II. Untersuchungen über den Einfluss der Sympalhicus - Reizung auf die Häufigkeit des Herzschlags. y Von Jae. Moleschott und Hob. Nauwerck *). Ueber die Bedeutung des sympathischen Nerven für die Herzbe- wegung sind ebenso verschiedene Behauptungen aufgestellt worden, wie über die Rolle, die "dem Vagus als Regulator der Pulsfrequenz zukommt. Bur dach konnte bei einem getödteten Kaninchen durch chemische Reize (Kali, Ammoniak) den selten gewordenen Herzschlag wieder häufiger machen 2). Budge hat mit gleichem Erfolg die galvanische Reizung beim Frosche angewandt, nachdem zuvor durch Wegnahme des verlängerten Marks und Durchschneidung der Vagi diese letzteren ausser Thätigkeit gesetzt waren 3). Durch Reizung des ersten Brustganglions haben Ilenle und CI. Bernard, jener beim Menschen und dieser beim Hunde, eine vermehrte Frequenz des *) Bei den in diesem Aufsätze mitzutheilenden Untersuchungen hatten wir uns der eifrigen Beihülfe der Herren Gascard und Ilufschmid zu erfreuen. 2) Joh. Müller. Handbuch der Physiologie, vierte Auflage, Coblenz 1844, Bd. I, S. 157. 3) Budge, Comptes Rendus, T. XXXIY, p. 398, und Froriep’s Tagesberichte, 1852, No. 441, S. 321. 322. Herzschlags erzielt 4). Im Gegensätze hierzu giebt Wagner an, dass er in allen seinen Versuchen durch Reizung des Sympathicus bei Kaninchen die Häufigkeit des Pulses vermindert habe 2). Alle die betreffenden, wenn auch noch so sehr auseinandergehen- den Behauptungen sind richtig, so lange sie nur die einem jeden der genannten Beobachter vorgekommenen Thatsachen überliefern sollen, alle sind falsch, sobald sie darauf Anspruch machen mit Ausschluss jeder anderen Möglichkeit den Thatbestand zu formuliren. Der Grund der verschiedenen Aussagen liegt nämlich nur darin, dass es von der Stärke der Reizung abhängt, ob sie diesen oder jenen Erfolg hervorbringt. Ganz so wie es Schiff und Moleschott für den Vagus nachgewiesen haben 3), gilt auch für den Sympathicus, dass schwache Reize die Frequenz des Herzschlags steigern, während starke Reize sie herabsetzen oder gar die Herzbewegung auf eine Zeit lang ganz aufheben. Es ist die Aufgabe dieses Aufsatzes Be- richt zu erstatten über die Untersuchungen, welche uns zur Aufstel- lung dieses Lehrsatzes berechtigen. Behufs der elektrischen Reizung haben wir dasselbe Versuchs- verfahren befolgt, welches Moleschott in seinen „Untersuchungen über den Einfluss der Vagus-Reizung auf die Häufigkeit des Herz- schlags“ beschrieben hat 4). Alle Bezeichnungen in den nachfolgenden Tabellen haben dieselbe Bedeutung, wie in der angeführten Abhand- lung. Die hier niederzulegenden Ergebnisse unserer Versuche wurden an Kaninchen gewonnen. Am 15. Februar 1861 wurde einem Kaninchen der linke Sym- pathicus am Halse blossgelegt und, ohne durchschnitten zu sein, auf das Elektrodenplättchen gebracht. Versuchsthier A. 1) Ludwig, Lehrbuch der Physiologie des Menschen, 2. Auflage, Bd. II, S. 99. 2) R. Wagner in Schmidt’s Jahrbüchern, Bd. LXXXIII, S. 9. 3) Ygl. Jac. Moleschott, Untersuchungen über den Einfluss der Vagus-Rei- zung auf die Häufigkeit des Herzschlags, in dieser Zeitschrift, Bd. VII, S. 401 und folgende. 4) Moleschott, a. a, O. S. 404—408. 