinem Leben in den Fall käme, mit Geistes- kranken eine Zeit lang umgehen zu müssen. Wie bei allen Untersuchungen haben wir vor der Frage nach dem Wie erst das Dass oder das Ob zu erörtern, d.h. bevor wir uns fragen, w i e ein Geisteskranker psychisch behandelt werden müsse, haben wir uns erst darüber zu versichern, dass er über- haupt psychisch zu behandeln sei. Die Antwort hierauf scheint selbstverständlich. Ein Leiden, das die Seele angeht, wo diese in ihren Kräften und Functionen beeinträchtigt und gestört ist, wird, so sagt uns ein Vernunft- schluss, auch eine auf die Seele gerichtete, also eine psychische Be- handlung erfordern. Wir werden den Kranken über seinen Irrthum aufzuklären suchen, ihm in der Kette seiner Folgerungen den Punct nachweisen, wo er einen Sprung gemacht hat, und wenn ein Sinnen- trug ihm Einwirkungen der Aussenwelt vorgaukelt, welche nicht 154 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. existiren, so werden wir ihm durch den Augenschein darthun, wie diese Aussenwelt wirklich beschaffen ist. Die Gluth einer aus- schweifenden Phantasie werden wir zu dämpfen und den zu aben- teuerlichen Problemen sich versteigenden Verstand in das Geleise der ruhigen auf dem Boden der Thatsachen bleibenden Ueberlegung herabzuziehen uns bestreben. Dem schwer bedrückten Melancholiker, welcher sich selbst zur Last ist, wird statt des Grames und Kum- mers Lust und Freude in das Gemüth zu pflanzen sein, sei es durch Zuspräche oder durch zerstreuende Unterhaltung, Uebermuth da- gegen und hochfliegende Pläne werden durch den Nachweis der Schwächen und des Unvermögens des Kranken herabzustimmen sein. Endlich, wo das Alles nicht verfangen sollte, wird auf den Willen des Kranken zu wirken, es wird der Melancholiker, der sich nichts getraut und durch nichts aus seiner Neigung zur Passivität herauszubringen ist, ernsthaft bei seiner Ehre und seinem Pflicht- gefühl anzupacken und zu nöthigen sein, seinen Willen zusammen- zuraffen und sich Gewalt anzuthun; der Exaltirte und Uebermüthige wird durch Strenge in die gebührenden Schranken zurückzu- führen sein. Alles das ist zwar nicht das, was uns die Wissenschaft lehrt, sondern, ich wiederhole es, das, was aus der Natur und dem Sitz der fraglichen Zustände von selbst vernunftgemäss zu folgen scheint. Indessen ist doch dieses Resultat keineswegs das einzige, welches auf dem Wege der Deduction zu gewinnen ist, sondern man kann zu dem Gedanken der Nothwendigkeit psychischer Behandlung noch vermittelst anderer Reflexionen kommen, die von anderen Prämissen ausgehen. Den verschiedenen Arten und Weisen der Behandlung, die ich so eben angeführt habe, liegt nämlich die Idee zu Grunde, dass, da hier die Seele leide oder abnorm wirke, es die unmittel- bare Einwirkung auf deren Functionen sei, durch welche sie wieder zur normalen Thätigkeit zurückgeführt werden könne oder müsse. Gegen diese Anschauung erhebt sich nun eine andere, welche von anderen Gesichtspunkten ausgeht. Man braucht nämlich der Mein- ung, als ob das, was man Seele nennt, eigentlich gar nicht existire, durchaus nicht zu huldigen, um doch die Ansicht zu hegen, dass das, was wir gemeinhin unter Seelen- oder Geisteskrankheiten ver- stehen, gar nicht in der Seelensphäre selbst seinen Sitz habe, sondern lediglich im körperlichen Werkzeug und Vermittlungsappa- Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 155 rate, dem Gehirn und Nervensystem. Die Seelenkrankheiten sind hienach secundäre Erscheinungen, hervorgerufen durch abnorme Zu- stände im Gehirn und Nervensystem, wodurch verschiedene Seelen- thätigkeiten entweder in ihren Aeusserungen gehemmt oder zu ab- normen Wirkungen determinirt werden. Gegen diese Gehirn- und Nervenkrankheit muss demnach die Behandlung gerichtet sein, woraus aber noch keineswegs folgt, dass die Mittel derselben ledig- lich physische sein müssen. Denn eben in jener Wechselwirkung der Seele mit dem Gehirn und Nervensystem, durch welche die psychische Krankheit ermöglicht wird, liegt auch die Möglichkeit einer Einwirkung von der Seele aus auf den Körper, und dadurch der Beseitigung von Uebeln, die das Nervensystem betreffen. So gut psychische Krankheiten, obgleich sie lediglich Gehirn- und Nervenkrankheiten sind, von der Seele aus erzeugt werden können, so gut müssen sie auch von derselben aus gehoben werden können. Lehrt ja doch die tägliche Erfahrung, dass schon bei den blossen Nervenkrankheiten psychische Einflüsse gar oft schon heilsam ge- wesen sind. Jeder von Ihnen hat es vielleicht selbst schon erlebt, wie Jemand, der mit wüthenden Zahnschmerzen zum Zahnarzte kam, um sich einen cariösen Zahn ausziehen zu lassen, in dem Augenblick seinen Schmerz völlig verlor, wo er die Zimmerthür des gefürchteten Operateurs öffnete. Ebenso wird Vielen von Ihnen die Geschichte des stummen Sohnes des Crösus bekannt sein, der seine Sprache wieder erhielt, als er bei der Eroberung von Sardes durch Cyrus sah, dass ein persischer Soldat seinen Vater tödten wollte. Er rief: Soldat, tödte den Crösus nicht! Dass diese Ge- schichte nicht etwa bloss eine von Herodot leichtgläubig angenom- mene Sage ist, beweisen noch viele spätere von glaubwürdigen Beobachtern mitgetheilten Fälle, in welchen Gelähmte in Folge eines Schreckens, z. B. über eine Feuersbrunst, den Gebrauch ihrer Glieder wieder erhielten, oder andere nervöse Leiden, z. B. anhal- tendes nervöses Herzklopfen, verschwanden. Besonders in einer Form der Nervenkrankheiten sind solche Wirkungen und zwar nicht etwa blos durch Schrecken, sondern namentlich auch durch freudige Gemüthsbewegungen oft zu beobachten. Zu den Symptomen dieser die vielfältigsten und wechselndsten Erscheinungen darbietenden Nervenkrankheit gehören unter anderen auch Lähmungen einzelner Körpertheile, ja ganzer GHedmassen, welche, obgleich sie manchmal 156 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. auch ziemlich lange anhalten, doch nicht dieselbe Bedeutung haben, wie die nach Schlagflüssen eintretenden. Sie verschwinden nach längerem oder kürzerem Bestehen oft von selbst, d. h. man weiss nicht warum, oft aber auch sichtlich in Folge der angewendeten Mittel. Diese Mittel müssen aber nicht eben arzneiliche, sie können auch psychische sein; denn so wie es für diese Krankheit charak- teristisch ist, dass die Nervenzufälle äusserst leicht durch seelische Reize hervorgerufen werden, so können sie auch von dieser Seite her beschwichtigt werden. Nicht selten ist es auch eine hartnäckige Stimmlosigkeit gewesen, welche durch psychische Momente gehoben worden ist v). Wenn man nun alles bisher Vorgebrachte erwägt, so scheint damit der Weg zu der psychischen Behandlung der Geisteskranken so wie die zwei verschiedenen Wesen ihrer Wirkung von selbst ge- wiesen und rationell deducirt zu sein. Auf der einen Seite die direct psychische Methode durch Ueberredung, durch Leitung fder Gefühle und Beherrschung des Willens der Kranken; auf der ande- ren Seite, wenn und da die psychischen Krankheiten Gehirn- und Nervenkrankheiten sind, und die heilende Kraft seelischer Eindrücke aufs Nervensystem constatirt ist, psychische Einwirkung auf das Nervensystem und von diesem wieder zurück auf die Seele — es kann nicht fehlen, Alles ist rationell, wenn so der Feind zugleich von vorn und im Rücken angegriffen wird, so muss die Seele auf psychischem Wege geheilt werden können. Indessen — so sicher dieser Schluss zu sein scheint, und so froh wir im Gefühle der theoretisch errungenen Therapie sein mögen — die Medicin ist eine Erfahrungswissenschaft, welche nur zu oft schmerzlich genug 'empfunden hat und zum Theil noch empfindet, wie gefährlich es ist, und wohin es führen kann, wenn sie nach Regeln handelt, die lediglich auf dem Wege der Synthese construirt sind. Nicht, dass sie nach dieser nicht streben sollte — sie wäre keine Wissenschaft, wenn sie es nicht thäte — aber sie muss skep- tisch genug sein, um Alles, was sie auf diesem Wege gefunden zu haben glaubt, auch wenn es noch so einleuchtend und a priori zweifellos erscheint, der Feuerprobe der empirischen Prüfung zu unterwerfen; und sie ist dazu ganz vorzugsweise in ihrem practi- schen Theile verpflichtet, da es sich hier unmittelbar um Leben und Gesundheit handelt. So müssen wir denn auch hier verfahren Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 157 und uns fragen, was denn nun hinsichtlich der psychischen Behand- lung der Geisteskranken die Erfahrung lehrt. Da finden wir denn, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich ganz anders gestalten als wir, von unserer Theorie herkommend, erwarteten. Nur müssen wir freilich die Begriffe erst etwas scharf begränzen, damit wir nicht für eine Geisteskrankheit halten, was keine ist, wir müssen daher namentlich die moralischen Seelenleiden und die eigentliche Gemüthstrauer von der Gemüthskrankheit unterscheiden. Die Vermengung der beiderlei Zustände führt zu mancherlei Irrthümern und Missgriffen. Ein Mann, der an seinem Vermögen oder an seiner Ehre schwer geschädigt worden ist, eine Mutter, die ihr geliebtes Kind verloren hat, können lange Zeit in tiefem Gram und Kummer versunken sein und in den Aeusserungen ihres Schmerzes wohl auch zuweilen das Maass überschreiten und in bitterem Unmuth ungerecht gegen die Welt werden — aber das ist noch keine Geisteskrankheit. Diese dürfen wir erst annehmen, wenn kein normales Verhältniss zwischen dem Object und dem Seelenleiden mehr besteht, wenn also z. B. der Kummer bleibt, ob- gleich Vermögen und Ehre längst wieder hergestellt sind, wenn die trauernde Mutter sich nun eingebildete Verbrechen vorwirft oder glaubt, dass man sie vergiften wolle u. dgl. Eben desshalb ist auch die Behandlung eine verschiedene. Im ersten Fall ist Zer- streuung, Erheiterung, je nach Umständen bald tröstende, bald ener- gisch verweisende und aufrüttelnde Ansprache am Platz, im zweiten nicht. Vergeblich macht man mit dem kranken Melancho- liker Besuche, führt ihn in Gesellschaften, Concerte und Theater, um ihm statt der Gefühle des Kummers und der Sorge die der Freude und des Vergnügens aufzudrängen; es wird über diesen Be- mühungen alle Tage schlechter. Vergeblich strengt man sich damit an, den Kranken Vorstellungen aller Art zu machen: einen Geistes- kranken auf dem Wege der gewöhnlichen Beweisführung von seinem Irrthum zu überzeugen ist eine Danaidenarbeit. Es denkt wohl Mancher, der in seinem Leben schon Diess und Jenes durch seine Beredsamkeit und Dialektik erreicht hat, sich, wenn er von der Idee eines Geisteskranken hört: das musste doch sonderbar zugehen, wenn ich nicht mit diesen Ideen fertig werden sollte. Er versucht es und geht ihm siegesgewiss mit seinen Gründen zu Leibe; aber nachdem er Stunden lang geredet hat, spricht der Kranke entweder 158 Heber psychische Behandlung der Geisteskranken. dasselbe wie vorher oder im schlimmeren, aber häufigeren Falle, er ist in eine furchtbare Aufregung hineingeredet. Wer einen Ma- niaker, der sich in Uebermuth und Selbstüberschätzung über Alle erhebt, durch Ermahnungen, Spott oder Strafreden demüthigen oder zum Verstummen bringen will, wird Erfahrungen machen, die ihm die Lust zu solchen Versuchen gründlich benehmen. In früheren Zeiten haben selbst Aerzte .sich bei der Behandlung der Geistes- kranken des Schreckens bedient, unter Anderen dadurch, dass sie dieselben unvermuthet in tiefes Wasser untertauchen und so lange unter demselben Hessen, als sie es aushalten konnten. Das Mittel ist ausser Brauch gekommen, nicht allein weil es grausam, sondern weil es nutzlos ist; und ein späterer Versuch eines französischen Arztes2), die s. g. Einschüchterung, intimidation, als einen Haupt- bestandteil seiner s. g. moralischen Behandlung einzuführen, hat nicht durchdringen können. Ein Mädchen verfällt in Schwermuth, weit es seinen Geliebten nicht heirathen darf, aus der Schwermutli entwickelt sich eine Tobsucht und dann ein Zustand von Aufregung mit Verwirrung. Da es nun durchaus nicht besser werden will, ent- schliesst man sich, ihre Wünsche zu erfüllen, man führt ihr den Ge- liebten zu, sagt ihr, sie werde ihn erhalten, und hofft nun, nachdem die Ursache beseitigt sei, müsse auch das Leiden selbst schwinden. Aber nichts von dem Allem — die Kranke ignorirt den jungen Mann, sie sieht ihn für einen Andern an, lässt ihn entweder stehen und läuft davon oder sie schlägt ihm wohl gar ins Gesicht. Ein Schwermuthiger wird zur Heilung von seiner Familie entfernt; nachdem diese Entfernung einige Zeit gedauert hat, fügt sich zu seinen früheren Wahnideen die neue, dass seine Frau, seine Kinder gestorben seien; man lässt diese kommen, er sieht sie, ein Moment flüchtiger Freude durchzuckt ihn, und vielleicht ist er auch so lange sie da sind, befriedigt, aber, wenn sie fort sind, so überzieht die Wolke des alten Grames bald wieder sein Inneres: es sind nicht die Seinigen gewesen, es sind andere Leute, denen man nur deren Kleider angezogen hat, um ihn zu täuschen. Nun, da muss man ihn eben nach Hause schicken, damit er seine Leute immerfort um sich und in den gewohnten häuslichen Verhältnissen sieht — dann wird er wohl den Wahn, dass sie gestorben seien, verlieren. Er kommt wirklich nach Hause, er glaubt nicht mehr, dass die Seini- gen todt seien; dafür aber glaubt er nun, dass seine Anwesenheit Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 159 ihnen schweres Unheil bereite und er sie alle mit in seinen Sturz hineinziehe. Mit dem Wechsel der Ideen ist eben nichts gethan, so lange die Grundstimmung bleibt. Doch genug der Beispiele. Wir brauchen deren nicht mehre, um einzusehen, dass die Erwartungen, welche wir auf unsere theils rein psychologischen, theils psycho - physischen Voraussetzungen hin von der psychischen Behandlung der Geisteskranken hegen, sich in der Realität, in der Praxis selbst, nicht erfüllen. Woher dieser Widerspruch? Ist es in der That so, dass die Theorie so und die Praxis so sagen kann und dass doch beide Recht haben können? Können sich Theorie und Praxis widersprechen? Gewiss nicht; denn wenn es so wäre, dann dürfte man nur gleich alle Wissen- schaft, auch die medicinische, aufgeben. Wenn sich beide zu wider- sprechen scheinen, so ist entweder die Theorie irrig oder die Praxis nur vermeintlich die rechte. In unserem Falle liegt die Schuld an der Theorie. Diese, nämlich die, welche ich Ihnen vorhin ausein- andergesetzt habe, ist irrig, sie stellt Sätze als allgemeine auf, welche nur von gewissen Vorgängen, die bei gewissen Bedingungen statt haben, abstrahirt