UEBER N EURASTHENIE VON O. EFFSRTZ Dr. Med. NEW YORK 1894 Ueber Neurasthenia Sexualis PHYSIOLOGIE DER SEXUELLEN GEMEINGEFÜHLE EIN BUCH FÜR HAUSÄRZTE von O. EFFEETZ '"'Dr. Med. Uns bleibt ein Erdenrest Zu tragen peinlich. —FAUST. NEW YORK 1894 COPYRIGHTED BY O. EFFERTZ, 1894. Vorwort. Tch muss .dem Leser zunächst auseinandersetzen, wesslialb der äussere Umschlag anders lautet wie der innere Titel. Ich wollte kein Buch in den Handel bringen, welches auf dem Umschläge, den das grosse Publikum sieht, das Wort „Sexuell“ enthält. Dergleichen Bücher gerathen meistens in Unrechte Hände, wie in die von Back- fischen und Primanern wie z. B. Mantegazza’s Werke in solche Hände gerathen sind. Ich möchte aus guten Gründen nur von Aerzten gelesen werden. Die hier behandelten Materien sind noch lange nicht spruchreif. >Ich gebe meine Ansichten wieder, ohne behaupten zu wollen, dass sie endgültig wahr sind. Laien sollen aber keine unfertigen verwirrenden Theorien hören. Was der Laie von diesen Dingen zu wissen nöthig hat, soll er von seinem Haus- arzt erfahren, nicht aber durch Privatstudium sich aneignen wollen. Unter Aerzten kann man sich auch über diese Dinge viel freier aussprechen. Mich dünkt, es ist ebenso verfehlt, Untersuchungen über die vita sexualis dem Laienpublikum nicht zu verbergen, wie es verfehlt ist, in Werken, die nur in Fachkreisen circuliren, aus Prüderie diese Dinge nicht besprechen zu wollen. Viele Aerzte stehen aber auf diesem naiv verfehlten Standpunkt. Wer solches behauptet, der hat wohl keine Vorstellung davon, wie viel Unheil ein Hausarzt bei Kennt- niss dieser Materien verhüten kann. Es ist sehr bedauerlich, dass die Aerzte nicht ein technisches Wort für den Begriff „Sexuell“ erfunden haben, um unter sich für Dritte unverständlich über diese Dinge sprechen zu können, wie sie ja für andere Begriffe ihren eigenen Jargon gebildet haben. Jeder Arzt weiss, was „Spitzencatarrh,“ „tebeceisch,“ „historisch,“ „ablation,“ „asta- tisch“ etc. bedeutet, während kein Laie diese Worte versteht. Warum wird nicht irgend ein für Laien unverständliches Symbol für den Begriff Sexuell gebildet, welches man auf den Titel setzen könnte, so dass der Fachmann es versteht, der Laie aber nicht? Es würde dann nach zwei Richtungen hin Schaden vermieden. Zunächst würde der Arzt vom Titel auf den Inhalt schliessen können und bei Laien würde eine Menge krankhafter Neugierde unterdrückt. Man würde dann auch sofort schon auf dem Titel sehen, welcher Autor wissenschaftliche Zwecke verfolgt und welcher auf die Neugierde der Laien speculirt. Ein angesehener Autor, der vor einigen Jahren ein epochemachendes Werk über sexuelle Dinge geschrieben hat, hätte es dann nicht erlebt, dass ein College ihn auf dem Katheter einen „gelehrten Schweinehund“ genannt. Ich möchte diese Sache hiermit angeregt haben. Das Wort könnte ja barbarisch sein. Minerva würde eine philologische Sünde mit Rücksicht auf den guten Zweck verzeihen. Ich habe lange ver- geblich darüber nachgedacht, ob sich nicht ein solches Wort bilden lasse. So blieb mir nichts übrig, wie Titel und Umschlag verschieden zu redigiren. New York, September 1894. EINLEITUNG. § 1. Zwei Theile der vita sexualis: Fortpflanzung und sexuelle Gememgefühle. Die vita sexualis der Menschen zerfällt zunächst in zwei Theile : die Fortpflanzung und die sexuellen Gemeingefühle. Beide sind offenbar verschieden. Zunächst giebt es Fort- pflanzung ohne Gemeingefühle und sodann giebt es sexuelle Gemeingefühle ohne Fortpflanzung. Dieses tritt besonders in pathologischen Fällen deutlich hervor. Die libidinösesten Frauen sind oft ganz unfruchtbar, während Frauen von staunenerregender Fruchtbarkeit oft des sexuellen Gemein- sinnes völlig ermangeln. Allerdings sind Fortpflanzung und sexuelle Gemein- gefühle häufig gleichzeitig vorhanden, und zwar häufiger, wie man nach der blossen Wahrscheinlichkeitsrechnung annehmen sollte, so dass man den blossen Zufall ausscliliessen und einen, hier nicht näher zu untersuchenden inneren Connex annehmen muss. Aber die Thatsache ihres gelegentlich isolirten Vorkommens zeigt uns, dass es sich hier um ver- schiedene Dinge handelt. Die Fortpflanzung ist etwas, was allen Organismen gemein- sam ist, Thieren und Pflanzen. Die sexuellen Gemeingefühle aber kommen in der Beihe der Organismen erst bei den Thieren vor. Die Physiologie der vita sexualis zerfällt also in zwei Theile, in die Physiologie der Fortpflanzung, und in die Physiologie der sexuellen Gemeingefühle. 2 Wir wollen hier die Physiologie der Fortpflanzung nicht weiter behandeln. Das ist schon genügend oft und gut ge- schehen. Anders steht es mit der Physiologie der sexuellen Gemeingefühle. Dieses Thema ist zwar auch schon unzäh- lige Male abgehandelt worden. Es giebt vielleicht kein Thema, welches so wie dieses ewig jung und ewig neu zu bleiben scheint. Aber diese Abhandlungen haben mich in keiner Weise befriedigt. Sie sind alle entweder zu cynisch oder zu moralisch, oder zu poetisch, d. i. zu wenig physiologisch. Es ist auffallend, dass sonst sachliche Physiologen hier so merkwürdig unsachlich werden. Das veranlasst mich die Analyse der sexuellen Gemeingefülile in Angriff zu nehmen und mich hierauf zu beschränken. § 2. Unser Problem Die Cardinalfrage, die wir liier untersuchen wollen, ist diese : Wie wirken die sexuellen Gemeingefühle zurück auf die Gesundheit und zwar auf das körperliche Befinden und auf die Intelligenz beim Manne und beim Weibe ? Wir alle wissen, dass solche Beziehungen bestehen. Ueber die Natur dieser Beziehungen sind aber die Ansichten verschieden. Die einen legen den Nachdruck nur auf die Frequenz. Viele glauben z. B. der Coitus iteratus sei schäd- lich, der moderatus dagegen nützlich. Andere legen den Nachdruck mehr auf die Qualität. Die Onanie, Paederastie etc. gelten als schädlich, der Coitus naturalis dagegen gilt als nützlich. Wieder andere glauben die Intensität des Beizes sei das Ausschlaggebende. Socrates hielt den reizvollen Coitus für nachtheilig, den reizlosen dagegen für gesund. Andere glau- ben die sexuellen Acte seien überhaupt nachtheilig, das Ideal sei die totale Abstinenz u. s. w. So sind die Ansichten ver- schieden. Hier wollen wir etwas Klarheit zu verbreiten suchen. Wir wollen also wissen, wie die Befriedigung der sexuellen Gemeingefühle im hygienischen Interesse der Gesund- heit der Individuen geschehen soll. Um naheliegenden und 3 öfters gemachten Missverständnissen vorzubeugen, mache ich hier besonders darauf aufmerksam, dass ich die Hygiene und Physiologie, nicht aber die Ethik der sexuellen Gemein- gefühle behandeln will. Ich frage also nicht, wie die Befriedi- gung dieser Gemeingefühle im Interesse der Ethik zu ge- schehen hat. Beide Fragen sind offenbar verschieden, wie ja überhaupt Ethik und Hygiene verschieden sind. Es ist vielleicht nicht unnütz die Beziehungen zwischen Ethik und Hygiene klar zu legen, da sowohl von Ethikern, wie von Hygienikern in dieser Frage Ansichten von bedauer- licher Confusion geäussert worden sind. Um den folgenden Ausführungen mehr Gewicht beizulegen, bemerke ich, dass sie eine populäre Interpretation derjenigen Ansichten sind, die Aristoteles über diese Materien geäussert hat. Die Ethik hat die Frage nach dem „G u t e n“ zu unter- suchen. Der Begriff des „Guten“ ist nun aber etwas sehr relatives. Es giebt ein individuell Gutes und ein social Gutes, ein Gutes für die Familie, für das Dorf, etc. Diese Arten des Guten sind keineswegs einander gleich. Ein Ding kann z. B. für ein bestimmtes Individuum gut und für die Gesellschaft schlecht sein, und umgekehrt kann es für die Gesellschaft gut und für das Individuum schlecht sein. Es giebt mit anderen Worten Antagonismen zwischen dem Guten für die Gesellschaft, für die Individuen und für die übrigen Subjecte, auf die man das Gute beziehen kann. Es giebt ferner ein allgemein Gutes und ein Gutes für specielle Zwecke. Es giebt ein Gutes im allgemeinen, und es gibt ein Gutes für die Gesundheit, für die Wirthschaft und für andere specielle Zwecke, wie Studium etc. Auch diese verschiedenen Arten des Guten können mit einander im Widerspruch stehen. Was gut für die Gesund- heit ist, kann schlecht für die Wirthschaft sein, was gut für die Wirthschaft ist, kann schlecht für die Gesundheit sein u. s. w. Was gut für Gesundheit oder Wirthschaft ist, kann im Ganzen schlecht sein. Es giebt also auch hier zahlreiche Antagonismen zwischen den verschiedenen Arten des Guten. 4 Es giebt also ein Gutes I. für die Gesellschaft im Allgemeinen ; 1) für ihre Gesundheit, 2) für ihre Wirthschaft, 3) für andere Zwecke. II. für das Individuum im Allgemeinen ; 1) für seine Gesundheit, 2) für seine Wirthschaft, 3) für andere Zwecke. III. für andere Subjecte. Die Ethik hat nun die Frage nach dem social und allge- mein Guten zu beantworten. Ethisch gut heisst nicht gut für die Gesundheit oder gut für die Wirthschaft oder gut für das Individuum, sondern es heisst allgemein gut für die Gesell- schaft. Wenn wir die Sociologie definiren als Lehre von dem ,,gesellschaftlich Guten,“ so sind Ethik und Sociologie iden- tisch. Die Fragen nach den übrigen Arten des Guten werden von besonderen Disciplinen beantwortet. Die Frage nach demGuten für das Individuum wird von der „Idiologie,“ die nach dem Guten für die Wirthschaft von der Oekonomik, die nach dem Guten für die Gesundheit von der Physiologie resp. Hygiene beantwortet. Es giebt ferner eine private und eine sociale Oekonomik und Hygiene. Alle diese Disciplinen können nun mit einander im Widerspruch stehen, insofern die verschiedenen Arten des Guten, die sie zu bestimmen haben, unter einander verschieden sind. Die höchste dieser Fragen ist nun die Frage nachdem all- gemein und social Guten. Diese Frage ist die höchste, weil ihre Beantwortung die Beantwortung aller anderen Fragen voraussetzt. Das allgemein und social Gute ist eine Function des individuell und des für die einzelnen Zwecke des Lebens Guten, also des wirthschaftlich, des hygienisch Guten u. s. w. Das ethische X ist eine Function des ökonomischen Y und des hygienischen Z und anderer Special-Unbekann- ten. Man kann die Frage nach dem social Guten nicht in Angriff nehmen, so lange man nicht die Frage nach dem indi- viduell Guten erledigt hat. Man kann die Frage nach dem allgemein Guten nicht bestimmen, bevor man nicht 5 die Frage nach dem speciell Guten für die Gesundheit, die Wirthschaft u. s. w. bestimmt hat. Ich könnte mich auch folgendermassen ausdrücken: das hygienisch Gute ist ein Näherungs werth des ethisch Guten, aber es ist nicht das ethisch Gute; ebenso wie das ökonomisch Gute nicht das ethisch Gute, aber ein Näherungswerth desselben ist. Die Hygiene ist also eine Hülfswissensehaft der Ethik, ebenso wie die Oekonomik und viele andere Disciplinen. Ein Ethiker wird ebenso schlecht fahren, wenn er eine dieser Disciplinen nicht beherrscht, wie wenn er von einer derselben beherrscht wird. Derjenige der garniclit weiss, was hygienisch oder ökonomisch gut ist, wird das ethisch Gute ebensowenig bestimmen können, wie derjenige, der behauptet, das ethisch Gute sei gleich dem hygienisch oder gleich dem ökonomisch Guten. Der Mensch soll nicht rein hygienisch oder rein ökonomisch, er soll ethisch handeln. Aber er kann dieses nur dann thun, wenn er vorher weiss, was hygienisch und was ökono- misch ist. Diese Beziehung zwischen Ethik einerseits, Hygiene und Oekonomik andererseits, wird sowohl von Ethikern, wie von Oekonomen und Physiologen oft genug aus dem Auge verloren. Es giebt Ethiker, die alle Errungenschaften der Oekonomik, der Hygiene und anderer ethischer Hülfs- disciplinen mit Geringschätzung ansehen. Sie glauben, das alles gehe sie nichts an. Das heisst so viel, wie den exacten Werth bestimmen, bevor man die Näherungswerthe bestimmt hat, was ein logischer Nonsens ist. Ich verlange vom Ethiker, dass er die physiologischen und ökonomischen Daten in seiner ethischen Formel verwrertlie. Der Physiologe und der Oekonomiker haben im ethischen Parlament Sitz und Stimme, man muss ihre Ansichten hören. Wo man sie gar nicht angehört hat, ist der Beschluss zu cassiren. Es giebt ferner arrogante Oekonomen und Physiologen, welche schlankwreg behaupten, ihre Disciplm stelle endgültige Normen auf für das Handeln der Menschen oder für die Ethik. In meinen früheren ökonomischen Schriften bin ich gegen diese Identificirung des ökonomisch und des ethisch Guten aufgetreten. So trete ich in meinen physiologischen Schriften 6 auch gegen die Identificirung von hygienisch und ethisch Gutem auf. Die Gesundheit ist ein Gut, aber nicht das ein- zige und nicht das höchste. Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Der Physiologe kann im ethischen Parlament ebenso- wohl überstimmt werden, wie der Oekonom. Das Handeln der Menschen muss oft ebenso anti-hygienisch sein, wie es gelegentlich anti-ökonomisch sein muss. Ich glaube, dass diese bornirte Arroganz der Special- gelehrten, der Oekonomen, der Physiologen u. s. w. damit zu- sammenhängt, dass diese Gelehrten immer nur eine Disciplin zu beherrschen pflegen. Wer sich durch mehrere Disciplinen durchgearbeitet hat, z. B. durch Oekonomik und Physiologie, kommt ganz von selbst zu der Ansicht, dass diese Disciplinen keine endgültigen Normen für das Handeln auf stellen können, da sie sich gegenseitig oft genug widersprechen. Ein Oekonom und ein Physiologe können in bornirten Streit gerathen; wer aber zugleich Oekonom und Physiologe ist, kann offenbar in solche bornirten Streitigkeiten nicht gerathen. Er lernt aber, dass es über diesen Specialdisciplinen eine höhere Wissen- schaft geben müsse, welche allein Normen für das Handeln aufstellen kann. Ich sagte oben, der Ethiker müsse das ökonomisch und hygienisch Gute in seiner Formel verwerthen. Wie diese Ver- wertliung zu geschehen hat, d. i. von welcher Structur die Gleichung zwischen dem ethischen X, dem ökonomischen Y und dem hygienischen Z ist, darüber ist viel Streit zwischen den Etliikern. In den verschiedenen Moralsystemen hat die Hygiene eine verschieden grosse Bolle gespielt. Dasselbe ist mit der Oekon'omik der Fall. Im Orient spielt wie mir scheint die Physiologie, im Occident die Oekonomik eine grössere Bolle. Die orientalischen Speise- und Wasch Vor- schriften, die Buhetage, die Fasten u. clgl., sind im wesent- lichen hygienische Vorschriften. Dasselbe ist mit der Polygamie der Fall. Der beinahe vollständige Mangel aller dieser Vorschriften im Occident, sowie die Monogamie haben im wesentlichen ein ökonomisches Fundament. Ja, selbst einige Speisevorschriften, z. B. das Fischessen des Freitags, haben einen ökonomischen Sinn. 7 Diese Fragen gehören aber nicht in das Gebiet der Specialwissenschaften. Die Oekonomie soll sich damit be- gnügen, zu untersuchen, was ökonomisch gut ist, die Physio- logie damit, was physiologisch gut ist. In welcher Beziehung dieses Specialgute aber zum ethisch Guten steht, darüber lasse man die Ethik debattiren. Zwischen Physiologie und Ethik bestehen also Antagonis- men. Diese Antagonismen sind nun nicht auf allen Gebieten gleich gross. In dem Gebiete der Ernährung z. B. sind sie ziemlich gering. Im allgemeinen unterwirft sich hier der Etliiker dem Arzt. Anders im Gebiete der vita sexualis. Hier sind die Antagonismen zwischen Hygiene und Ethik vielleicht am grössten. Die Polygamie z. B. ist wahrscheinlich ein hygienisches Postulat, weil die vita sexualis des Mannes viel länger ist, wie die des Weibes, und zudem die des Mannes un- unterbrochen, die des Weibes periodisch unterbrochen ist. Dagegen ist die Polygamie sicher absolut anti-ethiscli. In dem Gebiete der vita sexualis ist also vor der Identificirung von Hygiene und Ethik, wie sie von manchen Physiologen ge- lehrt wird, ganz besonders zu warnen. Ich hoffe, dass diese Auseinandersetzungen mich vor Miss- verständnissen bewahren werden. Ich will nun hier das hygienisch Gute in dem Gebiete der vita sexualis zu bestimmen suchen und zwar speciell das individuell-hygienisch Gute. Die sociale Hygiene wollen wir bei Seite lassen. Indem ich mög- lichst genau dieses Gute zu bestimmen suche, setze ich mich nicht in Widerspruch mit der Ethik, sondern suche der Ethik gerade das möglichst beste Material zu verschaffen. § 3. Zwei Arten von sexuellen Gemeingelulilen: Das venerische und das erotische Gemeingefiihl. Die sexuellen Gemeingefühle zerfallen in zwei durchaus verschiedene Kategorien: in die Libido und in die Eros. Wir erkennen den Unterschied sofort, wenn wir patholo- gische Fälle betrachten und mit einander vergleichen, z. B., wenn wir die Nymphomanie des Weibes und die Satyriasis des Mannes vergleichen mit der bei beiden Geschlechtern 8 yorkommenden Erotomanie. Beide Zustände bestehen in einer Anormalität der sexuellen Gemeingefühle. Diese Anormali- täten sind aber bei beiden Zuständen sehr verschieden. Die nymphomane Frau hat ein gesteigertes Bedürfniss nach Wollustbefriedigung, die erotomane Frau nach Liebe. Bei der erotomanen Frau ist das Bedürfniss nach Wollustbefrie- digung meistens garnicht gesteigert, in der Regel erheblich abgeschwächt und oft ganz vernichtet; bei der nymphomanen Frau ist das Bedürfniss nach Liebe nicht gesteigert, oft abge- schwächt, manchmal ganz abhanden gekommen. Was die nymphomane Frau will, ist gehäufte Wollustbefriedigung, gleichgültig welcher Art, Onanie, Coitus mit gleichgültig welchem Manne, wenn er nur geneigt ist, wollüstige Manipula- tionen mit ihr vorzunehmen, Tribadie, Sodomie, sexuelle „Massage“ und „Electrotlierapie“, Coitus faradicus etc. Ganz dasselbe ist beim satyriastischen Manne der Fall. Auch hier ist die Technik der Befriedigung Nebensache. Satyriastische Männer und nymphomane Frauen pflegen immer im höchsten Grade schamlos zu sein, wenn dieser moralische Ausdruck in der Pathologie gestattet ist, während die erotomanen Frauen und Männer meistens sehr schamhaft sind. Erotomanie geht oft in Paranoia religiosa über, in der die Eros sich statt auf ein irdisches, auf ein himmlisches Ob- ject erstreckt. Nymphomanie und Satyriasis machen diese Metamorphose nie durch. Der Unterschied in der Scham- haftigkeit tritt besonders deutlich bei Frauen hervor, da Män- ner von Natur eine geringer entwickelte Schamhaftigkeit be- sitzen. Die pathologische Nymphomanie ist mehr eine Krank- heit jüngerer, die pathologische Erotomanie älterer Frauen, jenseits des Klimakterium, wo die Libido aus natürlichen Gründen erloschen zu sein pflegt. Doch giebt es auch nympho- mane Greisinnen und erotomane junge Frauen. Natürlich kann Nymphomanie resp. Satyriasis und Erotomanie zugleich Vor- kommen, was allerdings selten ist, aber beinahe immer wird man dann finden, dass die Steigerung beider Gefühle eine ungleichmässige ist. Auch die Beobachtung der Onanie könnte uns hierüber aufklären. Die Onanie ist keineswegs als „Selbstliebe“ zu 9 definiren. Die Erotik kann bei der Onanie keine Bolle spielen. Hier haben wir es lediglich mit Libido ohne Eros zu tliun. Dasselbe ist bei der Sodomie der Fall. Ob es sich bei der Päderastie ebenfalls um Libido ohne Erotik handelt, lasse ich dahingestellt. Die Libido ist ein mehr somatisches, die Eros ein mehr psychisches Phänomen. Die Libido hat ihr Organ vor- nehmlich in der Haut, in den Schleimhäuten, die Liebe hat ihr Organ in der Binde, oder im Herzen, wie der Laie sagt. Wir müssen also einen Unterschied zwischen diesen beiden sexuellen Gemeingefühlen machen. Die Alten wussten dieses schon sehr gut; Yenus-Aphrodite und Eros-Amor waren verschiedene Götter. Allerdings sind beide Arten von Gemeingefühlen sehr oft mit einander vergesellschaftet, so oft, dass wir auch hier nach den Begeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung den blossen Zu- fall ausscliliessen müssen. Es müssen also innere Beziehungen zwischen beiden Gemeingefühlen bestehen, so dass wir aus ästhetischen Gründen der Poesie und der Salonsprache ge- statten dürfen von Liebe zu reden, wo Libido gemeint ist. Yenus und Amor waren ja auch mit einander verwandt und zwar, wenn mein mythologisches Gedächtniss correct ist, war Amor der Sohn der Yenus. Ob dieses Yerwandtscliaftsverhältniss psychologisch begründet ist, lasse ich dahingestellt. Wir wollen diese beiden Gemeingefühle im folgendem als das erotische und das venerische bezeichnen. Wir wollen von Erotik und Yenerie sprechen. (Die Worte „vene- risch“ und „Yenerie“ werden in dieser ganzen Arbeit niemals in dem Sinne von „syphilitisch“ gebraucht werden.) Die Physiologie des venerischen Gemeingefuhles, der Venerie, ist also etwas anderes, als die Physiologie des eroti- schen Gemeingefühls, der Erotik. Yon diesen beiden Gemeingefühlen ist die Liebe das höchst stehende, insofern es bei den Thieren abnimmt und bei niederen Thieren ganz verschwindet. Bei hermaphroditisch sich fortpflanzenden Thieren kann selbstverständlich von Eros überhaupt nicht mehr die Bede sein. Aber auch bei höheren Thieren, z. B. bei Fischen scheint sie nicht zu existiren. Oder 10 sollen wir uns vorstellen, dass der einsam laichende Mutter- fisch beim Eierlegen an den später kommenden Geliebten, der hier seinen Samen abladen wird, oder dass der männliche Fisch, der in Einsamkeit seinen Samen über zufällig gefun- dene Eier ausgiesst, hierbei an die ferne Geliebte denkt ? Die Liebe ist daher oft als speciell „menschlicher“ die Libido dagegen als speciell „thierischer“ Trieb bezeichnet worden. Ob indessen alle Tliiere Libido empfinden ist fraglich. Es ist wahrscheinlich dass die einsam Eier legenden und befruch- tenden und die hermaphroditiscli sich selbst befruchtenden Thiere bei Entleerung ihrer Samentaschen und Eierbehälter kein anderes Gefühl besitzen, wie etwa ein Mensch der seine gefüllte Harnblase oder sein gefülltes Bectum entleert. Wir beginnen mit der Physiologie der Venerie. A) — Physiologie des venerischen Gemeingefühles: Dreitheilung des venerischen Actes. § 4. Stoffverlust, Nervenerregung, Muskelarbeit. Der mit Befriedigung des venerischen Gemeingefühles verbundene Act, der „venerische Act“, besteht aus drei Theilen. 1) Er stellt zunächst einen Verlust an Stoff dar, insofern als mit diesen Acten ein Verlust durch Ejaculation eines Secretes verbunden ist. 2) Sodann besteht er aus einer specifischen, ,,venerischen“ Nervenerregung. 3) Er besteht zuletzt aus einer Muskelanstrengung. Die physiologischen Folgen der venerischen Acte bestehen aus der Summe der Folgen dieser drei discreten Theile. Die- selben müssen also zunächst einzeln studirt werden. Der Stoffverlust ist der grobmaterielle objective Theil dieses Actes, es ist derjenige, den jeder bei diesen Acten auch, bei Dritten sehen kann. Er ist das Ponderabile, während die beiden andern Imponderabilien sind. Auf diesen Stoffverlust legt der Laie den grössten Werth. Wir betrachten daher zunächst diesen Theil. 11 § 5. Verschiedenheit der ejaculirten Stoffe hei Mann und Weih. Dieser Stoffverlust muss an den ejaculirten Flüssigkeiten studirt werden. Diese Flüssigkeiten sind verschieden beim Manne und beim Weibe. Der Stoffverlust, den der Mann bei der Ejacu- lation erleidet, ist ein anderer, wie der, den die Frau erleidet. Wir müssen also diesen Tlieil des venerischen Actes für die beiden Geschlechter gesondert betrachten. a) Stoffverlust beim Mann. § 6. Bestandtheile des männlichen Sperma. Der vom Manne ejaculirte Stoff heisst „Sperma“. Das Sperma ist eine Flüssigkeit, welche soweit wir wissen, ans folgenden Theilen besteht: 1) Wasser, 2) Salze, 3) Schleim, 4) Eiweiss, 5) „Sperminen“ oder „Testinen“. Der Verlust von Sperma ist also gleich einem Verlust von Wasser, von Salzen, von Schleim, von Eiweiss und anderen noch wenig bekannten Körpern, die wir als „Spermine“ oder „Testine“ bezeichnen wollen. Der physiologische Werth des Verlustes von Sperma hängt also ab von dem physiologischen Werth des Verlustes dieser einzelnen Stoffe und ist deren Summe. Wir wollen diese Verluste einzeln betrachten. § 7. Wasser, Salze, Schleim. Der Verlust von Wasser ist zunächst sicherlich völlig irrelevant; dasselbe gilt von dem Verlust an Salzen. Diese Verluste sind weder nützlich, noch schädlich. Dafür ist ihre Quantität eine zu geringe. Das alles bedarf keiner weiteren Erklärung. 12 Der Verlust von Schleim spielt sicherlich ebenfalls keine Rolle. Der Spermaschleim unterscheidet sich in nichts von dem Schleim der Speichel- und anderen Drüsen und der verschiedenen Schleimhäute. Jeder von uns verliert von letzterem täglich mehr, wie der grösste Wüstling in einem Monat an Spermaschleim verliert, ohne irgend welche physio- logischen Folgen. Wäre der Verlust an Schleim von irgend einer Bedeutung, so müssten die überall hin spuckenden Yankees längst ausgestorben sein. Diese Schleimverluste haben nur ästhetische, aber keine physiologische Bedeutung. Vielleicht ist der Verlust an Schleim an sich nützlich. Vielleicht ist der Schleim ein schädlicher Bestandteil des Blutes, oder wird von den Schleimdrüsen aus schädlichen Blut- substanzen gebildet. Wenigstens behaupten viele Physio- logen, dass eine Anhäufung von schleimbildenden Substanzen, wie sie z. B. nach totaler Kropfexstirpation oder bei ange- borenem Mangel der Thyrroidea eintreten sol], eine Krankheit, eine ,, Verschleimung des Blutes“ bewirken soll. In der alten Medicin spielte diese Verschleimung eine sehr grosse Rolle. Doch sind sicherlich die im Sperma vorhandenen Schleim- mengen zu klein, als dass sie etwa in dieser Beziehung in Frage kommen könnten. Ich lege auf diese absolute Irrelevanz des Schleimes dess- wegen einen grösseren Nachdruck, weil in Laienkreisen hier- über die lächerlichsten und verderblichsten Vorstellungen bestehen. Dieser Schleim wird sicherlich zum allergrössten Tlieil, wahrscheinlich ganz allein, in den accessorischen Drüsen des Genitalapparates, insbesondere in der Prostata producirt. Der Hoden hat hiermit nichts zu schaffen. Es kann nun Vor- kommen, dass dieser Schleim auch ohne eigentliche Ejacula- tion und ohne Beimengung des Hodensecretes secernirt wird und aus der Urethra abfliesst. Dieses geschieht z. B. bei Hypertrophie der Prostata, besonders bei Defäcation, ferner bei erotischen oder venerischen Vorstellungen. Diese letztere Secretion ist vergleichbar der Speiclielsecretion bei der Vor- stellung einer schmackhaften Speise. Wie dem Hungrigen beim Anblick oder beim Vorstellen etwa eines schönen Schin- kens „das Wasser, i. e. der Speichel, im Munde zusammenläuft,“ 13 so tropft vielen Individuen bei venerischen oder erotischen Vorstellungen z. B. bei Anblick einer schönen Frau das Pro- statasecret aus der Harnröhre. Es ist ein reflectorischer Vor- gang. Die verschiedenen Männer sind in Bezug auf diese Macht ihres Vorstellungslebens sehr verschieden constituirt. Es giebt Männer, denen die Mündung der Urethra schon feucht wird beim Anblick einer schön frisirten und decolletirten Wachspuppe, wie sie in den Friseurläden ausgestellt zu sein pflegen, wie es auch Gourmands giebt, die an keinem Delica- tessenladen Vorbeigehen können, ohne dass ihnen der Speichel tropft. Da nun dieser Prostataschleim macroscopisch aussieht, wie Sperma, so kommen solche Männer, besonders wenn sie aus irgend einem Grunde, z. B. durch Excesse in Yenere oder in Minerva oder in Marte sich etwas angegriffen fühlen, leicht zu der Meinung, sie hätten Samenfluss. Lesen sie jetzt die bekannten, von speculativen Quacks geschriebenen Pamphlete, oder fallen sie gar einem solchen persönlich in die Finger, so sind sie rettungslos der Hypochondrie verfallen. Es ist zwar richtig, dass die Hypersecretion der Prostata ein pathologischer Zustand ist, dessgleichen die sexuelle Hyper- excitabilität und dass es ganz vernünftig ist, diese Zustände zu behandeln; aber der damit verbundene Prostata-Sclileim- verlust ist völlig irrelevant, so irrelevant, wie der Speichel- schleimverlust bei Stomatitis. Eine Stomatitis muss aus anderen Gründen behandelt werden, nicht wegen des völlig gleichgültigen Schleimverlustes. Amerika ist das elassisclie Land zum Studium sexueller Neurasthenien. Man sieht in Amerika wöchentlich so viele solcher Patienten, wie in den verschiedenen europäischen Län- dern in einem Jahr. Die Mehrzahl dieser Patienten ist untröstlich über diese gelegentlichen Schleimverluste. Und diese selben Yankees spucken täglich ein paar Liter Schleim aus dem Munde heraus. Als ob ein Unterschied darin be- stände, ob dieser Schleim aus dem Munde oder aus der Harn- röhre, oder aus irgend einer anderen Körperöffnung lieraus- tropft ! § 8. Eiweiss. a) Verschiedene Eiweissarien. Von etwas anderer Bedeutung ist der Verlust an Eiweiss. Es ist hier folgendes zu berücksichtigen: Es giebt chemisch verschiedene Eiweissarten, und diese verschiedenen Arten sind von physiologisch sehr verschiedener Dignität. Ein Gramm Eiweiss der einen Art zu verlieren ist physiologisch etwas ganz anderes, wie ein Gramm einer an- deren Art zu verlieren. Im Groben tlieilt man die Eiweissarten physiologisch ein in Organeiweiss und circulirendes Eiweiss. Der Unterschied derselben ist offenbar der, dass das Organeiweiss assimilirtes Eiweiss ist, während das circulirende Eiweiss nur resorbirt, aber nicht assimilirt ist. Jedes Organeiweiss ist früher einmal circulirend gewesen, aber nicht jedes circulirende Eiweiss ist auch auserwählt dazu Organeiweiss zu werden. Das Organeiweiss ist vergleichbar dem Ofen, das circulirende Eiweiss dem Brennmaterial. Der Verlust an Organeiweissen ist physiologisch der relevantere, der an circulirenden Eiweissen ist der indifferen- tere Verlust. Wer 1 Gramm circulirendes Eiweiss verliert, kann diesen Verlust sicherlich durch Aufnahme von 2 bis 3 Gramm Nalirungseiweiss ersetzen. Wer aberl Gramm Organ- eiweiss verliert, kann diesen Verlust nur durch Aufnahme von sehr viel grösseren Eiweissmengen, vielleicht von 50 und noch mehr Gramm, ersetzen und oft ist der Ersatz überhaupt nicht möglich. Das hängt damit zusammen, dass Resorption etwas an- deres ist, wie Assimilation. Letzterer Process geht sehr viel schwieriger von Statten, wie ersterer. Nur ein ganz kleiner Tlieil des resorbirten Eiweisses wird assimilirt, der übrige Theil wird unresorbirt verbrannt. Das Spermaeiweiss besteht nun aus beiden Hauptarten von Eiweissen, aus Organeiweissarten und aus circu- lirenden Eiweissarten. Das geformte Eiweiss der Sperma- tozoen ist Organeiweiss, das formlos gelöste Eiweiss ist cir- culirendes Eiweiss. 15 Man verliert also im Sperma Organeiweisse und cir- culirende Eiweisse. Wir müssen die Bedeutung dieser beiden Verluste kennen lernen. § 9. Fortsetzung. ß) Circulirendes JEtweiss. Was zunächst den Verlust an circulirendem Ei- weiss angeht, so kommt derselbe sicherlich nicht in Betracht. Es ist ja richtig, dass der Verlust von solchem Eiweiss an sich nicht irrelevant ist, wenn er in grösseren Mengen stattfindet. Wir sehen dieses ja bei Albuminurie und anderen Eiweissver- lusten, z. B. bei der Bildung von Exsudaten. Auch hier wird circulirendes Eiweiss verloren. Das im Sperma vorhandene circulirende Eiweiss ist aber sicherlich zu gering, um über- haupt in Betracht zu kommen. Dieser bei einer Ejaculation stattfindende Verlust kann sicher durch eine Zusatzschüssel bei der nächsten Mahlzeit ersetzt werden. § 10. Fortsetzung. y) Organeiweiss. Ganz anders verhält es sicli mit dem Verlust an Organ- eiweissen. Nur in homöopathischen oder infinitesimalen Grössen darf ein Verlust an Organeiweiss als irrelevant ange- sehen werden. In dem Sperma ist die Dosis an Organeiweissen sicherlich zu gross um übersehen werden zu können, besonders bei gehäuften Ejaculationen. Der Verlust an Organeiweissen ist der erste Verlust, von dem wir sagen müssen, dass er physiologisch relevant ist. Ich muss auf den Unterschied, der zwischen den Verlusten an den verschiedenen Eiweissarten besteht, besonders desshalb aufmerksam machen, weil sowohl bei Aerzten und Autoren, wie auch bei Laien dieser Unterschied meines Wissens gar nicht bekannt ist. Die Mehrzahl der jungen Männer glaubt, wenn sie nach jeder Ejaculation Eier und gar ein paar rohe Eier essen, so hätten sie den Verlust ersetzt. Sie gehen bei dieser Rech- nung davon aus, dass eine Ejaculation niemals das Volumen 16 eines Eies erreicht und dass in einem Ei selbst mit Bücksicht auf die mögliche verschiedene Concentration mehr „Stoff“ vor- handen ist, wie in einer Ejacuiation. Auf Grund solcher Rech- nungen geben sie sich dann leicht zügellosen sexuellen und ebenso zügellosen culinarischen Excessen hin und verderben ihre Gesundheit damit in zweierlei Weise. Aber auch die Aerzte und Autoren kennen diesen Unter- schied nicht. So sagt z. B. ein angesehener Autor, um die übertriebenen Ansichten der Laien in Betreff der Schädlich- keiten der gehäuften Ejaculationen zu widerlegen : „Ein Liter Blut zu verlieren gilt als harmlos, ein Tröpfchen Sperma zu verlieren gilt als höchst bedenklich. In beiden Fällen handelt es sich doch nur um Eiweiss.“ Dieser Autor weiss offenbar ebensowenig, wie die jungen Männer, dass es Eiweissarten von verschiedener Dignität giebt, und dass der Verlust an Bluteiweiss, obschon dieses zum Theil auch aus Organeiweiss besteht, offenbar von anderer Dignität sein muss, wie der Verlust an Spermaei weiss. §11. Production und Ejaculation von Sperma. Bis jetzt müssen wir also zu dem Schluss kommen, dass der Verlust an Wasser, Salzen, Schleim und circulirendem Eiweiss irrelevant, der Verlust an Organeiweiss aber schädlich ist. Das Ideal wäre also, so weit wir dasselbe bis jetzt con- struiren können, möglichst geringer Verlust an Sperma. Wann aber findet der Verlust statt? Der Laie glaubt, nach der grobsinnlichen Anscliaungsweise, dieser Verlust fände statt im Moment der Ejacuiation. Dieses ist aber nur zum Theil richtig. Wir müssen, um dieses klar zu legen, unterscheiden zwischen Production und Ejacuiation des Sperma. Der Verlust an Sperma findet eigentlich statt im Moment der Production und nicht in dem der Ejacuiation. Das in den Samenbläschen befindliche Sperma ist, physiolo- gisch gesprochen, kein Theil des Körpers mehr. Es verhält sich zum Körper ganz anders, wie etwa das Blut in den Adern. Das Blut in den Adern ist ein Theil des Körpers ; das Sperma in den Samenbläschen ist aber ein Fremdkörper, 17 so gut wie der Harn in der Blase und die Excremente im Rec- tum, oder der Speicliel im Munde. Icli mache hierauf aufmerksam, weil alle Laien und viele Aerzte hierüber falsche Vorstellungen haben. Es giebt viele Laien, die glauben, das ejaculirte Sperma sei ein Stück Rückenmark u. dgl. Wenn ein Mann durch sexuelle Excesse abmagert, dagegen eine Prostituirte fett wird in ihrem Ge- werbe, so heisst es : die Frau empfängt eben denselben Stoff, den der Mann verliert. Das ist Kasernenphysiologie. Der Samen in den Samen- bläschen ist ebenso ein Fremdkörper, wie er in der Vagina ein Fremdkörper ist. Es ist nützlich für den Arzt, dass er solche Vorstellungen kenne, weil er sonst die Klagen der Neuras- theniker psychologisch nicht gut verstehen kann. Der Verlust an Sperma findet also nicht im Moment der Ejaculation, sondern bei der Production statt. Die Ejacula- tion ist kein Vorgang, der etwa der Blutung gleichzusetzen ist. Das Blut verliert der Mensch bei der Blutung und nicht bei der Production des Blutes. Bei der Ejaculation verliert der Mann aber einen Fremdkörper. Die Ejaculation ist folglich als StoffVerlust ohne Bedeutung. Der Verlust an Sperma findet im Moment der Production statt. Allerdings könnte das producirte, in den Samenbläschen desorbirte Sperma möglicher Weise wieder resorbirt wer- den, wenn es nicht ejaculirt wird. Wir würden dann sagen müssen, dass bei der Production ein damnum emergens, bei der Ejaculation ein hierum cessans bestehe. Es ist aber hier zu beachten, dass resorbirte Körper keineswegs immer gleich den Stoffen sind, aus denen sie ge- bildet wurden. Resorbirtes Salz ist allerdings gleich dem secernirten; aber resorbirtes Eiweiss ist nicht immer gleich dem secernirten. Alles Eiweiss, auch das Organeiweiss, wird als eirculirendes Eiweiss resorbirt. Das in dem Samen befindliche Organeiweiss würde also, wenn es resorbirt würde, als circu- lirendes Eiweiss resorbirt. In dieser Form ist seine Menge aber viel zu klein, um von irgend einer Bedeutung zu sein. Von einem verschluckten Ei wird sicherlich mehr resorbirt wie von einer total gefüllten Samenblase. Alle Physiologen 18 und Laien, welche von der Resorption des Spennaeiweisses, jenes kostbarsten Stoffes, reden, vergessen diese Metamorphose des Eiweisses bei der Resorption. Wenn wir also als hygienisches Ideal den möglichst ge- ringen Verlust von Sperma auf stellen, so meinen wir die möglichst geringe Production von Sperma, während die Ejaculation des einmal producirten Sperma als Stoffverlust irrelevant erscheint. Die Production von Sperma wird nun erfahrungsgemäss nicht nur durch venerische Acte, sondern selbst durch vene- rische Vorstellungen u. dgl. gesteigert. Ubi Stimulus, ibi afiiuxus. Jeder unschuldige „Flirt,“ jeder Kuss steigert aber die Production von Sperma und ist als Verlust von Organ - eiweiss gewiss schädlich, und zwar ebenso schädlich, wie die vollendete Ejaculation. § 12. Die Spermine. a) Die Experimente von Exner. Jetzt kommen wir zu der schwierigeren und dunkleren Frage in betreff der „Spermine“. Niemand hat bisher jemals die Spermine gesehen, sie sind noch nicht isolirt worden ; man kann ihre Existenz nur erscliliessen. Die Tliatsachen, von denen wir hier ausgehen, um uns über diese Körper und deren physiologische Dignität Klarheit zu verschaffen sind folgende : Die Chirurgen haben zunächst die Beobachtung gemacht, dass junge Männer, die nach der Pubertät castrirt wurden, schwächlich, kränklich und melancholisch zu werden pflegen und auffallend häufig durch Selbstmord enden. Hieraus folgt der Satz, dass es bei den venerischen Acten sich nicht bloss um Verlust an Eiweiss handelt, denn sonst könnte die Nichtproduction von Sperma niemals schädlich werden. Es muss sich also um noch etwas Anderes handeln. Worin besteht aber dieses Andere ? Man hat hier an vielerlei gedacht. Man hat zunächst gedacht, es handele sich um ein rein psychisches Phänomen. Ein Mann, der sich der früher empfundenen venerischen 19 Nervenerregungen erinnert, kränkt sich, dass ihm diese Ge- nüsse nicht mehr möglich sind. In geringerem Grade wollen die Chirurgen diese Melan- cholie auch bei Männern gefunden haben, die nach der Puber- tät bloss circumcidirt wurden. Hierdurch soll das Epithel der Glans dicker und damit die Intensität der empfundenen Libido geschwächt werden, und das soll die Männer, die sich der grösseren Libido erinnern, kränken und kränkeln machen. Die Chirurgen ratlien daher, bei Affectionen des Präputiums vorsichtig zu sein, die einfache Spaltung der Circumcision überall, wo es möglich ist, vorzuziehen. Dieser Grund spielt vielleicht bei den Phänomenen der Castration mit, kann aber sicherlich nicht der einzige sein, da wir ein ähnliches Phänomen auch bei Männern erleben, die vor der Pubertät, als Kinder, castrirt wurden, ja selbst bei solchen, die ohne Hoden geboren wurden, wo also von einer Erinnerung an eine frühere grössere Libido nicht die Hede sein kann. In der Kindheit circumcidirte Männer, z. B. die Israeliten und Orientalen pflegen ja auch keinerlei Melancholie zu zeigen. Wie ist also die Debilität der in der Kindheit castrirten Männer zu erklären? Auch dieses Phänomen ist zunächst meistens psychisch erklärt worden. Der Castrat kränkt sich darüber, dass er impotent ist und desshalb ausgelacht wird. Dieses Bewusst- sein erzeugt Depressionsgefühle, die wie alle Depressions- gefühle, nachtheilig auf die Gesundheit einwirken, um so mehr, wenn sie bleibend sind und sich in ihren Wirkungen cumuliren. Diese Erklärung ist indessen sicherlich nicht ausreichend. Zunächst finden wir diese Phänomene, wenn auch in geringe- rem Grade, auch bei Thieren, wo doch von psychischen Wir- kungen der Impotenz nicht die Bede sein kann. Sodann beobachtet man diese Phänomene auch bei Greisen, in einem Alter, in dem die Testikel im allgemeinen keine Bolle mehr spielen. Auch dieses haben die Chirurgen zunächst psychisch zu erklären versucht. Die Greise sollen sich immer noch 20 einbilden potent zu sein, solange sie „des Abends noch etwas in ihrem Scrotum zu fühlen haben.“ Erst wenn sie nichts mehr darin zu fühlen haben, soll ihnen ihre Impotenz zum Bewusst- sein kommen und sie melancholisch machen. So erklärte Hochenegg in Wien dieses Phänomen. Das schien plausibel, nachdem die Chirurgen noch die fernere Erfahrung gemacht, dass wenn man nicht den ganzen Hoden, sondern nur einen Theil desselben, z. B. den erkrank- ten Theil, etwa den Nebenhoden, entfernt, diese unliebsamen Eolgezustände sich garnicht, oder in viel geringerem Grade ein- stellen. Ein Mann, dem der Nebenhode entfernt ist, ist ebenso impotent, wie derjenige, dem der ganze Hoden ent- fernt worden, und doch stellen sich bei ersterem die Depres- sionszustände nicht, oder nur in viel geringerem Grade ein, wie beim total castrirten Manne. Die Chirurgen befürworten in Folge dessen immer die conservative Castration. Die Erklärung für dieses merkwürdige Phänomen liegt nach Ansicht der Chirurgen darin, dass ein Mann, der noch im Besitze des aliquoten Theiles seines Testikels ist, doch noch „abendlich etwas im Scrotum zu fühlen habe und sich über seine Impotenz täusche“. Da hat aber S. E x n e r in Wien folgende interessante Versuchsreihe gemacht. Er hat zunächst einer Anzahl von erwachsenen Hähnen beide Testikel abgeschnitten. Diese Hähne verloren zunächst durch Atrophie ihre Kämme, Bärte und Schwanzfedern, und Hennen gegenüber zeigten sie absolute venerische Indifferenz, wie Hähnen gegenüber den absoluten Mangel an Eifersucht. Sie hatten aufgehört männlich zu sein. Sie waren Kapaune geworden. Einer hat sodann einer Anzahl von Hähnen den einen Testikel ganz, den anderen aber nur halb amputirt. Die so behandelten Hähne verloren ihre männlichen Ab- zeichen, Kamm, Bart und Schwanzfedern nicht und behielten Hennen gegenüber die Galanterie, und Hähnen gegenüber die Eifersucht der Hähne. Die so behandelten Thiere waren offenbar keine Kapaune geworden. Sie waren Hähne geblieben 21 trotz Verlust ihrer Zeugungsfähigkeit. Sie waren 'impotente Hähne geworden. E x n e r hat dann folgenden dritten, höchst interessanten Versuch gemacht. Er hat einer Anzahl von Hähnen beide Testikel aus dem Scrotum entfernt und hat aliquote Theile derselben in das Peritonäum eingenäht, wo dieselben an- wuchsen. Auch die so behandelten Hähne behielten ihre äusseren und inneren Geschlechtsmerkmale, gerade so wie die semi-castrirten Hähne. Sie waren impotente Hähne, aber keine Kapaune geworden. Hieraus folgt, dass die nach totaler Entfernung der Hoden entstehenden pathologischen Folgezustände keineswegs bloss psychischen Ursprunges sein können. Es handelt sich nicht nur um Kränkungen über den Verlust der Fähigkeit in vene- rischen Genüssen schwelgen zu können, nicht nur um Kummer wegen des Verlustes der wirklich noch vorhandenen oder ein- gebildeten Potenz, nicht bloss um Sorge wegen der dadurch entstehenden Lächerlichkeit. Es bleibt kaum eine andere Erklärung übrig, wie die, anzunehmen, dass das Hodenparen- chym Stoffe producire, deren Production dem Körper nützlich sei. Der Hoden verhält sich also hierin ähnlich der Thyrroidea. Eine totale Exstirpation der Thyrroidea ist von Myxoedem, Cretinismus u. dgl. gefolgt, eine nur partielle hat diese Folgen nicht. Dessgleichen hat eine totale Exstirpation der Thyrroidea und Einnähen aliquoter Theile derselben in das Peritonäum — ein Experiment, welches von englischen Chirurgen, ich glaube von Horsley, zuerst gemacht worden ist — diese Folgen nicht. Auch soll das Myxoedem, die Krankheit, die bei congenita- lem Mangel der Thyrroidea entsteht, von diesen Chirurgen durch Einnähen von Theilen der Schaafsthyrroidea in das Peri- tonäum erheblich gebessert worden sein. Vielleicht werden diese Chirurgen nächstens das Castratenthum durch Ein- nähen von aliquoten Theilen von Thiertestikeln in das Perito- näum curiren. Diese noch unbekannten hypothetischen Stoffe wollen wir als „Spermin e“ bezeichnen. 22 § 13. Fortsetzung. ß) Natur dieser Spermine. Um die Nützlichkeit der Production dieser „Spermiim“ dem Verständniss näher zu bringen, müssen wir uns folgendes in’s Gedächtniss zurückrufen. Die physiologische Production eines Körpers kann in zweifacher Weise nützlich sein, entweder dadurch, dass durch dieselbe schädliche Substanzen aus dem Blute entfernt, oder dadurch, dass Substanzen gebildet werden, die selbst nützen sollen, z. B. durch Resorption. Die Production des Harn- stoffes ist nützlich, weil dadurch das Blut von schädlichen Stoffen gereinigt wird. Die Production der Salzsäure ist nützlich, weil durch dieselbe die Verdauung befördert wird. Man drückt sich gewöhnlich nicht ganz einwandsfrei in der Weise aus, dass man sagt, ein physiologisches Product könne Secret oder Excret sein. Der Harnstoff ist ein Excret, die Salzsäure des Magens ist ein Secret. Der Einwand, den ich gegen diese Ausdrucksweise habe, ist der, dass man nicht die fertigen Flüssigkeiten, z. B.' Harn, Galle, in Se- und Excrete eintlieilen sollte, sondern ihre einzelnen chemischen Bestandteile. Der eine Bestandteil eines Productes kann ein Secret, der andere ein Excret sein. Die Galle z. B. ist ein Körper, der aus einer grossen Menge von verschiedenartigen Bestandteilen besteht, mit deren pedan- tischer Beschreibung ich seiner Zeit von Brücke gemartert worden bin. Der eine dieser Bestandteile kann ein Excret, der andere ein Secret sein, womit die alte Frage, ob die Galle in toto ein Secret oder ein Excret sei, auf ihren wahren Werth reducirt wird. Von der Tlivrroidea nimmt man in der Regel an, dass sie einige schädliche Körper, ,,Schleime“ vernichtet. Die schädliche Wirkung der totalen Kropfexstirpation soll also darin liegen, dass das Blut von gewissen schleimgebenden Substanzen nicht gereingt wird. Es soll eine „ Verschleim- ung“ des Blutes eintreten, und diese Verschleimung soll den Cretinismus erzeugen. Viele Physiologen, besonders Engländer, nehmen umgekehrt an, die Thyrroidea erzeuge 23 nützliche Stoffe, die resorbirt werden müssten und der Kropf- cretinismus beruhe auf einem Mangel des Blutes an diesen Stoffen. Daher pflegen die Engländer solchen Kropfcretinis- mus, z. B. das Myxoedem, zu behandeln durch Eingeben von gepulverter Tliyrroidea. Es wäre denkbar, dass der Hoden, indem er Spermine bildet, das Blut von schädlichen Stoffen reinigt, indem er sie vernichtet, oder hinaus befördert. Es wäre aber auch denkbar, dass der Hoden an den Sperminen Körper erzeuge, deren Resorption die nützlichen Wirkungen erzeuge. Der dritte Versuch von E x n e r, das Einnähen des Scrotums in das Peritonäum, würde mehr für diese letztere Annahme sprechen. Denn hier können doch wohl kaum Stoffe hinaus befördert werden. Auch die allerdings etwas abenteuerlichen Experimente von Brown-Sequard scheinen diese Ansicht als die wahr- scheinlichere hinzustellen. Dieser Forscher hat bekanntlich in den letzten Jahren aus den Hoden von Thieren Stoffe extrahirt, deren subcutane Injection den Körper wunderbar verjüngen soll. Es wäre aber auch denkbar, dass der Hode eine grössere Anzahl von verschiedenartiger „Spermine“ erzeugte, von denen die einen nützlich wären und resorbirt werden sollten, wäh- rend die anderen schädlich wären und ausgeschieden werden müssten. Da wir uns hier nun doch eine Meinung bilden müssen, so wollen wir die durch keine Thatsaclie wahrscheinlich ge- machte Excretionstheorie fallen lassen und annehmen, der Hoden erzeuge in den Sperminen Körper, deren Resorption in allerdings noch unbekannter Weise, wahrscheinlich durch Vermittlung des Nervensystems, den Organismus kräftige. Enthielte das Sperma als einzig relevanten Bestandtheil die „Spermine“, so würde also das hygienische Ideal die mög- lichst grosse Production, aber die möglichst geringe Ejaculation von Sperma sein. Brown-Sequard und seine Schüler, welche den grössten Nachdruck auf diese Spermine legen und dagegen das 24 Eiweiss und alles übrige vernachlässigen, empfehlen daher alles, wodurch die Production von Sperma gefördert und die Ejaculation gehemmt wird. Erfahrungsgemäss wird nun die Production von Sperma durch alle venerischen und selbst durch blosse erotische Vorstellungen gefördert, wesslialb diese Physiologen die Pflege dieser Vorstellungen empfehlen und nur die Ejaculation eingeschränkt sehen wollen. Brown- Sequard ist sogar so weit gegangen, Greisen die Onanie zu empfehlen, aber zeitig vor der Ejaculation aufzuhören und will hiermit schöne Resultate gesehen haben. Ich weiss nicht ob diese Therapie hygienisch wertlivoll ist; der ethische Werth derselben möge hier unbesprochen bleiben. Es ist aber bekannt, welch oft überraschenden Erfolg für das Wohl- befinden eine honnete Tanzstunde oder ein anständiger Flirt hat. Dieser Erfolg kann sehr wohl durch Production und Resorption der Spermine erklärt werden. 6) Stoffverlust beim Weibe. § 14. Weibliche Ejaculations-Flüssigkeit: Die Ovarine. Betrachten wir nun wieder den Stoffverlust, den die vene- rischen Acte beim Weibe erzeugen. Die von der Drüse des weiblichen Genitalschlauches bei den venerischen Acten abgesonderte und ejaculirte Flüssig- keit, die leider keinen speciellen Namen hat, ist viel einfacher zusammengesetzt, wie das männliche Sperma. Sie besteht nur aus Wasser, Salzen und Schleim. Es fehlt zunächst das Organeiweiss. Allerdings prodii- cirt das Ovarium Körper, die den Spermatozoen analog sind und Organeiweiss enthalten, die Ovula. Aber diese Ovula werden nicht ejaculirt. Die Production dieser Ovula wird auch nicht von erotischen oder venerischen Vorstellungen be- einflusst. Jeden Monat wird ein Ovulum producirt und weg- geschwemmt, ob eine Frau coitirt oder nicht, ob sie erotische und venerische Vorstellungen hat oder nicht. Der Mangel dieses Körpers in der weiblichen Ejacula- tionsfliissigkeit hängt eben mit dem besonderen Zweck dieser 25 Flüssigkeit zusammen. Diese Flüssigkeit hat nur den Zweck den männliche Spermatozoen das Weiterschwimmen zu er- leichtern. Sie ist für die Spermatozoen was das Wasser für die Fische ist: Locomotionsmedium. Daher kann eine Empfängniss auch ohne weibliche Ejaculation zu Stande kommen, wenngleich dieselbe hierdurch gefördert wird. Die Spermatozoen haben es ohne dieselbe nur unbequemer, um zum Ei zu schwimmen, aber sie werden dadurch nicht absolut gehindert ihr Ziel zu erreichen. Dazu kommt, dass das Ovulum auch viel zu klein an Masse ist, um neben der Summe der Spermatozoen, die der Mann ejaculirt, in Betracht zu kommen. In einem Monat pro- ducirt der Mann Millionen von Spermatozoen, während die Frau nur Ein Ovulum in dieser Zeit producirt. Es fehlt ferner in der weiblichen Ejaculationsflüssigkeit das Analogon der „Spermine.“ Allerdings ist es höchst wahr- scheinlich, dass das Ovarium Körper producirt, die den von den Testikeln producirten „Sperminen“ ähnlich wirken. Ein junges Mädchen, das castrirt wird, bekommt nach kurzer Zeit den Habitus des alten Weibes nach dem Klimakterium, einge- fallenes Gesicht, dicken Bauch etc. Die blosse Verschliessung der Tuben, durch welche ebenso, wie durch Castration, Un- fruchtbarkeit erzeugt wird, hat diesen Effect nicht. Das Analoge des dritten E x n e r sehen Experimentes, die Exstirpa- tion der Ovarien und Anwachsenlassen derselben an einem anderen Ort, ist noch,nicht gemacht worden. Es wäre sehr nützlich, wenn diese Experimente einmal gemacht würden. Wer, wie ich, immer herumreist, kann diese Experimente nicht machen, da man kein Laboratorium mitnehmen kann. Aber sesshafteren Collegen möchte ich diese Experimente anem- pfehlen. Nichtsdestoweniger sind wir in der Lage, zu sagen, dass die Ovarien, wie die Testikel, uns noch unbekannte Stoffe pro- duciren, welche in bis jetzt noch unbekannter Weise günstig auf die Constitution des Weibes einwirken. Wir wollen sie „Ova- rine“ nennen. Die „Ovarine“ werden aber bei den venerischen Acten nicht ejaculirt. Es ist wenigstens nichts davon bekannt. Auch 26 wäre der Mechanismus nicht recht einzusehen, da man sich doch nicht vorstellen kann, dass sie im Uterus, wie das S]3erma beim Manne in den Samenbläschen, deponirt würden. Das Resultat ist folgendes : Die Ejaculation des Weibes ist von dem Gesichtspunkte des Stoffverlustes betrachtet etwas ganz irrelevantes. Ob ein Weib ejaculirt oder nicht, ob es viel oder wenig, oft oder selten ejaculirt, das ist als Stoffver- lust ebenso gleichgültig, wie ob es viel oder wenig schwitzt, oder weint, oder andere indifferente Körpersäfte verliert. Die Production der Ovarine dagegen ist, vom Standpunkte des Stoffverlustes betrachtet, nützlich und sollte gefördert werden, was z. B. durch einen angemessenen ,,Flirt,“ Tanz- stunden u. s. w. geschieht. Ich erinnere mich eines berühmten Neurologen, der jungen neuropatliischen Mädchen, zum grössten Entsetzen der allzu gestrengen Mütter, in der Ordi- nationsstunde oft einen „Ball“ verschrieb. Die bekannten wolilthätigen Folgen solcher Zerstreuungen lassen sich sehr wohl auf vermehrte Production und Resorption von Ovarinen zurückführen. B) — Die venerische Nervenerregung. § 15. Erstwirkungeii und Nachwirkungen der veneri- schen Acte. Die Melirzalil der Laien ist der Ansicht, es käme bei den venerischen Acten für die Hygiene des Individuums lediglich auf den Verlust an Stoff an. Die Existenz der venerischen Nervenerregung ist natürlich nicht unbekannt, aber dieselbe gilt als hygienisch irrelevant. Das hängt damit zusammen, dass der Stoffverlust der einzige materielle ponderabile Vor- gang ist, den der Laie bei diesen Acten beobachtet. Alles Uebrige ist dynamischer imponderabiler Natur und entgeht dem Verständniss des Laien. Diese Meinung ist indessen nicht richtig. Wir können un- möglich alle Folgen der venerischen Acte auf den Stoffverlust beziehen. Diese Acte zeigen bekanntlich nicht nur später sich zeigende, sondern auch unmittelbar dem Acte sich an- schliessende Folgen für das Befinden des Individuums. Ein 27 bekanntes Sprichwort sagt: „Omne animal post coitum triste, nisi .. . .“ Nun kann der ejaculatorisclie Stoffverlust, auch wenn er noch so excessiv war, wie nach einer Orgie, der Natur der Sache nach überhaupt keine momentanen, sondern nur ver- spätete Folgen zeigen, da ja die ejaculirten Flüssigkeiten, mögen sie an sich noch so relevant sein, in der Zeit vor der Ejaculation kein Bestandtheil des Körpers mehr sind und die eventuelle Besorption viel langsamer von Statten geht, wie die augenblicklich sich einstellenden Erstwirkungen der Acte. Es kann hier also kein Causalneeus bestehen zwi- schen Ejaculation und den Erstwirkungen der venerischen Acte. Die den venerischen Acten, auch den Excessen, direct folgenden Zustände, welcher Art sie immer sein mögen, können niemals den verlorenen Spermatozoen in die Schuhe geschoben oder den übrigen verlorenen Substanzen zur Last gelegt werden. Es muss sich also bei den venerischen Acten noch um andere physiologisch relevante Dinge handeln, ausser um Stoffverluste. Es kann sich hier wohl nur um zweierlei handeln, um Muskelanstrengung und Nervenerregung. "Wir wollen zu- nächst die Wirkung der venerischen Nervenerregung auf das Befinden des Individuums studiren. Der Laie kann sich selten vorstellen, wie eine blosse Nervenerregung irgend welche physiologischen Folgen haben könne. Das kann man nicht messen, wiegen und zählen, das ist also ein Nichts. Der Laie kann sich ja auch meistens nicht vorstellen, wie ein Mensch bei Kummer, trotz bester Nahrung, abmagern, krank werden und sterben kann. Es giebt auch Physiologen, welche solche Ansichten haben und den Men- schen lediglich als chemische Betörte anselien. Die Aerzte fangen aber wieder an, dem Zusammenhang zwischen Psyche und Soma mehr Werth beizulegen. So wird sich auch zeigen, dass die specifische venerische Nervenerregung eine gewaltige Wirkung auf das individuelle Wohlbefinden ausübt, die grösser ist, wie der Stoffverlust. 28 a) Die venerische Curve. § 16. Der Verlauf (1er venerischen Nervenerregung. Wir wollen nns hier zunächst das Problem stellen, die venerische Nervenerregung zu studiren. Dieselbe besitzt in ihrem Verlaufe nicht immer dieselbe Intensität. Diese Intensität zeigt verschiedene gesetzmässige Veränderungen. Im Beginne des Reizes steigt die Intensität der venerischen Nervenerregung mit ziemlicher Geschwindig- keit an. Bei Fortsetzung des Reizes bleibt die Intensität eine Zeit lang relativ constant. Dann steigt sie ziemlich plötzlich an bis zu ihrem Maximum. Dieses Maximum bezeichnet man als Orgasmus. Auf dieser Höhe bleibt die Libido eine kürzere Zeit; dann nimmt selbst bei noch fortgesetztem Reizen die Libido wieder ab, und zwar relativ schnell bis zur Null. Dann kommt eine Periode, in der noch fortgesetzte Reize, z. B. Fric- tionen, selbst unangenehm empfunden würden. Hieran schliesst sich eine Periode, in der keine Libido empfunden wird, in der aber durch geeignete Reize dieselbe wieder von Neuem erzeugt werden könnte. Die venerische Nervenerregung zeigt also zunächst zwei Hauptphasen, die libidinöse und die libidolose Phase. Jede dieser Hauptphasen zerfällt in Unterabtheilungen. Die erste zerfällt in drei Theile, die anteorgastische, die orgastische und die postorgastische Phase ; die zweite zerfällt in zwei Haupt- theile, die Phase der Depression und die der Indifferenz. Das ist der Verlauf der Nervenerregung bei fortgesetz- ten Reizen. Werden dieselben irgendwo unterbrochen, so ändert sich der Verlauf. Diese Veränderungen hängen ab von dem Zeitpunkt der Unterbrechung. Werden die Reize in der anteorgastisclien Periode unterbrochen, so kommt es nicht zum Orgasmus und der absteigende Ast der venerischen Curve wird länger und verliert an Steilheit, während die Phase der Depression fehlt. §17. Die Curve (1er Libido. Für Gelehrte, welche die Ciuwensprache lesen können, ist nichts angenehmer, wie die Erklärung einer Theorie durch eine Curve. Ich will also für diese Leser die Curve der Libido 29 zeichnen. Die Abscissen bedeuten die Dauer, die Ordinaten die Intensitäten des empfundenen venerischen Gemein- gefühls.