178 Robert Remak: Ueber die Theilung der Blutzellen beim Embryo. vra V Robert Remak. (Hiezu Taf. VIII.) Am Schlüsse meiner Untersuchungen über die Entwickelung der Wirbejthiere (Kerl. 1855. pag. 164-179) habe ich eine Ge- schickte der Zellerjtheorift.gegeben und in derselben mitgetheilt, wie ich durch Zweifel gegerfi die' von Schwann vertheidigte Generatio aequivoca der Zellen dahin gelangt bin, schon im ,Jahre 1841 zunächst an den embryonischen Blutzellen bei Vögeln und Säugethieren Vermehrung durch Theilung zu er- mitteln. Diese Beobachtungen wurden zwar von Kölliker (1845) und Gerl ach (1847) bestätigt; doch standen sie viele Jahre lang als vereinzelte Beispiele von Zellentheilung da, bis es mir im Jahre 1852 gelang zu erkennen (vcrgl. meinen Aufsatz über extracellulare Entstehung thierischer Zellen und über Vermehrung derselben durch Theilung, in Müll. Ar- chiv 1852. p. 47), dass die aus der Furchung hervorgehen- den Zellen sich sämmtlich bei ihrem Uebergange in Gewebe durch Theilung vermehren und dass die von mir früher beob- achtete Theilung der Blutzellen (und der Muskelfaserzellen) nur vereinzelte Glieder in der Reihe dieser zusammenhän- genden Erscheinungen waren. Die Auffindung der Eizellen- membran an dem sich furchenden Froscheie (Müller’s Ar- chiv 1854) und der Nachweis, dass die Furchung in einer fortschreitenden Theilung der Eizelle besteht, bildeten den Schlussstein jener Bemühungen, aus welchen eine vollstän- dige Reform der Zellentheorie hervorging, die sich so- gar durch meine Untersuchungen über die Entwickelung der krebshaften Geschwülste (Deutsche Klinik 1854) auf die pa- Ueber die Theilung der Blutzellen beim Embryo. 179 thologischen Gewebe erstreckte. Das im Januar 1855 aus- gegebene Scblussbeft meiner embryologischen Untersuchun- gen, auf welches ich in dieser Hinsicht verweise, darf bis zur Stunde als der Ausdrnck des Standes dieser Fragen an- gesehen werden. Während mehrere ausgezeichnete und thätige Histoiogen, namentlich Leydig, Max Schultze und Virchow sich für die von mir über Zellenbildung erlangten Ergebnisse und Ansichten aussprechen, scheinen andere Beobachter, wie Reichert und Henle, sich gegen die neuen Lehren skep- tisch zu verhalten. Reichert hatte schon vor Jahren sich in absprechender Weise über die Theilung der Blutzellen ge- äussert, nnd neuerdings glaubt Henle, gestützt auf einige Angaben von Billroth, sich diesen Zweifeln anschliessen zu müssen *). Da die Theilung der Blutzellen ein wichtiges Glied in der Reihe der Beobachtungen bildet, auf welchen die Theorie der Vermehrung der Zellen durch fortschreitende Theilung beruht, so habe ich in den Monaten Mai und Juni 1856 neue Untersuchungen an Hühner - Embryonen unternommen, um die gegen die Theilung der Blutzellen aufgestellten Beden- ken zu prüfen. Es hat sich hierbei nicht blos, wie sich vor- aussehen Hess, die seit so vielen Jahren und so häufig ge- machte Beobachtung bestätigt, sondern ich habe mich auch von Neuem überzeugt, dass bei einem geübten Beobachter ein sehr grosser Mangel an Vorsicht oder Umsicht oder sehr grosses Missgeschick dazu gehört, wenn es ihm nicht glücken soll, die Theilung der Blutzellen zu beobachten. Man braucht nur ein Ei zwischen dem