sind, und übersieht dabei andere Vorgänge, bei welchen andere Bedingungen obwalten. Sie wendet nämlich die Psychologie des gesunden Seelenlebens, den Erfahrungserwerb aus dem gewöhnlichen Umgang mit Menschen, dann die Wirkungen des gesunden Seelenlebens auf das Nervensystem ohne Weiteres an auf das kranke Seelenleben, sein Thun und Leiden, seine Erscheinungen und Reactionen. Nun gelten zwar auch im kranken Menschen die- selben psychologischen und psycho - physischen Gesetze, wie im ge^ sunden; und mit Ausnahme etwa der höchsten Verwirrtheit und des tiefsten Blödsinns kommen bei jedem Seelenkranken mehr oder weniger zahlreiche Seelenverrichtungen vor, welche ganz dem ge- sunden Typus entsprechen: wie es denn auch nach der Gränze der Gesundheit hin ein zweifelhaftes Gebiet gibt, wo Gesundheit und ' Krankheit in einander verfliessen. Aber soweit das Individuum krank ist und in der eigentlichen ausgesprochenen Seelenkrankheit wirken eben bei ihm die psychischen Kräfte zwar nach denselben Gesetzen aber unter veränderten Bedingungen. Diese veränderten Bedingungen wer- den von Seite des organischen Lebens gegeben. Wir sind zwar noch weit davon entfernt, eine genügende Kenntniss von dem Wie des Aufeinan- derwirkens des psychischen und leiblichen Lebens zu haben; aber so 160 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. viel können wir doch schon als gewiss aussprechen, dass keine psy- chische Thätigkeit statt hat ohne gewisse gleichzeitige Vorgänge im Nervensystem, speciell in dessen Centralorganen. Worin diese Vor- gänge bestehen, kann ich hier nicht weiter untersuchen; wir müssen uns mit der Anerkennung begnügen, dass es überhaupt so ist. Ver- sagen diese Centralorgane aus irgend einer Ursache ihren Dienst oder leisten sie ihn unvollständig, so wird auch die Seele in ihren Verrichtungen gehemmt sein. Aber es ist nicht blos die Negation, die Hemmung, wodurch solche Processe wirken, sondern sie können auch positive Wirkungen hervorbringen. Sie können, statt bei den psychischen Verrichtungen blos dem Maasse derselben entsprechend mitzuwirken, übermächtig werden und dadurch die Seele bestim- men und nöthigen, anders zu wirken als sie sonst gethan hätte. Sie sind, indem sie durch die Krankheit umgestimmt sind, zugleich in einer Weise gestimmt, dass sie die für die Wirkungen der Seele nothwendige organische Resonanz nur noch einseitig so zu sagen in einer einzelnen bestimmten Tonart von abnormer Höhe voll- ziehen können. Auf jede psychische Kraftauslösung erfolgt im Phy- sischen, im Centralnervenorgan, immer nur dieselbe Oscillation und in übermässiger, ungewohnter Heftigkeit, während alle anderen dar- niederliegen. Denken Sie z. B. an unseren gewöhnlichen Vorstell- ungsverlauf. Unsere Vorstellungen folgen sich, wie Sie wissen, in einem ununterbrochenen Strom nach den Gesetzen der Association. Es wäre aber um unser seelisches Leben und Denken schlecht be- stellt, wenn diese Gesetze allein das herrschende wären; denn bei den vielfältigen Verbindungen, welche fast jede Vorstellung mit anderen hat, musste ja bei jedem Gliede unserer Vorstellungskette, das in Erregung versetzt wird, immer ein unermesslicher Schwärm von Vorstellungen mit erregt werden und vor unserem Bewusstsein herumgaukeln — wobei Besonnenheit und logisches Denken unmög- lich wäre. Damit wir je nach Stimmung, Lage, Bedürfniss und Willensrichtung im Stande seien, von allen möglichen Vorstellungs- reihen nur ganz bestimmte in unserem Bewusstsein zu verfolgen, muss dafür gesorgt sein, dass diejenigen Vorstellungen, welche nicht in die eben nothwendige oder wünschenswerte Reihe gehören, nicht störend sich dazwischen drängen; sie müssen dunkel bleiben. Die Vorstellungen haben daher einen verschiedenen Grad von Helligkeit, es gibt dunkle und helle. Ihre Helligkeit, ihre Lebhaftigkeit ver- Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. \ß\ danken sie aber neben der in Folge des Interesses oder der Stimm- ung auf sie gerichteten Aufmerksamkeit vor Allem der Mitwirkung des Gehirnes3), in welchem dieselben physischen Eindrücke, die bei der ersten Entstehung der Vorstellung aus der Sinnesempfindung entstanden waren, sich nun auf psychische Anregung wiederholen, so zwar, dass keine Anstrengung des Willens im Stande ist, ein Erinnerungsbild sich lebhaft zu vergegenwärtigen, wenn das Ge- hirn seine Mitwirkung versagt — eine Erscheinung, welche bei so manchen organischen Gehirnkrankheiten, nach Schlagflüssen ins- besondere, oft zu beobachten ist. Aber bei Ueberreizung kann auch das Entgegengesetzte eintreten, das Gehirn leiht dann jeder, auch der flüchtigsten Vorstellung, ihr physisches Bild, ihren physischen Klang, keine Vorstellung bleibt mehr dunkel; Gedanken, deren Glieder, die gedachten Worte, sonst nur in schwächsten Spuren vor uns vorüberziehen, werden nun innerlich laut — in diesem Getümmel innerer Bilder und Töne, die sich einander vor dem Bewusstsein überstürzen, ist keine Rede mehr von Ordnung und Wahl, die Seele verliert die Zügel und wird in den Ideenfluss wie in einen Strudel willenlos hineingerissen. Nun, um auf unseren Ausgangspunkt zu- rückzukommen, werden wir glauben, in diesem Tumult der Seele psychologisch zu Hilfe kommen zu können? Kaum auf einen flüch- tigen Augenblick ist die Aufmerksamkeit des Kranken zu fesseln, und jeder Versuch der Regelung seines Vorstellungslaufes ist gegen- über diesem vom Organismus her erzeugten Sturm gerade so viel werth, wie wenn Einer eine im vollen Lauf daher brausende Loko- motive*) durch Vorhalten seines Stockes aufhalten wollte. Aehn- lich verhält es sich mit den Gefühlen. Allen Gefühlen, selbst den erhabensten^ verbindet sich mittelst der Sinnlichkeit eine organische Basis, eine Miterregung gewisser Centralnervenorgane. Diese Be- theiligung des Gehirnes und der Nerven, welche oft genug in sicht- baren Affektionen auch anderer leiblicher Organe ausschwingt, wie sich ja in der Thräne, im Herzklopfen, im zwerchfellerschütternden Lachen zeigt, gibt unseren Gefühlen erst ihre Lebhaftigkeit und Stärke, und Gefühle, welche nicht durch solche physische Mitwirk- *) Aehnlich Maudsley S. 94. It would be as absurd to preach control to the spasms of Chorea or restraint to the convulsions of epilepsy as to preach moderation to the east wind or gentleness to the hmricane. Hagen, Studien. 11 162 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. ung unterstützt werden, bleiben matt oder verschwinden kaum an- geregt wieder. Aber auch sie kann übermächtig werden und ist es dann in der Regel nur in einer Qualität. Die Affection der Centrainervenorgane kann dann z. B. eine solche sein, dass nur jene Zustände, welche den Gemüthsbewegungen des Kummers, der Trauer, der Sorge und Verzweiflung entsprechen, erregt werden können, aber auch sehr leicht erregt werden. Indem nun andere durch Vorstellungen veranlasste Gefühle keinen Halt und keine Kraft gewinnen können, daher kaum im Keime entstanden, wieder zurück- treten , nehmen zuletzt die so leicht entstehenden deprimirenden Gefühle den Platz allein ein. Die Seele des Melancholischen ist dann nur für eine einzige Regung empfänglich, sie ist wie eine auf einen einzigen Ton gestimmte Orgelpfeife; man mag sie ansprechen wie man will, sie gibt immer nur denselben Ton von sich. Selbst Mittheilungen und Zusprachen sonst erfreulicher Art werden durch den Contrast, in welchem sie mit der Grundstimmung stehen, ledig- lich zu Reizen, welche die Schmerzgefühle hervorrufen. Ich muss mich, um meinen Vortrag nicht zu lang werden zu lassen, auf diese Beispiele beschränken. Es wird Ihnen aber auch schon daraus klar geworden sein, wie die Bedingungen, unter welchen die Seele wirkt und dadurch die Lage und Verfassung derselben überhaupt in der Krankheit so ganz andere geworden sind, dass aus den nach den gewohnten Voraussetzungen auf sie versuchten Einwirkungen kein oder ein anderer als der gehoffte Erfolg hervor- geht. Weder die gewöhnliche wissenschaftliche noch die auf die tägliche Lebenserfahrung und den s. g. gesunden Menschenverstand gegründete Psychologie leisten, was sie uns zu versprechen scheinen. Unser grosser Kant hat eine Schrift geschrieben von der Macht des Gemüthes, durch den blosen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden und darin Rathschläge gegeben, welche zur Ver- hütung von Krankheiten und gegen leichte Verstimmungen und hypochondrische Launen sehr probat sein mögen; aber der Gefühle eines Geistes- und Gemüths kranken würde selbst ein Kant auf diesem Wege nicht Meister werden; und geradezu lächerlich wäre es, die Schrift etwa einem Tobsüchtigen oder Melancholischen zur Leetüre behufs der Selbstcur zu empfehlen, ganz abgesehen davon, dass der Gestörte überhaupt leugnet, krankhafte Gefühle zu haben. Die Herb art'sehe Philosophie ist der Psychologie, trotz Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 163 mancher Irrthtimer, gewiss in mehr als einer Hinsicht sehr förder- lich gewesen. Da nun nach ihr die gesammte Seelenthätigkeit wesentlich im Vorstellen beruht, da sie also die Lehre von der Ent- stehung der Vorstellungen, ihrem Wachsthum, ihren gegenseitigen Hülfen, Verschmelzungen und Hemmungen besonders eingehend be- arbeitet und darin ohne Zweifel viel Verdienstliches geleistet hat, so sollte man denken (und auch ich hoffte es einmal), sie könnte uns von dieser Seite auch eine praktische Ausbeute gewähren, in- dem sie uns die Art und Weise kennen lehre, wie die zu raschen Vorstellungen des Tobsüchtigen zu hemmen und die zu zähen des Melancholischen zu lösen seien. Es wird aber Jeder, der eine solche Hoffnung hegt, sich in gleicher Weise wie ich enttäuscht sehen. Aber die Religion — werden Sie fragen — sollte diese mäch- tigste und gewaltigste Bewegerin des menschlichen Herzens hier das gleiche Schicksal der Machtlosigkeit theilen? Und ich muss auch hier antworten: Ja! Nämlich, soferne man von ihr einen direct heilenden Einfluss auf den Grundprocess der vorhandenen Seelen- störung erwartet. Völlig unwirksam ist sie desshalb nicht. Reli- giöse Führung und Erhebung ist bei überhaupt für Religion em- pfänglichen Gemüthern am Platze, wenn die Gewalt der Krankheit nachgelassen hat, wenn es wieder anfängt in der Seele licht zu werden, diese wieder das Bewusstsein des Krankseins hat und sich aus diesem herauszuringen strebt. Ich kann aus Erfahrung bezeu- gen, dass in diesem Stadium wohlbemessene mit solchen Zuständen vertraute religiöse Einwirkung und Tröstung von grossem, zuweilen von entscheidendem Werth ist, um die Reconvalescenz zu sichern. Aber jeder in diesem Fache erfahrene, in längerer Praxis an den Umgang mit Geisteskranken gewöhnte Seelsorger wird mir auch beistimmen, dass während des eigentlichen Krankheitsprocesses und so lange die Seele noch vollständig von der Macht der Krankheit befangen ist, religiöse Einwirkung keine Stätte findet. Aber, können Sie mir entgegnen; soll also in den Geistes- krankheiten eine psychische Behandlung gar nicht am Platze, soll sie völlig nutzlos sein? Wenn die Cur derselben hienach vielleicht lediglich eine körperliche sein soll, warum dringt ihr denn so sehr darauf, dass solche Kranke in Anstalten kommen, da doch die Me- dicamente dem Kranken eben so gut zu Hause gegeben werden können ? 11 164 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. Ich erwidere darauf: eine psychische Behandlung muss aller- dings stattfinden, und die Anstalten sind gerade dazu da, um sie recht möglich und gedeihlich zu machen. Aber sie muss eine rich- tige, eine den Umständen angemessene sein. Was ich Ihnen dar- thun wollte und dargethan zu haben glaube, war nur diess, dass die Voraussetzungen und Massnahmen, welche auf die Erscheinungen des gesunden Seelenlebens gegründet sind, in der psychischen Krank- heit, wenn auch nicht völlig und absolut, doch sehr vielfach irrig und unbrauchbar sind. Die Zustände, in welche die Seele bei den Geisteskrankheiten versetzt wird, verlangen daher ein eigenes Stu- dium, zu welchem gewisse Hilfswissenschaften, wie die Physiologie und ich darf wohl auch sagen, die Philosophie nicht entbehrt wer- den können, ohne aber für sich allein auszureichen. Vielmehr kommen in diesen krankhaften Seelenzuständen so viele sonst unbe- achtete Seiten des psychischen Lebens zum Vorschein, dass die Psychiatrie die Thatsachen und Gesetze vorzugsweise aus ihrem eigenen Beobachtungskreise zu schöpfen hat. Wenn nun für viele, ja für die meisten psychischen Krankheitsfälle die Uebersiedelung des Kranken in eine Anstalt als das Zweckmässigste verlangt wird, so ist hievon nicht etwa nur der Umstand, dass dort allein die sach- verständigen Aerzte sind, der Grund. Diese haben allerdings als Spe- cialisten die Uebung voraus, aber die Kenntniss des entsprechenden therapeutischen Verfahrens kann sich jeder Arzt erwerben, und uns Specialisten hilft in den meisten Fällen weder Uebung noch Kenntniss etwas, so lange der Kranke in den bisherigen Verhältnissen bleibt; wir können ohne Anstalt so wenig wirken als der praktische Arzt. Es besteht in dieser Hinsicht ein grosser Unterschied zwischen den rein körperlichen und den s. g. psychischen Krankheiten. Bei jenen ist, so fern nicht häusliches Elend, Armuth, schlechte Wohnung, Mangel an Pflege es erheischen, die Verbringung in ein Spital zur Behandlung nicht nothwendig; die ärztlichen Anordnungen können auch zu Hause befolgt werden, und wenn es auch da und dort an widrigen Einflüssen nicht fehlt oder eine Neigung zur kleinen Pfuscherei besteht, die sich neben dem Arzt eine heimliche Mitbe- handlung erlaubt; so ist doch im Grossen und Ganzen die ärztliche Einwirkung die vorwaltende. Anders ist es in psychischen Krank- heiten. Psychische Einflüsse sind von dem Kranken gar nicht auszuschliessen; es muss doch stets in irgend einer Weise mit ihm Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 165 umgegangen werden, und so steht er, selbst wenn er vernachlässigt wird, fortwährend unter einer, wenn auch als solcher nicht bewusst werdenden und unwillkührlichen, psychischen Behandlung. Wer nun die Veränderungen, die in der Seele durch die Krankheit vorgehen, nicht aus Studium oder vieler Erfahrung kennt, wird unwillkührlich immer die Massstäbe des gesunden Seelenlebens anlegen und daher eine Menge ven Missgriffen machen. Um des Wohles des Kranken willen ist es daher dringend nothwendig, dass er in Umgebungen kommt, in welche er fortwährend und von allen Seiten her stets als das betrachtet und behandelt wird, was er