* I II I LIBIDO 1 2 3 Keine Libido 1 2 1 2 3 1 II 2 SUBJECTIVE Empfin- dungen Anteorgastische Libido Orgas- mus Post- orgastische Libido Postlibidinöse Depression Postlibidinöse Indif- ferenz V ore jaculatori- sche Erection Ejaculation N achejaculatori- sche Erection Objective ERSCHEI- NUNGEN Erection FlACCIDITÄT Die Curve zerfällt also zunächst in Perioden, aa', a'a", etc. Jede Periode zerfällt sodann in 2 Abschnitte : I) den Abschnitt der Libido ad, a'd'... II) den Abschnitt ohne Libido da', d'a"... Der Abschnitt der Libido I zerfällt wieder in 3 Unter- abschnitte : 1) den Abschnitt der anteorgastisclien Libido ab, a'b'... 2) den des Orgasmus bc, b'c'. . . 3) den der postorgastischen Libido cd, c'd'... Der Abschnitt ohne Libido II zerfällt wieder in 2 Unter- abschnitte : 1) den Abschnitt der postlibidinösen Depression de, d'e'... * Oberhalb der Abscinenaxe sind die subjectiven Empfindungen, unter- halb derselben die objectiven concomitirenden Erscheinungen angegeben, von denen wir gleich unten sprechen werden. 30 2) den Abschnitt der post- resp. antelibidinösen Indiffe- renz ea', e'a"... § 21. Discussion dieser Curve. Die Curve zerfällt aber zunächst in Perioden aa', a'a" etc. Diese Strecken zeigen uns die Zeitdauer zwischen der Aus- lösung zweier aufeinanderfolgender venerischer Gemein- gefühle an. Wir ersehen aus derselben also die Frequenz der Auslösung dieser Gefühle. Diese Frequenz ist bekanntlich bei verschiedenen Indi- viduen verschieden. Herkules soll nach der Fabel fünfzig Mal in einer Nacht coitirt haben, und in der folgenden Nacht noch einmal fünfzig Mal, während ein bekannter Mann Gottes zwei Mal wöchentlich zu coitiren pflegte. Diese Frequenz ist ferner bei denselben Individuen zu ver- schiedenen Zeiten verschieden. In der Jugend ist sie in der Regel grösser, wie im Alter. Jede Periode zerfällt in verschiedene Theile, zunächst in die Theile ad, da' resp. a'd', d'a" etc. Diese Strecken zeigen uns die Dauer, während welcher Libido empfunden resp. nicht empfunden wurde. Diese Strecken zerfallen wieder in drei Untertheile : ab, a'b'. . . bc, b'c'. . . cd, c'd'. . . Die Strecken ab, a'b' etc. zeigen die Dauer der anteorgastischen Libido an, die Strecken bc, b'c' die Dauer des Orgasmus, die Strecken cd, c'd' die Dauer der postorgastischen Libido. Die Dauer der vororgastischen Libido ist bekanntlich bei verschiedenen Individuen sehr verschieden. Es giebt Männer, bei denen diese Dauer sehr kurz ist, die oft schon ante portas Orgasmus empfinden. Bei anderen Männern dauert diese Zeit oft eine Stunde und selbst länger. Im All- gemeinen ist diese Dauer beim Weibe länger, wie beim Manne. Auch zu verschiedenen Zeiten ist diese Dauer oft bei den- selben Individuen verschieden. In der Jugend ist sie im All- gemeinen kürzer, wie im Alter, der iterirte Coitus dauert ge- wöhnlich länger, wie der erste, doch wird der Coitus bei über- triebener Häufigkeit oft wieder kürzer. Die Dauer des Orgasmus ist das Constanteste in dieser Curve. Er dauert immer nur Sekunden. Hier sind nur 31 sehr geringe individuelle und zeitliche Verschiedenheiten zu constatiren. Beim Weibe scheint der Orgasmus im Allgemei- nen länger zu dauern, wie beim Manne. Die Dauer der nacliorgastisclien Libido ist ebenfalls rela- tiv constant. Sie ist nie sehr lang. Beim Weibe scheint auch diese Strecke etwas länger zu sein, wie beim Manne. Nur dort wo überhaupt kein Orgasmus stattgefunden, sei es, weil der Beiz zu früh aufgehört, sei es aus einem anderen Grunde, wird die Dauer dieses absteigenden Astes der Curve der Libido — welche Strecke dann allerdings per nefas den Namen der post- orgastischen Libido führt und dann rectius die Strecke der abklingenden Libido führte — länger und kann selbst von an- sehnlicher Länge werden. Die Strecken da', d'a" etc., in denen Libido nicht em- pfunden wird, zerfallen zuletzt in zwei Theile, in die Theile de, d'e' etc., in welchen die Depression, und in die Theile ea', e'a" etc., in welchen die Indifferenz vorherrscht. Die Strecken der Depression pflegen bei verschiedenen Menschen von verschiedener Dauer zu sein. Nur in ganz jungen Jahren können sie gelegentlich selbst auf Null reducirt werden, d. i., es können zwei und selbst drei venerische Acte hintereinander „aus einem Hankgelenk“ fertiggebracht werden. Die Strecken der Indifferenz sind auch wieder sehr ver- schieden. Bei Mangel an Beizen können sie beim erwachsenen Manne Wochen und Monate betragen. In jüngeren Jahren dagegen arbeitet die Phantasie zu lebhaft, so dass die Dauer der Indifferenz meistens 24 Stunden nicht übersteigt. Betrachten wir nunmehr die Ordinaten. Die Ordinaten bß, cy etc. zeigen die Intensitäten der in jedem Augen- blick empfundenen Libido an. Diese Intensitäten sind ebenfalls bei den verschiedenen Individuen verschieden. Es giebt Männer und Frauen, bei denen diese Intensitäten beim Orgasmus eine collossale Höhe erreichen. Sie schreien dabei, wie wilde Thiere, und beissen oft, ohne hiervon etwas zu wissen. Manche verlieren für kurze Zeit die Besinnung. Einige historische Männer und Frauen sind bei solchen Gelegenheiten von ihren Geliebten gebissen 32 worden, wie Richard Löwenherz, ein deutscher Kurfürst mit dem Beinamen ,,mit der gebissenen Wange,“ und andere. Diese Intensitäten können sogar so stark werden, dass sie den Tod bewirken. Die Anzahl der Männer, welche beim Coitus plötzlich sterben, ist keine ganz kleine. Es handelt sich hier allerdings meistens um herzkranke und arterioscle- rotisclie Männer, denen ein Gefäss oder ein Aneurisma platzt. Die Libido erzeugt eben starke Schwankungen des Blutdruckes, denen defecte Gefässsysteme nicht widerstehen können. Auch einige historische oder doch ephemer histori- sche Persönlichkeiten sind so gestorben. Frauen sterben einen solchen Tod seltener, wie Männer, nicht weil die Intensität ihrer Libido eine geringere wäre, sondern weil ihre Libido in dem Alter, in dem Arteriosclerose und Aneurismen beginnen» erloschen zu sein pflegt, während dieses beim Manne nicht der Fall ist. Dichtern erschien dieser Tod von jeher besonders schön. So singt Ovid: Medium inter opus moriar, und Goethe schätzt denjenigen glücklich, den der Tod nach rasch durchrastem Tanze in eines Mädchens Armen findet. Auf der anderen Seite giebt es Männer und Frauen, welche bei dem Orgasmus so gut wie gar keine wollüstige Empfindung haben. Dazwischen giebt es alle Arten von Abstufungen. Es kommen auch bei denselben Individuen zeitliche Ver- schiedenheiten vor. Der eine Coitus z. B. ist mit sehr inten- siver, der andere mit wenig intensiver Libido begleitet. Aus Dauer und Intensität der Libido ergiebt sich die Grösse derselben bei jedem einzelnen Acte. Sie ist gleich dem Flächeninhalt der Figuren abcdyß, a'b'c'd’y'ß' etc. Aus Dauer, Intensität und Frequenz ergiebt sich die Grösse der Libido für eine gegebene Lebensperiode. Sie ist gleich der Summe dieser Flächeninhalte für eine gewisse Strecke. Es handelt sich allerdings hier nicht um blosse Multiplicationen, sondern um complicirtere Processe, um Integrationen; doch kann man sich näherungsweise mit Multiplicationen begnügen. 33 b) Objective concomitirende Erscheinungen. § 19. Erection und Ejaculation. Die eben beschriebenen subjectiven Phasen des veneri- schen Gemeingefühles sind mit zwei objectiven Erscheinungen vergesellschaftet. 1) mit Erection resp. Pendulität der corpora cavernosa beim Manne und beim Weibe. 2) mit Ejaculation, ebenfalls bei Mann und Weib. Ueber den Mechanismus dieser Erscheinungen ist Fol- gendes zu sagen: Die Ejaculation beim Manne tritt ein durch Contraction bestimmter Muskeln des Beckens, durch welche zunächst die Samenbläschen zusammengedrückt und ihr Inhalt nach dem Orte des geringsten Widerstandes, i. e. in die Harnröhre, und von dort nach aussen getrieben werden. Beim Weibe tritt sie ein durch Contraction der Uterusmuskulatur, wodurch der Inhalt der Uterindrüsen ebenfalls nach dem Orte des gering- sten Widerstandes, i. e. zunächst nach dem Cavum uteri und dann in die Vagina befördert wird. Ueber die Entstehung der Erection sind die Ansichten getheilt. Viele nehmen an, dieselbe entstehe dadurch, dass die Vasodilatatoren der Gefässe der corpora cavernosa gereizt würden und damit mehr Blut in dieselben einfliesse. Hier- gegen ist eingewendet worden, dass wenigstens beim Manne hierzu ein Druck von vier Atmosphären nöthig sein würde, und dass das Herz diesen Druck nicht aufbringen könne. Bei manchen Thieren wird die Erection des Penis dadurch verstärkt, dass durch einen Muskel ein Knochen, der Penisknochen, in den Penis hineingezogen wird. Es ist für unsere Zwecke nicht nöthig, zu diesen Controversen Stellung zu nehmen. § 20. Zeitliche Beziehung der objectiven Erscheinungen zu den subjectiven Empfindungen. Ueber die Beziehung zwischen diesen objectiven Zeichen und den subjectiven Phasen können wir folgende Sätze auf- stellen : 34 Im Groben kann man sagen, dass die Phase der Libido mit Erection, die libidolose Phase mit Flaccidität der corpora cavernosa und dass der Orgasmus mit der Ejaculation ver- bunden ist. (Cf. die Curve.) Die Erection kann verschiedene Grade besitzen. Der Grad der Erection ist im Allgemeinen der Libido propor- tional, so dass beim Orgasmus das Maximum der Erection ein- tritt. Doch ist alles dieses nur im Groben richtig. Einestlieils giebt es Orgasmus ohne Ejaculation und Ejaculation ohne Orgasmus ; sodann giebt es Libido ohne Erection und Erection ohne Libido. Oft dauert die Erection länger, wie die Libido, oft kürzer ; oft tritt sie später, oft früher, wie die Libido ein. Wir müssen eben annehmen, dass es Centren für Ejaculation, Erection und Libido giebt und dass diese Centren isolirt sind und isolirt gereizt werden können, wenngleich dieselben doch in solchem Connex stehen, dass die Beizung des einen Centrums meistens die der anderen zur Folge hat. § 21. Innere Beziehung zwischen Orgasmus und Ejacu- lation, Erection und Libido. Es entstellt die Frage nach den inneren Beziehungen zwischen Ejaculation und Orgasmus. Erzeugt der Orgasmus die Ejaculation, oder erzeugt die Ejaculation den Orgasmus ? Wird der Orgasmus von denselben Nerven vermittelt, welche die vororgastische Libido erzeugen ? Werfen wir zunächst die Frage für den Mann auf. Es giebt Autoren, welche der Ansicht sind, der Orgasmus entstehe da- durch, dass das Sperma auf seiner ejaculatorischen Wanderung von den Samenbläschen zur Harnröhre bestimmte sensible Nerven, welche die specifische Qualität hätten, das Gefühl des Orgasmus zu erzeugen, reize. Wie die sensiblen Nerven der Glans etc. die Fähigkeit hätten, die vororgastische Libido zu vermitteln, so hätten die Nerven der Schleimhaut der ductus ejaculatorii die specifische Fähigkeit, die orgastische Libido zu vermitteln. Wäre diese Theorie richtig, so müsste man theoretisch den Orgasmus dadurch erzeugen und beliebig oft wiederholen 35 können, dass man, etwa durch eine Samenbläschenfistel, weiche Massen in die Samenbläschen hineinpracticirte und dann durch die ductus hinauspresste. Das Problem, welches ein antiker Imperator, ich glaube Nero, seinen Leibärzten stellte, wäre hiermit gelöst. Experimentell ist die Präge bei Thieren noch nicht in Angriff genommen worden. In diesem Falle wäre Orgasmus ohne vorherige Ejacu- lation gar nicht möglich. Die Ejaculation wäre die conditio sine qua non des Orgasmus. Im Allgemeinen sind die Laien auch dieser Ansicht. Wenn ein Mann es nicht mehr zum Orgasmus bringen kann, so sagen sie, er habe eben nichts mehr in den Samenbläschen gehabt, welches den Orgasmus hätte erzeugen können. Es wäre aber auch möglich, dass die Contraction der ejaculatorischen glatten Muskeln als Orgasmus empfunden würde. Die Orgasmus vermittelnden Endapparate lägen dann nicht in der Schleimhaut, sondern in der Muskelsubstanz. Wir haben ja dafür Analoga. Die Contraction der glatten Muskeln des Darmes wird bekanntlich empfunden, allerdings nicht als Annehmlichkeit, sondern als Schmerz, als Kolik. Was aber Schmerz vermitteln kann, muss auch Lust ver- mitteln können. In diesem Falle könnte ein Orgasmus ohne Ejaculation Vorkommen. Da nun dieses angeblich öfters beobachtet wird, so wird letztere Ansicht wohl die richtige sein. Per Analogiam müssten wir dann schliessen, dass beim Weibe der Orgasmus durch das Gefühl der Contraction der glatten Muskeln des Uterus zu Stande käme. Eine Frau ohne Uterus müsste also wohl noch Libido im Allgemeinen, aber keinen Orgasmus mehr empfinden können. Leider sind die Beobachtungen und Experimente in dieser Frage noch sehr lückenhaft. Auf alle Fälle sind wir jedoch gezwungen anzunehmen, dass die Endapparate für die Er- zeugung des Orgasmus nicht in den äusseren Schleimhäuten des Genitalorganes, sondern in den die Ejaculation ver- mittelnden inneren Organen liegen müssen. Ueber die inneren Beziehungen zwischen Erection und Libido ist nicht viel bekannt. Es ist möglich, dass durch den 36 Turgor der Erection die Endapparate des libidinösen Organes besser befähigt werden, Reize zu empfinden, sodass durch die Erection die empfundene Libido vergrössert wird. Hiermit ist indessen der Zweck der Erection nur beim Weibe erschöpft. Beim Manne hat die Erection noch einen anderen und zwar einen viel grösseren Zweck, nämlich den Zweck, beim Weibe Libido zu erzeugen und den Coitus zu ermöglichen. Ein Mann ohne Erection kann Libido empfinden und vielleicht gerade so viel, wie ein Mann mit Erection, aber er kann beim Weibe keine Libido erzeugen, wenigstens nicht auf natürlichem Wege. Dauer und Intensität der männlichen Erection haben daher die Bedeutung, Dauer und Intensität der beim Weibe zu erzeugenden Libido zu bestimmen. Die weiblichen Erectionen spielen in dieser Beziehung vielleicht gar keine, sicher nur eine untergeordnete Rolle. Desswegen sind beim Weibe die corpora cavernosa auch nur rudimentär vorhanden. c) lieber Potenz. § 22. Drei verschiedene Hauptarten der Potenz. Wir haben bisher bei den venerischen Acten die Zeugung von der Libido getrennt. Bei der Libido muss man wieder unterscheiden zwischen dem Empfinden und dem Empfindenlassen oder dem Erzeugen derselben. Es giebt also eine dreifache sexuelle Fähigkeit, eine drei- fache Potenz: I. Es giebt eine Potenz zur Zeugung. II. Es giebt eine Potenz zum Empfinden der Libido. III. Es giebt eine Potenz zum Erzeugen der Libido. Wir wollen diese drei Arten der Potenz einzeln betrachten. § 23. Die Procreationspotenz. Die erste Art der Potenz ist die Potenz zur Erzeugung yon Nachkommen. Wir wollen dieselbe als ,,Procreations- potenz“ bezeichnen. Diese Potenz hängt ab von dem Yorhandensein und dem normalen Functioniren der essentiellen Geschleclitstheile, d. i. 37 der Geschlechtsdrüsen, also beim Manne der Hoden, beim Weibe der Eierstöcke. Das Vorhandensein der accessorischen Geschlechtstheile, des Penis, des Uterus, der Vagina u. s. w. ist im Princip nicht nötliig. Ein Mann ohne Penis kann immer noch Kinder er- zeugen, ebenso wie eine Erau ohne Uterus und Vagina. Allerdings ist der Mechanismus der Procreation in diesem Falle ein complicirterer und abnormer. Ein Mann kann eine Frau befruchten, wenn er in künstlicher Weise, etwa mit Hülfe einer Spritze, sein Sperma in die Vagina practicirt. Hierzu ist aber weder ein normaler, noch überhaupt ein Penis nöthig. Eine Frau, deren Vagina und Tuben obliterirt sind, kann noch schwanger werden, wenn sie etwa durch eine abdominelle Fistel extrauterin schwanger wird. Solche Dinge sind schon öfters beobachtet und selbst künstlich herbeigeführt worden. Die künstliche Einführung des männlichen Sperma in den Uterus ist, bei Verlust des Penis, etwa durch ein Trauma, bei Eheleuten, die absolut Kinder haben wollten, schon öfters ärztlich ausgeführt worden und unter dem Namen der „künst- lichen Befruchtung“ bekannt. Es ist auch schon beobachtet worden, dass eine Frau, deren Uterus amputirt worden war, die aber eine abdominelle Fistel behalten hatte, durch diese Fistel extrauterin schwanger geworden ist. Es ist theoretisch nicht auszuschliessen, dass ein Mann ohne Penis und eine Frau ohne Uterus und Vagina Kinder erzeugen, wenn der männliche Samen etwa durch Punction der Bauchdecken in die Perito- nealhöhle practicirt würde. Allerdings ist in Folge des abnormen Mechanismus die Procreation sehr erschwert und praktisch pflegen solche Indi- viduen dennoch für die Vermehrung des menschlichen Ge- schlechtes nicht viel beizutragen. In einem engeren Sinne pflegt man daher auch von Potenz im Sinne der Procreation zu sprechen, wenn nicht nur die Geschlechtsdrüsen normal fünctioniren, sondern wenn auch die accessorisclienGesclilechts- theile normal fünctioniren, so dass die Procreation normal von Statten gehen kann. In diesem Sinne müssen wir also unterscheiden zwischen absoluter und relativer Procreationäpotenz resp. -Impotenz. 38 Der Grad der Procreationspotenz ist bei verschiedenen Individuen verschieden. Es giebt zunächst ganz zeugungs- unfähige Individuen. Diese Unfähigkeit kann angeboren oder erworben, dauernd oder vorübergehend sein. Physiologisch kommt sie im Kindes- und im Greisenalter vor. Mädchen scheinen indessen schon etwas vor der Menstruation fruchtbar zu sein, wenigstens giebt es Mütter, die noch nicht menstruirt haben. Mit dem Climakterium hört die Fruchtbarkeit des Weibes auf. Bei Männern kann die Fruchtbarkeit sich in- dessen bis in das Greisenalter erstrecken. Bei Knaben fängt sie erst mit der Ejaculationsfäliigkeit an. Auch Klassen und Bassen sind verschieden fruchtbar. Die ärmeren Klassen sind im Allgemeinen fruchtbarer, wie die reicheren, die slavisclien Bassen sind fruchtbarer, wie die romanischen. Diese Verschiedenheiten betreffen practisch aber nur die Frauen. Die Männer sind, wenn sie überhaupt zeugungsfähig sind, practisch alle als von gleicher Zeugungs- potenz anzusehen, insofern als auch der am wenigsten zeu- gungsfähige Mann bei genügendem weiblichen Material Hun- derte, bei künstlicher Befruchtung Hunderttausende von Nach- kommen zeugen könnte. Die Anzahl der in jeder Ejaculation enthaltenen Spermatozoen geht in die Millionen, und zur Befruchtung ist nur Ein Spermatozoon nöthig. § 24. Passive venerische Potenz. Es giebt ferner eine Fälligkeit, eine Potenz, Libido zu empfinden. Es handelt sich liier um „venerische“ Potenz und zwar um „passive“ venerische Potenz im Gegensatz zur gleich zu betrachtenden ,,activen“. Diese Potenz hängt ab von dem Zustande des specifischen venerischen Nervensystems. Sobald dieses Nervensystem, welches aus einem peripheren, einem spinalen und einem cere- bralen Keil besteht, laedirt ist, wird diese Potenz vermindert. Bei Laesion des cerebralen Theiles wird sie total zerstört. Die Unfähigkeit, Libido zu empfinden, ist entweder ange- boren oder erworben, sie ist dauernd oder nur zeitweilig, sie ist anatomisch begründet oder nicht. Physiologisch kommt sie bei Kindern und Greisen vor. 39 § 25. Frequenz, Dauer, Intensität. Bei dieser Art der Potenz muss man dreierlei unter- scheiden : 1) die Frequenz, 2) die Dauer, 3) die Intensität der empfundenen Libido. Es giebt Männer, die sehr oft, aber nicht lange, solche, die sehr lange, aber nicht oft, Libido empfinden können. Es giebt Männer, die zwar lange und oft Libido empfinden können, bei denen die Intensität der Libido aber sehr schwach ist. Bei manchen kommt es hier gar nicht zum Orgasmus. Es giebt also eine dreifache Unterart der passiven veneri- schen Potenz: Eine in Bezug auf Frequenz, eine in Bezug auf Dauer und eine in Bezug auf Intensität. Es giebt zuletzt eine Fälligkeit, eine Potenz, Libido bei einem Anderen zu erzeugen. Icli denke liier allerdings nur an die Fälligkeit, mit dem Genitale bei einer Person des anderen Geschlecktes Libido zu erzeugen. Die Erzeugung von Libido mit anderen Organen, oder bei Personen desselben Ge- schlechtes, ist von einer anderen Art. Es ist dieses die active venerische Potenz oder „Goitionspotenz“. Die Coitionspotenz hängt ab von dem Vorhandensein und dem normalen Functioniren der accessorischen Ge- schlechtstheile, also beim Manne vom Penis, beim Weibe von der Vagina. Ein Mann ohne Penis, oder mit geknicktem, luxirtem oder sonstwie abnorm geformtem oder mit nicht erigirbarem Penis, eine Frau mit Vaginismus oder mit atresia vaginae u. s. w. sind coitionsimpotent. Beim Manne ist also die Coitionspotenz abhängig von der Fähigkeit, normal zu erigiren, also von der „Erections- jootenz“. Die Frau bedarf zum Coitus keinerlei Veränderungen ihres Genitales; insbesondere sind ihre Erectionen hierfür ganz unnöthig. Der Mann ist also immer nur intermittirend, die Frau dagegen perennirend coitionspotent. Der Mangel der Coitionspotenz ist entweder angeboren oder erworben, entweder dauernd oder vorübergehend, ent- § 26. Active venerische Potenz. 40 weder anatomisch begründet oder nicht. Physiologisch kommt derselbe im Kindes- und Greisenalter vor. § 27. Frequenz, Dauer, Intensität. a) Beim Manne. Audi hier müssen wir dreierlei unterscheiden : 1) die Frequenz, 2) die Dauer, 3) die Intensität der erzeugten Libido. In Bezug hierauf sind nun beide Geschlechter sehr ver- schieden constituirt, so dass wir beide gesondert betrachten müssen. Die Frequenz, mit der Libido erzeugt werden kann, hängt beim Manne ab von der Häufigkeit, die Dauer derselben hängt ab von der Dauer, die Intensität derselben hängt ab von dem Grade der Erection, der Form des Penis u. dgl. Die Frequenzpotenz kann sehr gross, die Dauerpotenz sehr klein sein und umgekehrt. Ein Mann, der in einer Nacht vielleicht zwölf Mal coitirt, aber jedes Mal in introitu ejacu- lirt, hat eine grosse Frequenz-, aber eine kleine Dauerpotenz. Ein Mann, der alle Wochen einmal, aber dann stundenlang coitiren kann, hat eine grosse Dauerpotenz bei geringer Frequenzpotenz. Ein Mann, der vielleicht sehr oft und sehr lang erigiren kann, kann vielleicht, wenn seine Erectionen nur einen geringen Grad erreichen, nur eine sehr geringe Libido erzeugen. Ich will jedoch damit keineswegs gesagt haben, dass, wie der Laie regulär glaubt, die erzeugte Libido bei der Frau pro- portional dem Volumen und der Erigirbarkeit des Penis seien. Manche Frauen laboriren gerade daran, dass ihre Männer einen so massiven und zu sehr erigirbaren Penis haben. § 28. Fortsetzung. ß) Beim Weibe. Beim Weibe verhält sich alles dieses ganz anders. Fre- quenz und Dauer der activen weiblichen venerischen Potenz hängen ab von der Resistenzfähigkeit der Pflasterepi- 41 thels der Vagina. So lange dieses Epithel nicht durch- scheuert ist, kann eine Frau beliebig oft und beliebig lange den Coitus zulassen. Bei normalem Epithel ist also diese Art der Potenz praktisch bei jedem Weibe in Vergleich zu einem Manne sehr gross. Die Intensität der Libido, die eine Frau erzeugen kann, hängt dagegen von der Form der Vagina, der Stärke ihrer Sphincteren u. dgl. ab. § 29. Unabhängigkeit dieser Arten der Potenz. Es giebt also zunächst drei verschiedene Arten der Potenz : Eine Procreationspotenz, eine passive und eine active veneri- sche Potenz. Letztere ist die Coitionspotenz, beim Manne die Erectionspotenz. Bei der Procreationspotenz müssen wir unterscheiden zwischen der Potenz im engeren und im weiteren Sinne, bei der activen und passiven venerischen Potenz müssen wir unter- scheiden zwischen Frequenz, Dauer und Intensität. Es giebt also acht verschiedene Arten der Potenz. Diese acht Arten sind nun bis zu einem hohen Grade unabhängig von einander. Die eine Art kann sich vergrössern, die andere kann sich verkleinern, eine dritte sich wieder ver- grössern u. s. w. Oft steht die Yergrösserung der einen Art in directem Zusammenhang mit der Verkleinerung der anderen. Manche Arten der Potenz können ganz verschwinden, ohne dass die anderen Arten darunter leiden. § 30. Combinationen derselben. Es giebt also eine ganze Anzahl von Combinationen der verschiedenen Arten der Potenz und Impotenz. Wären alle diese Arten der Potenz ganz unabhängig von einander, so liesse sich nach den Hegeln der Permutationsrechnung die Anzahl der möglichen Fälle berechnen und ihre Natur ableiten. Da hier nun doch eine totale Unabhängigkeit nicht besteht, so ist die Anzahl der wirklich möglichen und beobachteten Com- binationen eine beschränktere. Dennoch ist diese Anzahl eine sehr grosse. 42 Es giebt z. B. Männer, die in jedem Sinne procreations- unfähig sind; die aber oft, lange und intensiv Libido empfinden nnd erzeugen können. Es giebt Frauen von staunenerregender Fruchtbarkeit, die nie die geringste Libido empfunden haben. Es giebt sehr libidinöse Frauen, die ganz unfruchtbar sind. Es giebt Frauen, die zwar sehr selten Orgasmus empfinden können, die aber stundenlang die vororgastische Libido empfinden können und schier unersättlich zu sein scheinen. Es giebt Männer, welche die Fähigkeit, Libido zu empfinden, was Frequenz und Intensität angeht, sehr verloren haben, bei denen die Fähigkeit, Libido zu erzeugen, was Frequenz angeht, sehr abgenommen hat, bei denen aber die Fähigkeit, gelegentlich lange Libido zu empfinden und lange und inten- sive Libido zu erzeugen zugenommen hat. Dieses kommt sehr oft bei Tabes vor. Bei der Nymphomanie der Frau und der Satyriasis des Mannes ist die Fähigkeit, Libido zu empfinden, was Frequenz angeht, abnorm gesteigert, alle anderen Fähig- keiten können aber sehr gesunken sein. Beim Priapismus des Mannes ist die Dauerpotenz, Libido zu erzeugen, sehr ge- steigert, alles Uebrige kann aber verschwunden sein. Es giebt auch eine Art physiologischen Priapismus, der besonders bei jüngeren Männern vorzukommen pflegt, der darin besteht, dass nach Beendigung der Ejaculation eine Erection bestehen bleibt ohne jede Libido, welche Erection gerade wie eine mit Libido verbundene, zu ferneren Frictionen und zu einem zweiten Orgasmus von der Frau fructificirt werden kann. Bei einigen wilden Völkerschaften besteht die Unsitte, Männern die Urethra bis zum Scrotum aufzuschneiden. Solche Männer sind unfruchtbar im engeren Sinne, da der Same im Coitus nicht in die Vagina befördert werden kann. Sie sollen aber ganz besonders fähig sein, sowohl Libido zu empfinden, wde zu erzeugen, und zwar weil die Frictionsverhältnisse sowohl für den Mann, wie für die Frau günstiger sein sollen. Aus diesen drei Gründen soll die Operation gemacht werden. (Cf. Bartels „Die Medicin der Naturvölker.“) Die verschiedenen Arten der Potenz beginnen und enden in einem verschiedenen Alter. Die Procreationspotenz z. B. beginnt beim Weibe mit der Menstruation, vielleicht schon 43 kurze Zeit vor derselben, also etwa im vierzehnten Jahre. Die Fähigkeit, Libido zu empfinden, entsteht in der Regel viel später, zur Zeit des beendigten Wachsthums, also meistens im zwanzigsten Jahre. Nur bei frühzeitig verführten Mädchen kann sie schon zur Zeit der Menstruation und selbst noch früher auftreten. Die Fähigkeit, Libido zu erzeugen, haben die Mädchen schon im späteren Kindesalter. Die Fähigkeit, Kinder zu zeugen, hört mit dem Climakterium auf, die Fähig- keit, Libido zu empfinden, dauert in der Regel etwas länger, und die Fähigkeit, den Coitus zuzulassen, dauert meistens bis in das höchste Greisenalter. Beim Manne ist dieses ganz anders. Die Fähigkeit, zu zeugen, fängt beim Knaben mit der ersten Pollution an, die Fähigkeit, Libido zu empfinden, fängt meistens schon etwas eher an, niemals später, während die Fähigkeit, Libido zu er- zeugen, i. e. Erectionen zu produciren, oft schon sehr früh ent- wickelt ist. Die Fähigkeit zu zeugen, hört mit der Fähigkeit Sperma zu produciren, auf. Die Fähigkeit zu erigiren, hört in der Regel schon eher auf, während die Fähigkeit Libido zu empfinden, am längsten erhalten bleibt. „Sieh’, wie lange die Begierde das Vermögen überdauert,“ sagt Prinz Heinrich über Fallstaff. Wir sehen also, dass der Begriff der sexuellen Potenz ein sehr vielseitiger ist. Wenn man von einem Individuum bloss sagt, es sei potent oder impotent, so hat man damit recht wenig gesagt, so lange man keine näheren Bestim- mungen hinzufügt. Ein Physiologe, der wissenschaftliche Untersuchungen anstellen will, muss diese Unterscheidungen machen, wenn er nicht Dinge schreiben will, die man besser an Unterofficierstischen hören kann. Aber auch Praktiker müssen diese Unterscheidungen machen. Der klinische Arzt z. B. muss diese Unterscheidungen kennen, da Diagnose und Therapie bei den verschiedenen Arten der Impotenz sehr verschieden sind. So ist z. B. die „neuras- theniscke“ Impotenz, die sich dadurch charakterisirt, dass zu schnell, oft schon ante portas, und ohne gehörige Erection Orgasmus und Ejaculation zu Stande kommt, oder dass über- haupt keine Erection mehr zu Stande kommt, das Sperma 44 ohne Orgasmus und nur massiger Libido bei hängendem Penis abfliesst und dgl., sehr verschieden in Bezug auf Therapie und Diagnose von der „frigiden“ Impotenz, bei der nur sehr selten oder gar nicht coitirt werden kann, weil keine Libido vor- handen ist und kein Sperma producirt wird. Dessgleichen muss der Haus- und Familienarzt diese Unter- scheidungen kennen. Manche Ehe z. B. laborirt an sexuellen Incongruenzen. Dieselben können mannigfacher Art sein. Entweder der Mann coitirt zu selten oder zu kurz dauernd, oder die Frau ejaculirt zu langsam oder gar nicht u. s. w. Hier kann der weise Arzt sehr nützliche Batlischläge ertlieilen und damit viel Unheil und Skandale, Ehebrüche, Eheschei- dungen, mit allen ihren Folgen, z. B. vernachlässigter Kinder- erziehung, Vermögensruin etc. verhindern. Auch der Jurist sollte dieses wissen. In vielen Gesetz- büchern, z. B. im preussischen Landrecht, ist Impotenz ein Grund zur Scheidung. Was versteht hier aber der Jurist unter Impotenz ? Nach der Praxis der preussischen Juristen ist ein Mann als impotent zu betrachten, der weniger wie alle vierzehn Tage coitiren kann. Wie aber, wenn ein Mann täglich coitiren kann, aber schon beim ersten Stoss ejaculiren muss ? Ein solcher Mann ist für eine Frau eine viel fragwürdigere Gestalt, wie ein Mann, der nur alle vierzehn Tage coitirt, dafür aber den Coitus eine Stunde lang und länger fortsetzt. Hat hier auch die Frau eine Scheidungsklage ? Wie, wenn ein Mann alle Tage eine Stunde lang coitiren kann, aber keine beweglichen Spermatozoiden in seinem Sperma hat, ist er dann auch impotent im Sinne der Gesetze und kann sich die Frau von ihm scheiden lassen ? Eine Frau ist als impotent zu be- trachten, wenn sie keine Kinder bekommt; ferner, wenn sie eine ungangbare Vagina hat. Wie aber, wenn eine Frau fruchtbar ist und eine gangbare Vagina hat, aber gar keine Libido empfindet, oder nur mit Hülfe von allerlei Manipulationen, die vielleicht stundenlang andauern müssen, Libido und Orgasmus empfinden kann ? Wie, wenn ein Mann an dem analogen Fehler leidet, dass er zwar zeugungsfähig ist und auch genügend oft und genügend lange Erectionen produciren kann, aber nur nach Anwendung von allerlei Manövern ? 45 Von den vielen hier theoretisch möglichen und klinisch beobachteten Krankheitsbildern wollen wir hier einige der praktisch wichtigeren betrachten. C) — Beschreibung einiger pathologischer Zustände. 1) Keine Libido, kein Orgasmus—Frigidität. § 31. Beim Manne. Es giebt zunächst* Individuen, welche keinerlei Libido empfinden können und zwar in keiner Weise, weder beim Wachen noch im Traume, weder in natürlicher noch in wider- natürlicher Weise. Es fehlt ihnen der ,,sensus Veneris“. Sie sind total passiv venerisch impotent. Die venerische Curve ist hier gleich der Abscissenaxe. Wir wollen diesen Zustand als Frigidität bezeichnen. Dieser Zustand kommt bei Männern und Frauen vor. Da er bei beiden Geschlechtern einige Verschiedenheiten zeigt, so müssen wir dieselben isolirt betrachten. Wir beginnen mit der Beobachtung der männlichen Frigidität. Dieser Zustand ist entweder anatomisch begründet, z. B. oft beim Mangel der Testiculi vorhanden, oder er ist wenig- stens nicht grob-anatomisch begründet. Er ist ferner ent- weder temporär oder das Leben andauernd. Temporär kommt er zunächst physiologisch bei Knaben vor, sodann bei Greisen im hohen Alter; pathologisch kommt er temporär nach er- schöpfenden Krankheiten vor. Er ist ferner entweder ange- boren oder erworben. Erworben wird er, abgesehen von chirurgischen Verstümmelungen, durch Excesse in Venere, besonders durch excessive Onanie. Es ist hierbei auffallend, dass wenn die Fähigkeit Libido zu empfinden, fehlt, nicht nothwendigerweise weder die Fähig- keit, Nachkommen zu zeugen, noch die Fälligkeit, beim Weibe in coitu Libido zu erzeugen, fehlt. Diese viri frigidi sind oft procreationspotent, sie haben normal functionirende Hoden; sie sind coitionspotent, sie haben normal erigirbaren Penis. Sie sind oft auch erotisch angelegt, verlieben sich leicht und machen Verse. Sie sind oft sonst sehr kräftig und zwar 46 sowohl körperlich, wie geistig. Einer der bekanntesten und tüchtigsten europäischen Kriegshelden der letzten Zeit ge- hörte in diese Kategorie. Sie sind überhaupt gelegentlich in allem völlig normal, bis auf die Fähigkeit, Libido zu empfinden. Theoretisch sind diese Männer sehr interessant, insofern wir an denselben ersehen, dass die Centren für Procreation, Ejaculation, Erection, Erotik u. s. w. unabhängig von dem Centrum für den sensus Veneris sind und dass das eine Centrum isolirt laedirt werden kann. Das klingt prima facie sehr merkwürdig. Bei genauerem Nachdenken ist dieses Phänomen indessen nicht so sehr merk- würdig. Giebt es nicht musikalische und unmusikalische Men- schen? Die ersteren besitzen ein Centrum, welches den letzteren fehlt. Goethe, der grösste Lyriker, war ohne jegliches musika- lische Yerständniss. Yon den beiden anscheinend so nahe ver- wandten Centren für Musik und Lyrik fehlte bei ihm das eine. Es giebt ferner Menschen, die zwar banale Musik sehr lieben, die höhere aber verabscheuen, und umgekehrt giebt es Men- schen, welche alle Musik lieben, nur bestimmte, z. B. die Wagner’sche, nicht, wie es Menschen giebt, die für Wagner schwärmen und von aller übrigen Musik kalt gelassen werden. Letztere haben ein Wagner-Centrum, welches den ersteren fehlt. So kann oft von nahe verwandten Centren das eine laedirt sein, während die anderen vielleicht aussergewöhnlich stark entwickelt sind. Trotz seines theoretischen Interesses ist dieser Zustand der männlichen Frigidität aber ohne erhebliches praktisches Interesse. Das hat mehrere Gründe. Zunächst ist die Anzahl der frigiden Männer eine sehr geringe — sie beträgt weniger wie ein Prozent — sodann sind die überwiegende Mehrzahl der frigiden Männer quod procreationem et coiturn impotent. Sie heirathen in der Kegel nicht, und wenn ja, so sind sie nach- sichtig und erregen keine Streitigkeiten. Auch therapeutisch lässt sich mit ihnen nichts machen. Sie haben also weder für den Arzt noch für den Sociologen ein nennenswerthes prak- tisches Interesse. 47 § 32. Beim Weibe. Ganz anders ist dieses beim Weibe. Die Betrachtung der weiblichen Frigidität ist nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch sehr interessant. Der Grund für weibliche Frigidität ist oft ein grob anato- mischer. Es fehlt die Clitoris oder das Ovarium. Dieser anatomische Grund kann wiederum angeboren oder erworben sein. Die Ovarien und die Clitoris können amputirt worden sein, Operationen, die früher öfters, meistens unsinnigerWeise, ausgeführt wurden. Oft aber ist der Grund kein anatomischer, wenigstens nicht im gewöhnlichen groben Sinne. Es ist kein organischer Defect der Geschleehtstheile nachzuweisen. Auch dann kann er angeboren oder erworben sein. Erworben wird er durch Excesse und erschöpfende Krankheiten. Temporär kommt er physiologisch bei alten Frauen jenseits des Climak- teriums und bei jungen Mädchen vor der Pubertät vor. Das ist allgemein bekannt. Was aber den wenigsten Laien und nur sehr wenigen Aerzten bekannt ist, ist, dass dieser Zustand auch bei den menstruirten Mädchen die Kegel ist und so lange anhält, bis durch wiederholte sexuelle Erregungen dieses Wollustgefühl herangebildet worden ist. Dieses geschieht zum Beispiel durch Romanlesen, onanistische Verführung in der Pension, Küssen des Liebhabers, Coitusversuche des Mannes u. dgl. Die Mehrzahl der Menschen ist der umgekehrten Ansicht. Sie hält junge Mädchen im Beginne der Pubertät für ganz besonders venerisch reizbar. Diese Ansicht beruht auf einer Confusion von Venerie und Erotik. Junge Mädchen pflegen im Beginne der Pubertät allerdings erotisch stark reizbar zu werden. Sie verlieben sich sofort in einen rothen Husaren oder einen blauen Dragoner u. s. w. Dieses imponirt dem Laien für eine venerische Gereiztheit. Es handelt sich hier indessen um eine physiologische Erotomanie und keineswegs um eine physiologische Nymphomanie. Oft sind junge eroto- mane Mädchen sogar ausgesprochen antivenerisch. Bei Knaben ist dieses ganz anders. Gleich mit Beginn der Pubertät stellt sich bei Knaben von selbst neben der ero- tischen die venerische Reizbarkeit ein. Knaben laboriren 48 gleich im Beginne der Pubertät nicht nur an physiologischer Erotomanie, sondern auch an physiologischer Satyriasis und oft ist diese Satyriasis an Intensität bei weitem stärker, wie die Erotomanie. Daher giebt es mehr Knaben, die onaniren, -wie solche, die schlechte Verse an die Geliebte machen. Der Jüngling wird von selbst zum Manne, die Jungfrau aber muss, wie man poetisch sagt, erst „zum Weibe geküsst“ werden. Dieser Zustand ist für die Oeconomie der menschlichen Gesellschaft sehr nützlich. Wohin sollte es führen, wenn unerfahrene Geschöpfe, wie junge Mädchen zu sein pflegen, schon den sensus veneris, das venerische Gefühl und damit das Bedürfniss nach dessen Befriedigung empfänden ? Da würde es trotz angeborener Schamhaftigkeit und bester Erziehung nur noch wenige nicht verführte Jungfrauen geben. Wir finden diesen Zustand in ähnlicher Form auch im Thierreich wieder. Ein junges weibliches Thier lässt das Männchen zur Erotik sehr bald, zum Coitus aber erst nach längeren Bemühungen desselben zu. Hätten die jungen Weib- chen den sensus veneris früher, so ist nicht einzusehen, wess- lialb im Tliierreiclie, wo von Schamhaftigkeit etc. doch nicht die Rede sein kann, der Coitus von den Weibchen so lange hinausgeschoben würde. Es giebt aber Frauen, bei denen dieser Zustand der Frigi- dität nicht temporär, sondern das ganze Leben lang andauernd ist, und zwar ohne grob anatomische Ursache. Mit diesen frigiden Frauen müssen wir uns etwas näher beschäftigen. Aeusserlich ist diesen Frauen oft nichts anzusehen. Sie haben oft durchaus den weiblichen Habitus, ohne männliche Allüren, sie sind oft schön und haben selbst oft „feurige Augen,“ so dass der Laie bei ihrem Anblick denkt, sie seien ganz besonders venerisch reizbar. Ebensowenig fehlt bei frigiden Frauen mit Notliwendigkeit die Erotik. Man findet oft sehr erotische Frauen, welche venerisch total frigide sind. Ich wurde einmal von einem jungen Mädchen consultirt, welches mir folgende Klage vorbrachte : Sie habe seit über einem Jahre ein Verliältniss mit einem sehr schönen Lieute- nant, den sie unendlich liebe. Leider habe sie kein Gefühl bei seinen Zärtlichkeiten, was ihr aber nur desshalb peinlich 49 sei, weil ihr Liebhaber ihr clesswegen Vorwürfe mache. Er habe ihr schon alles zu essen und zu trinken gegeben, von der Auster bis zur Trüffel, vom Sect bis zum Cognac, aber ohne Erfolg. Sie habe den Mann aber so lieb, dass sie nicht wollte, dass er ihretwegen verzichten sollte, und so habe sie ihm nicht nur den Vorschlag gemacht, eine andere feurigere Geliebte zu nehmen, sondern sie habe ihm selbst unter ihren Freundinnen eine ausgesucht, von der sie wisse, dass sie dieses Gefühls nicht entbehre. Sie habe ihre Freundin auch kürzlich besucht, um sich zu überzeugen, ob ihr Geliebter nun auch wirklich glücklich sei. Da sei aber doch plötzlich eine Art Eifersucht in ihr rege geworden, und es sei ihr der Gedanke gekommen, ob ein Arzt ihr nicht vielleicht helfen könne ? Ich habe nie eine rührendere Erotik gesehen, trotz ihrer Verirrtheit. Das Mädchen war mehr wie mittelmässig schön und hatte selbst sogenannte feurige Augen. Ich mache darauf aufmerksam, dass eine Frau, welche Frigidität concedirt, immer absolut glaubwürdig ist. Diese Frigidität hindert die Frauen auch keineswegs, fruchtbar zu sein, oft sind sie sogar von erstaunlicher Frucht- barkeit, so dass man einen inneren Causalnexus zwischen der gesteigerten Procreationspotenz und der auf Null reducirten passiven venerischen Potenz annehmen muss. Ich habe einmal eine 70-jährige Frau an einer banalen Krankheit behandelt. In der Reconvalescenz fing die ge- schwätzige Greisin auf einmal an, mir folgendes Geständniss zu machen : Sie wolle mir etwas erzählen. Sie müsse sich zwar etwas schämen, aber sie sei ja ein altes Weib und ich sei ja nur ein Doctor. Es sei ihr ja jetzt gleichgültig; ich solle nicht denken, dass sie jetzt noch kurirt werden wolle, aber sie wolle mir nur sagen, dass sie nie, wenn ihr Mann zu ihr gekommen sei, irgend etwas gefühlt habe, weder bei ihrem ersten noch bei ihrem zweiten Mann. Und doch sei ihr erster Mann ein so schöner Mann gewesen und habe sie so gerne gehabt, und erst ihr zweiter Mann, der sei der schönste Mann des Dorfes gewesen. Wenn dann die Frauen des Abends beim Brunnen zusammen gekommen seien und sich immer erzählt hatten, wie gut das thäte, und dass sie lieber nichts 50 essen wollten, cla hätte sie auch immer gesagt: ja das ist so gut; aber innerlich hatte sie immer gedacht, was doch eigent- lich dabei sei; ob ich ihr das nicht erklären könne. Sie wolle ja keine Medicin dafür haben, ihr Mann sei ja todt und sie sei zu alt, aber sie möchte doch gerne wissen, wie das zusammenhinge. Diese Frau hatte eine zahlreiche Nachkommenschaft hinterlassen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, worüber denn die Lieschen und die Bärbchen am Brunnen sprechen, wenn sie sich verheiratliet haben und tugend- und sittsame Bürgers- und Ehefrauen geworden sind. Der Ausdruck „nur ein Doctor“ ist sehr charakteristisch. Er erinnert an das Dictum einer Tänzerin, die einer jüngeren Collegin sagte : Tänzer und Aerzte seien keine Männer. Es ist auffallend, in welcher gescliäftsmässig trockenen Weise selbst die verschämtesten Frauen mit Aerzten über ihre sexuellen und benachbarten Beschwerden reden. Das erinnert an die prüden Engländerinnen der Tropen, die nichts darin sehen, sich von nackten Negern bei Tische und sonstwo bedienen zu lassen. Neger sind eben keine Männer. Aerztliche Praxis bei Weibern ist sicherlich das beste Anaphrodisiacum. Die Frigidität hindert die Frauen ferner in keiner Weise, coitionspotent zu sein. Im Gegentheil. Passiv impotente Frauen sind in der Regel von schier unendlicher activer vene- rischer Potenz. Da ihr Nervensystem venerisch überhaupt nicht erregbar ist, so können sie Frictionen ihrer Genitalien so lange aushalten, wie das Pfiasterepithel derselben dieses aus- hält. Ihre Coitionspotenz wird also nicht, wie bei den nor- malen Frauen, begrenzt von der Erschöpfung des venerischen Nervensystems, sondern nur von der Resistenzfähigkeit des vaginalen Epithels. Dieses Epithel ist aber viel resistenter wie das Nervensystem. Während nun die Frigidität beim Manne, wie wir früher gesagt, sehr selten ist, ist sie beim Weibe sehr häufig. Mehr wie zehn Procent aller Frauen sind ihr Leben lang frigide. Während ferner die Mehrzahl der frigiden Männer procrea- tions- und coitionsimpotent sind, sind die bei weitem grösste Mehrzahl der frigiden Frauen aussergewöhnlich fruchtbar und coitionspotent. Diese veränderte Statistik ist es, welche die 51 weibliche Frigidität nicht nur theoretisch, sondern auch prak- tisch interessant macht. § 33. Frigidität und Sittsamkeit. Frauen dieser Kategorie pflegen im Allgemeinen sexuell tugendhaft zu sein. Sie haben keinen specifischen Antrieb, es nicht zu sein. Doch giebt es hiervon allerdings scheinbare Ausnahmen. Es sind nämlich oft ausservenerische Motive, welche sie zur Untugend und zum Laster bringen. Hierher gehört z. B. das Bestreben, Geld zu verdienen. Frigide Frauen werden daher öfters Prostituirte. Sie bringen es in diesem Berufe oft sogar weiter, wie ihre venerisch besser ausgestatteten Concurrentinnen. Denn, da ihr Herz nie mit ihrem Kopf durchgeht, so behalten sie immer den Kopf hoch. Sie können die Behandlung des „schmachten lassens“ viel besser durchführen, wie andere, und wenn sie die Kunstgriffe der Simulation gelern haben — in diesem Berufe erfahren auch frigide Frauen gelegentlich etwas davon, meistens sind die Kupplerinnen die Lehrerinnen — so können sie in ihrem Berufe oft die höchste Stufe erklimmen. Sie sind oft Virtuo- sinnen in der Kunst, Cavaliere zu ruiniren und Ersparnisse aufzuhäufen. Ich wurde auch einmal von einer solchen hochgestiegenen Hetäre consultirt, angeblich wegen Gelenkrheumatismus. Als ich ihr die Diagnose Lues mittheilte, wurde sie sehr gerührt und sagte mir, ich solle desswegen nicht schlecht von ihr denken ; sie sei besser, wie ihr Buf; sie habe das niemals aus böser Lust gethan ; sie sei ganz gefühllos ; sie habe das nur gethan, um ihren Eltern einen sorgenfreien Lebensabend und ihrem kleinen Kinde eine gesicherte Zukunft zu verschaffen. Bei der Gelegenheit erklärte sie mir auch, dass sie ihre Erfolge ihrer Sprödigkeit verdanke, die ihr allerdings nie schwer gefallen sei. Sie habe sich nie unter tausend Mark her- gegeben. Sie moquirte sich dabei sehr über ihre Collegin- nen, diese dummen und schlechten Mädels, die sich oft, wenn ihnen den Sect in den Kopf gestiegen sei, für nichts her- gegeben hätten und selbst den Cavalieren nachgestiegen seien. 52 Die Moral dieser Frau fand icli interessant. Sie gab zwar das Laster der Habgierde zu, bestritt aber entschieden, dass sie dergleichen aus Wollust gethan. Und doch hatte diese Frau Aristoteles’ Ethik sicher nicht gelesen. Es giebt ferner frigide Mädchen, die zu Falle kommen, um ihrem Liebhaber gefällig zu sein. Frigide Frauen sind, wie gesagt, in der Regel normal erotisch. Sie haben daher oft ein Verhältnis und gestatten dann den Coitus ebenso leicht wie fervide Frauen. Ich habe schon mehrere aus anatomischen Gründen frigide Mädchen gesehen, die wegen Lues in die Kliniken kamen, und auf die Frage, warum sie unter diesen Umständen denn solche Dinge tliäten, antworteten, „weil die Männer nun einmal so drollig wären.“ Oft kommen frigide Mädchen aus blosser Neugierde zu Fall. Sie wollen wissen, was das denn eigentlich ist, von dem die anderen Frauen und Mädchen so viel sprechen. Ein nor- males Mädchen besitzt diese Neugierde viel weniger, wreil sie in sich fühlt, was das sein würde. Auch hierfür kann ich aus meiner Praxis ein Beispiel anführen. Ich wurde einmal von einem Mädchen wegen Gonorrhoe consultirt. Nach den obli- gaten wohlwollenden Ermahnungen, sagte sie zu mir: „Ja, wenn sie so wäre, wie ihre ältere Schwester, die im Kloster sei, dann könnte sie das sehr leicht, so aber glaube sie nicht, dass sie das in den nächsten Jahren lassen könne. Ihr Vater habe das Vermögen vertrunken, standesgemäss könne sie sich also nicht verlieirathen.“ Auf meine Frage, was das mit ihrer älteren Schwester für ein Bewandtniss habe, sagte sie mir: Nach dem Vermögensruin des Vaters habe ihre Familie ihr, ihrer älteren und ihrer jüngeren Schwester zugeredet, in’s Kloster zu gehen. Ihre beiden anderen Schwestern hatten sich auch dazu entschlossen. Als aber der Tag des Eintritts lieran- nalite, habe ihre ältere Schwester zu ihr gesagt, „bevor sie auf immer auf Liebe verzichte, wrolle sie erst wissen, was das denn eigentlich sei. Eventuell w'olle sie dann ihren Entschluss ändern.“ Sie habe zu diesem Zwecke einen ihr bekannten Fähnrich aufgefordert, eine achttägige Reise mit ihr nach Wiesbaden zu machen Bei ihrer Rückkehr habe sie ge- äussert, „sie gehe in’s Kloster, das sei überhaupt nichts.“ 53 Sie sei jetzt zwei Jahre im Kloster und sehr glücklich. Jedes Mal, wenn sie ihre Schwester besuche, werde sie von ihr auf- gefordert, doch auch in’s Kloster zu kommen. Das sei ja nur dummes Zeug in der Welt. Sie werde auch noch einmal in’s Kloster gehen, aber jetzt noch nicht. Sie fürchte sonst, eines Tages wegzulaufen und wolle keine verlaufene Nonne werden. Sie habe die grösste Unruhe, dass ihre jüngere Schwester, welche in’s Kloster gegangen sei, bevor sie irgend welche Er- fahrungen über die Liebe gesammelt habe, sehr unglücklich sei und eines Tages weglaufen würde. Bei solchen Erzählungen fasst einen „der Menschheit ganzer Jammer“ an. Aber nur ein frigides Mädchen kann den Entschluss fassen, ihre Yirginitas aus purer Neugierde zu ver- lieren. Es kommt gelegentlich auch einmal vor, dass total frigide Frauen, allerdings nur eine kurze Zeit ihres Lebens, und zwar in ihrer Jugend, sich auffallend schamlos aufführen, selbst bei sonst guter Erziehung. Nicht nur gestatteten sie mehreren Männern den Coitus, sondern forderten sie dazu auf. Ich habe versucht, in die Psychologie dieser „frigiden Scham- losigkeit“ einzudringen und glaube dafür folgende Erklärung geben zu können : Im Allgemeinen betrachten die Menschen nur dasjenige als Sünde, was schön erscheint, während das Unangenehme den Eindruck des Tugendhaften macht. Die Schwere der Sünde wird als proportional der empfundenen Lust angesehen. Da nun eine frigide Frau keine venerische Lust empfindet, so kann sie sich in jüngeren Jahren garnicht vorstellen, was denn dabei so schlimmes sei. Es fehlt ihr der moralische Zügel. Das ist eine Erklärung, die ich in Ermangelung eines besseren für dieses räthselliafte Phänomen geben möchte. Sehe ich von diesen nicht zur vita venerea gehörigen Motiven ab, so muss man sagen, dass die frigiden Frauen vene- risch tugendhaft sind. Allerdings oft mehr in Werken, wie in Worten. Ihre Zungen sind oft lasciver, wie die von nicht frigiden Frauen gleicher Bildung. Sie gleichen oft den lustigen Weibern von Windsor, die „ehrbar und doch lustig“ sind. Die Psychologie dieses Phänomens ist dieselbe, wie die des 54 paralellen Phänomens, dass ja auch ältere Philister mit begin- nender seniler Frigidität wieder grösseren Gefallen an sexuellen Kraftausdrücken finden. § 34. Frigidität und Ehe. Frigide Frauen sind ebenso oft verlieiratliet, wie Frauen mit normalem sensus veneris. In der Ehe sind sie oft die Ursache mancher unschönen Erscheinungen. Ist der Mann sehr unwissend und genügsam, so geht alles gut. Ist aber die Resignationskraft des Mannes nicht sehr gross und ist er einigermassen erfahren, so bekommt er sehr leicht einen sexuellen Widerwillen gegen sie. „Odi concubitus, qui non utrimque resolvunt,“ sagt Ovid. Er sucht sich dann oft ausser dem Hause zu entschädigen. Er wird leicht ehe- brecherisch. Auch frigide Frauen lassen sich dieses nicht gerne gefallen, der Blamage wegen, damit die Nachbarinnen nicht ihre Beize anzweifeln etc. und fangen Streitigkeiten an. Es giebt einen Kniff, um dieser Art von Untreue des Mannes zuvorzukommen, der darin besteht, Libido und Orgas- mus zu markiren. Diesen Kniff tlieilt Ovid in seinem Buch de arte amandi den traurigen frigiden Frauen mit, denen natura sensum veneris negavit. Die Mehrzahl der frigiden Frauen kennt aber diesen Kniff nifcht. Woher sollten sie ihn auch kennen? Sie wissen ja gar nichts von Libido und Orgasmus. Wie kann man etwas mar- kiren, von dem man nichts weiss ? Gelegentlich geben zwar weise Frauen, Kartenschlägerinnen und Somnambulen, die in den Zeitungen ihre Kunst, untreue Männer wieder in den Scliooss der sie allein seligmachenden Ehefrauen zurück zu führen, anpreisen, diese Batlischläge. Meistens aber thun sie dieses nicht, sondern rathen zu allerhand Philtren, von der Zwiebel bis zu Menstrualblut auf Zucker getropft etc. In der Begel befolgen die frigiden Ehefrauen eine andere Taktik. Sie appelliren an die Moral und fangen an zu schimpfen. Manche glauben ihren Mann dann am leichtesten vor Untreue zu bewahren, wenn sie ihn sexuell immer stark an strengen. Sie suchen also ihre Männer zu häufigeren und iterirten Cohabitationen zu veranlassen und zwar oft schimpfender 55 Weise, oft indem sie an sein sexuelles Ehrgefühl appelliren, ob er denn so wenig könne ? Da sie selbst keine Libido em- pfinden, so fehlt ihnen jeder Massstab zur Beurtheilung dessen, wie häufig denn ein Coitus rationell ausgeübt werden kann. Sie verlangen daher oft einen Coitus von wirklich unsinniger Häufigkeit. Das Resultat dieser Taktik ist ein sehr trauriges. Reiz- lose, erzwungene Coliabitationen reizen viel mehr zum Auf- suchen von fremden Abenteuern, wie totale Abstinenz. Es ist dieses ein überall wahrzunehmendes Phänomen, welches ich noch nicht beschrieben gefunden habe. Der unglücklich ver- heiratete Ehemann ist in der Regel ein viel grösserer Don Juan, wie der Junggeselle. Daher stammt das Sprücliwort: „Die Ehemänner sind die schlimmsten.“ Es geht in der Sexualsphäre ähnlich wie in der Sphäre der Verdauung. Ekel- hafte Speisen reizen den Appetit oft mehr wie Fasten. Daher gelten von jeher bittere und widrige Mittel als appetitreizend. Dagegen verderben bekanntlich gut schmeckende Speisen, wie z. B. Siissigkeiten, den Appetit. Eine so vorgehende Frau wird nun mit Sicherheit zweierlei erreichen. Sie wird zunächst ihren Mann mit grösserer Wahrscheinlichkeit abstossen und zur Untreue verleiten und sodann ihn körperlich lierunterwirthscliaften. Nichts greift mehr an, wie erzwungene reizlose Coliabitationen. Zum Glück kennen die wenigsten Männer vor der Ehe etwas von weiblicher Frigidität. Oder, besser gesagt, sie kennen nichts von weiblicher Fervidität. Woher sollten sie dieses auch kennen ? Wenn sie vor der Ehe sexuellen Verkehr gehabt haben, so haben sie ihn in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle mit Prostituirten gehabt. Prostituirte pflegen aber, auch wenn sie nicht frigide sind, in dem Verkehr mit ihren „Kunden“, ihren „amants de bourse“, keine Libido und keinen Orgasmus zu empfinden. Dieses sparen sie sich auf für ihre Cohabitationen mit ihrem „Liebhaber“, ihrem „amant de coeur“. Wer seine venerischen Erfahrungen nur bei Prostituirten gesammelt hat, weiss von weiblicher Libido und Orgasmus nichts, und wenn er dann eine frigide Frau heirathet, so meint er, das müsse so sein. Er merkt keinen 56 anderen Unterschied, wie den, dass die Prostituirte einen iterirten Coitus (ohne iterirte Zahlung) verweigert, während die frigide Ehefrau den iterirten Coitus verlangt. Diese Männer lassen sich dann täuschen und halten die Frigidität ihrer Frau für das Zeichen einer collossalen Fervi- dität. Sie halten das für Potenz, was eher Impotenz ist. Diese Männer erkennt man daran, dass sie die Ansicht äussern, die schwächste Frau sei sexuell vielmals stärker, wie der stärkste Mann. Natürlich halten sie sich in Folge dessen für relativ im- potent. Das ist für sie dann ein sehr deprimirendes Gefühl und in diesem ihres Nichts durchbohrendem Gefühle gerathen sie dann leicht unter den Pantoffel ihrer Frau. Sie werden Pantoffelhelden. Sind sie eitel, so strengen sie sich in ihrem Bestreben, ihrer Frau doch so viel wie möglich zu imponiren, sexuell gewöhnlich zu stark an und wirthschaften sich damit mehr oder weniger herunter. Die Thatkraft wird gelähmt und sie versinken in die Unbedeutendheit. Die zänkische, ihren eigenen Mann abstrappazirende, für andere Männer in ihren Handlungen zwar unnahbare, in Worten aber lose Frau, die „tugendhafte Xantippe“, das ist das reguläre Bild der frigiden Ehefrau. Wenn sie keinen Socrates geheirathet hat, so ist sie die Frau eines Lustgreises oder eines Pantoffelhelden. Ein Arzt kann in all diesen Fällen oft recht viel Gutes stiften. Ist eine frigide Frau unverlieirathet, so soll er ihr Hamlet’s Rath geben: Geh’ in ein Kloster. Will sie das nicht, so soll man ihr empfehlen, einen möglichst alten Mann zu heirathen. So' habe ich der obengenannten lueti- schen Hetäre auf ihre Frage, ob sie heirathen dürfe, gesagt, „sie sei die ideale Frau für einen älteren, zeugungs- unfähigen Cavalier, der eitel genug sei, mit einer jungen Frau und Rüstigkeit paradiren zu wollen. Es würde ihr ja nicht schwer fallen, die Treue zu wahren. Sie könne so noch zur Tugendboldin avanciren. In drei Monaten sei sie lieiraths- fähig.“ Ist aber eine frigide Frau an einen jungen Mann ver- heirathet, so kläre er die Frau über ihren Zustand auf und gebe ihr den Ovidischen Rath. So habe ich dem erotischen, 57 in den Lieutenant verliebten Mädchen, die mich wegen Frigi- dität consultirte, gesagt, sie solle mir ihre Verlobungskarte schicken, dann würde ich ihr helfen können. Mit diesem Bath kann oft eine Ehe, die droht, aus den Angeln zu gehen, wieder eingerenkt und ein Mann, der im Begriff steht, einzugehen, wieder auf die Beine gebracht werden. Leider lässt sich die Frigidität bei virgines nur in den allerwenigsten Fällen feststellen. § 35. Fernere Abnormitäten. Wir haben bisher Individuen betrachtet, die weder Libido noch Orgasmus kennen. Ausser dieser kommen nun noch fol- gende Anomalien vor: I) Es giebt Individuen, die zwar Libido, aber keinen Orgasmus empfinden. II) Es giebt ferner Individuen, die zwar Libido und Orgas- mus empfinden, bei denen die Abnormität in der Dauer besteht. Die einen empfinden den Or- gasmus erst nach einer abnorm langen Dauer. III) Die anderen empfinden den Orgasmus schon nach einer abnorm kurzen Dauer. IV) Es giebt ferner Individuen, bei denen die Abnormität in der Frequenz besteht. Bei den einen ist die Frequenz abnorm herabgesetzt. V) Bei den anderen ist sie abnorm gesteigert. Alles dieses kommt bei beiden Geschlechtern vor. Da aber diese Abnormitäten beim Manne vielfach andere Aetio- logie und andere praktische Bedeutung besitzen, wie beim Weibe, so müssen wir beide Geschlechter isolirt betrachten. II. Fernere Abnormitäten des Mannes. Es giebt zunächst Männer, welche zwar Libido, aber keinen Orgasmus empfinden können. Bei diesen Individuen fehlt also zunächst der Abschnitt II der venerischen Curve. § 36. Libido ohne Orgasmus. 