MELMGES B10L0G1QUES TIRES DU BULLETIN DE L’ACADEMIE IMPERIALE DES SCIENCES DE ST.-PETERSBOURG. TOMS VIII. 23 Februar , Ql7 7 März 1871, Die Rolle der Nerven bei Erzeugung von künst- lichem Diabetes mellitus. Von Prof. E. Cyon und Stud. Aladoff. Durch den Nachweis des Zuckers im Harne von Thieren, bei denen der 4te Ventrikel des Gehirns durch einen Stich verletzt war, hat Claude Bernard eine der wichtigsten und merkwürdigsten Erscheinun- gen der Physiologie zu Tage gefördert. Seit dieser Entdeckung sind theils von Bernard selbst, theils von Anderen, besonders von Schiff, weitere Unter- suchungen über den Einfluss der Nerven auf Zucker- production unternommen worden, die, so lehrreich sie an sich waren, doch nicht dazu geführt haben, die Art dieser Nervenwirkungen erklären zu können. Die zuerst von Bernard gemachte Beobachtung, dass eine vorherige Durchschneidung der nn. splanch- nici dem Eintreten von Diabetes nach der Piqüre vorbeuge, eine nachherige Trennung dieses Nerven aber den schon entstandenen Diabetes nicht aufzu- heben vermag, hat zwar auf die Splanchnici als auf die Bahnen aufmerksam gemacht, durch welche das Centralnervensystem in die Zuckerproduction ein- zugreifen vermag; durch den scheinbaren Wider- spruch aber, welcher in dieser Beobachtung Claude 91 Bernard’s lag, wurde das Verständnis der hier in Betracht kommenden Vorgänge noch mehr in die Ferne gerückt. Nachdem schon Pavy bemerkt hat, dass Durch- schneidung des obersten Halsganglions des Sympathi- cus Diabetes zu erzeugen vermag, hat Eckhardt es unternommen, eine Aufklärung über die von mehre- ren Autoren beobachtete Inconstanz in den Erfolgen der Splanchnici-Durchschneidungen für den Diabetes auf experimentalem Wege zu erlangen. Von den zahlreichen Untersuchungen Eckhardt’s über Diabetes wollen wir nur diejenigen berücksich- tigen, welche die uns hier speciell interessirende Frage berühren. Als Hauptresultat der Eckhardt’schen Untersu- chung kann man den Nachweis betrachten, dass Durch- schneidung des letzten Hals- oder irgend eines Brust- ganglions des Grenzstranges ebenso Diabetes erzeugt, wie die Bernard’sche Piqüre im Boden des vierten Ventrikels. Eckhardt betrachtet den so entstehen- den Diabetes als einen Reizungs-Diabetes, d. h. als einen solchen, der in Folge von Reizung sympathi- scher Nerven entstanden sei. Der Reiz soll durch die Berührung der Luft mit der Schnittfläche des Gan- glions gegeben sein, und darum erklärt Eckhardt, die Erfolglosigkeit der Splanchnici - Durchschneidungen dadurch, dass, wenn dieser Nerv zwischen den Gan- glien getroffen wird, seine Diabetes erzeugenden Fa- sern nur gelähmt, aber nicht gereizt werden. Mit Zuhülfenahme dieser Ec kardt’schen Annahme lässt sich der scheinbare Widerspruch, welcher in der oben erwähnten Beobachtung von Claude Bernard lag, auf eine mehr oder weniger gezwungene Weise erklären. Es lassen sich aber auch manche gewichtige Ein- wände gegen die Richtigkeit dieser Erklärung erhe- ben. So z. B. erscheint die Annahme, Durchschnei- dung von peripherischen Nervengebilden bewirke keine Lähmung, sondern Reizung derselben, an sich schon ziemlich gewagt, und dies um so mehr, als wir bei Eckhardt auch den direkten Beweis dafür vermissen, der doch leicht geführt werden könnte. Wenn die Durchschneidung der erwähnten Ganglien durch Rei- zung ihrer Schnittflächen Diabetes erzeügte, so müsste eine Exstirpation dieser Ganglien natürlich keinen Diabetes veranlassen. Diese leicht ausführbare Gegen- probe musste Eckhardt zuerst versuchen, und nur wenn die im vorigen Satze gemachte Voraussetzung eiugetroffen wäre, durfte seine Annahme auf Gültig- keit Ansprüche machen. Bei der Aufnahme der hier mitzutheilenden Beob- achtungen leitete uns nicht nur die Absicht, die durch frühere Untersuchungen noch zurückgelassenen