ist, als Kranker. Dass man sich diesen Gedanken stets vorhalten solle, sieht zwar sehr selbstverständlich aus, es wird aber in der Wirklichkeit alle Augenblicke dagegen Verstössen; zum Theil desshalb, weil Krankheit so vielfach als ein Ding ausser und neben dem Individuum betrach- tet wird. Man denkt sich dann wohl, dass, wie von einem körper- lichen Leiden, so auch von dieser seiner Krankheit das Individuum für jene Zeit, wo man etwas Vernünftiges mit ihm sprechen wolle, abstrahiren könne und wird höchst ärgerlich, wenn es diess nicht thut. Dann aber auch, weil diesen Zuständen von den mit ihnen nicht Vertrauten immerfort und grossentheils unwillkührlich theo- retische Erklärungen, die sich auf die mehrerwähnten, irrigen Vor- aussetzungen gründen, untergeschoben werden. Denn es ist ein grosser Irrthum, zu glauben, falsche Theorien zu machen, sei ein Privilegium der Gelehrten. Gott bewahre: sie wachsen überall wild, wie die Brombeeren. Theorien zu machen hat ein jeder Mensch in sich den Trieb; bringt er keine wahre zu Stande, so macht er sich falsche. Selbst beim Bauernstand, von dem man a priori voraussetzen sollte, dass er die reine Naturbeobachtung am wenigsten durch Denkoperationen verfälsche, wimmelt es von falschen Theorien, sei es über den Dünger, sei es über Bau und Functionen des Körpers oder Wesen der Krankheiten. Solche falsche Theorien beherrschen nun auch vielfach die meisten Men- schen in ihrem Umgang mit Geisteskranken, und sind um so hart- näckiger, als sie eben bald für das Resultat des gesunden Menschen- verstandes bald sogar für reine Thatsachen gehalten werden. Sie erhalten Nahrung durch die ganz veränderte Stellung, die der Kranke zu seinen bisherigen Umgebungen einnimmt. Der Melan- cholische wird oft argwöhnisch und erscheint, da er sich gar nicht 166 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. belehren lässt, allmälig lediglich als ein Eigensinniger oder man denkt sich, wie man sich auszudrücken pflegt es sei wenigstens viel Eigensinn dabei. Der aufgeregte Wahnsinnige wird durch den Widerstand, welchen die Familie seinen jetzt ungehörigen Zumuth- ungen entgegenstellt, fortwährend in Aufregung und zwar in viel grössere versetzt, als wenn diese Opposition von Fremden ausgeht. In manchen Formen der Seelenstörung bestehen deren erste Symp- tome entweder in Zerstreutheit oder in Unfähigkeit zu geistiger Arbeit, welche oft von den Kranken selbst als solche schmerzlich empfunden wird; aber sie wird ihnen fälschlich als Schuld imputirt und bei so manchem Offizier und Beamten ist durch die Rügen, welche er desshalb erhielt, die Krankheit rasch auf den Gipfel ihrer Höhe geführt worden. Vollends schlimm wird es, wenn der Kranke anfängt, den Leuten die Wahrheit zu sagen. Ein Beispiel: ein bis- her sehr besonnener gesetzter Mann verfällt in eine maniakalische Exaltation, er ist voll Unruhe, macht Pläne über Pläne, unnöthige Reisen, grosse Einkäufe, die freigebigsten Geschenke. Die ver- zweifelnde Familie, die ihren Ruin voraussieht, auf deren Stimme aber der Kranke nicht mehr hört, versucht vergeblich allerlei Mit- tel, ihn von seinen Extravaganzen abzuhalten. Endlich verfällt man auf einen alten Freund und Bekannten des Kranken, der immer viel Einfluss auf ihn hatte ; der soll ihn zurecht bringen. Er kommt, der Kranke empfängt ihn voll Freude, mit herzlichem Händeschütteln; sie reden dies und das, erinnern sich wohl auch gegenseitig an die schönen Zeiten, die sie mit einander durchlebt haben. So weit geht Alles gut. Nun wirft sich aber der Freund ins Zeug. Erst behutsam und auf Umschweifen, allmälig immer deutlicher, sucht er dem Kranken darzuthun, dass es doch nicht ganz richtig bei ihm stehen müsse, dass er aufgeregt sei, er weist ihn auf unbesonnene Handlungen hin, wodurch er seine Familie betrübt und seinem An- sehen geschadet habe. Der Kranke erwidert ihm erst scherzhaft, dann disputirt er, verfheidigt seine Berechtigung und weist jede Einmischung, schon mit sehr wenig gewählten Worten, zurück. Der gefundene Widerstand macht den Freund besorgter und dringlicher, er nimmt nun eine ernste Miene an und fängt an in strengerem Tone zu reden. Nun steigert sich aber die Heftigkeit des Kranken immer, mehr, er kehrt jetzt den Spiess um, und übergiesst den sei- ner Ansicht nach unverschämten Zudringling mit der vollen Schale Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 167 seines Zornes. Ohne alle Rücksicht auf die Anderen, die es mit an- hören, erinnert er den lieben Freund an alle Jugendstreiche, die er von ihm weiss, entblösst alle kleinen oder grossen Schwächen desselben (und wer hat solche nicht) und das in einem Ton, der sie als etwas Bekanntes erscheinen lässt; mit Bestürzung wird nun der Freund durch diesen Kanal gewahr, was in Gesellschaften, wenn er nicht dabei ist, von ihm geredet wird, aber sein Zorn wendet sich nicht gegen diese, sondern gegen den, der es ihm ins Gesicht sagt — nun ist das Urtheil gesprochen — sein alter Freund ist doch weiter nichts als ein schlechter, boshafter Mensch, in dem er sich von jeher getäuscht hat. Mit diesem Gefühl verlässt er ihn wtithender fast als jener selbst ist. Das ist das Ende des Einflusses vom guten Freund. Wenn auch nicht immer in derselben, so doch in mannich- fach anderer Weise werden die Geisteskranken auch wenn sie an anderen Störungsformen leiden, irrig aufgefasst und unrecht be- handelt, woraus wieder weitere Missverständnisse und Missgriffe entstehen und zuletzt ein förmlicher Knäuel der Verwirrung sich bildet. Dies geschieht um so leichter, je grösser bei mangelnder Kenntniss die Geschäftigkeit ist, mit welcher man sich um die Kranken bemüht und eine bessere Einsicht in denselben zu erzwingen sucht. Man denkt dabei wohl: wenn Dies und Jenes auch nichts nütze, könne es doch auch nicht schaden. Dies ist ein Irrthum. Alles, was wirksam, kann unter Umständen schädlich wirken. In den Heilanstalten der Augenärzte finden Sie die meisten Zimmer verdunkelt, aber es wird Niemand beikommen, denselben einen Vor- wurf daraus zu machen, dass sie so grausam sind, ihren Patienten den Anblick des lieben Himmelslichtes zu entziehen. Nichts ist lieblicher und wohlthätiger, als an einem schönen Sommerabend die lindfächelnde Abendluft zu geniessen, aber eben dieselbe Luft wird, ohne dass sie ihre chemische Reinheit irgendwie verändert hat, von einem Schwitzenden, der zwischen zwei offenen Fenstern steht, übel empfunden, und wer die Erfahrung von den Folgen hat, schützt sich vor dieser reinen Luft rasch durch seinen Plaid. Also, sowohl um den Kranken überhaupt aus dem Kreis der gewohnten Umgebung zu bringen, wo so viele-Reminiscenzen seine Krankheit steigern, als auch um ihn dem Einfluss der unwillkühr- lich von falschen Vorstellungen beherrschten ^Umgebungen zu ent- 168 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. ziehen, und ihn in solche zu bringen, wo, wenn auch nicht gerade die absolut richtigen, doch möglichst richtige Vorstellungen herr- schen, ist in dieser Hinsicht (abgesehen von den sonstigen zweck- mässigen Einrichtungen) die Verbringung in Anstalten angezeigt. Diese wirken nicht blos positiv, sondern eben so oft auch negativ, dadurch dass man darin auch versteht, am richtigen Orte und zur richtigen Zeit nichts zu thun, sondern den Kranken in Ruhe zu lassen. Freilich darf dieses Nichtsthun nicht aus Trägheit oder Gleichgültigkeit hervorgehen, sondern es muss ein selbstbewusstes auf einer klaren Abwägung dessen beruhendes sein, was man thun könnte, und wogegen in dem betreffenden Falle das Zusehen doch immer noch das Bessere ist. Der Gelegenheiten, positiv einzugreifen, und zwar in psychi- scher Hinsicht, gibt es trotzdem noch genug. Sie finden aber vor- zugsweise in jenen Stadien statt, wo die Hauptgewalt der Krank- heit bereits gebrochen ist, die Seele aber die nöthige Klarheit und Kraft nicht gewinnen kann, um die Bande, welche sie noch um- stricken, vollends zu zerreissen. Hier zur rechten Zeit und in der richtigen Weise einzugreifen ist von der grössten Wichtigkeit; denn hier ist der Wendepunct, wo gar oft sich entscheidet, ob der Kranke vollends über den Rand des Abgrundes, dem er entkommen ist, sich herüberschwingen oder wieder in denselben zurücksinken, ob er genesen oder unheilbarer Verrücktheit oder Narrheit anheim- fallen wird. In der Hülfe, welche eine die Wichtigkeit solcher Momente aus Erfahrung kennende und sachverständige Umgebung in solchen Fällen zu leisten vermag, besteht ein grosser Theil der heilenden Wirksamkeit der Anstalten und dieses Stadium ist es auch, wie ich schon erwähnte, wo eine taktvolle religiöse Einwirk- ung eine segensreiche Wirksamkeit enfalten kann. Um diese Zeit kann selbst die Wiederentfernung aus der Anstalt in gewissen Fäl- len die Heilung beschleunigen, und ein gewissenhafter Arzt wird oft selbst hiezu rathen; aber es ist dringend zu wünschen, dass dies niemals ohne seine Zustimmung geschehe. Wenn nun auch ein solches positives Eingreifen in den frühe- ren Phasen der Krankheit selten am Platze ist, so ist damit doch keineswegs gesagt, dass die psychische Behandlung des Kranken in dieser Zeit gleichgültig sei. Es ist schon von Wichtigkeit, dass jene auf Vorurtheilen ,und mangelnder Kenntniss beruhenden nach- Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 169 theiligen Einwirkungen wegfallen, welche wir eben kennen gelernt haben. Und dies ist eben der Natur der Sache nach wieder vor- zugsweise in den Anstalten der Fall. In ihnen (den jetzigen näm- lich, nicht den alten, deren Typus das Kaulbach'sche Gemälde ist) gewinnt das Personal theils durch die fortwährende Anleitung von Seite der Aerzte, theils durch eigene längere Uebung und Erfahrung einen gewissen Tact, vermöge dessen in ihm stets der Gedanke lebendig erhalten wird, dass es sich hier um krankhafte Zustände handelt, ein Gedanke, der in seiner thätigen Anwendung nicht so leicht unverbrüchlich festzuhalten ist, als es scheint. Geräth schon der geübte Irrenarzt nicht selten in die Gefahr, ihn zu vergessen, wie viel mehr der Laie, dessen tägliches A und 0 nicht immer nur die Krankheit ist. Die psychische Behandlung der Geisteskranken besteht daher nicht in gewissen Methoden der Zuspräche^ über- raschenden Einfällen, Redewendungen und besonderen Kunstgriffen, die zu lehren wären, sondern sie muss sich von selbst aus der Kenntniss des kranken Seelenlebens ergeben. Es gilt auch hier: Kenntniss ist Macht. Nicht dass ich dabei das Wissen über Alles stellen möchte — es gebührt auch dem Herzen sein Antheil, aber wer sich in die Seele des Geisteskranken möglichst hineinzuversenken, wer seine Zustände innerlich mitzuleben, dann aber auch sich über sie zu erheben und sie objectiv zu betrachten versteht, der wird auch wissen, wie er sich einer solchen Gemüths- und Geistesver- fassung gegenüber in jedem einzelnen Falle zu verhalten hat4). Wenn die gesammte Umgebung des Krauken ihr Benehmen in die- sem Sinne einrichtet, so wird derselbe in der ihm am meisten zu- sagenden geistigen Atmosphäre erhalten, das gesammte Krankheits- bild bleibt reiner und es wird schon in dieser Phase der Krankheit, wenn auch in psychischer Hinsicht vorläufig nur auf negativem Wege dafür gesorgt, dass der Zustand, wenn er auf der kritischen Schwelle ankommt, nicht schon zu verfälscht und verdorben ist, um den neu eintretenden activeren Bestrebungen einen Anhaltspunkt zu bieten. Was ich hier hinstelle, ist allerdings, so sehr es das Maass unserer Thätigkeit zu beschränken scheint, doch immer noch ein Ideal, dessen Erfüllung viele Schwierigkeiten entgegenstehen. Noch ist die Wissenschaft nicht so weit gediehen, dass nicht über vielen Gebieten derselben noch ein dichtes Dunkel läge, und unter denen, 170 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. welche die irrenärztliche Kunst ausüben, müssen selbst die Begab- testen und Geübtesten gestehen, dass ihnen die Zustände, die ihnen zur Behandlung kommen, gar oft unerfassbar und unergründlich sind. Die Schwierigkeiten, welche wir zu bekämpfen haben, liegen ferner in den Mitteln und Werkzeugen, welche uns zu Gebote stehen. Die Pflege und Wart der Geisteskranken ist einer der schwersten Berufe und erfordert einen Verein von Eigenschaften, welcher nicht gerade häufig vorkommt. Und dazu kommt noch, dass die Per- sönlichkeiten, bei welchen er sich findet, sich meist anderen Er- werbszweigen zuwenden, welche bei geringeren Opfern grösseren materiellen Lohn darbieten, als wir dermalen gewähren können. Die dritte Schwierigkeit liegt in der Sache selbst. Zwar ge- hören im Allgemeinen die Seelenstörungen keineswegs zu denjenigen Krankheitsformen, aus welchen die Rückkehr zur Gesundheit eine vorzugsweise schwere wäre. Die statistischen Vergleichungen haben dieses Vorurtheil längst zerstört, und nachgewiesen, dass unter günstigen Verhältnissen, worunter die frühzeitige Verbringung in die Anstalten gehört, zum Wenigsten zwei Drittheile wieder genesen. Der Rest bleibt, theils weil die Krankheit gar oft nur das Endpro- duet mannichfacher Jahre lang vor ihrem Ausbruch, ja eine ganze Lebenszeit hindurch wirksam gewesenen Ursachen ist, theils weil die richtige Behandlung zu spät eintrat, ungeheilt. Indem dieser Rest sich allmälig immer mehr ansammelt, wozu die jetzt bessere Pflege durch Verlängerung der mittleren Lebensdauer des Irren bei- trägt, wird die Zahl der gleichzeitig lebenden unheilbaren Irren verhältnissmässig eine ziemlich bedeutende sein, und ihre Pflege macht daher die andere grosse Hälfte unserer Aufgabe aus. Viele derselben haben keine Aeltern, keine Geschwister mehr und die Ver- wandten sind ihnen oft durch die lange Dauer des Leidens ent- fremdet. Sie haben auf der Welt Niemand mehr, als die öffentlichen Armenpflegen, welche die Mittel zu ihrem Unterhalt gewähren und die Bediensteten der Anstalten, welche sich ihrer unmittelbaren Pflege widmen. Für sie ist die Anstalt ein Asyl, in dem sie vor den Unbilden geschützt sind, welche ihnen draussen in der Welt bereitet werden, theils aus Unkenntniss, theils aus Rohheit, theils sogar aus Missvergnügen, weil sie durch ihr blosses Nochdasein lästig fallen. Diese Unheilbaren erfordern nicht mindere Sorgfalt als die Heilbaren, auch sie müssen, um sie geeignet führen zu Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 171 können, ihrem Zustand gemäss psychisch behandelt werden. Wenn auch davon in diesem Leben kein Erfolg mehr im Sinne der Ge- nesung zu erwarten ist, so darf uns dies nicht müde machen; es ist Erfolg genug, wenn diesen Geistes-Siechen für ihre noch übrige Lebenszeit ein erträgliches menschenwürdiges Dasein verschafft wird. Die Heilung selbst bringt hier nur der Tod. Ist die krankhafte Störung, welche die nächste Ursache der Geisteskrankheit ist, zu sehr mit dem Bestände des Organismus verwachsen, als dass sie noch gehoben werden könnte, so wird sie nur schwinden, wenn dieser Organismus selbst morsch wird und abfällt. Vor Allem am Grabe eines geisteskrank Gestorbenen wird uns daher so recht die befreiende, die erlösende Kraft des Todes klar. Und so lassen Sie mich zum Schlüsse der Worte von zwei Dichtern gedenken. Der eine derselben, Nicolaus Lenau, ist selbst dem Wahnsinn zum Opfer gefallen und hat in einem seiner lichten Zwischenräume, welche dem völligen Blödsinn und dem tödtlichen Ausgang vorhergingen, ein kurzes Gedicht niedergeschrieben, in welchem er das Leben des Menschen einem Kruge vergleicht, der, anfangs schmuck und glän- zend , lange zum Brunnen getragen »wird, aber zuletzt, morsch und brüchig geworden, keinen Dienst mehr leisten kann, er theilt das Geschick alles alten irdenen Hausraths, und, so schliesst der Dichter »und zu den andern Scherben muss er sinken« 5). Ja wohl sind es Scherben, aber nicht die eines zerbrochenen leeren Kruges, wie es dem unglücklichen Dichter in seiner düsteren Wehmuth erschien, sondern solche Scherben, die es gibt, wenn nach vollbrachtem Glockenguss unter den Schlägen des Ham- mers der Mantel springt und Aus der Hülse blank und eben Der metallne Kern sich schält. Soll die Glocke auferstehen, Muss die Form in Stücken gehen. Anmerkungen und Zusätze. 