3 Tabelle I. Nummer d. Beobachtung. Zeit. Galvani- sche Vorrich- tung. Rollen- abstand. Neben- schlies- snng. Elektro- den- abstand. Zustand des Nerven. I. II. III. IV. 1 11 h. 16' Ruhe 49 99 149 199 2 19' 7 50 99 150 200 3 37' 7 48 97 146 198 4 n 38' 7 47 98 145 197 1 Daniell 5 7 39' S03 lOO/o1) 28 C.M. 20 M. 15M.M. Reizung 54 120 171 234 6 40' Ruhe 51 93 152 200 7 7 41' 7 r> 7) 7) Reizung 53 111 178 234 8 7) 42' 7) 7) n Ti 7 56 110 171 225 9 43' Ruhe 54 108 163 210 10 44' 51 103 160 209 11 n 45' 7) 7) O CO Ti Reizung 51 112 172 228 12 46' Ruhe 50 101 154 207 13 7) 47' r> n 7) 7) Reizung 53 110 162 217 14 7 48' Ruhe 50 101 151 204 15 7) 49' 7 49 99 148 198 16 7) 55' 7 46 94 143 191 17 56' 46 93 141 192 18 r> 57' 1 Grove —8Va 0 7 Reizung 41 80 130 177 19 7) 58' Ruhe 43 90 141 187 20 V 59' 7 48 100 150 201 21 12 h. 1' 2 * 7 7) 7 Reizung 41 81 120 161 22 7 2' Ruhe 37 86 137 197 23 7) 9' 7 46 94 150 196 24 7) 10' 7 48 98 150 201 25 11' 7 47 98 148 198 26 7) 12' 1 Daniell 28 C.M. 20 M. 7 Reizung 49 102 152 207 27 13' Ruhe 46 95 143 194 28 7) 14' 7 7) o CO 7 Reizung 50 101 155 210 29 V 15' Ruhe 49 97 150 194 30 » 16' 7 47 91 142 192 Eine durch grossen Abstand der Rollen am Schlittenapparat und Nebenschliessung gehörig abgeschwachte Reizung des Sympathicus brachte eine bedeutende Vermehrung der Pulsfrequenz hervor (N. N. *) 10 Raumtheile starker Schwefelsäure mit 90 Raumtheilen destillirten Wassers. 4 5, 7, 8, 11, 13) und zwar um 10 bis 37 Schläge in der Minute (Nr. 13 und No. 5). Da die Frequenz in der Ruhe vor der erfolgreichsten Reizung 197 bis 200 Schläge betrug, so wurde als Maximum eine Zunahme der Häufigkeit um beinahe l/5 erzielt. Starke Reizung, bei welcher das Daniel l’sche Element durch ein Grove’sches ersetzt, die Ncbenschliessung entfernt und die Rollen über einander geschoben waren, bewirkte dagegen eine Frequenzver- minderung von 192 auf 177, und als statt Eines Grove’schen Ele- mentes 2 G r o v e’sche Elemente angewandt wurden , eine Verminde- rung von 201 auf 161 Schläge (No. 18 und 21). Die Ruhe, welche auf die schwache Reizung folgte, war jedesmal durch eine abnehmende, die, welche auf die starke Reizung folgte, durch zunehmende Häufigkeit charakterisirt. Als wir nach Anwendung der starken Reizung wieder zu den schwachen Wechselströmen griffen, wurde in beiden Versuchen wieder eine grössere Zahl von Pulsschlägen in der Minute erzielt (No. 26, 28). 18. Februar 1861. Um 11 h 16' wurde einem Kaninchen der linke Sympathicus am Halse blossgelegt und mit starken Wechsel- strömen (1 Grove, Rollenabstand —8y2 C. M., Ncbcnschlicssung 0) gereizt; die Häufigkeit des Herzschlags nahm sichtlich ab, und die Pupille des linken Auges wurde bedeutend erweitert. Nun sollten systematische Reizversuche angestellt werden, und zwar diesmal in der besonderen Absicht, um zu ermitteln, ob die Er- folge, welche die in der ersten Tabelle verzeichneten Reizversuche uns kennen lehrten, durch eine directe oder durch eine reflectorische Reizung motorischer Fasern zu erklären seien. Deshalb wurde vor Anstellung weiterer Reizversuche der Stamm des Sympathicus dicht unter dem oberen Halsganglion durchschnitten und darauf der nach dem Herzen verlaufende Theil auf die Elektroden gebracht. Versuchsthier B. 5 Tabelle II. Nummer d. Beobachtung. Zeit. Galvani- sche Vorrich- tung. Rollen- abstand. Neben- schlies- sung, Elektro- den- abstand, Zustand