58 Dieser Zustand ist zunächst theoretisch desswegen sehr interessant, weil wir aus demselben ersehen, dass es zwei venerische Nervensysteme giebt, eines für die Libido schlecht- hin und eines für den Orgasmus. Wir ersehen ferner hieraus, dass wir die passive vene- rische Potenz in zwei Unterabtlieilungen eintlieilen müssen : I) In die Fälligkeit oder Potenz, Libido schlechthin zu empfinden. II) In die Fähigkeit, den Orgasmus zu empfinden. Diese beiden Fähigkeiten sind keineswegs identisch und brauchen nicht nothwendig zusammen in gleicher Weise laedirt zu sein. Theoretisch sind hier zunächst vier Hauptfälle mög- lich, ein normaler und drei abnorme : I) Fähigkeit zur Libido nicht laedirt, zum Orgasmus nicht laedirt. II) Fähigkeit zur Libido nicht laedirt, zum Orgasmus laedirt. III) Fähigkeit zur Libido laedirt, zum Orgasmus nicht laedirt. IY) Fähigkeit zur Libido laedirt, zum Orgasmus laedirt. Der erste ist der normale, die drei letzteren sind die abnormen Fälle. Diese Laesion kann wiederum eine totale oder partielle sein, woraus sich theoretisch acht Unterarten anormaler Fälle ableiten lassen: 1) Libido nicht laedirt, Orgasmus partiell laedirt. 2) ,, ,, ,, ,, total ,, 3) „ partiell „ „ nicht „ 4) ,, total ,, ,, ,, ,, 5) „ partiell „ „ partiell „ 6) ,, ,, ,, ,, total ,, 7) „ total „ „ partiell „ 8) ,, ,, ,, ,, total ,, Yon diesen acht Fällen ist der Fall 8 vorhin schon be- trachtet ; es ist dieser Zustand der der Frigidität. Der Fall 2 ist derjenige, den wrir hier betrachten. Die übrigen Fälle werden wir, soweit sie praktisch Vorkommen, später betrachten. 59 Physiologisch kommt dieser Zustand der orgasmuslosen Libido temporär im ersten Beginne der Pubertät vor, sodann bei Greisen vor Beginn ihrer völligen Frigidität. Dessgleiclien im Verlaufe von Krankheiten, welche Frigidität erzeugen, z. B. der Tabes. Bei Männern, die im mannbaren Alter ihre Hoden verloren haben, kommt derselbe ebenfalls oft vor. Solche Eunuchen haben Libido, können aber in der Regel keinen Orgasmus erzeugen. Sodann kommt er oft nach kurz andauernden, aber intensiven Excessen vorübergehend vor. Es scheint also, dass die Fähigkeit, Libido zu empfinden, ein viel zäheres Leben hat, wie die Fähigkeit, den Orgasmus zu empfinden. Das orgastische Nervensystem ist eher erschöpft, wie das libidinöse. Merkwürdiger Weise kommt dieser Zustand aber auch angeboren und das ganze Leben dauernd vor ohne nachweisbaren anatomischen Mangel. Männer in diesem Zustande können in der Regel viel länger Libido empfinden, wüe der normale Mann, der den Orgasmus auslösen kann. Die Befriedigung, die sich bei nor- malen Männern nach dem Orgasmus schnell einstellt, stellt sich bei diesen Männern immer nur langsam ein. Sie können auch viel öfter Libido empfinden, wie der nor- male Mann. Das Stadium der Depression ist bei ihnen viel kürzer. Dieses Phänomen ist ebenfalls sehr interessant. Es beweist uns, dass die schwächenden Folgen der venerischen Nervenerregungen nicht von der Erregung des libidinösen, sondern von der des orgastischen Nervensystems abliängen. Die Mehrzahl der Aerzte ist der umgekehrten Ansicht. Die Libido soll allein, auch ohne Orgasmus, entnervend wirken. Sie haben für die durch die Phantasie allein erregte Libido den Ausdruck „geistige Onanie“ erfunden. Wer etwa mit Begierde an seine Geliebte denkt, soll „geistige“ Onanie treiben und diese geistige Onanie soll ebenso zerrüttend wirken, wie die körperliche. Ja, manche Aerzte haben die Theorie aufgestellt, die blosse Erregung der Libido mit Ver- meidung des Orgasmus solle ganz besonders entnervend sein. Diese Theorie ist sehr bequem. Da alle Menschen in diesem Sinne in der Jugend, im Brautstande etc. mehr oder 60 weniger „geistig“ onanirt haben, so haben die Aerzte, wo ihr Latein aufhört, mit dieser Theorie ein sehr bequemes Mittel, alle Störungen des Nervensystems zu erklären. Sie ist aber auch gefährlich. Denn, weit entfernt davon, dass mit dieser Theorie die Menschen von der „geistigen“ Onanie abgeschreckt werden, werden sie zur „körperlichen“ angereizt. Ich kannte einen Jüng- ling, der eine solche Theorie gelesen hatte und der dann, wenn er bei seinem Schatz gewesen war, nachher glaubte, im Interesse seines Nervensystems körperlich onaniren oder bei einer Pros- tituirten coitiren zu müssen, um den entnervenden Folgen der „geistigen“ Onanie zu entgehen. Er glaubte in der That damit von zwei Uebeln das kleinere erwählt zu haben. Mit dieser Theorie stehen viele Erscheinungen des Lebens im Widerspruch. Unter anderem beweist die Beobachtung der orgasmuslosen Libido, dass sie falsch ist. Die Impotenz zum Orgasmus hat also eine Vergrösserung der Potenz zur Libido zur Folge. Der Mangel des Orgasmus erzeugt Satyriasis. Hieraus erklärt sich die räthselliafte Salacität der Eunuchen, die schon von den Alten beobachtet wurde. „Eu- nuchos valde amare mulieres,“ sagt Terenz. Auch erigiren können diese Männer in der Hegel länger und öfter, wie der normale Mann, entsprechend ihrer längeren und öfteren Libido. Die Impotenz zum Orgasmus hat also eine vergrösserte Coitionspotenz zur Folge. Der Mangel an Orgasmus erzeugt also auch Priapismus. Umgekehrt muss man bei Satyriasis mit Priapismus daran denken, ob nicht der Mangel an Orgasmus dahinter steckt.* Dagegen können diese Männer in der Regel nicht ejacu- liren. Doch kommt es vor, dass sie ejaculiren können und dass sie selbst fruchtbar sind. Sie sind also ausnahmsweise auch procreationspotent. * Wir unterscheiden hier zwischen Satyriasis und Priapismus in dem Sinne, dass Satyriasis die Steigerung der passiven, Priapismus die Steigerung der activen venerischen Potenz beim Manne bedeutet. Beide Zustände kommen isolirt und combinirt vor. 61 Auch dieses ist interessant, insofern es uns zeigt, wie hochgradig unabhängig von einander Dinge sind, die wir in der Regel als fest zusammengehörig betrachten. Ich will indessen bemerken, dass ich dieses letztere nie selbst gesehen habe. Aber zuverlässige Beobachter wollen es gesehen haben. A priori ist die Möglichkeit ja nicht von der Hand zu weisen. Es kommt ja nach langer Abstinenz auch physiologisch vor, dass der Mann eines Morgens die untrüg- lichen Zeichen einer unwillkürlichen Pollution bemerkt, ohne irgend eine Erinnerung. Da der Orgasmus den Mann immer aufweckt, so muss hier Ejaculation ohne Orgasmus bestanden haben. Aus diesen beiden Gründen, wegen ihrer gesteigerten Coitions- und ihrer aufgehobenen Procreationspotenz, wurden Eunuchen im Mittelalter und Altertlium von einer gewissen Kategorie von nymphomanen Frauen, die wir weiter unten kennen lernen werden, als Liebhaber und Cicisbei ganz beson- ders hochgeschätzt.* Die venerische Curve dieser Männer charakterisirt sich also nicht nur durch ein Fehlen des Abschnittes 2, sondern auch durch eine abnorme Länge der Abschnitte 1 und 3, sowie durch eine grössere Kürze des postlibidinösen Abschnittes. Was die Statistik dieses Zustandes angeht, so kommt der- selbe temporär natürlich sehr oft vor; angeboren und das Leben andauernd ist er aber sehr selten. Praktisch ist dieser Zustand folglich nicht sehr wichtig. Knaben, Greise, Tabiker, Eunuchen, das sind Individuen, welche regulär keine grossen Controversen in der Welt erregen. Auch therapeutisch lässt sich hier nichts nennenswertlies machen. * In seiner Vollständigkeit lautet der oben citirte Vers des Terenz fol- gendermassen : „Eunuchos valde amare mulieres, sed nil potesse.“ Ob das ,,nil potesse“ auf ihre Procreationsimpotenz oder darauf zu beziehen ist, dass die vorsichtigen Eömer den Eunuchen oft auch den Penis amputirten, um sie coitionsimpotent zu machen, ist nicht recht ersichtlich. 62 § 37. Libido mit verspätetem Orgasmus. Es giebt ferner Männer, die zwar Libido und Orgasmus empfinden, bei denen die Abnormität aber darin bestellt, dass sie den Orgasmus erst nach ungebührlich langer Zeit empfin- den. Diese Männer müssen oft stundenlang mit der grössten Muskelanstrengung bis zur muskulösen Erschöpfung coitiren, bis sie es zum Orgasmus bringen. Die venerische Curve dieser Männer charakterisirt sich darin, dass der Abschnitt 1 derselben ungebührlich lang ist. Bei diesem Zustand ist also die Potenz zur Libido nicht laedirt, die Potenz zum Orgasmus partiell laedirt. Es ist dieses der oben im System der Abnormitäten sub. 1 cliarak- terisirte Fall. Dieser Zustand kommt oft als Vorläufer der vorhin betrachteten vor, also im Beginne des Greisenalters oder der Tabes. Bevor der Orgasmus ganz verschwindet, pflegt er sich eine Zeit lang zu verzögern. Auch in der Trunkenheit und nach kurz andauernden Excessen kommt er vorübergehend vor. Von Männern in diesem Zustande gilt in Bezug auf active und passive Potenz ähnliches, wie von den ganz orgasmuslosen Männern. Sie können zwar nicht öfter, aber doch länger Libido empfinden und erzeugen wie normale Männer. Die verminderte Potenz zum Orgasmus erzeugt also vermehrte Potenz zur Libido und zur Erection : sie erzeugt Satyriasis und Priapismus. Mit diesem Phänomen hängen manche irrthümliche An- sichten zusammen. Zunächst hängt hiermit der Glaube an die Existenz einer zweiten Jugendblüthe, eines „Johannis- triebes,“ zusammen. Man glaubt, dass, wie eine Oellampe vor ihrem Auslöschen noch ein paar Mal hell aufiiackere, so flackerten auch die sexuellen Fähigkeiten noch einmal auf, bevor sie definitiv verschwänden. Ja viele glauben, diese zweite Jugend sei potenter, wie die erste. Das ist eine phy- siologische Ungeheuerlichkeit, ähnlich wie es eine Ungeheuer- lichkeit ist, anzunehmen, dass Geisteskranke vor ihrem Tode noch einmal vernünftig würden und selbst vernünftiger, wie sie je in gesunden Tagen gewesen. Eine solche zweite Jugend giebt es nicht. Des Lebens Mai blüht einmal und nicht 63 wieder. Der Grund der Täuschung liegt in der Verwechselung der verschiedenen Arten der Potenz.* Dessgleichen hängt hiermit die Ansicht zusammen, dass Krankheiten, die Frigidität erzeugen, z. B. Tabes, damit debütiren, dass sie zunächst eine gesteigerte Fervidität und Potenz erzeugen. Das ist dieselbe Täuschung. Die verrin- gerte Potenz zum Orgasmus erzeugt verlängerte Potenz zu Libido und Erection und das imponirt dritten Leuten, be- sonders den Ehefrauen, als gesteigerte Potenz schlechthin. Frauen sind daher öfters über den Beginn der Tabes ihrer Männer entzückt und wenn sie der Schwäche der Eitelkeit unterworfen sind, so glauben sie oft, sie würden schöner und begehrenswerther und ihre Männer liebten sie jetzt mehr. Ein weitbekannter Neurologe erzählte mir einstens, ein solcher Tabiker sei einmal mit seiner Frau zu ihm in die Ordinations- stunde gekommen. Die Frau hielt es für gut, ihm mitzu- theilen, dass ihr Mann nur in den Beinen schwächer würde, „sonst“ würde er immer stärker. Die Frau sei etwas ent- täuscht gewesen, als er ihr erklärt hätte, die sonstige Stärke sei auch eine Folge der Krankheit. Sie hätte ihn darauf gefragt, ob er die Kur nicht so einrichten könne, dass nur der Zustand der Beine geändert würde. Allerdings bekommt man oft Patienten zu Gesicht, welche auf Befragen erklären, sie hätten vor ihrer Erkrankung eine Zeit lang besondere Potenz besessen. Das ist aber entweder eine Antwort, die auf eine suggestive Frage folgt, oder Beno- mage. In puncto der Potenz muss man die Aussagen aller Menschen immer mit einem erheblichen Benomage-Quotienten dividiren. Das gilt auch für Tabiker und andere Patienten. Ich habe eine wirklich gesteigerte Fervidität und Potenz als Vorläufer der Impotenz noch nicht beobachtet, obschon ich viele Tausend Tabiker gesehen. Ich muss daher vorläufig ihre Existenz bezweifeln. * Manchmal hängt die Täuschung auch damit zusammen, dass die senile Demenz, wie jede Demenz, das moralische Urtheil eher trübt, wie das ver- standesmässige. Im Beginne der Demenz werden alle Patienten, Greise, Para- lytiker und andere zunächst schamlos, und diese Schamlosigkeit imponirt dem Laien als Stärke. 64 Die Procreationspotenz ist in diesem Zustande natürlich normal, wenn keine Complicationen vorhanden sind. Was die Statistik dieses Zustandes angeht, so kommt er temporär natürlich sehr oft vor. Ob er angeboren und das Leben andauernd bei sonst normalen Männern vorkommt, bezweifle ich. Yon erheblich praktischem Interesse ist er nicht. § 38. Libido mit verfrühtem Orgasmus. Als Gegenstück zn den eben betrachteten Männern giebt es solche, die abnorm schnell Orgasmus empfinden. Die vor- orgastische Libido dauert oft nur einige Sekunden. Beim Coitus empfinden sie Orgasmus oft schon ante portas. Der Abschnitt 1 der venerischen Curve ist bei diesen In- dividuen sehr kurz. Bei diesem Zustand ist also zunächst die Potenz zur Libido partiell laedirt. Der Orgasmus kann normal sein, in der Regel erreicht er aber eine geringe Höhe, so dass auch die Potenz zum Orgasmus meistens partiell laedirt ist. Diese Patienten gehören zu den Kategorien 3 und 5 in dem oben angegebenen System der Abnormitäten. Dieser Zustand kann nach langer Abstinenz physiologisch sein. Merkwürdiger Weise pflegt dieser Zustand sich bei sonst normalen Männern einzustellen, wenn sie ohne Mithülfe der Phantasie, oft im Kampf mit derselben, coitiren wollen. Der erzwungene oder pflichtmässige Coitus mit einer unsym- pathischen Ehefrau pflegt in der Regel abnorm kurz zu sein, während bei demselben Manne der Coitus mit der sympathi- schen Geliebten lange dauert. Dessgleiclien pflegen die Bordellcohabitationen abnorm kurz zu sein. A priori sollte man das Gegentlieil erwarten. Es scheint, dass jeder Mann instinctiv die unsympathische Handlung schnell beendigen möchte. „Schnell fertig machen“ ist hier das unbewusste Prinzip. Ein anderer Grund liegt darin, dass bei mangelnder Mitwirkung der Phantasie alle diejenigen Pausen ausfallen, welche den von der Phantasie belebten Coitus verlängern helfen. 65 Meistens ist er aber die Folge von lang andauernden Ex- cessen und zwar in der Regel von Excessen in Yenere. Be- sonders kommt er oft nacli onanitischen Excessen vor. Docli kann er eben so gut nach anderen Excessen, z. B. in Minerva, Vorkommen. Wenn dieses seltener stattfindet, so hängt dieses eben damit zusammen, dass Excesse in Minerva überhaupt seltener sind wie in Yenere. Der präcipitirte Orgasmus ist eines der constantesten Zeichen der sexuellen Neurasthenie. Bei diesem Leiden können Patienten normal oft, ja manchmal abnorm oft Orgas- mus empfinden. Die Frequenz ist nicht verringert, aber die Dauer ist abnorm kurz. Die Erections- und Coitionspotenz dieser Männer ist von normaler Frequenz, aber von einer der Kürze der Libido ent- sprechenden geringeren Dauer. Dieser Zustand combinirt sich in der Regel mir einer ganzen Anzahl anderer pathologischer Erscheinungen, Kopf- druck, Hyperaesthesie des Ermüdungscentrums, Verstimmt- heit, allgemeine Schlaffheit, nächtliche Pollutionen, taedium vitae. Für ihre Frauen sind diese Männer sehr fragwürdige Ge- stalten. Ein solcher Mann wird eine normale Frau niemals zum Orgasmus bringen können. Sie sind sogar noch frag- würdiger, wie die ganz coitionsimpotenten Männer. Tantalus- qualen sind schlimmer wie blosser Hunger und Durst. Laien haben hierüber meistens irrige Vorstellungen. Sie glauben, die blosse Tliatsache der Ejaculation des Mannes habe für die Frau etwas reizendes und befriedigendes. Ich erinnere mich, dass einmal an einem Stammtisch diese Frage debattirt wurde. Ein Lieutenant behauptete, eine Frau lege nur Werth auf die Frequenz, ein Referendar behauptete, sie lege nur Werth auf die Dauer. Es wurde eine Wette ge- schlossen. Die ganze Corona nahm Partei für die Ansicht des Lieutenants. Als Schiedsrichter wurde eine bejahrte Kellnerin erwählt. Ihr Spruch ging allerdings etwas salomonisch dahin, dass sie sowohl die Frequenz, wie die Dauer zu schätzen wisse. Ich ersah indessen aus dieser Wette nicht nur, von welchem Wissensdrang selbst Biercoronen beseelt sind, sondern dass die 66 Mehrzahl der Laien der Ansicht ist, die Ejaculation des Mannes als solche, sei für die Frau etwas besonders angenehmes. Diese Ansicht ist durchaus irrig. Die Ejaculation des Mannes wird von der Frau zunächst direkt garnicht gespürt. Sie deducirt dieselbe nur aus dem Gebaliren des Mannes beim Orgasmus. Spüren thut sie dieselbe erst später und dann erscheint sie ihr meistens als notliwendiges Uebel, als unan- genehme Beschmutzung. Ich erinnere mich, einmal von einer Braut consultirt worden zu sein darüber, ob sich nichts gegen die zu häufige Ausübung des Coitus beim Manne tliun lasse. Ihr Bräutigam verlange immer in einer Nacht den Coitus bis zu vierzehn Malen und das mehrere Male wöchentlich. Sie habe diesen Mann sonst ganz gerne, er sei strammer Militair. Trotzdem sei ihr dieses aus mehreren Gründen höchst unan- genehm. Als besondere Unannehmlichkeit stellte sie das Vorhandensein der übermässigen Ejaculationsmenge hin. Sie sei des Morgens immer wie mit Kleister beschmiert. Allerdings ist es ja richtig, dass es für eine Frau ebenso erregend sein mag, den Orgasmus des Mannes zu sehen, wie es für einen Mann wolilthuend sein mag, den Orgasmus der Frau zu sehen. An dieses psychische Moment denkt der Laie aber nicht, wenn ei* von den reizenden Effecten der Ejaculation für die Frau spricht. Er glaubt fälschlich, die Ejaculation wirke rein mechanisch reizend. Nur bei sehr grosser Zu- neigung kommt dieses Gefühl der Beschmutzung nicht zum Bewusstsein, wie ja unter solchen Umständen selbst körper- liche Gebrechen oft als Schönheiten gedeutet werden, wie Horaz humoristisch beschreibt. Eine Zuneigung, welche bloss gross genug ist, um die Frictionen des Coitus als angenehm erscheinen zu lassen, ist an sich noch lange nicht gross genug, um die unangenehme Empfindung, welche die Ejaculation erzeugt, aufzuheben. Es geht damit wie mit so vielen anderen venerischen Manipulationen, z. B. selbst mit dem Küssen. Es gehört mehr Zuneigung dazu, den Kuss, wie den Coitus, als Annehmlichkeit zu empfinden. Das oscu- lari lingua introducta der Theologen, das „Küssen nach der Kunst“, von dem Shakespeare spricht, wird oft genug ge- weigert, wo der Coitus noch gestattet wird. 67 Es ist also erklärlich, dass eine Frau von dem zwar normal oft ejaculirenden, aber abnorm schnell zum Orgasmus kommenden Manne zunächst unbefriedigt bleiben und zuletzt abgestossen werden muss. Da diese sexuell neurasthenischen Männer auch sonst nicht viel Imposantes zu haben pflegen, oder bei ihrem Leiden sehr schnell verlieren, so ist das Resultat in der Ehe vorauszusehen. Die Frau schwingt das Scepter und missbraucht dasselbe recht oft. Der Mann ist der Pantoffelheld. Regit virum uxor. Da die Anzahl dieser Männer eine sehr grosse ist — es ist diejenige Abnormität, die beim Manne am häufigsten vor- kommt — so erklärt sich die grosse praktische Bedeutung dieses Zustandes. Da dieser Zustand der Therapie zugänglich ist, und zwar relativ leicht, so sieht man auch hier wieder, welchen Nutzen ein Hausarzt unter diesen Umständen stiften kann. Er kann nicht nur dem Manne persönlich die Lebensfreude wieder- geben, sondern auch der Frau die normale Befriedigung ver- schaffen, worauf sie Anspruch hat. Er kann damit zugleich der Gesellschaft nützen, indem er Ehen, die drohen, scandalös zu werden oder ganz aus dem Leim zu gehen, wieder zu- s am menkleben hilft. Ich werde der Therapie dieses Zustandes einen Abschnitt widmen. Von den acht als theoretisch möglich vorgestellten Fällen haben wir bisher fünf betrachtet. Die übrigen drei kommen meines Wissens praktisch nicht vor. Warum nicht, kann ich, ohne Hypothesen aufzustellen, nicht sagen. § 39. Abnorm geringe Frequenz. Es giebt sodann Männer, welche im Uebrigen normal sind, die aber nur abnorm selten venerische Acte ausüben können. Das ist der Zustand der partiellen Frigidität. Die venerische Curve charakterisirt sich durch eine abnorme Länge des libido- losen Abschnittes II. Hierzu gehören merkwürdiger Weise häufig athletische Männer. Anhaemische Schneiderlehrlinge können meistens 68 öfters coitiren, wie die lierculisclien Männer, deren Muskel- kräfte wir im Circus bewundern. Doch giebt es auch Athleten, die normal oft coitiren können. Ich erinnere mich eines Hercules aus einem durch- reisenden Circus, der wegen eines Ulcus durum in die Klinik kam. Auf die Frage, wann er den Coitus zuletzt ausgeübt, antwortete er: gestern. Auf die Frage, wann der vorletzte Coitus stattgefunden, antwortete er : vorgestern. Auf weiteres Fragen gab er zu, beinahe täglich den Coitus auszuüben. Das sind aber Ausnahmen. Die Regel gilt vom Athleten : abstinuit venere et vino sudarit et alist. Hieraus erklärt es sich, wie es kommt, dass gelegentlich Frauen, die mit einem lierculisclien Ehemann verheirathet und vielleicht eine Anzahl Kinder mit ihm haben, denselben zu Gunsten eines anscheinend viel unmännlicheren Mannes hinter- gehen oder verlassen. Mir ist ein Fall bekannt, in dem die Frau eines lierculisclien Fechtlelirers von etwa 35 Jahren, die demselben in vier Jahren schon drei Kinder geboren hatte, ihren Mann zu Gunsten eines körperlich ziemlich unbedeuten- den Studenten, mit dem sie zufällig die Gelegenheit hatte, in unauffälliger Weise Zusammenkommen zu können, betrog. Sie entschuldigte ihrem Liebhaber gegenüber dieses damit, dass ihr Mann von Natur so kalt sei; er pflege nur alle zwei bis drei Wochen einmal zu ihr zu kommen. Das könne sie nicht aushalten, dafür sei sie noch zu jung. Werden solche Dinge bekannt, so glaubt man, es handle sich um pathologische und unberechenbare Launen hysteri- scher Frauen. In Wirklichkeit handelt es sich hier um Dinge, die rein natürlich und menschlich betrachtet durchaus erklär- lich sind. Es scheint mir jedoch, dass solche Ehen von zu selten coitirenden Männern in der Gesellschaft eine bessere Figur spielen, wie solche von Männern, die normal oft aber zu kurz coitiren. Der zu selten coitirende Mann verhilft der Frau doch ab und zu einmal zum Orgasmus, der zu kurz coitirende Mann aber nie. Dazu kommt, dass die zu selten coitirenden Männer oft körperlich und geistig hervorragend sind und als solche ihren Frauen imponiren, während die normal oft, aber zu kurz 69 coitirenden Neurastheniker in der Regel nur in Unbedeuten- heit excelliren. § 40. Abnorm häufige Frequenz. Zuletzt giebt es Männer, die abnorm oft, und zwar mit Orgasmus, coitiren können. Als Beispiel erinnere ich an den Bräutigam der Braut, die mich wegen den übermässig häufig ausgeübten Cohabitationen desselben consultirte. Diese Hyperfrequenz kann oft sehr lange andauern, wie z. B. bei dem eben genannten Bräutigam. Ich habe damals dieser Braut gesagt, sie solle sich etwas gedulden, das würde schon nach einiger Zeit von selbst aufhören. Nach längerer Zeit kam sie wieder mit einer Gonorrhoe. Sie erklärte mir, noch einige Monate sich geduldet zu haben und dann das Verhältniss wegen übertrieben häufigen Cohabitationen habe lösen zu müssen. Der Nachfolger ihres Bräutigams habe sie mit dieser Gonorrhoe beschenkt. Diese Erzählung machte den Eindruck der Glaubwürdigkeit. Das ist der Zustand der wahren Fervidität, im Gegensatz zur scheinbaren, von der wir früher gesprochen. Die vene- rische Curve charakterisirt sich hier durch Kürze des libido- losen Abschnitts II. Dieser Zustand der Hyperfervidität ist indessen sehr selten und fuhrt nur ausnahmsweise zu Inconsequenzen. Er hat aus diesen Gründen wenig praktische Bedeutung. Es giebt indessen Physiologen, welche diesen Zustand als Schwäche deuten, und zwar als Schwäche in den Detrusoren der Vesicula. Diese Muskeln sollen nicht die Fähigkeit haben, beim Orgasmus die normale Quantität Semen herauszupressen. Daher die gehäuften Cohabitationen. Diese Ansicht wird illustrirt mit dem Hinweis auf den Zustand der Schwäche in dem detrusor vesicae, bei dem häufig urinirt werden muss. Es ist möglich, dass diese Ansicht öfters berechtigt ist; ob immer, lasse ich dahingestellt. 70 III. Abnormitäten beim Weibe. a) Abnormität der Dauer. § 41. Libido bei erschwertem oder unmöglichem Orgasmus. Alle diese Abnormitäten kommen ebenfalls beim Weibe vor. Aus verschiedenen Gründen ist ihre Betrachtung interes- santer, wie die beim Manne. Zunächst deswegen, weil die Litteratur hierüber so spär- lich und so gering an Werth ist. In Compendien, welche die vita venerea behandeln, wird beinahe immer nur die „Im- potenz“ des Mannes analysirt. Die analogen Zustände beim Weibe werden — nescio cur — immer übergangen. Die Ana- lyse dieser Materien ist also zunächst wegen der Neuheit des Stoffes interessant. Sodann sind diese Zustände bei der Frau interessanter, weil die Anzahl der abnormen Frauen unverhältnissmässig viel grösser ist, wie die der Männer. Es giebt nach Annahme einiger Autoren nur 30 Prozent venerisch normaler Frauen bei 70 Prozent abnormer. Yon Männern giebt es vielleicht keine 20 Prozent venerisch abnormer. Sodann sind dieselben deswegen interessanter, weil die venerisch abnormen Frauen vielleicht mehr Unfug im socialen Leben anricliten, wie die abnormen Männer. Diese, ihre grössere Gemeingefährlichkeit, verbunden mit der veränderten Statistik, macht die venerisch abnormen Frauen zu einem so interessanten Beobachtungsobject. Es giebt zunächst Frauen, welche zwar Libido, aber keinen Orgasmus empfinden. Dieser Zustand hat theoretisch dasselbe Interesse, wie der analoge Zustand der Männer. Wir ersehen auch hier, dass es zwei venerische Nervensysteme giebt, eins für Libido und eins für Orgasmus, und dass das letztere isolirt vom ersteren zerstört sein kann. Wir müssen also auch beim Weibe die „passive venerische Potenz“ eintheilen in die Potenz zur Libido schlechthin und in die Potenz zum Orgas- 71 m u s. Letztere Potenz kann, wie wir ans diesem Zustand ersehen, isolirt zu Grunde gegangen sein. In diesem Zustande entsteht die venerische Befriedigung nicht wie beim Orgasmus plötzlich, sondern allmälilig; die Libido klingt langsam ab. Oft erzeugt die abklingende Libido Schläfrigkeit und unter venerischen Frictionen versinken diese Frauen in Schlaf. Es ist dieses offenbar eine Art Hypnoti- sirung. Die Genitalien sind „liypnogene Zonen“. Bei kleinen Kindern kommt dieser Zustand öfters vor, oder besser gesagt, er wird von gewissenlosen oder unwissenden Ammen künstlich erzeugt. Durch sanftes Reiben der Genitalien werden kleine Kinder in den Schlaf gewiegt. Es giebt ferner Frauen, die zwar Orgasmus empfinden können, aber nur unter grösseren Schwierigkeiten. Es dauert oft Stunden, bis bei ihnen der Orgasmus sich auslöst. Bei diesen Frauen ist die Potenz zum Orgasmus also nicht total, sondern partiell zerstört. Wir ersehen aus diesem Zustande, dass diese Potenz in verschiedenen Graden laedirt sein kann. Beide Zustände kommen temporär und dauernd vor ; sie gehen oft in der Weise in einander über, dass die Potenz zum Orgasmus zunächst erschwert wird und dann aufhört. Oft geht dann dieser Zustand in die Frigidität über. Dieses ist der Fall bei Krankheiten, die mit Frigidität enden, z. B. bei Tabes. Dessgleichen im Alter. Das Alter ist als physiologische Krankheit aufzufassen. Bei der gereiften Frau erschwert sich zunächst der Orgasmus, bei der Matrone ist er unmöglich geworden, trotz oft noch vorhandener Libido ; bei der Greisin hat beides aufgehört. Die Fähigkeit Libido zu empfinden, hört später auf, wie die Fähigkeit Orgasmus zu empfinden. Bevor er ganz aufhört, fängt der Orgasmus an, sich zu verspäten. Das libidinöse Nervensystem hat offenbar ein zäheres Leben wie, das orgastische. In umgekehrter Reihenfolge kommen die Zustände in der Jugend vor. Das kleine Kind ist frigide; beim grösseren Kinde fängt zunächst die Fähigkeit zur Libido an, bei Unmöglichkeit des Orgasmus, dann wird der Orgasmus möglich, aber ist noch erschwert, dann fängt der normale Zustand an. 72 Beide Zustände kommen aber auch bei gesunden Frauen während der Pubertät vor in allen Lebensaltern. Sie sind dauernd oder vorübergehend, angeboren oder erworben. Der Zustand des erschwerten Orgasmus wird zunächst oft erworben durch Excesse aller Art, besonders durch onanis- tisclie masturbatorische Excesse in jüngeren Jahren in der Pension. Es ist hier ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Geschlechtern vorhanden. Während beim Manne nur kurz- dauernde Excesse vorübergehend diesen Zustand erzeugen und langdauernde Excesse den entgegengesetzten Zustand erzeugen, den Orgasmus praecox, erzeugen bei Weibern alle Excesse, kurz- und langandauernde, denselben Zustand des Orgasmus retardatus. Bei kurzdauernden Excessen ist dieser Zustand vorüber- gehend. Bei gehäuften Cohabitationen in einer Nacht wird der Orgasmus immer mehr erschwert. Zuletzt tritt ein Zu- stand ein, in dem die Frau, obsclion sie noch Libido empfindet, in derselben Nacht den Orgasmus gar nicht mehr auslösen kann. Bei dauernden Excessen kann er auch dauernd Vor- kommen und unveränderlich das Leben hindurch bleiben. Auch angeboren scheinen diese Zustände vorzukommen, obschon dieses mit absoluter Sicherheit sich nicht entscheiden lässt, da bekanntlich Onanie sich nicht so leicht ausscliliessen lässt. Omnis onanistes mendax. Doch kommen diese Zu- stände bei Frauen vor, die nie eine Pension besucht und sich vor Entwickelung ihrer Libido verheirathet haben. Der Zustand des erschwerten oder unmöglichen Orgasmus kann indessen bei bestimmten anatomischen Mängeln auch hier scheinbar vorhanden sein. Bei vielen Frauen hat die Clitoris in ihrer Lage zur Yagina eine abnorm hohe, oder was dasselbe ist, die Yagina in Beziehung zur Clitoris eine abnorm tiefe Lage. Diese Frauen sind, wie man trivial zu sagen pflegt, „ivTep7io£Ttiy“. Bei diesen Frauen kann der Penis beim Coitus, wenn derselbe more rusticorum in der Weise celebrirt wird, dass die Frau auf dem Rücken liegt, die Clitoris gar nicht berühren. Das vornehmste Libido erzeugende und den Orgasmus auslösende Organ ist also ausgesclialtet. Hierdurch wird dann der Orgasmus erschwert oder ganz un- möglich gemacht. Durch geeignete Lage Veränderungen und manuelle Nachhilfen kann indessen dieser Zustand beseitigt werden. Fragen wir nunmehr, wie es bei diesen Frauen mit den übrigen Arten der Potenz aussieht ? Die Potenz, die Fähigkeit Libido zu empfinden, ist bei beiden Kategorien von Frauen gesteigert. Die Laesion der Potenz zum Orgasmus hat eine Steigerung der Potenz, eine Hyperpotenz zur Libido zur Folge. Beide Grössen sind ein- ander umgekehrt proportional. Bei Frauen, bei denen der Orgasmus unmöglich geworden, dauert es oft Stunden bis die Libido anfängt abzuklingen und der Schlaf sich einstellt. Was die active Coitionspotenz dieser Frauen angeht, so ist sie ebenfalls vergrössert und zwar ist diese Yergrösserung proportional der Schwierigkeit, mit der der Orgasmus aus- gelöst werden kann. Bei Frauen, die überhaupt keinen Orgas- mus mehr empfinden, ist die Coitionspotenz in’s Bodenlose gesteigert. Die Coitionspotenz ist hier nur begrenzt von der Besistenzfähigkeit der Epithelien der Genitalien. Erst wenn diese Gewebe durchgescheuert sind, hört ihre Potenz auf. In der Yergrösserung der activen Potenz nähern sich diese Frauen also den frigiden Frauen. Beide Arten von Frauen unterscheiden sich aber in einem wesentlichen Punkte. Wenn eine frigide Frau eine Probe ihrer Coitionspotenz ablegt, so thut sie das immer aus Motiven, welche mit Yenerie keinen Zusammenhang haben. Die Frau mit erschwertem oder unmöglichem Orgasmus bei Yorhandensein der Libido thut dieses aber ohne Nebenabsichten, aus reiner Liebe zur Sache. Diese Frauen sind auf Coitus ganz erschrecklich erpicht. Solche Frauen verlangen oft allabendlich mehrere Stunden lang Erregungen der Libido. Sie können garnicht mehr ohne dieses Morphium einschlafen. Das sind die Frauen, welche nicht nur eine ganze Schiffsbesatzung be- friedigen können, sondern sich auch dazu drängen, dieses zu thun. Das sind die Messalinen, welche sich in ein Bordell stehlen und nach dem hundertsten Coitus nach Hause wanken 74 „confectae sed nondum satiatae“. Das sind die Frauen, welche sich einen Harem von Castraten mit ihrer inexhausta pubertas hielten, weil normale Männer niemals den Coitus so lange fortsetzen können, wie sie es wünschen. Da nun das Ptlasterepithel der Yagina, wie jedes Pflaster- epithel, durch mechanische Insulte resistenter wird, so werden diese Frauen, wenn sie die Gelegenheit haben, ihre Libido ad libitum zu befriedigen, je älter sie werden, um so „potenter“. So erklärt sich die anscheinend phänomenale Potenz einiger historischen Matronen und Greisinnen in höheren Stellungen, die ihre Liebhaber schwadronsweise aufmarschiren lassen konnten. Die Erschwerung des Orgasmus erzeugt beim Weibe Nymphomanie. Die Mehrzahl—vielleicht die Gesammtheit — der nymphomanen Frauen sind solche, bei denen die Potenz zum Orgasmus laedirt ist. Wenn ich eine pathologische Geil- heit sehe, so denke ich immer zunächst an diese Diagnose. Messalina konnte sicherlich nur unter sehr erschwerten Um- ständen einen Orgasmus auslösen, wahrscheinlich weil sie als Mädchen mit ihren Sklavinnen zu viel onanirt hatte. Es ist bemerkenswert!!, dass die Römer die übertriebene Geilheit der Frauen als „impotentia muliebris“ bezeichneten. Sollten sie von diesen Verhältnissen eine Vorstellung gehabt haben ? Die venerische Curve dieser Frauen charakterisirt sich also zunächst durch eine mächtige Länge des Abschnittes 1). Wird gar kein Orgasmus empfunden, so fehlt natürlich der Abschnitt 2) und die postlibidinöse Phase erscheint verkürzt. Es ist von vielen Chirurgen der Vorschlag gemacht und ausgeführt worden, Nymphomanie durch Amputation der Cli- toris zu behandeln. Ich habe keine persönlichen Erfahrungen über diese Therapie, aber aus theoretischen Erwägungen muss ich deduciren, dass sie — es sei denn, dass es sich vielleicht um ein locales Leiden der Clitoris handelt — nichts taugt. Diese Chirurgie erschwert doch den Orgasmus und vergrössert damit Libido und Nymphomanie. Es ist bemerkenswert!!, dass diese Frauen die verlängerte Libido ohne besonderen Nachtheil ertragen können. Sie sind 75 oft im Uebrigen das Bild der Gesundheit. Eine unorgastische Frau, die in der Nacht stundenlang im libidinösen Delirium gelegen, ist am folgenden Tage, wenn sie nur genügend Zeit gehabt hat, sich auszuschlafen, so frisch, wie wenn nichts passirt wäre. Eine normale Frau, die denselben Strapazen unterworfen gewesen wäre und dabei drei bis vier Mal den Orgasmus ausgelöst hätte, wäre trotz Schlaf am folgenden Tage hin gewesen. Ich muss auf das Allerentschiedenste be- streiten, dass die Libido als solche das Nervensystem in nennenswerther Weise angreift, oder gar stärker angreift, wenn kein Orgasmus folgt, wie wenn derselbe wohl folgt. Die Depression bei Excessen hängt von den übertriebenen Orgas- men, nicht von der übertriebenen Libido ab. Dieses Phänomen der gesteigerten Potenz zur Libido bei erschwertem Orgasmus hat eine Anzahl von falschen Ansichten aufkommen lassen. Dahin gehört z. B. die Ansicht des hannistriebes“, der bei der Frau die Begel bilden soll. Dieser Johannistrieb, diese „zweite Jugend“ der Frau, die sich um das vierzigste Jahr einstellt, ist nur ein Zeichen des beginnen- den Schwindens des Orgasmus bei Fortbestehen' der Libido. Eine wirkliche zweite Jugend erlebt die Frau so wenig, wie der Mann. Auch der weibliche Lenz blüht einmal und nicht wieder. Auch die sogenannten „crises clitoriennes“, die bei Tabes beobachtet sind, gehören nach meiner Ueberzeugung hierher. Eine wirkliche Steigerung der Potenz bei Tabes kommt nicht vor. Ich muss ihre Existenz bestreiten, obschon ein Mann wie C h a r c o t dieselbe behauptet. Charcot hat nirgendwo zu verstehen gegeben, dass er den Unterschied und die Be- ziehung zwischen Potenz zum Orgasmus und Potenz zur Libido kennt. Da nun die Laesion der Potenz zum Orgasmus mit Steigerung der Potenz zur Libido bei Tabes sicher vorkommt, so muss ich annehmen, dass Charcot dieses Phänomen falsch interpretirt hat. Ich kann nicht umhin, die merkwürdigen Beziehungen zwischen Libido und Orgasmus hier noch durch eine Analogie zu illustriren, um die hierüber aufgestellten Sätze, die ebenso unbekannt, wie theoretisch und praktisch wichtig sind, plau- 76 sibler erscheinen zu lassen. Die Beziehung zwischen Libido und Orgasmus ist analog der Beziehung zwischen Geschmack und Sattigkeit. Essen erzeugt in der Norm zweierlei, ange- nehme Erregungen des Geschmacks und nach einiger Zeit Sattigkeit. Beide Empfindungen sind aber in einem hohen Grade unabhängig von einander, wie aus pathologischen Fällen sich ergibt. Bei einer Magenfistel z. B. erzeugt das Essen zwar die bekannte Annehmlichkeit, aber keine Sattigkeit. Es müssen also zwei Centren vorhanden sein: eins für das Schmecken und eins für das Sattsein. Beide Centren können isolirt erregt und isolirt laedirt werden. Das Essen von ge- schmacklosen, ja von total werthlosen Dingen, wie von Cellu- lose, erzeugt Sattigkeit, aber keine Geschmackserregung. Bei manchen Psychosen ist das Centrum der Sattigkeit laedirt bei Intactheit des Geschmackscentrums ; diese Patienten sind nie satt. Bei anderen ist das Geschmackscentrum laedirt bei In- tactheit des Centrums für die Sattigkeit. Hier beobachtet man Kaprophagie. Wir finden nun auch hier, dass Laesion der Fähigkeit, Sattigkeit zu empfinden, die Fähigkeit zu schmecken enorm steigert. Wie die orgasmuslose Libido Satyriasis und Nymphomanie erzeugt, so erzeugt die Esslust ohne Sättigung Gefrässigkeit und Gourmandise. Die raffinir- ten Börner pflegten daher in ihren Mahlzeiten als Entremets ein Emeticum zu nehmen. Die Idee war, die Sättigung zu hindern, um damit die Fähigkeit zu schmecken zu steigern. Die Analogie ist sehr weitgehend. Was die Procreationspotenz dieser Frauen angeht, so ist sie im Allgemeinen geringer, wie die der normalen und der frigiden Frauen. Der Grund liegt in der übertriebenen Geilheit. Es ist bemerkenswerth, dass Fruchtbarkeit und Libido einander um- gekehrt proportional sind. Daher sind die wohlgenährtesten Frauen weniger fruchtbar, wie die hungernden und sich ab- arbeitenden Frauen. Erstere sind eben libidinöser, wie letz- tere. Dieser Antagonismus zwischen Fertilität und Libido ist um so merkwürdiger, als doch die Natur die Libido desswegen mit dem Acte der Procreation verbunden hat, um die Menschen zur Procreation anzuregen. Für die Natur ist die Libido 77 Mittel und die Procreation Zweck. Für den Menschen ist Libido Zweck, Procreation Folge. Ohne Libido würde die Menschheit rettungslos aussterben. Die Sonderlinge, welche erklären, nur der Procreation halber sich zu begatten, die gleichzeitige Libido sei ihnen verabscheuungswürdig, würden nicht im Stande sein, dieses Aussterben aufzuhalten. Rein theleologisch betrachtet, ist dieser Antagonismus aus mehreren Ursachen vernünftig. Worin aber der innere phy- siologische Connex besteht, ist noch nicht genügend aufgeklärt. Gelegentlich mag die Sterilität damit Zusammenhängen, dass nymphomane Frauen sich häufiger der Gefahr einer gonorrhoischen Infection aussetzen und dann gelegentlich ob- literirte Tuben acquiriren. Die bloss verminderte oder er- schwerte Fruchtbarkeit mag damit im Zusammenhang stehen, dass bei beständig libidinösen Frauen die Spermatozoen nicht im Stande sind, gegen den beständig entgegenfliessenden mucösen Strom mit Erfolg anzuschwimmen. Dieser Strom wird bei jedem Weibe dauernd durch die Flimmerbewegungen der Epithelien des Uterus und der Tuben erzeugt und in der Phase der Libido durch die hierdurch erzeugten peristal- tischen Bewegungen verstärkt. Bei nymphomanen, beständig libidinös erregten Frauen ist dieser Strom beständig verstärkt. Vielleicht, dass bei ihnen auch die Flimmerbewegungen durch den Contact mit den reichlicheren Sekreten verstärkt werden, wie ja die Flimmerbewegungen der Spermatozoen durch den Contact mit dem Prostatasekret verstärkt werden. Da nun Männer libidinöser Frauen sich meistens überanstrengen und ihre Spermatozoen möglicherweise unreif und schwach sind, so wäre es denkbar, dass diese trägeren Spermatozoen gegen den stärkeren, conträren Strom in der Regel nicht anzuschwim- men vermöchten. Es sind dies Hypothesen, die ich in Er- mangelung eines besseren aussprechen will. Durchaus zu verwerfen ist jene, nicht nur bei Laien, son- dern auch noch bei Aerzten vorkommende Ansicht, der Orgas- mus sei eine conditio sine qua non für die Procreation, weil ohne Orgasmus keine Ejaculation stattfindet. In der Ejacu- lationsflüssigkeit des Weibes schwimmen keine Ovala, wie in der des Mannes die Spermatozoen. Wäre der Orgasmus nöthig, 78 so müsste die frigide Frau absolut steril sein, während sie be- kanntlich ausserordentlich fruchtbar ist. Eine grosse Fürstin war trotz mehrjähriger Ehe steril geblieben. Alle berühmten Aerzte Europas wurden consultirt; der eine schlug dieses, der andere jenes vor. Einer, ich glaube Boerhave, gab, nachdem er aus der Anamnese ersehen, dass die hohe Patientin keinen Or- gasmus empfinde, folgendes Gutachten ab: Ego vero censeo, cunnum Sanctissimae Majestatis ante coitum diutius esse titil- landam. Das Resultat war ein Dutzend Kinder. Noch heute wird von Gynaekologen dieses Mittel empfohlen, in der Idee, Orgasmus und Ejaculation erleichterten die Conception. Ich gebe eine andere Erklärung. Die Fürstin hatte einen im Ver- hältniss zur Clitoris zu weit nach hinten gerückten Introitus ad vaginam, in Folge dessen die Clitoris in coitu nicht tangirt werden konnte, in Folge dessen kein Orgasmus, in Folge dessen Nymphomanie, in Folge dessen Sterilität. Durch die titillatio diutior wurde Orgasmus erzeugt, Nymphomanie beseitigt und Fruchtbarkeit erzeugt. Was die Statistik dieses Zustandes angeht, so ist die Anzahl dieser Frauen sehr zahlreich. Etwa 60 Prozent aller Frauen im besten Alter sollen, nach einigen französischen Autoren, hierzu gehören und zwar sollen hiervon etwa die eine Hälfte gar keinen Orgasmus und die andere Hälfte nur einen mehr oder weniger verspäteten Orgasmus empfinden können. Die Zahlen sind wohl deswegen zu hoch gegriffen, weil sie die Frauen mit zu weit nach hinten gerücktem In- troitus mitbegreifen. Hier ist die orgasmuslose Nymphomanie nur symptomatisch. Aber immerhin ist ihre Zahl eine sehr grosse. Wenn man somit bedenkt, dass es vielleicht 10 Prozent frigider Frauen, ferner etwa 30 Prozent Frauen, ohne Orgas- mus und wieder vielleicht 20 Prozent Frauen mit erschwertem Orgasmus giebt, so ergiebt sich, dass es nur etwa 40 Prozent venerisch normaler Frauen giebt. Die Brautschau ist eine Lotterie, in der es nur 40 Prozent Treffer giebt. Die grosse Anzahl dieser Frauen macht die Kenntniss dieser Zustände für den praktischen Arzt unbedingt nöthig. 79 § 42. Yerliältniss zur Sittlichkeit. Es liegt in der Natur der Sache, dass dieser Zustand der Sittlichkeit und Züchtigkeit wenig förderlich ist. Während frigide Frauen im Allgemeinen zur Sittlichkeit gravitiren und höchstens kürzere Perioden ihrer Jugend an- scheinend unsittlich sind, gravitiren Frauen mit erschwertem oder unmöglichem Orgasmus immer nach der Schamlosigkeit zu. Es giebt kaum eine Tugend, die stark genug wäre, um diese Frauen vor dem Falle zu schützen. Bei diesen Frauen kommt es nicht nur zu einem gelegentlichen Fall, sondern es bleibt bei einer lebenslänglichen Lascivität. Selbst in Worten sind diese Frauen meistens erschrecklich schamlos. Ich habe einmal ein solches Prachtexemplar einer nym- phomanen Frau in einer grösseren Poliklinik gesehen. Da angeblich dieser Zustand durch starke Faradisation der Geni- talien kurirt werden kann, so wanderte diese Frau durch die verschiedenen Kliniken, um sich faradisiren zu lassen. Diese Faradisation ist eben mit erheblicher Libido verbunden, daher „coitus faradicus“ genannt. Aus diesem Grunde bedarf es einer grossen Discretion in Anwendung dieser Therapie. Nachdem andere Mittel fehlgeschlagen, wurde bei ihr die Fara- disation probirt. Dabei gebährdete sie sich wie wahnsinnig. Täglich bat sie um erneuerte Faradisation, die aber abge- schlagen wurde. Wenn das Mittel nicht bald hilft, hilft es überhaupt nicht. Auf die Frage, ob sie schon einmal so be- handelt worden sei, erwiderte sie : ,,Nein, ganz anders.“ Auf die Frage, wie sie denn behandelt worden sei, erklärte sie : „Das war viel dicker.“ Sie meinte damit die in die Yagina eingeführte Electrode. Als sie dann mit einem Magneten, der zwischen die Schenkel gelegt wurde, behandelt wurde, erklärte sie auf Befragen, „ein warmer Bittmeister sei ihr lieber wie ein kalter Magnet.“ Diese Aeusserungen, vor grösserer Corona abgegeben, lassen auf bedenkliche Schamlosigkeit scliliessen. Dabei war diese Frau verheirathet. Diese Frau war natürlich trotzdem als Patientin anzusehen und verdiente das allertiefste Mitleid. Diese Frauen werden sehr oft Prostituirte. Bei der über- wiegenden Mehrzahl aller Prostituirten ist der Grund der 80 Prostitution allerdings ein rein ökonomischer und hat mit Yenerie nichts zu schaffen, aber man kann sagen, dass die Mehrzahl derjenigen Prostituirten, die kein ökonomisches Motiv gehabt haben, in diese Kategorie gehören. Wenn ge- legentlich ein Mädchen aus guter Familie ihren Eltern entläuft und Prostituirte wird, so liegt beinahe immer dieser Zustand vor. Da kein Mann diese Frauen mit dem Penis befriedigen kann, es sei denn, dass er selbst an dem analogen Fehler labo- rire, so verlangen diese Frauen von ihrem Mann sehr bald allerhand Manipulationen mit anderen dauerhafteren Organen. Sie verlangen dieses oft in schamloser Weise. Geht der Mann darauf nicht ein, so suchen sie andere Männer auf. Dann kommen sie meistens vom Regen in die Traufe. Sehr oft associiren sie sich mit einer Leidensgefährtin und werden dann Tribaden oder Urninden. Eine grosse Anzahl von Tri- baden sind weiter nichts, wie Frauen, denen der Orgasmus erschwert ist, und die bei Männern kein Verständniss oder kein Entgegenkommen für diesen Zustand finden. Eine sexuell normale Frau kann auch bei schlechtester Erziehung nie so tief fallen, wie Frauen mit erschwertem Orgasmus bei bester Erziehung oft versinken. § 43. Verhältniss zur Ehe. Diese Frauen sind natürlich in der Regel verheirathet. In der Ehe erzeugen sie nun mancherlei unschöne Erschei- nungen. Zunächst machen sie übertriebene Ansprüche an die Coitionspotenz des Mannes. Wenn die Erschwerung des Orgasmus einen gewissen, nicht gerade sehr hohen Grad über- schritten hat, so ist es für einen normalen Mann nicht mehr möglich, eine solche Frau zu befriedigen, auch nicht, wenn er sich zu Schanden strapazirte. Wenigstens nicht mit dem Penis. Auch nicht, wenn er die inexhausta pubertas eines alten Germanen hätte. Ebenso leicht wäre es, die Danaiden- tonne zu füllen. Nur ein Eunuch mit seiner Dauerpotenz könnte eine solche Leistung fertigbringen. Selbst dauer- 81 haftere Organe wie der Penis erlahmen gelegentlich bei solchen Kraftleistungen. Leider pflegen die Männer auf Antrieb der Frau, aus Eitelkeit oder aus Schwäche, öfters diesen Versuch zu machen. Das Resultat ist eine klägliche Herunterwirthschaftung des Mannes. Es giebt wenige Männer, welche physiologisch genügend gebildet sind, um diesen Zustand diagnosticiren zu können. Die Frigidität einer Frau zu diagnosticiren ist, wenn sie die- selbe nicht dissimulirt, nicht sehr schwer. Die Libido mit erschwertem oder unmöglichem Orgasmus zu diagnosticiren ist viel schwieriger. Die grösste Mehrzahl der Männer kann die Diagnose nicht machen. Sie erkennen die Libido ihrer Frau und kommen garnicht auf den Gedanken, dass es Libido ohne Orgasmus geben könne. In der Regel diagnosticiren die Männer diesen Zustand falsch. Sie halten denselben für grössere Potenz. Diese falsche Diagnose des Mannes ist Schuld daran, dass die Anzahl der hierher gehörigen Frauen als eine so kleine erscheint, während die Anzahl der ferviden Frauen in Folge dessen unverhältnissmässig gross erscheint. Dieses stösst zunächst den Mann ab. Es liegt zwar in der Natur der Sache, dass ein Mann einen Widerwillen empfindet gegen eine Frau, die garkeine Libido empfindet, die ganz „im- potent“ ist; aber es ist auch erklärlich, dass ein Mann sich bei einer Frau dauernd nicht wohlfühlen kann, die nach seiner Ansicht von grösserer Potenz ist, wie er. Diejenige Frau fesselt ihren Mann am meisten, die von ihm für ein kleines, etwas weniger potent gehalten wird, wie er ist, die nie den Coitus verlangt, wenn er keine Lust hat, und die zuweilen ihn verweigert, wenn er ihn wünscht. Ein Sprüchwort sagt: „Es ist besser zu wollen und nicht zu brauchen, als zu müssen und nicht zu können.“ Allerdings muss die Weigerung von der Frau nicht mit Lieblosigkeit motivirt werden, das stösst ab ; auch nicht mit Sorge um seine Gesundheit, das kränkt; sondern damit, dass sie sich von den letzten Strapazen noch nicht völlig erholt habe. Solches schmeichelt den Herren der Schöpfung. Solche Frauen haben ihre Männer wirklich unter dem Pan- toffel, ohne dritten Leuten gegenüber einen Pantoffelhelden 82 ans ihm zu machen. Das giebt ideale Ehen. Es ist erstaun- lich, mit wie wenig Verstand man nicht nur einen Staat, son- dern auch einen Mann lenken kann, und es ist nur zu ver- wundern, dass man dieses bischen Verstand nicht öfters antrifft. Natürlich halten diese Männer sich selbst für relativ im- potent. Auch dieser Gedanke wirkt deprimirend und so geht psychische Deprimirtheit mit körperlicher Ueber- anstrengung einher. Wenn nun der Mann zeitig zur Erkenntniss der Unmög- lichkeit seines Beginnens kommt und den Entschluss fasst, mit dauerhafteren Organen nachzuhelfen, dann lässt sich gelegentlich eine friedliche, manchmal sogar eine recht glück- liche Ehe her stellen. In der Hegel weigert sich aber der Mann dazu, andauernd solche Manoevres de force zu machen, besonders in späteren Jahren der Frau, wenn dieselbe anfängt, etwas zu verblühen, oder aus Retorsion, wenn er aus anderen Gründen, z. B. aus finanziellen, mit ihr zürnt. Er glaubt dazu nicht contraktlich verpflichtet zu sein. Die Geneigtheit zu solchen Manipu- lationen setzt eben eine grössere Zuneigung voraus, wie die zum Coitus penealis. Mancher Mann kommt überhaupt gar nicht auf diese Idee, besonders der idealer angelegte und rigoros moralisch erzogene. Dann fängt der eheliche Himmel an, sich zu verdüstern. Bald erscheinen die ehelichen Gewitterwolken, die sich in den Gardinenpredigten mit Donner und Blitz entladen. Die zur Schlafenzeit sich einstellenden Gardinenpredigten sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zwischen den Zeilen zu lesende Vorwürfe wegen zu geringer venerischer Befriedigung und Aufforderung, das Versäumte nachzuholen. Hinc illae lacrymae. Leider verstehen die wenigsten Männer diese Sprache, mit der die Frauen aus Schamhaftigkeit ihre Gedanken ver- bergen. Sie glauben, die Frau zanke wirklich über die Materie, über die sie gerade spricht. * Sie lassen sich dann gelegentlich in logische Erwiderungen ein. Dann springt die Frau sofort auf einen anderen Punkt über und kommt vom 83 Hundertsten ins Tausendste. Der Mann denkt dann, die Frauen liätten keine Logik. Logik giebt’s für keine Frau.“ Das ist irrig. Die Wahrheit ist, dass der Mann nicht zwischen den Zeilen lesen kann. All das in den Gardinenpredigten vor- gebrachte Weh und Ach, so tausendfach, ist aus einem Punkte zu kuriren. Die venerische Unbefriedigtheit beim Weibe er- zeugt lauter Zanksucht, wie die sexuelle Abstrapazirung beim Manne mürrische Stummheit erzeugt. Die Frau mit erschwer- tem Orgasmus bildet sich zur Xantippe aus. Frauen mit zu sehr nach hinten sich öffnender Vagina gelten im Volksmund vielfach als zanksüchtig. Ein akademi- sches Liedchen lautet: Xantippe, die war ivrspcpoET^iy. Ob der innere Zusammenhang zwischen diesem anatomi- schen und Charaktermangel schon einmal erklärt worden ist, weiss ich nicht. Erfahrungsgemäss wird mit der Zanksucht in dieser Be- ziehung nichts erreicht. Im Gegentheil! der Mann fühlt sich noch mehr abgestossen und weigert sich noch mehr zu solchen Manipulationen. So ist der erste circulus vitiosus gegeben. Viele Frauen fordern dann ihre Männer direkt zu solchen Manipulationen auf; manche verweigern sogar den Coitus, von dem sie nichts haben, indem sie ihm vorwerfen, er denke nur an sich, er sei ein Egoist. Dann fühlt sich der Mann noch ausserdem von der, nach seiner Meinung, unweiblichen Scham- losigkeit seiner Frau abgestossen. Ist der Grad der Schönheit einer Frau noch hinreichend gross, so neigt sie zur Lüderlichkeit, zu der sie nach ihrer Ansicht, in Folge der Vernachlässigung ihres Mannes, eine Art Recht zu haben glaubt. Während die frigide Frau sich leicht zur tugendhaften Xantippe ausbildet, wird die libidinöse Frau mit erschwertem Orgasmus in der Regel eine lasterhafte Xan- tippe. Hieraus entstehen dann Ehescheidungen oder, was noch schlimmer ist, scandalöse Ehen. Das ist das reguläre wenig erbauliche Bild der Ehe mit einer an erschwertem oder unmöglichem Orgasmus leidenden Frau. 84 Es erhellt hieraus, welchen grossen individuellen und socialen Nutzen ein erfahrener Hausarzt hier stiften kann. Zunächst soll er den Mann über den Zustand seiner Frau in liebevoller Weise aufklären. Damit benimmt er ihm zunächst das beschämende Gefühl seiner eigenen Impotenz. Er soll ihm dann den Rath geben, den thörichten Versuch nicht zu wieder- holen, seine Frau mit dem Penis allein' befriedigen zu wollen. Er solle hierzu im Interesse des häuslichen Friedens sich der Mithülfe einiger anderer dauerhafterer Organe bedienen, auch wenn es ihm gelegentlich sauer fallen sollte. Moralische Ge- danken verscheuche er. Er soll hier den Rath eines grossen Hausarztes wiederholen : Ego vero censeo cunnum ante coitum diutius esse titillandam. Sodann aber soll er auch die Frau darüber aufklären, dass nicht ihr Mann, sondern sie die Schuld trägt. Viele Frauen wissen ja hiervon nichts. Er soll ihr klar machen, dass nicht ihr Mann, sondern sie impotent ist, und dass ihre Impotenz sich nur unter der Hülle der Hvper- potenz verbirgt. Natürlich ist bei solchen Aufklärungen und Rathschlägen viel Discretion und Takt nöthig. Ein Kliniker kommt mit Wissenschaft aus ; ein Hausarzt hat weniger Wissenschaft, wie Takt nöthig. Unter solchen Umständen gelingt es dann öfters, aus solchen zänkisch lüderlichen Frauen sitt- und tugendsame Ehefrauen zu machen, den herabgekommenen Mann körper- lich und geistig zu heben, den Kindern ihre Eltern zu erhalten und der Gesellschaft einige Eheskandale zu ersparen. § 14. Libido mit verfrühtem Orgasmus. Es giebt sodann Frauen, deren Abnormität darin besteht, dass der Orgasmus zu früh eintritt. Dieser Zustand, beim Manne sehr häufig, ist beim Weibe sehr selten. Er führt auch zu keinerlei nennenswertlien Incongruenzen, wie der analoge Zustand des Mannes. 85 ß) Abnormitäten der Frequenz. § 45. Verminderte Frequenz. Es giebt ferner Frauen, welche abnorm selten mit Libido und Orgasmus coitiren können. Stark arbeitende Frauen, z. B. Bäuerinnen, gehören oft hierher. Es ist dieses partielle Frigidität. Da eine Frau, wenn sie nur überhaupt Libido und Orgasmus empfinden kann, auch wenn dieses selten stattfindet, dem Manne keinen Widerwillen einflösst, wie eine frigide Frau, die solche Gefühle nie empfindet, so pflegt es bei diesen Frauen in der Ehe in der Regel nicht zu den Gewittern zu kommen, die den Himmel der Ehen mit frigiden Frauen zu verdüstern pflegen. § 46. Vermehrte Frequenz. Es giebt ferner Frauen, die abnorm oft mit Libido nnd Orgasmus den Coitus ausüben können. Ich wurde einmal von einem älteren Mädchen wegen Bückenschmerzen con- sultirt. Bei Aufnahme der Anamnese beichtete dieselbe, sie habe vor einigen Tagen mit ihrem Bräutigam zum Abschiede 36 Stunden geschlafen und in der Zeit 32 Mal Orgasmus em- pfunden. (Den populären Ausdruck will ich hier nicht wieder- geben.) Sie fürchte hierbei „ein Stück Bückenmark verloren zu haben“. Dieser Zustand ist die wahre Fervidität im Gegensatz zur Pseudofervidität, von der wir früher gesprochen. Dieser Zustand ist äusserst selten, ebenso selten wie die Pseudofervidität häufig ist. Er erzeugt auch nicht leicht ehe- liche Incongruenzen, wie der Laie sich dieses vorstellt. Sexuelle Incongruenzen sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle Incongruenzen der Dauer und nicht der Frequenz. Wenn der Mann zu früh oder die Frau zu spät zum Orgasmus kommt, entsteht immer Disharmonie; wenn der Mann zu selten oder die Frau zu oft zum Orgasmus kommt, ist die Prognose der Ehe eine unverhältnissmässig bessere. 86 IV. Diagnose der Libido und Orgasmus beim Weibe. § 47. Symptome (1er Libido. Ich bin öfters von Aerzten, mit denen ich über diese Ma- terien verhandelt habe, gefragt worden, woran man denn Libido und Orgasmus beim Weibe diagnosticiren könne ? Es waren dieses merkwürdiger Weise Collegen, welche sich grosser per- sönlicher Erfahrung in rebus venereis rühmten. Wenn ein Arzt einer Frau den Rath ertheilt, Libido und Orgasmus zu simuliren, um mit dieser pia fraus die häus- lichen Penaten zu versöhnen, so muss er offenbar wissen, welches denn die Symptome der Libido und des Orgasmus sind; er muss die differentielle Symptomatologie dieser Zustände und der Indifferenz kennen. Wir beginnen mit der Libido. Die Symptome derselben sind folgende : 1) Die Libido ist zunächst verbunden mit einer mässigen Secretion der accessorischen Drüsen des Genital- schlauches, der Bartolinisehen und der Uterusdrüsen. Die Vagina selbst hat keine Drüsen. Die vaginale Schleimhaut ist die einzige Schleimhaut ohne Schleimdrüsen. Canis a non canendo. Durch mässige peristaltische Bewegungen des Uterus bei der Libido wird aber das Uterussecret in die Vagina befördert und diese damit angefeuchtet. Die Barto- linischen Drüsen besorgen die Befeuchtung des Introitus. Das Resultat ist eine mässige Befeuchtung des ganzen Genital- schlauches. Etwas ähnliches kommt beim Manne vor. Auch hier secerniren bei Libido schon lange vor der eigentlichen Ejacu- lation die accessorischen Drüsen des Genitalapparates, die Prostata und die Cooper’schen Drüsen, eine viscide Flüssig- keit, welche von Hypochondern und Neurasthenikern oft genug für Samen gehalten wird und sie veranlasst, zu glauben, sie litten an Samenfluss, und einen Quack aufzusuchen. Diese vorejaculatorischen Secretionen haben mehrere Zwecke. Zunächst sollen sie die in der Regel saure Reaction der Vagina und der Urethra in eine alkalische verwandeln. Die saure Reaction der Vagina rührt von bakteriellen Zersetzungen, 87 die der Urethra von der Säure des normalen Harnes her. Jede Säure tödtet aber die Spermatozoen. Ohne diese vorejacula- torischen Secretionen wäre die Procreation sehr in Frage gestellt. Sodann haben sie den Zweck, die Libido zu vergrössern und damit die Auslösung des Orgasmus und der Ejaculation zu erleichtern. Dieses Zeichen ist ein objektives, dem Willen entrücktes. 