1) Beispiele von günstiger Wirkung psychischer Therapie auf körperliche Krankheiten findet man besonders in den älteren anthropo- logischen und medicinischen Werken zusammengestellt; so in Tissot's Abhandlung über die Nerven und deren Krankheiten, deutsch von Ackermann in dreiBänden, Leipzig 1781—1782; Zimmermann, von der Erfahrung in der Arzneikunst, neue Auflage, Zürich 1787; Len- hossek, Darstellung des menschlichen Gemüths in seinen Beziehungen zum geistigen nnd leiblicher Leben. Zwei Bände. Wien 1824 und 1825; Schubert, Geschichte der Seele. Vierte Auflage. Stuttgart und Tübin- gen 1850. Unstreitig lief bei diesen Erzählungen Vieles mit unter, was nicht gehörig beglaubigt oder wo das wirkliche Sachverhältniss nicht kritisch genug erhoben war, und unter der Missgunst eines in solchen Dingen vor Allem skeptischen Jahrhunderts zogen sich die hier- auf bezüglichen Anschauungen und Thatsachen mehr und mehr aus der medicinischen- Literatur zurück, und lebten nur in der Praxis und in der Tradition des Volkes fort. Erst in neuerer Zeit gewinnt die Medicin auch in dieser Hinsicht ihre Unbefangenheit wieder. Zeugniss davon gibt ein von der kaiserlichen Akademie der Medicin gekröntes Werk von Padjoleau, de la medicine morale dans le traitement des maladies nerveuses. Paris 1864. Dasselbe erschien auch in deutscher Uebersetz- ung von Eisen mann. Es enthält eine reiche Sammlung wohl grössten- theils sicherer Thatsachen, verbunden durch besonnene Reflexion. Ich kann aber nicht umhin, über ein paar Stellen darin mich noch besonders auszusprechen. Es wird nämlich u. A. (S. 154 u. S.217) erzählt, wie hartnäckige hysterische halbseitige Lähmungen, welche ganz das Ansehen einer organischen Rückenmarkserkrankung getragen hatten, nach Empfang der Communion verschwanden. Derselbe be- rühmte Arzt, welcher in einem dieser Fälle die hysterische Natur der Krankheit stets aufrecht erhalten hatte, hatte sich in einem anderen vergeblich mit der Heilung hartnäckiger Stimmlosigkeit bemüht und selbst den Schrecken dagegen angewendet; die Kranke geht in's Kloster die Oberin befiehlt ihr zu lesen, und sie liest mit lauter Stimme. Ein 15 jähriges Mädchen (S. 101) litt an hartnäckigem trockenem Husten mit Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 173 Abmagerung und wurde für schwindsüchtig erklärt; endlich lässt man den Fürsten Hohenlohe für sie beten und am 9. Tage verschwindet der Husten, um nie wieder zu kehren. Die Medicin thut nicht wohl, wenn sie solche Fälle für Fabeln erklärt und ihre Existenz läugnet; denn obgleich viele derartige Er- zählungen der unparteiischen Kritik nicht Stand halten und auf Ge- rüchten beruhen, deren letzte Quelle nicht fassbar ist, so gibt es doch immer auch solche, (wie die eben erzählten), deren Realität von den- selben ärztlichen Notabilitäten constatirt ist, wider deren Vermuthen die Heilung eingetreten war. Aber eben so wenig thut meines Erach- tens die Theologie wohl, wenn sie auf solche Fälle allzu grosses Gewicht in ihrem Sinne legt und die Wirkung lediglich für eine religiöse, rein durch das gesprochene Gebet als solches errungene hält. Denn das Volk (soweit es in dieser Beziehung überhaupt noch gläubig ist) stellt die religiöse Varietät derartiger Einwirkungen in der Schätzung ihrer Macht und in seinem Vertrauen darauf auf vollkommen gleiche Stufe mit jenen anderer Mächte, mit welchen jene keine Gemeinschaft haben wollen. Die Volksheilkünstler, welche durch s. g. Sympathie wirken, ver- danken ihren Ruf oft Fällen ähnlicher Art. Aber nicht blos in Neu- rosen, sondern auch in anderen Krankheiten ist dieselbe auf psychischem Wege schon öfters wirksam gewesen. Von Wechselfieber sind in dieser Hinsicht mancherlei Erzählungen bekannt. Zuweilen ist es der Schrecken oder das Grauen, welches hiebei das vermittelnde Agens bildet; aber auch andere Gemüthsbewegungen sind hiezu fähig. Wer längere Zeit mit der ländlichen Bevölkerung viel in Verkehr gewesen ist, der be- kommt als Beispiel, wie manche Leute etwas Besonderes »können«, unter Anderem auch öfters Geschichten von s. g. Blutstillern zu hören, welche gefährliche Blutungen durch Sympathie stillen, wobei es oft vorkomme, dass das Blut schon in dem Augenblick stehe, wo sie das Haus betreten. Nun entziehen sich zwar dergleichen Thaten, wie überhaupt die gesammte Pfuscherei, der wissenschaftlichen Kritik da- durch, dass wir niemals beglaubigte statistische Angaben über Erfolge und Nichterfolge zu erhalten vermögen, und die geschäftige Fama hat freien Spielraum, vereinzelte Thatsachen wie in einem Kinderspielzeug hundertfältig zu vervielfachen. Aber wie so manches Andere, so ent- hält auch dieser Volksglaube sein Bruchtheil Wahrheit- Wir finden denselben, wenn wir erfahren, dass es nicht gerade ein Bauer sein muss, sondern auch ein promovirter Arzt sein kann, von dem solche Wirkungen ausgehen, dass es dazu also nicht einer mysteriösen (vom Volk in der Regel in einen feindlichen Gegensatz zu der Wissenschaft gestellten) Eigenschaft bedarf. Es kommt z.B. vor, dass ein Kranker einige Zeit nach einer Operation eine heftige Blutung bekommt. »Ich 174 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. muss sterben, ich verliere all mein Blut« ruft der Kranke dem etwas später anlangenden Arzt zu. »Im Gegentheil, ruft der Arzt, Sie haben noch nicht genug verloren. Vielleicht müssen wir in ein paar Stunden sogar noch zur Ader lassen.« Und die Blutung steht (Petit bei Pad- joleau S. 44). Warum? offenbar wegen des Vertrauens. Die Beruhig- ung, welche dem Kranken eingeflösst wird, die Wirkungsweise derselben können wir uns ungezwungen so erklären: Bei jeder Blutung, welche nicht aus grösseren, sondern aus kleineren, der Unterbindung nicht zu- gänglichen Gefässen erfolgt, bei welchen wir also nur durch Druck oder Arzneisubstanzen auf die blutende Oberfläche wirken können, ist es zur Verhütung ihrer Wiederkehr und Fortdauer von höchster Wichtig- keit, dass der Stoss der Blutwellen so sehr als möglich beschränkt, dass namentlich die Herzthätigkeit gemässigt werde; der Kranke musa sich absolut ruhig halten, darf keine hitzigen Getränke geniessen u.s.w. Ebenso wichtig ist es aber auch, ihm die Angst zu benehmen, welche so leicht entsteht, wenn eine Blutung nicht aufhören will. Die Angst, die Furcht vor der Verblutung und dem Sterben, wirkt aber auf das Herz, das Herz schlägt stärker, die Pulse fliegen, das gewaltsam fort- geschleuderte Blut durchbricht immer wieder die schwachen Gerinnsel, die sich gebildet haben, und so unterhält also die Furcht vor der Blu- tung diese selbst. Naht nun aber plötzlich Hülfe, der der Patient ganz sicher und unbedingt vertraut, so legt sich der ganze Sturm, der Puls- schlag wird ruhig, und die Blutung hört auf, nicht wegen einer posi- tiven Einwirkung, sondern weil die Hindernisse, welche im Individuum selbst der Naturheilung im Wege standen, weggenommen sind. 2) Leuret, du traitement moral de la folie. Paris 1840. Leuret's Ansichten haben grossen Widerspruch erfahren; seine Behandlungsweise kann zuweilen gefährlich werden, und er hat sich ohne Zweifel hinsicht- lich ihres Erfolges öfters getäuscht. Allein es lässt sich nicht läugnen, dass auch, und nicht nur von ihm allein, wirkliche Erfolge auf diesem Wege gewonnen sind und dass ihnen gegenüber auch das Nichtsthun seine Verantwortlichkeit mit sich führen kann. In diesen Fällen war aber jedenfalls nicht die deprimirende Gemüthsbewegung als solche das Wirksame und sollte auch niemals das Ziel sein. Man soll bei aller psychischen Behandlung nicht so sehr auf Zerstören von Krank- haftem ausgehen wollen, als vielmehr auf Unterstützung des im Seelenleben noch gesund Gebliebenen in seiner Reaction gegen das Krankhafte. Wo diess nicht möglich oder nach dem Krankheitsverlaufe noch nicht an der Zeit ist, da sind derartige Einwirkungen, wo nicht schädlich, doch ohne Nutzen. Zeit und Umstände dafür abzuschätzen, ist aber nur bei genauester Kenntniss des Zustandes möglich und kann daher nur Sache des Fachmannes sein. 3) Worin diese Mitwirkung des Gehirnes beim Vorstellen und Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. 175 Denken besteht, darüber habe ich meine Ansicht zuerst ausgesprochen in meinen Beiträgen zur Anthropologie. Erlangen 1841 , und dieselbe weiter ausgeführt in meiner Abhandlung: Psychologie und Psychiatrie in R. Wagner's Handwörterbuch der Physiologie. Zweiter Band, Braunschweig 1844 S. 707—713, und S. 731—734. — Man vergl. ausser- dem Griesinger's Pathologie und Therapie der psychischen Krank- heiten 1845, §. 14 und 15. Zweite Auflage 1861, §. 16—18. — Dom- rich, die psychischen Zustände, ihre organische Vermittelung und ihre Wirkung in Erzeugung körperlicher Krankheiten. Jena 1849. S. 90 — 122. — Lotze's medicinische Psychologie und dessen Mikrokosmos an verschiedenen Orten. — In neuester Zeit hat Hartmann (Philosophie des Unbewussten 1869) die Leistung des Gehirns hauptsächlich darein gesetzt, dass durch dasselbe bewusste oder helle Vorstellungen und Bewusstsein überhaupt ermöglicht wurden, ähnlich wie schon S t i e d e n- roth, Psychologie, 1824. Erster Theil. S. 52. 4) Hiemit soll nicht gesagt sein, dass die psychische Behandlung nun lediglich eine Sache des mit Kenntniss ausgerüsteten natürlichen Tactes und der Uebung sein und bleiben müsse. Vielmehr verträgt auch sie eine systematische wissenschaftliche Bearbeitung nach den verschiedenen Mitteln und Methoden und ist hierin nicht blos schon Manches geleistet, sondern im Gefolge der sich weiter entwickelnden psycho-pathologischen Erkenntniss noch wenigstens eben so viel zu erwarten. 5) Das Gedicht findet sich in Nicolaus Lenau's dichterischem Nachlass, herausgegeben von Anastasius Grün, Stuttgart und Augs- burg 1858, S. 152. Es ist betitelt: »Eitel nichts« und lautet: 's eitel nichts, wohin mein Aug' ich hefte! Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern, Ein wüstes Jagen ist's von dem zum andern, Und unterwegs verlieren wir die Kräfte. Ja, könnte man zum letzten Erdenziele Noch als derselbe frische Bursche kommen, Wie man den ersten Anlauf hat genommen, So könnte man noch lachen zu dem Spiele. Doch trägt uns eine Macht von Stund zu Stund, Wie 's Krüglein, das am Brunnenstein zersprang, Und dessen Inhalt sickert auf den Grund, So weit es ging, den ganzen Weg entlang. Nun ist es leer; wer mag daraus noch trinken? und zu den andern Scherben muss es sinken. 176 Ueber psychische Behandlung der Geisteskranken. A. Grün bemerkt dazu im Vorwort: »Eitel nichts« entstand am 18. September 1844, als Lenau spät in der Nacht auf dem rollenden Eilwagen zwischen Zernolding und Mün- chen, körperlich sehr erschöpft, dahin fuhr, gleichsam zum Versuche, ob er unter so ungünstigen Umständen noch zu dichten vermöge. Dieses Gedicht wurde von dem bereits tief erkrankten Dichter am 29. November 1844 in seiner Zelle zu Winnenthal seinem geliebten Justinus Kerner, der von Weinsberg ihn zu besuchen gekommen war, dann seinem Arzt und Freunde Hofrath Zeller, der es ihm sogleich nachschrieb, und endlich seinem von Wien herbeigeeilten Schwester- manne A. X. Schurz, von dem diese Angaben herrühren, mit aller bekannten Vortrefflichkeit des Vortrages mitgetheilt. Der Zweck heiligt die Mittel. Hagen, Studien. 