Lücken auszufüllen, sondern auch die Hoffnung, über die Art der Nerveneinwirkung selbst näheren Auf- schluss zu erhalten. In wie weit diese Hoffnung in Erfüllung gegangen ist, werden die folgenden Zeilen lehren. Unsere Versuche sind fast ausschliesslich an Hun- den ausgeführt. Zum Nachweis von Zucker wurden immer wenigstens zwei chemische Proben versucht, von denen die eine immer mittelst der Fehling’schen Lösung vorgenommen wurde. Der Harn wurde zuerst auf Zucker vor der Operation an den Nerven unter- 93 sucht, wobei es sich herausstellte, dass man selten einen Hund trifft, dessen Harn gar keinen Zucker, auch nicht in minimalen Mengen, kann also meistens nur von Zunahme der Zuckermengen im Harne in Folge gewisser Operationen und nicht von Entstehung derselben sprechen. Diese Zunahme ist aber bei den Diabetes erzeugenden Operationen so bedeutend, dass sie mit Sicherheit dieser Operation selbst zugeschrieben werden kann. Wenn wir daher in der vorliegenden Untersuchung vom Eintreten oder Ausbleiben des Diabetes sprechen, so wollen diese Bezeichnungen in den meisten Fällen nur eine Zu- nahme oder ein Gleichbleiben der Zuckermenge im Harn bedeuten. Die erste Reihe unserer Versuche bestand zuerst nur in Wiederholung des Eckhardt’schen, also in Durchschneidungen des letzten Hals- oder des ersten Brustganglions. Nur in der Art der Ausführung dieser Versuche lag der Unterschied, dass wir an diesen Ganglien nach der, von dem einen von uns (E. Cyon) hei früheren Untersuchungen an diesen Organen ein- geführten, Methode operirten. Anstatt nämlich die ersten Rippen zu entfernen, wie es Eckhardt tliat, gelangten wir zu diesen Ganglien von der Halsgegend aus, wodurch die, besonders bei Diabetes-Versuchen sehr störenden, grossen Verletzungen des Thieres ver- mieden werden. Das von uns erhaltene Resultat dieser Durchschnei- dungen war identisch mit dem von Eckhardt angege- benen. Eine bis anderthalb Stunden nach dieser Ope- ration konnten wir im Harne der Thiere grosse Men- gen von Zucker nachvveisen, und zwar gelang uns dies fast bei allen auf diese Weise operirten Hunden. Nachdem so der Einfluss dieser Ganglien auf die Erzeugung von Diabetes constatirt wurde, handelte es sich darum, zu prüfen, in wie weit die Annahme Eckhardt’s, dieser Einfluss bestehe in einer Reizung gewisser in diesen Ganglien liegenden Fasern, be- gründet ist. Wie schon oben erwähnt, konnte dies leicht durch Versuche mit Exstirpationen dieser Gan- glien geschehen. Eine grössere Anzahl solcher Exstirpationen zeigte uns bald, dass die Eckhardt’sche Annahme unrichtig ist, und dass wir es hier mit einer Lähmungs- und keiner Reizungserscheinung zu thun haben. Solche Exstirpationen erzeugen nämlich ebenso rasch und eben so constant Diabetes, wie die Durch- schneidung dieser Ganglien selbst; ja für den Erfolg des Versuchs genügt die alleinige Exstirpation des letzten Halsganglions. Diese Exstirpation wurde so vorsichtig ausgeführt, dass der Verdacht nicht auf kommen konnte, dieses Ganglion sei durch die Ausreissung selbst in starke Erregung gerathen, welche sich den Diabetes erzeu- genden Nerven mitgetheilt hat. Abgesehen von der Sorgfalt, mit welcher dieses leicht zugängliche Gan- glion ausgeschält wurde, spricht gegen eine solche Möglichkeit die bekannte Thatsache, dass Exstirpa- tion dieses Ganglions die vasomotorischen Nerven der oberen Extremität lähmt (CI. Bernard, Schiff, E. Cyon) und nicht reizt. Noch beweisender für den Ursprung dieses künst- lichen Diabetes aus einer Lähmung gewisser Nerven war die zweite Reihe unserer Versuche, welche wir mehrmals und zwar immer mit demselben Erfolge ausführten. Anstatt das Halsganglion selbst zu ex- stirpiren, präparirten wir es sorgfältig heraus und zwar ohne es dabei im Geringsten zu berühren. Nach- dem es so freigelegt