2) Die Libido charakterisirt sich ferner durch verschieden- artige Aeusserungen der Lust. Diese Zeichen sind subjektive. Dort wo beide Zeichen fehlen, kann man den Mangel der Libido diagnosticiren. Fehlen sie konstant, so hat man Zeichen der Frigidität vor sich. Sicca de lana cogitat sua. Mit diesen Worten beschreibt Ovid die frigide Frau, der natura sensum veneris negavit. 1) Der Orgasmus charakterisirt sich zunächst durch ein objektives Zeichen. Die Befeuchtung des weiblichen Genitalschlauches nimmt plötzlich zu und zwar dadurch, dass beim Weibe die peristaltischen Contractionen des Uterus sich in clonische verwandeln. Beim Manne passirt beim Orgasmus etwas ähnliches. Die peristaltischen Bewegungen verschiede- ner Beckenmuskeln verwandeln sich in clonische Krämpfe, wodurch der Inhalt der vesicula seminalia zunächst in die Urethra und dann aus dieser hinausbefördert wird. 2) Sodann charakterisirt sich der Orgasmus durch ge- steigerte Lustbezeugungen verschiedener Art. Dieses ist ein subjektives Zeichen. 3) Zuletzt aber charakterisirt sich der Orgasmus dadurch, dass nach kurzer Zeit, der Zeit der postorgastischen Libido, die venerische Depression eintritt. In dieser Phase wird das Aufhören der venerischen Frictionen gewünscht und zwar nicht nur vom Manne, sondern auch vom Weibe. Dieses ist das wichtigste Zeichen. So lange eine Frau ununterbrochen fernere Frictionen verlangt, oder gern gestattet, oder nicht verbietet, hat sie keinen Orgasmus empfunden. § 48. Symptome des Orgasmus. 88 „Langueat et tangi se vetet illa diu,“ so beschreibt Ovid den Zustand nach dem Orgasmus. Dieser Satz bedarf allerdings einer gewissen Einschrän- kung. Bei grosser Jugend und bei grosser Abstinenz ist es für die Erau möglich, direkt nach dem ersten Orgasmus wieder neue Libido zu empfinden. Es kommt ja auch bei Männern in jüngeren Jahren vor, dass sie zwei Cohabitationen direkt hintereinander vollziehen, obschon regulär mehr Prah- lerei wie Drang dahintersteckt. Das sind aber sehr exceptio- nelle Fälle. Kann man grosse Jugend und längere Abstinenz bei einer Frau ausschliessen, z. B. in der Ehe, so ist die Fort- setzung der Libido ein untrüglicher Beweis dafür, dass der Or- gasmus nicht eingetreten ist. Unter keinen Umständen kann eine Frau nach dem zweiten Orgasmus ohne Buhe fernere Libido empfinden. Hieraus ergeben sich die Unterschiede in der Diagnose der Libido und des Orgasmus. Die beiden ersteren Zeichen sind weniger leicht zu erkennen, da sie nur graduell v w- schieden sind. Das letztere Zeichen ist das charakteristische. Eine Frau, die fortgesetzte Frictionen wünscht, oder die, um mit Ovid zu reden, post gaudia munera Yeneris poscit, em- pfindet zwar Libido, aber keinen Orgasmus. Wünscht sie plötzlich deren Aufhören, so hat sie Orgasmus empfunden. Dieses letztere Zeichen ist, mirabile dictu! der Mehrzahl der Männer, selbst der Aerzte, ganz unbekannt. Sie glauben, wenn eine Frau nach dem Orgasmus des Mannes fernere libidoerregende Frictionen wünscht, so sei dieses ein Zeichen einer besonderen Potenz oder Fervidität der Frau. Einige Collegen, denen ich den Vers des Ovid zeigte, um einen Autoritätsbeweis für meine Ansicht zu erbringen, erklärten mir, die munera veneris seien nicht die „ehelichen Pflichten,“ son- dern der Denar, welcher zu zahlen sei. Ovid habe damit den Meretricen den Bath ertheilen wollen, sich ante gaudia zahlen zu lassen, damit sie nicht geprellt würden. Auch einige Philo- logen, die zum Concilium berufen wurden, waren dieser An- sicht. Aber zunächst spricht Ovid nicht von Meretricen, son- dern von Dauerverhältnissen, und dann hat er gerade vorher von den Frauen gesprochen, denen der sensus veneris fehlt. 89 § 49. Simulation von Libitlo und Orgasmus. Hieraus ergiebt sich, wie und in wiefern Libido und Orgasmus zu simuliren sind. Das objektive Zeichen, das Feucht werden der Yagina bei der Libido lässt sich durch vorheriges Einführen viscider Fremdkörper simuliren. Die Steigerung des Feuchtigkeits- grades beim Orgasmus lässt sich allerdings nicht simuliren. Die subjektiven Lustbezeugungen lassen sich bei einigem mimischen Geschick leicht simuliren, dessgleiclien die Stei- gerung derselben beim Orgasmus. Am leichtesten lässt sich die postorgastische Depression simuliren. Es ist allerdings nicht schwer, die Simulation zu diagnos- ticiren. Zum Glück ist der Intellect der Männer in diesen Momenten jedoch nicht so helle, dass sie scharf denken könnten, und dann lassen sich die Männer auch gerne täuschen. Es ist mir noch nicht zu Ohren gekommen, dass ein Mann die Simu- lation erkannt und sich darüber beschwert hätte. V) Normale Frequenz und Dauer. § 50. Normale Frequenz beim Manne. Wir haben vorhin von Anormalitäten der Frequenz und der Dauer gesprochen. Das veranlasst mich, die Frage aufzu- werfen, was denn die normale Frequenz und die normale Dauer sind? Ich will hier nicht fragen, was die hygienische Normalität ist; diese Frage wird uns später unten beschäftigen. Hier fragen wir, welche sexuellen Leistungen sind in Bezug auf Frequenz und Dauer als von normalen Individuen ausgehend anzusehen ? Wir fragen hier nach dem Maximum und dem Minimum sexueller Acte für den normalen Menschen, nicht aber nach seinem Optimum. Wir müssen hier unterscheiden nach Geschlechtern und nach Altern. Was zunächst die Frequenz beim Manne angeht, so muss man sagen, dass ein normaler Mann in jüngeren 90 Jaliren täglich den Coitus ausüben kann. Ein Mann, der etwa heute nicht konnte, etwa weil er gestern gethan, oder weil er die letzten so und so viel Tage gethan, wäre als nicht normal anzusehen. Hat er einige Zeit lang abstinirt, so muss er in einer Nacht den Coitus mindestens dreimal ausüben können, wenn er normal ist. In mittleren Jahren reduciren sich natürlich diese Zahlen etwas und im höheren Alter selbstverständlich noch mehr. Das wäre das Maximum. Als Minimum kann man vielleicht einmal die Woche oder einmal alle vierzehn Tage festsetzen. Das heisst, ein normaler Mann vermeidet bei einem so häufigen Coitus nächtliche Pol- lutionen. Coitirt er seltener oder garnicht, so ist er eben Pollutionen unterworfen. Im mittleren und höheren Alter reduciren sich natürlich auch diese Zahlen. Es ist hier zu beachten, dass die Normalität hauptsächlich in der Willkür liegt, sich zwischen Maximum und Minimum zu bewegen. Ein Mann, der täglich kann, ist normal; wenn er täglich muss, bei Strafe einer Pollution, so ist dieses anormal. Ein Mann, der ein bis zwei Wochen abstiniren kann, ist normal; wenn er so lange abstiniren muss, ist er anormal. § 51. Normale Frequenz beim Weibe. Wie sieht es aber mit der normalen Frequenz beim weib- lichen Gesclileclite aus ? Die Mehrzahl der Menschen ist der Ansicht, das Weib sei durchschnittlich dem Manne, was Leistungsfähigkeit in Bezug auf Frequenz angeht, erheblich über. Diese Leute rechnen aber falsch. Sie rechnen nach Co- habitationen, aber nicht nach Orgasmen. Rechnet man nach Cohabitationen, dann ist natürlich die schwächste Frau dem stärksten Manne überlegen, so lange ihre vaginalen Epitlielien normal sind. Rechnet man aber nach Orgasmen, so ist die Frau dem Manne unterlegen. Wir müssen natürlich gleiches Alter voraussetzen. Eine junge Frau um die zwanziger Jahre ist nach einem drei- 91 maligen Orgasmus in einer Nacht am folgenden Tage mehr angegriffen, wie ein Mann im gleichen Alter nach derselben Leistung. Eine junge Frau, die täglich einmal den Orgasmus auslösst, ist mehr angegriffen, wie ein junger Mann von gleicher Leistung. Ein Mann kann bei solchen Leistungen immer noch seinen Berufsgeschäften nachgehen, wenngleich er dann wohl den Schwung der Ideen vermissen lassen wird, eine Frau aber kann nach solchen Leistungen kaum noch einem kleinen Haus- wesen vorstehen. Ich glaube, dass die Natur dieses sehr weise eingerichtet hat. Es ist daher garnicht unnatürlich, wenn in der Ehe der Mann einige Jahre älter ist, wie seine Fra,u. Bei einer Diffe- renz von bis zu zehn Jahren entstehen noch keinerlei sexuelle Incongruenzen. § 52. Normale Dauer beim Manne. Was sodann die normale Dauer beim Manne angeht, so ist hierüber zunächst das zu sagen, dass die Normalität sich durch grosse Willkürlichkeit charakterisirt. Ein normaler Mann kann den Coitus ebenso geschwind beenden, wie ein Neuras- theniker, und er kann ihn so lange ausdehnen, wie ein Tabiker. Es giebt hier natürlich individuelle Verschiedenheiten, aber ich habe durchaus normale Männer gekannt, welche in glaub- würdiger Weise versicherten, oder von denen die Frauen es in glaubwürdiger Weise versicherten, dass sie den Orgasmus bis zu mehreren Stunden hinausschieben konnten, wenn sie woll- ten. Ein Mann, der den Orgasmus nicht wenigstens eine viertel Stunde hinausschieben kann, ist, es sei denn, dass er eine lange Abstinenz hinter sich hat, oder dass es der erste Coitus mit der vorliegenden Frau ist, nicht als normal anzu- sehen. Dessgleichen ist er als anormal anzusehen, wenn er den Orgasmus nicht nach etwa zwei Minuten auslösen kann, es sei denn, dass es sich um einen iterirten Coitus handelt. § 53. Normale Dauer beim Weibe. Für das Weib gilt etwas analoges. Auch bei ihr charak- terisirt sich die Normalität der Dauer darin, dass sie dieselbe innerhalb bestimmter Grenzen in ihrer Gewalt hat. Der 92 Unterschied vom Manne liegt nur darin, dass sie in der Regel den Orgasmus nicht so schnell auslösen kann, wie der Mann. Auch nach längerer Abstinenz und bei grösserer Mitwirkung der Phantasie dauert es bei der Frau doch immerhin einige Minuten länger, wie beim Mann, bis sie im Stande ist, den Orgasmus auszulösen. Hierin zeigt sich die grössere Passivi- tät der Frau. Hiermit hätten wir den Nullpunkt der Normalität in Bezug auf Frequenz und Dauer angegeben. Hieraus kann man er- sehen, was unter Anormalität zu verstehen ist. VI) Die postvenerische Phase. § 54. Die Phase der Depression—Euphorie und Dysphorie. Nach Beendigung von Libido und Orgasmus tritt die libidolose Phase ein. An durchschnittlicher Dauer übertrifft dieselbe natürlich um vieles die durchschnittliche Dauer der Phase der Libido. Der grösste Tlieil der grössten und wich- tigsten Tlieile des menschlichen Lebens besteht aus dieser Phase. Das ergiebt ihre grosse Bedeutung. Diese Phase wollen wir nunmehr studiren. Diese Phase charakterisirt sich zunächst durch eine Er- schlaffung, eine Depression, und dann durch eine sich hieran anschliessende venerische Indifferenz. In der Phase der Erschlaffung ist nun aber ein gewaltiger Unterschied zu beobachten. Bald ist diese Phase mit aus- gesprochener euphorischer, bald mit ebenso ausgesprochener dysphorischer Stimmung verbunden. Bald ist die Erschlaffung eine angenehme, bald eine unangenehme. Bald ist der Mensch post coitum traurig, bald heiter. Die angenehme Erschlaffung mit euphorischer Stimmung hält kürzere oder längere Zeit an, geht oft in angenehmen Schlaf über, um dann einer erhöhten Arbeitsfreudigkeit und Leistungsfähigkeit Platz zu machen. Die unangenehme Erschlaffung mit dysphorischer Stimmung dagegen charakterisirt sich durch Aufgeregtheit, Unfähigkeit zu schlafen und zu arbeiten. Sie gleicht völlig dem Katzen- 93 jammer. Dieser Jammer kann oft Tage laug anhalten und klingt nur ganz allmählig ab. Einmal ist die Libido ein Beruhigungsmittel für das Nervensystem, das andere Mal ist sie ein Aufregungsmittel. Das eine Mal erzeugt sie reizbare Schwäche, das andere Mal phlegmatische Stärke. Es giebt Leute, welche die Dysphorie als die Regel an- sehen. Omne animal post coitum triste. Das ist keineswegs richtig und beruht auf einer Verwechselung von Erschlaffung und Dysphorie. Die postvenerische Stimmung ist gewissermassen das Colorit, in dem der venerische Act in der Erinnerung weiter- lebt. Erscheint die Erinnerung schön, so war Euphorie, er- scheint sie widerlich, so war Dysphorie die Folgeerscheinung. Die postvenerische Stimmung hat den grössten Einfluss auf die Intensität der Zuneigung zwischen zwei Liebenden. Die postvenerische Euphorie vergrössert, die postvenerische Dysphorie vermindert die Zuneigung und macht sie oft ganz aufhören. Hiermit erklärt sich das rätliselhafte Phänomen, dass eine oft jahrelang bestehende schwärmerische Liebe nach dem ersten so sehnlich herbeigewünschten Coitus sich auf Null reducirt. Mit dem Gürtel, mit dem Schleier reisst be- kanntlich oft der schöne Wahn entzwei. Dahingegen steigert oft ein ohne Illusionen unternommener Coitus die Indifferenz bis zur Schwärmerei. Man erlebt es oft genug, dass ein Mann sich übermässig in ein Bordellmädchen verliebt und sie. durch alle Hindernisse hindurch heirathet, oder dass eine Vernunft- und Convenienzehe in Romantik endigt, während eine Liebes- heirath in Indifferenz and Abscheu übergeht. § 55. Phase der Indifferenz. Auf die Phase der Erschlaffung folgt die Phase der In- differenz. Je nachdem nun die Erschlaffung euphorisch oder dysphorisch war, ist hier ein grosser Unterschied zu bemerken. Die euphorische Erschlaffung geht über in eine euphori- sche Indifferenz, mit erhöhter Leistungsfähigkeit für die übrigen Geschäfte des Lebens. Die dysphorische Erschlaffung 94 dagegen gellt eigentlich in garkeine venerische Indifferenz über. Sofort nach der Dyspliorie, ja noch in derselben, regt sich die Begierde, das venerische Nervensystem von Neuem zu erregen. Die Dyspliorie erzeugt eine gesteigerte Begierde, diesen venerischen Act zu wiederholen, die Euphorie erzeugt eine grössere Kraft, sich zu enthalten. Im Zustande der postvenerisehen Dyspliorie ist der Mann nicht nur minder arbeitsfähig, wie er etwa bei einem Magen- katarrli minder arbeitsfähig ist, sondern auch, weil er seine Gedanken nicht von venerischen Vorstellungen ablenken kann. Die Dyspliorie erzeugt eine viel grössere venerische Erregtheit, wie die totale Abstinenz. Im Zustande der postvenerischen Euphorie dagegen ist der Mensch arbeitsfreudiger, nicht nur weil jede Euphorie die Arbeitslust steigert, sondern weil seine Gedanken nicht die Neigung empfinden, sich innerhalb der nächsten Zeit auf lascive Vorstellungen zu verbreiten. Dieser Satz klingt prima facie paradox. Man sollte glauben, der Mensch suche dasjenige wieder zu erleben, was Euphorie, und dasjenige zu vermeiden, was Dyspliorie erzeugt. Im vorliegenden Falle gilt dieser Satz aber nicht. Die täg- liche Erfahrung lehrt uns, dass Dyspliorie die Lascivität der Gedanken befördert. So erzeugt der alkoholische Katzen- jammer ja auch eine gesteigerte Begierde nach Alkohol, der Morphiumjammer nach Morphium. Der Grund hierfür liegt offenbar zunächst darin, dass die Libido vorübergehend die Dyspliorie verscheucht. Kommt es zu einer baldigen Wiederholung der veneri- schen Acte, so ist, wenn die Bedingungen derselben sich nicht geändert haben, was die Regel ist, das wahrscheinliche Resul- tat, dass die Dyspliorie gesteigert wird. Bezwingt ein solcher Dysphoriker sich im wachen Zustande, so nehmen die lasciven Gedanken im Traume von ihm Besitz und eine Pollution ist sehr wahrscheinlich. Pollutionen haben nun die besondere Fähigkeit, Dyspliorie zu erzeugen. So bringt die erste post- venerische Dyspliorie den Menschen bald in einen dyspliori- schen circulus vitiosus. 95 Die venerische Curve zeigt also hier folgende Verschieden- heiten. Bei Euphorie ist der Abschnitt II1 ziemlich kurz, der Abschnitt II 2 sehr lang ; bei Dysphorie ist der Abschnitt II1 sehr lang, während der Abschnitt II 2 sehr klein wird, even- tuell verschwindet. § 56. Grund der postvenerischen Stimmung. Wir können nun ohne weiteres den Satz aussprechen, dass die Hygiene der Venerie abhängt von der derselben folgenden Stimmung. Ein venerischer Act, dem Euphorie folgt, war hygienisch, seine Ausübung war hygienisch erwünscht; ein solcher, dem Dysphorie folgte, war unhygienisch und wäre physiologisch besser unterblieben. Das hängt zunächst damit zusammen, dass eben jede Euphorie hygienisch, jede Dysphorie antihygienisch ist, sodann damit, dass die Euphorie die Frequenz des Coitus herabsetzt, die Dysphorie sie steigert. Die antihygienischen Folgen dieser postlibidinösen Dys- phorie können sehr leicht unterschätzt, aber nicht leicht über- schätzt werden. Wir haben hier die ergiebigste Quelle für die Entstehung der Neurasthenie. Diese Einsicht zwingt den Hygieniker zu der Frage, wovon denn die postvenerische Stimmung abhängt? Unter welchen Umständen erzeugt die Venerie Euphorie, und unter welchen erzeugt sie Dysphorie ? Diese Frage ist von grösstem therapeutischem Werth. Wenn z. B. eine Neurasthenie das Product der postlibidinösen Dysphorie ist, so besteht die rationelle Therapie nicht darin, die Libido zu verbieten, sondern darin, die Libido so zu modi- ficiren, dass eine postlibidinöse Euphorie entsteht. Es ist irrationell, sage ich, die Libido zu verbieten, weil dieses Verbot sich nicht ausführen lässt. Es giebt eine willkürliche und eine unwillkürliche Venerie. Man kann mit Erfolg nur die erstere verbieten; die letztere ist aber entschieden die un- hygienischere. In der Pegel leitet man die postvenerische Dysphorie ab von zu grosser Frequenz. Darin steckt sehr viel wahres. 96 Excesse der Frequenz erzeugen allerdings Dysphorie. Aber dieser Satz enthält doch nicht die ganze Wahrheit. Man kann die postvenerische Stimmung nicht bloss ableiten von der Frequenz der venerischen Nervenerregung. Oft erzeugt ein ganz seltener Coitus Dysphorie. Oft beseitigt ein Coitus eine bestehende postvenerische Dysphorie. So wird sehr oft eine Dysphorie post pollutionem durch einen Coitus beseitigt, womit vielleicht ein anderer Grund gegeben ist für die dys- phorische Lascivität. Man kann die postvenerische Stimmung auch nicht ab- leiten von dem allgemeinen Gesundheitszustand. Man kann nicht sagen, dass das kräftige Individuum Euphorie, das schwächliche Dysphorie empfinde; denn bei denselben Indi- viduen erzeugt oft der Coitus das eine Mal Euphorie, das andere Mal Dysphorie. Oft sind es Hünen, die gelegentlich eine ausgesprochene postvenerische Dysphorie empfinden. Man kann die Stimmung auch nicht ableiten von dem Lebensalter, so dass in der Jugend Euphorie, im Alter Dys- phorie folgte. Der Satz: „Ornne animal post coitum triste, nisi stadiosus“ ist nicht richtig. Auch in der Jugend kommt Dysphorie und im Alter Euphorie vor. Man kann die postvenerische Stimmung auch nicht ableiten von den die venerischen Erregungen oft begleitenden Nebenumständen, z. B. Potus, Nachtwachen u. dgl., da die Dysphorie oft bei den solidesten Nebenumständen eintritt.. Man kann dieses Phänomen auch nicht moralisch erklären, etwa als Gewissensbisse. „Ein anderes Gesicht zeigt die beschlossene, ein and’res die vollbrachte Tliat.“ Oft zeigt sich die Dysphorie gerade dort, wo gar kein Grund zu Ge- wissensbissen ist, wie z. B. in der Ehe ; oft zeigt sich Euphorie gerade dort, wo genügend Grund für Heue vorhanden ist, z. B. bei Verführungen und Verführtwerden. Die den venerischen Acten oft folgende moralische Beue hat mit der physiologi- schen Dysphorie nichts zu schaffen. Manche durch eine Ver- führung in’s Elend gestürzte Frau oder Jungfrau giebt noch im späten Alter die erlebte Euphorie zu. Eine Frau, die durch einen einzigen Ehebruch Mann, Kinder, gesellschaft- liche Stellung und Vermögen verloren hatte und die nicht 97 einmal ihren Liebhaber hatte halten können, da derselbe, was sie wusste, verheirathet war, antwortete auf die Frage, ob sie keine Reue habe, nach einigem Bedenken : „Leid thut es mir schon, aber jetzt bin ich doch wenigstens einen Augenblick in meinem Leben glücklich gewesen. Ein Augenblick gelebt im Paradiese, ist mit der Hölle zu theuer nicht erkauft.“ Noch in der Hölle des Dante geben die Verdammten, trotz ihrer moralischen Reue, die Schönheit ihrer Sünde zu. Dahingegen hat noch nie ein Pflichtcoitus bloss wegen seiner moralischen Verdienste Euphorie erzeugt. Der Grund der Euphorie und Dysphorie liegt ganz wo anders. Die postvenerische Stimmung hängt ab von der Grösse der empfundenen Libido. Je grösser die empfun- dene Libido war, um so grösser die Euphorie. War die Libido massig, oder war gar Widerwillen vorhanden, so entsteht Dys- phorie. Hier liegt der Schlüssel für das Verständniss der post- venerischen Stimmung. Pollutionen, Onanie, der Coitus in einem Bordell, der er- zwungene Pflichtcoitus in mancher reizlosen Ehe u. dgl. erzeugen regulär Dysphorie, weil die venerische Nerven- erregung hierbei eine zu kleine war. Ein mit grösserer Er- regung, z. B. bei einer Verführung, oder in glücklicher Ehe ausgeübter Coitus hinterlässt dagegen regulär Euphorie. Die Dysphorie nach einer reizlosen Erregung, z. B. nach einer Pollution, wird daher durch einen reizvollen Coitus prompt beseitigt, nicht aber durch einen reizlosen, etwa m einem Bor- dell. Der Erfinder des Satzes : „Omne animal post coitum triste“, scheint nur Philister beobachtet zu haben, die zwischen trägem Ehebett und Bordell pendeln. Betrachten wir unsere venerische Curve, so ist der Flächeninhalt der Figuren abcdy/?, a'b'c'd'y'/J'... gleich der Grösse der empfundenen Libido. Von der Grösse dieses Inhaltes hängt die postvenerische Stimmung ab. § 57. Der Excess. Wenn es wahr ist, dass Reizlosigkeit Dysphorie und Dys- phorie gesteigerte Begierde erzeugt, so muss also auch Reiz- 98 losigkeit eine gesteigerte Begierde erzeugen und den Excess begünstigen. Dagegen muss eine Yergrosserung der veneri- schen Nervenerregung eine verringerte Begierde nach ihrer Wiederholung erzeugen und die Kraft zur Enthaltsamkeit vergrössern. Das ist auch in der Tliat der Fall. Die in reizloser Ehe lebenden Ehemänner sind bekanntlich grössere Don Juans, wie die Junggesellen. Nirgendwo kann man grössere Zoten hören, wie an Biertischen von Philistern in kleineren Städten. Daher hat die eine Onanie die andere, der eine Bordellbesuch den anderen eher im Gefolge, wie etwa in glücklicher Ehe der eine Coitus den anderen. Diejenigen Leute, die den ganzen Tag lasciven Gedanken nachhängen, die jeder Schürze nach- steigen und sich nach jedem Unterrock umsehen, sind solche, deren Cohabitationen keinen besonderen Genuss vermuthen lassen. Hieraus erklärt sich auch das Phänomen, dass Pollu- tionen meist gehäuft auftreten. Die Wahrscheinlichkeit, in der folgenden Nacht eine Pollution zu bekommen, ist um so grösser, je kürzere Zeit seit der letzten Pollution verflossen ist. Dessgleiclien die Pollutionen direkt nach Onanie oder Bordell- besuch. Ein Excess ist nicht sowohl der Grund, wie die Folge der Reizlosigkeit. Ein Excedent concedirt mit seinen Excessen, dass seine früheren Cohabitationen nur von mässigem Reiz gewesen sind. Nie werden glückliche Eheleute auf den Ge- danken von Excessen kommen. Wir müssen natürlich alles Uebrige gleich setzen. Wir dürfen z. B. nicht die Flitterwochen vergleichen mit einer Ehe von jahrelangem Bestand. Wir dürfen nicht einen Cavalier, der den ganzen Tag über nichts zu tliun hat, vergleichen mit einem Manne von ernster Beschäftigung. Dieser Satz klingt prima facie paradox. Man sollte glau- ben, dass eine genussreiche Handlung eine grössere Begierde nach ihrer Wiederholung erzeugte, wie eine genusslose. Das ist aber nicht richtig. Die Begierde, einen reizlosen Coitus mit der Frau Y. zu wiederholen, ist zwar kleiner, wie die Be- gierde, einen reizvollen Coitus mit der Frau Z. zu wiederholen. Aber die Begierde, den Coitus überhaupt zu wiederholen mit irgend einer Frau, ist nach reizlosem Coitus grösser, wie bei 99 reizvollem. Dieses wird überall durch die Erfahrung bestätigt. Allerdings hört man meistens das Gegentheil. Desswegen habe ich mich auch nicht gescheut, diesen Satz hier in sede materiae aus einem früheren Abschnitte zu wiederholen. Die Repeti- tion ist eine rhetorische Eigur von besonderer Kraft. Es geht in der Physiologie des Sexuallebens, wie in der Verdauung. Gute Speisen erzeugen Sattigkeit, während schlechte den Appetit reizen. Daher verordnet der Arzt gelegentlich Amara. Während der Sattigkeit denkt man nicht an’s Essen. Wer von Schmausereien viel spricht, pflegt schlechte Speisen zu essen. In Austernsalons hört man nie Lieder wie „edite, bibite“. Solche Lieder ertönen nur aus Kneipen. Der reizlose Coitus erzeugt also Dysphorie, Dysphorie erzeugt Begierde zur Wiederholung des Coitus. Ist der zweite Coitus nun genügend reizvoll, so ist die Dysphorie und die Lust an weiteren Excessen aufgehoben. Die Wahrscheinlich- keit ist aber die, dass der zweite Coitus unter denselben oder ähnlichen Bedingungen stattfindet, wie der erste. Derselbe vergrössert also die Dysphorie und die Neigung zum Excess, und so ist der schönste circulus vitiosus gegeben. Der Hygieniker muss also verlangen, dass die venerischen Acte mit möglichst grosser Libido ausgeübt werden, eines- theils um Dysphorie, anderntheils die daraus zu befürchtenden Excesse zu vermeiden. § 58. Elemente (1er Grösse der Libido. Die Grösse der Libido ist nun die Function von zwei Factoren: von der Dauer und der Intensität der- selben. Wir können also sagen, dass die postlibidinöse Stim- mung abhängt von der Dauer und von der Intensität der empfundenen Libido. Je intensiver dieses Gefühl war, um so grösser wird die folgende Euphorie sein, je weniger intensiv dasselbe war, um so geringer wird die Euphorie sein. Wenn der venerische Act ohne besondere Erregung, ja mit Wider- willen, ausgeführt wird, wird er eine Dysphorie erzeugen, die dem Grade des Widerwillens entspricht. 100 Dessgleichen erzeugt eine zu kurze Libido Dyspliorie. Ich möchte hier ein Bild gebrauchen. Wenn man ein Gewicht zu schnell an einer Bolle in die Höhe zieht, so reisst Strick oder Bolle. Zieht man langsam, so können Bolle und Strick unabsehbar lange halten. Etwas ähnliches passirt im veneri- schen Nervensystem. Wenn man den Orgasmus zu schnell auslösen will, so laedirt man die Nerven, Fasern und Centren. Der Hygieniker muss also verlangen, dass die venerischen Acte nicht zu kurz dauern und mit möglichst intensiver Libido ausgeübt werden. Prima facie besteht zwischen diesen beiden Postulaten ein Antagonismus. Man glaubt in der Begel, dass der Orgas- mus um so eher eintritt, je intensiver, und um so später, je weniger intensiv die Libido war. Das ist durchaus nicht richtig' Die kürzesten Coliabitationen sind die des Bordells oder die mit frigiden oder unschönen und reizlosen Frauen. Man kann darüber leicht eine Statistik erhalten, wenn man eine Enquete darüber veranstaltet, wie lange wohl ein Coitus dauert. Vergleicht man die erhaltenen Antworten mit der gefühlten Intensität der Libido, so findet man, dass beide Grössen sich in umgekehrter Bichtung ändern. Der habituelle Bordellbesucher wird sagen : zwei Minuten; der glücklich lie- bende Ehemann wird schmunzelnd antworten : mindestens eine halbe Stunde. Ein Ehemann versicherte mir einstens, der Coitus mit seiner unsympathischen Frau dauere nur eine Minute, der mit seiner sympathischen Geliebten eine Stunde. Selbstverständlich müssen wir die übrigen Umstände als gleich annehmen, also gleiches Alter, gleiche Frequenz u. dgl. Nach langer Abstinenz wird ein junger Mann schneller zum Orgasmus gelangen, wie ein Greis nach einem Excess. § 59. Kritik der Autoren. Der eben aufgestellte Satz, dass die Hygiene der Venerie abhängt von der Grösse, d. i. von der Intensität und der Dauer der Libido, klingt prima facie selbstverständlich. Wie eine Mahlzeit um so besser bekommt, je langsamer und mit je mehr Appetit sie verzehrt wurde, so geht es mit allen Nerven- 101 erregungen. Je angenehmer, um so hygienischer. Es ist nicht einzusehen, wesslialb die venerische Nervenerregung eine Aus- nahme machen sollte. Merkwürdiger Weise wird nun aber von den meisten Männern der Wissenschaft der umgekehrte Satz aufgestellt, dass die venerischen Nervenerregungen um so entnervender seien, je grösser sie gewesen. Als hygienisches Ideal wird die möglichst reizlose und kurzdauernde venerische Erregung angesehen. Zu diesen Männern gehört zunächst der Xenophontische Socrates. In den Memoralutien ermahnt Socrates die Jünglinge zur sexuellen Enthaltsamkeit. Sollten sie es aber garnicht aushalten können, so sollten sie möglichst reizlose Frauen wählen, damit ihre Libido eine möglichst geringe sei. Socrates ist also der Ansicht, dass die Intensität der vene- rischen Erregung das Schädliche sei. Auch Theologen und Moralisten sind vielfach dieser Ansicht. So z. B. missbilligt der heil. Thomas von Aquinae die Ehen in zu naher Verwandtschaft, weil dann angeblich die verwandtschaftliche Liebe potenzirt mit der sexuellen eine zu intensive Nervenerregung erzeugen würde. Auch die Mehrzahl der heutigen Mediziner ist dieser Ansicht. Viele erklären z. B. die schädlichen Folgen der Masturbation damit, dass der Nervenreiz hierbei ein zu grosser sei. Aus diesem Grunde wird auch die so oft beob- achtete Schädlichkeit der „widernatürlichen“ Art der Libido- erzeugung, z. B. des coitus extra vas debitum, oder cum genere oder sexu indebito, wie die Scholastiker sagen, erklärt, indem angeblich hierbei die Libido eine zu intensive sei. Auch die so oft beobachtete entnervende Wirkung des habituellen Bordell Verkehres wird so erklärt. Die in Bordellen erzeugte Libido wird als besonders gross hingestellt. Auch diejenigen Autoren, welche das Bedürfniss fühlen, in populären Schriften jungen Eheleuten Rathschläge zu er- theilen, rathen ihnen gelegentlich, beim Coitus alles zu ver- meiden, was die Libido allzusehr vergrössere, z. B. ihre Stei- gerung durch tactus turpes der Scholastiker, die Verzögerung des Orgasmus durch Pausen, etc. 102 Die modernen Mediciner haben diesen Satz wissenschaft- lich zn beweisen gesucht. Ihre Argumentationen sind etwa folgende: Venerie besteht aus Stoffverlust und Nerven- erregung. Nun kann die dem venerischen Acte direct folgende triste Stimmung nicht von dem Stoffverlust abhängen — das haben sie richtig erkannt — folglich muss sie von der Nerven- erregung abhängen. Folglich muss dieselbe um so grösser sein, je grösser die Nervenerregung war. Folglich verlangt die Hygiene möglichst geringe und möglichst kurz dauernde Erregung des venerischen Centrums. Dazu kommt dann noch die allgemein verbreitete Theorie, dass die vergrösserte i. e. erhöhte und prolongirte Libido die Begierde nach Wiederholung und nach Excessen steigere. Allerdings muss ich sagen, dass die Theorie, dass die Ent- nervung proportional dem Reiz sei, keineswegs von den Au- toren völlig durchgearbeitet ist. Gelegentlich stellen sie Behauptungen auf, die hiermit im Widerspruch stehen, also die Wahrheit enthalten. So z. B. wird von den meisten Neuro- patliologen die Beobachtung gemacht, dass der sog. Malthu- sische Verkehr, i. e. der coitus interruptus vel condomatus etc., höchst schädlich sei, sowohl für den Mann, wie für die Frau. Das wird indessen keineswegs darauf geschoben, dass der Malthusische Coitus reizvoller, sondern darauf, dass er reiz- loser sei. Dessgleichen wird im Allgemeinen die Schädlich- keit der Pollutionen zugestanden. Kein Mensch wird behaup- ten, dass eine Pollution mit einer grösseren venerischen Nervenerregung verbunden sei, wie der Coitus. Auch die Neuropathologen, welche sich mit dem Uranismus, der Homo- sexualität beschäftigt haben, haben, allerdings nur für die Homosexualen, den umgekehrten Satz von der Schädlichkeit der Reizlosigkeit aufgestellt. Alle Homosexualen, welche überhaupt des heterosexuellen Verkehres fähig sind, behaup- ten übereinstimmend, dass sie sich nach einem heterosexualen, also natürlichen Coitus, äusserst geschwächt, nach einem homosexualen, also unnatürlichen Coitus, dagegen gestärkt fühlen; dass jener für sie ganz reizlos sei und nur dieser sie erregen könne. Das ist der Grund dafür, dass die Homo- sexualen, die oft eine grosse Sehnsucht nach Familienleben 103 und Kindern haben und sich desshalb oft genug verheirathen, immer wieder in den Uranismus zurück verfallen und den heterosexuellen Verkehr auf geben, der sie angeblich ganz nervenschwach mache. Die Neuropathologen ziehen hieraus den Schluss, dass für den Homosexualen eben der hetero- sexuaU. Verkehr der unnatürlichere, weil reizlosere sei. Merkwürdiger Weise befinden sich diese Beobachtungen neben dem allgemeinen Satze, dass die Grösse des Reizes das Schädliche sei. Oder soll denn dem anormalen perversen Menschen der Mangel der Libido schaden und dem normalen Menschen nützen ? Diese Theorie beruht eben auf lauter falschen Beobach- tungen. Weder ist Onanie, Bordellcoitus, coitus praeternatu- ralis besonders erregend, noch erzeugen vergrösserte Er- regungen besondere Begierde nach Wiederholung. Dort, wo aber einmal sonst reizlosere Dinge, wie Uranis- mus, einen grösseren Reiz besitzen, sind sie eingestandener- massen hygienischer. § 60. Physiologische Erklärung der postvenerischen Stimmung. Ich will noch versuchen, eine physiologische Erklärung dafür zu geben, wesshalb die der Libido folgende Euphorie der Grösse der Libido proportional ist und wesshalb mangel- hafte Befriedigung eine Dysphorie erzeugen kann. Wir müssen zunächst noch einmal die Ansicht zurück- weisen, dass die postvenerische Dysphorie durch die Ejacu- lation und den damit verbundenen Yerlust des „Extraktes des Blutes“ entstehe, wie auch nach schwerer Blutung eine Dys- phorie entsteht. In der Ejaculation verliert das Individuum keinen Körperbestandtheil, wie bei der Blutung, sondern einen Fremdkörper. Die Erklärung, die wir geben wollen, ist eine physiologisch-chemische und hängt mit der Lehre vom Stoff- wechsel zusammen. Der Mensch nimmt hauptsächlich durch Mund und Nase resp. durch Magen und Lungen bestimmte Stoffe auf und scheidet andere Stoffe durch Nieren, Rectum und Haut aus. 104 Die aufgenommenen Stoffe sind im Wesentlichen Eiweiss, Fette, Kohlenhydrate und Sauerstoff, die ausgeschiedenen Stoffe sind im Wesentlichen Harnstoff, Kohlensäure und Wasser. Die ausgeschiedenen Stoffe sind die Umwandlungs- produkte der aufgenommenen. Die äufgenomioenen und aus- geschiedenen Atome sind dieselben, aber bei der Ausscheidung sind die Atome in einer verschiedenen chemischen Ver- bindung. Die Umwandlung der aufgenommenen Stoffe in die aus- gSschiedenen ist nun kein einfacher Process. Die ersteren machen wahrscheinlich viele Tausende von Umsetzungen und Modifikationen durch, bis sie sich in die ausgeschiedenen Stoffe verwandelt haben. Diese Umsetzungen sind die Mittel- glieder zwischen den aufgenommenen und den ausgestossenen Stoffen. Besonders das Eiweiss, der complizirteren der auf- genommenen Körper, scheint eine unübersehbare Anzahl von Mittelgliedern zu bilden. Den ganzen Process nennt man den Stoffwechsel. Die Lehre vom Stoffwechsel hat alle diese chemischen Umwandlungen und deren physiologische Be- deutung zu studiren. Die Anfangs- und Endglieder dieses Stoffwechsels sind nun ziemlich bekannt, die Mittelglieder aber sind noch so gut wie unbekannt. Was man davon weiss, ist kaum der Bede werth. Dabei wird das Bischen, was. man davon weiss, von den Physiologen in der Begel so dargestellt, dass man sich eine ganz falsche Vorstellung des ganzen Stoffwechsels macht. Wir wissen z. B., dass zwei Körper als Mittelglieder gebildet werden, die man Leucin und Tyrosin genannt hat. Das sind zwei Körper, die man kennt, nicht wegen ihrer physiologischen Wichtigkeit, sondern wegen bestimmter Farbenreactionen, die man mehr durch Zufall entdeckt hat. Daneben giebt es aber sicher Tausende von anderen Körpern, die wir noch nicht kennen, weil sie vielleicht zufällig keine auffälligen Farben- reactionen zeigen, die aber vielleicht viel wichtiger sind. Farbenreactionen sind kein Index physiologischer Dignität. Jetzt reiten die physiologischen Handbücher immer so auf den Paar bekannten Mittelgliedern herum, dass man glaubt, 105 Wunders welchen physiologischen Werth dieselben hätten. Dass es daneben Tausend andere unbekannte Mittelglieder giebt, die vielleicht viel mehr Werth haben, wie die bekannten, wird ganz ignorirt, offenbar um den Leser nicht darüber auf- zuklären, dass die langatlimigen Beschreibungen, die er eben gelesen, vielleicht praktisch ziemlich werthlos sind. Ich er- innere mich noch genau der Enttäuschung, die ich erlebt, als ich von der Physiologie in die Klinik kam und nun dachte, ich würde die praktische Anwendung des mit solchen Anstrengun- gen des Gedächtnisses erlernten Stoffes sehen. Niemals ist mir etwas so sauer geworden wie, als ich später, mit einigen klinischen Erfahrungen ausgerüstet, in einem anderen Lande noch ein physiologisches Examen machen und zu diesem Zwecke ein neues voluminöses physiologisches Lehrbuch mit ganz neuem Stoff — jedes Lehrbuch enthält neuen Stoff, die Spezialentdeckungen des Verfassers — mir einpauken musste, und dabei das lähmende Gefühl der Werthlosigkeit dieses ganzen Stoffes hatte. Werthloser Stoff wird um so leichter erlernt, je grösser die Bornirtheit des Lernenden ist. Ich habe diese werthlose Ladung auch sofort post examen über Bord geworfen. Der ganze Stoffwechsel ist nun kein constanter Vorgang. Derselbe wird sicherlich nicht nur bei verschiede- nen Individuen, sondern auch bei denselben Individuen, je nach der Verschiedenheit der Umstände, mehr oder weniger verschieden sein. In dem einen Fall bildet sich ein bestimmtes Mittelglied, welches sich in einem anderen Fall nicht bildet. Oder in einem Falle bildet sich ein Mittelglied in viel grösserer oder kleinerer Quantität, wie in einem anderen Falle. Viele der so gebildeten Mittelglieder sind nun mehr oder weniger starke Gifte. Man nennt sie „ToxineIndol, Skatol und andere sind solche „Toxine“. Andere dieser Mittelglieder haben wahrscheinlich den Werth von Tonica. Wieder andere sind sicher indifferente Körper. Bei normalem Stoffwechsel ist die Bildung solcher Toxine eine so geringe, dass keine Intoxicationserscheinungen ent- stehen. An die gebildeten kleinen Quantitäten ist der Körper gewöhnt und ist dafür immun. In demselben Tempo, in dem 106 sie gebildet werden, werden sie von den Nieren ausgeschieden oder von den Zellen weiter oxjdirt. Anders verhält es sich bei anormalem Stoffwechsel. Hier kann die Bildung der Toxine qualitativ und quantitativ eine solche sein, dass Intoxicationserscheinungen eintreten. Man nennt solche Intoxicationen „Autointoxicationen,“ im Gegen- satz zu den Intoxicationen durch Einführung von Giften von aussen. Solche Autointoxicationen sind schon seit vielen Jahrhunderten bekannt. Schon Fernei, der Leibarzt von Franz I., hat ein gutes Büchel darüber geschrieben.* Der Gründe für das Zustandekommen solcher mit Auto- intoxicationen verbundenen Stoffwechselanomalien giebt es mehrere. Einer der Gründe liegt in dem Gemüt hs- zustand. Ein deprimirter Gemütliszustand erzeugt einen anormalen Stoffwechsel mit Bildung von Toxinen und Auto- intoxicationen. Die hier gebildeten Toxine sind zwar vom Chemiker noch nicht nachgewiesen, aber durch physiologische Beobachtungen und Experimente lässt sich ihre Existenz mit Evidenz nacli- weisön. Wenn eine Amme sich ärgert, so bekommt das Kind Kolik und schreit. Diese Tliatsache ist allen Hebammen, Kinderärzten und Kräuterfrauen seit Jahrhunderten bekannt. Es giebt hierfür garkeine andere Erklärung, wie die, dass die Amme in Folge des Aergers abnorme Stoffwechselproducte in sich erzeugt, und mit der Milch secernirt, welche dann dem Säugling Kolik verursacht. Das Fleisch zu Tode erschrocke- ner oder gepeinigter Thiere ist giftig und erzeugt genossen heftige Intoxicationsersclieinungen. In Folge von länger an- dauerndem Kummer können Neuriliden entstehen, ganz ähn- lich den durch Alcoliol und gewisse Infectionskrankheiten erzeugten. Diese Materie bildete das hauptsächlichste Stu- diumsobjekt Charcots in seinen letzten Jahren; wie ich von seinen Assistenten kurz vor seinem Tode erfahren, steht eine grössere Publication darüber in Aussicht, die jetzt wohl posthum erscheinen wird. Charcot hat in einer seiner letzten Vorlesungen diese Materie in Anschluss an Demon- * De morbis venenatis a veneno intus genito. 107 strationen vorgetragen und bei dieser Gelegenheit das oben bezeiclmete Buch von Fernei citirt. Nur in sehr seltenen Fällen lässt sich der anormale Stoffwechsel auch chemisch nach weisen. So ist z. B. bei plötzlich eintretenden Unglücks- fällen, die das Nervensystem stark erschüttern, in den nächsten Tagen die im Harne ausgeschiedene Menge von Phosphor- säure bis auf die sechsfache Menge vermehrt. Diese Ver- mehrung hängt offenbar ab von der grösseren Zerstörung von Lecithinen und Nucleinen. Nun ist zwar Phosphorsäure kein Toxin, aber die Vermehrung derselben beweisst uns, dass der Stoffwechsel sich geändert haben muss. Diese Beispiele Hessen sich beliebig häufen. Sie beweisen dass der Stoffwechsel unter Controlle des Nervensystems, speziell der Stimmung steht, und dass Dysphorie toxische Stoffwechselproducte erzeugt. Per analogiam dürfen wir schliessen, dass Euphorie hygi- enische Stoffwechselproducte, Tonica erzeugt. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, dass viele dieser inter- mediären Stoffwechselproducte flüchtig und damit riechbar sind. Wir berühren hiermit vielleicht die Geruchstheorie von Jäger, die gewiss einen wahren Kern enthält. Wenn es keine ausschliesslich tropliischen Nerven giebt, so müssen wir annehmen, dass alle oder viele Nerven ausser anderen Functionen auch tropliischen, i. e. den Stoffwechsel beherrschenden Functionen dienen. Der Mechanismus dieser Vorgänge ist nicht so schwer zu erklären, wenn man sich folgendes überlegt: Zwei Körper, welche eine chemisch beinahe gleiche Con- stitutionsformel besitzen, die sich vielleicht nur durch ein ba- nales H- oder O-Atom unterscheiden, oder bei denen irgend eine Bindung eine andere ist, die also chemisch in allernächster Verwandtschaft stehen und die Mehrzahl der Reactionen viel- leicht gemein haben, können physiologisch von der aller- grössten Verschiedenheit sein. Die geringste Aenderung in der Structurformel kann aus einem indifferenten Körper ein starkes Toxin oder ein starkes Tonicum machen. Man denke nur an die Reihe : Theobromin — Caffein — Neurin — Mus- carin. Diese Körper unterscheiden sich alle nur durch ein 108 O-Atom. Muscarin ist nun eines der stärksten Gifte, während Theobromin und Neurin ganz indifferente Körper und Caffein ein starkes Tonicum ist. Wenn also durch die Stimmung irgend ein indifferentes Stoffwechselproduct auch nur um irgend ein banales Atom verändert oder eine Bindung etwa verändert wird, so kann der so gebildete Körper schon ein heftiges Toxin oder Tonicum sein. Die Bildung der Toxine und Tonica durch Stimmung ist also dem Yerständniss etwas näher gerückt. Umgekehrt wissen wir, dass durch intermediäre Stoff- wechselproducte die Stimmung beeinflusst werden kann, ganz ähnlich, wie dieses durch Stoffe, die von aussen eingeführt werden, z. B. Morphin, geschieht. Merkwürdig ist indessen, dass diese Zwischenproducte nicht immer Dysphorie, sondern, wie das Morphium, oft genug Euphorie erzeugen. Die Euphorie der Tuberculosen und Paralytiker ist allbekannt. Auffallend ist ferner die charak- teristische Stimmung der Carcinom- und Sarcomkranken. Dieselbe ist weder Euphorie noch Dysphorie, sondern „Wur- stigkeit.” Auch wenn die Hoffnungslosigkeit ihres Zustandes ihnen klar ist, sehen sie ihrem Schicksal mit stoischer Gemütlisrulie entgegen. „Leiden ohne zu klagen,“ das ist die Grundstimmung aller mit malignen Neoplasmen Behafteten, auch derjenigen, die sich in gesunden Tagen nicht wie Helden benommen. Bekannt ist ferner die düstere Stimmung aller Leber und Unterleibskranken. Die Alten pflegten in Folge dessen alle düsteren Stimmungen als Unterleibsstörungen auf- zufassen, woher der Name Hypochondrie kommt. Bekannt ist ferner der Stimmungswechsel, der nach Ablation der Hoden resp. der Ovarien eintritt. Die Spermine, Testine und Ovarine gehören sicherlich zu den hier betrachteten Körpern. Dessgleiclien pflegt Ischias immer von düsteren Stimmungen begleitet zu sein. Jede Krankheit hat eben ihre eigene Psy- chologie, welche von ihrer Schwere wenig abhängig ist. 109 Wir können diese Erscheinungen in der Mehrzahl der Fälle so erklären, dass durch jede dieser Krankheiten spe- zifische Stoffwecliselproducte gebildet werden, welche in spe- zifischer Weise auf die Stimmung ein wirken, bald Euphorie, bald Dysphorie bald Wurstigkeit erzeugend. Diese Einwirkung zu erklären unterliegt keinen Schwierig- keiten. Wir wissen, dass die verschiedenen Zellen des Nerven- systems, wie auch der anderen Systeme, verschiedene chemi- sche Verwandtschaften zeigen. Morphin wirkt auf die Binde, Strichnin auf das Bückenmark, Curare auf die Endapparate, Apamorphin auf bestimmte Zellen des Brechcentrums etc. Der Grund hierfür liegt offenbar in einer verschiedenen chemischen Structur der verschiedenen Nervenelemente und der hieraus folgenden verschiedenartigen chemischen Ver- wandtschaften. Nur die rohen Methoden der Chemie sind Schuld daran, dass wir diese Verschiedenheiten nicht nach- weisen können. So müssen wir uns vorstellen, dass die verschiedenen Stoffwechselproducte zu verschiedenen Zellencomplexen un- seres Körpers verschiedene chemische Verwandtschaft be- sitzen. Ein Stoffwechselproduct, welches zu den Euphorie erzeugenden Ganglienzellen chemische Verwandtschaft besitzt, wird Euphorie erzeugen; hat es Verwandtschaft zu den „Wurstigkeit“ erzeugenden Zellen, so erzeugt es Wurstigkeit etc. Also die Stimmung beherrscht den Stoffwechsel und der Stoffwechsel wieder die Stimmung. Das ist einer der Zusam- menhänge der thierischen Natur mit der geistigen, über die, was in ärztlichen Kreisen wenig bekannt ist, schon stud. med. Schiller seine Doctordissertation geschrieben hat, die in seinen sämmtlichen Werken abgedruckt zu werden pflegt und den Titel führt: „Ueber den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen.“ Nach diesen Auseinandersetzungen sind die nach veneri- schen Gemeingefühlen entstehenden Stimmungen nicht schwer zu erklären. Durch einen widerwilligen Coitus -werden Toxine gebildet, welche in den Kreislauf gelangen und die Stimmung verderben. Ein Patient, der die obigen Theorien 110 nicht im geringsten kannte, beschrieb mir diese Dysphorie ein- mal mit den Worten : „Es sei ihm, als habe er einen Guss Gift in die Adern bekommen.“ Durch venerische Gemeingefühle von grosser Intensität und langer Dauer werden dagegen Stoff- wechselproducte gebildet, welche wie ein Tonicum wirken und Euphorie erzeugen. Die so gebildete Euphorie und Dysphorie bewirkt nun wieder secundäre Veränderungen des Stoffwechsels. Die Dysphorie erzeugt fernere Toxine, die Euphorie Tonica. Die Toxine erregen wieder das Centrum der Libido, die Tonica beruhigen es. Hiermit sind, glaube ich, die oben aufgestell- ten Sätze in einer dem Stande der heutigen Wissenschaft ent- sprechenden Weise erklärt. C.) Die venerische Muskelarbeit. § 61. Eigenthümlichkeiten derselben. Wir wollen nunmelir die venerischen Acte betrachten insofern sie Muskelarbeit darstellen. Im Allgemeinen ist diese Arbeit keine so grosse, dass sie in nennenswertlier Weise weder in nützlicher noch in schäd- licher Hinsicht in Betracht käme. Es können aber Umstände entstehen, in denen sie relevant wird. Wenn nämlich ein Coitus aus irgend einem Grunde, z. B. wegen physiologischem oder pathologischem Orgasmus retar- datus lange dauert, oder wenn der Coitus da capo gespielt wird, wenn dann das Körpergewicht ein beträchtliches ist, und wenn zuletzt die Bewegungen in der Richtung der Gravi- tation stattfinden, so kann es allerdings zu einer ganz kollossa- len Arbeitsleistung kommen. Es ist garniclit so selten, dass nach solchen Strapazen der eine oder beide Tlieile ausser Atliem und förmlich in Scliweiss gebadet sind. Die Arbeit wird hauptsächlich vom Proas major geleistet. Es sind Fälle bekannt, dass sich an eine Orgie eine Myositis dieses Muskels mit eitrigem Ausgange gebildet hat. Die Arbeit kann ebenso gross werden, wie die eines längeren angestrengten Paukens oder Turnens. 111 Das Bedenkliche dieser venerischen Muskelanstrengungen ist zunächst, dass bei ihnen das Ermüdungscentrum ausser Function gesetzt ist. Alle Thätigkeiten, bei denen dieses Centrum anästhetisch ist, sind bedenklich. Desswegen ist z. B. das Gesellschaftstänzen bedenklich. Das Tanzen an sich ist eine sehr gesunde Bewegung. Tänzer und Tänzerinnen von Profession pflegen daher auch in der Regel recht gesunde Leute zu sein und zu bleiben. Anders steht es mit dem Salon- tanzen, obschon das Salontanzen nicht so anstrengend ist, wie die Pirouetten des Ballets. Am Ende der Saison sieht ein Theil der Herren und Damen aus der Gesellschaft immer bedenklich schlecht aus. Neurologen aus grösseren Städten wissen, dass um diese Zeit die Anzahl ihrer Patienten mit Nervosität ansehnlich steigt. Man hat für diese Nervosität den Namen Neurasthenia socialis eingeführt. Das hängt eben damit zusammen, dass bei der strenua inertia des Salons das Ermüdungscentrum ausgeschaltet ist. Aeltere Salonlöwen werden zwar wieder durch ihre Blasirtheit geschützt, aber für Neulinge ist der Salon immer bedenklich. Der Grund für die Bedenklichkeit aller solcher Thätig- keiten mit ausgeschaltetem Ermüdungscentrum liegt darin, dass hier wirkliche Ueberanstrengung möglich ist. Das Ermüdungscentrum ist der Wächter gegen Ueberanstrengung. Wo dieses laedirt ist, wie z. B. bei manchen Psychosen, können Patienten ohne Ermüdung buchstäblich bis zur Todesminute toben. Die Strapazen einer Ballnacht können die eines heissen Manövertages erreichen und überschreiten, ohne dass der Tänzer davon etwas merkt. Solche Ueberanstrengungen können auch noch fernere üble Nebenfolgen haben, z. B. Gefässzerreissungen bei Er- krankungen des Herzens oder der Arterien. Durch Ueber- anstrengung wird natürlich oft auch der Blutdruck übermässig gesteigert. Es geht hier wie mit einer Maschine, bei der das Sicherheitsventil ausgeschaltet wird. Eine solche Maschine ist auf die Explosion gestellt. Eine gleiche Ueberanstrengung ist bei Ausschaltung dieses .Centrums bei venerischen Muskelanstrengungen mög- 112 lieh. Auch liier sind die Nebenfolgen, wie Apoplexie, möglich und oft genug beobachtet. Dazu kommt ferner, dass venerische Muskelanstrengungen oft nach einem angestrengten Arbeitstage stattfinden. Kein Mensch wird es für nützlich halten, nach einem angestrengten Arbeitstage, sei es, dass die Arbeit körperliche oder geistige war, etwa angestrengt zu fechten. Auch aus diesem Grunde ist ja das Gesellschaftstänzen bedenklich. Zuletzt kommt in Betracht, dass die Coliabitationen in der Regel zu einer Zeit stattfinden, die ungeeignet erscheint für stärkere muskuläre Strapazen. Es ist nicht gut, unmittel- bar vor dem Schlafen sich stärker anzustrengen. Dadurch wird der Schlaf unruhig. Dieser Satz ist durch militärische Massenbeobachtungen an Menschen und Thieren erwiesen wrorden. Nächtliche Märsche gelten immer als ganz besonders angreifend. Wenn nun nach solchen venerischen Muskelanstrengungen der Cohabitant sich am nächsten Morgen etwas angegriffen fühlt, so ist zu bedenken, ob er sich nicht ebenso angegriffen fühlen würde, wenn er etwa des Nachts vorher übermässig gepaukt oder getanzt hätte. Um diesen Ueberanstrengungen zu entgehen, ist es öfters angezeigt, die Bewegungen in einer zur Richtung der Gravi- tation senkrechten Ebene vorzunehmen. Hierdurch wird die vornehmste Kraft, gegen welche gearbeitet wird, die Gravi- tation ausgeschaltet. Dessgleiclien kann es angezeigt sein, Pausen zu machen. Beim Fechten wird immer nach einer gewissen Anzahl von Hieben Halt gerufen, beim Exerciren nach einer gewissen An- zahl von Griffen gerührt. Etwas ähnliches sollte bei der Coha- bitation geschehen. D.) Hygiene der vita venerea. § 62. Hygienische Kegeln für den Coitus. Wir liaben bisher die venerischen Acte betrachtet als Stoffverlust, als Nervenerregung und als Muskelanstrengung. Wir haben hiermit die Analyse derselben beendet. Machen 113 wir nunmehr ihre Synthese. Welches ist das Optimum der vita venerea? Welches ist das Optimum der venerischen Curve ? Diese Frage zerfällt zunächst in folgende Unterfragen : Welches ist das Optimum der Frequenz, der Dauer und der Intensität der Libido und der Muskelanstrengung ? Ich will hierüber folgende Sätze aufstellen und erläutern ; Der Coitus soll mit möglichst intensiver Libido, mit möglichst langer Dauer, aber möglichst selten, und mit nicht übermassiger Mushelanstrengung ausgeübt werden. Wir wollen die einzelnen Sätze etwas genauer in Augen- schein nehmen: I) Der Coitus soll möglichst selten stattfinden. Das hat den Zweck, die Resorption der Spermine zu er- möglichen und dem venerischen Nervensystem Zeit zum Ausruhen zu lassen. II) Der Coitus soll mit möglichst intensiver Libido aus- geiibt werden. Das hat den Zweck die dysphori- sche Stimmung, die sich nach reizlosen Coliabi- tationen einstellt, zu vermeiden. III) Der Coitus soll möglichst lange dauern. Der Orgas- mus soll nicht in gewissem Sinne ruckweise aus- gelöst werden. Ich erinnere hier an das Bild, welches ich gebraucht. Wer ein Gewicht ruck- weise hebt, zerreisst den Strick. Damit soll wiederum der Dysphorie, die sich nach Orgasmus praecox einstellt, vorgebeugt werden. Das bisherige kann man in den Worten zusammenfassen: Wenn schon, denn schon. Ich mache nochmals darauf aufmerksam, dass diese drei Sätze keineswegs miteinander in Widerspruch stehen. Die Yergrösserung der Intensität der Libido hat keineswegs den Effect, die Dauer zu verkürzen, da umgekehrt die Reizlosig- keit derselben seine Dauer verkürzt. Ebensowenig hat sie den Effect, die Frequenz zu vermehren, da umgekehrt die geringe Intensität eine präcipirte Begierde nach Wiederholung er- zeugt. 114 IV) Der Coitus soll nicht mit übermässiger Muskelanstren- gung stattfinden. Das hat den Zweck, die Ueber- anstrengung und die mit jeder Ueberanstrengung verbundenen dyspliorisclien Stimmungen und son- stigen Gefahren zu vermeiden. § 63. Nähere Bestimmung der Frequenz. Die eben angegebenen Regeln sind eindeutig bis auf die Bestimmung der Frequenz. Was heisst das, der Coitus soll „möglichst selten“ stattfinden ? Ist denn die totale Abstinenz das hygienische Ideal ? Als Arzt wird man öfters über diese Frage consultirt. Wenn die Frager Junggesellen sind, oder wenn man von einem Rabbinatskandidaten, dem man eben concedirte onanistisclie Excesse verbietet, gefragt wird: „wie oft er denn onaniren dürfe ?“ so kann man sich allerdings durch eine moralische Ausrede um die Antwort herumdrücken. Wenn man aber in ernster Weise von Eheleuten hierüber ge- fragt wird, so muss man Rede stehen. Eine bekannte Lebensregel, die auf einen grossen Mann zurückgeführt wird, lautet „zwreimal wöchentlich“ und zwar soll diese Regel für Individuen im mittleren Alter, wie jener grosse Mann war und wie Eheleute zu sein pflegen, gelten. Dahingegen behauptet Prof. Hammond in New York, das Optimum für den jungen, rüstigen und durchaus gesunden Mann sei „einmal wöchentlich.