dritten und sech- sten Brüttage an einer Seite zu öffnen und so lange auf die unverletzte Seite zu legen, bis sich der Embryo über der Dotterflüssigkeit erhoben hat, alsdann ein Blutgefäss anzu- schneiden und den ausfliessenden Tropfen auf einer trocke- nen Glasplatte aufzufangen, so wird man, mag ein Deck- 1) Neuerdings zieht es Reichert vor, meine Untersuchungen, so- gar im Jahresberichte, mit Stillschweigen zu übergehen, und dafür phi- losophische Betrachtungen über Zellenbildung anzustellen. 180 Robert Remak: gläschen aufgelegt werden oder nicht, in der Regel sofort eine Anzahl eingeschnürter, d. h. in der Theilung begriffener Zellen neben runden oder ovalen Zellen finden, und zwar alle diese verschiedenen Formen so regelmässig und zierlich, dass der Verdacht einer künstlichen Entstehung jener Ein- schnürungen kaum erwachen dürfte. Man muss jedoch, um dieses Bild zu erlangen, sich da- vor hüten, dass das Ei nicht allzusehr erkalte: denn zahl- reiche vergleichende Beobachtungen haben mir keinen Zweifel darüber gelassen, dass während des Erkaltens des Embryo die in der Theilung begriffenen Zellen ihre Theilung vollen- den können, und dass man deshalb alsdann in einem Bluts- tropfen nur wenige eingeschnürte Zellen, dagegen viele kleine Zellen findet, die eben aus der Theilung hervorgegangen. Ja man kann sogar zuweilen, während der warme Blutstropfen auf dem Glase erkaltet, unter dem Mikroskop die Abschnü- rung oder Theilung vor sich gehen sehen. Um diesen Vor- gang nach Kräften zu verspäten, thut man daher wohl, bei sehr warmem Wetter die Untersuchung anzustellen, das Ei auf warmem Wasser und unter einer Glasglocke liegen zu lassen, sowie endlich die Glasplatte, mit der man den Tro- pfen auffängt, auch das Deckgläschen, dessen man sich etwa bedient, vor dem Gebrauch in warmem Wasser oder durch starkes Reiben zu erwärmen. Hat man sich die Fertigkeit erworben, die eingeschnürten Blutzellen in unversehrtem Zustande darzustellen, dann kann man dazu schreiten, die innere Beschaffenheit dieser Zellen zu prüfen. Ist der die Zellen erfüllende Farbestoff weniger dicht und die Beleuchtung günstig, so wird in jeder Hälfte einer eingeschnürten Blutzelle der Kern als eine runde was- serhelle Blase bald in der Nähe der Einschnürung, bald auch ganz entfernt davon erscheinen, und es wird sogar ge- lingen , innerhalb des Kerns ein oder auch zwei Kernkörper- chen zu unterscheiden. Sobald aber der farbige Inhalt sehr dicht ist und die Kerne verdeckt, muss man zu Verdün- nungsmitteln schreiten. Eine schwache erwärmte Zuckerlö- eung 0,5 pCt. oder eine schwache Lösung von doppeltchrom- Ueber die Theilung der ßlutzellen beim Embryo. 181 saurem Kali 0,6 pCt. werden das Gewünschte leisten, näm- lich die Kerne in den beiden Zellenhälften sichtbar machen, und wenn man die Diffusion noch weiter treibt, d. h. mittelst eines an den Rand des Deckgläschens gelegten Streifens von Filtrirpapier die hinzugesetzte Flüssigkeit durch den Bluts- tropfen langsam hindurcbzieht, so wird man allmählig dahin gelangen, die in der Einschnürung begriffene Zellenmembran in ihrem ganzen Umfange soweit wieder aufzublähen, dass die Doppelzelle nunmehr als eine einfache, ovale oder runde, Zelle mit zwei Kernen