MELMGES BIOLOGIQUES TIRES DU BULLETIN DE L’ACADEMIE IMPERIALE DES SCIENCES DE ST.-PETERSBOURG. TOHE VIII. ~ Mai 1872. Über den Einfluss der reflectorischen Thätigkeit der Gefässnervencentra auf die Erweiterung der peripherischen Arterien und auf die Se* cretion in der Submaxiflardrüse. Von Ph. Owsiannikow und S. Tschiriew. Wenn auch in der letzten Zeit die Arbeiten über die Thätigkeit der Gefässnervencentra und über den Einfluss der Nerven auf die Gefässe sehr viel neues Material zu Tage gefördert haben, so haben sich auch manche neue Gesichtspunkte eröffnet, welche sich nicht ganz mit den alten Lehren und Erklärungen vertragen. Manche Thatsachen, die früher sehr einfach und leicht verständlich schienen, wie z. B. die Erweiterung oder Contraction der Gefässe unter dem Einfluss des Sym- pathicus, erwiesen sich als viel verwickelter und com- plicirter, als man besondere, die Gefässe erweiternde Nerven auffand. Die Zahl der Nerven, deren Erregung stets von Er- weiterung der Gefässe begleitet wird, ist in der letz- ten Zeit recht gross geworden. Man fand deren immer mehr neue. Daraus hätte man den Schluss ziehen kön- nen, dass wohl die meisten Gefässe unter dem Einflüsse zweier Systeme von Nerven stehen, nämlich solcher, 652 welche die Gefässe contrahiren, und solcher, welche sie erweitern. In wie hohem Grade eine solche Schlussfolgerung richtig ist, darüber mögen uns spätere Versuche be- lehren. Wir werden zunächst die Aufmerksamkeit der Forscher darauf hinlenken, dass die Erweiterung der Gefässe in einigen Provinzen des Körpers nicht bloss durch einen einzigen specifisch wir- kenden Nerven hervorgebracht werden kann, sondern durch mehrere. Um unseren Ausspruch durch Beispiele zu bekräftigen, wählten wir Versuche an Kaninchen mit den N. n. auriculares posteriores. Es ist bekannt, dass die Reizung des centralen En- des dieser Nerven einen Zufluss des Blutes zu den Oh- ren hervorruft. Sie werden roth, die Gefässe erwei- tern sich in hohem Grade, die Temperatur steigt. Nach Aufhören der Reizung, nachdem alle diese Erscheinungen verschwunden waren, präparirten wir den Ischiadicus aus, durchschnitten ihn und reizten ihn mit massig starken electrischen Schlägen. Sogleich zeigte sich an beiden Ohren des Kaninchens dasselbe Bild, vielleicht noch intensiver, als wir es bei Reizung des hinteren Ohrennerven gesehen hatten, die Gefässe wur- den stark mit Blut überfüllt, die Ohren roth, die Temperatur derselben stieg bedeutend. Wir haben diesen Versuch mehrere Male an Kaninchen wie- derholt und stets mit demselben Resultat. Versuch I. Versuch II. Wir stellten ferner denselben Versuch an Hunden 653 an, die ebenfalls curarisirt waren. Nachdem der Ischia- dicus auspräparirt und durchschnitten war, wurde ein Stück des Ohres mit der Scheere abgetragen. Die Schnittwunde blutete massig. Nun wurde der Ischici- dicus gereizt. Sogleich erfolgte eine stärkere Blutung und aus einer Arterie strömte das Blut in starkem Strahle empor. Liess man mit der Reizung nach, dann trat wieder eine viel massi- gere Blutung ein. Jeder neue Reiz verstärkte alle Mal die Blutung. Die Erklärung dieser constant auftretenden Erschei- nungen liegt auf der Hand. Die N. n. auriculares und der Ischiadiciis besitzen unter anderm auch Empfindungs- fasern, deren Reizung Reflexe in den Gefässnerven- centren auslöst. Die Folge dieses Reflexes ist die Stei- gerung des Blutdruckes in den Arterien. Wir haben nicht einmal Gelegenheit gehabt, uns zu überzeugen, dass die Reizung der hinteren Ohrennerven ebenso gut den arteriellen Blutdruck vermehrt, wie die Reizung irgend eines anderen sensiblen oder gemischten Ner- ven. Ferner muss man