Zur Kreatinfrage. Von llr. Felix \awrocki. In No. 31. p. 481 Jahrgang 1866 dieser Zeitschrift hat Herr Prof. Sczelkow in Charkow eine vorläufige Notiz über den Kreatin- gehalt der Hühnermuskeln veröffentlicht; da seine Ergebnisse den Erfahrungen, die ich an Fröschen und Säugethieren (cf. diese Zeit- schrift 1865. p. 417 und Fresenius’ Ztschr. f. analytische Chemie 1865. p. 330) gemacht habe, widersprechen, so habe ich sofort unter- nommen, die Versuche von Prof. Sczelkow zu wiederholen. Wie- wohl ich, wohl bewusst aller möglichen Fehlerquellen, mit äusserster Sorgfalt operirte, fand ich auch an Hühnern die Erfahrungen bestä- tigt, die ich bereits vor einem Jahre in dieser Zeitschrift bekannt gemacht habe. Der Uebersicht halber will ich die vier von Prof. Sczelkow auf- gestellten Sätze einzeln berücksichtigen. ad 1) Auf die verhältnissmässig sehr grossen individuellen Schwankungen im Kreatingehalte der Muskeln habe ich zuerst auf- merksam gemacht, und deshalb im Gegensatz zum Herrn Dr. So- ROKIN die vergleichenden Versuche an demselben Individuum ange- stellt. (In meiner Arbeit steht Sarokow; ich erfuhr leider zu spät, dass in Virchow’s Archiv sich ein Druckfehler eingeschlichen hatte.) Dass Kreatinin im Muskel normal gar nicht vorkomme, ist wohl nach Neubauer’s und meiner Arbeit ausgemacht. Hiermit also stimme ich insoweit den Angaben Prof. Sczelkow’s vollständig bei. ad 2) Zur Prüfung der Angabe: „Die Muskeln der vordem Extremitäten (Flügel) enthalten eonstant weniger Kreatin, als dieje- nigen der hintern (Beine),“ unternahm ich folgende zwei Versuche. Ich bediente mich hierbei der a. a. O. von mir ausführlich beschrie- benen Methode. Es möge die Bemerkung hier Platz finden, dass die erhaltenen Kreatinmengen so lange wiederholt gewogen wurden, bis zwei nach abermaligem Trocknen vorgenommene Wägungen we- nigstens auf Vs mgrm miteinander übereinstimmten, und dass schliess- lich die erhaltene Kreatinmenge auf dessen Reinheit geprüft wurde. Versuch I. Ein altes Huhn. A. Untere Extremität (bloss Unterschenkelmuskeln) 1) Links gaben 0,3952 pCt. Kreatin 2) Rechts „ 0,3928 „ „ aut' feuchte Muskel- substanz berechnet. ß. Obere Extremität (ohne Pectoralis) 1) Links gaben 0,3986 pCt. Kreatin 2) Rechts „ 0,3970 „ „ Hieraus im Mittel: Untere Extremität 0,3940 pCt. Kreatin Obere „ 0,3978 „ „ Differenz + 0,0038 pCt. Kreatin Versuch II. Ein junges Huhn. A. Untere Extremität (Ober- und Unterschenkelmuskeln) 1) Links gaben 0,3934 pCt. Kreatin 2) Rechts ,, 0,4096 „ „ B. Obere Extremität (der obere Theil des Pectoralis major wurde mit den übrigen Muskeln zur Analyse verwandt) 1) Links gaben 0,4084 pCt. Kreatin 2) Rechts „ 0,4006 ,, „ Hieraus im Mittel: Untere Extremität 0,4015 pCt. Kreatin Obere „ 0,4045 „ „ Differenz + 0,0030 pCt. Kreatin C. Die übriggebliebenen Muskeln der Brust wurden überdies im todtenstarren Zustande 17 Stunden 'nach dem Tode des Versuchsthieres (durch Verblutung) analysirt. 1) Links gaben 0,3949 pCt. Kreatin 2) Rechts „ 0,4085 „ „ Also im Mittel für todtenstarre Muskeln 0,4017 pCt. Kreatin, ad 3) und 4) Prof. Sczelkow behauptet: „Paralysirt man die hintern Extremitäten dadurch, dass man das Rückenmark oberhalb der Lendenanschwellung durchschneidet, so vermindert sich die Kreatinmeuge in den Muskeln der hintern Extremitäten; — tetanisirt man bei auf die oben erwähnte Weise paralysirten Hühnern die Mus- keln der vordem Extremitäten, selbst während einer nur kurzen Zeit (5 Min.), so scheint sich das ursprüngliche Verhältniss gänzlich umzukehren.“ Bei einem jungen Huhne durchschnitt ich genau nach Prof. Sczelkow’s Angabe das Rückenmark und eonstatirte die voll- ständige Paralyse der unteren Extremitäten; die Muskeln der obern Extremität wurden nach einer zuerst von DU Bois-Reymond als recht zweckmässig beschriebenen Methode 8V2 Stunden tetanisirt; die zugespitzten Eleetroden wurden in der Umgegend der Halsan- schwellung ins Rückenmark eingestochen; ein in bekannter Weise in den primären Kreis eingeschaltetes Metronom erlaubte in Intervallen von 1% Secunden durch eine Reihe von Inductionsschlägen die be- treffenden Muskeln in Thätigkeit zu versetzen. Die Stromstärke wurde dermassen regulirt, dass nur die Muskeln der vordem Extre- mitäten sich kräftig zusammenzogen. — Das Versuchsthier wurde wie in beiden vorigen Versuchen, durch Verblutung getödtet. A. Untere Extremität ruhend. 1) Links gaben 0,3453 pCt. Kreatin 2) Rechts „ 0,3542 „ „ B. Obere Extremität tetanisirt. 1) Links gaben 0,3491 pCt. Kreatin 2) Rechts „ 0,3625 „ „ Hieraus im Mittel: ruhend 0,34975 pCt. Kreatin tetanisirt 0,35580 „ „ Differenz + 0,00605 pCt. Kreatin Bei diesem Versuche wurden dieselben Muskeln, wie beim Ver- such II. zu den entsprechenden Analysen verwandt; die rückständi- gen Muskeln der Brust wurden überdies 24 Stunden nach dem Tode des Thieres analysirt, wo die Todtenstarre bereits gelöst war. 1) Links gaben dieselben 0,3635 pCt. Kr|atin 2) Rechts „ „ 0,3608 „ „ « also im Mittel 0,3621 „ „ Nach diesen Ergebnissen war es wohl überflüssig, den Satz 3 von Prof. Sczelkow noch einer speciellen Prüfung zu unterziehen. Da, wie ich a. a. O. näher bewiesen habe, wir Differenzen im Kreafingehalte der Muskeln bis zu 0,02 pCt. nicht näher in Betracht zu ziehen haben, so glaube ich, wenigstens zur Zeit zu dem Schlüsse berechtigt zu sein, dass 1) bei ein und demselben Huhne verschiedene Muskelgruppen (resp. untere, obere Extremität und Brust) gleiche Kreatinmengen enthalten. 2) bei Hühnern ebenso, wie bei Fröschen keine Vermehrung des Kreatins bei der Muskelaction stattfinde. Die nähere Discussion in dieser Frage muss ich auf die Zeit verschieben, wo die ausführliche Arbeit von Prof. Sczelkow vor- liegen wrird. Breslau, den 20. August 1866. Sep.-Abdr. a. d. Centralblatt f. d. med. Wissensch. 1866. No. 40. Druck von H. S. Hermann in Berlin.