“ Zweimal sei schon die äusserste Grenze, bis zu der man ohne sichere Schädigung der Gesundheit Vordringen dürfe. Für Leute in gereifterem Alter sei zweimal wöchentlich sicher schon zu viel. Um diese An- sicht in das richtige Licht zu stellen, bemerke ich, dass Prof. Hammond eine der kräftigsten und gesundesten Männer- gestalten ist, die ich je gesehen. Er ist ebenso gross als Athlet, wie als Neurologe. Er ist die beste Realisirung des mens sana in corpore sano. Dahingegen giebt es wieder Ehe- leute, welche dreimal wöchentlich in jüngeren Jahren als mässige Praxis betrachten. Wieder andere betrachten den täglichen Coitus, mit einer achttägigen Pause für die Men- struation, nicht nur als gestattet, sondern als Pflicht des jungen 115 Ehemannes. Dieses behauptet z. B. Alexander Weiss (Lois et mysteres de l’amoiir). Ich will hierüber meine Ansicht äussern. In Folge der grossen individuellen Verschiedenheiten des Temperaments, des Alters etc. lässt sich das vorliegende x, das Optimum der Frequenz des Coitus, mit einer absoluten Zahl nicht an- geben. Wir müssen dasselbe also anders bestimmen. Die Regel, die ich aufstellen möchte, ist diese : Coitire so oft, wie nothig ist, um unwillkürliche Pollutionen zu vermeiden, aber nicht öfter. Coitire also immer kurz bevor Du, wenn Du nicht coitirtest, eine Pollution bekommen würdest. Diese Regel gilt allgemein, für den Gesunden, wie für den Neurastheniker, für den Jüngling, wie für den Greis, für den Mann, wie für die Frau. Wie oft dieses ist, muss jeder an sich selbst ausprobiren. Da sich nun diese Zahl mit absoluter Genauigkeit nicht fesstellen lässt — man kann sie nur muthmassen — so gebe ich die fernere Kegel: In dubio lieber Coitus, wie Pollution. Bei diesem Zusatz gehe ich davon aus: dass eine Pollution immer viel nachtheiliger ist, wie ein Coitus. Eine Pollution ist hygienisch immer einer Orgie gleichzusetzen. Bei diesen Regeln wird jeder Mensch, ich will nicht sagen das Erstaunen von Mit- und Nachwelt in Folge seiner ge- steigerten körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit er- regen, aber er wird gewiss das Maximum dessen erreichen, was das Fatum ihm bestimmt hat. Aus dieser Regel ergiebt sich denn auch, was als eheliche venerische Incongruenz der Frequenz anzusehen ist. Eine Incongruenz ist dann vorhanden, wenn diese Zahlen für beide Ehegatten nicht übereinstimmen. Je grösser ihre Differenz ist, um so grösser ist die Incongruenz. Hierbei ist zu berück- sichtigen, dass die Incongruenz bei Ueberwiegen der Zahlen für die Frau grösser ist, wie bei gleichem Ueberwiegen der Zahlen für den Mann, da die Frau bei dem Coitus ihr veneri- sches Centralorgan ausschalten kann, so dass nur die indiffe- rente mechanische Friction der Mucosen übrig bleibt, wäh- rend der Mann dieses nicht kann. 116 Es ist bei dieser Regel Folgendes merkwürdig: Wer weniger oft coitirt, wird, wenn er etwa die Anzahl seiner Orgasmen und Ejaculationen in einer bestimmten Zeit, z. B. in einem Monat, bestimmt, finden, dass sie zugenommen hat. Die Abstinenz über diese Regel hinaus vermehrt die Anzahl der Ejaculationen und zwar um so mehr, je grösser die Abstinenz ist. Ein Totalabstinirender hat schon so viele Eja- culationen, wie ein massiger Don Juan. Bei Befolgung dieser Regel wird also in einer gegebenen kürzeren Zeit das Mini- mum der möglichen Ejaculationen erzielt. Anders verhält sich die Sache, wenn wir das ganze Leben betrachten. Ein Mensch, der diese Regel befolgt, wird am Abend seines Lebens auf eine grössere Summe von Ejacula- tionen zurückblicken, wie derjenige, der sie nach der einen oder anderen Richtung verletzt. Das hängt eben damit zu- sammen, dass bei dieser Regel die Potenz am längsten dauert. Für das ganze Leben wird also hier das Maximum an Orgasmen erzielt. Diese Regeln sind also die Regeln des venerischen Epi- curaeismus. Allerdings muss ich sagen, dass für meinen Geschmack die Conservirung der venerischen Leistungsfähigkeit über ein bestimmtes Alter hinaus ein sehr zweifelhaftes Ding, eine Art Danaergeschenk ist. Jenseits eines bestimmten Alters, sage in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, wird der Coitus für einen Mann mehr oder weniger entweder unästhetisch oder unmoralisch oder unanständig oder sonstwie anstössig. In der Regel ist doch der Mann dann lange verlieirathet und die Frau tritt in das Climakterium. Es ist etwas unästhetisches, mit einer nicht mehr menstruirten Frau den Coitus auszuüben. Sich neben der Ehefrau eine jüngere Geliebte halten, ist un- moralisch. Ist der Mann Wittwer, so könnte er ein junges Mädchen heirathen. Das wäre nicht unmoralisch, aber ein junges Mädchen und ein alter Mann, das ist auch in der Ehe etwas unästhetisch, wenngleich die Frauen selbst in dieser Beziehung oft nicht sehr feinfühlend sind. Desslialb hat der Doctor Pascal mich so sehr abgestossen. Auch führt dieses leicht zu venerischen Incongruenzen. Audi entstehen leicht 117 Familienzerwürfnisse, wenn die Stiefmutter gleichaltrig oder jünger ist, wie die Stiefsöhne und Stieftöchter. Ein älterer Wittwer könnte ein älteres Mädchen heirathen. Aber es soll eben keine älteren Mädchen geben. Aeltere Mädchen haben eine unmoralische oder unästhetische oder unhygienische Ver- gangenheit. Ist der Mann alter Junggeselle, so liegt die unmoralische oder unliygienisclie oder unästhetische Ver- gangenheit bei ihm. Alles in Allem giebt es wenige Fälle, in denen jenseits dieses Alters der Coitus nicht in dieser oder jener Beziehung anstössig wäre. Socrates ist allerdings anderer Ansicht. Er deducirt in den Memorabilien die Weisheit des Schöpfers u. A. daraus, dass der Mann bis in’s höchste Alter die Potenz behalte und dass diese nicht auf Brunstzeiten beschränkt sei. Ich bin anderer Ansicht. Der Satz : „Turpe senilis amor,“ behält seine gewisse Berechtigung. Hätte die Regel, die ich eben aufgestellt, keinen anderen Effect, wie den, die Potenz zu conserviren, so würde ich nach einer anderen Regel suchen. Aber die Regel erhöht nun that- sächlich die übrige Leistungsfähigkeit bis zum Maximum und die Conservirung der Potenz lässt sich dabei leider nicht vermeiden. § 64. Bestes Alter für den Beginn des Coitus Aus dieser Regel ergiebt sicli auch die Antwort auf die Frage, in welchem Alter die Hygiene den Beginn des sexuellen Verkehrs verlangt ? Die Antwort lautet: Am Tage nach der ersten unwillkürlichen Pollution. Ich sage, am Tage nach der ersten Pollution, nicht weil ich die erste Pollution als erspriesslicli betrachte, sondern weil sich ihr Eintreffen nicht vorher bestimmen lässt. Bei Knaben würde dieses also um das 14te bis 16te Jahr, bei Mädchen etwas später, um das 18te bis 20ste Jahr sein. Der Beginn der vita venerea fällt bei Mädchen, wie schon gesagt, nicht mit dem Beginn der vita procreativa, der Men- struation, zusammen, sondern fängt bei Verführung eher, ohne Verführung mehrere Jahre später an. In der Regel liest man in Büchern, der frühe Coitus schwäche. Vor Beendigung des Waclisthums beim Manne also etwa vor dem 25sten Jahre, bei der Frau vor dem 20sten 118 Jahre, solle der Coitus aus hygienischen Gründen vermieden werden. Die alten Philosophen, Aristoteles und Platon, waren noch rigoroser; sie verlangten Abstinenz bis zum 30sten bis 40sten Jahre. Diese und ähnliche Regeln sind für die Frau im Prinzip ganz richtig. Es ist für die Frau nicht gut, den Coitus mit Beginn der Menstruation zu beginnen. Für den Mann sind sie aber durchaus falsch. Die Autoren, die solches für den Mann verlangen, denken eben nicht daran, dass sich ohne Coitus Pollutionen einstellen und dass Pollutionen immer nachtheiliger wirken, wie Coitionen. Der Grund, warum für die Frau eine andere Regel gilt, wie für den Mann, liegt eben, wie schon einmal gesagt, darin, dass der Beginn der vita venerea beim Manne mit dem Beginn der vita procreativa zusammenfällt, beim Weibe nicht. Mit der ersten Pollution beginnt für den Mann die vita pro- creativa und zugleich die vita venerea. Von diesem Moment fühlt der Jüngling die Begierde, venerische Bedürfnisse zu befriedigen. Beim Weibe beginnt die vita procreativa mit der ersten Menstruation, aber die vita venerea beginnt ganz un- abhängig hiervon, beim normalen, niclitverfülirten Mädchen mehrere Jahre später. Die Menstruation ist ein Phänomen der vita procreativa, aber. nicht der vita venerea. Man ver- wechsle nicht die Erotik der Backfische mit Venerie. Mit der Menstruation pflegt keineswegs, wie mit der Ejaculation, ein Orgasmus verbunden zu sein. Menstruirte Mädchen, die nicht coitiren, pflegen daher auch keineswegs an Pollutionen zu laboriren, wie Jünglinge unter gleichen Verhältnissen. Für Mädchen ist daher dieselbe Regel durchaus correct, die für Jünglinge durchaus widersinnig ist. Ein Autor, der für Jüng- linge solche Regeln aufstellt, der gebe erst ein Rezept, vor Beendigung des Wachsthums Pollutionen zu vermeiden. Aber auch die' Erfahrung widerlegt diese Behauptungen. Julius Caesar verlieiratliete sich zum ersten Male mit 16 Jahren. Wahrscheinlich hatte er nach damaliger Sitte vorher schon eine Concubine. Von einer erschlaffenden Wirkung dieser frühzeitigen Coliabitationen ist nichts bekannt ge- worden. Solche frühe Ehen und Concubinate waren bei den 119 römischen Aristocraten die Regel. Und doch haben dieselbe als Körperschaft eine Thatkraft entwickelt, wie die Welt sie nicht zum zweiten Mal gesehen hat. Der Satz, den Tacitus über die alten Deutschen ausspricht: „Sero iuvenum venus ideoque inexliausta pübertas.“ ist Phantasie, wie ja die Ger- mania dieses Autors keine Beschreibung der Germanen, son- dern eine Kritik der Römer enthält. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass durch regulären vene- rischen Verkehr der jungen Leute nach Beginn ihrer ersten Pollution die Anzahl der Ejaculationen sicherlich verringert würde. Es giebt eine grosse Anzahl von jungen Leuten, bei denen in den ersten Jahren der Pubertät eine pollutionsfreie Nacht zu den Ausnahmen gehört. Oft haben sie zwei und mehr Pollutionen in einer Nacht. Angenommen nun ein eben mannbar gewordener Jüngling würde ebenso oft coitiren, wie er jetzt Pollutionen bekommt, so wäre doch schon ein erheb- liches hygienisches Plus zu verzeichnen, da Pollutionen mehr angreifen, wie Cohabitationen. Aber sicherlich würde nach den Flitterwochen die Anzahl der Cohabitationen diese Höhe lange nicht erreichen. Es wäre also ein doppelter Gewinn vorhanden. Hierbei ist ferner noch nicht berücksichtigt, dass damit Onanie, die doch mitunter sehr beträchtlich ist, weg- fallen würde. Ueberhaupt ist die Schädlichkeit des Coitus in den ersten Jahren der Pubertät vor Beendigung des Wachsthums eine Fabel convenue. In dem ersten Lustrum der Pubertät sind tägliche Pollutionen oft selbst neben gehäuften onanistischen Excessen sehr oft vorkommend. Solche Excedenten schaden sich zwar, aber viele derselben erfreuen sich doch einer körper- lichen und geistigen Frische, um die mancher gesetzte Mann nach Beendigung des Waclistliums sie beneiden könnte. Ich habe solche Angaben zum Theil von Lehrern, die hierüber Massenbeobachtungen in der Schule gemacht haben. Kräftige und intelligente Knaben, die in der Schule gute Fortschritte machten, hatten, bei onanistischen Manipulationen ertappt, concedirt, täglich oft bis sechsmal, und das seit Monaten, zu onaniren. Welcher ausgewachsene Mann könnte sich solchen Excessen hingeben, ohne schon nach einer halben Woche total 120 hin zu sein ? Und bei solchen Beobachtungen -will man etwa behaupten, der eheliche oder doch temperirte Verkehr, den jeder ältere Spiesser aushält, müsse einem Jüngling unbe- dingt schaden ? Man exemplifizirt hier oft auf die Thiere und die Erfah- rungen der Züchter, dass Zuclitthiere, die zu früh gebraucht werden, nicht so kräftig werden, wie diejenigen, die geschont werden. Aber Thiere laboriren auch nicht an Pollutionen. Man verschaffe erst ein sicheres Mittel gegen Pollutionen — die Onanie lässt sich durch den Willen unterdrücken — so will ich die grössere hygienische Nützlichkeit der iuvenilen Ent- haltsamkeit anerkennen. So lange dieses nicht geschehen, muss ich bei meiner Ansicht bleiben. § 65. Widerlegung einiger Einwände. Von der Mehrzahl der Autoren wird der frühe Beginn des Concubitus der Männer im Interesse der Nachkommenschaft für schädlich erachtet. Kinder von Vätern, die noch nicht die Fülle ihres Wachsthums erreicht hätten, sollen schwächlich sein. Angenommen diese Behauptung sei richtig, so würde daraus doch nur folgen, dass zwischen der Hygiene der Eltern und der der Nachkommen, dass zwischen der vitavenerea und der vita procreativa ein Antagonismus bestände; keines- wegs aber würde man daraus den Schluss ziehen dürfen, dass nun auch die Hygiene der vita venerea die Hinausschiebung des Coitus verlange. Solcher Antagonismen zwischen den ein- zelnen Zwecken des Lebens giebt es so viele ; sie bilden sogar die Regel, so dass man sich nicht wundern muss, wenn man auf einen solchen stösst, sondern im Gegentlieil dessen Existenz bis zum Beweise des Gegentlieils voraussetzen muss. Da nun die Frage, wann der geeignetste Zeitpunkt für den Beginn der Procreation sei, nicht direkt zu unserem Thema gehört, so will ich dieselbe hier nicht lege artis erörtern ; ich will nur en passant folgende Bemerkungen hierüber machen : Es ist bei dieser Frage immer zu berücksichtigen, dass der Mann um so mehr Schädlichkeiten ausgesetzt gewesen ist, je älter er geworden. Mit 40 Jahren hat der durchschnittliche 121 Mann z. B. melir Alkohol durch sein System gejagt, wie mit 16 Jahren. Er hat mehr Kummer und Sorgen gehabt. Er ist den Einwirkungen des feindlichen Lebens mehr ausgesetzt gewesen. Sein Nervensystem ist regulär nicht mehr so intact, wie das jüngerer Leute. Solche Dinge vererben sich aber sicher auf die Nachkommenschaft. Statistisch ist von einer schäd- lichen Einwirkung der Jugend des Yaters auf die Nachkommen nichts bekannt. Das einzige, was man weiss, ist dieses, dass jedes folgende Kind einer Mutter stärker und schwerer ist, wie das vorhergegangene. Jede folgende Geburt ist mechanisch schwieriger, wie die vorangegangene, wegen grösserer Dis- proportion zwischen Kind und knöchernem Becken. Eine scheinbare Ausnahme macht nur die Erstgeburt. Hier hängt die grössere Schwierigkeit aber nicht ab von dem Becken, sondern von den Weichtlieilen. Das sind gut fundirte Er- fahrungen der Geburtshülfe. Da aber nicht nur der Tater, sondern auch die Mutter älter wird, so braucht man die grössere Schwere der späteren Kinder nicht auf das grössere Alter des Yaters zu schreiben. Vielleicht liegt der Grund hier- für überhaupt nicht im Alter, sondern darin, dass der Uterus um so besser, ich möchte sagen eingepaukt ist, je mehr Kinder eine Frau gehabt hat. Aeltere Primiparae haben daher keines- wegs grössere Kinder, wie jüngere. Man wird sagen, mit Beginn der Pubertät den Concubitus zu beginnen sei unökonomisch ; da könne man noch keine Familie ernähren. Ausserdem fehle dann noch der Ernst zum Yerständniss der Pflichten der Ehe. Cohabitationen in diesem Alter könnten also nur in wenig mustergültigen oder in wilden Ehen Vorkommen. Beides sei unmoralisch. Man könnte auch vom sociologischen Standpunkt seine Bedenken äussern. Man könnte auch vom Standpunkte des Weibes dagegen Widerspruch erheben; denn, wenn der Jüngling mit 16 Jahren den Concubitus beginnt, soll dann die Frau ihn auch in diesem Alter beginnen ? Das wäre für sie unhygienisch. Soll die Frau älter sein, wie der Mann? Das wäre mit Rück- sicht auf die zweite Hälfte des Lebens bedenklich. Diese Gedanken, die sich noch beliebig häufen Hessen, sind wahrscheinlich durchaus berechtigt. Aber ich sage ja 122 auch garnicht, dass man wirklich mit 16 Jahren den Coitus beginnen soll. Ich sage nur, dass es für deu Mann hygie- nisch wäre, ihn dann zu beginnen. Es bestehen eben Antagonismen zwischen Hygiene, Oekonomik und Moral der Individuen untereinander und der Gesellschaft. Was für den Zweck X gut ist, braucht eben noch nicht für den Zweck Y oder Z gut zu sein. Wer eine ethische Frage beantworten will, kann nur in der Weise Vorgehen, dass er die Frage zunächst in ihre physio- logischen, ihre ökonomischen, ihre ästhetischen, ihre indi- viduellen und socialen Tlieile auflöst und jede Theilfrage zunächst isolirt beantwortet. Erst nach dieser Analyse ist er wissenschaftlich in der Lage, die Synthese dieser Theile zu machen, die Diagonale der divergirenden Componenten zu ziehen und damit die ethische Frage selbst zu beantworten. Er wird sie um so besser beantworten, je richtiger er die Theilfragen beantwortet hat. So lange in der Analyse ein Fehler steckt, kann die Synthese nicht gelingen. Wer also den Concubitus des Mannes bis zum 25sten oder bis zum 35sten Jahre hinausgeschoben wünscht, der tliue es; aber er thue es mit richtigen Motiven. Er segele nicht unter falscher Flagge. Er mache uns nicht glauben, dass er im Namen der Hygiene der Jünglinge spricht, wenn er ganz andere, vielleicht sogar viel höhere Motive hat. Denn ich wiederhole, die Gesundheit ist der Güter höchstes nicht. Wenn die Ethik es verlangt, so muss jeder Mensch ein Stück auch seiner Gesundheit auf ihrem Altar opfern. Es giebt Philosophen, welche von solchen Antagonismen nichts wissen wollen. Gott hat die Welt harmonisch ge- schaffen. Die Natur widerspricht sich nicht u. s. w. Das sind die Kraftworte. Wenn sie dann bewiesen haben, dass irgend etwas für den Zweck X gut sei, so deduciren sie hieraus sofort mit Hülfe jenes Obersatzes von der prästabilirten Harmonie aller Dinge, dass dieses Etwas auch für den Zweck Y und Z gut sein müsse. Wenn also z. B. der späte Concubitus Avirk- lich für die Nachkommenschaft gut ist, so deduciren sie hieraus mit jenem Obersatz sofort, dass derselbe nun auch für 123 die Hygiene des Vaters, der Mutter, für die Oekonomik etc. gut sein müsse. Diese prästabilirte Harmonie ist ein zu schlecht fundirter Satz, um in dieser Weise als Obersatz dienen zu können. Mein Auge sieht überall mehr Antagonismen wie Harmonien. Diese Antagonismen sind es eben, welche die Ethik zu einer so schwierigen Wissenschaft machen, zu einer schwierigeren, wie die crassa Minerva rusticorum es sich träumen lässt. § 66. Lebenspotenz des Mannes. Bei dieser Regel wird also für das Leben das Maximum der Leistungsfähigkeit erzielt. Es fragt sich, wie gross das- selbe ist? Wie oft können Mann und Frau in ihrem Leben den Coitus ausüben? Was zunächst den Mann angeht, so gilt unter Laien der bekannte Satz von den „fünftausend Patronen,“ die zugesagt sind. Rechnen wir einmal nach. Nehmen wir an, dass die Po- tenz mit dem löten Jahre beginnt und mit dem 65sten aufhört, dass in den Jahren von 15—25 jeden 2ten Tag, von 25—35 jeden 3ten Tag, 35—45 jeden 4ten Tag, von 45—55 jede Woche, von 55—65 jede 2te Woche coitirt werde, so erhalten wir eine Summe von nur 4700 Ejaculationen. Rechnen wir dann noch die Ejaculationen vor dem löten und nach dem 65sten Jahre hinzu, so kommt ungefähr die Zahl 5000 heraus. Hierbei wird also vorausgesetzt, dass weder in der Jugend öfter coitirt wird, noch dass durch seltenere Cohabitationen Pollutionen erzeugt werden. Es ist indessen hier zu berücksichtigen, dass wenigstens in christlichen und monogamen Ländern die Verhältnisse doch so liegen, dass in dem ersten Lustrum der Reife die Mehrzahl der jungen Männer keine anderen legitimen Ejaculationen kennt, wie Pollutionen, und keine anderen illegitimen, wie Onanie. Cohabitationen sind in diesem Alter eine Ausnahme. Im zweiten Centrum dagegen wechseln Excesse in coitu ab mit Pollutionen und vielleicht noch mit Onanie. In Europa 124 wird dalier der durchschnittliche Mann die Zahl 5000 nicht erreichen. Es giebt Männer, welche behaupten, die Zahl 5000 sei viel zu niedrig gegriffen. Zum Beweise führen sie Beispiele von phänomenalen Leistungen an, z. B. zwölfmal und öfters in einer Nacht. Ich will zugeben, dass es vielleicht Männer giebt, welche die Zahl 6000 erreichen, aber darüber bringt es, so viel ich beurtheilen kann, kein Mann. Die Angaben von temporärer grosser Potenz beweisen nichts. All diese Männer, welche öfter wie die angegebenen Zahlen coitiren, sterben früh oder werden früh impotent. § 67. Lebenspoteiiz des Weibes. Was die Anzahl der Orgasmen, deren eine Frau in ihrem Leben fähig ist, angeht, so kann sicher keine Frau die Zahl 5000 erreichen. Die vita venerea der Frau dauert höchstens 30 Jahre, vom löten oder 20sten bis zum 45sten oder 50sten Jahre. Jenseits dieses Alters kann sie nicht ejaculiren. 30 Jahre sind rund 10,000 Tage. Eine Frau, die 5000 Mal ejacu- liren wollte, müsste also durchschnittlich während ihrer ganzen vita venerea jeden 2ten Tag ejaculiren. Da nun Menstruation und Gravidität dazwischen kommen, da ferner im Beginne und am Ende ihrer vita venerea die Potenz geringer ist, so müsste eine Frau in ihren besten Jahren, etwa von 25 bis 35, täglich ejaculiren können, abgerechnet die Zeit ihrer Gravidität und Menstruation. Keine Frau, auch nicht die stärkste, kann eine tägliche Ejaculation auch nur ein Jahr lang ausliaiten. Es ist unter Laien wenig bekannt, dass eine Frau durch einen wirklichen Orgasmus viel mehr ange- griffen wird, wie ein Mann. Die gegenteilige Ansicht rührt eben davon her, dass die Laien nicht nach Orgasmen, sondern nach Cohabitationen rechnen. § 68. Folgen (1er Verletzung dieser Regel. Es entstellt die Frage, worin denn die antihygienischen Folgen der Verletzung dieser Eegel bestellen? 125 Diese Folgen hängen zunächst ab von dem Grade, dann aber auch von der Art ihrer Verletzung. Es macht z. B. einen grossen Unterschied, ob Jemand durch Verstoss gegen die Frequenz oder die Dauer oder die Intensität peccirt. Der zu häufige Coitus hat andere Folgen, wie der zu kurze oder der zu reizlose. Ich muss auf diesen Punkt besonders hinweisen, weil weder Laien noch Autoren hierüber viel bekannt zu sein scheint. Im Allgemeinen legt man nur Werth auf den Grad in Bezug auf Frequenz. Es scheint mir, dass die Verletzung der Regel in Betreff der Frequenz die am wenigsten schädlichen Folgen hat. Wenn Dauer und Intensität normal sind, so erzeugt zu grosse Frequenz des Coitus in der Regel nur grössere Schläfrigkeit und grössere Ermattung, die aber euphorischer Natur ist. Bedenklicher scheinen mir die übrigen Verstösse zu sein, da sie leicht zu dysphorischer Nervosität, zu Neurasthenie führen. Bekannt ist, dass Pollutionen viel schädlicher wirken, wie Cohabitationen von gleicher Frequenz. Es scheint mir ferner, dass die Störungen der Intelligenz immer viel prononcirter sind, wie die der Körperkraft. Nach einer mässigen Orgie oder nach einer Pollution kann der Soldat noch gerade so gut exerciren, der Student noch gerade so gut pauken, wie vorher. Aber mit dem Studium wird die Sache bedenklich, was sich beim Soldaten allerdings nicht feststellen lässt. Man sieht ab und zu herkulische Männer, welche in glaubwürdiger Weise erklären, täglich zu coitiren oder sonst zu excediren. Ich habe aber noch nie Jemanden gesehen, der so begnadet gewesen wäre, bei venerischen Ex- cessen oder Abnormitäten geistig Hervorragendes leisten zu können. Man wird sagen, dass viele grosse Männer der Geschichte, die geistig Hervorragendes geleistet, zeitlebens auch grosse Don Juans gewesen sind. Dieses beweist aber nichts. Der Ruf eines Don Juans hängt nicht mit der Frequenz der Co- habitationen, sondern mit der Frequenz der Abenteuer zu- sammen. Nun ist zwar jedes Abenteuer eine Cohabitation, aber nicht jede Cohabitation ist auch ein Abenteuer. Bei 126 einigen Dutzend Abenteuern im Juli re kann ein Mann schon in den Huf eines gemeingefährlichen Scliwerenöthers kommen, der die Umgegend unsicher macht, während mehrere Hundert legitimer Cohabitationen die Solidität nicht zu tangiren ver- mögen. Der Ruf eines Don Juans beweist also nichts für die Häufigkeit der Cohabitationen. Allerdings muss man hiergegen sagen, dass die Störungen der Intelligenz sich wieder viel schneller ausgleichen, wie die des Körpers. Es giebt Männer, die Hervorragendes geleistet und doch periodisch grosse Excedenten waren. Die Träger der Intelligenz scheinen Gebilde zu sein, die zwar sehr leicht functioneil und vorübergehend, aber sehr schwer organisch und dauernd laedirt werden können. Dieser Satz gilt allgemein. Ein mässiger Rausch, ein kleiner Stimmungswechsel und ein Dutzend ähnlicher kleinerer Störungen, welche die körperliche Leistungsfähigkeit noch nicht in nachweisbarer Weise an- greifen, heben schon die Fähigkeit verschärften Nachdenkens auf. Dagegen haben Krankheiten, welche den Körper unter- miniren, z. B. Phthise, keinen nennenswertlien Einfluss auf die Intelligenz. Bei Abmagerung, sei es durch Alter, Krank- heit oder Hunger, verliert das Gehirn am wenigsten an Ge- wicht, und wahrscheinlich die Rinde am allerwenigsten. Daher sieht man mehr fragile, wie demente Greise. Körper- lich wird jeder Greis eine Ruine, es giebt aber Greise von 90 und mehr Jahren, die geistig noch völlig intact sind. Die Demens ist kein Attribut des Alters, wie die Decrepidität. Wer durch eine Verletzung der venerisch hygienischen Regeln seinen Verstand momentan eingebüsst hat, kann sich beruhigen, der kommt bei Vermeidung der Abnormität bald wieder ; wer aber durch solche Vergehen etwa Impotenz oder Phthise acquirirt hat, der wird diese Zustände nicht so bald los. Man hört manchmal junge Leute behaupten, sie hätten ihren Verstand vor—loren durch Excesse in Venere. Das ist Renommage. Diese Männer haben nie viel Verstand gehabt. Doch will ich zum Schluss noch darauf aufmerksam machen, dass in der Regel die bösen Folgen der vita venerea antihygiena sehr übertrieben wTerden, aus guter und aus 127 schlechter Absicht. Die Natur hat dafür gesorgt, dass Excesse in Venere einen gewissen Grad nicht überschreiten können. Man kann sich in einigen Stunden zu Tode trinken, aber durch venerische Excesse sich in kurzer Zeit tödten, ist unmöglich. Nur langandauernde systematische Peccata können hier nen- nenswerte böse Folgen hinterlassen. Die, ich möchte sagen physiologischen Excesse der Flitterwochen haben noch nie dauernd geschadet. § 69. Grund dieser schädlichen Folgen. Stoffverlust oder Nervenerregung. Es entstellt die Frage, wovon die bösen Folgen der anti- liygienisclien vita venerea abliängen, ob vom Stoffverlust oder von der Nervenerregung ? Es ist klar, dass nur bei Verstössen gegen die Frequenz diese Frage überhaupt rationell aufgeworfen werden kann. Bei Verstössen gegen die Dauer und die Intensität kann der Stoffverlust garniclit in Frage kommen, da nichts davon be- kannt ist, dass bei zu kurzem oder zu reizlosem Coitus die Quantität oder die Qualität der Ejaculation sich änderte. Bei Verstössen gegen die Frequenz drängt sich indessen die Frage auf und wir müssen sie untersuchen. In der Hegel beantwortet man sie zu Gunsten des Stoffverlustes. Es ist nun zunächst, wie schon einmal gesagt, sicher, dass die unmittelbaren Folgen des Escesses nur von der Nerven- erregung abliängen können, da der verlorene Stoff vor der Eja- culation kein Körperbestandtheil mehr ist. Wie steht es aber mit den später sich einstellenden Folgen ? Um diese Frage zu entscheiden, müsste man beide Ele- mente isolirt studiren. Man müsste den Orgasmus ohne Eja- culation und die Ejaculation ohne Orgasmus studiren. Es gelingt in der That, beide Elemente isolirt zu beobachten bei manchen Krankheiten des Sperma-leitenden Systems, z. B. bei Fisteln der vesicula seminalia, bei Spermatokele, bei Sper- matorrhoea vera. Bei diesen Zuständen fliesst der Samen ohne Libido und ohne Orgasmus ab in demselben Verhältniss, 128 in dem er producirt wird. Wenn solche Individuen einen Orgasmus produciren, so haben sie Orgasmus ohne Sperma- verluste. Was lehrt nun hierüber die Beobachtung? Betrachten wir zunächst die Spermatorrhoea vera. Bei diesem Zustande fiiesst das Sperma continuirlich ab in Folge von Schlaffheit der Spliincteren der Vesicula. Diese Patienten sind in der Regel schlaff. Es ist aber bei der Verwertliung dieser Beobachtung zu bedenken, dass dieselbe nicht rein ist. Die Schlaffheit der Spliincteren ist ein secundäres Symptom und hängt von einer anderen Ursache ab. Die Schlaffheit des Spermatorrhoeikers kann ebensogut Folge sein dieser Grundursache, wie der Spermaverluste. Es handelt sich hierbei auch oft sicherlich um suggestive Depressionsgefühle. Patienten mit übermässi- ger Produktion von Prostatasaft halten sich oft für Spermator- rlioeiker und sind ebenfalls tief niedergeschlagen. In dem- selben Moment aber, wo der Arzt ihnen versichert, oder mit Hülfe des Mikroskops demonstrirt, dass sie keine Spermator- rhoea haben, sind sie wieder ganz hergestellt. Bei der Spermatokele ist an den Patienten ausser dem localen Zustande nicht das geringste Abnorme wahrzunehmen. Indessen ist auch diese Beobachtung nicht rein. Bei der Spermatokele wird nicht alles Sperma verloren, sondern nur soviel, bis der äussere Gegendruck dem inneren Druck gleich geworden ist. Die Fisteln der Vesicula seminalia sind entweder trauma- tische oder spontane. * Die spontanen hängen mit einem con- stitutionellen Leiden zusammen und sind meistens tuberculös. Die Patienten, die ich mit spontanen Samenfisteln gesehen, waren allerdings anliaemische Individuen. Aber man könnte hier sagen, dass die Anliaemie mit der constitutionellen Grundkrankheit zusammenhinge. Eine reine Beobachtung liesse sich nur bei traumatischen Fisteln machen. Ich habe erst einmal einen solchen Fall gesehen. Es handelte sich um einen Schmuggler aus den Pyrenäen, der in einem Kampf mit Gensdarmen ein Trauma in dieser Gegend erlitten hatte. Dieser Fall laborirte aber an dem theoretischen Mangel, dass die Fistel nur einseitig war. 129 Patient verlor also nur den Samen des einen Hodens. Dieser Patient war übrigens anscheinend normal. Wenn man aber berücksichtigt, dass dieser Patient gut genährt wurde, keine Arbeit zu verrichten hatte, und dass die Fistel nur kürzere Zeit, etwa einige Monate bestand, wenn man ferner bedenkt, dass die venerischen Excesse der Frequenz zunächst nur die In- telligenz und dann erst den Körper angreifen, dass Patient ein Mann von mässiger Intelligenz war — er hätte ohne aufzu- fallen zur Zeit Shakespeare’s ein College des albernen Frie- densrichters Schaal oder jetzt in Berlin College der albernen Bagatell- und Injurienrichter Kafftan und Lumpert sein können — dass ferner keinerlei Proben von grösserer Intelligenz von ihm verlangt wurden und folglich Defecte der Intelligenz sich nicht feststellen Hessen, so wird man auch hier sagen müssen, dass die Beobachtung nicht rein war. Eine reine Beobachtung, d. i., die Beobachtung einer dop- pelseitigen traumatischen Samenfistel bei einem intelligenten und gesunden Manne, ist meines Wissens noch nicht gemacht oder noch nicht beschrieben worden. Es wäre vielleicht an- gezeigt an männlichen Thieren einmal diese Frage experimen- tell in Angriff zu nehmen. Allerdings dürften, wenn sich die Verluste als irrelevant herausstellten, hieraus keine zu weit- gehenden Schlüsse gezogen werden, einestheils weil Thieren die Intelligenz fehlt, anderntheils weil die vita venerea sich bei Thieren auf die Zeit der Brunst beschränkt. Die Rele- vanz dieser Verluste würde allerdings wohl beweisend sein. Solche Experimente sind aber noch nicht gemacht worden, sie seien aber sesshaften Collegen, die ein Laboratorium haben, empfohlen. Diese Experimente Hessen sich dann in der Weise zu einer Reihe gestalten, dass man einige der so ope- rirten Thiere zu Coitus und Orgasmus in verschiedener Fre- quenz zuliesse, die anderen aber zur Abstinenz zwänge. Vor- läufig müssen wir die Frage als eine offene ansehen. Wahr- scheinlich spielt ebensowohl der Stoffverlust, wie der Orgas- mus eine Rolle, obschon der Werth des Stoffverlustes nur in zweiter Stelle in Betracht kommt, da er sicher für die unmit- telbaren Folgen des Excesses nicht verantwortlich gemacht werden kann. 130 § 70. Der Flirt. Hiermit ist indessen die Frage nacli der Hygiene der vita venerea noch nicht ganz beantwortet. Es fragt sich noch, welchen hygienischen Werth derjenige venerisch-erotische Verkehr der Geschlechter hat, bei dem es nicht zu Coliabita- tion kommt und bei dem sie auch nicht bezweckt worden ? Ich denke hier also an Tanzstunden, Gesellschaften mit bunter Reihe, Liebesbriefe, vielleicht selbst Küssen, überhaupt an alles dasjenige, was der Engländer als „Flirt“ der Deutsche als „Poussiren“ bezeichnet. Es giebt Physiologen, welche dergleichen verbieten oder auf ein Minimum reducirt sehen wollen, weil angeblich dadurch die venerische Begierde zu stark erregt, und in Folge dessen übermässige Production von Sperma mit deren Folgen, gehäuften Pollutionen event. gehäuften Cohabitationen oder Masturbationen eintreten sollte. Vermehrte Production von Sperma soll vermehrte Ejaculationen im Gefolge haben. Dieses ist durchaus unrichtig. Es ist zunächst unrichtig, dass der oben definirte Verkehr der Geschlechter mit einander in jüngeren Jahren die Begierde etwa zur Masturbation resp. zu Bordellbesuch etc. steigere. Im Gegentheil. Wir fanden, dass gerade diejenigen die grössten Masturbaten und Bordellhabitues sind, denen dieser Verkehr abgeht. Dessgleichen ist es unrichtig zu sagen, dass solcher Ver- kehr die Neigung zu Pollutionen vergrössere. Das Um- gekehrte ist richtig. Solcher Verkehr vermindert hierzu die Neigung. Das sind Facta für die ich folgende Erklärung geben will : Wie der Magen durch materielle Nahrung, und der In- tellect durch geistige Beschäftigung einer periodischen Sät- tigung bedarf, so bedarf auch die Phantasie einer periodischen Sättigung. Wer nicht bei Tage der Phantasie willkürlich diese Nahrung zufiilirt, der wird bemerken, dass die Phan- tasie sich dieselbe des Nachts unwillkürlich nimmt. Wer den Tag über seine Phantasie genügend mit solcher Nahrung ge- sättigt hat, wird viel seltener venerische Träume haben, wie 131 derjenige, der den ganzen Tag über solche Gedanken ver- scheucht und nur an die ernstesten Dinge gedacht hat. Bei Tage, im wachen Zustande, ist nun die Phantasie allein nicht in der Lage beim normalen Manne eine Ejacula- tion auszulösen, auch wenn sie noch so intensiv venerisch an- geregt wird. Hier muss immer noch eine körperliche Friction hinzukommen. Ein Mann muss schon sehr an reizbarer Schwäche laboriren, wenn er im wachen Zustande auch bei einer noch so heftigen sinnlichen Erregung der Phantasie eine Ejaculation davontragen soll. Im Schlaf genügt aber schon eine Erregung mittleren Grades dazu, um eine Ejaculation mit Orgasmus auszulösen. Dazu kommt noch eines: Im wachen Zustande ist die Phantasie viel weniger anspruchs- voll, wie im Schlafe. Mancher Mann ist, solange er wach ist, schon „von ihrem Gruss beglückt“, er perhorrescirt vielleicht selbst den Gedanken bloss an einen tactus turpis, geschweige denn an mehr. Im Schlafe ist Niemand so bescheiden. Nie begnügt sich ein Liebhaber im Traume mit einem Grusse, da geht man gleich auf ernstere Dinge los. Im Traume geht jeder Mensch viel weiter wie im Wachen. Das hängt damit zusammen, dass im Traume gewisse Hemmungscentren ausser Function gesetzt sind. Der im wachen Zustande bloss erotische Mann wird im Traume immer venerisch. Im Traume über- schreiten die respectabelsten Leute leicht die Grenze des Anstandes, der guten Sitte und selbst der Aesthetik und treiben Dinge, an die sie bei Tage nicht nur ohne Erröthen, sondern selbst ohne Abscheu nicht zurückdenken können. Daher kommt es, dass derjenige, der seine Phantasie, ich will nicht gerade sagen täglich, aber doch periodisch ge- nügend mit erotischer Nahrung sättigt, viel weniger an un- willkürlichen Entleerungen leiden wird, wie derjenige, der seine Phantasie in dieser Kichtung fasten lässt. Daher sind es oft die wirklich tugendhaftesten jungen Leute, die an solchen Entleerungen laboriren. Die Behauptung, dass die Beschäftigung der Phantasie im wachen Zustande mit erotischen Vorstellungen zu nächt- lichen venerischen Träumen mit Pollutionen disponire, ist nur dann richtig, wenn die Phantasie bei diesen wachen Be- 132 schäftigungen nur erregt, aber nicht befriedigt wird. Ein Jüngling z. B. der nur erregende Romane liest, wird aller- dings an venerischen Träumen laboriren; wer aber bei Tage einen Roman erlebt hat, ist in der folgenden Nacht sicherer vor venerischen Träumen und folglich vor Pollutionen, wie wenn er keinen Roman erlebt, und um so sicherer, je mehr der Roman geglückt. Nur der verschmähte oder von weitem schmach- tende Liebhaber laborirt an Träumen, der anständig erhörte nicht, denn der erstere ist nur erregt, der letztere dagegen gesättigt. Wer einen Liebesbrief mit der nöthigen Menge von Ausrufungszeichen erhält, wird in der nächsten Zeit in keiner grossen Gefahr einer Pollution sein ; wem aber die Geliebte abschreibt, der wird beim nächsten Schlaf eine Pollution zu befürchten haben. Der Flirt ist also nicht zu verbieten, sondern als hygienisch zu erklären. Dass der venerisch-erotische Verkehr, bei dem es nicht zur Coliabitation kommt, auf die Gesundheit förderlich wirkt, ist übrigens eine alte Beobachtung. Die Therapie, durch die Graham am Ende des vorigen Jahrhunderts sich berüchtigt gemacht hat, das „Graham’s Bett“, durch welches er Greise verjüngen wollte, beruhte auf dieser Beobachtung. Auch die neuerlichen Vorschläge von Bro wn-Sequard beruhen auf demselben Fundament. Auch die Beobachtung jedes Jüng- lings und jeder Jungfrau zur Zeit der beginnenden Pubertät könnte uns hierüber auf klären. Es giebt keine Zeit, in der die Lebenskraft eine so grosse ist, und es giebt keine Zeit in der die Phantasie so sehr den ganzen Tag über mit venerisch-eroti- schem Stoff angefüllt ist. Der Grund hiefür liegt wahrscheinlich in der durch solche Vorstellungen vermehrten Production von ,,Sperminen“ und „Ovarinen“ und, wenn die Ejaculation garniclit oder lang- samer, wie die Production stattfindet, in deren vermehrter Resorption. Man könnte entgegnen, dass doch dabei auch vermehrte Production von Organeiweiss stattfindet, welches, auch wenn es resorbirt würde, keinen besonderen Werth mehr hätte und folglich für den Körper verloren sei. Es scheint aber, dass 133 dieser Verlust entweder weniger in Betracht kommt, oder überhaupt nicht stattfindet. Wir sind nicht gezwungen anzu- nehmen, dass der Quotient zwischen Organeiweiss und Sper- minen ein konstanter sei. Vielleicht vermehrt der „Flirt“ nur die Production der Spermine, und lässt die Production des Organeiweisses unberührt. Therapie einiger venerischer Abnormitäten. § 71. Die häufigsten venerischen Abnormitäten. Wir wollen nunmelir die Therapie einiger Abnormitäten des venerischen Gemeingefühles betrachten. Die Abnormitäten, die wir bisher betrachtet, lassen sich in folgendes System bringen : I. Abnormitäten des Fuhlens. II. Abnormitäten des Thuns. Jede dieser Kategorien zerfällt wieder in Unterarten in Bezug auf: 1) Abnormitäten der Frequenz — zu oft, zu selten. 2) Abnormitäten der Dauer — zu lange, zu kurz. Verbinden wir diese Eintheilungsgründe mit einander, so erhalten wir theoretisch acht verschiedene Arten von isolirten Abnormitäten. Diese verschiedenen Abnormitäten können sich nun com- biniren, so dass eine sehr grosse Anzahl der verschiedensten Krankheitsbilder entsteht * Jede dieser verschiedenen Arten der Abnormität hat ihre besondere Therapie und Prognose. Wir wollen hier nun nicht alle diese möglichen Fälle be- sprechen. Wir wollen uns vielmehr auf die Besprechung der wichtigsten Fälle, die dem praktischen Arzt in seiner Praxis Vorkommen, beschränken. * Ausser diesen Abnormitäten giebt es noch solche, bei denen die Ab- normität in dem Reiz selbst liegt. Hierher gehört z. B. der Uranismus und verschiedene andere Dinge, die daspreussische Landrecht recht scharf mit den Worten definirt: ,,die man nicht nennen könne.“ Diese wollen wir später betrachten. 134 In der Mehrzahl der Fälle sind es Männer, welche den Arzt in Bezug auf venerische Abnormitäten consultiren. Das hängt keineswegs damit zusammen, dass bei Männern solche Dinge häufiger und im höheren Grade Vorkommen, wie bei Weibern, sondern damit, dass Frauen aus Gründen der Eitelkeit oder Schamhaftigkeit mit dem Arzt nicht gerne über solche Dinge sprechen. Oefters sind es die Männer, welche den Arzt über die Abnormitäten ihrer Frauen consultiren. Bei Männern kommen nun folgende Abnormitäten am meisten zur Kenntniss des Arztes : 1) Zu grosse Seltenheit des Coitus. Alles Uebrige ist sonst normal. Der extremste Fall ist das völlige Unver- mögen. Es handelt sich hier also um die Impotenz aus Frigidität, der partiellen oder der totalen. 2) Zu grosse Kürze des Coitus. Alles Uebrige ist normal. Der extremste Fall ist die Ejaculation ante portas. Es handelt sich hier um Impotenz aus Neurasthenie. Bei Frauen kommt bei weitem am häufigsten der Orgas- mus retardatus sive impossibilis, dann die totale Frigidität zur Kenntniss und Behandlung des Arztes. Mit der partiellen Frigidität hat der practische Arzt sich so gut wie nie zu beschäftigen. Diese Kategorien bilden den Grundstock aller venerischen Abnormitäten, die der practische Arzt zu Gesichte bekommt. Wir wollen uns auf ihre Betrachtung beschränken. § 72. Die Frigidität des Mannes. Bevor icli zur Therapie der Frigidität etwas sage, will ich folgendes voranschicken. Wenn ein Mensch sich zu einem Coitus anschickt, so kann er dazu im Ganzen dreierlei Motive haben. 1) Er kann die Absicht haben sich den venerischen Kitzel zu verschaffen. Hier ist die Absicht eine positive. 2) Er kann die Absicht haben, die aus der Unterlassung des Coitus zu befürchtenden unwillkürlichen Pollutionen mit ihren Unlustgefühlen zu vermeiden. Hier ist die Absicht eine negative. 135 3) Er kann zuletzt die Absicht haben, Kinder zu er- zeugen, seiner Frau gefällig zu sein u. dgl. Hier sind die Motive altruistische, im Gegensatz zu den beiden ersteren, die egoistische waren. Ein Mann, der nach seiner Ansicht den Coitus zu selten ausiiben kann und der ihn gerne öfters ausübte, kann indessen für diesen Wunsch nur zwei Motive haben. Er kann ent- weder beabsichtigen, sich häufiger den venerischen Kitzel zu verschaffen oder er hat eines der altruistischen Motive. Das dritte Motiv, öfters subjectiven dysphorischen Stimmungen zu entgehen, kann er nicht haben, da die Frigidität mit kei- nerlei Störungen des übrigen subjectiven Wohlbefindens ein- hergeht. Frigide Männer erfreuen sich in der Kegel einer besseren Gesundheit, wie nicht frigide. Ist nun ein solcher Mann nicht verlieirathet und hat nicht die Absicht sich zu verheirathen, oder ist er schon seit lange verlieirathet und hat eine gesetzte Frau und genügend Kinder, so kann er wiederum legitimer Weise nur den einen Zweck im Auge haben, sich den venerischen Kitzel öfters zu verschaffen. Ich habe nun eine grosse Nachsicht gegen denjenigen, der illegitimer Weise zum Coitus schreitet, weil er damit sub- jectiven Unlustgefühlen entgehen will. Diese Unlustgefühle können unter Umständen eine erschreckliche Höhe erreichen und allmählig zerrüttend auf die objective Gesundheit wirken. Ich gehe nicht so weit jemanden zu diesem Zweck zu einem illegitimen Coitus aufzufordern, aber ich werfe doch keinen Stein auf ihn, wenn er es thut. Nemo cum gravi ipsius detri- mento cogi potest. ■Ich habe aber eine sehr geringe Nachsicht gegen den- jenigen, der illegitimer Weise zum Coitus schreitet, um sich Lustgefühle zu verschaffen. Ich will nicht sagen, dass ich solches absolut verdamme, aber ich nehme doch keinen An- stand zu erklären, dass ich einem solchen Manne zur Errei- chung seiner Absicht ärztlich nicht behiilflich sein werde. Wenn also ein Mann wegen Frigidität zur Consultation kommt, so will man sich den Mann erst anschauen. Wie alt ist er ? ist er verlieirathet ? wie alt ist seine Frau ? will er 136 heirathen ? wie alt ist die Frau, die er lieiratlien will ? liat er Kinder ? u. s. w. Aus diesen Angaben muss man sich ein Bild der Motive dieses Patienten verschaffen, falls man voranssetzt, dass er einen hintergeht. Sind seine Motive löblich, so mag man die Behandlung beginnen. Allerdings ist das Vermögen des Arztes hier nicht sehr gross. Patienten mit Frigidität sind die undankbarsten Patienten; was auch erreicht wird, sie sind nicht zufrieden. Sie möchten immer noch mehr können. Ich will hier die Therapie nicht wiederholen und bemerke nur, dass ich dem in den Büchern geschriebenen nichts hinzuzufügen habe. In der Kegel wird man nun finden, dass diese Patienten kein anderes Motiv kennen, wie dieses, sich den venerischen Kitzel öfters zu verschaffen. In der Regel sind es ältere Männer mit physiologischer Frigidität, oft Lebemänner mit senium praecox, die entweder ein junges Mädchen heirathen, oder neben ihrer gesetzten Ehefrau eine Geliebte halten wollen. Unter solchen und ähnlichen Umständen soll man den Patienten eine Pauke halten und ihnen sagen, dass sie sich ihres Wunsches schämen sollen. Man soll sie auch auf klären, dass ihr Wunsch thöricht ist. Sie verringern damit nur ihr allgemeines Wohlbefinden. Statt sich über ihre Frigidität zu kränken, sollen sie sich mit Sophokles freuen, dem Tyrannen endlich entronnen zu sein. In der Regel verstehen allerdings die Patienten solche Reden nicht, sie glauben, ein Arzt, der so redet, verstehe seine Kunst nicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie ein Arzt, den sie bezahlen wollen, sich in ihre Motive einmischt. Sie begreifen auch meistens nicht, was das heisst, dem Tyrannen entronnen zu sein. § 73. Frigidität der Frau. Wenn ein Arzt über weibliche Frigidität von der Frau selbst consultirt wird, so liat sie meistens oder nie die Absicht, sich selbst den venerischen Genuss verschaffen zu wollen, son- dern den, ihren Mann, der droht untreu zu werden, oder es 137 schon geworden ist, wieder an sich zu fesseln. Hier muss der Arzt im Interesse der Erhaltung der Ehe thun, was er kann. Von einer eigentlichen Behandlung der Frigidität kann allerdings in der Mehrzahl der Fälle so gut wie keine Bede sein. Aber man kann der Frau Anleitung geben, wie sie ihren Mann mit einer pia fraus täuschen soll. Diese Täuschungen widersprechen dem achten Gebot ebensowenig wüe etwa die Täuschungen, die bei falschen Zähnen, Augen und Haaren bezweckt werden. Wird man von einem Mann über die Frigidität der Frau consultirt, so lasse man die Frau kommen und gebe ihr unter vier Augen die nöthigen Aufklärungen. Nebenbei behandele man sie, um den Mann zu täuschen und zu befriedigen, mit irgend etwas, was auf die Phantasie des Mannes wirkt, wie Electricität, so lange, bis der Mann es nicht mehr für un- wahrscheinlich halten mag, dass die Therapie gewirkt hat. Eine erfolgreiche Therapie habe ich nie gesehen. Col- legen wollen sie aber gesehen haben. Ob dieselben getäuscht worden sind, lasse ich dahin gestellt. § 74. Die Neurasthenie des Mannes. Ganz anders verhält sich alles dieses bei der sexuellen Neurasthenie. Im Gegensatz zur Frigidität erzeugt die Neu- rasthenie die entsetzlichsten Unlustgefühle. Allerdings ist das objective Befinden hierbei nicht nach- haltig laedirt. Nach Beseitigung der subjectiven Unlust- gefühle ist der objective Zustand sehr bald wieder normal. Organische Störungen sind zunächst nicht vorhanden. Nur wenn die Neurasthenie sehr lange anhält, kann auch die wirkliche Gesundheit leiden. Aber gerade wegen ihrer ge- ringen objectiven Schwere sind wohl die subjectiven Be- schwerden so grässlich. Auch zum Empfindenkönnen der Unlust ist Gesundheit nöthig. Bei sehr schweren Leiden ist ja die Dysphorie relativ gering. Während ihres Bestehens ist aber die sexuelle Neuras- thenie vielleicht das qualvollste Leiden, das es giebt. Zunächst, weil während ihres Bestehens jede Arbeitslust und Fähigkeit 138 dazu, besonders zu geistiger Arbeit, verschwunden ist und der Patient diese Impotenz empfindet. Sodann, weil dieser Zu- stand mit den grössten undefinirbaren Unlustgefühlen ver- bunden ist. Solche Patienten kommen nicht nur sehr oft auf den Gedanken der Autocastration, sondern führen denselben gelegentlich auch aus. Ich glaube, dass alle Autocastraten sexuelle Neurastheniker sind. Der .heil. Origines, der sich selbst entmannte, war sicherlich Neurastheniker. Es giebt ferner kein Leiden, welches ein solches taedium vitae er- zeugt, wie dieses. Objectiv schwer Kranke werden selten ein Tentamen unternehmen, die Anzahl der Tentamina aus neurasthenischen Unlustgefühlen ist aber eine enorme. Aber noch aus einem anderen Grunde ist die Neuras- thenie ein qualvolles Leiden. Die Neurasthenie gilt als moralische Strafe für sexuelle Excesse. Das ist die Aetiologie der Neurasthenie, mit der nicht nur Laien, sondern auch Aerzte, die von dieser Materie nicht viel verstehen und wissen- schaftliche Schlappheit hinter moralischer Schneidigkeit maskiren wollen, über den Neurastheniker den Stab brechen. Diese Aetiologie ist das Yorurtheil, welches sich gegen den Neurastheniker gebildet hat. Man bemitleidet ihn nicht, sondern man lacht ihn aus. Nichts kann fehlerhafter sein, wie diese Aetiologie. Die professionellen Don Juans, die Leute, deren Normalarbeitstag mit dem Frühstück auf hört, und die den ganzen übrigen Tag nur dem Kurschneiden und der Verführung leben, und damit die Gesellschaft in oft unglaublicher Weise schädigen, pflegen regulär gar nicht an sexueller Neurasthenie zu leiden. Die Neurastheniker pflegen in der Pegel zu den sexuell harmlosen Naturen zu gehören, die wenig sexuellen gesellschaftlichen Unfug treiben und getrieben haben. Wenn man nun einem Neurastheniker keinerlei Excesse nach weisen kann, so heisst es : er ist ein Onanist. Das ist die populäre Aetiologie. Hier muss ich einen Augenblick verweilen. Angenommen dieses sei richtig, so würde man doch Unrecht haben, die Neurasthenie .als Folge einer grösseren sexuellen Unmoralität hinzustellen. Die Onanie ist doch die kleinste der Sünden 139 wider das sechste Gebot. Ich stimme mit den mittelalterlichen Theologen vollkommen überein, welche die Onanie als die geringste der fleischlichen Sünden hinstellten. An zweiter Stelle kam nach Ansicht dieser Moralisten die einfache Forni- catio etwa mit Meretricen, dann kam die Defloratio, das Adul- terinm etc. Die Begründung dieser Stufenleiter liegt eben darin, dass die moralische Schwere einer Sünde abhängt von dem Schaden, den sie der Gesellschaft zufügt. „Das Gute,“ sagt Aristoteles, „ist das gesellschaftlich Nützliche,“ im Gegensatz zum individuell Nützlichen. Onanie hat nun auf den Nebenmenschen direct gar keinen Einfluss, weder Nutzen, noch Schaden. Onanie betrifft nur das Indivi- duum selbst, während die übrigen sexuell verbotenen Hand- lungen zugleich den Nebenmenschen direct tangiren. Eine Defloratio mündet, wenigstens in der besseren Gesellschaft, meistens in eine spätere unglückliche Ehe. Eine unglückliche Ehe erzeugt eine zweite und oft eine dritte und vierte. Oft erzeugt schon eine Defloratio eine zweite und dritte Deflora- tio, und jede derselben mündet wieder in eine unglückliche Ehe, welche wieder fernere unglückliche Ehen erzeugt. Die excessivste Onanie ist nicht in der Lage, auch nur einen nen- nenswerthen Theil dieser Folgen zu erzeugen. Wäre also die Neurasthenie wirklich die Folge der Onanie, so würde man mit Unrecht sie als Strafe für grössere Unmoralität hinstellen, da sie die Folge der kleineren ist. Die Mehrzahl der Menschen von heute anerkennt aller- dings eine andere Stufenleiter der Sünden gegen das sechste Gebot. Adulterium und Defloratio erscheinen ihnen als lässliche Sünden, die schon der Küster vergeben kann. Manche respectablen Leute halten diese Handlungen sogar überhaupt nicht für Sünden, sondern für Heklentliaten. Damit wird renommirt. Corrumpere et corrumpi saeculum vocatur. Dagegen erscheint die Onanie als schwerste dieser Sünden. Onanie ist eine Schande, die nur noch von Paederastie und Sodomie übertroffen wird, während Verführung als Ehre erscheint. Ich erinnere mich einmal in einer neurologischen Klinik einen Babbinatscandidaten angetroffen zu haben, der Neurastheniker war. Die Fragen, ob er onanirt und viel onanirt 140 habe, beantwortete er mit ja. Als dann der Chef darauf sagte, das dürfe er nicht thun, frug der Candidat ganz naiv : wie oft er denn onaniren dürfe? Ich werde nie den Effect dieser Frage auf das Auditorium vergessen. Selbst der weisshaarige Chef erklärte, eine so merkwürdige Frage in seinem Leben noch nie gehört zu haben. Wenn ein lediger Patient einen Arzt fragt, wie oft er coitiren dürfe, findet man diese Frage durchaus berechtigt. Es ist nun nicht meine Aufgabe, hier über Moralfragen mein Urtheil abzugeben; ich will indessen die sexuellen Neurastheniker auch von diesem Moralcodex aus von dem Vorwurf der grösseren Lasterhaftigkeit befreien. Die Neu- rasthenie ist eben nicht ohne weiteres als Folge der Onanie anzusehen. Ich habe eifrige Onanisten gekannt, die nicht im geringsten sexuelle Neurastheniker waren und umgekehrt habe ich viele Neurastheniker gekannt, die sicherlich niemals onanirt hatten. Allerdings giebt es viele Neurastheniker, die onanirt und viel onanirt haben. Die Onanie erzeugt keine Immunität gegen sexuelle Neurasthenie. Wenn man bedenkt, wie viele Individuen mehr oder weniger onanirt haben — Eingeweihte sprechen von 80—90 Prozent bei Männern und von bis 99 Prozent bei Frauen — da ist es nicht zu verwun- dern, dass man Neurastheniker findet, die onanirt haben, gerade so wie man Pneumoniker findet, die onanirt haben. Ich will nun allerdings zugeben, dass übermässige Onanie ein veranlassendes Moment für sexuelle Neurasthenie ist, aber es giebt eine ganze Anzahl anderer Momente, welche ebenfalls sexuelle Neurasthenie erzeugen, wie z. B. geistige Ueber- anstrengung, totale Abstinenz selbst von harmlosem Verkehr mit dem anderen Geschlechte, eine unglückliche Ehe mit reiz- losem Verkehr ohne anderweitige Schadloshaltung und der- gleichen mehr. Es sind oft nicht gerade die schlechtesten Individuen, die aus diesen Gründen sexuelle Neurasthenie acquirirt haben. Und auch diese haben unter dem Vorurtlieile der Menge zu leiden, welche sie als Onanisten und sexuell ver- lodderte Menschen brandmarkt. Ich sagte, dass auch die Aerzte diese Leute als Onanisten und sexuelle Excedenten betrachten. Das hat zur Folge, dass 141 diejenigen Neurastheniker, die wirklich vielleicht massig onanirt haben, in die gedrückte Stimmung desjenigen ge- ratlien, der glaubt, seine Leiden selbst verschuldet zu haben; diejenigen Neurastheniker aber, die thatsächlich nicht onanirt haben, in eine noch gedrücktere Stimmung geratlien. Diese ge- drückte Stimmung hat nun zunächst den Effect, dass sie das Leiden selbst erheblich vergrössert. Der falschen Aetiologie entspringt eine falsche Therapie, und da die falsche Therapie nichts leistet, so haben sich be- sonders die Quacks dieses Gebietes bemächtigt. Die Folge ist, dass die unglücklichen Neurastheniker zu ihren physiolo- gischen Leiden noch ein ökonomisches dazu acquiriren. Aus all’ diesen Gründen erscheinen mir die Neurasthe- niker als die bemitleidenswerthesten Patienten. Im Gegensatz zur Frigidität hat bei der Neurasthenie der Arzt unter allen Umständen das Eecht und die Pflicht zu helfen, so viel er kann, unbekümmert darum, wie Patient etwa seine Gesundheit anzuwenden gedenkt. Zum Glück ist die Therapie hier viel erfolgreicher, wie bei der Frigidität. Auch die schwerste neurasthenia sexualis ist in der kürzesten Zeit heilbar. Allerdings ist die Therapie, die hier vorgeschlagen wird, vielfach eine ungeeignete. Ich will hier meine Therapie auseinandersetzen. Der leitende Gedanke ist hier der, dass alle Beschwerden der sexuellen Neurasthenie Eine Quelle haben : die gehäuften nächtlichen Pollutionen. Hieraus ergiebt sich die ejaculatio praecox und alle anderen Beschwerden. Den Pollutionismus curiren, heisst daher die neurasthenia sexualis curiren. Wie ist der- selbe zu curiren ? §75. Fortsetzung-. Das Lager. Yon der Mehrzahl, vielleicht von allen Autoren, die über Therapie des Pollutionismus gesprochen und geschrieben, wird das harte Lager empfohlen. Diese Vorschrift ist durchaus irrationell aus folgendem Grunde: Jeder, der Men- schen beobachtet hat, die auf hartem Lager schlafen, wird 142 gesellen haben, dass dieselben die Neigung haben auf dem Rücken zu schlafen. Man beobachte nur Soldaten im Bivouac, Arbeiter bei ihrem Nachmittagsschläfchen u. dgl. Es liegt dieses auch in der Natur der Sache. Wer auf harter Unterlage auf der Seite schlafen wollte, würde bald Decubitus bekommen. Jetzt giebt es keine Körperlage, welche so sehr zu Pollu- tionen praedisponirt, wie die Rückenlage. Das hängt offenbar damit zusammen, dass dann die Blase auf die vesicula seminalia drückt. Das harte Lager praedisponirt also geradezu zu Pollu- tionen. Die Therapie des harten Lagers ist offenbar aus rein theoretisch doctrinären Erwägungen am grünen Tisch aus der Feder gezogen worden. Der leitende Gedanke war offen- bar „Abhärtung“, ein Begriff, mit dem viel Unfug getrieben wird. Dass die Rückenlage die Neigung zu Pollutionen ver- mehrt ist allerdings allen Aerzten bekannt. Viele haben dess- halb empfohlen, mit Hülfe eines Gürtels auf dem Rücken eine Kugel zu befestigen. Hierdurch soll die Rückenlage vermieden werden. Dieses Mittel nützt aber so gut wie nichts, weil es nur die absolute Rückenlage ausschliesst; die Neigung zu Pollutionen ist aber auch schon bei dreiviertel Rückenlage ausgebildet. Bei neurasthenia sexualis muss man ein solches Lager gebrauchen, welches die Rückenlage am wenigsten befördert. Als solches wirkt bei weitem am besten ein Lager, welches folgende zwei Eigenschaften hat: 1) Es muss weich sein. 2) Es muss auch an der Seitenlage dem Rücken einen Halt bieten. Am besten eignen sich hierzu Betten, welche nach Art eines Sophas mit Rückenlehne construirt sind. Es ist hierbei förderlich, dass das Lager nicht ganz horizontal sei, sondern etwas um seine Längsaxe nach der Lehne hin gedreht ist, so dass der Körper nach der Rücken- lehne hin fällt. Es ist von einigen Autoren vorgeschlagen worden, beim Schlafen die Beine etwas höher zu halten, wie das Gehirn. 