in Anschlag bringen, dass, wenn auch durch die Reizung der Gefässnervencentra die Verengerung aller Arterien, die einigermaassen dicke Wände besitzen, eintritt, in den kleinen und dünnwan- digen Gefässen dagegen unter deüi erhöhten Drucke immer eine Erweiterung hervorgerufen wird. Unsere Beobachtungen am Ohre bei Reizung des peripheri- schen Endes aller, sensible Fasern enthaltenden, Ner- ven haben dieses wirklich auf’s Deutlichste bewiesen. Auf diese Weise lässt sich leicht erklären, warum bei Reizung des N. ischiadiciis das Ohr des Kaninchens blutreich, roth und warm wird. Dieser Umstand, dass bei reflectorischem Reize der Gefässnervencentra die peripherischen kleinen Arte- rien sich stark erweitern und in ihnen das Blut viel lebhafter circulirt, schien uns von hoher Bedeutung. Es war uns dadurch die Supposition in hohem Grade wahrscheinlich geworden, dass durch die Reizung der sensiblen Nerven auch eine stärkere Absonderung, we- nigstens in einigen Drüsen, veranlasst werden könne. Da man in der letzten Zeit sehr viel an den Sub- maxillardrüsen experimentirt und viele interessante Thatsachen an ihnen ermittelt hat, so wählten wir zu- letzt diese Drüse zum Object unserer Untersuchung. Y ersuch III. Nachdem einem curarisirten Hunde bei eingeleiteter künstlicher Athmung eine Canüle in den Ausfüh- rungsgang der Unterkieferdrüsen eingebunden wor- den, reizten wir das centrale Ende desN.ischia- dicus. Wenn wir auch schon von vorn herein eine gesteigerte Thätigkeit in der Drüse er- wartet hatten, so waren wir doch durch die sehr bedeutende Quantität von Speichel, der wäh- rend des Reizes in die Canüle ergossen wurde, überrascht. Der Speichel zeigte den Charakter des Chorda-Speichels, er war dünnflüssiger als der Sym- pathicus-Speichel. Jede beliebige Portion von ihm verwandelte Stärke in Dextrin und Zucker. Wir begnügten uns natürlich nicht mit den Resul- taten dieses interessanten Versuches, sondern forsch- ten weiter nach den tieferen Ursachen der Absonde- rung. Es war interessant zu wissen, wie sich die Rei- zung des N. ischiadicus und des N. splanchnicus zu der Chorda tympani und zu der Speichelabsonderung ver- hielt. Der folgende Versuch wird uns einige Aufklä- rung geben. Versuch IV. Einem Hunde von mittlerer Grösse wurde in die Yen. jug. 3 Ccm. y2% Lösung von Curare eingespritzt, darauf, da die Vergiftung noch nicht eingetreten war, noch 2 Ccm. In die beiden Ausführungsgänge der Sub- maxillardrüsen banden wir gläserne Canülen ein. Der Speichel zeigte sich nicht. Nun wurde auf der lin- ken Seite der N. ischiaclicus herauspräparirt, un- terbunden und durchschnitten. Es zeigte sich sofortder Speichel schon bei der mechani- schen Reizung des Nerven und während der Unterbindung in beiden Canülen. Electrische Reizung des centralen Endes hatte dieselbe Wirkung. Auf der rechten Seite wurde nun der N. lingualis unterbunden und durchschnitten. Nach der Reizung des centralen Endes desselben zeigte sich der Spei- chel in beiden Canülen. Die Absonderung des Spei- chels dauerte noch fort, als selbst die Chorda tympani auf der rechten Seite durchschnitten wurde. Hier- bei ist aber zu bemerken, dass die Quantität des Spei- chels auf der rechten Seite geringer wurde, als auf der linken. Die Reizung des Ischiadicus hatte denselben Erfolg wie die des Lingualis, nämlich viel Speichel aus der linken Speicheldrüse, wenig aus der rechten. Da sich Muskelzuckungen zeigten, so wurde in die Vene noch 2 Ccm. Curare eingespritzt. Nachdem das Thier sich beruhigt hatte, öffneten wir die Bauchhöhle und unterbanden die absteigende Aorta oberhalb der Nierenarterien, um zu sehen, welchen Einfluss die