12 -CJs ist zwar unter uns sonst nicht der Brauch, dass der Sprecher des Abends seinen Vortrag mit einer Captatio benevolen- tiae für seine Person anfängt. Da indessen mein heutiges Thema von vorn herein eine etwas ungünstige Meinung gegen mich erregen könnte, so muss ich eine Ausnahme davon machen und mir, ehe ich anfange, von Ihnen das Zeugniss ausstellen lassen — das Sie mir gewiss mit Ueberzeugung geben können, — dass Sie mich für keinen Jesuiten halten. Und wesshalb diess? Weil ich heute die Gültigkeit des Satzes vertheidigen will, dass der Zweck die Mittel heiligt. Sie werden vielleicht denken: das ist ein abgenütztes Thema, und überdiess fragen, wie es kommt, dass gerade ich mich desselben bemächtige und es nicht dem Mitglied einer anderen Facultät über- lasse. Wir werden uns aber leicht verständigen, wenn ich hinzu- setze, dass ich dabei immerhin bei meinem Leisten bleibe, indem ich nämlich vom medicinischen Standpunct ausgehen werde. Das Studium der Willenskrankheiten sowie der Zurechnungsfähigkeit veranlasste mich auch, da und dort ethischen Fragen weiter nach- zuspüren. Was ich da in Bezug auf jenen Satz gefunden, ist daher zwar nur ein Nebengewinn, da aber Substanzen, welche in chemi- schen Fabriken als Nebenproducte gewonnen werden, darum nicht gerade schlechter sind als die durch unmittelbare Bemühung er- zielten, so halte ich dadurch einerseits meine Berechtigung für erhärtet, und andererseits sind Sie dadurch doch einigermassen davor gesichert, nur Bekanntes zu hören, da, soviel ich weiss, eine Beleuchtung des fraglichen Satzes von dieser Seite her noch nicht stattgefunden hat. Eine allgemeine Erörterung über seinen Sinn muss aber doch vorhergehen. Darüber kann nämlich kein Zweifel sein, schon wegen des Wortes »heiligt«, dass der Satz dem Gebiete der Ethik angehört oder angehören soll. Er besagt zunächst so viel als: es 12* 180 Der Zweck heiligt die Mittel. kommt auf den Zweck an, ob ein gewisses Mittel, d. h. eine Hand- lung als schlecht oder gut anzusehen ist, und will hier das schlecht oder gut im moralischen Sinn, nicht im Sinne des Klugen und Zweckmässigen genommen wissen. Denn ein verkehrtes und un- geschicktes Verfahren wird niemals dadurch zu einem richtigen oder geschickten, dass man dabei einen guten Zweck hat (ausser höch- stens durch das blinde Glück, das den Dummen begünstigt). Am allermeisten musste dagegen die Medicin protestiren; denn wenn hier der gute Zweck, die Heilung oder Lebensrettung schlechthin jedes angewendete Mittel zu einem guten, d. h. zu einem richtigen, stempeln würde, so würde dadurch der Unwissenheit der Freibrief ertheilt; alle medicinische Erfahrung, alles Studium, alle Facultäten und Prüfungen würden von Stund an überflüssig sein. Mit dem s. g. guten Willen, der guten Absicht ist es da nirgends gethan, sondern zur Erreichung solcher Zwecke gehören Kenntnisse und auf ihre Erwerbung gerichtete Anstrengungen. Der Begriff »schlechte und gute Mittel« kann daher in unse- rem Satze nur in moralischem Sinne genommen sein. Warum er- scheint er nun hier nicht von vornherein eben so falsch wie in dem eben besprochenen utilitarischen ? Streng genommen ist er es auch. Eine Handlung (und ein Mittel ist nichts Anderes als eine Handlung) ist, als eine durch Anwendung unserer Kräfte in der Welt gewirkte Veränderung, niemals dadurch selbst schon schlecht oder gut, sondern wird diess bekanntlich nur durch die Gesinnung, aus welcher sie hervorgegangen ist. Unter diesem Gesichtspunkt enthält der Satz: der Zweck heiligt die Mittel in seiner Absolutheit einen inneren Widerspruch; denn wenn hier unter den Mitteln schlechthin alle möglichen Handlungen, also auch alle schlechten, d. h. aus unmoralischer Gesinnung hervorgehenden, zu verstehen wären, so litte der Satz, da schlechte Handlungen eine unmoralische, gute Zwecke aber eine moralische Gesinnung voraussetzen, an einer inneren Unmöglichkeit, über welche nicht wegzukommen ist. Soll sich unter ihm etwas Vernünftiges denken lassen, so bleibt nur übrig, sich die Mittel, welche durch den Zweck geheiligt werden sollen, als moralisch indifferente zu denken, welche erst durch den Zweck, zu welchem sie unternommen werden, zu schlech- ten oder guten werden; sie können im moralischen Sinne noch indifferent sein, auch wenn sie einem Anderen Uebles, also Unlust, Der Zweck heiligt die Mittel. 181 zufügen. Nun trifft es sich allerdings oft, dass solche böse, einem Anderen Uebles zufügende Handlungen auch moralisch schlechte, d. h. solche sind, deren Anwendung in dem betreffenden Falle nur unter Voraussetzung einer schlechten verderbten Gesinnung denkbar ist, während sie unter anderen Umständen für gute angesehen wer- den müssten. Sie werden in unserer Schätzung zu dem einen oder zu dem anderen durch den Zweck, der durch sie erreicht werden soll; ist dieser ein guter, so gelten auch die Handlungen für gut, der Zweck heiligt die Mittel. Ich erläutere diess, wie gesagt, zunächst durch Beispiele aus der Medicin und fange mit den Grundwissenschaften derselben, welche ihre Adepten zuerst lernen müssen, an, mit der Anatomie und der Physiologie. Die Thierquälerei, welche ein Kind ausübt, kann im Anfang noch ohne alle Verderbniss des Herzens geschehen, wenn das Kind sich noch keine Gedanken über den Schmerz macht, den es dem Thiere verursacht; wird das Kind älter und sich be- wusst, dass es dabei Schmerz und Leiden verursacht, so hat man keine Zeit zu verlieren, diesen Keim der Bosheit aus seinem Herzen zu vertilgen, und an Erwachsenen betrachten wir eine Neigung zur Thierquälerei mit Abscheu. Inzwischen schneidet, zwickt, brennt und electrisirt der Physiologe geschäftsmässig Hunderte von Fröschen, Tauben, Kaninchen und Hunden, ohne dass wir ihn desshalb für einen moralisch entsetzlichen Menschen halten. Woher kommt diess? Daher, dass er dabei einen guten Zweck hat, dass er die Gesetze des Organismus erforschen will, deren Kenntniss wieder den Menschen, ja selbst auch anderen Thieren zu Gute kommen kann. Der exacte Nachweis, dass die Arterien Blut führen, war Galen, und der der Gesetze des Kreislaufes war Harvey nur mittelst Vivisectionen an Thieren möglich; wie viele Tausende von Men- schenleben sind aber nicht auf Grund dieser Kenntnisse vom Kreis- laufe durch Arterienunterbindung gerettet worden! Diess ist nur ein Beispiel von vielen; sie beweisen aber alle, dass der gute Zweck hier eine Handlung heiligt, die wir unter anderen Umständen verwerfen. Gehen wir weiter, zur Chirurgie. Wenn Jemand eines seiner Glieder verliert, so ist diess unter allen Umständen etwas Uebles; aber die Gesinnung, in welcher dieses Uebel zugefügt wird, kann eine sehr verschiedene sein. Wenn ein rachsüchtiger Mensch, ich 182 Der Zweck heiligt die Mittel. will annehmen, ein Soldat, lediglich aus Neid, weil ein Anderer, sei es im Avancement oder in der Liebe, mehr Glück hat als er, diesem einmal einen rechten Denkzettel anhängen will, ihm Nachts auflauert und ihm den Arm abhaut, so werden wir sowohl den Zweck als das Mittel verdammen. Wenn aber der Chirurg einen Arm abnimmt, der vom Knochenfrass ergriffen ist, so wird er da- mit in den allermeisten Fällen ein Leben retten und thut daher seine Pflicht. Der Verlust des Gliedes ist hier an und für sich auch etwas Uebles für den Kranken, er ist aber das kleinere gegen den Verlust des Lebens; der Zweck heiligt das Mittel, d. h. er macht, dass dieselbe Handlung, welche im ersten Fall eine schlechte war, hier eine gute wird. Wenn es Jemand übel wird bis zum Erbrechen, so ist diess sicherlich ein Uebel für ihn. Aber, soferne nicht Krankheit, sondern eine äussere Einwirkung daran schuld ist, kann diese eine sehr verschiedene Bedeutung haben. Einer, in dessen Vortheil es Hegt, dass wir zeitig aus der Welt scheiden, kann das Uebelsein herbei- führen, indem er uns heimlich Arsenik beibringt (wobei ich jedoch um Entschuldigung bitte, dass ich ein so veraltetes Vergiftungs- mittel noch anführe, während doch jetzt Cyankali oben ansteht). Aber der Arzt bringt ähnliche Erscheinungen hervor, indem er durch ein Brechmittel einen kranken belasteten Magen heilt oder ein Kind vom Crouptod zu retten bestrebt ist. Es ist sicher ein Frevel, um schnöden Gewinnes willen einen Menschen zu überfallen, zu binden, und in der Gefangenschaft zu halten. Der Verlust der Freiheit ist, noch ganz abgesehen von anderweitigem dadurch entstehenden Schaden, gewiss für den Ge- fangenen ein grosses Uebel. Aber halten wir nicht auch die Be- wohner der Irrenanstalten gefangen? Man beraubt sie ihrer Frei- heit, wenn zu Hause keine Möglichkeit gegeben ist, sie zweckent- sprechend zu behandeln, oder, wenn sie, sich selbst überlassen, für ihre Familie oder ihre Umgebungen eine Quelle stets drohender Gefahr und Angst werden. Der Zweck heiligt das Mittel. Ver- letzung des Briefgeheimnisses, Erbrechen und Lesen fremder Briefe ist nicht nur in rechtlichem Sinne ein Vergehen, sondern auch moralisch verwerflich. Und doch halten wir Irrenärzte es für nothwendig und für Pflicht, dass alle Briefe an unsere Kranken und von denselben von uns gelesen werden, und wir erbrechen zu Der Zweck heiligt die Mittel. 183 diesem Zwecke unbedenklich diejenigen, welche uns versiegelt in die Hände kommen, und confisciren die unpassenden. Wir thun es, weil wir wissen und oft genug erfahren haben, dass der unbe- schränkte Verkehr der Kranken mit den Ihrigen in vielen Fällen schädlich ist und nur in wenigen mit Sicherheit vorausgewusst werden kann, dass er es nicht ist. So viel ist also gewiss, dass die Psychiatrie etwas, was sonst als Verbrechen wider Freiheit oder Eigenthum bestraft wird, unter Umständen als Mittel unbedenklich brauchen darf 1). Diese Beispiele werden genügen, um darzuthun, dass unser Satz jedenfalls in der Medicin seine Gültigkeit hat. Nun weist aber seine ganz allgemeine Fassung darauf hin, dass seine Macht sich nicht bloss auf sie, sondern, und vielleicht noch mehr, auch auf andere Gebiete menschlicher Thätigkeit erstrecken soll, beson- ders aber auf Recht und Moral. In Hinsicht auf Ersteres will ich vor Allem der Folter Er- wähnung thun. Dieselbe ist gewiss eine barbarische Quälerei ge- wesen; aber sie ist Jahrhunderte lang für ein nothwendiges Uebel gehalten worden, ohne welches der Zweck der Strafrechtspflege nicht zu erreichen sei. Ihre allmälige Abschaffung ist ohne Zweifel hauptsächlich die Folge der milder werdenden Sitten und der wach- senden Abneigung vor Grausamkeit gewesen2). Man darf aber wohl fragen, ob es dazu gekommen wäre, wenn die Ermittlung und Bestrafung von Verbrechen ohne Folter in der That nicht mög- lich wäre und ob wir uns dann nicht wohl oder übel in ihre Bei- behaltung fügen hätten müssen, da von absoluter Straflosigkeit der Verbrecher und der Folter die letztere sicher das kleinere Uebel ist. Es ist unter diesen Umständen ein Glück zu nennen, dass es nicht so ist, dass die Folter kein zweckmässiges Mittel ist, Thäter zu entdecken, sondern dass man, wie die neuere Strafrechtspflege hinreichend gezeigt hat, jetzt ohne Folter viel mehr Uebelthätern auf die Spur kommt als früher mit ihr. Von Natur hat Niemand das Recht, den Andern seiner Frei- heit zu berauben, und doch werden alle Tage Freiheitsstrafen, also Freiheitsberaubungen, ausgesprochen. Was der Einzelne nicht thun darf vindicirt sich unbedenklich der Staat; mit welchem Grund und Recht? Um der Sicherheit aller Bürger und der Aufrecht- haltung der Staatszwecke willen. Diess ist der Zweck, welcher 184 Der Zweck heiligt die Mittel. die Freiheitsberaubung heiligen muss, und wenn gegen die Beibe- haltung der Todesstrafe unter Anderem gesagt wird, dass das Töd- ten eines Menschen niemals, auch durch den besten Zweck, geheiligt werden könne, so sehe man wohl zu, dass man nicht zu viel be- weist ; denn dieser Einwand Hesse sich auch auf die Freiheitsstrafen anwenden. Diese Bemerkung führt uns schon zugleich mit auf das Gebiet der Moral. Das Gebot: du sollst nicht tödten, ist so klar und so einfach; es kommt einem vor wie ein nackter, glatter Fels, an dem nirgends ein Haken befindlich, um daran über ihn wegzukom- men. Und doch hat man das schon lange fertig gebracht, und wie! Schon gleich Moses selber hat eine Menge Menschen um- bringen lassen. Ich schweige von den Kreuzzügen, von der Bartho- lomäusnacht, vom dreissigjährigen Krieg, wo die Menschen zu Gottes Ehre getödtet wurden, und will nur vom gewöhnlichen ge- meinen Krieg sprechen. Alle Bestrebungen, den Krieg zu recht- fertigen, seine Notwendigkeit zu deduciren, in diesem Wirklichen das Vernünftige herauszufinden, sind weiter nichts als Variationen über das Thema: der Zweck heiligt das Mittel. Selbst da, wo der Krieg ganz entschieden zur Vertheidigung des Vaterlandes, der Freiheit, des Rechtes und der Ehre geführt wird, gilt diess; wie viel mehr da, wo es nöthig ist, andere Beweg- und Rechtfertigungs- gründe aufzusuchen. Es mag wohl zuweilen Kriege geben, von welchen nicht klar ist, welcher der streitenden Theile Recht oder Unrecht hat oder auf wessen Seite mehr das Eine oder das Andere ist, obwohl gar oft der, welcher durchaus behauptet, eine Streit- sache sei unklar, nur so thut, damit der Krieg unausbleiblich sei, und einem Timur und Dschinchischan schwerlich jemals eingefallen ist, ihre Kriege als Durchführungen eines unklaren Rechtshandels anzusehen. Es kann ferner der Mangel eines Richters angeführt werden, welcher entweder genug Klarheit und Einsicht oder Un- parteilichkeit oder Recht auf das Schiedsrichteramt habe, ein Motiv, welches wahrscheinlich ganz besonders bei Napoleon I. wirksam war, welcher seine Kriege bekanntlich zu seinem grössten Leidwesen immer nothgedrungen führen musste, weil er unglücklicher Weise so gar keinen Gerichtshof fand, vor dem er seine Sachen hätte anbringen können. Man mag nun den Krieg auf die eine oder die andere Art zu rechtfertigen suchen, mag dazu vielleicht auch die- Der Zweck heiligt die Mittel. 185 jenigen seiner günstigen Nachwirkungen, welche durch ihn eigent- lich gar nicht beabsichtigt wurden, herbeiziehen — immer läuft die Vertheidigung des allgemeinen und geregelten gegenseitigen Tödtens, worin der Krieg besteht, auf den Satz hinaus: dass der Zweck die Mittel heiligt. ' Durch den Krieg sind wir aber auch schon zu einem anderen Gebot gekommen, welches heisst: du sollst nicht stehlen. Im Ganzen kommt Stehlen im Grossen zu guten Zwecken wenig in Betracht, höchstens bei Diplomaten, welche bisweilen zum Nutzen ihrer Sache Documente aus fremden Mappen oder Archiven ver- schwinden lassen. Es gilt vielmehr in Hinsicht auf dieses Gebot von den Mächtigen dasselbe, was der Kapuziner von den Soldaten sagt: Ja, das befolgt ihr nach dem Wort; denn ihr tragt Alles offen fort. Es handelt sich dabei nämlich meistens um's Rauben, welches wir aber billig hier auch mit abhandeln können. Auch diess geschieht immer um des edelsten Zweckes willen. Da man im Kriege auch Spione braucht, welche lügen können müssen, und man auch auf alle Weise suchen muss, Leute zum Ueberlaufen zu bewegen (abspenstig machen), so ist eigentlich jede Kriegsprocla- mation, selbst des gottesfürchtigsten Regenten, so viel wie eine Er- klärung, dass von nun an eine Zeit lang sämmtliche Gebote suspen- dirt seien. Das Lügen ist an und für sich nichts Unmoralisches; das Kind, indem es zum ersten Male die Entdeckung macht, dass es in seinem Belieben stehe, auch etwas Anderes zu sagen als das Wirkliche, sieht diess als etwas ganz Natürliches an, um sich aus Verlegenheiten zu helfen, ja es verneint in diesem Sinne Unannehm- lichkeiten, welche Aeltern oder Geschwister betreffen, diesen gegen- über ganz naiv in tröstender Weise. Hier ist noch nichts von UnsittHchkeit, diese wird erst durch den Gebrauch daraus, den das Kind von dieser seiner Fähigkeit, Lügen zu sagen, macht. Und so kann die Lüge, wozu auch der Wortbruch gehört, aus einer sehr verschiedenen Gesinnung hervorgehen. Ich will Sie verschonen mit der Casuistik der Nothlüge, deren Zulässigkeit wohl Niemand schlechthin bestreiten wird, und dafür einen historischen Treubruch anführen. Die Convention von Tauroggen