erscheint. Es kann aber auch geschehen, — wenn der Blutstropfen schon erkaltet oder die Flüssigkeit nicht erwärmt oder die Theilung zu weit vorgeschritten ist, — dass durch den erregten Strom die Doppelzelle an ihrer Theilungsstelle zerbricht, und man könnte dann glauben, dass man es mit zwei an einander kle- benden Zellen zu thun gehabt habe, wenn nicht die Verglei- chung mit den anderen doppelkernigen, sich aufblähenden Doppelzellen diese Deutung vollständig beseitigen würde. Unter den Doppelzellen, welche im frischen Zustande zur Beobachtung kommen, giebt es zwei Arten. Bei den einen ist bloss eine seichte Einschnürung sichtbar, welche der Zelle die Gestalt eines Semmelpaares giebt, ohne dass der ge- färbte Inhalt an der Stelle der Einschnürung eine Unterbre- chung erleidet. Bei anderen zeigt sich an der Einschnürungs- stelle eine quere, feine, dunkele Linie oder gar ein heller Streifen; das will sagen: der Farbestoff ist hier unterbrochen und durch eine helle Substanz getrennt, welche sich in den Umfang der beiden Zellenhälften, d. h. in die Zellenmembran fortsetzt. Vergleicht man diese Beobachtung mit den von mir über die Zellenbildung im Froscheie erlangten Ergeb- nissen (worüber ich meine embryologischen Untersuchungen nachzulesen bitte), so wird es sehr wahrscheinlich, dass die Theilung auch hier vor sich geht durch das Hineinwachsen von Fortsetzungen der Zellenmembran, welche als doppelte Scheidewände den gefärbten Inhalt (Protoplasma) in zwei Abtheilungen scheiden. Damit soll nicht behauptet werden, das9 das Protoplasma bei der Theilung eine durchaus pas- 182 Robert Remak: sive Rolle spiele. Denn es kommt sogar vor (Fig. 4. x), dass die Zeilenmembran bei der Diffusion sich auf einer Seite ab- hebt, ohne dass das Protoplasma seine Einschnürung anf- giebt, und man erhält dann das Bild der trügerischen endo- genen Zellenbildung, über welche ich an den Zellen des Froscheies die nöthigen Aufklärungen gegeben habe. (Unters, über die Entw. d. Wirbellhiere p. 134.) Zu dieser Ansicht, dass nämlich die Theilung vor sich gehe mittelst Einschnürung des Protoplasma und Scheide- wandbildung Seitens der Zellenmembran , gelangt man auch, wenn man zur Entfärbung oder Erhärtung der Blutzellen sich anderer Agentien , z. B. Essigsäure 0,02 pCt., Sublimatlösung 0,03 pCt., Chromsäure 0,03 pCt. bedient. Während schwache Essigsäure die Zellenmembranen aufbläht und die Kernkör- perchen rasch sichtbar macht, dient Sublimat und Chrom- säure dazu, die Zellenmembran zu erhärten und den Ab- schnürungsvorgang deutlich zu machen. Um die am Kerne und Kernkörperchen sichtbaren Thei- lungsvorgänge zu prüfen, eignen sich die Blutzellen des drit- ten und vierten Brüttages weit besser, als die der späteren Brützeit, weil alsdann sich eine grosse Zahl von Blutzellen zur Theilung vorbereiten, auch der Farbstoff in den Zellen noch nicht so dicht ist und die Kerne weniger verdeckt. Um jene Zeit gelingt es sogar, selbst ohne Zusatz von ausspü- lenden Flüssigkeiten, in der Theilung begriffene Kerne oder Kernkörperchen innerhalb der Zellen zu sehen. Doch wird man die oben genannten chemischen Agentien zu diesem Zweck kaum entbehren können. Alsdann wird man aber auch die verschiedensten