dadurch hervorgerufene Steigerung des Blutdruckes auf die Speichelabsonderung haben würde. Der Einfluss war sehr gering, die Quantität des Spei- chels nahm nur unbedeutend zu. Nun wurde die Li- gatur gelöst, der linke N. splanchnicus unterbun- den und sein peripherisches Ende gereizt. Auf diesen Reiz folgte starke Absonderung aus der linken Drüse, schwache aus der rechten. Die erneuerte Reizung des N. ischiadicus rief zuletzt nur schwache Absonderung des Speichels in der lin- ken Drüse und gar keinen in der rechten hervor. Die- ser Versuch dauerte über vier Stunden. Dieser Versuch wurde an einem grossen curarisir- ten Hunde ebenfalls bei künstlicher Athmung gemacht. Eine gläserne Canüle wurde in den Gang der linken Speicheldrüse eingebunden. Darauf präparirten wir den Ischiadicus aus, unterbanden und durchschnitten ihn so, dass das Centralende leicht der Reizung ausgesetzt werden konnte. Der Reiz dauerte jedes Mal eine halbe Minute. Versuch V. Die Quantität des abgesonderten Speichels in Cmm. Zeitdauer der Ab- sonderung. Entfernung der Rollen. Der gereizte Nerv. Bemerkungen. 40mm 0^5 7^5 N. ischiad. sin. Reiz des centralen Endes. 15 0,75 — Nach der Reizung. 15 0,75 — — — 50 0,5 7,5 N. ischiad. sin. Reiz des centralen Eudes. 15 0,75 — Nach der Reizung. 15 0,75 — — Chorda tymp. wird präparirt und durchschnitten. 45 0,5 7,5 Chorda tymp. Reiz des peripherischen Endes. 15 7 0,75 0,75 Nach der Reizung. 50 0,5 7,5 Chorda tymp. Reiz des peripherischen Endes. 10 8 0,75 0,75 _ _ | Nach der Reizung. 7 0,5 4,5 N. ischiad. sin. Reiz des centralen Endes. 1 0,75 — Reiz des centralen Endes. 1 0, 5 4,5 N. ichiad. dext. — 40 5 0, 5 0,75 5 Chorda tymp. Reiz d?s. peripherischen Endes. Dieser Versuch beweist uns durch die Zahlen, dass bei Reizung des Ischiadicus eben so grosse Quantitäten von Speichel producirt werden können, wie bei Reizung der Chorda tympani, so lange dieser Nerv nicht durchschnitten wird. Nach seiner Durchschneidung sehen wir eine höchst interessante Thatsache, nämlich die Reizung des Ischiadicus ruft anfangs eine bedeutend geringere Quantität von Speichel hervor, und zuletzt gar keinen. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass die Wir- kung der Ischiadicus-Reizung, nämlich die vermehrte Speichelabsonderung, nicht allein durch den gesteiger- ten Blutdruck bedingt wird, sondern noch unter dem Einflüsse der Gefässnervencentra auf die Chorda steht. Während dieses Versuches wurde zugleich auch der Druck in der Carotis und in dem Speichelgange bestimmt. Druck in der Carotis 134 Mm. — im Speichel- gange 154 Mm. Versuch VI. Zu diesem Versuch diente ein Hund von mittlerer Grösse, der wie die übrigen curarisirt wurde. Die Arteria carotis sin. wurde mit dem Kymographion ver- bunden. In den Ausführungsgang der rechten Sub- maxillardrüse banden wir eine gläserne T-förmige Ca- nüle ein und zwar so, dass der eine Schenkel mit dem Gange der Submaxillardrüse, der andere, mittlere, mit einem in Cmm. graduirten, vertical befestigten Rohre verbunden wurde, und auf den dritten Schenkel setz- ten wir ein Kautschukrohr und klemmten dasselbe mit einer Klemme fest. Diese Vorrichtung gab uns die Möglichkeit, den Speichel aus dem graduirten Rohre, wenn es tiberfüllt war, durch den Druck auf die Klemme abfliessen zu lassen. Der gereizte Nerv. Höhe des Druckes. Bemerkungen. 103 N. ischiadicus.. 182 Unterbindung und Durchschneidung. 102 N. ischiadicus.. 263 Electrische Reizung. 104 'Beschleunig, d. Absond. des Speichels. N. lingualis 140 .Electrische Reizung. 83 Beschleunig, d. Absond. des Speichels. N. ischiadicus.. 222 Electrische Reizung. 116 Beschleunig, d. Absond. des Speichels. N. ischiadicus.. 