hat die Freiheitsbeweg- ung des Jahres 1813 eingeleitet; aber die That, welche York da- mit gethan hat, kann casuistisch in sehr verschiedenem Licht 186 Der Zweck heiligt die Mittel. erscheinen. Wer mit der strengen und unerbittlichen Moralregel herantritt, dass der Zweck die Mittel niemals heilige, der muss sie verwerfen, der muss aber auch, wenn er unverbrüchlich an seinen Grundsätzen hängen will, alle Consequenzen derselben perhorresciren, und die gesammten Freiheitskriege und ihre Errungenschaft, so wie unsern ganzen dermaligen Zustand als einen aus einer unmoralischen Handlung hervorgegangenen zurückweisen, für unberechtigt erklären; wer sich aber hiezu nicht verstehen kann, der muss auch die That, durch welche ein Militär dienstpflichtwidrig handelte und deren Ausnützung ein Wortbruch gegen Napoleon war, wegen des höhe- ren Zweckes der Vaterlandsrettung, wofür jetzt gerade die Zeit günstig schien, billigen, er muss den Satz darauf anwenden: der Zweck heiligt das Mittel. Tertium non datur. Alles Uebrige, wodurch man einerseits sowohl dem General York seine Ehre geben als auch seine eigene Moral salviren will, sind sophistische Ausflüchte. Sie gemahnen an eine Wendung, welche man heut zu Tage in Leit- artikeln von Journalen häufig trifft. »Wir sind weit entfernt, heisst es da wohl, dem Satze zu huldigen, dass der Zweck das Mittel heilige, aber — und nun kommt die Ausführung, dass es für den speciellen Fall, den der Schreiber vertritt, eine Ausnahme gebe. Solche Ausnahmen nimmt aber Jeder für gewisse Zwecke, für ge- wisse Lagen in Anspruch 3) und so steht die scheinbare Entrüstung gegen den Satz in Folge dieser laxen Ausnahmsmoral auf sehr schwachen Füssen. Gestehen wir es nur — wir erkennen den Satz: der Zweck heiligt das Mittel — welchem Beruf und welcher politischen Par- teistellung wir auch angehören mögen, alle thatsächlich an. Wenn diess das Zeichen eines Jesuiten ist, so sind wir allzumal Jesuiten. Indessen — obgleich das Alles nicht abzuleugnen ist, warum finden wir denn, dass Crispinus zum Mindesten ein wunderlicher Heiliger gewesen sei? und wenn jener Münchener Bursche Geld stahl, um dafür den durchziehenden Kriegern Cigarren zu kaufen, warum zollen wir dem Bezirksgericht, das ihn trotz seines schönen Zweckes verurtheilte, unseren vollkommenen Beifall? Es mag sein, dass die Grösse des Zweckes und des Verbre- chens nach dem bekannten Sprichworte von den kleinen und den grossen Dieben eine gewisse magische Wirkung auf uns ausübt. Jedenfalls aber muss mit derselben sich der Erfolg verbinden __ Der Zweck heiligt die Mittel. 187 wenn dieser fehlt, verurtheilen wir den Zweck mit sammt den Mitteln. 'Es ist für die erhabene Stellung, die sich der Mensch vindicirt, nicht schmeichelhaft, dass es so ist, und so lange die Menschen so bleiben, ist trotz aller politischen Weiterentwicklung in der Erkenntniss die Freiheit keinen Augenblick vor immer neuer Vergewaltigung sicher. So wahr diess auch ist, so muss man doch auch wieder zur Ehre des Menschengeschlechtes sagen, dass nicht solche egoistische und gemeine Erwägungen allein uns zu einer Ungleichheit in der Werthhaltung des fraglichen Satzes veranlassen. Wir finden näm- lich, dass, sobald die Gültigkeit des Satzes als einer allgemeinen Maxime proclamirt werden soll, uns ein gelindes Grausen an- kommt, und dieses moralische Gefühl lässt sich von keiner Dialectik wegdisputiren. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Bekanntschaft eines angenehmen Mannes gemacht, der mit Ihnen auch gleiche, etwa gelehrte, Interessen verfolgt. Sie hätten schon viel mit ihm verkehrt, und derselbe schlüge ihnen endlich vor, mit ihm, ich will nicht sagen ein Freundschaftsbündniss zu schliessen (denn dergleichen Empfindsamkeiten des 18. Jahrhunderts kommen jetzt nicht mehr vor) aber doch in ein intimeres Verhältniss zu treten. Dabei käme Ihnen nun in den Sinn, dass Jeder dem Anderen seine Lebensmaxime offenbaren solle. Wenn nun dieser Mann zu Ihnen sagen würde: Mein Grundsatz ist: der Zweck heiligt die Mittel, so würde Ihnen vor dem Mann grauen, und Sie würden denken: mit dem ist kein Bund zu flechten. Warum denken wir nun so? Sobald man sich darüber Rechenschaft gibt, so wird man in sich etwa den folgenden Gedankengang finden, der in unentwickelter Gestalt sich zunächst nur als dunkles, aber sicheres Gefühl dargestellt hatte. Wenn sich Jemand veranlasst fühlt, eine Regel als Lebensmaxime aufzustellen, so muss er, damit diess, so zu sagen, der Mühe werth sei, voraus- setzen, dass er oft in die Lage kommen werde, sie anzuwenden. In dem gewählten Beispiele wird er dadurch ausdrücken, dass er oft in der Lage sei, seine Mittel durch seine Zwecke heiligen lassen zu müssen. Nun sagt uns ein untrügliches Gefühl, dass bei einem Menschen, der immerfort nur Mittel anwendet, die an und für sich unheilig sind, es am Ende doch mit den wirklichen (nicht etwa bloss vorgeschützten) Zwecken selbst, also mit seiner moralischen Gesinnung übel bestellt. sein müsse. In den früher angeführten 188 Der Zweck heiligt die Mittel. Fällen', wobei sich zeigte, dass wir unserem Satz unwillkührlich huldigen, geben wir bereitwillig und ohne sonderliche Gewissens- rührung eine Indemnität für Vergangenes. Sobald aber Jemand von uns verlangen würde, dass wir ihm im Voraus für Handlungen, die er zukünftig in Befolgung desselben Satzes begehen werde (und die sich vielleicht sogar gegen uns richten können) Absolution ertheilen, also ihm das Recht dazu zusprechen sollen — »so wenden wir uns ab mit Grausen — mit dem kann ich nicht länger hausen.« Was folgt daraus? Dass wir den Satz: der Zweck heiligt das Mittel, zwar als eine in Regelform gebrachte Erfahrungstat- sache , aber nicht als eine Maxime anerkennen. Er drückt als erstere weiter nichts aus als die Gewohnheit der Menschen, in ge- wissen Fällen zu den gebrauchten Mitteln die Augen zuzudrücken, wenn sie mit den erreichten Zwecken zufrieden sind. Zu einer moralischen Lebensregel, einer Maxime erscheint er uns ungeeignet. Ein Grundsatz, so denken wir, kann schwerlich empfehlenswerth sein, welcher eine schon vorhandene Geneigtheit gern zu zweideuti- gen , jedenfalls immer erst zu heiligenden Mitteln zu greifen, noch befördert. Dazu kommt, dass ihm das wesentliche Prüfungsmittel jeder Maxime abgeht, nämlich die allgemeine Einführbarkeit; denn stünde es Jedermann frei, für seine Zwecke (sobald er sie nur für recht hält) beliebige Mittel zu wählen, also beliebige Handlungen zu verrichten — so würden wir alle mit einander in kürzester Frist sowohl mit dem moralischen als rechtlichen Gesetz in Conflict sein und eine allgemeine Verwirrung, eine Unmöglichkeit alles ge- sitteten Lebens, würde eintreten. Unsere Indemnitätserklärungen hinterher sind daher eben so viele uns von unserer Schwäche und Unvollkommenheit abgezwungene Ausnahmen von der Regel, Con- cessionen an die Gewalt oder Erklärungen, dass wir in fraglichem Falle die Sache eben auch nicht anders hätten machen können. So hat denn der Satz für uns eine schaukelnde, schillernde Stellung zwischen den Gebieten der Naturwissenschaften (wohin auch die empirische Psychologie gezählt werden kann) und der Ethik. Darin liegt es, dass er auf uns einen ähnlich widerwärtigen Eindruck macht, wie die Thiere, welche halb Land- halb Wasser- thiere sind, die Amphibien, die Schlangen und Kröten. Er ist ein Erfahrungssatz über die menschliche Natur; indem er sich aber Der Zweck heiligt die Mittel. 189 dabei das Wort heilig anmasst, schminkt er sich mit der Farbe der Jiithik und will für einen moralischen imponiren. Bei dieser trüben Vermischung zweier verschiedener Gebiete findet aber nichts Anderes statt, als dieselbe Confnsion und Verwechslung, welcher man in der neueren Zeit überhaupt vielfach begegnet. Da nämlich die Naturwissenschaften mehr und mehr zu einer dominirenden Geltung gelangt sind, so haben sich von ihnen Anschauungen und Begriffe auch auf andere Gebiete herüber verpflanzt, welchen sie bis- her fremd waren. Die Wörter organisch, Organismus und Organi- sation, Entwicklung, Gliederung, Blüthe, Gesundheit, gesunder Egoismus, Krebsschaden, Gebrechen und viele andere noch begegnen einem jetzt in Büchern und Zeitschriften auf jeder Seite. Ich bin weit entfernt, zu leugnen, dass dieses Verfahren für viele Verhält- nisse passend und der Sache ganz entsprechend und namentlich auf die Auffassung der Geschichte so wie auf die Staatswissenschaften von wohlthätigstem Einfluss gewesen ist. Allein die Sache hat auch ihre Schattenseiten. Der Anschein der Modernheit, welcher durch diese Wörter in den Styl kommt, hat dieselben den Schrift- stellern so sehr empfohlen, dass über ihrem häufigen Gebrauch zu- letzt ihr richtiger Gebrauch verlernt und sie auf Dinge angewendet wurden, auf welche sie nicht passen, so namentlich auch auf ethische Verhältnisse. Gestatten Sie mir, dass ich zur weiteren Exemplification dessen, was ich meine, eine der eben angeführten Redensarten, in welchen Begriffe von beiderlei Arten zusammengeschweisst sind, einer bei- läufigen Analyse unterwerfe. Es ist der Ausdruck: gesunder Egois- mus, welcher einem gegenwärtig überall, auf Wegen und auf Ste- gen, begegnet. Offenbar soll mit demselben gesagt werden, dass unter gewissen individuellen Umständen der Egoismus als etwas Plausibles und Empfehlenswerthes erscheine, und eine solche zu- lässige, ja lobens- und nachahmenswerthe Selbstsucht mit einem besonderen Eigenschaftswort versehen und von dem gemeinen, im tibeln Geruch stehenden Egoismus ausgezeichnet werden müsse. Vor Zeiten hätte man einen solchen einen rechtmässigen oder erlaubten genannt. Einen solchen gibt es; durch ihn suchen wir uns das was wir sind und haben, im Leben fest zu behaupten und ohne denselben wäre auch vielfach selbst das Durchführen des Guten im Leben nicht möglich. Aber dem Geschmacke des Zeit- 190 Der Zweck heiligt die Mittel. alters gefällt der Ausdruck: erlaubter Egoismus nicht, er hat für ihn etwas Zopfiges, das an alte Compendien oder auch an den Katechismus erinnert. Der Egoismus laudabilis muss jetzt ein ge- sunder sein. Was heisst denn das? Wir stossen hier auf einen sonderbaren Widerspruch. Eine Gesinnung, welche sonst für ver- werflich gilt, soll für gewisse Fälle gerechtfertigt werden. Nun sind wir Aerzte gewohnt, Entschuldigungs- und Milderungsgründe in der Krankheit zu sehen; wir kennen auch einen krankhaften Egoismus, der in psychischen Krankheiten sich ausbildet, aber auch in anderen Krankheiten nicht selten zum Kreuz der Familien wird. Wie wir nun bei Verbrechen, Vergehen wegen Krankheit Unzu- rechnungsfähigkeit im juristischen Sinne annehmen, so wird diess auch in moralischem Sinne der Fall sein, wir werden einen krank- haften Egoismus entschuldigen dürfen. Aber in unserem Falle wird das umgewendet; das, was hier entschuldigt, was Indemnität gibt, ist nicht die Krankheit, sondern die Gesundheit. Haltet's ihm zu gut, muss man nun sagen, er ist ja so gesund. Je gesunder ein Egoismus, desto vortrefflicher. Wenn hiemit nicht Unsinn gesagt werden will, so muss hiebei der Begriff Gesundheit in einem anderen Sinne genommen sein, als in dem der Krankheit entgegen- gesetzten. Ich kann mir nichts Anderes denken, als dass man darunter einen naturwüchsigen Egoismus versteht, der eben auch die Derbheit, Kraft und Unbefangenheit der Natur hat. Das Ur- bild eines derartigen Egoismus kann uns etwa ein vierschrötiger, rothbackiger Kerl von 6V2 Fuss gehen, welcher vor einem um- drängten Eisenbahnschalter mit Stossen sich bis zu der Kasse ficht. Gesund ist der Mann und egoistisch auch; wenn er aber Einen von Ihnen, der nach viertelstündigem Ringen bis dicht an den Schalter vorgedrungen ist, wieder 10 Schuh weit zurückschleudert, um sich vorzudrängen, so zweifle ich sehr, ob Sie sich bewundernd vor diesem gesunden Egoismus verneigen werden. Indessen Scherz bei Seite. Wir müssen auf die neuerdings So beliebte Fusion der Naturgesetze mit den moralischen noch etwas ernsthafter eingehen. Ich muss hiebei um Entschuldigung bitten, wenn ich über eine Frage, die in der Philosophie vielleicht schon hinreichend discutirt ist, nämlich den Unterschied des Natur- und Sittengesetzes, vor Ihnen einige Reflexionen anstelle. Aber man spürt von der Wirkung dieser Erörterungen auf die gegenwärtige Der Zweck heiligt die Mittel. 