des Nerven. I. II. III. (—i 1 11 h 21' Rulie 47 93 143 190 2 22' 46 89 139 182 3 7 23' 1 Daniell 28 C.M. 1 M. 17M.M. Reizung1 48 98 147 200 4 24' Ruhe 46 93 141 187 5 7) 25' 7 7 2 * 7 Reizung 50 102 152 204 6 7) 26' 7 7 7 7 7 51 98 148 197 7 27' Ruhe 47 94 143 189 8 28' 46 91 139 182 9 7) 29' 7 7 3 „ 7 Reizung 50 102 154 209 10 7 30' Ruhe 50 98 149 193 11 7) 31' 48 94 142 188 12 7 32' 7 7 4 8 7 Reizung 47 93 142 189 13 7 33' Ruhe 46 89 134 180 14 7 34' 7 7 1 „ n Reizung 47 97 146 193 15 7 35' Ruhe 44 87 133 176 16 7 36' 7 7 7 7 Reizung 43 95 148 200 17 7 37' Ruhe 43 89 137 182 18 7 38' 42 85 132 171 19 7 39' 41 84 129 171 20 7 40' 1 Grove -872 0 7 Reizung 41 77 95 121 21 7 41' 1 Ruhe 37 82 127 171 Mit Ausnahme des Versuchs in No. 12 haben alle die Reizungen, bei welchen Nebenschliessung und grosser Rollenabstand unter Be- nützung eines Daniel Ischen Elementes angewandt wurden, die Fre- quenz des Herzschlags bedeutend gesteigert. Da in Nr. 12 mit Ein- schaltung von 4 Widerstandseinheiten die stärkste unter den schwachen Reizungen gegeben war, kehrten wir in Nr. 16 wieder zu einer schwächeren Reizung zurück, indem wir nur Eine Widerstandseinheit in die Nebenschliessung aufnahmen; sogleich stieg die Frequenz von 176 auf 200 Schläge, also beinahe um i/7 der Häufigkeit, die in der vorausgehenden Ruhe bestand; nach Aufhebung der Reizung sank die Frequenz wieder auf 171. Nun wurde mit starken Wechselströmen gereizt (1 Grove, Rollen über einander, keine Nebenschliessung), und nun sank die Frequenz von 171 auf 121 Pulsschläge in der Minute No. 20), um in der Ruhe darauf allmälig wieder zu steigen. Es geht also zunächst aus dieser Versuchsreihe hervor, dass schwache und starke Reize auf den vom oberen Halsganglion getrenn- ten, nach dem Herzen verlaufenden Theil des Sympathicus angewandt dieselben Folgen hatten, wie die Einwirkung dieser Reize auf den unversehrten Halsstamm des sympathischen Nerven. Ferner lehrt uns die zweite Tabelle, dass die Wirkung einer Reizung, mag sie stark oder schwach sein, der Beobachtung ganz ent- gehen kann, wenn sie nur eine Viertelsminute fortgesetzt wird, obgleich sie sehr beträchtlich ist, wenn die Wechselströme eine ganze Minute lang den Nerven durchsetzen (No. 15 und 16, No. 19 und 20; man vergleiche damit Tabelle I, No. 10 und 11). Dasselbe wurde früher von Moleschott für den Vagus berichtet *). Um die Wirkung der starken Reizung gehörig zu würdigen, schreiben wir die absoluten Zahlen für die einzelnen Viertelsminuten vor, während und nach der Reizung hier neben einander 2). Vor Während Nach der Heizung. der Reizung. der Reizung. 1. Viertel 41 41 37 2. 7) 43 36 45 3. 7) 45 18 45 4. 7) 42 26 44. Wie man sieht, bestand noch in der ersten Viertelsminute eine verminderte Frequenz, und erst in der zweiten Viertelsminute war die ursprüngliche Häufigkeit des Herzschlags wieder hergestellt. Dasselbe Thier wurde noch benützt, um zu versuchen, ob sich durch starke Reizung beider Sympathici nicht eine stärkere Abnahme 4) Moleschott, a. a. 0. S. 412, 444. 2) Auf der Uhr, die uns bei diesen Zählungen zu Gebote stand, waren die ein- zelnen Quadranten sehr genau gleich gross. 