Uebergangsstufen der Theilung des Kerns sowohl wie der Kernkörperchen zur Anschauung be- kommen. Ich verweise in dieser Hinsicht auf die Abbildun- gen, welche zum Theil sogar nach eingekitteten Präparaten gemacht sind. Denn man kann, wenn man chemische Agen- tien angewendet hat, den Tropfen unter einem Deckgläs- chen, das man mit einem Lack umzieht (am besten mit dem von Dr. Oschatz bereiteten) ziemlich lange Zeit auf- Ueber die Theilung der Blutzellen beim Embryo. bewahren und die Theilungsvorgänge Anderen zur Anschauung bringen, wie ich selbst gethan habe1). Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, dass die Thei- lung der Blutzellen mit der Theilung des Kernkörperchens beginnt. Zu Anfang oder um die Mitte des dritten Tages sieht man zuweilen nur wenige Zellen mit doppelten Kernen, dagegen in fast allen Kernen Kernkörperchen, die in der Einschnürung begriffen, oder doppelt oder drei- auch vier- fach vorhanden sind (Fig. 2 u. 4). Zwölf Stunden später da- gegen sind viele Zellen mit doppelten Kernen und einfachen oder doppelten Kernkörperchen sichtbar. Die Theilungsvor- gänge der Kernkörperchen ereignen sich demnach gleichzei- tig in vielen Zellen und ebenso die nachfolgenden Theilun- gen der Kerne. Alle diese Acte sind nur die Vorbereitungen für die lebhafte Vermehrung der Zellen durch Theilung, wel- che am vierten und fünften Tage stattfindet, wenn die Blut- gefässe sich mit Blut füllen, um dem Bedarf der Allantois zu genügen. Die Regel ist, dass das Kernkörperchen sich in zwei Theile abschnürt, und ebenso der Kern in zwei Kerne. Wie es aber zuweilen vier Kernkörperchen giebt, so finden sich auch zuweilen vier Kerne in einer Zelle. Und zwar habe ich sie sowohl am dritten, wie am achten Brüttage ge- funden. Bei den Säugetbieren ist, wie ich schon in meinen ersten Mittheilungen vom Jahre 1841 (Med. Vereins-Zeitung 1841 No. 27 und Canstatt’s Jahresbericht) gesagt habe, das Vorkommen von vier Kernen in einer Zelle sehr häufig. Bei dem Hühnchen habe ich diese Erscheinung erst nun- mehr ermittelt. In der Regel sind die aus der Theilung des Kernkörper- 1) Die Theilung der Blutzellen aus frischen Hühner-Embryonen vorznzeigen, war in meinen histologischen Vorträgen, welche seit einem Jahre durch meine therapeutische Thätigkeit unterbrochen worden, wäh- rend des Sommers immer Gegenstand der Demonstration. .Auch Herr Prof. Gerl ach aus Erlangen sagte mir vor kurzem, dass er die Thei- lung der Blutzellen aus frischen Embryonen seinen Zuhörern zu demon- striren pflegt. 184 Robert Remak: chens, des Kernes und der Zelle hervorgehenden Theile un- ter einander gleich. Zuweilen findet man jedoch Zellen, wel- che in zwei ungleiche Theile zerfallen. Diese Erscheinung ist sehr auffallend an dem Blute eines in Chromkali aufbe- wahrten Embryo von Coluber natrix, aus welchem ich (Fig. 15) eine Anzahl von Zellen abgebildet habe. Allein sie findet sich auch gar nicht selten beim Hühnchen an den verschie- densten Brüttagen. Da nun manche Zellen sich zu grossen abgeplatteten, ovalen Scheiben ausbilden, während andere sich theilen, so entsteht eine überraschende Ungleichheit der Blutzellen, welche namentlich nach dem sechsten Tage sehr auffallend wird und in den beiliegenden