143 Das Eussende des Bettes soll etwas erhöht werden. Das Lager soll also auch um seine Queraxe etwas gedreht sein. Dieses Mittel ist nicht speciell gegen Pollutionen, sondern all- gemein gegen Insomnie vorgeschlagen worden. Doch käme dieses auch den Neurasthenikern zu Gute. Es liegt etwas Wahres in diesem Vorschläge. Es ist nicht ohne Grund, dass die praktischen Yankees den Tag über beim Sitzen die Beine immer hoch legen, trotz des unästhetischen Anblickes einer solchen Lage. Offenbar wird durch eine solche Lage zunächst der venöse Rückfluss des Blutes aus den Beinen befördert, wodurch eine bessere Versorgung des Ge- hirnes mit Blut stattfindet. Ich kannte einen hochberühmten Professor der Medicin, der vor seinem Colleg sich immer eine halbe Stunde mit herabhängendem Kopfe auf ein eigens hierzu construirtes Lager legte, angeblich weil er dann besser dociren könnte, weil er sein Gehirn dann besser mit Nährmaterial versorgt habe. Diese Lage wäre aber nur rationell bei Insomnie in Folge von Anaemie des Gehirns ; bei Insomnie in Folge von Hyper- aemie desselben wäre sie irrationell. Doch sind Anaemie und Hyperaemie des Gehirnes und die Unterarten der arteriellen und venösen Hyperaemie noch hypothetische Begriffe. Wahr ist, dass vielen Leuten diese Lage gut thut, und dass dieselbe daher auch bei Neurasthenikern einen Versuch verdient. §76. Fortsetzung. Der Schlaf. Die Mehrzahl der Autoren verlangt ferner kurzen Schlaf und frühes Aufstehen. Der Gedankengang bei dieser Vor- schrift ist der, dass Pollutionen in der Regel erst nach einem Schlaf von sechs Stunden, und zwar in den Morgenstunden eintreten, selten des Abends gleich nach dem Einschlafen. Wenn man also weniger wie sechs Standen schläft und früh aufstelit, prellt man gewissermassen den Körper um die Pollution. Diese Therapie ist aber doch falsch. Man kann zwar damit für Eine Nacht eine Pollution abhalten, aber dauernd nicht. Es ist dauernd nicht möglich, so kurz zu schlafen, wie 144 für diesen Zweck nötliig wäre. Das blosse frühe Aufstehen bei genügend langem Schlaf, wobei man dann um so eher in’s Bett gehen müsste, nützt auch nur für einige Tage. Sobald sich der Körper an das frühere Aufstehen gewöhnt, tritt die Pollution in um so früherer Tagesstunde ein. Der rationelle Schlaf des Pollutionisten besteht darin, nie länger wie einige Stunden hintereinander zu schlafen, aber mehrere Male in 24 Stunden zu schlafen. Man soll in Absätzen, gewissermassen staccato schlafen. Da ich hier den allerwichtigsten Punkt der Therapie berühre und diese Materie in der Litteratur noch nicht discutirt worden, so muss ich mich hierüber etwas eingehender besprechen. Die Mehrzahl der Menschen ist der Ansicht, dass es eine ganz kolossale Anstrengung sei, in der Nacht einmal aufzu- stehen. Die Störung der Nachtruhe gilt allgemein als etwas sehr erschlaffendes. Wessen Nachtruhe einmal gestört worden ist, hat das absolute Beeilt den folgenden Tag marode zu sein. Selbst beim Militär gilt diese Ansicht. Der Soldat, der einmal des Nachts 4 Stunden auf Wache hat stehen müssen, ist am folgenden Tage dienstfrei. Ein Officier soll nicht mehr wie jeden 17ten Tag eine Nachtwache haben, während der Unter- officier und Soldat nicht öfters wie jeden lOten Tag, im Manoeuvre nicht öfters wie jeden 4ten Tag eine Nachtwache haben soll. Der Gedanke hier ist der, dass der Officier eben für das ganze Leben, der Soldat und Unterofficier aber nur in seinen besten Jahren Militär ist. Diejenigen Lebensberufe, bei denen die Nachtruhe regulär gestört zu werden pflegt, der des Matrosen, des Arztes, der Hebamme, des Nachtwächters, des Fabrikarbeiters pflegen als ganz besonders anstrengend angesehen zu werden. Das statistisch erwiesene kurze Leben der Aerzte wird mit der beruflichen Unterbrechung ihres Schlafes in Zusammenhang gebracht. Mancher Spiesser ver- steht überhaupt nicht, wie es Menschen giebt, die so etwas aus- lialten können. Mönche und Nonnen, welche nach ihrer Begel des Nachts zum Gebet aufstehen müssen, glauben, dass dieses immer eine ganz besondere Abtödtung involvire. Wenn wir dann von einigen grossen Männern wie Caesar, Napoleon u. A. erfahren, dass sie die Gewohnheit hatten, des Nachts ein 145 paar Stunden aufzustellen, um zu arbeiten, so glauben wir liierin einen ferneren Beweis für ihre übermenschliche Arbeits- kraft zu finden. Die Menschen glauben, dass es zwar nützlich sei, die Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse nicht auf einmal in 24 Stunden vorzunehmen; man soll täglich mindestens 2 Mal, am besten 5 Mal essen und jedesmal dementsprechend weniger. Aber man soll sein Schlafbedürfniss in 24 Stunden immer nur einmal, gewissermassen im Ramsch befriedigen. Selbst das Nachmittagsschläfchen steht bei vielen in einem schlechten Geruch. Dass diese Theorie nicht richtig ist, könnte man zunächst an den Seeleuten sehen. Ein Seemann schläft nie länger wie 4 Stunden hinter einander, oft nur 2 oder 3 Stunden ; dafür schläft er aber 2 oder 3 Mal am Tage. Und doch sind die Seeleute die robustesten Männer. Die schlechte Gesundheit so vieler Berufe mit Unterbrechung des Schlafes hängt mit anderen Umständen, zum Theil mit Trunk, wie beim Nacht- wächter oder beim Militär, oder auch mit Morphium zu- sammen, wie bei vielen Aerzten. Die Wahrheit ist, dass es nichts nervenstärkenderes giebt, wie das Schlafen in Absätzen. Ich habe dieses bei mehreren Gelegenheiten an mir selbst erfahren. Das erste Mal bei Ge- legenheit einer Seereise auf einem Segelschiff. Von dem Wunsch ausgehend, das strapaziöse Leben der Seeleute kennen zu lernen, liess ich mich zu ihren Nachtwachen wecken und schlief also nie länger wie 4 Stunden hinter- einander. Ich merkte aber bald, dass diese Lebensweise nicht nur nicht strapaziös, sondern im Gegentheil ganz un- geheuer erfrischend ist. Die Seeluft allein kann dieses nicht bewirkt haben, da ich nur die eine Hälfte der Reise so gelebt. Die zweite Beobachtung machte ich in einem italienischen Kloster, wo ich einmal eine Zeit logirte und mich ebenfalls zu dem nächtlichen Gottesdienst wecken liess. Das dritte Mal machte ich diese Beobachtung als Arzt. Ich war einmal längere Zeit in einer geburtshülflichen Anstalt beschäftigt und war in dieser Zeit verpflichtet zu jeder Tag- und Nacht- zeit auf den Ruf der Wöchnerinnen mich in deren Wohnung zu 146 begeben. Teil wurde beinahe immer einmal, oft zweimal, manchmal drei- viermal des Nachts gerufen. Sehr selten wurde ich garnicht gerufen. Ich habe damals beobachtet, dass wenn ich garnicht gerufen wurde, wenn ich also 8 Stun- den hintereinander schlief, ich ebenso marode war, wie wenn ich drei- oder viermal gerufen wurde. Am wohlsten war ich immer, wenn ich Einen Ruf in der Nacht gegen 1 Uhr erhielt und gegen 5 Uhr wieder nach Hause kam. Ich schlief dann von 9 bis 1 und von 5 bis 8 und vielleicht des Mittags von 12 bis 1. Bei einer solchen Lebensweise hat man die grösste Arbeitskraft. Dieses Schlafen in Absätzen macht die grosse Arbeitskraft so vieler historischer Männer nicht nur nicht wunderbar, sondern macht sie erklärlich. Uebrigens hatte Aristoteles schon die Nützlichkeit des Schlafens in Absätzen erkannt. Er sagt in seiner Oekono- mik : Der Hausherr solle des Nachts immer einmal auf stehen und nach seinem Hauswesen sehen. Das sei gut für die Wirthschaft und für die Philosophie und für die Gesundheit. Auch Homer wusste dieses schon. Er sagt: ov %pi/ 7tavvvj(ior evöelv ßovApcpopov avSpa. Ich kann daher nur allen Menschen anrathen, wie sie 2 oder 3 mal pro Tag essen, so auch 2 oder 3 mal pro Tag zu schlafen. In den ersten Tagen hält es schwer, plötzlich auf Commando einzuschlafen, aber schon nach wenigen Tagen lässt der Schlaf nicht mehr auf sich warten. Man scheue sich nicht den einen Tlieil des Schlafes in den Tag zu verlegen. Die Theorie, dass der Schlaf des Nachts wohltliätiger sei, wie des Tages, dass der Schlaf vor Mitternacht doppelt so viel wertli sei, wie der nach Mitternacht u. dgl., ist vollständig falsch. Diese Beobachtungen hat man an Potatoren und Ex- cedenten gemacht. Wer bis 12 Uhr säuft oder allzu ange- strengt studirt, oder sich mit Frauenzimmern herumtreibt, wird sich natürlich am folgenden Tage nicht wohl ausgeschlafen fühlen. Das hängt aber nicht mit dem Schlaf nach Mitter- nacht, sondern mit Excessen in Baccho oder in Yenere oder in Minerva zusammen. Das Nachmittagsschläfchen ist nur dann erschlaffend, wenn mau dasselbe mit reichlichen Früliliba- 147 tionen provocirt hat. Man beachte nur die Tliiere und Kinder. Sie schlafen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wenn man das- jenige für natürlich betrachtet, was Kinder und Tliiere tliun, so miissen wir das Schlafen in kurzen Absätzen als das natür- liche ansehen. Ist dieses Schlafen in Absätzen nun schon sehr nützlich für Jedermann, so ist es (las specifische Heilmittel für sexu- elle Neurasthenie und Pollutionismus. Man gehe hierbei folgendermassen vor : Man lasse Pa- tienten zunächst zweimal täglich, jedesmal vier Stunden schla- fen, etwa von 8 bis 12 und von 4 bis 8, oder wie man es für gut hält. Hören hierbei die Pollutionen noch nicht ganz auf, so lasse man ihn dreimal täglich drei Stunden schlafen. Sollte dieses die Pollutionen noch nicht völlig beseitigt haben, so lasse man ihn viermal zweieinhalb Stunden schlafen. Es giebt keinen Fall, der dieser Therapie widerstände. Die Schwierigkeiten dieser Therapie bestehen nur darin, dass practisch sich dieses Schlafen in Absätzen so schlecht durchführen lässt. In Anstalten, in denen Neurastheniker be- handelt werden, wären diese Schwierigkeiten am leichtesten zu überwinden. § 77. Fortsetzung. Körperliche Anstrengung. Yon vielen Antoren wird ferner körperliche Anstrengung empfohlen. Diese Therapie beruht tlieils auf Wahrheit, theils auf Irr- thum. Um dieses klar zu machen, müssen wir zunächst den leider von Aerzten nicht genügend erkannten Unterschied von Stof fverbr auch und Ermüdung auseinandersetzen. Der Stoffverbrauch wird bestimmt durch die Grösse der Aussclieidungsproducte, insbesondere der Kohlensäure und des Harnstoffs. Diese Grösse ist eine objective. Die Er- müdung ist etwas subjectives und wird gemessen am Schlafe. Jede Thätigkeit erzeugt beides, sowohl Stoffverbrauch wie Ermüdung. Aber beide Grössen sind einander keineswegs immer proportional. Es giebt Thätigkeiten, die viel Stoffver- brauch und wenig Ermüdung, und solche, die viel Ermüdung 148 und wenig Stoffverbrauch erzeugen. Der Stoffverbrauchs- Ermüdungs-Quotient ist keineswegs eine Constante. Beim Aufstiege auf einen nicht zu steilen Berg, etwa beim Marsch auf dem Fahrweg, ist der Stoffverbrauch vielleicht am grössten, die Ermüdung am kleinsten ; beim Säbelschlagen, beim militäri- schen Exerciren, besonders beim „langsamen Schritt“ dagegen ist vielleicht die Ermüdung am grössten, der Stoffverbrauch aber am kleinsten. Daher pflegen Becruten und Feclitlelirer fett, Landbriefträger im Gebirge aber mager zu werden. Es wäre völlig unmöglich, dass ein Mensch etwa mit „langsamem Schritt“ denselben Stoff verbrauchte, den er mit Besteigen mässig steiler Berge verbraucht. Er würde lange vorher vom Schlafe überwältigt umsinken. Wollte Jemand umge- kehrt durch Ersteigen mässiger Berge sich dieselbe Ermü- dung erzeugen, die er nach langsamem Schritt empfindet, so würde er vielleicht vor Erschöpfung vorher umsinken. Der Unterschied von Stoffverbrauch und Ermüdung erhellt ferner aus folgenden Beobachtungen : Bei Verlän- gerung einer Thätigkeit über eine gewisse Grenze nimmt die Ermüdung ab, während der Stoffverbrauch natürlich immer zunimmt. Ferner haben die Militärs folgende Beobachtung gemacht: Wenn man Soldaten direct vom Lager mit normaler Schnelligkeit marschiren lässt, fallen sie nach kurzer Zeit um. Man muss sie die erste halbe Stunde langsam, etwa 70 Schritte die Minute machen lassen. Nach einer kurzen Pause muss man sie die zweite halbe Stunde etwas schneller, etwa 100 Schritte die Minute marschiren lassen. Dann kann man sie nach einer zweiten Pause 10 Stunden ohne Bast 140 Schritte die Minute machen lassen. So marschiren die italienischen Bersaglieri, die schnellsten Marschirer der Welt. Bei Pferden haben sowohl Cavalleristen wie Beitervölker dieselbe Beobachtung gemacht. Aus all diesen Beobachtungen geht hervor, dass man unterscheiden muss zwischen Stoffverbrauch und Ermüdung, weil beide Grössen keineswegs einander proportional sind. Dieser Unterschied ist nun auch in der Therapie zu ver- wertlien. Wenn ein Patient z. B. etwa an Fettsucht laborirt, und der Arzt ihm „körperliche Anstrengung“ empfiehlt, so muss er ihm solche TLätigkeiten empfehlen, bei denen der 149 Stoffverbrauch möglichst gross, die erzeugte Ermüdung aber möglichst klein ist. Einem atrophischen Stubenhocker werden solche Thätigkeiten sehr schlecht bekommen; für diesen eignen sich Thätigkeiten, bei denen die erzeugte Müdigkeit ein Maximum, der Stoffverbrauch aber ein Minimum ist. Dem Lipomatösen wird also der Arzt, der diese Deduction ver- standen hat, Fusstouren in bergigen Gegenden, aber kein Säbelschlagen empfehlen, während er dem Stubenhocker Säbelschlagen und ähnlichen Sport, aber keine Fusstouren im Gebirge empfehlen wird. Der Fehler der meisten Therapeuten,welche mit dem thera- peutischen Mittel „körperliche Anstrengung“ operiren, be- steht nun darin, dass sie diesen Unterschied nicht berück- sichtigen. Da wird z. B. einem fetten Bankier Säbelfechten und einem mageren Stubenhocker Bergsteigen empfohlen als körperliche Anstrengung. Ich erinnere mich in Wien einen fetten Bankier gekannt zu haben, dem sein Arzt „Säbelfechten“ empfohlen hatte zum Magerwerden. Obschon derselbe täglich von seinem Feclit- lehrer, dem für jedes abgesäbelte Pfund Körpergewicht ein Extrahonorar von 50 Gulden versprochen war, lege artis mehrere Stunden malträtirt wurde, bis die Stelle, auf der er stand, von Schweiss gezeichnet war, wurde Patient immer schwerer. Er ass eben jetzt mehr und schlief besser und der einzige Unterschied war, dass er ausser seinem Fett noch Muskeln bekam. Dahingegen habe ich oft Stubenhocker ge- sehen, denen Bergtouren empfohlen waren, und die nur noch atrophischer heimkehrten. Welche Art von „körperlichen Bewegungen“ sind nun den Pollutionisten zu empfehlen? Offenbar diejenigen, bei denen die Ermüdung möglichst gross, der Stoffverbrauch aber möglichst klein ist. Der Pollutionist hat nicht zu viel Stoff zu verlieren, aber fer soll ermüdet werden. Man wird also Turnen, militärischen Drill, Säbelfechten etc. empfehlen, nicht aber Dauermärsche. Es ist dieses nicht bloss Speculation, sondern Erfahrung. Bei Soldaten kann man die Massenbeobachtung machen, dass sie gerade nach einem erschöpfenden Manoeuvremarsche des 150 Nachts eine Pollution zu bekommen pflegen. Und dabei sind Soldaten regulär nicht Neurastheniker. § 78. Fortsetzung. Nahrungsmittel. Es ist von vielen Aerzten gegen Pollutionen sclimale Kost, besonders eiweissanne Nahrung vorgeschlagen worden. Der Gedankengang ist dabei der, dass Pollutionen in Folge einer übermässigen Production von Sperma, und diese Ueber- production in Folge zu reichlicher Nahrung entsteht. Diese Voraussetzung ist durchaus irrig. Pollutionen ent- stehen nicht dadurch, dass zu viel Sperma producirt wird, sondern dadurch, dass dasselbe nicht in seinem Depot be- halten werden kann. Pollutionen sind nicht sowohl die Ur- sache, wie die Folge von Schwäche. Es geht mit Pollutionen ähnlich wie mit spontanen Blu- tungen. Eine Blutung ist nicht die Folge von Ueberproduc- tion von Blut, von Vollblütigkeit, obschon die Bluter dieses gerne so darstellen, sondern von Zerreissbarkeit der Gefässe. Auch Blutungen sind kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Diese Theorie der therapeutischen Schwächung ist zu be- seitigen. Die richtige Kost des Neurasthenikers ergiebt sich aus folgender Ueberlegung. Die Schwierigkeit, das Sperma in sich zu halten, hängt ab von der übermässigen Reizbarkeit des Nervensystems. Wenn Jemand dadurch, dass er etwa an seine Geliebte denkt, oder dadurch, dass Rectum und Blase auf seine Vesicula drücken, schon einen Orgasmus mit Emission auslöst, dessen Nervensystem ist offenbar zu leicht reizbar. Es muss daher diejenige Nahrung gegeben werden, welche die Reiz- barkeit des Nervensystems herabsetzt. Schmale Kost erhöht nun die Reizbarkeit des Nervensystems. Um durch schmale Kost die Reizbarkeit herabzusetzen, müsste man dieselbe bis zum Verhungern fortsetzen. Erst dann nimmt die Reizbarkeit bei schmaler Kost ab. Es muss also reichliche Kost gegeben werden, und zwar besonders solche, welche die Reizbarkeit des Neurasystems herabsetzt. Als solche eignet sich beson- 151 ders fette Kost. Es müssen so viel Fette gegessen werden, wie der Magen vertragen kann. Fett ist das beste Beruhi- gungsmittel, das beste Opium für die Nerven. Daher sind fette Leute, wenn sie keine Alkoholiker sind, regulär wenig reizbar. Dieses hängt vielleicht damit zusammen, dass die Markscheiden, die directen Schutzscheiden für die Axen- cylinder, aus Fett bestehen. Sind diese Schutzscheiden schlecht entwickelt, so ist der Axencylinder leichter Injurien ausgesetzt und folglich reizbarer, während er bei gemästeter Fetthülle nicht so leicht beunruhigt werden kann. Natürlich sind diejenigen Fette vorzuziehen, die am leich- testen resorbirbar sind. Daher ist Leberthran ein so vor- zügliches Mittel für das Nervensystem, weil es das am leich- testen resorbirbare Fett ist, was wohl die Folge ist der in demselben enthaltenen freien Fettsäuren, welche die schnelle Emulsionirung ermöglichen. Leider erzeugen eben diese Fett- säuren einen so üblen Geschmack, dass die Mehrzahl der Menschen dieses Fett in Folge von Ekelgefühlen nicht ver- tragen kann. § 79. Fortsetzung. Geimssmittel. Was die Genussmittel angellt, so ist die eiste Frage die in Betreff der Alcoholica. Alcoholica sind absolut zu verbieten, und zwar aus folgendem Grund : Alkohol ist sicher eine der am stärksten reizenden Sub- stanzen für das uropoetische System. Der Alkoholiker, auch der massige, muss dreimal und viermal so oft uriniren, wie der Abstainer. Der nicht Alkohol trinkende Mann urinirt etwa alle 6 Stunden, d. i. 4 mal in 24 Stunden, der Alkoholtrinker muss 12 mal und öfter in 24 Stunden uriniren. Ich setze hier- bei Abwesenheit einer Blasenkrankheit voraus. Der Alkohol wirkt stärker urintreibend, wie Kaffee, Thee, Pfeffer und andere sog. Diuretica. Man kann hierüber leicht durch Massenbeobachtungen Auskunft erhalten, wenn man das Alcoholtrinken in einer Nation vergleicht mit ihren Vorrichtungen zum Uriniren. In 152 dem continentalen Europa trinkt jeder Mensch bei jeder Mahlzeit, der eine massig, der andere unmässig; in der eng- lischen Welt dagegen giebt es Säufer und Abstainer. Ich denke hier nicht an Totalabstainer, sondern an diejenigen, welche regulär bei ihren Mahlzeiten nicht trinken, ohne aber bei festlichen Gelegenheiten, die sich höchstens alle paar Wochen einmal wiederholen, einen mässigen Schluck zu ver- schmähen. Wenn man in einem englisch sprechenden Lande in eine Wirtlischaft geht, wird man immer zuerst gefragt: „Was essen Sie ?“ Auf dem europäischen Continent wird man vom Kellner immer zuerst gefragt: „Was trinken Sie ?“ und wenn man sagt: „Nichts,“ so wird man zunächst nie ver- standen. Eine solche Originalität übersteigt die Grenze des Verständnisses eines schon intelligenteren Wirthes. Wird man schliesslich verstanden, so wird man verächtlich ange- sehen, und zwar nicht nur vom dem Wirth, sondern auch von den Gästen. Hinter dem Entschluss ein Glass Wasser zu trinken muss nach Ansicht eines continentalen Europäers immer etwas Geheimnissvolles stecken. Bekanntlich sind nun in der englischen Welt die Vorrich- tungen zum Uriniren in den Städten ganz erschrecklich mangelhaft. In New York z. B., einer Stadt von vielen Milli- onen, giebt es im Ganzen etwa sechs Vespasiennes, und diese enthalten höchstens 4 Plätze und dabei sind sie meistens leer. In Paris und Born und in anderen Städten des europäischen Continentes findet man an jeder Strassenecke ein Dutzend Plätze zu diesem Zwecke. Wer in New York uriniren will, muss in einen Biersalon gehen und entweder ein Glas Bier trinken oder den Kneipwirth um die gütige Erlaubniss eines Gratisurinirens bitten. Aehnlich ist es in allen englisch redenden Ländern. Es ist hierbei zu berücksichtigen, dass die nicht alkohol- trinkenden Engländer und Amerikaner viel mehr Kaffee, Thee und Pfeffer, also Substanzen die von den Pharmakopoen unter die Diuretica aufgeführt werden, consumiren, wie die con- tinentalen Europäer. Dieser Mangel an Vespasiennes fällt allen continentalen Reisenden, die gewohnt sind, zu jeder Mahlzeit ihren obli- 153 gaten Schoppen zu trinken, immer höchst unangenehm auf. Sie schieben diesen Mangel auf Prüderie. Das ist nicht ganz richtig. Weil diese Leute keinen Alkohol trinken, können sie sich den Luxus dieser Prüderie gestatten. In einem Lande, wo zu allen Mahlzeiten, wenn auch massig, Alkohol getrunken wird, würde die grösste Prüderie von dem Drang zu uriniren überwunden werden. Die Medulle siegt immer über die Rinde. Alkohol ist also sicher ein harntreibendes Mittel par excellence. Nun sind alle harntreibenden Mittel zugleich Aplirodi- siaca. Daher sind z. B. Canthariden ein Aphrodisiacum. Uriniren ist daher oft das beste Mittel venerische Erregungen zu verscheuchen. Worin der Mechanismus liegt, ist nicht recht klar. Zum Theil lässt er sich allerdings durch den Druck der gefüllten Harnblase auf die vesicula seminalia erklären. Es ist be- kannt, dass eine gefüllte Harnblase aphrodisisch erregend wirkt, woher sich die Erectionen des Morgens vor dem ersten Uriniren erklären, welche Erectionen von Greisen oft miss- deutet werden und zu thörichten Ehen Veranlassung geben. Als Ludwig XV. in seinem Alter seinen Leibarzt frug, ob er seine Morgenerectionen zum Coitus fructificiren dürfe, er- klärte ihm sein Arzt, es sei besser zu uriniren, wie zu coitiren. Diese Erectionen kommen indessen auch ohne venerische Erregungen vor, z. B. bei Greisen und Kindern. Es scheint, dass die gefüllte Harnblase das Erectionscentrum auch direct ohne Vermittelung des Libido empfindenden Centrums erregt. Es ist nun allerdings richtig, dass der Alkohol keine eigentliche Entzündung erzeugt. Alkoholiker sind z. B. nicht sehr oft Nephritiker. Die Störungen scheinen mehr func- tionell zu sein. Aber diese Reizungen sind genügend stark, um das venerische Nervensystem zu erregen und Pollutionen zu erzeugen. Man wird vielleicht einwenden, dass der Alkohol impotent macht und also Pollutionen verhindere. Der Alkohol macht impotent durch Verfettung der Hoden. Der Alkohol- trinker wird ceteris paribus immer von einer geringeren 154 Stärke sein wie der Wassertrinker. Aber Pollutionen sind eben kein Zeichen von Stärke. Um mit Alkohol Pollutionen zu beseitigen, müsste man denselben bis zum Uebermass geben, also entweder bis zur sinnlosen Trunkenheit, oder jahrelang in grossen Dosen bis zur absoluten Verfettung der Testikel. Natürlich ist dieses keine Therapie. Da wäre es noch ratio- neller die Castration vorzunehmen, wie Tertullian, der sich damit von Pollutionen befreien wollte. § SO. Fortsetzung. Vita sexualis. Es entstellt jetzt die Frage, wie die vita sexualis des Neurasthenikers regulirt werden soll? Ist Coitus zu verbieten, zu gestatten oder gar zu empfehlen, und mit welchen Modali- täten in Bezug auf Frequenz, Dauer und Intensität? Ist ferner Erotik, also harmloser Flirt, Tanzstunden, Theater etc. zu verbieten oder zu gestatten? Bevor ich diese Frage in Angriff nehme, muss ich mir einen kleinen Excurs erlauben. Der Arzt, der einem Patienten den Batli ertheilt, dieses oder jenes zu thun oder zu lassen, ist nicht bloss als technisch- hygienischer Experte zu betrachten. Der Gelehrte, der ein Buch über eine bestimmte circumscripte hygienische Frage schreibt, ist bloss Specialbeirath, der Arzt der einen Batli er- theilt, ist mehr; er ist Beiratli nicht bloss in Sachen der Gesundheit, sondern des Lebens. Der Arzt soll nicht bloss nach hygienischen, sondern auch nach ökonomischen und allgemein ethischen Gesichtspunkten urtheilen. Allerdings hat er vornehmlich die Pflicht, sich nach hygienischen Ge- sichtspunkten zu richten, aber er darf die übrigen wenigstens nicht in gröblicher Weise verletzen. Dieses vorausgesetzt, ist es mir unklar, wie es Aerzte geben kann, die einem Patienten zu einem Coitus ratlien, wenn derselbe nicht in legitimer Weise celebrirt werden kann. Wie wenn Patient durch einen solchen Coitus Lues oder Gonorrhoe acquirirt? Wie wenn dadurch ein Mädchen oder eine Frau ruinirt wird? Wie wenn ein Kind einem solchen Coitus entspringt? Dessgleichen betrachte ich es als un- 155 berechtigt, wenn ein Arzt in einer Ehe dem einen Tlieil den Coitus verbietet lediglich aus hygienischen Gründen ohne Berücksichtigung der etwaigen ausserliygieiiisclien Umstände. Das heisst den anderen Theil zur Untreue verleiten. Ein Arzt soll sich doch immer fragen, ob das hygienische Interesse diese Gefahr wirklich aufwiegt. Nachdem ich hiermit diese ethischen Bedenken genügend betont habe, mache ich darauf aufmerksam, dass er dennoch wissenschaftlich berechtigt ist, die Frage nach dem Zusam- menhang zwischen Therapie der Neurasthenie und vita sexua- lis aufzuwerfen, losgelöst von ihren ökonomischen und ethi- schen Zusammenhängen. Es kann ja doch sein, dass ein Neu- rastheniker verheirathet ist und folglich zu legitimen Coliabi- tationen berechtigt ist, es kann sein, dass er etwa bei grösserer Jugend der Frau dazu ethisch verpflichtet ist, es kann sein, dass er die Absicht hat, sich zu verheirathen. In all diesen und vielen anderen Fällen hat der Arzt Bathschläge zu ertliei- len, die voraussetzen, dass er die isolirte hygienische Frage richtig beantwortet hat. Es ist unzweifelhaft, dass ein in Bezug auf Frequenz, Dauer und Intensität normaler Verkehr für die Therapie der Neurasthenie sehr förderlich ist, während auf der anderen Seite ein in diesen Beziehungen antihygienischer Verkehr höchst schädlich wirkt. Ein Bordellcoitus z. B. wird also regulär schädlich sein. Es ist also abgesehen vom ethischen Bedenken schon hygienisch falsch, wenn man Neurastheniker in ein Bordell schickt, wie manche Collegen thun. Dess- gleichen ist jeder andere reizlose Coitus für den Neuras- theniker schädlich. Wer etwa schnöden Gewinnes halber eine Megäre lieirathet, um damit zugleich seine Neurasthenie los zu werden, wird dieselbe nur vergrössern. Ein Coitus bei gegenseitiger Sympathie würde allerdings für den Neurasthe- niker hygienisch sein. Leider lässt sich dieses Mittel nicht ohne weiteres in der Apotheke verschreiben, und oft überhaupt nicht ausführen. Für diese Fälle muss ich betonen, dass die Kur auch bei totaler Abstinenz möglich ist. Das Schlafen in Absätzen macht den therapeutischen Coitus überflüssig. 156 Es erübrigt noch, dass wir die Frage nach der Regelung der Erotik beantworten. Im Allgemeinen pflegt man Neurasthenikern die Erotik i. e. Tanzstunden, Romanlesen, Liebesbriefeschreiben etc. zu verbieten. Alles dieses, wofür der Name ,,geistige Onanie“ erfunden worden ist, soll die venerischen Centren erregen und Pollutionen befördern. Diese Dinge werden sogar als viel schädlicher betrachtet, wie Excesse in coitu und selbst wie körperliche Onanie. Dieses Verbot ist tlieils richtig, theils falsch. Wir müssen hier eine Unterscheidung machen. Es ist etwas Anderes, die Erotik errege n und sie befriedigen. Wer einen Roman liest, erregt, wer einen Roman erlebt, befriedigt die Erotik. Eine unerwiderte Liebe erregt, eine erwiderte befriedigt die Erotik. Es ist nun richtig, dass die blosse Erregung der Erotik für Neurasthenie sehr schädlich wirkt. Die befriedigte wirkt aber entschieden günstig. Wie der Magen periodischer Sätti- gung bedarf, so auch die Phantasie. Sättigt man die Phan- tasie nicht bei Tage in der Wache, so sättigt sie sich selber des Nachts im Traume. Wer bei Tage absichtlich jeden ero- tischen Gedanken verscheucht und nur an die ernstesten Dinge denkt, z. B. an Integralien, wird viel wahrscheinlicher einen Roman träumen, wie derjenige, der etwa bei Tage einen Liebes- brief von der gebührlichen Länge erhalten. Ein anständiger Flirt, eine Tanzstunde, eine harmlose Correspondenz u. dgl. Dinge sind also keineswegs zu verbieten; es ist nicht nötliig, sie ausdrücklich zu gestatten, aber man soll dabei durch die Finger sehen. Unter dieser Voraussetzung sind selbst das Romanlesen und andere Erregungen der Phantasie weniger schädlich, viel- leicht selbst ganz unschuldig, da der Leser sich dann in die Rolle des Helden selbst hineinversetzen kann. Die befriedigte Erotik wirkt hier ähnlich dem Blitzableiter. Allerdings muss ein solcher Flirt die Phantasie genügend befriedigen können. Wird z. B. eine Annäherung garnicht erwiedert, so wird die Sache damit freilich verschlimmert. Ein Neurastheniker, der sonst wenig Anziehendes oder gar vieles 157 Abstossendes hat, ist also schlimm daran. Diesem kann man nur den Rath Goethes geben : Ihr müsst die Hoffnung nicht an die Jüngste setzen, Die Ausgejahrten wissen Euch zu schätzen. Ich betrachte es also für einen therapeutischen Fehler, wenn Neurasthenikern, wie dieses von spekulativen Quacks immer, von ernsten Aerzten öfters geschieht, jede Erotik strenge verboten und als erschrecklich schädlich hingestellt wird. Das ist eine der Vorschriften, die der schlaue Medicus giebt, weil er weiss, dass sie nie ganz befolgt werden. Er be- reitet damit eine Ausrede vor, wenn seine Kur nicht hilft. Es giebt ärztliche Kniffe, wie es advokatorische giebt. Der ernstere Theil der Patienten befolgt dann diesen Rath so gut es geht und kommt nur noch mehr in die Neurasthenie hinein. § 81. Beschäftigung. Was die Beschäftigung angellt, so eignet sich für den Neurastheniker am besten eine practische, nützliche Thätig- keit, bei der der Geist sich in ausgetretenen Geleisen bewegt und bei der man während der Thätigkeit den Fortgang der- selben von Stunde zu Stunde beobachten kann. Ich muss dieses etwas genauer auseinandersetzen. Ich verlange also zunächst eine Thätigkeit. Ich will damit das Faullenzen ausschliessen. Wer faullenzt, und nur für seine Gesundheit lebt, wird zuviel an seine Gesundheit denken und die Gefahr laufen Hypochonder zu werden. Ich verlange ferner eine practisch nützliche Thä- tigkeit. Meine Idee ist dabei die, eine Beschäftigung zu empfehlen, welche das Gefühl der moralischen Befriedigung, die Pflichterfüllung erzeugt. Es ist hierbei auf die Psychologie des Individuums Rück- sicht zu nehmen. Die Mehrzahl der Menschen glaubt, die Nützlichkeit ihrer Thätigkeit sei proportional dem Ertrage derselben. AVer mit einer Arbeit viel erworben hat, glaubt nützlich, wer nichts erworben hat, glaubt unnütz gearbeitet zu haben. Selbst der Börsenspekulant hält seine Thätigkeit, 158 wenn er glücklich spekulirt liat, für nützlich und hat daraufhin ein befriedigtes Pflichtgefühl. Ich habe nun nichts dagegen, dass man diese Leute über ihre irrige Ethik aufklärt; so lange man dieses aber nicht thut, muss die Therapie diesen Vorstellungen Rechnung tragen. Ich will mit dieser Vorschrift die Meinung, der aus- schliessliche Sport, die strenua inertia, sei besonders gesund, angreifen. Ein wenig Sport täglich, z. B. etwas Fechten, Turnen, Rudern, Velocipedfahren, Reiten etc. ist ja sicher sehr gut für jeden Menschen. Aber nichts ist öder und selbst unzuträglicher, wie ein Leben, welches in solchen Dingen aufgeht. Ich muss hierin Prof. H a m m o n d widersprechen, der den Sport als Tagesbeschäftigung speziell für Neurastheniker empfiehlt. Ham m o n d will beobachtet haben, dass der planmässig betriebene Sport eine physiologische Frigidität erzeuge. Er will sein Leben lang viel mit Amateurathleten verkehrt und gefunden haben, dass die Mitglieder solcher athletischer Clubs, die den Tag über stramme gymnastische Uebungen gemacht, obsclion sie sich aus den kräftigsten Män- nern recrutiren, des Abends Schlaf haben und nicht an Frauen und ähnliche Dinge denken. H a m m o n d will aus grosser persönlicher Erfahrung sprechen. Ich muss hierauf erwidern, zunächst, dass H a m m o n d sich sicherlich in einer Täuschung befindet, wenn er glaubt, jemals den Sport als Lebenszweck betrieben zu haben, sonst hätte er nicht ein so guter Neurologe werden können. Sodann ist zu berücksichtigen, dass Engländer und Ame- rikaner über Sport eine andere Ansicht haben, wie andere Rassen, z. B. europäische Continentalen. Der Anglo-Saclise glaubt, der Sport sei etwas öffentlich nützliches. Der Niclits- wie-Sportsmann gilt auf dem Continent als Parasit und steht im allgemeinen, abgesehen von seinen Collegen, in keiner grossen Ehre. Bei den Anglo-Saxonen gilt er keineswegs als Parasit. Auch die Handwerker und Arbeiter betrachten den Sport in diesem Sinne. Wenn bei Anglo-Saxonen irgendwie ein Preis-Laufen, -Ringen, -Fechten, -Segeln, -Rudern, -Velociped- fahren, -Boxen, -Reiten, -Fahren, -Turnen, -Ballspielen etc., 159 stattfindet, so pilgern immer ebensoviele Tausende hin, wie auf dem Continente Dutzende. Diejenigen, die nicht hinaus zum Kampf pilgern können, versammeln sich dort, wo per Telephon die Chancen des Kampfes von Minute zu Minute hindepeschirt werden. Es ist possirlich zu sehen, mit welchem ungeheuchel- ten Interesse dort Schaaren von Kleinbürgern und Proletariern den Mittheilungen folgen, dass etwa der X aus Y jetzt um drei Nasenlängen beim Velocipedfaliren dem Z aus U voraus ist, während er in einigen Minuten etwa nur noch zwei Nasenlän- gen voraus ist u. dgl. mehr. Der Anglo-Sachse hat beim Sport ein befriedigtes Pflichtgefühl, der Continentale nicht. Diese veränderte Psychologie ist es, die den verschiedenen thera- peutischen Werth des Sports erklärt. Hierin mag auch wohl der Grund dafür liegen, dass die Anglo-Saxonisclien Sportsleute, wie Hammond sagt, des Abends sich müde in’s Bett legen und an keine Weiber denken, während die continentalen Sportsleute, um die Oede ihres Daseins zu füllen, in Bacclio et Venere zu excediren pflegen. Erstere haben eben ein gutes Gewissen und letztere haben dieses nicht. Ich verlange ferner eine Thätigkeit, bei der der Geist sich in ausgetretenen Bahnen bewegt. Ich will damit nicht dasjenige verbieten, was man gewöhnlich mit Hecht oder Unrecht „geistige“ Thätigkeit nennt. Was ist geistige und was ist körperliche Beschäftigung? Die Thätigkeit eines Chirurgen, der etwa Verbände anlegt, gilt als geistige Thätigkeit, jeder Chirurg würde sich gekränkt fühlen, wenn man etwa diese Thätigkeit als bloss körperliche bezeichnen wollte. Die Thätigkeit eines Kunstschusters da- gegen gilt als mechanisch körperliche. Man würde jeden Schuster des Grössenwahnes zeihen, der seine Thätigkeit als geistige hinstellen wollte. Und doch ist es unendlich schwerer einen schlechten Schuh, wie einen guten Verband zu machen. Das letztere lernt sich in zwei Stunden ; wenigstens lernten zu meiner Zeit die durchschnittlichen Wiener Aerzte ihre zum Doctorexamen ausreichende Verbandlehre in einem zweistündigen Curs, den der Diener von Billroth hielt. Um einen Schuh zu 160 machen muss der Klügste aber mindestens ein paar Monate und länger lernen. Diese Arten von geistiger Beschäftigung will ich nicht verbieten, sondern nur diejenigen, bei denen der Geist sich in neuen Bahnen bewegen muss. Mit anderen Worten, das Studiren, also das Lesen von neuen Büchern, die Be- schäftigung mit neuen Materien, ist verboten. Dieses Verbot hängt damit zusammen, dass Pollutionen zunächst die geistige Kraft lange vor den körperlichen Kräften angreifen, wenn auch diese Verschlechterung nur functionell ist und bald vorübergeht. Während des Pollutionismus sind die geistigen Fähigkeiten stark herabgesetzt. Nichts ist nun anstrengender, wrie bei herabgesetzten Fähigkeiten eines Organes mit diesem Organ arbeiten zu Avollen. Es kommt auch bei solchen Ver- suchen nichts heraus. Das Denken in ausgetretenen Bahnen ist nun nichts den Geist sonderlich anstrengendes ; geistig anstrengend ist nur das Denken in neuen Bahnen. Hier wird bei geschwächtem Gehirn jede Anstrengung sofort zur Ueberanstrengung. • Ich verlange ferner eine Thätigkeit, bei der man den Fort- gang von Stunde zu Stunde beobachten kann. Ich will also bei Neurasthenikern keine Beschäftigung sehen, bei der der Fortgang sich erst nach Jahren zeigt. Beim Schuster z. B. zeigt sich der Fortgang von Stunde zu Stunde, beim Gelehrten aber erst nach Jahren. Ich will das Gefühl erregt sehen, dass man eine Thätigkeit hat, die nicht nur im allgemeinen nützlich ist, sondern auch eine solche, der man persönlich gewachsen ist. § 82. Kälte und Abhärtung. Eine grosse Rolle in der Therapie der Neurasthenie spielt die Kälte. Es werden kalte Bäder, besonders kalte Sitz- bäder, ein kühles Lager u. dgl. vorgeschrieben. Was ist davon zu halten? Richtig angewendet ist Kälte sehr gut, unrichtig angewendet aber sehr nachtheilig. Um ausein- anderzusetzen, was ich hierunter verstehe, muss ich einiges Allgemeines vorausschicken. 161 Kälte wirkt im allgemeinen in zweifacher Weise : Wärme entziehend, diese Wirkung wird z. B. bei Fieber benützt, und allgemein abhärtend und stärkend. Worin liegt der Unter- schied ? Liegt etwa die Abhärtung und Stärkung in der Wärmeentziehung ? Einige falsche Vorstellungen veranlassen mich den Begriff der Abhärtung etwas näher zu beleuchten. Unter Abhärtung versteht man die Fähigkeit, äussere schädliche Einflüsse, z. B. Hitze, Kälte, Nässe, Strapazen, Hunger etc. ohne Schaden ertragen zu können. Her Gegen- satz hierzu ist die Verweichlichung. Alles dasjenige härtet nun ab, welches die Fähigkeit hierzu vergrössert; wras die Fähigkeit hierzu verkleinert, verweichlicht. Die fehlerhaften Vorstellungen fangen nun an, wenn man fragt, was denn diese Fähigkeit vergrössert, und was sie ver- kleinert ? Da hat man die allgemeine Formel bei der Hand: „Angewöhnung vergrössert, Abgewöhnung verkleinert die- selbe.“ Sich einer Schädlichkeit aussetzen soll sich für diese Schädlichkeit abhärten, sie fliehen, soll sich gegen dieselbe verweichlichen sein. Diese Vorstellung ist tlieils wahr, tlieils falsch. Dass sie theils wahr ist, brauche ich nicht weiter auseinanderzusetzen; ich will aber zeigen, worin sie falsch ist. Nehmen wir z. B. die Abhärtung gegen Kälte und Hitze. Dieselbe besteht keineswegs darin, dass man den Körper befähigt, veränderte Körpertemperaturen auszuhalten. Die Abhärtung gegen Temperatur ist nicht als Poikilothermie aufzufassen. Gegen Verände- rungen der Körpertemperatur, seien sie allgemein oder auch nur lokal, kann man den Menschen nicht abhärten. Nach unseren jetzigen Vorstellungen hängen die schädlichen Einflüsse veränderter Körpertemperaturen, sog. „Erkältungen“ oder „Erhitzungen“ damit zusammen, dass durch diese Veränderungen Bestandtheile des Blutes, welche die Fähigkeit haben, pathogene Organismen zu vernichten, sog. „Alexine“ zerstört werden. Durch Experimente ist fest- gestellt, dass durch Temperaturveränderungen das Blut aus einem sehr schlechten zu einem sehr guten Nährboden für pathogene Organismen werden kann. Hiermit ist der Begriff 162 der „Erkältung“ den die Laien nie haben aufgeben wollen, obschon die gelehrte Medizin ihn so oft hat über Bord werfen wollen, wieder als legitim in die Wissenschaft eingeführt. Hiergegen kann sich der Mensch nicht abliärten, er müsste denn den Chemismus des Blutes ändern. Die Ab- härtung gegen Kälte und Hitze besteht im Ge ge nt liei 1 darin, den Körper besser zu be- fähigen, die normale Bluttemperatur zu con- serviren. Dieses geschieht bei der Kälte zum grössten Tlieile dadurch, dass die Irritabilität des Hautsympathicus vergrössert wird. Derjenige ist ceteris paribus gegen Kälte am besten abgehärtet, dessen Hautcapillaren sich bei Kältereizen am schnellsten, intensivsten und am dauerhaftesten contraliiren, so dass damit dem Eindringen der Kälte am besten Wider- stand geleistet wird. Sie besteht ferner wahrscheinlich darin, dass das Wärmeproductionscentrum reizbarer gemacht wird. Derjenige ist ceteris paribus gegen Kälte am besten abgehärtet, der im Stande ist, in der Zeiteinheit die grösste Menge von Material zu verbrennen. Aelinlich ist der Mechanismus bei der Abhärtung gegen Wärme. Auch hier besteht die Abhärtung in Vergrösserung der Irritabilität des Hautsympaticus und des Wärmeproduc- tionscentrums. Derjenige ist am besten gegen Wärme ab- gehärtet, der im Stande ist in der Zeiteinheit die geringste Menge von Material zu verbrennen, und dessen Hauptcapillaren sich am längsten und intensivsten erweitern können, wodurch am meisten Wärme theils durch Leitung, theils durch pro- fusere Schweissbildung und Verdunstung verloren gellt. Diese Irritabilität des Sympathicus und des Wärme- centrums wird nun sicherlich durch Einwirkungen von Kälte- und Wärmereizen vergrössert. Alle reflectorisclien Vorgänge gehen um so prompter von Statten, je öfter sie von Statten gehen. Die gleichzeitige Entziehung oder Zuführung der Wärme hat damit nichts zu schaffen. Wer täglich 2 Mal eine Minute lang kalt oder warm badet, härtet sich mehr ab, wie derjenige, der 1 Mal eine Stunde lang kalt oder warm badet. Wer hintereinander heiss und kalt badet, wie z. B. in russi- 163 sehen oder türkischen Bädern, härtet sich gegen alle Tem- peraturen ah. Die Irritabilität des Nervensystems hat nun aber ein Maximum. Sobald dieses Maximum erreicht ist, ist das Maximum der Abhärtung erreicht. Man kann nun aber auch durch planlose Temperaturein- wirkungen die Irritabilität des Nervensystems herabsetzen. Dieses geschieht z. B. bei zu starken Einwirkungen. Sobald die Temperatur des Körpers wirklich herabgesetzt oder erhöht wird, sinkt die Irritabilität des Nervensystems. Zu starke und lange Kälteeinwirkungen verweichlichen also ebenso, wie zu starke und zu lange Wärmeeinwirkungen. Aehnlich geht es mit allen anderen Schädlichkeiten. In ungeeigneter Weise angewandt härten sie nicht ab, sondern verweichlichen. Insofern kann man den paradoxen Satz aussprechen, dass die Verweichlichung die beste Abhärtung und die Abhärtung die grösste Verweichlichung ist. Die wärmeentziehende Wirkung der Kälte ist also eine directe, die stärkende und abhärtende eine reflectorische; die wärmeentziehende ist eine physikalische, die abhärtende eine physiologische. Man kann auch todten Körpern Wärme ent- ziehen, aber man kann todte Körper nicht gegen Kälte abhärten. Ob die directen Wirkungen der Kälte, die Wärmeent- ziehung überhaupt auf die vita venerea, speciell auf Neuras- thenie, weiter einwirken, scheint mir zweifelhaft zu sein. Man spricht zwar von H e i s s blütigkeit etc.; das scheint mir aber poetische Physiologie zu sein. Sicher wirken aber die indirecten und zwar ebensowohl die der Wärme, wie die der Kälte, in dieser liiclitung weiter. Es empfehlen sich also häufige, aber kurz andauernde Einwir- kungen extremerer Temperaturen, nicht aber protraliirte par force Bäder in kaltem oder heissem Wasser. Das kühle Lager scheint mir dagegen keinen Sinn zu haben, da dieses nicht reflectorisch, sondern wärmeentziehend wirkt. Diese Therapie ist den Vorstellungen der Poeten entnommen. 164 § 85. Reinigung der Genitalien. Bei vielen Knaben hängt der Pollutionismus damit zusam- men, dass die Genitalien nie oder lange nicht genügend oft gereinigt werden. In Folge dessen entstehen juckende Sensa- tionen in den Genitalien, welche mit oder ohne Onanie zu Pol- lutionen führen. Insbesondere ist es die Glans, die zu selten gereinigt wird. Bei sehr vielen Knaben ist die Vorhaut so eng, dass sie sich spontan garnicht über die Glans zurückziehen lässt. Wird sie nicht mit Gewalt darüber gezogen, so setzt sich hier Smegma oft in ungeheuren Quantitäten an. Es giebt Männer von 20 und mehr Jahren, die nie ihre Glans gewaschen haben ! Es ist zu verwundern, dass die hieraus entstehenden Reizzustände nicht grösser sind. Vom frühesten Alter an sollten Knaben täglich ihr Pre- putium abziehen und ihre Glans -waschen. Wenn solches in der Kindheit beginnt, ist keine Gefahr vorhanden, dass daraus onanistische Manipulationen hervorgehen. Für diesen speciellen Zweck der Reinlichkeit mag das Sitzbad sich als nützlich erweisen. § 84. Medicamente. Es giebt wenig Medicamente, welche hier von Nutzen sind. Seit Jahrtausenden haben sich die Menschen bemüht ein Aphrodisiacum zu finden, zum Glück ohne Erfolg. Hätten sie den aliquoten Tlieil dieser Mühe darauf verwendet, ein Anaplirodisiacum zu finden, hätten sie vielleicht etwas mehr erreicht, wie jetzt. In einigem Ansehen stehen Camplier, Lupulin, Morphium und Brom. Die beiden ersten nützen nach meinen Beobachtungen garnichts, das dritte ist zu ge- fährlich. Etwas wirksamer und doch wenig gefährlich scheint das Brom zu sein, nur muss es in nicht zu kleinen Dosen und längere Zeit gegeben werden. § 85. Mechanotherapie. Es sind gegen Pollutionismus auch mechanische Mass- nahmen verschiedener Art empfohlen worden. Es ist z. B. 165 vorgeschlagen, dem Patienten eine Kugel auf den Bücken zu binden, um das Liegen auf dem Bücken zu vermeiden. Dieses Mittel schadet nichts, ob es viel nützt, lasse ich dahingestellt. Es verhindert nur die totale Bückenlage, nicht aber die Lage in einem Winkel von auch nur 20 Grad. Diese Lage ist aber für Pollutionen ebenso günstig, wie die totale Bückenlage. Man hat ferner Klemmschrauben für den Penis vor- geschlagen. Dieselben sind so eingerichtet, dass der Penis, wenn er anschwillt, in verschiedenartiger Weise injurirt wird und so das Erwachen ante pollutionem befördert. Dieses Mittel ist nur theoretisch von Werth; practiscli ist es schädlich. Zunächst weil es beständige Sensationen des Penis erregt, die zwar nicht libidinöser Art sind, die aber den Geist beständig an die zu befürchtende Pollution erinnern und die Gefahr der- selben damit vergrössern. Das Aufwecken geschieht nach kurzer Zeit nicht mehr zeitig, sondern erst im Momente des Orgasmus. Es scheint, dass die Erection ziemlich plötzlich von Statten geht. § 86. Psychotherapie. Ein nicht zu unterschätzender Theil der Therapie ist die Psychotherapie. Man kläre den Patienten darüber auf, dass sein Leiden kein organisches ist, dass es, einmal geheilt, keine dauernden bösen Folgen hinterlässt und dass das Leiden leicht und sicher heilbar ist. Es ist durchaus zu verwerfen, Patienten die Grösse ihres Leidens zu übertreiben und allerhand Befürchtungen in ihnen zu erregen. Die Wahrscheinlichkeit, eine Pollution zu be- kommen, ist um so grösser, je grösser die Furcht davor ist. Diese Furcht erzeugt viel eher Pollutionen, wie z. B. lascive Vorstellungen. Daher laboriren oft gerade die tugendhafte- sten Jünglinge an Pollutionen. Ist der Pollutionismus die Folge der Onanie, so hüte man sich, die Folge der Onanie zu übertreiben, ohne sie ganz zu negiren. Man nehme indessen nur da einen Causalnexus hier an, wo die Onanie eine excessive war; bei mässiger Onanie ist kein Causalnexus an- zunehmen, da Pollutionismus auch ohne jede Onanie und massige Onanie oliue Pollutionismus vorkommt. Bei bloss massiger Onanie ist es gut, den Patienten über den fehlenden Causalnexus aufzuklären. Ist keine Onanie naclizuweisen, so hüte man sich, dem Patienten zu verstehen zu geben, dass man ihm nicht glaube, da Pollutionismus immer die Folge von Onanie sei. Man kann damit manchem Patienten Unrecht thun und sein Vertrauen verscherzen. In Betreff der Onanie muss ich noch eine Bemerkung machen. Wie gross die Zahl der Onanisten ist, und wie lange und wie stark Onanie betrieben wurde, entzieht sich der genaueren Schätzung. Sicher aber ist, dass die Zahl der Knaben, die mutuell onaniren, zu zweien, zu dreien, oder zu noch mehreren, gewissermassen vor versammeltem Kriegs- volke, sehr gross ist. Rein physiologisch mag zwischen heim- licher und öffentlicher Onanie kein Unterschied sein, psycho- logisch ist der Unterschied der denkbar grösste. Letztere kann nur bei Knaben Vorkommen, deren Stolz pathologisch klein ist. Diese Art von Onanie hat nicht sowohl pathologische Folgen, sondern ist selbst die Folge eines pathologischen Zu- standes, der Stolzlosigkeit. Merkwürdigerweise kenne ich eine Anzahl von Männern in Stellungen, bei denen grösserer Stolz als nöthig angesehen wird, Offieiere und Juristen, die sich nicht scheuten als gereiftere Knaben in der Schule in meiner Gegenwart gegenseitig zu onaniren. § 86. Schluss. Das wären die einzelnen Mittel und ihr therapeutischer Werth. Sie müssen in geeigneter Weise mit einander verbun- den werden. Im Mittelpunkte der Therapie muss das „S c li 1 a f e n i n Absätzen“ stehen. Man lasse den Patien- ten im Anfänge so kurz schlafen, dass de facto keine Pollution mehr auftritt; nach einigen Tagen kann man schon länger schlafen lassen und nach längstens 2 Wochen genügt ein ein- maliges Aufstehen des Nachts. Nach dem Aufstehen soll Patient immer uriniren und eine halbe Stunde spazieren gehen, bevor er wieder einzuschlafen sucht. Er soll nicht 167 direct nach dem Uriniren wieder in’s Bett gehen. Er soll ordentlich wach gewesen sein. Mit Rücksicht auf die Leichtigkeit der Recidive muss dieses einmalige Aufstehen des Nachts aber Jahrzehnte fort- gesetzt werden. Es muss zur Lebensgewohnheit werden. Das ist nichts schreckliches. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, ist nicht mehr glücklich, wenn er nicht des Nachts einmal aufstehen kann. Hat man einen sehr schweren Fall vor sich, so kann man zugleich Brom geben. Ist der Fall nicht sehr schwer, kommt man ohne Brom und sonstige Medicamente aus. Ist Patient aber minder intelligent, so kann man, um ihn wirklich zum Aufstehen des Nachts zu veranlassen, ein Medicament, etwa Brom, in der Weise verordnen, dass man ihn zwingt, dasselbe des Nachts beim Aufstehen und Spazieren zu nehmen. Man schärfe ihm ja ein, dass das Mittel bei Tage genommen gar- nichts hilft. Unter diesen Umständen kann man dem Patienten selbst bei der schwersten Form nicht nur die Heilung in nahe Aus- sicht stellen, sondern man kann ihm sagen, dass er schon ge- heilt ist, d. h. dass Pollutionen nicht mehr häufiger auf treten werden, wie die Norm dieses verlangt, also etwa alle 7—21 Tage. Diese Versicherung allein bewirkt schon die halbe Heilung. Man verbiete ferner allen Alkohol, rathe zu practisclier Thätigkeit, sorge für Reinlichkeit der Glans, verbiete Roman- lesen, aber keine Tanzstunde, kläre über Abhärtung und Bäder auf, verbiete zu hartes Lager und Muskelarbeit mit zu viel Stoffverlust, bei Ehemännern regele man die vita venerea und man wird aus einem Unglücklichen einen normalen Men- schen gemacht haben. Ein Hausarzt soll indessen nicht warten, bis der Haus- solm zu ihm kommt und über Pollutionismus klagt. In der Regel wird der Haussohn dieses nicht thun und entweder nichts thun oder zu einem Quack gehen. Der Hausarzt soll den Vater veranlassen nachzusehen, wann der Sohn anfängt Pollutionen zu bekommen. Das ersieht man leicht an der Bettwäsche. Dann soll der Hausarzt den jungen Mann in dis- 168 creter Weise über das Nothwendige des Sexuallebens aufklären. Es ist viel besser, wenn ein junger Mann solche Aufklärungen von einem Arzt, speciell von dem Hausarzt, wie wenn er sie vom Vater oder von einem medicinischen Laien, wie vom Lehrer, Vormund, Onkel oder Seelsorger etc. erhält. Es ist ebenfalls viel besser, wie wenn er sie von älteren Mitschülern erhält. Irgend woher sucht nun doch jeder junge Mann über so räthselhafte Dinge, wie Pollutionen u. dgl. Aufklärungen zu erhalten, und da erscheint die Aufklärung Seitens des Haus- arztes als die geeignetste. Ueber die Art der Aufklärungen kann sich der Hausarzt ja vorher mit dem Vater verständigen. Ich glaube, dass hier ein noch lange nicht genügend erkanntes Wirkungsgebiet des Hausarztes liegt. § 88. Pollutionismus heim Weihe. Auch bei Frauen kommt Pollutionismus vor und es ist nötliig, auch hierüber etwas zu sagen. Während Pollutionismus beim Manne meistens Knaben betrifft, die noch nicht coitirt haben, betrifft er beim weiblichen Gesclilechte junge Mädchen sehr selten. Er tritt bei Frauen in der Regel nur dann auf, wenn ein regulärer venerischer Verkehr längere Zeit bestanden hat und dann aufhört. Die Therapie ist im wesentlichen dieselbe wie beim Manne, nur, glaube ich, müsste man die Therapie eher einer Hausärztin anvertrauen. Ich halte nicht viel von der In- telligenz meiner weiblichen Collegen, aber in der Weiber- praxis sind sie aus Gründen der höheren Ethik geeigneter, wie Männer. Ich begrüsse die Institution der weiblichen Aerzte nicht aus medicinischen, sondern aus ethischen Grün- den mit Freuden, und würde mich aus diesen selben Gründen freuen, sie in den Ländern zu sehen, in denen sie noch nicht existiren. Auch nur durch Hülfe von gebildeten Aerztinnen werden wir etwas genaueres über weibliche venerische und erotische Gemeingefühle erfahren können, da das Wissen des Mannes hier nur ein indirectes, vom Hörensagen, sein kann. 169 § 89. Weiblicher Anorgasmus. Sehr nützlich wäre es, wenn es eine erfolgreiche Therapie gegen den weiblichen Anorgasmus inclusive des Orgasmus retardatus gäbe. Es ist hier von Collegen Electricität, Be- pinseln der Genitalien mit Causticis u. dgl. vorgeschlagen, angeblich mit gutem Erfolg. Es ist aber zu bedenken, ob diese Collegen nicht von den Frauen gefoppt worden sind. Ich habe hierüber keine Erfahrungen. Vorläufig glaube ich, dass die titillatio diutior oft das einzige, wenn auch pallative, Mittel ist. Die Grösse der Libido. § 90. Dauer und Intensität. Wenn es also wahr ist, dass die Hygiene eine möglichst grosse venerische Nervenerregung verlangt, so entsteht sofort die Frage, wovon denn die Grösse dieser Erregung abhängt und wie diese Erregung zu vergrössern ist ? Ich berühre hiermit diejenige Frage, die für den practischen Arzt das grösste Interesse hat. Die Reizlosigkeit der venerischen Befriedigung ist die ergiebigste Quelle für eheliche Zerwürf- nisse, Untreue, für Neurasthenie und verwandte nervöse Zu- stände. Die Frage ist zugleich etwas heikel. Dieser Umstand war es besonders, der mich veranlasst hat, dem vorliegenden Buch einen möglichst unverfänglichen Titel zu geben, so dass ich sicher sein kann, dass wir hier unter uns Collegen sind und dass die Laienöffentlichkeit ausgeschlossen ist. Derselbe Umstand veranlasste mich, diese Frage erst zum Schluss in Angriff zu nehmen. Die Systematik hätte verlangt, dass sie schon etwas eher behandelt worden wäre. Die Grösse der venerischen Nervenerregung ist, wie schon einmal gesagt, das Product aus Dauer und Intensität. Das hygienische Problem lautet also, die Dauer zu verlängern und die Intensität zu erhöhen. Ich wiederhole ebenfalls, dass zwischen diesen Postulaten kein Widerspruch besteht, insofern nicht die Intensität der Libido, sondern die Reizlosigkeit der Cohabitation die Aus- lösung des Orgasmus beschleunigt. 170 A) Die Dauer. § 91. Die Dauer. Zu kurze Dauer ist schädlich. Ich erinnere noch einmal an das Bild mit dem Strick, der reisst, wenn man das daran be- festigte Gewicht zu schnell, ruckweise, in die Höhe ziehen will. Die Natur hat in gewissem Sinne für eine Verlängerung der Dauer schon dadurch gesorgt, dass sie den Orgasmus nur durch eine Summation der Reize sich auslösen lässt. Ein ein- maliger Reiz löst niemals einen Orgasmus aus. Bei Tliieren ist dieses oft anders. Bei Hühnern, Pferden und vielen ande- ren Thieren tritt der Orgasmus beim ersten Reiz ein. Bei vielen anderen Thieren z. B. Maikäfern bedarf es einer sich auf Tage erstreckenden Summation der Reize. Innerhalb gewisser Grenzen ist die Dauer von der Willkür abhängig. Innerhalb dieser Grenzen soll die Dauer nur im Interesse der Hygiene möglichst verlängert werden, was durch Pausen, i. e. Intervallen, in den Frictionen geschieht. Qui va piano va sano gilt auch hier. Ich mache hierauf besonders desswegen aufmerksam, weil man gelegentlich in Büchern das Gegentlieil liest, die Hygiene verlange die möglichst schnelle Auslösung des Orgasmus. Es ist dieses das ausgezeichnetste Mittel neurasthenisclie Beschwerden zu erzeugen. Insbeson- dere ist dieses beim Manne der Fall. Die Frau ist durch die in ihrer Natur liegende grössere Schwierigkeit in Auslösung des Orgasmus vor diesen Schäden in der Regel bewahrt. Solche Proceduren setzen natürlich grössere Zuneigung voraus. Bei geringerer oder mangelnder Zuneigung lassen sie sich nicht durchsetzen. Das ist einer der Gründe für die Schädlichkeit der Bordellcohabitationen. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Prostituirte die möglichst schnelle Erledigung des ihr unliebsamen Actes wünscht und dessen Beendigung entweder durch directe Aufforderung, oder in- direct durch Simulation der Fervidität zu beschleunigen sucht. Das gleiche geschieht auch oft in der Ehe, wenn der Mann der Frau unsympathisch ist, oder wenn die Frau frigide ist. In beiden Fällen wünscht sie die schnelle Erledigung des ihr 171 unsympathischen Actes. Wenn solche Frauen nun gar noch, in der Absicht, sich der Treue ihres Mannes zu versichern, denselben zu häufigeren Cohabitationen auffordern, damit ihn „der Hafer nicht steche,“ so häufen sich die Schädlichkeiten. Dasselbe kommt vor, wenn die Frau dem Manne persona minus grata ist, und er dennoch, sei es aus Leichtsinn, wie im Junggesellenthum, oder aus Zwang, wie in der Ehe, den Coitus mit ihr ausübt. Er hat dann das instinctive Bestreben den Act möglichst schnell zu beenden. Wenn man einem Mann das Glück oder das Unglück in der Ehe am Gesicht ablesen kann, so liegt einer der Gründe in den zu kurzen Cohabita- tionen der unglücklichen Ehe. Ob allerdings sich durch eine willkürliche übermässige Verzögerung des Orgasmus vielleicht dennoch hygienisch pecciren lasse, das lasse ich dahin gestellt. Darüber habe ich noch keine Beobachtungen machen können. B) Die Intensität. § 92. Orte der Auslösung der Libido. a) Haut und Schleimhaut. Wir wollen nunmehr das schwierigere Kapitel der Intensi- tät der venerischen Nervenerregung in Angriff nehmen. Diese Intensitäten sind bekanntlich verschieden. Es fragt sich, wovon sie abhängen? Die Intensität von Libido und Orgasmus wächst mit der Anzahl und mit der Dignität der Orte, von denen sie ausgelöst wird und sinkt mit der Anzahl und mit der Dignität der Orte, von denen aus sie gehemmt wird. Dieser Satz bedarf einer Erläuterung darüber, was Orte und ihre Dignität in Bezug auf Auslösung und Hemmung sind. Wir beginnen mit den Orten der Auslösung. Libido und Orgasmus werden offenbar ausgelöst zunächst von den Mucuosen der Genitalien. Dann aber von sehr vielen anderen Schleimhäuten. Die Lippen z. B. und die Zunge sind sehr intensiv libidoauslösende Organe. Daher ist das Küssen 172 zu erklären, insbesondere das osculari lingua introducta der Scholastiker. Nur ein unpractisclier Gelehrter konnte das Küssen als etwas conventioneiles, als Symbol oder gar als blossen Atavismus hinstellen. Auch Theile der Cutis gehören hierher. Beim Weibe z. B. sind die Mammae ebenfalls ein libidoauslösendes Organ; daher die Praxis der nourissons adultes. Beim Manne gehört die Cutis des Scrotums hierher. Auch die Haut der Hände bildet ein libidoauslösendes Organ, daher wohl der Handschlag und ähnliche Manipulationen zu erklären sind. Mehr oder weniger ist das Ganze der äusseren Haut und der Schleimhäute, soweit sie Pflasterepithelien haben, ein Organ der Libido. Diese verschiedene Orte sind nun aber von verschiedener venerischer Dignität. Glans und Clitoris z. B. sind in dieser Beziehung höher stehende Organe, wie die palma manus. § 93. Fortsetzung. b) Die Specialsinne. Auch die Specialsinne, Augen, Ohren etc. sind Libido auslösende Organe. Der Anblick eines schönen Individuums des anderen Geschlechtes, das Hören einer Liebeserklärung, sind bekanntlich venerisch erregend. Auch Geruch und selbst Geschmack können in diesem Sinne Avirken, wenngleich dem Geruch nur eine kleine und dem Geschmack wohl die kleinste Rolle zufällt. Bei Thieren ist dieses anders. Da spielt der Geruch oft die grösste Rolle. § 94. Fortsetzung c) Die Rinde. Aber nicht nur von der Peripherie, auch vom Centrum aus kann Libido erregt werden. Die Rinde beherbergt nicht nur das Libido empfindende Organ, sondern auch zahlreiche Libido auslösende Organe, wie man daraus ersieht, dass durch die mannigfaltigsten Gedanken venerischen Inhaltes Libido ausgelöst werden kann. 173 § 95. Orte der Hemmung der Libido. Wie es Organe giebt, von denen aus Libido erregt werden kann, so giebt es auch Organe, von denen sie gehemmt werden kann. Diese Hemmung kann ebenfalls von den verschieden- sten Orten aus, sowohl von der Peripherie, wie vom Centrum aus, sowohl von der Haut und den Schleimhäuten, wie von den Specialsinnen aus geschehen. Ich erinnere an die hem- mende Wirkung eines Schmerzes, der Kälte, einer unangeneh- men Geruchsempfindung, eines unschönen Gesichtseindruckes, der Furcht, u. s. w. Auch bei der Hemmung giebt es offenbar eine verschiedene Dignität der Organe. Die Nase z. B. als auslösendes Organ beim Menschen von geringerer Dignität kommt als hemmendes Organ mit an erster Stelle in Betracht. Die Hemmung kann die Folge sowohl von solchen unan- genehmen Beizen sein, die von der Person, mit der die veneri- schen Acte ausgeübt werden sollen, wie auch von solchen, die von dritten Objecten aus ausgehen. Ein foetor ex ore kann z. B. Libido sehr intensiv hemmen; aber auch ein foetor ex vicicitate kann dieses thun. Ein Coitus z. B. in Latrina kommt zwar bekanntlich bei torpideren Individuen oft genug vor ; bei ver- feinerten Individuen "würde hier die Hemmung die Auslösung übertreffen. Geht die Hemmung von irgend einer Eigenschaft des anderen Theiles aus, so spricht man von „relativer Impotenz“. Besser wäre es von „relativer Frigidität“ zu reden. Allerdings muss man sagen, dass die venerische Erregt- heit öfters die Auslösung anderer unangenehmer sensibler Eindrücke hemmt. „Die Liebe macht blind,“ sagt ein Sprüch- wort, und Goethe sagt im Clavigo : „Ihr Liebhaber habt keine Augen, keine Nasen“. Es entsteht hier eine Concurrenz der Eindrücke. Die Auslösung des Schwächeren wird gehemmt. Die relative Frigidität zeigt sich beim Manne sowohl in der Unfähigkeit, Libido zu empfinden, wie in der Unfähigkeit, dieselbe empfinden zu lassen wegen Pendulität des zu erigi- renden Organes. Beim Weibe dagegen zeigt sie sich bloss 174 in der Unfähigkeit, Libido zu empfinden. Manche Frau ist dem einen Manne gegenüber frigide, dem anderen gegenüber nicht. Prostituirte z. B. pflegen ihren Kunden gegenüber regulär frigide, ihrem Louis gegenüber nicht frigide zu sein. Manche Ehefrau bringt es nie zu Libido und Orgasmus, nur weil ihr der Ehemann unsympathisch ist. Mancher Ehemann kann nur dann den Coitus mit seiner ihm unsympathischen Ehefrau aus- üben, wenn er sich einbildet, sie sei eine andere, was von den Scholastikern als „ideeller Ehebruch“ bezeichnet wird. Es ist in Folge dieser relativen Frigidität unmöglich, einen Menschen gegen seinen Willen Libido empfinden zu lassen. Zur Liebe kann man keinen zwingen. In concreto ist es unmöglich, eine Frau gegen ihren Willen in der Weise zu violiren, dass sie Libido empfindet. Empfindet sie Libido, so hat sie physiologisch eingewilligt und nur vielleicht moralisch das Gefühl der Ungehörigkeit gehabt. Coacta voluit. Das Weib ist keine Yioline, die nothwendig einen Ton von sich giebt, wenn man in geeigneter Weise an ihr streicht. Wenn Emilia Galotti ihren Fall damit motivirt, dass sie „Sinne habe,“ so ist diese Einrede als faule Ausrede zu betrachten. Das ist keine Schändung, keine Vergewaltigung, sondern ein- fache Verführung. Virginia ist geschändet worden und hat keine Libido empfunden, Emilia ist aber nur verführt worden. Der Decemvir hat seine politische Macht missbraucht, der Lessing’sche Prinz hat aber offenbar persönliche verführeri- sche Eigenschaften besessen und davon ganz unpolitischen Gebrauch gemacht, wie das gelegentlich auch von Bürgers- söhnen geschieht. Dem Decemvirn ist Hecht geschehen, der specifische Lärm von Lessing ist aber durchaus unmotivirt. Es wird gelegentlich behauptet, auch durch allzu schwär- merische erotische Verehrung könne relative Impotenz erzeugt werden. Auf der anderen Seite wird dieses bestritten. A priori ist die Möglichkeit garnicht von der Hand zu weisen. Wenn es selten vorkommt, so hängt das wohl damit zusammen, dass die Gelegenheit mit allzu erhabenen Personen zu coliabi- tiren selten ist, da sich doch in der Regel Gleiches zu Gleichem gesellt. 175 § 96. Intensität (1er venerischen Erregung. Jetzt wird man besser verstehen, was ich gemeint, als ich gesagt, dass die Intensität der venerischen Erregung abhängt von der Anzahl und der Dignität der Orte der Reizung und der Hemmung. Je grössere Flächen des Hautorgans also der Friction unterworfen und je adaequater die Frictionen der Reizbarkeit gewesen sind, je mehr die Specialsinne erregt worden sind, je lebhafter die Phantasie mitgewirkt hat, je weniger Hemmungen von irgend woher stattgefunden, um so intensiver wird die venerische Erregung gewesen sein. Wenn dagegen der Orgasmus nur durch Friction kleinerer Tlieile des Hautorganes, ausgelöst worden, wenn diese Frictionen nur gering gewesen sind, wenn sie nicht proportional der Reizbarkeit der frictionirten Oberflächen gewesen sind, wenn die Rinde und die Specialsinne wenig mitgewirkt haben, wenn gleichzeitig Hemmungen vorhanden waren, so ist die Intensität des Orgas- mus nur gering. Das ist der Grund, wesshalb Onanie und Pollution von geringerem Reiz sind, wie Cohabitation, weil im ersteren Falle die Rinde, und im zweiten Falle die Peripherie zur Erzeugung der Libido nicht mitwirken. Der onanistische Orgasmus ent- steht bloss durch Friction der Häute, der pollutionistisclie nur durch Erregung der Phantasie. § 97. Hygiene der Libido. Da, wie gesagt, die Hygiene der Libido von ihrer In- tensität abhängt, so folgt hieraus offenbar, dass ein Orgasmus um so hygienischer gewesen sein muss, von je mehr Orten aus er ausgelöst wurde, je mehr der auslösende Reiz der venerischen Dignität des gereizten Organes entsprach und je geringer die Hemmungen waren. Umgekehrt wird ein Orgasmus um so unhygienischer gewesen sein, von je weniger Orten aus er ausgelöst wurde, je mehr zwischen Reiz und Dignität eine Disproportion bestand und je mehr Hemmungen vorhanden waren. Ich möchte hier wieder ein Bild gebrauchen. Wer ein Gewicht nur an einem Strick in die Höhe ziehen will, laedirt 176 den Strick; wenn er das Gewiclit an zehn Stricken in die Höhe zieht, halten die Stricke vielleicht eine kleine Ewigkeit. Wenn das Gewicht nicht frei ist, sondern an Stricken fest- gehalten wird, welche den Aufzug hemmen, so werden wieder die ziehenden Stricke laedirt. Die Natur hat hier wiederum dafür gesorgt, dass der Orgasmus von nicht zu wenig Orten aus ausgelöst werde. Es "bedarf nämlich zum Orgasmus nicht bloss der Summation, sondern auch der Concurrenz der Reize. Der normale Fall ist der, dass der Orgasmus nur dann ausgelöst wird, wenn Libido erregt wird von mindestens zwei Orten aus, von einem peripher-somatischen und einem central-psychi- schen. Blosse Frictionen selbst der Genitialen erzeugen ohne geeignete Mitwirkung der Phantasie keinen Orgasmus, ebenso wenig wie ausschliessliche, wenn auch noch so intensive Tliä- tigkeit der Phantasie allein. Es kommt allerdings auch vor, dass die Phantasie allein Orgasmus auslöst. Bei manchen Männern genügt schon der Anblick etwa einer Tänzerin im Tricot, oder gar einer Wachs- puppe in den Modeläden um Orgasmus auszulösen. Das ist aber immer ein pathologischer Zustand, neurasthenia sexualis. Dieses gilt wenigstens vom wachen Zustand. Im Schlafe ist die Sache anders. Hier kann selbst beim gesundesten Men- schen durch geeignete Tliätigkeit der Phantasie Orgasmus ausgelöst werden. Es ist dieses ein sehr interessantes Pliae- nomen. Im Schlafe scheint also die Psyche eine viel grössere Macht über den Körper zu haben, wie in der Wache. Es ist dieses ein Phaenomen, welches eine Analogie in den Phaeno- menen der hypnotischen Suggestion findet. Es giebt auch Männer, bei denen durch blosse Friction, der Genitalien z. B. beim Reiten, Orgasmus ausgelöst werden kann. Auch dieses ist pathologisch. Diese Einrichtung ist sehr nützlich. Wohin sollte es führen wenn einfache Frictionen der Genitalien, wie z. B. beim Reiten, oder eine einfache venerische Vorstellung, z. B. die Vorstellung der Geliebten, Orgasmus auslösen könnten? Aus dem Obigen erklärt sich also die erschlaffende, ent- nervende Wirkung der Onanie und der unwillkürlichen 177 Pollutionen. Bei der Pollution ist zwar der psychische Factor meistens sehr lebhaft thätig. Der nächtliche Träumer malt sich den Act so poetisch schön aus, wie er will und übersteigt die Wirklichkeit in der Regel um viel. Aber der körperliche Reiz fehlt. Umgekehrt fehlt bei der Onanie die psychische Mitwirkung. Onanisten und Pollutionisten ziehen nur an einem Strick, und laediren ihn daher. Es erklärt sich ferner die schädliche Wirkung der Bordellcohabitationen. Hier wirkt nämlich der psychische Faktor als Hemmung. Der Bordell- besucher zieht mit seinen Stricken an einem Gewicht, das mit Ketten befestigt ist und laedirt dabei die Stricke. § 1)8. Verschiedenheiten des Menschen in Bezug auf venerische Dignität der Organe. Es erübrigt noch, dass wir die venerische Dignität der einzelnen Organe, ihre Hierarchie, etwas genauer beschreiben. Es sind hier grosse Verschiedenheiten vorhanden und zwar nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Individuen. Diese Verschiedenheiten erstrecken sich sowohl auf das Hautorgan, wie auf die Specialsinne und auf die Rinde. Der eine ist mehr von der Rinde aus reizbar, diese Leute nennt man Idealisten, andere sind mehr materialistisch von der Peripherie aus reizbar. Der eine ist mehr von der Haut, der andere mehr von den Special- sinnen, der eine mehr von dieser Stelle der Haut, der andere mehr von jener reizbar. Für den einen ist oft ein Umstand besonders reizend, der für den anderen besonders hemmend wirkt. Aber nicht nur sind die verschiedenen Individuen ver- schieden, auch dieselben Individuen sind zu verschiedenen Zeiten verschieden. Der Jüngling ist anders, wie der Mann, der Mann anders, wie der Greis. Aber selbst in kürzeren Zeiten kommen Verschiedenheiten vor. Wir wollen die ver- schiedenen vorkommenden Fälle etwas näher betrachten. 178 § 99. Erregungen der Rinde. Wir wollen zunächst die von der Rinde ausgehenden Erregungen studiren. Die grösste Mehrzahl der Menschen ist in Bezug auf dieses Moment ziemlich monoton. Ein bekanntes Dictum, das man oft in der Kaserne und bei Matrosen hören kann, lautet: Vagina ist Vagina (ich will die populären Worte nicht wiedergeben). Die Bekenner dieses Satzes sind solche Män- ner, deren Rinde durch die einfache Vorstellung des Vor- handenseins des anderen Geschlechtes ausreichend erregt wird. Im Allgemeinen stehen die Tliiere auf diesem Stand- punkt, wenngleich Züchter behaupten, dass Racepferde den Coitus mit plebejischen Gäulen verweigern. Bei den mehr sensiblen Menschen entstehen hier grössere Verschieden- heiten, die allerdings dann eine grosse Reichhaltigkeit auf- weisen können. Es giebt Menschen, die sich an der Jugend besonders erregen, wieder andere ziehen ein gereifteres Alter vor. Patho- logisch kommt es vor, dass die Vorstellung der Kindheit erregend wirkt. Wieder andere verlangen Tugend ; nur das tugendhafte Mädchen reizt sie ; anderen ist dieses Neben- sache. Matronam nullam ego tango. Manche begehren direct das Laster; sie suchen nur die olenti in fornice stantes. Andere reizt wieder gerade die gefallene, aber reumüthige Tugend. Viele erregen sich besonders an der Unschuld, i. e. an der Unwissenheit in rebus venereis, an der psychischen Vir- ginität. Bei Manchen erregt sich die Phantasie an Titel und Abstammung. Meistens gehören Mädchen hierher, woher es zu erklären ist, dass eine so grosse Anzahl von Mädchen aus bürgerlichen und proletarischen Kreisen von Aristokraten zu Falle gebracht werden. Es handelt sich hier keineswegs um illegale Verführungskünste. Auch bei Männern kommt solches vor. Magno de patre nata puella est. Vielfach er- scheint indessen Männern, besonders aus höheren Ständen, das Naturkind als das reizendere. Viele regen sich vene- risch am Reiclitlmm auf. Es ist durchaus fehlerhaft zu sagen, dass, wenn z. B. Jemand eine unschöne Erbin oder eine reiche 179 Megäre heirathet, er nothwendiger Weise seine Wollust seiner Habgierde, sein Herz dem Beutel opfert. Für Manche ist der Gedanke des Reichtliums sexuell erregend. Manche dagegen reizt nur die Armuth. Manche verlangen Intelligenz, anderen ist sie gleichgültig. Es giebt hier merkwürdige nationale Unterschiede. Der Deutsche z. B. verehrt die Dummheit, die geistige Unbedeutendheit, wie Gretchen sie darstellt. „Bin doch ein armes unwissendes Kind, begreife nicht was er an mir find’t.“ Nur in Haushaltungssachen darf eine ideale Deutsche etwas verstehen. Der Engländer und Amerikaner verlangt practisclien Verstand. Für den Anglo-Sachsen ist der Umstand, dass ein Mädchen ein Geschäft hat und darin tüchtig ist, ein Diplom hat etc. nicht bloss insofern angenehm, dass sie vielleicht dadurch befähigt wird, ökonomisch die Lasten der Ehe mittragen zu helfen, sondern dieses wirkt direkt venerisch reizend. Daher sieht man bei den Anglo-Sachsen so viele bebrillte Frauen und Mädchen. Das hat, wie mir Oculisten, die ich herüber consultirt habe, mitgetlieilt, nicht das geringste mit Accomodationsfehlern zu schaffen. Das Tragen einer Brille gilt bei anglo-sächsischen Mädchen für mindestens ebenso schön, wie bei preussischen Lieutenants das Tragen eines Monocles. Damit wird das Vorhandensein von einer grösseren Summe von practischen Kenntnissen markirt. Ein unwissendes Gretchen wird in England ebenso wenig geschätzt, wie auf dem Continent etwa eine bebrillte Dame anziehend wirkt. Der Franzose verlangt dagegen Esprit und Coquetterie. Die Unwissenheit eines Gretchens erscheint ihm ebenso wenig reizend, wie der bebrillte Verstand der Engländerin. Viele regen sich dann besonders auf, wenn die Gegenpartie verhei- rathet oder verlobt ist. Bei Männern ist dieses bekannt, aber es kommt auch bei Weibern vor. Viele regen sich nur auf an der Sündhaftigkeit, an der Illegitimität. Einer Maitresse könnten sie ihr Leben lang treu bleiben; wenn sie dieselbe heiratlien, hört die Liebe sofort auf. „Duty sustains magis- trates, inflames warriors and cools married people,“ sagt ein englischer Vers. „Sie sind meine Frau, aber ich liebe Sie, wie wenn Sie meine Maitresse wären,“ las ich neulich in einem fran- zösischen Roman. Es ist dieses eine sehr merkwürdige Psycho- 180 logie. Der Mönch sagt: „alles Schöne ist sündhaft.“ Viele drehen den Satz um und sagen: „also wird alles, was der Mönch für sündhaft erachtet hat, schön sein.“ Sie schenken dem Mönch einen grossen hedonischen Credit. Für andere hat dagegen nur die Legitimität Reiz. Dieses kommt besonders bei älteren Mädchen vor. Einige regen sich nur an der Widerspenstigkeit auf. Der ideale Fall ist hier in der Notlizuclit. Es geht ihnen wie dem Jäger, der nur das laufende, nicht das schlafende oder sich duckende Wild schiesst. Trans volat in medio posita et fugientia captat. Andere ziehen wieder wie Horaz die Gefäl- ligkeit vor. Facilem venerem malo. Ein bekanntes academi- sches Liedchen lautet : Vivant omnes virgines faciles. Viele wollen Libido und Orgasmus der Frau sehen. Die Frigidität, selbst die gefällige, stösst sie ab. Officium faciat nulla puella mihi. Andere wollen umgekehrt Schmerzen sehen, wie z. B. bei der Defloration. Der ideale Fall ist hier der Lustmord. Es giebt endlich Individuen die nur erregt wer- den können durch eine Gegenpartei von solcher Idealität, wie nur der Traum sie erzeugen kann. In der Wache sind sie folg- lich total impotent. Die wirklichen Menschen, wie sie nun einmal sind, lösen za viel Hemmungen aus. Schon die Vor- stellung, dass z. B. die Vagina sich inter faeces et urinas befindet, wirkt als absolute Hemmung. Sie sind trotzdem nicht total impotent, da sie im Traum Libido und Erection, Ejaculation und Orgasmus haben. Sie erträumen eine aetlie- risclie Frau ohne Rectum und Urethra. Sie sind relativ im- potent, aber nicht bloss bestimmten Individuen, sondern dem menschlichen Geschlecht gegenüber. Man nennt diesen Zu- stand : Aspermie. Viele endlich erregen sich nur an der Ab- wechslung. Sie sind nur „treu in der Untreue,“ wie Bocaccio sagt. Es giebt endlich Menschen, die sich an der Vorstellung des eigenen Geschlechtes, des sexus indebitus erregen. Andere erregen sich gar nur an der Vorstellung einer anderen Art, des genus indebitum. Bei anderen wiederum wirkt nur die Vorstellung eines vas indebitum erregend. Als vasa in- debita kommen vornehmlich zwei in Betracht, Os und Rectum. 181 Dass es viele Individuen giebt, bei denen die Vorstellung des Os als besonders erregend wirkt, ist bekannt. Dass es aber auch viele Individuen giebt, bei denen die Vorstellung des Rectums erregend wirkt und die das unaestlietische Rectum selbst dann vorziehen, wenn die Vagina ihnen zur Disposition steht, dürfte nicht so bekannt sein. Auch mir war es nicht bekannt bis zu folgendem Erlebniss. Nach einem Festessen, als der grössere Theil der Gäste sich verflogen hatte, kam in kleinerer Corona die Rede auf einen Fall von Paederastie, der gerade die Gerichte beschäftigte. Da erklärte ein älterer Herr von Würde folgendes : „Er begriffe so etwas nicht. Das mit einer Frau zu thun sei schon verständlicher, das haben wir ja wohl alle schon einmal getlian ; aber mit einem Manne, nein, das begriffe er nicht.“ Solche unüberlegten Aeusserungen lassen tief blicken ! Aus diesen Verschiedenheiten, die sich noch beliebig häu- fen Hessen, erklären sich manche Erscheinungen der Hygiene, z. B. die allgemein von Neurologen anerkannte Thatsache, dass Urninge, welche des heterosexualen Verkehres noch fähig sind, sich nach einem heterosexualen Verkehr immer sehr dys- phorisch, nach einem homosexualen dagegen euphorisch fühlen. Es ist nun ohne Zweifel, dass eine grosse Anzahl der hier aufgezählten Reize unmoralisch resp. unaestlietisch sind, z. B. Heterosexualität, Illegitimität, Variation etc. Ich möchte auch nicht so verstanden werden, als wenn ich hierzu aufforderte oder dieses gestattete. Die Hygiene soll sich der Moral unter- ordnen. Man muss aber doch diese Reize kennen, um das Leben verstehen zu können. § 100. Erregungen der Sinnesorgane. Auch in Betreff der Erregungen der specifischen Sinne kommen grosse Verschiedenheiten vor. Einige regen sich an der Farbe der Haare, der Augen etc. auf. Schwarz ist die „Lieblingscouleur“ des einen, für andere ist es blond. Bei anderen ist es die Nation oder Race. Manche ziehen die eigene, andere fremde Racen oder Nationen vor. Bekannt ist die 182 unbesiegbare Begierde der Neger für weisse Frauen. Einige erregt nur die Obesität, andere nur die Macies, einige die Grösse, andere die Kleinheit. Den einen regt der Wohllaut dieser, den anderen jener Sprache auf. Den einen regt dieser, den anderen jener Geruch auf. Manchmal sind es sogar recht unaesthetische Gerüche, die auf bestimmte Leute venerisch erregend wirken. § 101. Erregungen des Hautorganes. Betrachten wir nunmehr das Hautorgan. Hier sind grosse geographische Verschiedenheiten in der venerischen Digni- tät vorhanden. Im allgemeinen lässt sich folgende Reihen- folge aufstellen: 1. Beim Manne: Frenidum, glans, scrotum, labiae oris, lingua, palmae, die übrige Haut. 2. Beim Weibe : Clitoris, vulva, vagina, mamillae, labiae oris, lingua, palmae, die übrige Haut. Die irregulären Fälle sind zunächst diejenigen, in denen diese Theile in abwechselnder Reihenfolge reizbar sind. Es giebt z. B. Frauen, bei denen die Mamillae ebenso reizbar oder noch reizbarer sind, wie die Clitoris. Diese Frauen haben, wenn sie ein Kind säugen, die intensivsten venerischen Erre- gungen. Solche Frauen werden niemals eine Amme nehmen. Die Frauen selbst subsumiren allerdings dieses Gefühl nicht unter den Begriff der Libido, sie kommen gar nicht auf den Gedanken, sie nennen es vielleicht ,,Mutterglück,“ oder geben demselben sonst einen Namen. Es ist aber weiter nichts wie Libido. Diese Frauen kommen beim Coitus oft gar nicht zum Orgasmus, oder doch nicht zum intensiven Orgasmus, wenn der Mann nicht die Rolle des nourisson adulte spielt. Die Natur hat dieses, wie mich dünkt, sehr weise eingerichtet. Es wird allgemein zugestanden, dass die Welt aussterben würde, wenn der Coitus nicht mit Libido verbunden wäre. So glaube ich auch würden alle Kinder künstlich genährt werden, wenn der Akt des Säugens nicht mit einem ähnlichen Gefühl verbunden wäre. Auch dieses ist eine ,,List der Natur.“ 183 Es giebt ferner Männer, bei denen das Scrotum mindestens ebenso reizbar ist, wie die Glans und selbst wie das Frenulum. Diese Männer kommen entweder garnicht, oder nur zum ober- flächlichen Orgasmus, wenn diese Provinz der Cutis nicht in den Frictionskreis hineingezogen wurde. Es giebt ferner Irregularitäten die darin bestehen, dass ganz neue Theile hinzukommen, z. B. das Rectum. Es giebt Männer, bei denen, liori ibile dictu, das Rectum reizbarer ist, wie die Glans. Defaecation reizt sie mehr, wie der Coitus. Dieser Zustand eröffnet uns ein Verständniss dafür, dass es Pathici giebt, sowie rectale Onanisten. Der anatomische Grund für diese and ähnliche Abnormi- täten soll darin liegen, dass die venerischen Nerven sich in ihren Bahnen geirrt haben, dass z. B. des nervus pudendus, der re- gulär zur Glans geht, irrtliümlicher Weise zum Rectum gelangt ist. § 102. Hygiene. Es ist klar, dass die Hygiene verlangt, dass diesen Ver- schiedenheiten Rechnung getragen werde. [Wie sich Moral und Aestlietik hierzu verhalten, wollen wir später sehen.] Wie hat dieses zu geschehen? Als normale Lage beim Coitus betrachtet man diejenige, bei der die Erau supinirt ist und der Mann zwischen ihren Schenkeln liegt. Diese Lage ist wohl zunächst desswegen die normale, weil sie der Frau die beste Möglichkeit giebt, Wider- spenstigkeit zu simuliren. Eine wirkliche oder markirte, eine ganze oder halbe Vergewaltigung, wie solche öfters selbst in den legitimen Flitterwochen vorkommt, ist in anderer Lage garnicht auszuführen. Aber auch aus anatomischen Gründen erscheint sie regulär als die normale. Wenn nämlich die frenula glandis et clitoridis die reizbarsten Stellen sind, was am häufigsten der Fall ist, so muss bei dieser Lage, wenn wir die Vagina als gebogene Röhre und den Penis als geraden Stab betrachten, aus mechanischen Gründen die Friction dieser Theile am grössten sein. Aus denselben Betrachtungen ergiebt sich, dass der Coitus a posteriori aus Gründen der Frictionsverhältnisse ein 184 Antiideal ist, da liier die Orte der grössten Reibung ganz andere sind. In vielen Kreisen, z. B. in den Kasernen, gilt diese unaestlietisclie Lage a la vache für besonders reizvoll, angeblich weil der Penis dann viel tiefer in die Vagina ein- dringen könne. Als wenn die radix penis und die portio mit den Scheidengewölben von besonderer Dignität wären! Wie aber, wenn beim Coitus ab anteriori die Clitoris im Verliältniss zum introitus ad vaginam zu hoch aufgehängt erscheint ? Hier hört bei dieser Lage die Friction des frenu- lum femininum ganz auf. Da bei dieser Lage ausserdem die Biegung der Vagina aus mechanischen Gründen abnimmt, da ferner die Vagina nicht als Cylinder, sondern als Conus aufzu- fassen ist, dessen weiteres Ende nach innen liegt, so folgt hier- aus ferner, dass bei dieser Lage die Friction sowohl des frenu- lum masculinum, wie der Glans überhaupt aufliört. Als Ort der grössten Reibung erscheint dann die radix penis, ein Ort, dessen venerische Dignität eine minimale ist. Bei dieser anatomischen Voraussetzung, die keineswegs selten ist, er- scheint also diese an sich normalste Lage als die für die Frictionsverliältnisse sowohl beim Mann wie bei der Frau ungeeignetste. Wie ferner wenn — was sehr oft vorkommt — das Scrotum ein hervorragend reizbares Organ ist ? Bei dieser Lage hängt das Scrotum in dem leeren Raum, der durch die Abduction der Schenkel der Frau entstanden ist, und die Friction des- selben ist gleich Null. Worauf ich hinaus will ist dieses, dass es in diesen und vielen anderen oft oder selten vorkommenden physiologischen oder pathologischen Fällen der Beihülfe von anderen Organen, sog. tactus turpes, bedarf. Das Genitalorgan allein ist zu einfach gebaut, um in complicirteren Fällen das venerische Hautorgan in adaequater Weise zu erregen. Eine zu hoch gelagerte Clitoris z. B. kann vom Penis in keiner Weise tangirt werden. Die Möglichkeit dieser Hülfen setzt dann wieder Lagenveränderungen verschiedener Art voraus. Für jeden Zustand des Hautorganes giebt es einen bestimmten Modus, i. e. eine bestimmte Lage und bestimmte Manipulationen, bei dem die Summe der Frictionsreize ein 185 Maximum wird, und der also als der hygienische angesehen werden muss. Ich befinde mich mit diesem Satz im Widerspruch mit vielen Collegen. Ich habe Bücher gelesen, in denen jungen Eheleuten alle tactus turpes als durchaus antihygienisch denuncirt wurden. Ich bemerke dieses, um zu zeigen, dass es sich um eine Controverse handelt. Bei der Verschiedenheit der Constitution des Hautorgans bei verschiedenen Menschen ist bei verschiedenen Menschen ein verschiedener Modus der adaequate und hygienische. Es giebt z. B. Frauen, die nur dann Libido und Orgasmus von hinreichender Intensität auslösen können, wenn sie pronirt liegen, andere müssen supinirt liegen, wieder bei anderen ist die Seitenlage nöthig. Dasselbe ist beim Manne der Fall. Es ist das Analogon der Leibspeisen, ein Phänomen, welches die chemische Physiologie nicht erklären kann. Es giebt selbst nationale modi praedilectionis, ein Phä- nomen, welches zunächst darauf schliessen lässt, dass gewisse Eigenthiimlichkeiten in der Constitution des Hautorgans bei bestimmten Nationen häufiger auftreten, wie es ja auch natio- nale Leibspeisen giebt. Vielleicht lässt es auch darauf schliessen, dass die verschiedenen Nationen die Technik der ars amandi verschieden weit ausgebildet haben. Die Fran- zosen stehen in dem Buf, die ars amandi am weitesten aus- gebildet zu haben. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass man in Frankreich, selbst in Paris, practisch niemals Neuras- thenie zu sehen bekommt, während dieser Zustand in Deutsch- land, England und ganz besonders in Amerika ein täglicher Anblick des Arztes ist. Dahingegen sieht man in Frankreich jeden Augenblick Hysterie selbst bei Männern, was in den germanischen Ländern äusserst selten ist. Der Germane neigt zu Neurasthenie, wie der Bomane zu Hysterie. Neurasthenie studirt man am besten in New York, Hysterie am besten in Paris. Die classischen Werke über Neurasthenie sind von Amerikanern, die classischen Werke über Hysterie von Fran- zosen geschrieben. Ich habe bei diesen Beobachtungen den Gedanken nicht unterdrücken können, ob nicht, wie der reizlose Orgasmus 186 sicher zu Neurasthenie, so der zu reizvolle—denn, dass auch in der Erhöhung der Intensität schliesslich, wie in allen Dingen, ein Uebermass möglich ist, will ich nicht bestreiten — zu Hys- terie prädisponire, besonders wenn noch ein Excess in der Frequenz hinzukommt. Die hygienischen Denunciationen der tactus turpes und der Baffinirtheit kommen auch meistens von Frankreich her. Alle complicirteren Modi setzen natürlich eine grössere Zuneigung voraus, wie der uncomplicirte. Je complicirter der Modus, um so grössere Zuneigung ist erforderlich. Der modus supinus simplex ist derjenige, der die geringste Zuneigung voraussetzt, ein fernerer Umstand, der ihn als den normalsten erscheinen lässt. Schon der oberflächlichste Kuss setzt mehr Zuneigung voraus. Es giebt eine ganze Anzahl von Eheleuten, denen die Zuneigung zwar ausreicht für einen periodischen coitus simplex, die sich aber nie küssen. Auch hieraus er- klären sich die so oft beobachteten antihygienischen Folgen unglücklicher Ehen ohne Zuneigung. Wenn nicht gerade der modus simplex für beide Tlieile der adaequate ist, so laborirt die Ehe an Dys}3horie aus Mangel an Libido. Zwei Individuen können nun in Bezug auf den modus praedilectionis übereinstimmen oder nicht. Im ersteren Fall sind Congruenzen, in letzterem Incongruenzen vorhanden. Der Mann z. B. verlangt die supinirte, die Frau die pronirte Lage oder umgekehrt. Hier ist Congruenz vorhanden. Wenn aber beide die pronirte oder beide die supinirte vorziehen, so ist Incongruenz vorhanden. Wenn nun bei zwei Individuen Incongruenzen der Modi vorhanden sind, die grösser sind, als dass sie durch gegen- seitige Compromisse ausgeglichen werden könnten, so kommt die Liebe leicht in Gefahr, ein Leck zu bekommen. Wenn dagegen hier Congruenz vorhanden ist, so wird die Liebe ver- stärkt und zwar um so mehr, je complicirter der concrete Modus ist. Das hängt mit der Seltenheit zusammen. Ein Mann, dessen Modus z. B. die eben genannte natürliche Lage ist, findet leicht und schnell eine grössere Anzahl von Frauen, die ihm genügen. Wenn aber sein Modus complicirt ist, so findet er dieses weder leicht noch schnell. Hat er dann einmal 187 eine Frau gefunden, die ihm congruent ist, so pflegt er sie ihrer Seltenheit entsprechend zu schätzen. Wenn ich einmal ein sehr lange dauerndes inniges Zusammenleben sehe, regt sich bei mir immer der Verdacht, ob es sich hier nicht um Congruenzen seltener Modi handelt. Der concrete modns praedilectionis muss bei jedem Indi- viduum stuclirt werden. Hiermit hängt es zusammen, dass die späteren Cohabitationen oft reizvoller sind, wie die ersteren. Der Reiz der Flitterwochen wird zum grössten Tlieil nur von der Rinde geleistet. Das Erkennen und das Rücksichtnehmen auf den persön- lichen Modus ist das beste Mittel, um Liebe und Treue des anderen Theiles zu erhalten. Das ist das beste Philtrum. Und doch ist es dasjenige, welches von den Frauen so selten ange- wendet wird— aus Unverstand. Es giebt Ehefrauen, die von einer Somnambule zur anderen, von einer Kartenschlägerin zur anderen laufen und sich von diesen allerhand werthlose Geheim- mittel gegen schweres Geld geben lassen, um ihre Männer wieder an sich zu fesseln. Es giebt ferner Frauen, die glauben, ihren Mann dadurch zu fesseln, dass sie ihn zu häufigeren Cohabi- tationen reizen. Das ist noch schlimmer; das ist das beste Mittel, um ihn untreu zu machen, wenn er es noch nicht ist. Nicht die Frequenz macht treu, sondern die Qualität, nicht irgend ein Trank erhält die Liebe, sondern die Rücksicht- nahme auf individuelle Verhältnisse. „Selten und gut,“ nicht „oft und schlecht,“ ist der Zauberspruch. Er giebt zwar ge- legentlich weise Frauen, welche dieses Mittel empfehlen; dieselben haben dann auch in der Regel Erfolg. Die dummen weisen Frauen sind aber die Regel. Es giebt viele Frauen, welche glauben, alle Mitwirkung, welche über die Supination und die Erschlaffung der Adduc- toren hinausgehe, sei schamlos und folglich abstossend. Das ist durchaus unrichtig. Der Mann verlangt von seiner Frau Schamhaftigkeit zunächst anderen Menschen, insbesondere anderen Männern gegenüber. Hier kann keine Frau durch Uebertreibung fehlen. 188 Wollüstig nur an meinem Busen Und sittsam, wenn die Welt sie sieht. Sodann verlangt er Schamhaftigkeit in den Zeiten, in denen er nicht venerisch erregt ist. In der Brunst verlangt er auch Schamhaftigkeit, aber nur in den ersten Wochen; später wünscht er umgekehrt alle Schleusen der Yenerie geöffnet zu sehen. Deplacirte Schamhaftigkeit pflegen die Männer mei- stens, und in der Begel mit Recht, als Frigidität oder als Mangel an Zuneigung, als relative Frigidität zu interpretiren. Hieraus erklärt sich auch der Werth, den viele Männer der erfahrenen, i. e. bejahrten Frau zusprechen. Viele Männer schätzen eine Frau, wie den Wein, nach dem Alter. Je älter, um so begehrenswerther, wenigstens innerhalb bestimmter Jahrgänge. Ein junges Mädchen gilt ihnen als werthloser Most. Von jeher haben viele Männer geschwärmt für die Frau von sieben Lustren. „Post septem lustra.“ Ich denke hier nicht daran, dass die Statistik uns lehrt, dass die bejahrte Frau eine grössere Chance hat, sich zu verlieirathen, wie das junge Mädchen. Das ist ein ökonomisches und kein veneri- sches Phänomen. Die bejahrtere Frau besitzt eben in der Regel grössere Ersparnisse oder Erbschaften. Ich denke auch nicht daran, dass die Bevorzugung der gesetzten Frau manch- mal darin liegt, dass sie interessantere Gespräche führen kann. Viele Männer langweilen sich bei jedem Backfischgespräch. Das ist ein Phänomen der Rindenerregung. Ich denke hier lediglich daran, dass die gesetztere Frau geschätzt wird, weil sie theoretisch und practiscli über die Frictionsverhältnisse besser orientirt ist. Fingunt venerem per mille modos. So ist es auch vielleicht zu erklären, dass viele jüngere Frauen den gesetzten Mann dem jüngeren vorziehen. It is better to be an old man’s darling tlian a young man’s dear. Es ist möglich, dass die höhere Lebensstellung, die grössere Interessantlieit etc. des älteren Mannes hier von Einfluss ist; aber ich kenne Verhältnisse, die ich stark im Verdacht habe, dass der Grund vornehmlich darin liegt, dass der Mann von vielen Graden, wie die Frau post septem lustra, venerem fru- git per mille modos. So ist es auch zu erklären, dass viele 189 Männer die langjährige Gefährtin einer neuen Liebe vorziehen, und dass oft nach einer Untreue die Liebe zur betrogenen Frau wächst. Die Ehefrau, die ihr Geschäft versteht, weiss, dass eine gelegentliche Untreue ihres Mannes ihn nur um so treuer macht. Derselbe Umstand erklärt es auch, dass die Mehrzahl der Liebespaare concediren, die ersten Cohabitatio- nen seien nicht die reizvollsten gewesen. Im Beginne der Liebe ist man, ich möchte sagen, noch nicht aufeinander ein- gepaukt. Diese Momente sind von der Natur, wie mich dünkt, sehr weise eingerichtet; sie sind eines der Mittel durch welche der Bestand der Gesellschaft ermöglicht wird. Wäre die Libidoerregung kein complicirter Process, verstände das junge Mädchen so viel wie die gesetzte Frau, der Jüngling so viel wie der erfahrene Mann, so würde, da aus anderen psychischen Gründen, die mit Friction nichts zu schaffen haben, ceteris paribus die grössere Jugend immer das reizendere ist, das junge Mädchen allzu sehr hofirt und die gesetzte Frau allzu sehr an die Wand gedrückt, der grüne Fuchs allzu sehr ge- schätzt, der würdige Philister allzu oft betrogen werden. Wäre die Libidoerregung kein zu individualisirender Process, verstände davon jede Neue so viel wie die Alte, so würde, da ceteris paribus die Abwechslung reizt, die Treue in der Liebe nur sehr schwer existiren können. Da nun Eheleute jeden Tag ebenso sehr an Neuheit wie an Jugend verlieren, so würde, wenn diese Umstände nicht vorhanden wären, der Bestand der Ehe eines seiner besten Bindemittel verlieren. Es ist ein wahres Glück, dass Prostituirte und Hetären im Allgemeinen ein geringes Yerständniss für diese Dinge haben. Sie glauben zum Glück es gehöre zu ihrem Beruf nur sich periodisch zu supiniren. Es ist leicht verständlich, dass es ihnen in der Regel für mehr Leistung an der nöthigen Zu- neigung fehlt. Es bedarf eines tieferen moralischen Sinkens, um für Geld und ohne Liebe tactus turpes vorzunehmen, wie um den coitus simplex zu gestatten. Es ist falsch, anzu- nehmen, dass Prostituirte, besonders diejenigen, die aus ökonomischen Gründen sich prostituiren, keine Scham haben, sie haben nur einen anderen Nullpunkt derselben. Die Er- 190 regungen von der Haut sind im Bordell regulär ebenso gering, wie die von der Binde und den Sinnesorganen. Das ist ein fernerer Grund für die antihygienisclien Folgen habitueller Bordellcoliabitationen. Aber es kommt doch vor, dass Pro- stituirte hierfür Yerständniss haben. Das sind dann die gefährlichen Sirenen. Die Frau, deren Mann diesen Sirenen in die Finger gefallen ist, wird ihn nicht so bald mehr von der Untreue abbringen können. Es giebt hier wirkliche Virtuo- sinuen. Es ist mir von mehrfacher Seite in der glaubwürdig- sten Weise versichert worden, dass es z. B. in Paris Hetären giebt, welche in systematischer Weise ihren sphincter cunni trainiren. Dieser regulär so schwache Muskel soll durch systematische Uebung die Stärke des sphincter ani erreichen können. Die FrictionsVerhältnisse beim Coitus sollen hier- durch in ganz ausserordentlicher Weise begünstigt werden. Alles dieses gehört mit zu den „verborgenen Beizen“ der Frau, welches Wort oft gebraucht wird, obschon die Mehrzahl der Menschen nicht recht w'eiss, was dahinter steckt. Solche Weiber sollen manchmal Hervorragendes leisten in der Kunst, Cavaliere zu ruiniren und Ehen zu zerstören. Man muss solche und ähnliche Dinge kennen, um zu begreifen, wie es kommt, dass oft ein Mann einer vielleicht minder schönen Sirene folgt, wie ein Hund. Der Satz: „Sublata lucerna nullum discrimen inter mulieres,“ der so viel heisst wie: „Die abstracten Frictionsverhältnisse sind bei allen Frauen die- selben,“ ist durchaus falsch. Noch schlechter sind die Verse : „Vagina ist Vagina“ und „Penis ist Penis“ (ich will die popu- lären Worte nicht wiedergeben), womit gesagt werden soll zu- nächst, dass es auf die Frictionsverhältnisse allein ankomme, und dann, dass die Mechanik derselben lediglich von Penis und Vagina abliänge, und dass zuletzt alle Vaginen und Penes gleich sind. Die häufige Complicirtheit des Hautorganes in Bezug auf venerische Beizbarkeit giebt uns eine Erklärung für das rätli- selhafte Phänomen des erworbenen Uranismus. Es giebt einen Uranismus aus Wahl und einen aus Notli. Matrosen, Cadetten und höhere Töchter in der Pension sind oft liomo- sexual aus Notli, i. e. es fehlt ihnen die Gelegenheit, mit dem 191 anderen Geschlecht zu verkehren. Der Uranismus aus Wahl ist erworben oder angeboren. Der angeborene ist das Resul- tat einer eigentümlichen Reizbarkeit der Rinde, die wir, ohne Hypothesen aufzustellen, nicht erklären können. Der erworbene Uranismus kann mehrere Gründe haben. Er ist oft das Resultat einer Art von Klugheit. Die Homosexua- lität erzeugt keine Kinder, sie kann unauffällig ausgeübt werden etc. Oft aber ist sie die Folge der Complicirtheit des venerischen Modus. Das hängt folgendermassen zusammen. Directe Erfahrungen über die Natur des venerischen Organes hat natürlich jedes Geschlecht nur in Bezug auf sich selbst. In Bezug auf das andere Geschlecht können die Er- fahrungen nur indirecte sein. Der Mann z. B. weiss aus eigenem Gefühl, dass die Glans, speziell das Frenulum, der bevorzugte Punkt dieses Organes ist; die Frau weiss dieses aber nur aus indirecter Quelle, vom Hörensagen, durch prac- tische Beobachtungen und Experimente. Die Frau weiss aus eigenem Gefühl, dass bei ihr der locus praedilectionis eben- falls das Frenulum ist, der Mann weiss dieses aber ebenfalls nur indirect. Es giebt nun Männer und Frauen, welche über diese Zustände am anderen Geschlechte ganz falsche Vor- stellungen haben. So z. B. giebt es viele Männer, welche glauben, der reizbarste Punkt der Frau läge möglichst tief in der Vagina, etwa an der Portio. Wenn sie nun die Absicht haben, die Libido der Frau zu vergrössern, so suchen sie dieses dadurch zu erreichen, dass sie den Penis möglichst tief in die Vagina einführen. Eine grosse Anzahl von Männern glaubt, die Brutalität der Frictionen sei für die Frau stimu- lirend. Auch Frauen haben über die Verhältnisse am Manne fehlerhafte Vorstellungen, obschon man hierüber nicht viele Aufschlüsse bekommen kann. Unter solchen Umständen kann es nun leicht Vorkommen, dass der eine Tlieil das andere Geschlecht, bei dem er kein Verständniss für die Frictionsverhältnisse des eigenen Ge- schlechts findet, aufgiebt und das eigene Geschlecht aufsucht, bei dem das theoretische Verständniss hierüber sicher grösser ist. Natürlich kann nichtsdestoweniger Homosexualität nur dann erworben werden, wenn die Hemmungen von Seiten der 192 Rinde überwunden werden können. So erkläre ich mir viele Fälle von erworbener Homosexualität. Das ist allerdings nur theoretische Speculation; ich habe noch nicht das wissen- schaftliche Glück gehabt, die Beichte eines Homosexualen anzuhören; die Erklärung scheint mir aber plausibel. Viel- leicht, dass die Homosexualität bei Männern in der Form der Päderastie auch daher zu erklären ist, dass der sphincter ani regulär bedeutend kräftiger ist, wie der sphincter cunni. Vielleicht dass derselbe Umstand den heterosexualen Verkehr in vaso indebito verursacht. So erklärt sich auch die oft beobachtete schwärmerische Liebe der Homosexualen zu einander, wie sie unter Heterosex- ualen nur selten gesehen wird. Die Homosexualität ist eben im Verhältnis zur Heterosexualität sehr selten; die Zuneigung ist ein Seltenheitswerth. So sind auch sicherlich viele Fälle von Onanie aus Wahl zu erklären. Fehlt die Gelegenheit zu Homosexualität, oder besteht eine Scheu dagegen, so suchen die Individuen ihre eigenen Kenntnisse zu verwertlien. § 103. Aesthetik. Wir haben bisher die Hygiene isolirt betrachtet und wollen nunmehr die Aesthetik und die Ethik dieser Materie untersuchen. Ich will mich hier beschränken auf die Frage nach der Aesthetik und Ethik der Frictionen des Hautorgans. Der ästhetische Einwand gegen alle complicirten Modi und alle tactus turpes ist ja gewiss durchaus berechtigt. Man denke etwa an ein osculum lingua introducta bei cariösen Zähnen und bei nie gereinigter Mundhöhle und bei nie von Nasensecreten gereinigtem Schnurrbart oder an Manipula- tionen an einer mamma pendula, deren untere Falte nie von den dort stagnirenden und zur sauren Reaction gelangten Secreten befreit worden, oder an die titillatio diutior cunni bei unbe- schnittenen, verfilzten und von Urococcen wimmelnden crines pubis und vieles Andere. Unverkürzte crines pubis sind doch beim Weibe zur Unsauberkeit prädestinirt. Während die pars pendula des Mannes regulär länger ist wie diese Crines 193 und letztere folglich von Urin nicht benetzt werden, werden sie bei der Frau bei jedem Uriniren von Urin berieselt. Da nun jede Frau 4 bis 6 Mal täglich uriniren muss, sich aber doch nur 1 Mal baden und doch höchstens 2 Mal waschen kann, die ammoniakalisclie Gährung des Urins aber schon nach einigen Stunden anfängt, so ist die Frau in Folge dieser Crines dazu prädestinirt, die grössere Hälfte ihres Lebens unsauber zu sein. Die Mehrzahl der Weiber wäscht sich diese Crines aber überhaupt nie. Rechnet man jetzt noch die Menses und andere Excrete hinzu, so begreift man die Un- sauberkeit, die hier gefunden wird. Ich begreife überhaupt nicht, wesshalb die Natur den sonst nackten Menschen gerade am Genitale behaart hat, da sie doch die sonst behaarten Thiere am Genitale relativ nackt zu lassen pflegt. Es ist hierbei merkwürdig, dass die Menschen glauben, solche einfachen Reinlichkeiten seien ein Privileg der Reichen. Wenn man Patienten auf mangelnde Mund- und andere Pflege aufmerksam macht, so antworten sie meist: „Wir sind eben arme Leute.“ Als wenn diese Dinge, Zähneputzen, Nägel- reinigen, Crinesbeschneiden etc. Geld kosteten. Dabei sieht man oft die Kopfhaare von Pomade triefen und über nie gereinigte Nägel und Finger Glacehandschuhe und Diamant- ringe gezogen. Bei der Mehrzahl der Menschen findet man nun solche unsauberen Verhältnisse vor. Keine Frau denkt daran, dass die Aesthetik ein Epiliren, Rasiren oder doch Abschneiden der Crines pubis verlangt, wie dieses für die crines capitis gilt. Ueber 90 Prozent aller Menschen wissen nicht, was eine Zahnbürste und was eine Nagelbürste ist. Eine badende Frau ist eine wahre Rarität, und wenn es im Sommer nicht oft so heiss wäre, würde die Mehrzahl der Männer auch nie baden. Der Mythos von der Aphrodite Anadyomene scheint nicht mehr verstanden zu werden. Bei den Weibern ist in Folge ihrer Anatomie die Unsauberkeit meistens eine noch grössere wie bei den Männern. Es handelt sich hier um Dinge, die den ärztlichen Beruf am meisten erschweren. Es ist bei Weitem nicht so schwierig, sich ab und zu der Gefahr einer Diphtherie oder eines Typhus 194 auszusetzen, wie den ganzen Tag in solchem Schmutz arbeiten zn müssen. Diese Unsauberkeit gilt wenigstens für die im euro- päischen Civilisationskreis lebenden Menschen. Die Asiaten, Afrikaner und Indianer sind erheblich reinlicher. Zunächst epiliren oder rasiren alle ausser der europäischen Civilisation lebenden Weiber die crines pubis, nach jeder Mahlzeit werden Zähne und Mund gewaschen, die Nägel werden ein Dutzend Mal im Tage gereinigt, indem der eine Nagel den anderen reinigt; täglich wird gebadet etc. Sobald diese Rassen aber mit europäischer Civilisation in Berührung kommen, ist das erste, was sie tliun, dass sie die europäische Unsauberkeit adoptiren. Die amerikanischen Negerinnen z. B. epiliren die crines pubis nicht mehr, sondern beherbergen einen ganz erschrecklichen Filz am Genitale. Auch waschen die ameri- kanischen Neger ihre Zähne nicht mehr, daher die schlechten Zähne der amerikanischen Neger im Vergleich zu den pracht- vollen Gebissen ihrer wilden Vettern in Afrika. Es dürfte den Kaukasiern im Allgemeinen nicht bekannt sein, dass die wilden Völker sie als unsaubere Rasse betrachten und geringschätzen, trotz ihrer Kanonen und Dampfschiffe. Ein afrikanischer Neger kauft nie eine Decke oder sonst ein Gebrauchsstück von einem Europäer, ohne dasselbe vorher berochen zu haben. Er will wissen, ob es von Kaukasiern schon gebraucht sei, und behauptet, den Gebrauch am Gestank erkennen zu können. Im grossen Ganzen ist dieser Tadel durchaus berechtigt. Es giebt keine 5 Prozent Kaukasier, welche die Reinlichkeit der Wilden besitzen. Es ist hier merkwürdig, dass die Mehrzahl der Individuen manche dieser Unsauberkeiten noch dazu für schön hält. Wenn z. B. ein Arzt aus Gründen der Antisepsis beim Weibe einen verfilzten Haarurwald entfernen will, so stösst er immer auf erheblichen Widerstand. Die Weiber glauben dabei einen ihrer schönsten geheimen Reize zu verlieren. Offenbar muss die Mehrzahl der Männer derselben ästhetischen Ansicht sein. Aehnlich denken Männer und offenbar auch die Weiber über den Gesichtsbart, speciell über den Schnurrbart. Ein schöner Bart ist wohl desswegen so beliebt, weil er auch nichts- 195 sagenden Gesichtern einen gewissen Ansdruck verleiht. Aber selbst ein struppiger und von Nasensecreten durchsetzter Bart gilt für schöner wie gar keiner. Unter solchen Umständen muss man allerdings jede Complicirtheit des Modus, jeden tactus turpes, selbst jedes Osculum, ästhetisch als himmelschreiende Sünde bezeichnen oder vielleicht, besser gesagt, als Sünde, die, wie der Bruder- mord des Dänenkönigs, „zum Himmel stinkt.“ Aber selbst bei penibelster Keinlichkeit bleibt die Aesthe- tik eine problematische. Cariöse Zähne bleiben unästhetisch, auch wenn sie gestopft sind, mammae pendulae dessgleiclien, auch wenn sie gewaschen sind; lang ausgezogene Nymphen bleiben unschön, auch wenn die Crines entfernt sind; ein hängendes Praeputium ist hässlich, auch wenn das Smegma entfernt ist. Eine sehr grosse Zahl der Menschen hat aber eine solche die Aestlietik verletzende Anatomie. Es handelt sich bei der Yenerie hier immer um mindestens ästhetisch lässliche Sünden. Unter solchen Umständen der Aesthetik einen zu grossen Einfluss gestatten, ist bedenklich. Würden die Menschen sich von der Aesthetik lenken lassen, so würde die Welt bald aus- sterben. Einer meiner Lehrer pflegte bei jeder Graviden zu sagen: „Gustus singularis facere liuic daminae infantes.“ Aber nicht bloss aussterben würde die ästhetischer gewordene Welt, vor ihrem Aussterben würde sie sich noch verschlech- tern. Es ist eine Tliatsache, die auffallend, aber -wahr ist, dass oft die unästhetischesten Frauen die schönsten Kinder bekommen, während relativ ästhetische Frauen oft ganz erschrecklich unästhetische Göhren produciren. Der Xeno- phontische Socrates deducirt die Weisheit des Schöpfers daraus, dass er den Anus nicht unter die Nase, sondern an den entgegengesetzten Pol des Körpers angebracht habe. Ich habe mich in meinem ärztlichen Berufe oft des Gedankens nicht erwehren können, dass die Weisheit des Schöpfers auch daraus folge, dass er Augen und Nase nicht an dem Penis befestigt hat. Es würde dann schon längst keine Menschen mehr geben. 196 Der ästhetische Einwand beweist also in der That etwas zu viel und ist desshalb nicht als ausschlaggebend anzusehen. § 104. Ethik. Betrachten wir nunmehr die Ethik dieser Materie. Es werden häufig ethische Einwände gegen jede Yergrösserung der Intensität der Libido erhoben. Ein sehr beliebtes kriti- sches Wort ist hier das Wort „ Unnatürlich.“ Es ist ganz richtig, dass die Ethik gewisse Dinge unbe- dingt verbietet, welche die Hygiene verlangt, z. B. Homo- sexualität der Homosexualen. Ferner verbietet die Ethik jeden ausserehelichen Yerkelir. Das hängt eben damit zusammen, dass die Ethik nur „gesellschaftlich Nützliches“ verlangt. Hier muss also sicher die Hygiene der Ethik weichen. Diese Dinge sollen nicht stattfinden, aber nicht weil sie unhygienisch, sondern weil sie antiethisch sind. Ich möchte nicht, dass das Verbot derselben unter falscher Flagge segele, um Einwendungen der Sophisten besser abweisen zu können. Hier handelt es sich aber um die Frage, ob innerhalb einer legitimen Ehe tactus turpes im weitesten Sinne gestattet sind. Auch dieses wird bestritten. Es ist mir hier aufgefallen, dass diese Einwände weniger von Theologen wTie von Aerzten ausgehen. Der Theologe — ich denke hier insbesondere an die Scholastiker — ist liberal und gestattet alles dasjenige, was er unter dem Begriff der „tactus turpes“ zusammensetzt, mit der alleinigen Einschrän- kung, dass die emissio seminis nicht absichtlich extra vas debitum, also z. B. in vaso indebito oder in genere oder sexu indebito stattfindet. Das ist die einzige Grenze, welche der Theologe zwischen legitimer und illegitimer Venerie zieht. Und nicht nur gestattet der Theologe solche tactus turpes, sondern rätli sogar zu denselben, wrenn dadurch der andere Tlieil etwa vor Untreue bewahrt wird oder sonst ein guter Zweck erreicht wrird. Anderer Ansicht sind viele Medici. Nach ihrer Ansicht ist z. B. eine Frau unanständig, welche etwas mehr tliut, wie sich 197 ihrem Ehemann zu Gefallen periodisch zu supiniren und die Adductoren zu erschlaffen. So erzählt Benedict von einem jüngeren Diurnisten, der eine alte Megäre schnöden Mammons halber geheirathet, aber bei deren unschönen Formen keine genügende Erection bekommen konnte und folglich ohne besondere Libido ejaculirte und desshalb neurasthenische Beschwerden acquirirt hatte. Die Frau habe sich geweigert, durch Manipulationen die Erection und Libido zu vergrössern. Benedict sagt hier, die anständige Frau habe sich hierzu geweigert, womit er sagen will, dass nur eine unanständige Frau so etwas thäte. Solche ethische Ansichten kann man selbst bei der Spärlichkeit dieser Art von Krankengeschichten immerhin oft lesen. Die Medici sind hier ethisch rigoroser, wie die Theologen, was um so auffälliger ist, als diese Medici oft garniclit einmal hygienische Bedenken Vorbringen. Sie erkennen die Anti- liygiene der Reizlosigkeit an und verurtheilen dennoch ethisch alles dasjenige, was den Reiz vermehrt. Wenn ich zu dieser Controverse Stellung nehmen soll, so muss ich sagen, dass ich hier mit den Theologen sympathisire. Ich gehe nicht so weit, zu sagen, dass die ehelichen Pflichten sich auf tactus turpes etc. erstrecken, aber ich behaupte doch, dass die eheliche Freiheit so weit geht. Es handelt sich um kein Gebot, sondern um einen Rath. Ich sage hier mit den Theologen : Finis colionestat, ein Satz, der meistens nicht ganz richtig übersetzt worden ist mit den Worten: Der Zweck heiligt die Mittel. Kein Mensch tadelt Boerhave mora- lisch, weil er bei der Unfruchtbarkeit seiner Patientin das Gut- achten abgab : Cunnum ante coitum diutius esse titillandum. Man tadelt ihn nicht, weil das angebliche Resultat der Aus- führung dieses Rathes ein Dutzend Kinder waren. Dieser Zweck adelt, so sieht man sofort ein, die Mittel. Sollte die Erhaltung und der friedliche Fortbestand einer Ehe nicht ein ebenso wichtiger Zweck sein ? Gegen diesen Zweck verschwindet alles Uebrige, selbst ein stärkerer factor e manibus. Wer solche Dinge zu diesem Zwecke gegen seinen Willen thut, den möchte ich sogar als Märtyrer betrachten. Benedict 198 will seinen Diurnisten mit Electricität kurirt haben. Ich würde unter diesen Verhältnissen mir die unschöne anständige Matrone citirt und ihr das Nöthige mitgetheilt haben. Der Vorwurf der „Unnatürlichkeit“ ist ohne Fundament. Wenn man dasjenige als natürlich betrachtet, was in der „Natur“ vorkommt, so kann man tactus turpes nicht als unnatürlich betrachten, da sie im Thierreich in ausgedehnter Weise Vorkommen mit der schon von Aristoteles erkannten Besonderheit, dass die Thiere in Ermangelung der Hände die Lingua als Organ der Vergrösserung der Libido zu gebrauchen pflegen. v Physiologie des venerischen Gemeingefühles. § 105. Erotik bei Mann und Weib. Nach Beendigung der Physiologie des venerischen Gemeingefühles gehen wir über zur Erotik. Das erotische Gemeingefühl ist ganz etwas anderes, wie das venerische, trotzdem dass beide häufig combinirt Vor- kommen. Man erkennt dieses aus mancherlei Beobachtungen. Venerisch frigide Frauen sind oft sehr erotisch. Auch die tugendhaftesten Frauen, welche venerische Vorstellungen aus moralischen Gründen strenge abweisen, geben sich doch leicht erotischen Gedanken und Handlungen hin. Das europäische Gesellschaftsleben mit seinen Bällen, bunten Beihen etc. hat ja seine Quelle nur in der Erotik. Die rigoroseste Frau, die aus Moralität, Frigidität oder Morbidität den Coitus ver- weigern würde, freut sich doch, in der Gesellschaft hofirt zu werden. Mit der Pubertät fängt bei jungen Mädchen sofort die Erotik an und erreicht dann oft plötzlich die höchsten Grade, während die vita venerea bei denselben noch voll- ständig schlummert. Die Erotik kann unabhängig von der Venerie hypertropliiren, wie bei der Erotomanie. Sie braucht ferner an der Hypertrophie der Venerie, wie bei Nymphomanie und Satyriasis, nicht theilzunehmen. Dass die Erotik trotzdem ein sexuelles Gemeingefühl ist, erkennt man daran, dass sie von den Sexualdrüsen abhängt. 199 Sie beginnt mit der Pubertät, erstreckt sich auf das andere Geschlecht, bei Homosexualen auf das eigene, hört regulär mit der Menopause auf u. s. w. Die Erotik spielt bei Frauen eine grössere Rolle, wie bei Männern. Eine grössere Erotik bei einem Manne ist immer ein Zeichen von Minderwerthigkeit, während bei Frauen um- gekehrt eine kleinere Erotik, die für einen normalen Mann vollständig ausreichte, einen Verdacht auf Minderwerthigkeit erweckt. Es hat mir auch oft geschienen, als ob die Erotik bei Weibern eine grössere Rolle spielte, wie die Venerie. Eine Frau, die nicht geliebt wird und nie geliebt worden ist, wird krank ; eine Frau, die zu Coitus keine Gelegenheit hat, kann ganz normal sein. Ehefrauen sind oft froh, wenn der Mann Coitusversuche aufgiebt; mangelnde Liebe erträgt aber keine Frau. Eine Frau, die auf einem Balle geschimmelt, wird krank werden und kann von dieser Krankheit durch Coitus in keiner Weise kurirt werden. Beim Manne ist dieses ganz anders. Das Fehlen der Erotik beeinflusst das Befinden des Mannes viel weniger, wie das Fehlen der Venerie. Es ist auch merkwürdig, wie ver- schieden sich Männer und Frauen der Castration i. e. der operativen Entfernung der Geschlechtsdrüsen gegenüber ver- halten. Der Mann hält diese Operation für die allerschreck- lichste. Die Mehrzahl der Männer lässt sich lieber ein Bein abnehmen, wie einen Testikel. Sie halten sich nach der Operation für verstümmelt, schämen sich dessen und reden nie davon. Eine Frau betrachtet diese Operation, trotz des chi- rurgisch viel schwereren Eingriffes, als relativ leichte und zwar nicht nur vor der Operation, was Unwissenheit sein könnte, sondern auch nach derselben. Sie redet ganz frei davon. Sie glaubt sich dadurch garnicht entweiht. Die Frauen halten sich regulär nur dann für entweiht, wenn an der Vulva oder Vagina etwas vorgenommen worden, was die inmissio penis unmöglich macht oder eine äusserlich sichtbare Difformität erzeugt. Man merkt, die Frauen scheinen in ihrem Befinden die Entfernung der Ovarien so gut wie gar- nicht zu empfinden. Ein Chirurge würde nie die Courage 200 haben, einen Hoden zu entfernen ohne die ausdrückliche Er- laubnis des Patienten, und wenn durch irgend eine Operation der Hoden zufällig zu Grunde geht, ist dieses immer ein sehr böses Ereigniss. Die Geschichte der Chirurgie weiss von solchen Patienten zu erzählen, die ihre Operateure aus Rache ermordet haben. Bei Frauen ist dieses ganz anders. Ergiebt sich im Verlaufe irgend einer Operation die Nothwendigkeit, die Eierstöcke zu entfernen, so geschieht dieses ohne Ein- holung der Einwilligung der Patientin und dieselben sind nie damit unzufrieden. Sie merken es kaum. Jetzt vernichtet die Castration doch sicher nicht nur die vita procreativa, son- dern in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle doch auch die vita venerea. Es scheint, dass dieses für die Mehrzahl der Frauen kein sehr grosser Verlust ist. In der Regel sind die Menschen anderer Ansicht über die Rolle, welche die vita venerea beim Weibe spielt. Sie glauben, die Venerie beherrsche das weibliche Leben in hervorragender Weise. Der halb pathologische Typus so vieler „alter Jung- fern“ wird mit Mangel an Coitus in Zusammenhang gebracht. Die Sehnsucht aller jungen Mädchen, unter die Haube zu kommen, oder auch nur einen Schatz zu bekommen, wird als Sehnsucht nach Coitus interpretirt u. dgl. Alles dieses ist durchaus irrig und beruht auf einer Verwechselung von Vene- rie und Erotik. § 106. Lieben und Geliebtwerden. Von den unendlich vielen Betrachtungen, die über die Erotik, die „Liebe“ im engeren Sinne zu machen sind, will ich hier nur ein Paar machen. Die Menschen im Allgemeinen haben das Bestreben, sowohl zu lieben, wie geliebt zu werden. Diese beiden Bestreben sind allerdings bei verschiedenen Menschen verschieden und unabhängig von einander. Es giebt Leute, welche gar kein Bedürfniss fühlen, zu lieben, die aber unglücklich sind, wenn sie nicht geliebt werden. Viele Menschen renommiren ja nicht nur mit der Anzahl der Indivi- duen, von denen sie angeblich geliebt werden, sondern ganz 201 besonders damit, dass es ihnen gar nicht einfällt, diese Liebe zu erwidern. Wer hätte nicht schon einmal einen solchen Renommisten am Biertisch gehört? , Es giebt wieder andere, bei denen das Hauptbedürfniss das ist, zu lieben, die Gegenliebe ist ihnen mehr oder weniger gleichgültig. „Wenn ich Dich liebe, wras geht das Dich an?