7 der Pulsfrequenz hervorbringen Hesse. Es wurde also auch der rechte Sympathicus präparirt und ohne durchschnitten zu sein über ein be- sonderes Elektrodenplättchen geschoben. Jeder der beiden Nerven wurde durch einen besonderen Schlittenapparat gereizt, und zwar beide gleichzeitig; eine Nebenschliessung wurde nicht angewandt. Tabelle III. Nummer d. Beobachtung. Zeit. Galvani- sche Y orrich- tung. Rollen- abstand. Zustand des Nerven. 1. II. III. IV. 1 12 h. 6' Ruhe 53 104 156 208 2 7' 7 52 103 155 209 3 8' 7) 53 106 163 220 4 7) 9' 7) 54 107 164 219 5 r> 10' 7) 52 103 157 210 6 7) 11' 2 Grove —8V2C.M. Reizung 34 55 103 152 7 12' Ruhe 43 109 154 210 8 13' 55 7 Reizung 42 82 127 175 9 14' Ruhe 51 99 151 210 10 7) 15' 50 96 147 193 11 7) 16' 7) 7) Reizung 48 78 123 171 12 17' Ruhe 52 110 166 226 13 7) 18' 7) 54 112 170 227 Die starke Reizung setzte in allen drei Versuchen die Häufigkeit des Herzschlags bedeutend herab, aber selbst in No. 6 nur wenig mehr als in No. 20 der zweiten Tabelle. Wir versuchten darauf durch schwache Reizung des rechten Sympathicus die Häufigkeit des Herzschlags wieder zu steigern. Ta- belle IV zeigt mit welchem Erfolg. Vorher war der rechte Sympa- thicus hoch oben durchschnitten worden, so dass nun beide Sympathici vom oberen Halsganglion getrennt waren; der absteigende Theil wurde den Wechselströmen ausgesetzt. 8 Tabelle IV. Nummer d. Beobachtung. Zeit. Galvani- sche Vorrich- tung. Rollen- abstand. Neben- schlies- sung. Zustand des Nerven. I. II. III. IV. 1 12 h. 23' Ruhe 53 107 165 221 2 24' 7) 56 114 177 234 3 r> 25' 7) 58 117 180 242 4 7) 26' 57 115 177 236 5 7) 27' 1 Daniell 28 C. M. 1 M. Reizung 62 121 190 254 6 28' Ruhe 54 113 179 240 7 r 29' 7) T) n Reizung 61 127 192 257 8 30' Ruhe 57 112 176 229 9 7) 31' 7) 54 110 168 221 10 T) 32' 7) 53 109 167 220 11 Ti 33' T) 7> 7) Reizung 57 112 180 242 12 n 34' Ruhe 54 109 161 221 Die Zahlen reden so deutlich, dass jeder Commentar überflüssig erscheint. Wir wollen daher nur hervorheben, dass sie um so besser die Frequenzzunahme durch schwache Reizung beweisen, als der Puls schon in der Ruhe sehr häufig war und dennoch jede Reizung ihn noch beträchtlich häufiger und jede Aufhebung der Reizung ihn sel- tener machte. In den Tabellen II und IV ist der Nachweis geliefert, dass schwache Reizung des Sympathicus, auch wenn sie auf den vom obe- ren Halsganglion getrennten, absteigend verlaufenden Halsstamm ein- wirkt, die Häufigkeit des1 Herzschlags vermehrt. Da die Vagi in den betreffenden Versuchen nicht durchschnitten waren, so war durch jene Versuche noch nicht unwiderleglich dargethan, dass nicht etwa vom Sympathicus aus durch das Rückenmark eine reflectorische Rei- zung der Vagi stattgefunden hatte. Wir machten deshalb eine Reihe Controlversuche an einem Kaninchen, dessen linker Sympathicus unten am Halse durchschnitten worden, indem wir den nach dem Kopf auf- steigenden, vom Herzen getrennten Stamm Wechselströmen von sehr verschiedener Stärke aussetzten. Tabelle V enthält Bericht über diese V ersuche. Versuchsthier C. 9 Tabelle Y. Nummer d. Beobachtung. Zeit. Galvani- sche Vorrich- tung. Rollen- ahstand. Neben- schlies- sung. Zustand des Nerven. I. II. III. IV. 1 11 Ji 31' Ruhe 47 90 138 183 2 7 32' 7 43 86 133 182 3 7 33' 1 Damell 28 C. M. 1 M. Reizung 46 89 136 184 4 7) 34' Ruhe 44 88 135 180 5 7 35' 7 7 2 „ Reizung 43 87 136 184 6 7) 