Zeichnungen sich kenntlich macht. So kann es neben einander gefärbte Zellen geben, welche um das Sechsfache und darüher in ihrer Grösse von einander abweichen, so zwar, dass die kleinsten kaum V300 L. messen. Sehr kleine gefärbte kernhaltige Zellen habe ich auch bei einem Embryo vom 18ten Brüttage, also kurz vor dem Auskriechen gefunden (Fig. 14). Die an den ßlutzellen im Verlaufe des Eilebens des Hühn- chens beobachteten Theilungen gefärbter Blutzellen finden sich am häufigsten an denjenigen Brüttagen, an welchen eine sichtliche Vermehrung des Blutes stattfindet, namentlich zwi- schen dem dritten und achten Tage. Bis zum zwölften Tage nehmen sie allmälig an Häufigkeit ab, genau in dem Ver- hältnisse, in welchem auch die Vermehrung der Blutmasse abnimmt. Nach dem zwölften Tage habe ich bisher keine normale Theilung wahrgenommen. Da sich am Schlüsse des Eilebens sämmtliches in der Allantois und im Dottersack be- findliche Blut in den Embryo zurückzieht, so bestätigt sich auch auf dieser Entwickelungsstufe, dass das Auftreten der Theilungen proportional ist einer nachweislichen Vermehrung der Blutmasse. Damit will ich keinesweges behaupten, dass während der Brütung keine neuen farblosen Blutzellen hinzukommen, die sich in farbige umwandeln. Doch muss ich in dieser Hin- sicht auf dasjenige verweisen, was ich in meinem grösseren Werke über diesen Gegenstand gesagt habe, da ich diesmal Ueber die Theilung der Blutzellen beim Embryo. 185 nur die Absicht hatte, auf die bestrittenen Theilungen der gefärbten Blutzellen einzugehen. Der Vollständigkeit wegen habe ich noch einiger Erschei- nungen zu gedenken, welche vielleicht mehr ein pathologi- sches, als physiologisches Interesse haben, aber für die Ent- wickelungsgeschichte der Blutzellen von Bedeutung sind. Bei meiner ersten Mittheilung (Med. Zeit. 1841. No. 27) un- terschied ich im Hühner-Embryo aus der dritten Brütwoche „biscuitförmige Blutkörperchen, deren dicke Enden roth ge- färbt und jedes mit einem Kerne versehen waren; diese bei- den Kerne waren durch einen dünnen Faden mit einander verbunden.“— Allein schon in dem von mir (für Can s ta tt) verfassten Jahresberichte über die Fortschritte der Physio- logie im Jahre 1841 (Separatabdruck p. 17) sagte ich in einer Anmerkung: „Weitere Untersuchungen haben mich zweifel- haft gemacht, ob die biscuitförmige Gestalt mancher Blut- körperchen eine normale Entwickelungsstufe derselben bildet und ob sie nicht bloss einer Dehnung ihr Entstehen verdankt. Dagegen habe ich neuerdings von dem dritten Brüttage an rothe Blutkörper gesehen, welche die des erwachsenen Thie- res bei weitem an Grösse übertrafen und doppelte Kerne enthielten. Bei Schweins-Embryonen von 1 Zoll Länge wa- ren die Blutkörperchen 4 — 6mal grösser, als die von er- wachsenen Schweinen; sie zeigten doppelte und vierfache Kerne, welche offenbar verschiedenen, durch blasse Zwi- schenlinien markirten Abtheilungen des Blutkörperchens an- gehörten.