“ Welches ist nun die Psychologie des Liebens und des Geliebtwerdens ? Wesshalb das Bestreben zu lieben und wesshalb das Bestreben geliebt zu werden ? § 107. Psychologie des Liebens. Das Bestreben zu lieben hängt offenbar damit zusammen, dass durch dieses Gemeingefühl Stoffwechselprodukte gebildet werden, die nach Art der Tonica wirken und eine bessere Gesundheit und heitere Stimmung erzeugen. Jeder Mensch wird ja ein Mal oder vielleicht auch ein Paar Male in den ersten Jahren der Pubertät diese Gefühle an sich erlebt und die Wirkungen derselben empfunden haben. Es ist wahr- scheinlich, dass die Sexualdrüsen diese Tonica produciren, dass es sich also um „Testine“ und „Ovarine“ handelt. Das Bestreben zu lieben ist also das Bestreben, diese tonische Stimmung wieder in sich zu erzeugen, wie das Bestreben zu trinken ja auch das Bestreben ist, die gehobene Stimmung des Bausches in sich zu wiederholen. Es ist physiologisch durch- aus correct, von einem „Liebesrausch“ zu reden. Eine andere Erklärung lässt sich kaum für dieses Bestreben geben, da wir das Bestreben zu lieben auch dort beobachten, wo nicht nur keinerlei andere Vortheile, nicht einmal venerische Befriedi- gungen, sondern noch grössere Opfer mit dem Lieben ver- bunden sind. § 108. Psychologie des Geliebtwerdens. Welches ist nun die Psychologie des Geliebtwerdens? Das Bestreben, geliebt zu werden, kann nicht gedeutet werden als Bestreben, ein Object zu haben, welches geneigt 202 ist, venerische Bedürfnisse zu erfüllen, da es auch dort vor- kommt, wo letzteres Bestreben sicher fehlt. Es kann auch nicht gedeutet werden als Freude darüber, ein Individuum zu haben, von dem sich andere Vortheile herausschlagen lassen, da es auch dort beobachtet wird, wo hiervon keine Bede sein kann, wo selbst angebotene Vortheile ausgeschlagen würden. „Velint aut volint, gaudent tarnen esse rogatae.“ Das Bestreben, geliebt zu werden, ist in der Begel weiter nichts wie das Bestreben nach Eitelkeitsbefriedigung. Es schmeichelt der Eitelkeit, mit möglichst viel vorgespannten Triumpheseln einherzufahren. Das angenehme Gefühl des Geliebtwerdens ist das angenehme Gefühl der Eitelkeits- befriedigung. Das peinliche Gefühl des Nichtgeliebtwerdens, der sog. unglücklichen Liebe, ist verletzte Eitelkeit. Daher wird mit dem Geliebtwerden bekanntlich renommirt, wovon man sich an Bierkränzchen ebenso sehr, wie in beschränkterem Grade an Kaffeecoronen überzeugen kann. Dieses Benom- miren mit der Gunst gilt anscheinend, wenigstens bei Männern, als das Schönste einer jeden Liaison ; daher es immer ge- schieht, obschon Jeder weiss, dass er sich damit die Chancen für spätere Erfolge verdirbt. Die Furcht vor dieser Benom- mage ist ja eines der wichtigsten Hemmnisse für eine Frau, sich in Liebeleien einzulassen. Der Bath Goethe’s, „ver- schwiegen“ zu sein, wird desshalb nicht befolgt, weil damit die grösste Würze entfallen würde. Der Grund dieser Benommage liegt eben darin, dass man annimmt, die Liebe sei der Preis für die Vortrefilichkeit der ganzen Person. Wie derjenige, der eine grosse Meinung hat von einer bestimmten Fähigkeit, die er zu besitzen glaubt, sich freut, wenn diese Fähigkeit durch einen Titel, einen Orden, einen Salamander u. dgl. anerkannt wird, so freut sich der durchschnittliche Mensch über diejenige Auszeichnung, die der Synthese seiner einzelnen Eigenschaften, seiner ganzen „Per- son“ gezollt wird. Diese Auszeichnung ist aber das Geliebt-* werden. Hierbei wird von der Voraussetzung ausgegangen, dass Personen des anderen Geschlechts einen besonders feinen Instinct haben, um den Werth der Person zu schätzen. 203 Insbesondere hält man die Frauen für besonders begnadet mit diesem Instinct. „Weiber, richtet mir nicht des Mannes einzelne Thaten, Aber über den Mann sprechet das richtende Wort.“ In Parenthese bemerke ich, dass letztere Annahme durch- aus irrig ist. Eine Frau kann nur die Währung, aber nie den Werth eines Mannes schätzen. Sie macht die Synthese des Mannes aus Waden, Titel und Credit. Bei der Taxirung der- jenigen Fähigkeiten, die man nicht sehen oder messen kann, richtet sich die Frau immer lediglich nach der Prägung durch die allgemeine Meinung. Eine Frau hat noch niemals einen grossen Mann „entdeckt.“ Alle bedeutenderen Männer haben, wenn sie sich jung verheiratliet haben, Frauen erobert, die relativ unbedeutend waren, die sie ebenso gut bekommen hätten, wenn sie mit Beibehaltung ihrer äusseren Qualitäten unbedeutend gewesen wären. Ein bedeutender Mann, der eine Frau hat, die höher steht, wie er sie nach den äusseren Eigenschaften, in denen er geboren, erwarten konnte, hat immer erst später geheirathet. Alle bedeutenderen Männer haben in höheren Semestern mehr Frauenliebe erfahren, wie im jüngeren, was nicht im geringsten darauf zurückzuführen ist, dass das Alter an sich von Frauen besonders geschätzt wird. Oft sind Männer, die nach Bekanntwerden ihrer Grösse von Frauen umschwärmt worden sind, in ihrer Jugend von den Frauen relativ vernachlässigt worden. Goethe z. B. hat in seiner Jugend allerdings viel Glück bei Mädchen gehabt. Gretchen und Friederike waren gewiss ideale Mädchen, denn sonst würde Goethe sie nicht idealisirt haben, aber es -waren doch bescheidene Laden- und Landmädchen, und es ist als sicher anzunehmen, dass jeder andere Patriciersohn bei ihnen ähnliches Glück gehabt hätte. Das erste Mädchen, die ihm in der gesellschaftlichen Hierarchie nach ihrer Ansicht etwas über war — die Bankierstochter Lili — hat ihn so hoch- fahrend behandelt, dass er sie hat aufgeben müssen. Und doch dürfen wir uns die Lili nicht als besonders dummes Mädchen vorstellen. Hätte Lili auch nur den aliquoten Theil der Grösse Goethe’s erkannt, würde sie ihn etwas weniger ver- 204 letzend behandelt haben. Bismarck erhielt in seiner Jugend von einem jungen Mädchen einen Korb, mit der Motivirung, sie wolle in der Welt glänzen und ziehe daher die alte Ex- cellenz X. als Ehemann vor. Und doch hatten Goethe und Bismarck Eigenschaften, von denen man noch am ehesten annehmen könnte, dass eine Frau sie taxiren kann. Wenn nun eine Frau nicht einmal den genialen Dichter und den geistreichen Redner entdecken kann, wie wird sie dann den scharfsinnigen Mathematiker, Philosophen oder Physiker ent- decken können? Wenn aber einmal eine Frau daran geht, die Grösse eines Mannes aus eigenem Urtheil, bevor die öffentliche Meinung sich über dieselbe ausgesprochen, zu bestimmen, dann irrt sie sich immer. Diese Unfähigkeit der Frauen, den Werth eines Mannes zu erkennen, ist Schuld an der so unschönen Erscheinung des Streberthums, welches sich in der Männerwelt so breit macht. Der Mann ist Streber, um eine Partie machen zu können, die seinem Werth, den er zu besitzen glaubt, entspricht. Er weiss nun sehr wohl, dass eine Frau nicht bestimmen kann, was er ist, sondern nur das, was er geworden ist, daher das Bestreben, möglichst schnell etwas zu werden. Da man nun doch regulär wirkliche Leistungen noch nicht vollbracht haben kann zu der Zeit, in der das Bedürfniss nach Liebe erwacht, so suchen die Männer nach Auszeichnungen, die ihre Leistun- gen übertreffen, und das ist eben Streberthum. Nicht einmal in dem Punkte können die Frauen den Werth eines Mannes richtig taxiren, in dem man es am ehesten erwarten sollte, nämlich in seiner vita sexualis, sonst würden berühmte Hungerkünstler oder Violinvirtuosen nicht so viele Liebesbriefe erhalten. Etwas ähnliches gilt von den Männern in Bezug auf die Frauen, obsclion nach meiner Ansicht die Männer den Werth einer Frau besser taxiren können, wie die Frauen den Werth eines Mannes, was wohl mit der geringeren Complexität des weiblichen Werthes zusammenhängt. Ich glaube, die besten Beurtlieiler der Frauen sind die Frauen selbst, wie die besten Taxirer der Männer die Männer sind. 205 Aber die Menschen glauben nun einmal das Umgekehrte. Besonders glauben sie, dass das andere Geschlecht ein beson- deres Talent besitze, die sexuelle Fähigkeit herauszuwittern. Nun sind die Menschen, sowohl Männer wie Frauen, im Allge- meinen auf nichts mehr eitel, wie auf ihre sexuellen Beize. Selbst Männer, die eine unglaubliche Meinung von ihrem Genie besitzen, betrachten das Epitheton „impotent“ für belei- digender, wie das Wort bornirt. Gäbe es einen Titel wie „For- nicationsrath,“ oder eine Anrede wie „Potenz,“ so würden die- selben noch begehrter sein, wie der Titel „Commissionsrath“ oder die Anrede „Excellenz.“ Auf die Testikel sind die Männer immer mehr eitel, wie auf das Gehirn; selbst dann, wenn sie ein gutes Gehirn haben. Diese Eitelkeit mag übrigens eine gewisse Berechtigung haben. Das Gehirn repräsentirt ebenso, wie alle anderen Organe, z. B. Muskeln, nur die kurze Gegenwart, -während die Testikel die unendliche Zukunft dar- stellen. Hieraus erklärt sich zur Genüge das Versessensein der Menschen auf die Eitelkeitsbefriedigung, die ihnen das Geliebt- werden verschafft. Hieraus erklärt sich auch, wesshalb dieses Bedürfnis« beim Weibe grösser ist, wie beim Manne. Ein Mann ist ausser Sexualwesen doch noch etwas Anderes, oder bildet sich ein, etwas Anderes zu sein. Ein Weib aber ist, sehr seltene Aus- nahmen abgerechnet, eben nichts mehr wie Sexualwesen. Ich meine, das einzige, wodurch das eine Weib mehr sein kann, wie das andere, sind ihre sexuellen Qualitäten als Frau und Mutter, während Männer sich auch durch andere Qualitäten unterscheiden können. „Ich bin die Verfasserin von Co- rinna4.“ „Ich bin die Mutter Goethe’s.“ Mit diesen Worten stellten sich die Frau Bäthin und Madame de Stael vor. Wer war die grössere von beiden ? Dieses Bediirfniss nach der Eitelkeitsbefriedigung des Geliebt Werdens ist beim Weibe so gross, dass ein Weib das nie, oder doch nie von einem in Betracht kommenden Manne geliebt worden ist, nicht alt wird und das bekannte wind- schiefe Aeussere der „alten Jungfer“ bekommt. Die Mehrzahl der Menschen schieben diese regressiven Metamorphosen auf 206 den Mangel an Befriedigung der Libido oder auf den Mangel des Titels Ehefrau und Mutter. Las ist sehr oberflächlich. Ein Mädchen, das in’s Kloster geht, bekommt Rang und Cha- rakter einer Ehefrau und Mutter. Sie verliert den beschämen- den Titel Fräulein. Ist sie nie geliebt worden, ist sie z. B. wegen verschmähter unglücklicher Liebe in’s Kloster ge- gangen, so wird sie doch nicht alt. Eine Prostituirte hat Gelegenheit, ihre Libido zu befriedigen, und doch bekommt sie den altjungfräulichen Habitus, wenn sie nicht Ehefrau wird. Ein Mädchen, das in jungen Jahren von einem Manne, auf den sie stolz sein konnte, geliebt worden ist, bei der es aber nicht zu Ehe und Coitus gekommen ist aus Gründen, die ihre Eitel- keit nicht verletzen, oder derselben sogar schmeicheln, wie etwa durch den Heldentod ihres Liebhabers im Kriege oder dadurch, dass derselbe etwa in einem Duell zu ihrer Vertliei- digung gefallen u. dgl., ein solches Mädchen wird nicht kränkeln und den Habitus der „alten Jungfer4, nicht bekommen, auch wenn sie nie coitirt und nie lieiratliet. Die Statistik lehrt, dass Klosterfrauen entweder sehr alt werden oder sehr früh sterben. Forscht man nach, findet man, dass diejenigen, die alt werden, einmal genügend geliebt worden sind, diejenigen, die jung sterben, nicht in entsprechender Weise geliebt worden sind. Die Grösse des Geliebtwerdens wird gemessen nach der Grösse der Opfer, die der Liebe gebracht werden. Daher die Neigung, dem Triumphesel möglichst viele Lasten aufzu- packen. Wenn eine Frau von ihrem Geliebten pecuniäre Opfer verlangt, so ist das keineswegs immer als Habgierde aufzufassen. Selbst die reichsten Frauen, denen der Geld- wertli an sich völlig gleichgültig ist, sehen solche Opfer gerne ; sie schliessen daraus auf die Grösse der Liebe. Noch lieber ist ihnen allerdings ein Opfer des Lebens, z. B. ein Duell. Die grösste Freude aber, die ein Mann einer Frau machen kann, womit er sicherlich die lebenslängliche Gunst auch der kühl- sten Frau erwerben wird, ist, dass er sich für sie — erscliiesst. 207 Nachträge. § 109. Psychologie der Eifersucht. Die vita sexualis ist bekanntlich, der Grund zu vielem Streit. Cunnus teterrima belli causa. Chercliez la femme. Mit demselben Kecht könnte man sagen : Penis teterrima belli causa, und : Chercliez l’homme. Diese sexuellen Motive für Streitigkeiten nennt man Eifersucht. Ein Mann ist eifersüchtig auf eine Frau, die er untreu glaubt, und auf einen Mann, von dem er fürchtet, dass er diese Frau zur Untreue verleiten wird. Das Umgekehrte gilt für die Erau. Wir ge- brauchen das Wort Eifersucht eigentlich also für zwei, aller- dings benachbarte Begriffe. Es begreift in sich die Abwehr der Untreue und die Abwehr der Nebenbuhler- schaft. Wir wollen hier fragen, welches die Psychologie der Eifer- sucht ist ? Viele glauben, die Eifersucht entstände dem Unlust- gefühl, welches die Ungewissheit der Nachkommenschaft erzeuge. Dieses mag sehr oft zutreffen, aber sicher nicht immer, da wir die Eifersucht auch dort finden, wo diese Un- gewissheit nicht entsteht, z. B. bei Sterilität oder wo die etwaige Nachkommenschaft sehr gerne einem anderen ange- hängt wird. Andere definiren die Eifersucht als Unlustgefühl, hervor- gegangen aus dem totalen oder partiellen Verlust der Liebe und ihrer Vortheile. Auch dieses kann nicht immer richtig sein, da wir Eifersucht auch sehen gegen Personen, die garnicht geliebt werden. Das Aufhören der Liebe hat keineswegs das Aufhören der Eifersucht zur Eolge. Die Intensität der Eifer- sucht ist keineswegs proportional der Intensität der Liebe. Ein Mann ist auch eifersüchtig auf die Frau, die er tödtlich hasst. Viele definiren die Eifersucht als Unlustgefühl, hervor- gegangen aus der Besitzstörung. „Was nützet mir der schöne Garten, wenn andere darin spazieren gehen etc.“ Dieses 208 Motiv der Eifersucht kommt gewiss oft vor, kann aber doch die Eifersucht nicht immer erklären, da es Besitzstörungen giebt, die keinerlei Eifersucht erzeugen. Der Ehemann ist eifersüchtig auf seine Ehefrau und auf deren Liebhaber ; aber der Liebhaber einer Ehefrau ist regulär weder eifersüchtig auf den Ehemann noch auf dessen Frau. Und doch muss man sagen, dass der blindeste Ehemann dem Liebhaber den Besitz mehr stört, wie der begünstigste Liebhaber den Besitz des Ehemannes. Diese Besitzstörung seitens des Ehemannes ist dem Lieb- haber nicht nur nicht unangenehm, sie macht ihm sogar in der Regel bekanntlich Spass. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass diese Freude um so grösser ist, je strenger der Ehemann ist, also je grösser die Besitzstörung ist. Die Erau des als nachsichtig bekannten Mannes verliert an Reiz. Eine Frau ist ceteris paribus für einen Don Juan immer begehrens- werther, wie eine Jungfrau, eine Wittwe oder geschiedene Frau, obschon er letztere ungestört besitzen kann. Eine Ehefrau wird höchstens noch von der erklärten Braut aus- gestochen. Es ist dieses so wahr, dass es gar kein besseres Mittel für ein Mädchen giebt, um Liebhaber zu acquiriren, wie sich zu verlieirathen. Es giebt gewissenlose junge Mäd- chen, welche nur desshalb einen Mummelgreis lieiratlien, um mehr Liebhaber zu bekommen. Die Franzosen haben dieses sehr gut eingesehen, und manche französische Ehebruchs- Comödie behandelt solche Verhältnisse. In englischredenden Ländern haben die Misses hierauf sogar eine recht practische Speculation aufgebaut, um schneller unter die Haube zu kommen. Sie verloben sich mit dem in der Regel sehr jungen Mister X, von dem sie wissen, dass er sie erst nach sehr langer Zeit lieiratlien kann. Das macht sie dem älteren im nubilen Alter stehenden Mister Y. begehrenswerter und sie hei»atlien dann den Mister Y., der nie auf sie angebissen hätte, wenn sie nicht die Braut des Mister X. gewesen wären. Es gilt näm- lich in diesen Ländern, im Gegensatz zum continentalen Europa, keineswegs als Zeichen von Leichtsinn für ein Mäd- chen, sich von ihrem Bräutigam zu entloben und einen anderen zu lieiratlien. Es gilt dieses sogar als recht vernünftig, wenn 209 der zweite Mann mehr „werth“ ist, als der erste. Das wird als Zeichen von Ernst interpretirt. In Folge dessen verlangt die öffentliche Meinung in diesen Ländern auch nicht, dass der Exbräutigam den zweiten fordere oder boxe. Das wäre ein Angriff auf die persönliche Freiheit des Weibes. Man ver- langt vielmehr philosophische Resignation, die man keines- wegs als Kneiferei auslegt. Der Brautstand gilt dort um ebenso viel unheiliger, wie die Ehe im Allgemeinen für heili- ger erachtet wird. Solche Ereignisse kommen so oft vor, dass man gar nicht besonders davon spricht. In grossen Städten haben die Hetären eine ähnliche Speculation ersonnen. Sie haben beobachtet, dass sie mehr und rentableren Zulauf haben, wenn sie die erklärte Maitresse irgend eines Cavaliers sind, wie wenn sie frei sind. Je grösser der Name dieses Cavaliers, um so rentabler und grösser der Zulauf. In Folge dessen lassen sie sich von irgend einem hochstehenden Cava- lier, auch wenn er „stier“ ist, zur Maitresse proclamiren. Das ist nicht schwer, wenn sie demselben weiss machen, das,s sie ihn nur „um seiner selbst willen lieben,“ was jeder ältere Cavalier ohne Weiteres glaubt. Der Cavalier spielt damit die Rolle einer Art von senex matrimonialis. So ist beiden Theilen geholfen. Die Hetäre bekommt Zulauf und der Cavalier kann in seinem Club wieder mit Selbstbewusstsein auftreten. Es giebt selbst Cavaliere, die diese Speculation ihrer Maitressen kennen, und die ein Auge zudrücken, um die Welt glauben zu machen, der Luxus dieser Hetäre rühre von ihrem eigenen Gelde hei, um damit ihre Insolvenz zu verdecken. Dieses Quasi-Louis- thum setzt aber schon einen bedeutenden Grad von Herunter- gekommenheit voraus. Ich habe diese Dinge von einigen Hetären, die ich an Lues und Gonorrhöe behandelt habe, direct erfahren, mit Anführung zahlreicher Beispiele. Auch hier erzeugt die Existenz des nebenbuhlerischen Cavalierä und die Untreue der Hetäre keine Unlust-, sondern Lustge- fühle. Es giebt eben zwei Arten von Untreuen und Nebenbuhler- schaften, solche die Unlus tgefühle erzeugen und solche die Lustgefühle erzeugen. Dieses letztere paradoxe Phänomen ist es, worauf ich hier aufmerksam machen möchte. 210 Welches ist unter solchen Umständen die Psychologie der Eifersucht ? Das Geheimniss der Eifersucht scheint mir die Blamage zu sein. Wir haben früher gesehen, dass das an- genehme Gefühl des Geliebtwerdens eine Eitelkeitsbefriedi- gung ist. Eine Frau, die einen Mann liebt, schmeichelt damit seiner Eitelkeit. Wenn aber eine Frau zwei liebt, so ehrt sie regulär nur einen, den anderen blamirt sie. Den einen ehrt sie sogar besonders. Der Blamirte ist immer derjenige, der die grösseren Hechte hat; dieser wird eifersüchtig. Der Geehrte ist der mit den geringeren Beeilten ; der hat Freude. Diese Psychologie erklärt uns alles. Der Ehemann ist der Blamirte, darum ist er eifersüchtig, auch wenn seine Frau steril ist, wenn er sie hasst, und wenn er sie am liebsten los wäre. Der Liebhaber der Ehefrau ist nicht blamirt, folglich ist er nicht eifersüchtig; er ist sogar geehrt, folglich macht ihm die Sache Vergnügen. Je höherstehend der Ehemann ist, um so mehr Spass macht seine Nebenbuhlerschaft dem Lieb- haber. Von zwei Liebhabern eines Mädchens ist derjenige, der sie heirathen will, eifersüchtig auf den anderen, nicht aber umgekehrt, weil der erstere blamirt wird, der letztere nicht. Der Cavalier ist vielleicht auf seine Maitresse und deren Lieb- haber eiferüchtig, weil er durch dieselbe blamirt wird; die Liebhaber sind aber auf den Cavalier nicht nur nicht eifer- süchtig, sondern renommiren mit seiner Existenz. „Habe gestern mit der Maitresse des Grafen X. soupirt, nur Tausend Mark gekostet etc.“ Die Möglichkeit solcher Renommagen ist es ja gerade, die den Zulauf erzeugt. Je grösser die Rechte sind, um so grösser die Blamage, um so grösser die Eifersucht, daher die Eifersucht auf Ehefrauen immer die grösste ist. Wenn einmal keiner von beiden der Blamirte ist, z. B. wenn die questionirte Frau eine Prostituirte ist, entsteht auf keiner Seite Eifersucht. Eine Frau blamirt in den Augen der Welt einen Mann, der an sie Rechte hat, durch Untreue offenbar desswegen, weil diese selbe Welt, wie schon früher gesagt, der Ansicht ist, die Frau habe einen besonders feinen Instinct für die Taxirung des Wertlies eines Mannes. Untreu sein heisst also sym- bolisch dem Manne einen geringen Werth beilegen. 211 Diese Psychologie ist uacli mehrfacher Richtung incorrect. Zunächst sind viele Frauen untreu nur aus Veränderungstrieb, aus Neugierde. Variatio delectat. Manche Frau schätzt ihren Mann viel höher, wie ihren Liebhaber, und ist doch untreu. Dasselbe Motiv spielt beim Manne eine noch viel grössere Rolle. Sodann ist diese Psychologie fehlerhaft, weil Frauen, wie ebenfalls schon früher gesagt, keineswegs diesen feinen Instinct in der Beurtheilung des Manneswerthes besitzen. Allein, nur in den seltensten Fällen ist man geneigt, dieses zuzugeben. Napoleon I. hat systematische Untreue von seinen beiden Ehe- frauen erfahren. Hier war indessen der Irrthum in der Werthschätzung des Mannes auf Seiten beider Frauen so handgreifbar, dass Napoleon dadurch nicht blamirt erscheint. Auch die grössten Gegner Napoleons, selbst unter den Fran- zosen, haben ihm nie das „mot de Moliere“ nachgerufen. Hier erscheinen die Frauen als die Blamirten. Anders hat die Welt über Menelaos geurtheilt. Selbst Shakespeare macht sich über ihn lustig, offenbar weil es als zweifelhaft erscheint, ob Helena sich so sehr geirrt hat. Hätte Menelaos den Paris im Zweikampf auf Anhieb abgestochen oder todtgeschlagen, würde er nicht als lächelnerregend weitergelebt haben. Die Eifersucht des Ehemannes erstreckt sich selbst auf die Vergangenheit, wenn die voreheliche Liebe seiner Frau ihn blamirt. Blamirt sie ihn nicht, wie z. B. wenn er eine Wittwe geheirathet, so erstreckt sich seine Eifersucht nicht auf diese Vergangenheit. Bei einer Frau ist dieses anders. Man denke an die Begegnung von Brunhilde und Chrimhilde beim Kirchgang. Als Brunhilde arrogant den Vortritt ver- langt, demüthigt Chrimhilde sie mit der Bemerkung, ihr Mann habe sie ja schon vorher besessen. Es ist noch nie vorge- kommen, dass etwa ein Ehemann einen früheren Geliebten seiner Frau damit zu erniedrigen versuchte, dass er ihm vor- warf, seine Frau habe ihn ja früher schon einmal verführt. Hier trifft höchstens das Umgekehrte zu. Der frühere Lieb- haber demüthigt den Ehemann. Wenn der Ehemann servil, der frühere Liebhaber aber ein hoher Herr war, so fühlt sich der Ehemann auch gelegentlich geehrt. Dann entfällt auch die 212 Eifersucht. Es ist daher für eine Ehefrau, der ihr Mann ein voreheliches Verhältniss vorwirft, durchaus verfehlt, diesen Yorwurf mit dem gleichen Vorwurf, auch der Mann habe vor der Ehe Verhältnisse gehabt, zu begegnen. Die vorehelichen Liebhaber der Frau sind für einen Mann ein Gegenstand der Blamage, die vorehelichen Geliebten des Mannes sind aber für die Frau kein Gegenstand der Blamage, sondern vielleicht der Renommage, wie bei Chriemhilde. Wenn es nun wahr ist, dass diese Art von Eifersucht eine Reaction gegen die mit der Untreue und Nebenbuhlerschaft verbundene Blamage ist, so muss also diese Reaction der Grösse der Blamage proportional sein. Diese ist aber keines- wegs der Grösse des Delictes proportional. Ein nicht öffent- lich gewordener consumirter Ehebruch erzeugt daher eine geringere Reaction, wie etw-a ein öffentlich gewordenes ver- dächtiges Rendezvous oder ein Kuss u. dgl. Dieselbe Hand- lung begangen mit einem Manne, der schweigen muss, z. B. einem Prälaten, erzeugt eine geringere Reaction, wde wenn sie mit einem Renommisten, etwra einem Schwengel, begangen wird. Die Untreue einer Frau ist schon desswegen schwerer, wie die eines Mannes, wreil ein Mann leicht damit öffentlich renommirt, eine Frau aber nicht. Eine Frau, die über ihren Mann öffentlich ein missachtendes Wort ausspricht, blamirt ihn mehr, wde wenn sie geheim eine Handlung der Untreue begeht. Unter solchen Umständen begreife ich nicht, wde Dumas in seiner Comödie „Francillon“ den Franzosen, die doch in diesen Dingen Kenner sind, den Satz aufbinden konnte, es käme nur auf consumirten Coitus an, und ein Austern-Souper mit Champagne frappe im chambre separee mit einem sicher- lich damit renommirenden Schwengel, wobei aber durch eine merkwürdig scharf ersonnene Verkettung von Umständen exact deducirt werden kann, dass kein Coitus stattgefunden, sei als eine culpa levis aufzufassen. Da gefällt mir Caesar’s Ansicht besser : Caesar’s Frau soll nicht einmal in den Verdacht kommen. Es giebt nun anerkanntermaassen eine berechtigte und eine unberechtigte Eifersucht. Offenbar ist diejenige Eifer- sucht berechtigt und ehrt den Eifernden, durch welche gegen 213 eine begründete Blamage reagirt wird. Dieses setzt zunächst Rechte voraus. Eifersüchtig sein z. B. auf ein Mädchen, an die man gar keine Rechte hat, bloss weil sie einen Anderen vorzieht, ist ein Zeichen von Minderwertigkeit. Es setzt ferner eine als blamirend anerkannte Handlung voraus. Hier sind nun etwas verschiedene Ansichten möglich. Selbst- verständlich sind Coitus, tactus turpes, Kuss u. s. w. seitens einer Frau den Mann blamirende Handlungen. Aber offenbar gehört nicht jede Erotik hierher. Ein Tanz z. B., obschon auf Erotik beruhend, gilt nicht als blamirend. Derselbe erzeugt daher auch keine Reaction der Unlust, sondern oft der Lust. Der Mann einer Frau, die auf einem Balle schimmelt, ärgert sich mindestens ebenso viel, wie die Frau selbst. Ein Mann würde solche kleinere Erotik mit Recht nur dann nicht ge- statten, wenn er in dem anderen Manne einen würdelosen Renommisten vermuthete. Sonst blamirt er sich oder injurirt seine Frau. Uebertriebene Eifersucht ist also ebenso blamirend wie übertriebene Nachsicht. Es ist allerdings hier schwer, die Grenze zu finden. Die Orientalen haben diesen Knoten in der Weise zerhauen, dass sie eben jede Erotik der Frau ver- urtheilen. § 110. Ueber sexuelle Tugend. Die sexuelle Tugend ist etwas ganz anderes beim Weibe, wie beim Manne. Dieselbe Handlung, die das Weib entehrt, beschimpft den Mann noch lange nicht. Das bleibt wahr, auch wenn man keineswegs der Ansicht ist, dass sie den Mann ehrt. Selbst die Moralisten sind dieser Ansicht. Yir forni- cando non fit notabiliter vilior, mulier autem fit. Dieses doppelte Maass, womit die beiden Geschlechter gemessen werden, hängt offenbar zunächst mit der Ver- schiedenheit der Anatomie und der Physiologie der beiden Geschlechter zusammen. Eine Frau verändert sich anato- misch durch die Defloration, der Mann nicht. Die Frau kann durch Fornication schwanger werden, der Mann nicht. Die Frau verändert durch die Schwangerschaft ihre grobe Anato- 214 mie, und sie ändert sicli functioneil, indem sie in Folge eines noch unerklärten Mechanismus einen Character indelebilis von ihrem Schwängerer eingeimpft erhält; beim Manne ist von allem diesem keine Rede. Diese und noch verschiedene andere physiche Verschiedenheiten der Geschlechter haben zuerst die verschiedenen Taxirungen ihrer Moral veranlasst. Ich glaube aber, dass noch ein anderer Grund mitgewirkt hat, auf den ich hier aufmerksam machen möchte. Wenn ein Mann einer Frau Anträge irgend welcher Art macht, und die Frau ablehnt, so ist dieses für den Mann keinerlei Beleidi- gung. Eine ablehnende Frau wird von dem Manne nie gehasst, sondern in der Regel höher geschätzt, es sei denn, dass sie dieses mit Abneigung motivirt, oder der Mann ihr diese Motive unterschiebt. Wenn aber eine Frau einem Manne Avancen macht und der Mann ablehnt, so ist dieses immer die tödtlicliste Beleidi- gung für eine Frau. Eine solche Frau hasst immer den Mann bis in den Tod, selbst wenn er als Motiv die Tugend und das sechste Gebot Vorbringen sollte. So hasste Frau Potiphar den Joseph. So hat Helene den Ferdinand gehasst, nachdem er die ihm gemachten Avancen nicht ausgebeutet, sondern tugendhafter Weise erst Eheschliessung verlangte. Wir können diesen Satz noch in der Weise verschärfen, dass wir sagen, eine Frau hasst selbst denjenigen Mann, der ihr nie die Gelegenheit giebt, ihn abzuwehren. Auch die tugendhafteste Frau will in einer den Umständen angemesse- nen Weise hofirt werden. Geschieht dieses nicht, so fühlt sie sich entweder beleidigt oder betrachtet den Mann als Pinsel. Wehrt sie nicht ab, so heisst das, dass sie nunmehr ener- gischer hofirt werden will. Geschieht dieses nicht, fühlt sie sich wieder beleidigt u. s. w. Stillstehen ist gleich Zurück- gehen. Die Grenze zwischen Hofiren und Attaquiren lässt sich nun in praxi ungeheuer schwer ziehen. Das Resultat ist, dass eine Frau entweder irgendwo abwehrt, oder verführt, oder tödtlich beleidigt wird. Man muss dieses wissen, um die grösste Mehrzahl der Verhältnisse in ihrer Genese und ihrem Verlauf verstehen zu können. Mann und Weib (Mädchen etc.) kommen irgendwo, 215 z. B. im Salon, auf dem Spaziergang, auf einem Ball u. dgl. zusammen. Der europäische Anstand verlangt bei Berührun- gen zweier Menschen Unterhaltung. Der orientalische An- stand verlangt nur das Stammeln bestimmter sacramentaler Höflichkeitsphrasen. Ein Europäer, der sich hierauf be- schränken wollte, würde als Kümmeltürke angesehen werden. Worüber soll nun geredet werden? Ich habe einmal alle Complimentirbiicher, die ich auftreiben konnte, hierüber con- sultirt. ohne Erfolg. Die Theorie der Unterhaltung muss noch geschrieben werden. Die Antwort ist offenbar verschieden, je nachdem Mann mit Mann, Weib mit Weib, oder Mann mit Weib redet. Hier fragen wir nun, welche Materien kann ein Mann mit einer Erau reden ? Offenbar über Materien, die ihnen beiden bekannt sind. Was sind diese Materien? Theater, Bomane, Gedichte, Musik, Tagesereignisse, Familienverhältnisse, popu- läre Wissenschaften etc. Alles dieses ist aber nach einer gewissen Zeit ausgeredet. Dann stockt die Unterhaltung, es sei denn, dass in irgend einer Form die Curschneiderei, ferner z. B. die Einladung zu einem Ball, zu einem Concert, zu einem Ausflug u. dgl. sich einstellt. Der Beginn der Curschneiderei ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nur ein Liicken- biisser und die Folge des Stockens der Unterhaltung, ver- bunden mit dem Bestreben, höflich zu sein. Daher tritt die Curschneiderei um so eher ein, je geistloser und wortarmer die Frau ist, mit der zu reden Pflicht ist. Der Anfang ist pflieht- mässige Höflichkeit des Mannes, das Ende hängt von der Frau ab. Es sind mir Fälle bekannt, wo ein Mann auf die Abwehr der Frau mit Sehnsucht, aber vergeblich, wartete und schliess- lich mit saurem Scliweiss in den verbotenen Apfel der Ver- führung biss, nur um nicht zu beleidigen. Dieses ist auch ein Grund dafür, dass Mann und Frau mit verschiedenem moralischenMaass gemessen werden. Man hat in der That nur dann das Recht, einem Mann mit gröberen Vorwürfen zu kommen, wenn er hinreichend verdächtig ist, raffinirtere Verführungskünste angewendet zu haben. Es giebt eine Strömung, welche dieses doppelte Maass für ungerecht hält. Beide Geschlechter sollen bei gleichen Hand- 216 lungen gleich beurtheilt werden. Hier giebt es nun wieder Verschiedenheiten. Die einen verlangen für die Frau dieselbe Nachsicht, die der Mann geniesst, die anderen verlangen für den Mann dieselbe Strenge, unter der die Frau steht. Es ist keine Aussicht vorhanden, dass diese Gleichheit je erzielt wird, so lange die physischen Verschiedenheiten bestehen und so lange die Ansicht besteht, dass der abwehrende Mann tödtlich beleidigt, die abwehrende Frau aber nicht. § 111. Einiges über weibliche Tugend. Wir wollen jetzt noch einige Eeflexionen machen über die weibliche Tugend. Die Tugend einer Frau kann verschiedene Motive haben. Es giebt zunächst Frauen, die tugendhaft sind „aus Tugend.“ Dieser Ausdruck, tugendhaft sein aus Tugend, heisst so viel wie, dass man gewisse Dinge unterlässt, weil die Philosophen und Theologen nun einmal erklärt haben, dass diese Dinge nicht geschehen sollen, ohne sich aber weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, welche Motive denn diese Lehrer bei diesem Verbot geleitet haben. Es giebt sodann Frauen, welche für ihre Tugend bestimmte klarerkannte Motive haben. Solcher Motive giebt es eine ganze Anzahl: Liebe zum Mann, Furcht in’s Gerede zu kom- men, Furcht vor Prägnanz, Frigidität etc. Es giebt eine sehr grosse Anzahl solcher Motive. Eines dieser Motive, auf welche ich hier die Aufmerksam- keit lenken möchte, ist die Hässlichkeit. Schon Goethe sagt in „Faust,“ II. Theil, III. Act, es sei ein alter Satz, der ewig wahr bleibe, dass Schönheit und Tugend nie vereint auf den Pfaden dieser Welt wandeln. Schönheit hat schon manches Mädchen glücklich und manches unglücklich gemacht, wie Gretchen. „Schön war ich auch, und das war mein Ver- derben.“ Wir müssen aber hier eine zweifache Art von Hässlichkeit unterscheiden. Es giebt eine Hässlichkeit, die man sehen kann, z. B. ein hässliches Gesicht oder eine krumme Figur, 217 und eine solche, die man in Folge der Kleidung nicht sehen kann, z. B. eine Colonie melanotisclier Verrucen am Abdomen, Ulcera an den Mammae etc. Die sichtbare Hässlichkeit ver- grössert die Tugend einer Frau aus naheliegenden Gründen; diese Hässlichkeit verringert eben die Anzahl der Versuchun- gen. Non peccavit quia peccare non potuit. Die unsicht- baren verborgenen Hässlichkeiten vergrössern die Tugend, nicht weil die Versuchungen fehlen, sondern aus Furcht, Fiasco zu machen. Da dieses Motiv einer Frau dritten Leuten regu- lär unbekannt zu sein pflegt, so gelten solche Frauen immer als sehr tugendhaft, da sie nicht fallen, wo sie fallen konnten. Beatus qui peccare potuit et non peccavit. Dieses Motiv ist sehr häufig vorhanden; man muss es kennen, um manche Erscheinungen des täglichen Lebens und selbst der Weltgeschichte verstehen zu können. Eine junge Frau wurde einstens von einem tumor mammae durch Ampu- tation eines aliquoten Theiles dieses Organes befreit. Vor der Operation war sie von grossem Leichtsinn gewesen, von der Operation ab wurde sie indessen eine wahre Tugend- boldin. Sie gab ihre Cavaliere auf und heirathete — sie war Wittwe — einen ihrer Commis, einen strebsamen jungen Mann, der ihr bis dahin als Factotum gedient, mit dem zusammen sie ihr Geschäft mit erneuerten Kräften fortsetzte, eine Anzahl Kinder zeugte und in der Furcht des Herrn erzog. Diese Bekehrung war für die ganze Nachbarschaft um so er- baulicher, als diese Frau sich noch ziemlich weit befand von dem canonischen Alter, in dem die Bekehrungen ja physio- logisch zu sein pflegen. Nur die Operateure und vermuthlich der glückliche Ehemann kannten den wahren Grund dieser Tugend. Wäre die Frau mit nur einer Mamma geboren, würde sie von Jugend an Tugend practicirt haben. Hätte sie ihre Mamma nicht verloren, würde sie vermuthlich bis zum canonischen Alter leichtlebig geblieben sein. Wir alle wissen, dass Heinrich VIII. von England sich sterblich in das Hoffräulein Anna Boleyn verliebte, dass er, um dieselbe heirathen zu können, gegen seine langjährige legitime Ehefrau, die Königin, eine Ehescheidungsklage vor- brachte, und als er damit von den geistlichen Gerichten abge- 218 wiesen wurde, sich sogar von der römischen Kirche trennte, eine neue Kirche gründete und die Scheidung selbst aussprach. Kurze Zeit nach der Heiratli wurde seine Frau ihm aber leid und sobald sie ihr Kind, die spätere Königin Elisabeth, ge- boren hatte, liess er sie hinrichten, angeblich wegen Ehe- bruch, um eine dritte Frau heirathen zu können. Das wissen wir alle; wenige kennen von dieser Geschichte noch den Umstand, dass er die Anna Boleyn nur desshalb lieirathete, weil dieselbe sich constant weigerte, ohne den Ring am Finger sich dem Könige zu ergeben. Dieser Umstand geht deutlich aus den Briefen hervor, die der König ihr vor der Heiratli geschrieben. In diesen Briefen drückt der König die hef- tigste Sehnsucht aus, ,,endlich allein“ mit ihr sein und ihre beiden Mammae, denen er ein Paar schöne Epitheta ornantia giebt, liebkosen zu können. Wer diese Geschichte liesst, begreift mancherlei nicht, zu- nächst nicht, wie ein Mädchen ihre Tugend so energisch gegen- über einem König vertheidigen konnte; sodann wie dieses Mädchen als Ehefrau dieselbe so plötzlich an einen Unter- thanen verlieren konnte ; zuletzt begreift man nicht, wie einem Manne eine Frau so schnell leid werden konnte, nachdem er sich solche Mühe gegeben, sie zu besitzen. Die Geheimgeschichte dieser Liebesaffaire, welche so ener- gisch in die Weltgeschichte eingegriffen hat, war eine verborgene Hässlichkeit der Boleyn. Diese Frau hatte am Abdomen näm- lich eine dritte Mamma. Es ist dieses eine sehr seltene Miss- bildung, ein Atavismus. Hieraus erklärt sich alles. Zunächst erklärt sich hieraus ihre Standhaftigkeit in der Vertheidigung ihrer Tugend vor ihrer Verheiratliung. Sie wusste, dass der König sie nach der ersten Nacht verstossen würde. Zur könig- lichen Maitresse konnte sie nie avanciren. Sie konnte nur Hoffräulein bleiben oder Königin werden. Sie konnte also im schlimmsten Falle nichts verlieren. Darum legte sie es darauf an, Königin zu werden, obschon die Chancen zu reussiren nach der damaligen Sitte gleich Null waren. Es erklärt sich ferner hieraus die plötzliche Sinnesänderung des Königs, der sich, als sein obengenannter sehnlicher Wunsch in Erfüllung ging, ab- gestossen fühlte, nachdem er statt der erwarteten beiden 219 Mammae deren drei vorfand. Er fühlte sich dadurch auch wohl enttäuscht. Er hatte ihre Standhaftigkeit als phänome- nale Tugend interpretirt, und nun sah er, dass diese Tugend nur Schlauheit gewesen war. Auch der spätere Ehebruch ist jetzt nicht schwer zu erklären. Wenn auch eine Untertlianin mit drei Mammae mit Recht fürchten muss, dass ein König sie nach dem ersten Concubitus verstossen wird, so glaubt doch eine Königin mit drei Mammae eines durchschnittlichen Untertlianen ebenso sicher zu sein, wie eine Principalin mit nur einer Mamma eines durchschnittlichen Commis sicher zu sein glaubt. Wie nun diejenigen verborgenen Hässlichkeiten, die sich nicht beseitigen lassen, wie Yerrucen etc., die Tugend dauernd schützen, so schützen solche, die sich beseitigen lassen, wie z. B. Schmutz, die Tugend vorübergehend. Ein schmutziges Hemd, ein unsauberer Körper etc., schützen die Tugend besser, wie ein gutpassender Keuschheitsgürtel. Eine Halbcollegin (Hebamme) erzählte mir einstens von einer jungen schönen Frau ihrer Kundschaft, die einen alten Gelehrten geheirathet hatte. Dieser Gelehrte habe nach der Heirath bemerkt, dass er plötzlich sehr viele Freunde be- kommen — ut desint vires multos numerabis amicos — und sei sehr eifersüchtig geworden. Da habe er aus Eifersucht seine Frau gezwungen, immer nur Hemden zu tragen, die nach der Methode der Königin Isabella präparirt waren. Ein etwas frivoler junger Mann — er gehörte der bewaffneten Macht an — clocirte einmal an einem Biertisch in Gehörweite von mir, man müsse nie ex tempore eine Frau zu einem Abenteuer auf- fordern, da mache man immer Eiasco ; man müsse ihr viel- mehr immer ein Rendezvous vorschlagen, damit sie Zeit habe, ein reines Hemde anzuziehen, alldieweil die grösste Mehrzahl der Frauen die grösste Zeit ihres Lebens in Bezug auf Rein- lichkeit von Haut und Wäsche in einem für ein Abenteuer ungeeigneten Zustande seien. Das letztere ist allerdings richtig, wie die Mehrzahl der Collegen bestätigen wird. Ein gynaekologischer College sagte mir einmal humoristisch, die wunderbare Gabe des heil. Philippus von Neri sei garnicht so wunderbar ; die besitze er auch. Wunderbar erschien ihm nur 220 der perverse Zustand des Olfactorius dieses Heiligen. Man kann für die grössere Mehrzahl der Frauen den Satz aus- sprechen : Je tugendhafter, um so unsauberer. Man denke z. B. nur an das naive Pensionsmädchen, die vor dem Balle ihre Mutter frug : Ob sie sich en coeur oder viereckig waschen solle ? Dieses Geschichtclien ist typisch. § 112. Ehe und Moral heim Manne. Der berühmte S o li m pflegte jährlich Anfangs November in seinem Colleg zn äussern : „Die sittliche Erziehung des Mannes vollzieht sich erst in der Ehe.“ Wenn wir unter Sittlichkeit nur an das sechste und neunte Gebot denken, so ist dieser Satz gewiss richtig, trotzdem die vox populi oft etwas Gegenteiliges behauptet. Wie aber, wenn wir unter Sittlichkeit auch an das siebente und zehnte Gebot denken? „Du sollst nicht stehlen,“ „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Ochs, Esel und Alles, was sein ist.“ Wie verhält sich die Ehe zur ökonomi- s c li e n Sittlichkeit des Mannes? Nach meinen Beobachtungen hat die Ehe hier einen etwas demoralisirenden Einfluss. Ein Ehemann steht in allen Fragen, in denen Mammon auf dem Spiele steht, immer eine Anzahl Nummern moralisch tiefer, wie der Coelibatair. Ceteris paribus wird ein Junggeselle als politischer Charakter immer höher stehen, wie ein Ehemann. Die Frau repräsentirt immer das philiströse Element in der Gesellschaft. Sie freut sich zwar über den etwaigen Ruhm, den ihr Mann durch Ent- faltung irgend einer politischen Fahne erwirbt; vielleicht hat sie ihn nur dieses Ruhmes wegen geheiratliet. Aber dieser Ruhm darf keine Opfer heischen, sonst verlangt sie von ihrem Manne allerdings nicht etwa andere politische Principien, das würde ja seinem Ruhm schaden, sondern Inconsequenz. Eine Frau verzichtet nie auf einen neuen Hut oder einen Schmuck für ein Princip. Was sind tausend Principien gegen einen Hut? Man kann diese Dinge am besten betrachten bei Frauen von Männern mit extremen politischen Richtungen, z. B. Socialisten. Ich sah einst die Frau eines avancirten 221 Socialisten gekleidet mit Brüsseler Spitzen und Diamanten. Brüsseler Spitzen setzen, sagt Sismondi mit liecht, Skla- verei voraus. Dasselbe gilt von Diamanten. Der Mann predigt gegen Ausbeutung und die Frau trägt sie vergegenständlicht auf ihrem Leibe. Und so gehen beide nebeneinander spazie- ren, als wandelnder Widerspruch, eine Illustration des Satzes, dass die Frau den politischen Charakter verdirbt. Die Schau- fenster der Diamantenläden, z. B. in Paris, sind Abends nach Beendigung des Arbeitstages immer angefüllt mit einer grossen Anzahl von Ouvrieres. Diese Frauen und Mädchen sind die Töchter der Communards von 1870-71. Sie repräsen- tiren der Abstammung nach das reinste socialistisclie Blut, das die Welt gesehen. Offenbar werden diese Ouvrieres vor diesen Läden stehen und verdammende Betrachtungen über die dort ausgestellte Exploitation anstellen! Man stelle sich einmal dahinter und suche ihre Reflexionen zu betrachten und was hört man ? „Ach, wie schön! Wenn ich dieses nur hätte ! Wenn mir Jemand nur das da schenken wollte !“ etc. Keine Spur von Kritik der Ausbeutung wird je gehört. Die Prostitution wird oft als ökonomisches Phänomen hingestellt. Das ist sie in der Regel auch, nur muss man das nicht so ver- stehen, als wenn die Prostituirten sich prostituirten für das tägliche Brod. Ich habe einmal eine Privatenquete angestellt, und stelle sie noch immer mehr an, über die Frage, aus welchen Motiven die Mädchen vorehelich ihre Yirginitas ver- lieren ? Bei der Hälfte derselben sind die Motive zwar ökonomische; aber nicht das tägliche Brod, sondern ein Diamantring etc. war der Uebelthäter. Nicht aus Hunger, sondern aus kapitalistischer Putzsucht verlieren die Mädchen ihre Yirginitas. Ich warte auf die Frau, welche mir erklärt, ihre Yirginitas für ihre oder der Ihrigen Lebensnothdurft ver- loren zu haben. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Frauen doch leicht dazu veranlasst werden müssten, dieses Motiv zu lügen; und doch habe ich es noch nicht gehört. Man gehe ferner einmal auf einen Arbeiterball. Dort findet man die Arbeiterinnen geschmückt nicht mit Blumen, nicht angezogen mit Waschkleidern, sondern sie tragen an ihrem Leibe „von Damen abgelegte“ Seidenkleider und falsche Diamanten. Wer 222 abgelegte seidene Kleider und falsche Diamanten trägt, drückt damit symbolisch aus, dass er gerne neue seidene Kleider und echte Diamanten trüge, aber leider hierzu nicht die Mittel hat. Der Socialismus der Frau gipfelt in den Worten : Otes toi que je m’y mette. Die mittelalterlichen Päpste haben dieses sehr richtig eingesehen und daher den Geistlichen das Coelibat vorge- schrieben. Das Coelibat sollte nicht den sexuellen, sondern den ökonomischen Charakter der Geistlichkeit heben. Es ist unbedenklich zuzugestehen, dass die evangelischen Pastoren die katholischen an sexueller Tugend übertreffen. Es is mir z. B. noch kein Fall bekannt geworden, dass ein evangelischer Pastor wegen eines sexuellen Delictes mit dem Gerichte in Collision gekommen sei, während bei katholischen Geistlichen dieses bekanntlich ab und zu passirt. Sicher ist aber, dass die katholische Geistlichkeit die evangelische in ökonomischer Tugend übertrifft. Das ist der Grund, wesshalb die katholische Geistlichkeit einen so grossen Einfluss auf die Massen hat, gegen den der Einfluss der evangelischen Geistlichkeit ver- schwindet. 223 Nach w ort. Das Buch ist entstanden aus einem Studium des Pollutio- nismus, welches Phänomen mich seit lange besonders interes- sirt hat. Das Kapitel Y ist der Ossificationspunkt, um den sich der übrige Theil angelagert. Eine Partialfrage lässt sich nun nur im ganzen Zusammenhänge verstehen und so musste die Darstellung des Pollutionismus zur Physiologie der sexuellen Gemeingefühle sich verbreiten. Wenn ich die Quintessenz dieses Buches noch einmal kurz zusammenfassen will, so ist es der Satz, dass man die venerischen Acte von einem dreifachen Gesichtspunkte be- trachten muss, von dem der Frequenz, der Dauer und der Intensität. Nur so lässt sich die vita venerea be- greifen. Nehmen wir z. B. das wichtige Kapitel der ehelichen Streitigkeiten aus sexuellen Gründen. Es handelt sich hier regulär entweder um Kinderlosigkeit oder um venerische In- congruenzen. Ersteres wird von Laien regulär der Frau, letzteres dem Manne zur Last gelegt. Dabei nimmt der Laie immer an, dass es im letzteren Falle sich um Incongruenzen der Frequenz handelt. Die Frau soll öfter wollen, wie der Mann kann. Beides ist zum grössten Theil unrichtig. Die heutige Medicin nimmt an, dass die Kinderlosigkeit in der grösseren Hälfte der Fälle die Schuld des Mannes ist und zwar meistens die Folge von früheren Gonorrhöen. Entweder ist dadurch der männliche Nebenhoden obliterirt, oder der Mann erzeugt bei der Frau bei Latenz seiner Gonorrhöe obliterirte Tuben. Bei venerischer Incongruenz trifft nun meistens die Frau die Schuld, und zwar handelt es sich hier nicht um Incongruenzen der F requenz, sondern der Dauer. Die Frauen ejaculiren, zu langsam. Dann erst kommen statistisch die übrigen Fälle, wo der Mann zu schnell ejaculirt, oder wo die Incongruenz in der Frequenz oder im Modus besteht. Die zu starke Verspätung des Orgasmus bei der Frau imponirt unwissenden Laien und Aerzten als zu geringe Frequenz des Mannes. 224 Gelegentlich kommt ancli die umgekehrte Diagnose vor. Mir ist ein Fall bekannt, wo ein fünfzigjähriger Seeofficier ein achtzehnjähriges, gesundes, sehr schönes Mädchen heirathete. Nach zwei Jahren verliess die junge Frau ihren Mann, aber nicht, wie man prima facie erwarten sollte, zu Gunsten eines jüngeren Liebhabers, sondern weil ihr Mann ein Verhältnis mit ihrem Kammermädchen angefangen. Diese Geliebte war viel älter, viel weniger schön, ganz ungebildet und von an- scheinend viel geringeren weiblichen Reizen, wie die Ehefrau. Die ganze Nachbarschaft machte die Diagnose der Hyper- potenz ; dieser Mann sei so potent, dass er an einer Frau nicht genug gehabt habe. Viele waren über diese Geilheit empört, andere konnten nicht umhin, die seebärenmässige Kraft zu bewundern, welche die Seeluft und eine sero venus erzeugen könne. Diese Diagnose ist sicher falsch. Es ist unsinnig anzunehmen, das venerische Nervensystem eines fünfzigjährigen Mannes sei resistenter, wie das vaginale Pflasterepithel einer normalen Frau. Es handelt sich hier sicherlich um keine Inconsequenz der Frequenz, sondern wahr- scheinlich um eine solche der Dauer. Da die Frau nach der Trennung, die schon mehrere Jahre dauerte, einen ostentativ mustergültigen Lebenswandel geführt, um ihrem Manne in dieser Beziehung auch nicht den geringsten Grund zur Klage zu geben, so ist die Wahrscheinlichkeitsdiagnose absolute Frigidität. Der Ehemann ist in all diesen Jahren dem Kam- mermädchen noch immer treu geblieben. Dieselbe wird also wahrscheinlich trotz sonstiger Defecte nicht frigide gewesen sein. Die Ehefrau wartet mit ihrem jetzt vierjährigen Töcliter- chen auf die endliche Rückkehr ihres Mannes. Mich dünkt sie wartet wie der Bauer, der am Fluss sass und wartete, bis derselbe abgeflossen. In diesen und ähnlichen Fällen ist eine Diagnose und folglich eine Therapie nur möglich bei Berücksichtigung nicht nur der Frequenz, sondern auch der Dauer und des Modus. Ein Hausarzt, der die Physiologie der sexuellen Gemein- gefühle versteht, muss unter allen Umständen solche und ähnliche eheliche Zerwürfnisse aufhalten können. Ist dieses aber wahr, so folgt daraus, welchen Werth diese Studien für den practischen Arzt haben. 225 Es lässt sich nicht leugnen, dass die Physiologie der sexuellen Gemeingefühle das am meisten vernachlässigte Gebiet der Physiologie ist. Insbesondere gilt dieses für die vita sexualis des Weibes, ein Mangel, der den Gynäkologen zur Last zu legen ist. Diese Specialisten interessiren sich nur für die grobanatomischen Leiden des Weibes; ihre functio- neilen Leiden ignoriren sie so gut wie ganz. Es ist wirklich auffallend, dass die Gynäkologen noch nicht einmal, z. B. die Frage discutiren, welchen Einfluss die Entfernung der Ovarien auf die sexuellen Gemeingefühle der Frau hat. Dabei ist die Entfernung der Ovarien eine der häufigsten Operationen. Aber auch die inneren Mediciner trifft dieser Tadel. In einem rund siebenjährigen klinischen Studium in den verschie- densten Ländern Europas habe ich niemals etwas über Pollu- tionen gehört! Erst in New York habe ich hiervon in der Klinik reden gehört. Einer der Gründe für die mangelnde Kenntniss dieser Materien liegt gewiss darin, dass diese Kenntniss zum Theil aus trüben Quellen fliesst. Biertische, Kasernenstuben, Ma- trosenkneipen u. dgl. sind trübe Quellen. Es fehlt zwar weniger an Gelegenheiten, dort zu schöpfen, wie an der Fähig- keit, an solchen Orten abstrahiren zu können. Ein Philosoph muss aber überall beobachten und sammeln können. Wenn aber die Beobachtung dort mangelhaft ist, wo das Experiment aus ethischen Gründen ausgeschlossen ist, kann das Resultat nicht befriedigend sein. Die Bearbeitung dieses Elaborates hatte für mich als früheren Oeconomen einen besonderen Reiz. Ein bekannter Vers sagt: Durch Hunger und durch Liebe Erhält sich das Getriebe. Etwas weniger poetisch hörte ich diesen Gedanken einmal von einem Rusticus mit den Worten wiedergegeben : „Die Welt dreiht sich öm een Glas Bier un eenen Coitus“ (das wirklich gebrauchte Wort will ich nicht wiedergeben). Die politischen Oeconomen lieben es, den Hunger als geheime Triebfeder aller Weltgeschichte hinzustellen. Neben dem 22G Hunger behält auch die „Liebe“ ihre Geltung. Cunus teter- rima belli causa. Es hatte einigen Reiz für mich, nach Ana- lyse des Hungers die der Liebe in Angriff zu nehmen, nach der politischen Oeconomie die Physiologie der sexuellen Gemeingefühle darzustellen. Wenn mir diese Analyse ebenso geglückt sein sollte, wie die Analyse der Wirthschaft, habe ich Gründe, zufrieden sein zu können. Inhaltsverzeichniss. Einleitung. § 1. Zwei Theile der vita sexualis: Fortpflanzung und Gemeingefühle 1 § 2. Unser Problem .......... 2 $5 3. Zwei Arten von sexuellen Gemeingefülilen: Das venerische und das erotische Gemeingefühl 7 A) PHYSIOLOGIE DES VENERISCHEN GEMEINGEFÜHLES. g 4. Dreitlieilung des venerischen Actes : Stoffverlust, Nerven- erregung, Muskelarbeit . . . . . . . .10 I. Der venerische Stoffverlust. § 5. Verschiedenheit der ejaculirten Stoffe bei Mann und Weib . 11 ä) Stoffverlust beim Manne. § G. Bestandteile des normalen Sperma 11 § 7. Wasser, Schleime, Salze . . . . . . . .11 § 8. Eiweiss. a) Verschiedene Eiweissarten 14 § 9. Fortsetzung, ß) Circulirendes Eiweiss . . . . .15 § 10. Fortsetzung, y) Organeiweiss 15- § 11. Production und Ejaculation von Sperma 16 § 12. Die Spermine. a) Experimente von Exner .... 18 § 13. Fortsetzung, ß) Natur dieser Spermine 22 b) Stoffverlust beim Weibe. § 14. Weibliche Ejaculationsflüssigkeit: Die Ovarine ... 24 II. Die venerische Nervenerregung. § 15. Einwirkung und Mitwirkung der venerischen Acte . . . 26 a) Die venerische Dauer. § 16. Der Verlauf der venerischen Nervenerregung .... 28 § 17. Die Curve der Libido 28 § 18. Descension dieser Curve . 30 b) Objective concomitirende Erscheinungen. § 19. Erection und Ejaculation 33 § 20. Zeitliche Beziehung der objectiven Erscheinungen zu den sub- jectiven Empfindungen 33 § 21. Innere Beziehung zwischen Orgasmus und Ejaculation, Erec- tion und Libido 34 228 c) Ueber Potenz. § 22. Drei verschiedene Hauptarten der Potenz 36 § 23. Die Procreationspotenz 36 § 24. Passive venerische Potenz 38 § 25. Frequenz, Dauer und Intensität derselben .... 39 § 26. Active venerische Potenz ........ 39 § 27. Frequenz, Dauer und Intensität derselben, a) Beim Manne . 40 § 28. Fortsetzung, ß) Beim Weibe ....... 40 § 29. Unabhängigkeit dieser Arten der Potenz 41 § 30. Combination derselben. ........ 41 d) Beschreibung einiger pathologischer Zustände. I. Keine Libido, kein Orgasmus. Frigidität. § 31. Beim Manne ........... 45 § 32. Beim Weibe ........... 47 § 33. Frigidität und Sittsamkeit 51 § 34. Frigidität und Ehe 54 § 35. Fernere Abnormitäten ........ 57 II. Fernere Abnormitäten des Mannes, a) Abnormitäten der Dauer. § 36. Libido ohne Orgasmus 57 § 37. Libido mit verspätetem Orgasmus 62 § 38. Libido mit verfrühtem Orgasmus ...... 64 ß) Abnormitäten der Frequenz. § 39. Abnorm geringe Frequenz ........ 67 § 40. Abnorm häufige Frequenz 69 III. Fernere Abnormitäten des Weibes. a) Abnormitäten der Dauer. § 41. Libido mit erschwertem oder unmöglichem Orgasmus . . 70 § 42. Verhältniss zur Sittlichkeit 79 § 43. Verhältniss zur Ehe 80 § 44. Libido mit verfrühtem Orgasmus 84 ß) Abnormitäten der Frequenz. § 45. Verminderte Frequenz 85 § 46. Vermehrte Frequenz 85 e) Diagnose von Libido und Orgasmus beim Weibe. § 47. Symptome der Libido . 86 § 48. Symptome des Orgasmus . . . . . . . .87 § 49. Simulation von Libido und Orgasmus 89 229 /) Normale Frequenz und Dauer. § 50. Normale Frequenz beim Manne ....... 89 § 51. “ *• “ Weibe 90 § 52. “ Dauer “ Manne 91 § 53. “ “ “ Weibe ...... 91 g) Die postvenerische Phase. § 54. Die Phase der Depression. Euphorie und Dysphorie . . 92 § 55. Phase der Indifferenz 93 § 56. Grund der postvenerischen Stimmung 95 § 57. Ger Excess 97 § 58. Elemente der Grösse der Libido 99 § 59. Kritik der Autoren 100 § 60. Physiologische Erklärung der postvenerischen Stimmung . 103 III. Die venerische Muskelanstrengung. § 61. Eigenthümlichkeiten derselben 110 IV. Die Vita Venerea. § 62. Hygienische Regeln für die vita venerea 112 § 53. Nähere Bestimmung für die Frequenz 114 § 64. Alter für den Beginn des Coitus 117 § 65. Widerlegung einiger Ein wände 120 § 66. Lebenspotenz des Mannes 123 § 67. Lebenspotenz des Weibes 124 § 68. Folgen der Verletzung dieser Regel . . . . . .124 § 69. Grund dieser schädlichen Folgen. Stoffverlust oder Nerven- erregung ? 127 §70. Der Flirt .130 V. Therapie einiger venerischer Abnormitäten. § 71. Die häufigsten venerischen Abnormitäten 133 § 72. Die Frigidität des Mannes 134 § 73. Frigidität der Frau 136 § 74. Die Neurasthenie des Mannes . . . . . . .137 § 75. Fortsetzung. Das Lager 141 § 76. Fortsetzung. Der Schlaf ........ 143 § 77. Fortsetzung. Körperliche Anstrengung 147 § 78. Fortsetzung. Nahrungsmittel 150 § 79. Fortsetzung. Genussmittel 151 § 80. Fortsetzung. Vita sexualis 154 § 81. Fortsetzung. Beschäftigung 157 § 82. Fortsetzung. Kälte und Abhärtung 160 § 83. Fortsetzung. Reinigung der Genitalien 164 230 § 84. Fortsetzung. Medicamente 164 § 85. Fortsetzung. Mechanotherapie ...... 164 § 86. Fortsetzung. Psychotherapie 165 § 87. Schluss 166 § 88. Pollutionismus beim Weibe ....... 168 § 89. Weiblicher Anorgasmus ........ 169 VI. Grösse der Libido. § 90. Dauer und Intensität . . . . . . . . .169 A) Die Dauer. § 91. Die Dauer ........... 170 B) Die Intensität. § 92. Orte der Auslösung der Libido—a) Haut und Schleimhaut . 171 § 98. Fortsetzung—b) Die Specialsinne . . ... 172 § 94. Fortsetzung—c) Die Rinde 172 § 95. Orte der Hemmung der Libido ....... 178 § 96. Intensität der venerischen Erregung 175 § 97. Hygiene der Libido 175 § 98. Verschiedenheiten der Menschen in Bezug auf venerische Dig- nität der Organe 177 § 99. Erregungen der Rinde 178 § 100. Erregungen der Sinnesorgane ....... 181 § 101. Erregungen des Hautorganes ....... 182 § 102. Hygiene ........... 183 § 103. Aesthetik ........... 192 § 104. Ethik 196 B) PHYSIOLOGIE DES EROTISCHEN GEMEINGEFÜHLES. § 105. Erotik bei Mann und Weib 198 § 106. Lieben und Geliebtwerden 200 § 107. Psychologie des Liebens 201 § 108. Psychologie des Geliebtwerdens ...... 201 NACHTRÄGE. § 109. Psychologie der Eifersucht ....... 207 § 110. Ueber sexuelle Tugend 213 § 111. Einiges über weibliche Tugend 216 § 112. Ehe und Moral beim Manne 220 Nachwort 223 E r rata. Seite 30, Zeile 4 von oben, Wort 4 lies also 68, “ 11 “ < “ “ 4 “ endavit et alsit. “ 101, “ 11 “ “ “ 4 “ Memorabilien. “ 104, “ 16 “ “ “ 6 “ complicirteste. “ 123, “ 2 “ unten, “ 3 “ Lustrum. “ 198, “ 12 “ oben, “ 3 “ erotischen. “ 201, “ 6 “ unten, “ 3 selbst. “ 202, “ 7 “ oben, 3 “ nolint. “ 221, “ 16 “ “ “ 8 “ behorchen.