war (am besten durch einen schräg von oben und aussen nach unten und innen im Trigonum supraclavkulare geführten Schnitt), durch- schnitten wir vorsichtig sämmtliche Nervenzweige, mit denen es in Verbindung stand, so dass das Gan- glion an seiner Stelle liegen blieb, aber aller Verbin- dungen mit dem centralen und peripheren Nerven- system beraubt war. Auch diese Operation er- zeugte bei Hunden starken Diabetes und zwar in demselben Zeitraum, wie die früher be- schriebenen. Durch die erwähnten Versuche ist also zuerst festgestellt worden, dass der künstliche Diabetes durch Lähmung gewisser Nervenfasern ent- steht, welche mit dem ersten Brust- und letz- ten Halsganglion in Verbindung stehen. Mit diesem Ergebnisse ausgerüstet, gingen wir nun an die specielle Ermittelung dieser die Zuckerbildung beeinflussenden Nerven. Die betreffenden Ganglien stehen bekanntlich mit einer grossen Anzahl ein- und austretender Nerven in Verbindung, welche den verschiedensten Funktio- nen obliegen; wir wollen nur an die nn. cardiaci ac- celeratorii (M. und E. Cyon) und an die vasomotori- rischen Nerven der oberen Extremität (CI. Bernard, E. Cyon) erinnern, welche auf dem Wege zu ihren Bestimmungsorten diese Ganglien durchsetzen. Beim 96 Hunde, dessen Halssympathicus mit dem Vagus ver- wachsen ist, wird die Anzahl dieser Nerven noch da- durch vermehrt, dass auch der Vagusstamm das letzte Halsganglion durchsetzt. Es handelte sich also darum, zu ermitteln, welche von diesen Nerven in unseren Versuchen die Hauptrolle spielten, und welche nur zufällig und ohne jeden Ein- fluss auf den erzielten Erfolg durchschnitten wurden. Um die nun folgende dritte Reihe von Versuchen verständlich zu machen, müssen wir-auf die anatomi- sche Beschreibung dieser Ganglien hinweisen, die von Ludwig und Thiry, M. und E. Cyon gegeben wurde. Alle hier in Betracht kommenden Nerven dieser Gan- glien sind auf einer Tafel abgebildet, welche einer der sächs. Ges. der Wissenschaften im Jahre 1867 mitgetheilten Abhandlung von E. Cyon (Über den Ursprung etc.) beigegeben ist. Wir verfuhren bei unserem Versuche derart, dass wir die in das Gangl. cervicale inf. eintretenden Ner- ven einzelweise uud der Reihe nach durchschnit- ten und dabei beobachteten, nach welcher Durch- schneidung künstlicher Diabetes im Harne auftrat. In einer grösseren Anzahl auf diese Weise ausgeführ- ter Versuche stellte es sibh heraus, dass Diabetes er- zeugt wird, entweder wenn beide r. vertebrales oder die beiden Nerven durchschnitten werden, welche vom Ggl. cerv. inf. zum Ggl. stellatum sich begeben und die Art. subclavia ringförmig umschliessen und zusammen den sogenannten Annulus Vieusseni bilden. Die Durch- schneidung der anderen Nerven des Ggl. cervical. inf. hat keinen Einfluss auf die im Harne befindliche Zuk- kermenge. Die genannten Nerven sind es also, deren Lähmung Diabetes erzeugt. Da einerseits zur Erzeu- gung des Diabetes die Durchschneidung des einen Paares dieser Nerven genügt, andererseits aber das eine Paar, die r. vertebrales, die Verbindung zwischen dem Rückenmarke und dem Ggl. stell, inf. bilden, das Zweite, der Ann. Vieusseni, dieses Ganglion mit dem Ggl. stellatum vereinigen, so ist aus unseren Versu- chen Folgendes mit Sicherheit zu schliessen: Die Nervenfasern, deren Lähmung Diabetes er- zeugt, verlassen das Rückenmark durch die Br. vertebrales, passiren das Ggl. cervic. inf. und begeben sich durch den Ann. Vieusseni zum Ggl. stellatum. Somit ist Aufschluss über eine Strecke der peri- pheren Bahn der hier in Betracht kommenden Nerven- fasern erlangt worden. Um auf experimentellem Wege diese Bahn weiter zu wir eine vierte Reihe von Ver- suchen mit Durchschneidungen des Grenzstranges un- terhalb der bis jetzt untersuchten Strecke an. Wir holften, bei diesen Versuchen auch Aufschluss