36' Ruhe 45 91 138 185 7 7) 37' 7 7 3 * Reizung 43 89 136 184 8 7 38' Ruhe 45 91 140 185 9 7 39' 7 7 5 * Reizung 44 90 140 184 10 7 40' Ruhe 44 90 137 185 H 7 41' 7 7 10 „ Reizung 45 89 136 184 42 7 42' Ruhe 43 87 134 183 13 7 43' 7 r> 50 „ Reizung 44 91 141 187 14 7 44' Ruhe 45 90 140 187 15 n 45' 7 7 o o Reizung 43 87 137 184 16 7 46' Ruhe 41 88 137 185 17 7 47' 7 7 500 „ Reizung 44 90 139 186 18 7 48' Ruhe 45 93 141 189 19 V 49' 7 n 1000 „ Reizung 49 94 143 193 20 r> 50' Ruhe 46 91 141 189 21 n 51' 7 55 7 Reizung 48 93 142 189 22 7 52' Ruhe 46 92 141 190 23 V 53' n 7 2000 „ Reizung 46 93 142 193 24 7 54' Ruhe 44 90 143 193 25 n 55' 7 7 5000 „ Reizung 46 87 134 183 26 7 56' Ruhe 45 91 142 190 27 7 57' 7 7 10000 „ Reizung 46 92 143 189 28 7 58' Ruhe 45 93 142 185 29 7 59' 7 55 0 Reizung 44 92 141 189 30 12 h Ruhe 45 93 143 192 Die in vorstehender Tabelle mitgetheilten Zahlen beweisen, dass der Halsstamm des Sympathicus, wenn er vom Herzen getrennt ist, mit schwachen Wechselströmen von sehr verschiedener Stärke, bis zu sehr schwachen herab, angegriffen werden kann, ohne dass der Puls dadurch häufiger würde. Bringen wir diese Thatsache in Zusammen- hang mit dem oben gelieferten Nachweis, dass der vom oberen Hals- 10 ganglion getrennte, zum Herzen gehende Stamm des Sympathicus, wenn er mit schwachen Wechselströmen gereizt wird, wohl zu einer Steigerung der Pulsfrequenz führt, so geht hieraus hervor, dass es sich bei den Erfolgen der Sympathicus-Reizung, ganz so wie beim Vagus, um eine directe Einwirkung auf motorische Fasern handelt, deren peripherische Ausbreitung in der Muskulatur des Herzens zu suchen ist. Versuchsthier D. Durch die folgende Versuchsreihe suchten wir mit Hülfe allmälig stärker werdender Wechselströme annähernd zu bestimmen, innerhalb welcher Grenzen die schwache Reizung eine Frequenzvermehrung und die starke Reizung eine Frequenzverminderung hervorruft. Am 20. Februar, 11h 18' wurde der rechte Sympathicus eines Kaninchens blossgelegt. Tabelle YI . bc rz p P Galvani- Rollen- abstand. Neben- Elektro- Zustand © rO | S Io Zeit. sehe Y orrich- tung. Schlies- sung. den- abstand. des Nerven. I. n. III. IV. 1 11 h 23' Ruhe 50 99 150 200 2 24' 49 97 145 192 3 25' 1 Daniel] 28 O.M. 1 M. 21 M.M. Reizung 50 100 144 198 4 n 26' n fl 2 * V) n 50 100 148 199 5 27' V 3 „ n n 47 93 142 192 6 28' Ruhe 44 91 139 187 7 r> 29' V V voll- kommen v Reizung 49 99 150 204 8 30' Ruhe 47 97 143 193 9 V 31' V T5 1 M. r> Reizung 53 108 162 215 10 32' Ruhe 51 104 157 210 11 33' T) 48 97 147 196 12 n 34' T) n 2 „ n Reizung 51 106 161 214 13 35' Ruhe 51 100 151 192 14 36' V 50 97 146 194 15 37' T) T) 3 „ n Reizung 48 97 146 195 16 38' Ruhe 46 95 143 193 17 39' r> n n n Reizung 49 99 153 207 18 40' Ruhe 48 97 151 200 19 r> 41' Tf V 4 * V Reizung 53 110 161 221 11 Nummer d. Beobachtung. Zeit. Galvani- sche Vorrich- tung. Rollen- abstand. Neben- schlies- sung. Elektro- den- abstand. Zustand des Nerven. I. II. 111. IV. 20 11 h. 42' Ruhe 52 103 157 209 21 „ 47' 1 Daniel] 28 C.M. 5 M. 21 M.M. Reizung- 56 100 161 217 22 * 48' Ruhe 50 102 154 210 23 „ 49' 7 7) 6 n 7 Reizung 51 101 154 209 24 „ 50' Ruhe 52 102 160 210 25 „ 51' 7 7) 7 7 55 Reizung 57 114 170 230 26 * 52' Ruhe 50 101 153 207 27 » 53' 7 7) 9 7 7 Reizung 56 111 171 231 28 * 54' Ruhe 53 109 156 209 29 „ 55' n V 11 7 7 Reizung 59 113 173 231 30 „ 56' Ruhe 53 104 161 211 31 „ 57' 7 n 13 7 7 Reizung 50 102 157 206 32 „ 58' Ruhe 50 101 160 204 33 * 59' V n 20 55 7 Reizung 49 100 152 202 34 12 h. Ruhe 50 101 150 201 35 12 h. 1' 7 V 40 7 7 Reizung 50 97 149 198 36 * 2' Ruhe 48 94 141 193 37 3' n u n 7) 80 55 7 Reizung 50 100 155 207 38 „ 4' Ruhe 47 98 148 198 39 „ 5' n n 160 7 7 Reizung 51 101 151 206 40 „ 6' Ruhe 50 100 151 203 41 7/ r> 1 7) 7) 200 7 7 Reizung 51 103 157 210 42 * 8' Ruhe 49 100 152 207 43 » 9' 7 7) 400 7 7 Reizung 50 105 163 221 44 „ w Ruhe 51 104 160 214 45 „ H' 7 V 800 7 7 Reizung 56 114 174 232 46 „ 12' Ruhe 51 103 165 224 47 i, 13' 7) 7 1000 7 7 Reizung 50 102 153 210 48 „ 14' Ruhe 48 100 151 204 49 „ 15' 7 7 2000 7 7 Reizung 51 102 153 204 50 „ 16' Ruhe 49 100 150 201 51 » 17' n 7 4000 7 55 Reizung 49 97 145 192 52 » 18' Ruhe 48 96 148 197 53 * 19' n 7 8000 7 7 Reizung 47 87 133 181 54 „ 20' Ruhe 46 92 140 190 55 „ 21' 7) 7 10000„ 7 Reizung 47 97 146 193 56 „ 22' . Ruhe 47 94 143 192 57 » 23' r> r> 7 Reizung 46 92 140 190 58 , 24' Ruhe 47 94 141 195 59 „ 25' r> 0 75 Reizung 46 95 145 200 12 Nummer d. Beobachtung. Zeit. Galvani- sche Vorrich- tung. Rollen- abstand. Neben- schlies- sung. Elektro- den- abstand. Zustand des Nerven. I. II. III. IV. 60 12 h. 26' Ruhe 44 89 139 183 61 V) 27' 1 Daniell 26 C.M. 0 21 M.M. Reizung' 41 84 130 186 62 7) 28' Ruhe 45 90 141 190 63 7) 29' V 24 „ 7 T) Reizung 40 92 143 193 64 V 30' Ruhe 49 97 148 200 65 r 31' 7 20 „ T) n Reizung 49 99 147 194 66 r> 32' Ruhe 48 95 144 192 67 7) 33' r> 15 „ V r> Reizung 46 91 140 185 68 n 34' Ruhe 45 95 147 197 69 y) 35' 7 10 * n 7 Reizung 45 90 138 184 70 y> 36' Ruhe 44 96 150 201 71 7 37' 7 0 V) n Reizung 43 87 131 179 72 n 38' Ruhe 44 90 151 195 73 V 39' 7 n 7 r> Reizung 46 91 140 187 74 7) 40' Ruhe 46 90 141 188 75 V 41' 7 -4 „ 7 T) Reizung 39 83 127 174 76 7 42' Ruhe 47 96 153 206 77 n 43' r> -8J„ r* 7) Reizung 45 86 131 175 78 T) 44' Ruhe 47 100 150 207 79 7) 45' 1 Grove 7 V V Reizung 38 Stillstand 1) 80 80 n 46' Ruhe 20 60|108 150 81 r> 47' 7) 7) n 77 Reizung 38 Stillstand 2) 84 82 V 48' Ruhe 43 901143 198 Im Anfang war selbst eine sehr schwache Reizung (Rollenabstand: 28 C. M. und 1 bis 3 Widerstandseinheiten in der Nebenschliessung) von zweifelhaftem Erfolg (siehe No. 2 bis 4); sie musste noch zu stark sein, denn als nach Einer Minute Ruhe die Wechselströme durch Einschaltung der vollkommenen Nebenschliessung noch mehr ge- schwächt wurden, ergab sich sogleich eine Frequenzvermehrung um 17 Schläge in der Minute (No. 7). Mit ganz ähnlicher Wirkung wurde in No. 9 und No. 12 eine etwas stärkere Reizung das erste Mal unter Aufnahme von 1 , das zweite Mal von 2 Wider- standseinheiten in die Nebenschliessung. Nach einer Erholung von t) Der Stillstand dauerte 17 Secunden, 2) Der Stillstand dauerte 12 Secunden. 