“ — In meinem euibryologischen Werke (p. 107) habe ich noch einmal meine Zweifel darüber ausgesprochen, ob die von Köl - liker (Gewebelehre 1852. p. 21) abgebildeten biscuit- oder hantelförmigen Blutzellen normale Bildungen seien. Meine letzten Untersuchungen hahen diesen Zweifeln neuen Boden gegeben. Denn ich habe gar häufig, wie die Abbildungen zeigen, in der letzten Brütwoche solche Körper gefunden in welchen nur die eine Hälfte einen Kern enthielt (Fig. 12), die andere dagegen kernlos war. Beide Hälften hingen durch einen farblosen, schlauchförmigen Theil mit einander zusam- 186 Robert Remak: men, welcher offenbar nichts weiter als die ausgedehnte Zel- lenmembran war. Kurz diese auffallenden Gebilde machen ganz den Eindruck, als seien sie durch einen abortiven Thei- lungsvorgang entstanden, bei welchem eine normale Kern- theilung nicht zu Stande gekommen und deshalb eine nor- male Zellentheilung nicht von Statten gehen will. Für diese Deutung spricht auch, dass schon vom sechsten Tage ab (Fig.8zu.9z) Zellen mit Einschnürungen Vorkommen, bei wel- chen nur die eine Hälfte einen Kern (Fig. 8 z), zuweilen so- gar mit zwei Kernkörperchen enthält, während die andere kernlos ist. Diese Zellen kenne ich seit vielen Jahren, aber ich glaubte, dass der Kern vielleicht noch später in die Mitte rücke und seine Theilung vollbringe. Allein nachdem ich jetzt diesem Gegenstände besondere Aufmerksamkeit gewid- met, scheint es mir unzweifelhaft, dass es sich hier um einen abnormen Theilungsvorgang handelt, bei welchem die Zellen- einschnürung beginnt, bevor die Kerntheilung zu Stande ge- kommen. Eine solche in ahnormer Theilung begriffene Zelle kann es, wie der Erfolg lehrt (Fig. 8, 9, 12, 13), dahin brin- gen, dass das Protoplasma in beiden Hälften der Doppel- zelle, sowohl in der kernhaltigen wie in der kernlosen, sich abrunde und gewissermassen selbstständig mache; allein sie vermag nicht zu einer Theilung der Zellenmembran zu ge- langen, sondern diese wird zu einem langen Zwischenschlau- che ausgedehnt. Mindestens habe ich niemals Zellen ohne Kerne gefunden, wenngleich es nicht selten vorkommt, dass der Kern nicht die gewöhnliche blasige Beschaffenheit dar- bictet, sondern wie ein verschrumpfter fester Körper aussieht, in welchem man das Kernkörperchen vermisst (Fig. 6. y,z). Die beschriebenen hantelförmigen, nach meiner Deutung in misslungener Theilung begriffenen Zellen finden sich, wie ich schon im Jahre 1841 bemerkte (in Canstatt’s Jahres- bericht), nicht in allen Embryonen und nicht zu allen Brut- zeiten, sondern am zahlreichsten in der letzten Brütwoche, namentlich bei solchen Embryonen, bei welchen die Aufsau- gung des Dotters und die Hereinziehung des Dottersackes in die Bauchhöhle nicht in normaler Weise von Statten geht, Ueber die Theilung der Blutzellen beim Embryo. 187 und welche aus diesem Grunde nicht lebensfähig zu sein pfle- gen. Ich vermuthe, dass diese krankhaften Zustände der Blut- zellen abnormen Schwankungen der Temperatur oder anderen ungünstigen Einflüssen im Brütofen ihr Entstehen verdanken. Erklärung der Tafel. Sämmtliche Figuren sind bei 450faeher Vergrösserung gezeichnet und betreffen mit Ausnahme der Fig. 15 den Hühner-Embryo. Fig. 1. Zwei mattgefärbte (au. b) uud eine grössere farblose, gra- nulirte, mit zwei hellen Kernen versehene Zelle innerhalb der Gefässe der Area vasculosa eines 48stündigen Embryo beobachtet. Fig. 2. Die aus einem Gefässe eines 60 ständigen Embryo ausflies- senden Zellen, welche