über die am Eingang dieser Abhandlung erwähnte, von CI. Bernard beobachtete Rolle der Splanchnici auf den durch die Piqüre erzeugten Diabetes zu bekommen. Wir führten diese Reihe unserer Versuche auf die Weise aus, dass wir einen scharfen Haken zwischen der 10. und 11. oder 11. und 12. Rippe, nahe der Wir- belsäule, in die Brusthöhle einführten und den Grenz- strang, resp. den Splanchnicus der entsprechenden Seite durchschnitten. Bei einiger Übung gelingt es, den Grenzstrang auf diese Weise subcutan mit ziemlicher Sicherheit zu durchtrennen. Da die Pleura dabei fast 98 immer verletzt wird, so ist es nothwendig, den Haken unter bohrenden Bewegungen in schiefer Richtung durch die Intercostalmuskeln durchzustossen, um so den Eintritt von Luft in die Pleurahöhle zu verhin- dern. — Jedenfalls muss nach jedem Versuche durch Section am Cadaver untersucht werden, ob der Nerv auch getroffen und vollständig getrennt ist, da ziem- lich oft durch nicht nachdrückliche Führung des Ha- kens der Grenzstrang nur zerquetscht oder angeris- sen, aber nicht vollständig durchschnitten wird. Die Ergebnisse dieser Reihe von Versuchen treten zwar nicht mit der Constanz ein, wie in den bisheri- gen, aber aus einer grösseren Anzahl von Versuchen lassen sich mit Sicherheit folgende Resultate ableiten: 1) Durchschneidung des Grenzstranges auf der angegebenen Höhe erzeugt fast nie Diabe- tes beim Hunde. Wird nach dieser Durchschnei- dung das Gangl. stellatum oder das Gangl. cervicale inf. derselben Seite durchtrennt, so bleibt auch diese Operation ohne Einfluss auf die Zucker- menge im Harn. Ebenso erfolglos ist die gleichzei- tige Durchtrennung des Gangl. cerv. inf. und des Grenz- stranges zwischen der 10. und 12. Rippe. 2) Wird der Grenzstrang an der bezeichne- ten Stelle erst durchtrennt, nachdem künstli- cher Diabetes durch Exstirpation des Gangl. cerv. inf. schon erzeugt ist, so wird dadurch der Diabetes nicht aufgehoben, ja sogar nicht an Zu- nahme gehindert, wenigstens die ersten Paar Stunden nach dieser Operation. Wir stiessen also auch hier auf denselben schein- baren Widerspruch über die Rolle der Splanchnici bei 99 Diabetes, den schon CI. Bernard beobachtet bat, als er die Piqüre mit vor- oder nachheriger Durchsclmei- dung der Splancbnici vornahm. Wie schon oben erwähnt, fand Bernard, dass eine vorherige Durchschneidung der Splanchnici den Er- folg der Piqüre vernichte, eine nachherige dagegen den schon durch die Piqüre erzeugten Diabetes nicht aufzuheben vermag. Dasselbe Resultat erhielten wir, nur mit dem Unterschiede, dass wir, anstatt die Dia- betes erzeugenden Fasern im 4ten Ventrikel zu treffen, dieselben in ihrem peripheren Verlauf lähmten. Da- durch tritt aber das Widersprechende der Erschei- nung, wenn möglich, noch greller hervor. Es kann ja nämlich keinem Zweifel unterliegen, dass die Nerven- fasern, deren Lähmung das Entstehen der Zucker- harnruhr nach sich zieht, um vom Gangl. stellatum zur Leber zu gelangen, den Grenzstrang und den Splanchnicus passiren müssen. Bei Durchschneidung dieses letzteren werden also auch jene Fasern mit durchtrennt — und doch erzeugt die an dieser Stelle vorgenommene Durchtrennung keinen Diabetes, — ja noch mehr, sie verhindert sogar das Eintreten des Diabetes, wenn nachträglich noch diese Nervenfasern in den oberen Ganglien selbst getroffen werden! Dieser Widerspruch kann nur eine Ursache haben — nämlich, es müssen unterhalb des Gangl. stellatum aus dem Iiückenmarke Nerven in den Grenzstrang eintreten, deren Lähmung das Auftreten von Diabetes auf irgend eine Weise zu hindern, den einmal einge- tretenen Diabetes aber nicht aufzuheben vermag. Mit einemWorte: in dem unteren Verlaufe desGrenz- stranges befinden sich zwei Arten von Fasern, von denen die einen aus dem Gangl. stellatum kom- menden, wenn