13 2 Minuten schien die Einschaltung von 3 Widerstandseinheiten (No. 15) eine noch zu starke Reizung zu bewirken; nachdem der Nerv dann wieder eine Minute lang ausgeruht hatte, bewirkte die gleiche Reizung eine um 14 Herzschläge in der Minute vermehrte Häufigkeit (No. 17). Ebenso brachte in No. 19 und No. 21 die etwas verstärkte Reizung vermehrte Frequenz hervor, und dieser Erfolg wiederholte sich achtmal (No. 25, 27, 29, 37, 39, 41, 43, 45), zuletzt bei einer Einschaltung von 800 Widerstandseinheiten in die Nebenschliessung des secundären Stromkreises. Viermal (No. 23, 31, 33, 40) erzeugte die Reizung kein Häufigerwerden des Herzschlags, offenbar weil in den betreffenden Fällen die Reizung für den nicht mehr frischen Ner- ven nicht stark genug war. In No. 47 (1000 Widerstandseinheiten bei noch immer unverändertem Rollenabstand) war die Reizung zu stark, so dass eine um 14 Pulse in der Minute verminderte Häufig- keit die Folge war. Von No. 49 an bis zu No. 63 wurde achtmal gereizt, und zwar so, dass jedes folgende Mal stärker gereizt wurde, bis zu No. 50 durch Aufnahme von mehr Widerstandseinheiten in die Nebenschliessung, dann durch Hinweglassung der Nehenschliessung, und zuletzt durch allmälig fortschreitende Verkleinerung des Rollen- abstandes am Schlittenapparat; in allen diesen Versuchen hatte die Reizung einen meist unbedeutenden und dazu schwankenden Einfluss auf die Häufigkeit des Herzschlags; die Unterschiede der Pulszahl in der Minute gegen die Frequenz in der jeweilig vorausgehenden Ruhe- minute waren: 0, —9, —16, +3, —2, +5, +3, +3. Von No. 65 an, als der Rollenabstand bei entfernter Nehenschliessung nur noch 20 C. M. betrug, drückte jede Reizung die Häufigkeit des Pulses herab, bis es in No. 79 gelang, nach Vertauschung des Daniell’schen Elementes mit einem G r o v e’schen bei ganz über einander geschobenen Rollen des Schlittenapparats, einen 17 Secunden andauernden Still- stand des Herzens zu erzeugen, worauf in No. 81 derselbe Versuch mit ähnlichem Erfolg wiederholt ward. Nach diesen starken Reizun- gen machte das Herz I. H. in der ersten Viertelsminute der Ruhe 20 43 Schläge „ „ zweiten „ „ „ 40 47 „ 14 I. II. in der dritten Viertelsminute der Ruhe 48 53 Schläge „ „ vierten „ „„ 42 55 „ woraus hervorgeht, dass sich die Thätigkeit des Herzens allmälig wieder erholte. Das allgemeine Resultat der in Tabelle VI enthaltenen Beobach- tungen lässt sich also dahin zusammenfassen, dass hinlänglich abge- schwächte elektrische Wechselströme auf Einen Sympathicus am Halse angewandt den Herzschlag häufiger machen, dass mittelstarke Ströme einen schwankenden Erfolg hervorbringen, starke Ströme dagegen die Pulsfrequenz herabsetzen bis zur Erzeugung eines Stillstands der Herzthätigkeit, der um so sicherer als eine Erscheinung der Erschö- pfung aufzufassen ist, da sich nach Aufhebung der starken Reizung allmälig die frühere Häufigkeit wieder herstellt. Versuchsthier E. Am 19. Februar 1861 wurde der linke Sympathicus eines Ka- ninchens erst mit starken und dann mit schwachen Wechselströmen gereizt; der Erfolg der betreffenden Versuche ist eine einfache Be- stätigung des bisher Mitgetheilten, so dass die Tabelle VII keiner Erläuterung bedarf. Tabelle VII. Nummer d. Beobachtung. Zeit. Galvani- sche Vorrich- tung. Rollen- abstand. Neben- schlies- sung. Elektro- den- abstand. Zustand des Nerven. I. II. III. i—i 1 11 h 22' Ruhe 53 107 167 210 starke 2 , 23' 2 Grove -8* C.M. 0 18M.M. Reizung 49 89 127 172 3 „ 24' Ruhe 49 98 147 195 4 „ 25' 7) 45 98 142 182 5 » 26' 55 45 90 137 186 schwache 6 , 27' 1 Daniell + 28 B 1 M. rt Reizung 53 103 175 221 7 „ 28' - Ruhe 50 95 144 190 15 Ausser den beschriebenen