sehr weich sind und unter den Augen des Be- obachters kleine beulenförmige oder auch cylindrische Ausbuchtungen bekommen. Fig. 3. Blutzellen vom dritten Tage im frischen Zustande mit einer Mischung von doppeltchromsaurem Kali (2 Gran) und doppeltschwefel- sanrem Kali (1 Gran auf die Unze Wasser) behandelt. Man sieht ent- färbte Zellen mit einfachen und doppelten Kernen und Kernkörper- chen, zum Theil in der Einschnürung begriffen. Fig. 4. Zellen vom Ende des dritten Tages mit derselben chrom- sauren Mischung behandelt. Bei x eine Doppelzelle, auf welcher sich an einer Seite die Membran erhebt, ohne dass das Protoplasma die Einschnürung verliert; in der einen Hälfte ein in der Einschnürung be- griffener Kern. Die übrigen Zellen sind entfärbt nud zeigen zwei, auch drei (p), sogar vier (y) zum Theil noch nicht ganz von ein- ander abgeschnürte Kerne. Fig. 5. Vom 4ten Tage mit einer lauwarmen Zuckerlösung behan- delt, in welcher die Kerne, aber nicht überall die Kernkörperchen sichtbar werden. Fig. 6. Vom 5ten Tage mit einer lauwarmen Lösung von doppelt- chromsaurein Kali 0,2 pCt. behandelt; Zellen von der verschiedensten Beschaffenheit. Die Doppelzelle A zeigt auf der Theilungsstelle einen hellen Streifen und theilt sich während der Beobachtung (A"). Die Zellen y und z zeigen verschrumpfte Kerne. Fig. 7. Vom 5ten Tage; Blutzellen im frischen Zustande bei lang- samer Einwirkung von Zuckerlösung. Fig. 8. Vom 6ten Tage; nach längerer Einwirkung von doppelt- chromsaurem Kali 0,4 pCt. treten die Contouren der Zellenmembranen 188 Robert Remuk: Ueber die Theilung d. Blutzellen beim Embryo. scharf hervor, so dass man bei y die Einschnürung der Zellenmembran deutlich unterscheiden kann Bei z eine eingeschnürte Zelle, in welcher nur die eine Hälfte einen Kern zeigt. Fig. 9. Vom 8ten Tage; Zellen von sehr ungleicher Grösse und Beschaffenheit (Zusatz von Kali bichromicum gr. jjj, Acid. sulf. gr. j auf 1 Unze Wasser). z, mehrere Zellen mit abnormer Theilung. a, Zelle mit einem Kern, der sich in vier Abtheilungen scheidet. b, Zelle mit vier kleinen Kernen. Fig. 10. Vom 9ten Tage; sehr grosse (a) und sehr kleine (b) ge- färbte Zellen, auch farblose Zellen (c), aber keine Theilungen zu find en. Fig. 11. Vom lOten Tage; Zellen frisch und weich, zum Theil während der Beobachtung Ausbuchtung zeigend; Dop pelz eilen (x) sehr selten, kaum auf tausend Zellen eine; die Zellen im Ganzen weit kleiner, als am 8ten Tage; keine hantelförmigen Zellen zu finden. Fig. 12. Vom 12ten Tage; mit Zuckerwasser und Essigsäure. Keine normale Theilung zu finden, wohl aber die beschriebenen hantelför- migen Zellen. Fig. 13. Vom 16ten Tage; wie oben, auch farblose granulirte Zellen (x). Fig. 14. Vom 18ten Tage; sehr grosse und sehr kleine gefärbte Zellen. Fig. 15. Aus einem drei und eine halbe Windungen zeigenden Em- bryo von Coluber natrix, der ein Jahr lang in einer Lösung von dop- peltchromsaurem Kali (6 Gran auf die Unze) aufbewahrt war. Die Zellen sind zwar entfärbt und brüchig, aber die verschiedenen Thei- lungsstufen sehr deutlich. Nur die Kernkörperchen sind in den sehr festen und dunkeln Kernen in der Regel nicht zu unterscheiden. M/Z/tr’sAnc/iii’. (a/.lT//- RemaA- ds/ . fftrytnscfatfa'’ .«r