191 Generation im Ganzen nicht viel, und da dies muthmasslich davon herrührt, dass die Auseinandersetzungen mit den Naturwissenschaf- ten über diesen Punct immer nur von Philosophen ausgegangen sind, so kann es vielleicht nur willkommen sein, wenn eine hierauf ge- richtete Bemühung einmal auch von der anderen Seite ausgeht, zu- mal wenn sie unabhängig von jenen philosophischen Bestrebungen stattfindet. Die moralischen Gesetze, sagt man, sind den Naturgesetzen nicht entgegengesetzt, sondern fallen mit ihnen zusammen, gehen in ihnen auf. Fragt man näher, wie, so findet man verschiedene Vorstellungen. Einige meinen, es gebe überhaupt kein Sittengesetz; was wir dafür halten sei entweder Selbsttäuschung, oder Andere täuschen uns oder wir täuschen Andere damit geflissentlich, damit ein allge- meiner Betrug die Klügeren in Stand setze, sich von der Milch der frommen Denkart der Dümmeren zu nähren. Ohne besonderes Hirn- organ sei eine Function wie Pflichtgefühl, Gewissen oder Glauben nicht denkbar. Nun hat der Mensch vor gewissen Thieren (Orang, Chimpanse und Gorilla) kein besonderes Hirnorgan voraus, sondern t unterscheidet sich von ihnen durch die quantitative Entwicklung des Gehirnes überhaupt. Da aber den Thieren der Besitz eines Sittengesetzes oder des religiösen Glaubens nicht beigelegt werden kann, so können auch die Menschen dergleichen nicht haben, und was sie so nennen, sind nur künstliche, ihrer Eitelkeit schmeichelnde, Aufputzungen sonstiger auch dem Thiere zukommender Gefühle, der Furcht namentlich. Es würde mich viel zu weit führen, wenn ich mich hier in eine Kritik dieser Ansicht einlassen wollte; es ge- nüge zu sagen, dass sie eine sophistische Verflechtung einer richte gen Thatsache mit zwei unbegründeten Hypothesen ist, auf welche wir eine weitere Rücksicht nicht zu nehmen brauchen. Mehr Beachtung verdient eine andere Variation dieser An- sicht, diejenige nämlich, welche zwar zugibt, dass in uns etwas existirt, was man sittliches Gebot nennen kann, welche in demselben aber nur den Ausdruck des Naturgesetzes selbst sieht, das in ihm uns zum Bewusstsein komme und uns als eine den Willen be- stimmende Nothwendigkeit erscheine. Die Stimme der Natur sei das untrüglichste Gesetz, und ihr gemäss leben und die Naturgesetze befolgen, das sei die einzige Pflicht. Schlecht sei nur das Un- und 192 Der Zweck heiligt die Mittel. Widernatürliche, und Verbrechen sei es, der freien Entfaltung und Uebung der Naturgesetze hinderlich entgegen zu treten. Dieser Gedanke hat auf den ersten Anblick etwas Idyllisches, Beruhigendes, man glaubt, nun könne es gar keinen Zwiespalt mehr geben. Sehen wir uns aber die Sache etwas genauer an. Was ist ein Naturgesetz? Eine auf einen allgemeinen Aus- druck gebrachte Thatsacbe. Unter dem Gesetz stellen wir uns den wesentlichen Hergang der Dinge vor, und sind dadurch in den Stand gesetzt, sie zu unserem Besten zu benützen und uns ihnen gegenüber zweckmässig zu verhalten. In Hinsicht auf die leblose Natur sagt uns also die Anweisung, ihren Gesetzen zu folgen, nichts was wir nicht schon so wüssten und ohnehin thaten; und thun wir's nicht, so sind wir in erster Linie nicht Schufte, sondern Thoren. Wir haben durch Liebig die Wichtigkeit kennen gelernt, welche die Aschenbestandtheile der Pflanzen für deren Wachsthum haben, und dass, wenn dieselben dem Boden, auf welchem diese stehen, genommen werden, die Pflanzen nicht gedeihen können, dass die Aernten schlechter werden. Es ist hienach offenbar nicht natur- gemäss, wenn man dem Boden diese Stoffe fortwährend, ohne sie ihm wiederzugeben, entzieht, sei es durch Verkaufen der Aernte sammt dem Stroh in andere Länder, sei es durch Verschwenden der thierischen Excremente, indem man dieselben aus den Gossen in die Flüsse und von da ins Meer laufen- lässt. Das Naturgemässe ist natürlich, es nicht so zu machen, ist diess aber schon an und für sich etwas Moralisches? Am einfachsten würde die Forderung erfüllt durch völlige Rückkehr zum Naturzustand, wenn kein Ge- treide mehr ins Ausland geführt, sondern Alles in loco verzehrt würde, und wenn man keine Ställe und Abtritte mit abfliessender Jauche mehr hätte, sondern Mensch und Thier Felder und Wiesen durch unmittelbare Deposition düngten. Nun ißt freilich auch der grösstmögliche Gewinn ein natürlicher Wunsch, und wo einem ver- ständigen Menschen der Weg gewiesen wird, wie er die Naturgesetze zu seinem Vortheil anwenden und sich dabei ein Vermögen erwer- ben kann, wird er sie anwenden. Es wird aber keinem Menschen einfallen zu behaupten, dass wenn der Bauer Vernunft annimmt seinen Boden nach rationeller Methode düngt und seine Dung- flüssigkeiten nicht fortlaufen lässt, er damit einen sittlichen Act begeht. Derselbe kann, als geweckter Kopf, auch in diesem Der Zweck heiligt die Mittel. 193 Stücke klüger als seine Nachbarn, dabei aber doch ein Schuft erster Sorte sein. Moleschott hat jüngst in einem akademischen Vortrag (»Ursache und Wirkung der Lehre vom Leben.« Giessen 1867) gesagt, das Verständniss der treibenden Nothwendigkeit der That- sachen sei »eine der festesten Grundlagen der Zufriedenheit und des Glückes. Denn Niemand ist elender als wer sich vermessen hat gegen die Natur zu kämpfen, mit der thörichten Absicht sich jenem obersten Gesetz zu entwinden. Das sagt uns die Legende von Ahas- ver, dem ewigen Juden, der nicht sterben kann, das zeigt uns der arme Peter Schlemihl, der seinen Schatten verkaufte, und weil er sich damit den wohlthätigen Banden der Natur entzogen hat, von allem natürlichen Genüsse jämmerlich ausgeschlossen ist, und weil er sich nicht nur gegen die gute Sitte, sondern gegen das Natur- gesetz aufgelehnt hat, jedes neu aufkeimende Wohlwollen einbüsst, Freundschaft und Liebe in Hohn und Hass sich verwandeln sieht, sowie man den Mangel des Schattens bei ihm entdeckt.« Moleschott sagt hier zwar nicht selbst, dass Schlemihl mit dem Verkauf seines Schattens eine Sünde begangen hat, aber nach der Meinung seiner Gesinnungsgenossen zu schliessen, nach welchen die Tugend darin be- steht, den grossen ewigen Naturgesetzen zu folgen, ist es doch wohl so und zwar um so mehr, als er ja selbst den Peter Schlemihl mit dem Ahasver in eine Linie stellt. Nicht ein armer dummer Tropf, son- dern ein ganz perfider, niederträchtiger Kerl ist hienach dieser Peter Schlemihl, weil er gegen das ewige Naturgesetz rebellirt, dass jeder Mensch seinen Schatten haben muss. Armer Schlemihl! Man mag über die Abstammung der Menschen die eine oder die andere Ansicht haben, so viel ist jedenfalls sicher, dass die europäische Race in ihrer psychischen und physischen Organisation höher steht als die Negerrace. Folgt aus dieser Naturthatsache etwas Zwingendes für die Behandlung der Neger? An und für sich gar nicht. Man kann sagen, dass darin ein deutlicher Hinweis für die Bestimmung der Schwarzen zum Dienste der Weissen liege, welche jene mit demselben Rechte sich unterthänig zu machen be- fugt seien, mit welchem der Mensch die Thiere in seinen Dienst zwinge; man kann aber auch sagen, eben die Inferiorität lege der höheren Race die Pflicht auf, die Neger, da sie doch einmal Men- schen seien, durch Cultur und mittelst der Freiheit auf eine höhere Hagen, Studien. 13 194 Der Zweck heiligt die Mittel. Stufe heraufzuziehen. In den gegebenen Thatsachen liegt an und für sich gar nichts, was mit logischer Nothwendigkeit das Eine oder das Andere als das allein Naturgemässe erscheinen Hesse; das ent- scheidende Moment liegt erst in einem Dritten, in dem morali- schen Standpunct, den man in der Frage einnimmt oder einnehmen will. Weil diesen die eine Partei der anderen mit Vernunftgrün- den nicht beibringen konnte, entstand als ultima ratio ein drei- jähriger Bürgerkrieg, wodurch den Anderen zuletzt der Standpunct klar gemacht wurde. Man mag die Forderung, den Naturgesetzen zu folgen, auf ihren ethischen Werth ansehen, unter welcher Gestalt sie auch auf- trete, sie löst sich immer in ein Nichts auf. Das Sehen geschieht nach gewissen Gesetzen, und unter gewissen Bedingungen verdaut der Magen. Aber es ist offenbar lächerlich zu sagen: der Mensch hat die Pflicht, zu sehen, zu verdauen u. s. w. Also weiter hinauf! Auch die Verrichtungen des Vorstellens, des Denkens, Fühlens u. s. w. gehen nach Gesetzen vor sich. Die des Denkens lehrt die Logik; wenn wir uns ihrer bewusst werden, können wir unstreitig im Denken mehr leisten als ohne das; wem fällt es aber ein, oder wer vermag es auch nur, sie nicht zu gebrauchen ? Wir leben ja so schon unter ihrem Bann. Oder ist unlogisch Denken ein Verbrechen? Gesagt ist es wohl worden, die Dummheit sei eines. Nun zu den Handlungen. Auch bei ihnen können wir uns den Naturgesetzen, nach welchen sie erfolgen, nicht entziehen; wir müssen dabei wahrnehmen, Zwecke setzen, Mittel wählen, uns be- wegen. Das thun wir Alles ohnehin, und das braucht uns Niemand erst anzuweisen. Die Frage ist aber nicht die, sondern: was wir im einzelnen Falle thun, welchen Vorsatz wir fassen, welche Wahl wir treffen sollen. Die Ansicht, um welche es sich hier han- delt, muss erwidern: das Naturgemässe. Was ist aber diess? wie entscheide ich mich, wenn zwei Antriebe mit einander streiten? Andere werden wohl, wenn ich etwas gethan habe, es trefflich aus psychologischen Gesetzen zu erklären wissen; ich aber weiss, bevor ich es thue, nicht, welchem Trieb zu folgen das Natürlichste sein mag. Eben so wenig hilft es mir, wenn mir Jemand sagt, ich solle thun, was mit Nothwendigkeit aus der Lage folgt. Um dieses im Sinne der Naturgesetze zu wissen, müssten wir in jedem Falle alle Umstände, Kräfte, Gesetze kennen, die in dem betreffenden Der Zweck heiligt die Mittel. 195 Augenblicke zusammenwirken; und es hiesse das uns, die wir alle Augenblicke in der Lage sind, gestehen zu müssen, dass die Dinge anders gekommen sind, als wir gedacht haben, zumuthen, immer so zu handeln, als ob wir die ewige Weltordnung selber wären, und ganz genau wüssten, welches Kettenglied derselben gerade an diese Stelle gehört. Um dieser Anforderung nur halbwegs zu ge- ntigen, müssten wir von der Verwicklung des einzelnen Falles ab- strahiren und nach allgemeinen Erfahrungen fragen, in welchen das Gesetz unverhüllter heraustritt. Diess geschieht in der Statistik, welche durch die numerische Methode die Zufälligkeiten abstreift. Auch die ethischen Handlungen wurden bereits dieser Methode unterworfen; die Diebstähle, die Morde, die Selbstmorde haben ihre Statistik, welche nachweist, dass mit erstaunenswerther Regelmässig- keit auf eine gewisse Seelenzahl und gewisse Zeit eine gewisse An- zahl Verbrechen kommt. Dahinter steckt sicher irgend ein Gesetz. Was folgt daraus? Sollen wir uns bestreben, dieses Resultat zu machen und zu fördern, oder es zu verhindern? In dem Gesetz selber liegt weder die Aufforderung zu dem Einen noch zu dem Anderen. Gesetzt, für eine städtische Bevölkerung hat sich heraus- gestellt, dass auf 10 Jahre regelmässig 100 Selbstmorde kommen. Nun geht einmal ein Decennium zu Ende, und die Bevölkerung be- merkt, dass der Selbstmorde erst 90 sind. Muss sie darüber er- schrecken, weil sie ein Naturgesetz verletzt hat, und müssen sich, um den Etat voll zu machen, noch 10 erhängen? Man kann sagen, das folge ja nicht daraus, sondern vielmehr die Aufforderung, die Ursachen zu erforschen, durch welche diese Minderung erfolgt ist und dann vielleicht dahin wirken zu können, dass der Selbstmorde immer weniger werden. Ganz recht, nur muss der, welcher diesen Schluss aus dem Gesetz zieht, vorher schon mit sich darüber im Reinen sein, dass es seine Menschenpflicht ist, Elend und Sünde vermindern zu helfen. Wo diess nicht der Fall ist, führt das Natur- gesetz allein in keiner Weise zur helfenden That, sondern entweder zum Fatalismus und Quietismus oder zu noch etwas viel Schlimme- rem. Waren denn, kann jener fragen, die Bedingungen, unter wel- chen früher die grössere Anzahl von Selbstmorden erfolgt war, nicht ihrerseits auch wieder in Naturgesetzen begründet, denen wir ja folgen sollen ? Warum sollen wir ihnen denn nicht den Lauf lassen ? Der Kampf ums Dasein ist bekanntlich diejenige Thätigkeit, mit welcher 13* 196 Der Zweck heiligt die Mittel. eigentlich alle Geschöpfe von Anfang der Welt an ihre Existenz hinbringen; dass ein Theil davon darüber zu Grunde geht, ist noth- wendig; warum sollen wir es hindern und unsere Kraft nicht lieber darauf verwenden, unsere eigene Existenz zu festigen und zu ge- messen? Ein Krämer kann es für einen sehr natürlichen Wunsch halten, dass sich im Laufe des Jahres einige seiner Concurrenten in's Wasser stürzen möchten. Ein grosser Dichter hat gesagt: »der Handelnde ist immer gewissenlos« und ein grosser Philosoph: »Es ist die Ehre grosser Charaktere, schuldig zu sein.« Beide Aussprüche sind tiefe Wahr- heiten und beruhen auf einer feinen Beobachtung. Da wir niemals aUe jene äusseren Umstände, welche oft schon zu den unmittelbar- sten Folgen unserer Handlungen hinzutreten, voraussehen können, nicht mehr Herr über die abgeschossene Kugel sind, so würden wir, wenn wir uns durch die Erwägung aller dieser Möglichkeiten, unter welchen grosse Uebel sein können, vom Handeln abhalten Hessen, niemals zu diesen und daher auch niemals zur Vollführung grosser Thaten gelangen; und zuweilen ist die Ausübung einer grossen in ihren Folgen überwiegend wohlthätigen Handlung nur möglich, wenn dabei nach irgend einer Seite hin ein Recht verletzt wird. Diess sind Thatsachen, welche die Psychologie und die Ge- schichte lehrt. Kann man dieselben aber in eine Vorschrift für das moralische Verhalten umsetzen? Nein. Denn man musste dieselbe so formuliren: Tugend zeigt sich nur im Handeln, wir üben sie um so mehr, je mehr und öfter wir handeln; da nun aber Gewissen- haftigkeit dem Handeln hinderlich ist, so bestrebe dich, möglichst gewissenlos zu sein; wenn du aber gar ein grosser Mann sein willst, so musst du ein Verbrechen begehen. Doch genug hiemit. Ich glaube, es ist hinreichend erwiesen, dass wir, wenn wir die Naturgesetze auf das Gebiet der Ethik übertragen wollen, nicht weiter kommen. Wir drehen uns mit ihnen immer im Cirkel herum. Wir sehen, was gemeine Thatsache ist, und sollen nun diese Thatsachen selbst wieder vermehren helfen. Freilich: gewissen Standpuncten erscheint gerade diess als der Weis- heit höchster Schluss. Schlauen Menschenkennern oder die sich da- für halten, erscheint Jeder, der von den Menschen etwas Anderes hofft und verlangt, als was nach der gewöhnlichen Sinnesweise der- selben zu erwarten steht, als naiv. Und was in der Welt so und * Der Zweck heiligt die Mittel. 197 so oft unter ähnlichen Umständen geschehen ist, soll den untrüg- lichen Maassstab abgeben für das, was auch künftig geschehen soll; wer anders meint, lebt in kindlichen Illusionen. Indessen kann man Welt und Menschen kennen, ohne desshalb an seinen Forder- ungen an sie etwas nachzulassen, und ohne es gerade eben so zu machen wie sie; man kann diese Kenntniss recht wohl benützen, ohne desshalb auf sie seine Gesinnung zu stützen. Dagegen kann man der gegentheiligen Ansicht vorwerfen, dass sie den Menschen von Stufe zu Stufe immer tiefer herabziehe, ihn lehre, die Dinge nach gemeinem Maass zu messen und überall die Elle der trivial- sten Lebenserfahrung anzulegen. Wir gelangen so zur Sprichwörter- weisheit eines Fallstaff und Sancho Pansa; jeder Strolch beruft sich, um seinen Thaten einen Schein der Nothwendigkeit zu verleihen, auf ein Sprichwort, das eine gemeine Erfahrung ausdrückt, d. h. ein unter gewissen Umständen zu Tage tretendes Naturgesetz. Wer den Papst zum Vetter hat, wird bald Cardinal — das ist einmal so — wenn Jemand Minister geworden ist, so halten es seine Ver- wandten für ganz selbstverständlich, dass er nun etwas für ihre Söhne thut und vor Allen sie anstellt, und es gibt Manchen, der im Stillen denkt: wenn ich Minister war', ich macht' es auch so. Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Damit sind wir wieder an unseren Ausgangspunct zurückge- kommen. Ein solches Sprichwort oder genau von dem Werthe eines solchen ist auch der Satz: Der Zweck heiligt die Mittel. Er ist unbedingt giltig im Reiche der Medicin und der praktischen Anwendung der Naturwissenschaften, weil es sich hier bei der Wahl der passendsten Mittel eben nur um die Erreichung eines nützlichen Zweckes unter möglichst geringen Nachtheilen für das Object han- delt und dio Sittlichkeit oder UnsittHchkeit der Mittel gar nicht in Betracht gezogen wird. Er ist ferner auf dem Gebiete des Rechts und der Sittlichkeit der Ausdruck einer sich täglich wiederholenden Erfahrung über die Art, wie wir uns mit der moralischen Beur- teilung von gewissen' Handlungen, die wir an sich missbilligen müssen, zurechtsetzen. Wir halten dabei eine innerliche Jury ab, die nicht nach dem strengen Gesetz, sondern nach dem Gefühl und der Opportunität urtheilt. Dabei kommt es vor Allem darauf an, ob wir die fraglichen Zwecke für löblich und recht halten müssen und ob es sich herausstellt, dass ihre Erreichung unbedingt, und 198 Der Zweck heiligt die Mittel. zwar gerade jetzt, nothwendig war, sei es für das Allgemeine, sei es für das Individuum. Unter Umständen stellen wir den Kreis der Freisprechung noch weiter und sind auch schon befriedigt, wenn die erzielten Wirkungen auch nur von überwiegend wohlthä- tigen Folgen waren und so ziemlich die allgemeine Zufriedenheit erlangt haben. Um mit diesem Thatsächlichen, das wir doch alle Tage gemessen, nicht ewig in Widerspruch zu bleiben, geben wir von unserem moralischen Richterstuhl aus Absolution und leben dann ruhig weiter. So viel vom Standpunct der Medicin und Psychologie zu die- sem Satze. Ihn vom ethischen aus als Maxime des Handelns end- gültig zu würdigen, will ich anderen Facultäten überlassen. Vielleicht finden aber diese in dem Mitgetheilten einiges schätzbare Material, welches sie als Vorstudien für die Lösung der Aufgabe verwerthen mögen. Anmerkungen und Zusätze. 1) Es ist mir nicht unbekannt geblieben, dass diese Berechtigung bestritten worden ist. Unter den vielen wunderlichen Blasen, welche moderner Doctrinarismus in die Höhe getrieben hat, befindet sich auch eine, welche vor einiger Zeit ein (nichtdeutscher) Irrenarzt steigen Hess, nämlich die: dass die Correspondenzen der Kranken in den Irrenanstal- ten vollständig frei zu geben seien, woran sich in nicht mehr unge- wöhnlicher Weise die Ansicht schloss, jeder Arzt, der Briefe an die Kranken oder von denselben zurückhalte oder öffne, sei zu denunziren und gerichtlich zu verfolgen. Wie sich damit die Zurückhaltung der Kranken selbst in der Anstalt vertrüge, blieb dabei freilich eine noch zu lösende Frage. Auch muss man einerseits sehr wenig Werth auf seine psychische Behandlung der Kranken legen, wenn man die- selbe immerfort durch den Verkehr dieser mit der Aussenwelt durch- kreuzen lassen kann, oder andererseits sich eine erstaunliche Fähigkeit zutrauen; denn wenn daraus nicht der grösste Nachtheil für die Patien- ten erwachsen soll, so muss der Arzt gleichzeitig mit der Behandlung dieser auch ihre Angehörigen in die Schule nehmen und sie in kürze- ster Frist (nach Art der Sprachbriefe) so weit bringen, dass sie sowohl die brieflichen Aeusserungen der Kranken immer vollkommen richtig beurtheilen als auch ihre eigenen Briefe dem jeweiligen Zustand der- selben ganz entsprechend abfassen. Aber nicht allein auf die Familie des Kranken hätte sich diese Sorgfalt zu erstrecken, sondern, da die Correspondenz desselben eine unbeschränkt freie sein soll, auch auf alle möglichen Bekannten und Freunde, von den Behörden noch ganz zu schweigen. Man weiss nur, wie gesagt, nicht, was dann der Kranke noch in der Anstalt soll, da consequent (und auch diess wurde behaup- tet) Besuche jederzeit unbedingt zuzulassen sein sollen, und warum der Arzt sich nicht aufs Receptschreiben im Hause des Kranken beschrän- ken soll. Freilich geschieht es wohl auch noch, dass von ähnlichem Stand- punct aus die Anstalten überhaupt oder wenigstens deren Benützung Anfechtung erfahren. Es gibt Leute, welche, fast ohne alle Kenntniss von den psychischen Krankheiten und der auch bei ihnen durch die 200 Der Zweck heiligt die Mittel. Naturmacht bedingten Notwendigkeiten, in diesen Dingen keinen anderen Massstab und Begriff anzuwenden im Stande sind als den rechtlichen, und daher in der Aufnahme eines Menschen in eine Irren- anstalt in erster Linie immer nur die Freiheitsberaubung und Einsperr- ung sehen; sie können es nicht vertragen, dass dergleichen ohne Richter- spruch soll geschehen können, und die Irrenanstalten haben nach ihrer Meinung eine privilegirte Ausnahmsstellung, welche im Rechtsstaate nicht geduldet werden könne. Ginge es nach diesen, so müssten die Aufnahmen in diese Institute, deren man in allen Ländern in rühm- lichem Wetteifer mit grossen Kosten immer mehrere errichtet, noch mehr erschwert werden, als sie es leider schon sind. Zur Beruhigung ängstlicher Seelen, deren Phantasie durch allerlei Roman- und Schau- spiel - Unthaten aufgeregt ist, von welchen freilich in der Wirklichkeit nichts vorkommt, sind ohnediess diese Aufnahmen leider schon zur grossen Belästigung der Familien an eine Anzahl von Bedingungen ge- bunden, welche an sich ganz überflüssig wären, aber lediglich um der Beschwichtigung jener eingebildeten Besorgnisse willen gegeben sind. Diess trägt nicht zum Wenigsten dazu bei, dass dem Volke die Irren- anstalten noch immer viel zu wenig als das erscheinen, was sie sind, als Krankenhäuser. Würde die oben gerügte Anschauung durchdringen, so würden dieselben vollends wieder als Orte angesehen werden, an deren Benützung alle Welt möglichst gehindert werden und welche man mit möglichst viel Fussangeln und spanischen Reitern umgeben müsse. Dann war' es aber besser, wenn man gar keine baute. Denjenigen, welchen sie als Monstrum im Rechtsstaat erscheinen, möchte ich nur zu bedenken geben, dass in der republikanischen Schweiz, wo man doch gewiss auf die Wahrung der persönlichen Freiheit etwas hält, jene ängstlichen Aufnahms-Cautelen gar nicht existiren, sondern den An- staltsvorständen in der Befugniss Kranke aufzunehmen viel grösserer Spielraum gegeben ist als bei uns. Den Gipfel des Unsinns erreichen derartige Aufstellungen dann, wenn sie sogar verlangen, dass kein Kranker in eine Anstalt ohne seine Einwilligung gebracht werden sollte. Einen Typhuskranken schafft man in's Spital, mitten im Delirium ohne ihn zu fragen; fällt ein Dachdecker auf's Pflaster und liegt mit er- schüttertem Hirn bewusstlos da, oder findet man auf der Strasse einen unbekannten Menschen, der von Blutverlust ohnmächtig niedergesunken ist, so bringt man ihn, ohne ihn zu fragen, in's nächste Krankenhaus. Nur mit Geisteskranken, so sehr auch ihr Bewusstsein gestört sein mag, soll man es nicht so machen dürfen. Aber der Geist der Zeit ist mächtiger als abstracte Doctrinen, und auch die Schauspiel- und Romandichter werden es hoffentlich nachgerade satt werden, die nöthige Sensation mittelst Schauergeschichten von willkührlichen Einsperrungen Der Zweck heiligt die Mittel. 201 Gesunder in Irrenanstalten zu erreichen und dadurch unter dem Pub- licum die möglichst verkehrtesten Anschauungen zu verbreiten. 2) Lecky, Geschichte des Ursprungs und Einflusses der Auf- klärung (Rationalism) in Europa, Leipzig und Heidelberg 1868, sagt I. Bd. S. 258: »Die Bewegung, welche die Tortur zerstörte, war viel weniger eine intellectuelle als eine gemüthliche. Sie repräsentirte viel weniger eine Entdeckung des Verstandes, als eine gesteigerte Kraft des Mitgefühls. Fragt man, welche bestimmte Beweise für die Sache beigebracht werden können, so würde es schwer sein, welche anzuführen, die nicht allen Klassen in jeder Periode des Mittelalters vollkommen geläufig waren. Dass kühne Verbrecher zuweilen entweichen und dass furchtsame Personen sich manchmal fälschlich für schuldig erklärten; dass die Unschuldigen häufig einer schrecklichen Strafe unterlagen und dass der sittliche Eindruck der gesetzlichen Urtheile sich abgeschwächt hatte — diese und andere Argumente waren im eilften und zwölften Jahrhundert eben so sehr ausgemachte Wahrheiten wie sie es heute sind. Der Umschlag wurde auch nicht hiedurch bewirkt. Die Tortur wurde abgeschafft, weil bei dem Fortschritt der Civilisation die Sym- pathien der Menschen grösser, ihre Empfindungen für die Leiden Anderer schärfer, ihr Urtheil nachsichtiger, ihre Handlungen milder wurden. Selbst einen Schuldigen den Schrecken der Folter zu unterwerfen, schien grausam und barbarisch, und darum wurde die Folter zerstört. Die Abschaffung war ein Theil der grossen Bewegung, welche die barbari- schen Vergnügungen beseitigte, die Rohheiten milderte und die Sitten aller Klassen verfeinerte. Nun 'ist es ganz sicher, dass die, welche das ewige Leiden als die gerechte Strafe eines mürrischen Kindes ernst- lich ansahen, die Tortur unmöglich mit demselben Grad und derselben Art von Widerwillen, wie ihre weniger orthodoxen Mitmenschen be- trachten konnten. Es steht auch fest, dass eine Zeit, wo die Religion durch den ununterbrochenen Verkehr mit den Märtyrerlegenden und den Qualen der Verdammten die Einbildung mit der Combination von neuen und schrecklichen Leidensformen fortwährend beschäftigte, vor allen andern dazu angethan war, das System der Tortur höchst grausam zu gestalten. Dieselbe Geistesverstockung nun, welche die Menschen die Praxis der Tortur angreifen Hess, Hess sie zugleich die mittelalter- liche Lehre von der zukünftigen Strafe angreifen. Beide erwuchsen aus demselben Zustand der Gesellschaft, sie blühten zusammen und verfielen zusammen.« 3) Selbst die Kirche that diess in den Zeiten ihrer Verderbniss, wie diess aus den durch das eben stattfindende Concil hervorgerufenen Schriften sattsam zu ersehen ist. Lecky sagt darüber unter Anderen (a. a. 0. S. 307): die Kirchenväter stellten es als einen entschiedenen Lehrsatz hin, dass frommer Betrug zu rechtfertigen und sogar lobens- * 202 Der Zweck heiligt die Mittel. werth wäre, und wenn sie diesen Grundsatz auch nicht aufgestellt hätten, würden sie ihn nichts desto weniger als eine nothwendige Folge ihrer Lehre von der ausschliesslichen Seligkeit ausgeübt haben. Un- mittelbar darauf färbte sich die ganze kirchliche Literatur mit einem Geiste der schamlosesten Lügenhaftigkeit. Das Heidenthum sollte be- kämpft werden, darum wurden Weissagungen über Christus von Orpheus und den Sybillen geschmiedet, lügenhafte Wunder vervielfältigt und unaufhörliche Verleumdungen auf die ausgeschüttet, die sich, wie Julian, dem Glauben widersetzten, die Ketzer sollten überzeugt werden, daher wurden Einschaltungen in alte Schriften oder vollständig falsche Schrif- ten den erdichteten Evangelien entgegengestellt. Die Reliquienverehr- ung und das Mönchsystem sollten eingeführt werden, daher wurden den Gebeinen der Heiligen oder den Gebeten der Einsiedler unzählige Wunder beigemessen und von den bedeutendsten Kirchenvätern be- stätigt. Die Richtung beschränkte sich nicht auf jene morgenländischen Völker, die immer des Walirheitsgefühls fast beraubt waren; sie triumphirte überall, wo man die überlegene Wichtigkeit des Dogma's festhielt. Von Geschlecht zu Geschlecht wurde sie allgemeiner, sie dauerte an, bis der eigentliche Sinn für die Wahrheit und die eigent- liche Liebe für die Wahrheit aus den Gemüthern der Menschen aus- gelöscht schienen.« In Hinsicht auf Politik hat den dermaligen Stand der Dinge in dieser Beziehung gut zusammengefasst Twesten (Machiavelli. Ein Vortrag im Berliner Handwerker - Verein gehalten. In Virchow und Holtzendorff's Sammlung gemeinnütziger populärer Vorträge, III. Serie 16. Heft. S. 11). »Im klassischen Alterthum war allgemein die Moral der Politik untergeordnet. Dieser Anschauung folgte jene grosse Zeit, welche sich an dem Vorbilde des Alterthums in raschem Aufschwung zu einer neuen Stufe der Cultur emporarbeitete. Die politische Tugend stand ausser- halb der menschlichen, der Staat über den Geboten der gewöhnlichen Sittlichkeit. Das Christenthum des Mittelalters hatte durch seine Autorität die Privatmoral in hohem Grade gefördert, aber auf das Staatsleben nur mittelbar durch Hebung der gesellschaftlichen Zustände eingewirkt. Erst die neuere Zeit hat auch in der Politik und den Feinden des Staates gegenüber allgemeine Regeln des Rechts, der Ehre und der Menschlichkeit zur unverbrüchlichen Richtschnur gemacht. Aber die Grundsätze, welche in den Ausdrücken Machiavellismus oder Jesuitismus zusammengefasst zu werden pflegen, sind nur sehr langsam aus der Praxis gewichen, und keineswegs vollständig. Für ihre Partei ihre Kirche, ihren Staat halten noch die Meisten Dinge für erlaubt durch die man sich im Privatleben entehren würde. Die Vorstellung, dass der Zweck die Mittel heilige, erhielt sich trotz aller Abiäug- Der Zweck heiligt die Mittel. 203 nung sehr zähe. Nicht bloss wo es sich um hohe Ziele in der Politik, um grosse Fragen des Ehrgeizes und der Herrschaft, oder um den Fanatismus einer Idee handelte, sondern wo überhaupt nur allgemeine Zwecke in Betracht kamen, galten List und Gewalt als rechtmässige Mittel. Noch in unserem Jahrhundert suchte der Inquirent den Ange- schuldigten durch List, falsche Versprechungen, Drohungen oder zuge- fügte Uebel zum Geständniss zu bringen, ohne dass ihn ein Tadel dess- halb traf. Mit einer Art Kriegszustand zwischen der öffentlichen Gewalt und dem Volke rechtfertigte man die Anwendung gehässiger und nieder- trächtiger Polizeikünste von der einen, das politische Verbrechen von der anderen Seite. Das Vernünftige und Heilsame vollzieht sich in der Geschichte nicht auf den Wegen der Vernunft. Das unbewehrte Recht kann es nicht mit der bewaffneten Gewalt aufnehmen. Wo nicht Ueber- zeugungen zu gewinnen, sondern mächtige Interessen zu überwinden sind, wo Gewalt der Gewalt begegnen muss, da werden auch die Mittel der Gewalt ihre Stelle behaupten. Der Unterschied lässt sich nicht abstract feststellen; es handelt sich um ein Mehr oder Minder. Aber die Fortschritte der Humanität, des Rechts und der Sitte ziehen die Schranken des Zulässigen und Anständigen allmälig enger, und der öffentliche Geist der Nationen lässt sich nicht ungestraft überspringen.« In meinem Verlage erscheint: Quain's Lehrbuch der Anatomie. Deutsche Original-Ausgabe. Nach der siebenten, von DD. William Sharpey, Allen Thomson und John Cleland besorgten Auflage des englischen Originals bearbeitet von Dr. Carl Ernst Emil Hoffmann, Professor an der Universität Basel. In zwei Bänden. I. Band. Knochen-, Bänder-, Muskel- und. Ein- geweidelehre. Mit 408 Holzschnitten. Preis 5 Thlr. oder 8 fl. 45 kr. rhein. Die deutsche Bearbeitung der siebenten Auflage von Quain's Lehrbuch der Anatomie, von welcher der erste Band vorliegt, wird durch zahlreiche, meist dem englischen Originale entnommene, Holzschnitte auf das Sorgfältigste aus- gestattet sein. Der zweite Band, die Lehre von den Gefässen, dem Nerven- system und den Sinnesorganen enthaltend, wird spätestens im Herbste dieses Jahres vollendet sein. Erlangen, Juni 1870. Eduard Besold. Druck von K. Th. Jacob in Uriangeu. IW 31 1960 NLM052264943