elektrischen Reizversuchen haben wir auch mechanische Reizungen des Sympathicus angestellt und zwar in der Form der Dehnung nach derselben Methode, die wir früher beim Vagus bewährt gefunden hatten *). Das Versuchsthier war dasselbe Kaninchen, das uns die siebente Tabelle geliefert hatte, der Nerv, der rechte Sympathicus, welcher zu anderen Reizversuchen nicht ge- dient hatte. Tabelle VIII. Nummer d. Beobachtung Zeit, Gewicht, durch welches die Dehnung her- vorgebracht wurde. Zustand des Nerven. 1. II. III. > i—i 1 12 h 6' Ruhe 42 96 145 193 2 7 7' 45 95 144 193 3 8' 46 94 142 191 4 9' 5,8 Gramm Reizung 45 97 154 214 5 T) 10' Ruhe 48 98 155 205 6 r> 11' 47 98 152 204 7 r> 12' • 7 49 101 154 204 8 T) 13' 6,8 7 Reizung 2) 52 110 170 230 9 7) 14' Ruhe 53 114 169 214 10 Ti 15' 51 113 161 211 11 7) 16' 7,8 7 Reizung 53 113 170 229 12 Ti 17' Ruhe 51 113 160 210 13 7) 18' 9,8 7 Reizung 55 114 173 229 14 19' Ruhe 53 107 161 221 15 7 20' 19,8 Reizung 57 115 175 232 16 7) 2t' Ruhe 53 109 164 219 17 7 22' 39,8 7 Reizung 55 115 176 234 18 7) 23' Ruhe 52 106 164 216 19 7 24' 69,8 7 Reizung 54 112 168 224 20 7 25' 1 Ruhe 53 110 167 223 Siebenmal wurde mechanisch gereizt, siebenmal brachte die Rei- zung vermehrte Häufigkeit des Herzschlags hervor. Die geringste Zunahme betrug 8 Schläge in der Minute und wurde in No. 19 bei b Moleschott, a. a. O. S. 452 und folg. 2) Bei dieser Reizung wurde eine deutliche Erweiterung der Pupille beobachtet. 16 der stärksten Reizung beobachtet; die beiden grössten Zunahmen von 23 und 26 Pulsschlägen in der Minute wurden durch die schwächsten Reizungen in No. 4 und 8 erzielt. Nach jeder Reizung erfolgte in der Ruhe eine erhebliche Fre- quenzverminderung, mit alleiniger Ausnahme von No. 20; aber jede Reizung liess eine deutliche Nachwirkung zurück, so dass sich die Pulsfrequenz auch während der Ruhe hob. Da trotzdem jede Reizung die Häufigkeit des Pulses durchschnittlich um 17 Schläge in der Minute steigerte, so war der Erfolg dieser Versuche desto beweisender. Weil er überdies mit dem, was die elektrischen Reizversuche uns gelehrt hatten, in völligem Einklang stand, so glaubten wir ein ge- nügendes Material gewonnen zu haben, um folgende Sätze aufstellen zu dürfen : 1) Schwache Reizung des Sgmpathicus, mechanische wie elektri- sche, bewirkt eine vermehrte Häufigkeit des Herzschlags. Die Zunahme kann in der Minute bei Kaninchen 30 bis 40 Schläge, oder beinahe y5 der in der Ruhe vorhandenen Frequenz betragen. 2) Diese Wirkung wird nur erzielt, wenn man den zum Herzen verlaufenden Theil des Sgmpathicus reizt, nicht aber wenn der vom Herzen getrennte Theil des Halsstamms mit Wechselströmen be- handelt wird. Es handelt sich also um eine directe, nicht um eine reflectorische Reizung motorischer Fasern, die, in der Bahn des Sgmpathicus zum Herzen verlaufend, ihre peripherische Ausbreitung im Herz fleische haben. 3) Starke elektrische Reizung des Sgmpathicus vermindert die Pulsfrequenz und kann das Herz zu einem vorübergehenden Still- stand bringen; wird die Reizung aufgehoben, dann erholen sich das Herz und der Nerv allmälig wieder von der Erschöpfung, so zwar dass später angewendete schwache Reize von Neuem den Herzschlag häufiger zu machen vermögen. Mühlberg bei Mühlheim (Thurgau), 13. April 1861.