230 Electrische Reizung. beschleunig. d. Absond. des Speichels. 115 N. ischiadicus.. 236 Electrische Reizung. 100 Beschleunig, d. Absond. des Speichels. N. lingualis 144 Electrische Reizung. 76 beschleunig, d. Absond. des Speichels. Chorda tymp... 78 Durchschneidung und electr. Reizung. 77 Starke Absonderung. N. ischiadicus.. 214 Elektrische Reizung. 87 Sehr schwache Absonderung. i Chorda tymp... 95 84 84 84 \ Electrische Reizung. | Starke Absonderung des Speichels. Versuch VII. Hund von mittlerer Grösse, curarisirt mit künst- licher Athmung. Die Carotis dextra wurde mit dem Manometer verbunden, während in den linken Gang der Submaxillardrüse eine T-förmige gläserne Canüle eingebunden wurde. Der gereizte Nerv. * Blut- druck. Bemerkungen. 160 N. ischiad. dexter. 246 162 1 Mechanische Reizung. / Beschleunigte Speichelabsonderung. N. ischiad. dexter.. 212 163 Unterbindung. N. ischiad. dexter.. 196 139 Verstärkte Absonderung des Speichels N. ischiad. dexter.. 186 Durchschneidung. 147 Electrische Reizung. N. ischiad. dexter.. 188 Verstärkte Absonderung des Speichels. 183 Electrische Reizung. N. lingualis sin.... 192 146 Verstärkte Absonderung des Speichels Electrische Reizung. Chorda tymp 132 Verstärkte Absonderung des Speichels. 142 Unterbindung und Durchschneidung. 138 | Chorda tymp 148 139 { Electrische Reizung. ( Verstärkte Absonderung des Speichels. 142 ) # Chorda tymp 138 142 1 Electrische Reizung. 138 Verstärkte Absonderung des Speichels. 134 144 N. sympath. sin 142 Electr. Reizung des Halssympathicus. 122 Es zeigen sich einige Tropfen des dick- 140 flüssigen Speichels. 128 N. sympath. sin.... 144 Electrische Reizung. 141 N. sympath. sin.... 142 Electrische Reizung. 138 N. ischiad. dexter.. 228 Electrische Reizung. 120 112 Chorda tymp 120 120 ► Electrische Reizung. 126 162 Chorda tymp 149 152 Electrische Reizung. 154 176 196 Electrische Reizung. . Chorda tymp 150 Druck des Speichels 110mm- 204 Wir sehen aus diesem Versuche, dass bei Reizung der Chorda, trotz dem verhältnissmässig geringen Blut- drucke, sehr starke Absonderung eintritt. Auf den Blut- druck hatte die Reizung dieses Nerven fast keinen Ein- fluss. Die geringen Schwankungen, die sich zeigten, sind von der Reizung ganz unabhängig und kommen, wie man weiss, häufig selbstständig vor. V er such VIII. Ein Hund von mittlerer Grösse curarisirt bei künst- licher Athmung. In den Speicheldrüsengang der Sub- maxillaris wurde, wie bei den vorigen Versuchen, ein graduirtes Rohr eingebunden. Die Reizung der Ner- ven dauerte stets eine halbe Minute. Entfernung der Rollen. Quantität der Speichel- absonderung in Cmm. Zeitdauer der Absonderung. Der gereizte Nerv. Bemerkungen. 13 8 Cmm O,o N. ischiad. sin. 2 0,5 — 11 11 8 0,5 N. ischiad. sin. 2 0,5 — 9 18 0,5 N. ischiad. sin. 3 0,5 — Durehschneiduug der Chorda. 9 0 0,5 Chorda tymp. Reiz.d. central.Endes d. Chorda. 9 2 0,5 N. ischiad. sin. 9 47 0,5 Chorda tymp. Reiz, des peripherischen Endes. 9 3 0,5 N. ischiad. sin. 0 0,5 — j:ißL 9 5 0,5 N. ischiad. sin. 8,5 5 1 0,5 0,5 N. ischiad. sin. 8,5 0 0,5 Chorda tymp. Reizung des centralen Endes. 8,5 5 0,5 Chorda tymp. Reiz, des peripherischen Endes. Ganglion submaxillare ausge- 7,5 8 0,5 N. ischiad. sin. schnitten. 1 0,5 — /)< 7,5 5 0,5 N. ischiad. sin. V ersuch IX. Dieser Versuch wurde an einem kleinen Hunde an- gestellt bei Curarevergiftung und künstlich eingeleite- ter Athmung. In den Gang der linken Unterkiefer- drüse wurde eine graduirte Canüle eingebunden. Jede Reizung der Nerven dauerte stets eine halbe Minute. | , S fcib rZ. C3 Der gereizte äiii' 3 Sh Bemerkungen. s.ä'go Nerv. 'S §.g a «5 a o gtßjg*" +2 CO S a O» s3 N