gelähmt, Diabetes erzeugen; die anderen, tiefer aus dem Rückenmarke tre- tenden, deren Lähmung den Wirkungen der ersteren entgegentritt. — Wie eine kurze Überle- gung zeigt, ist dieser Schluss aus unseren Beobach- tungen keine über das Thatsächliche hinausgehende Erklärung, sondern nur eine einfache Formulirung der zu Tage getretenen Thatsache. Vermuthungen über die Natur dieser sich entge- genwirkenden Nervenleistungen aufzustellen war eine missliche Sache, so lange wir keine wohlbegründeten Angaben über das Wesentliche in der Wirkung der Nerven bei Erzeugung von Diabetes besassen. Unser nächstes Streben musste also darauf gerichtet wer- den, Anhaltspunkte zum Verständniss dieser Wirkun- gen zu erlangen. Der Gesichtspunkt, von welchem wir dabei ausgin- gen, war der, dass, ehe wir zur Annahme neuer Ner- venwirkungen unsere Zuflucht nahmen, wir zuerst versuchen mussten, mit alleiniger Zuhülfenahrne der bis jetzt bekannten Nervenleistungen zum Ziele zu gelangen. Nur wenn wir alle diese Wege erschöpft hatten, hatten wir das Recht, auf neue Nebenwirkun- gen zu reflectiren. Von den bekannten Nebenwirkungen wrar hier na- türlich zuerst an vasomotorische zu denken, wie ja schon einige Physiologen, z. B. Schiff, den Versuch gemacht haben, die Entstehung des künstlichen Dia- betes durch Lähmung oder Reizung von Gefässnerven zu deuten. Es war hier um so mehr gestattet, an va- somotorische Einflüsse zu denken, als sowohl die Ner- 101 ven als die Ganglien, in welchen wir die Diabetes er- zeugenden Fasern gefunden haben, in mannigfachen Beziehungen zum Circulationsapparate stehen. Die Frage war einer experimentellen Prüfung fähig, und waren die Anhaltspunkte zu derselben so ver- lockend, dass wir auch diese Prüfung Vornahmen. So wie die Verhältnisse nach unseren bisherigen Untersuchungen sich gestaltet haben, war die zu ent- scheidende Frage folgende: Haben die Nerven, in denen wir die Existenz Diabetes erzeugender Fasern nachgewiesen haben, irgend einen Einfluss auf die Circulation in der Leber oder nicht? Wir wandten uns an die Nerven, welche den An- nulus Vieusseni bilden , sowohl wegen der leichten Zugänglichkeit derselben, als weil bis jetzt in ihnen noch keine anderen Functionen beobachtet wurden, was bekanntlich bei den Br. vertebrales nicht der Fall ist. — Das Einzige, was die Physiologie bis jetzt über die Function dieses Annulus Vieusseni besitzt, ist die beiläufige Angabe von M. und E. Cyon*), dass Beizung desselben eine minimale Blutdrucksteigerung in der Carotis bewirke, ohne irgendwie die Zahl der Herzschläge zu beeinflussen. Die Blutdrucksteigerung betrug in den dieser Angabe zu Grunde gelegten Ver- suchen, wie der eine von uns (E. Cyon) aus den noch behaltenen Curven von Neuem constatiren konnte, nur 5 —10 Mill. An grosse allgemeine Wirkungen war also bei Reizung dieses Nerven nicht zu denken; wir lenkten unsere Aufmerksamkeit während dieser Rei- *) Archiv von Dubois - Reymond. 1867. zung also zunächst auf die Veränderungen der Blut- gefässe in der Leber. Die zu diesem Zwecke unternommene fünfte Reihe von Versuchen ist an mit Curare vergifteten Hunden angestellt. Zur Reizung wurde immer der rechte An- nulus Vieusseni benutzt, weil die hier in Betracht kommenden Nervenpartien auf der rechten Seite viel seltener Unregelmässigkeiten in der Anordnung zei- gen, als auf der linken Seite. Die Veränderungen des Blutstroms in der Leber wurden zuerst mit blossem Auge an der blossgelegten Leberoberfläche studirt. Wir wollen hier einige Cautelen angeben, welche bei Wiederholung der Versuche vor vielen Misserfolgen schützen werden. Die Leber darf so wenig als möglich aus der Bauchhöhle herausgezogen werden, und dies auch nur auf kurze Zeit. Während der Beobachtung muss sowohl die Beleuchtung der Leberoberfläche un- veränderlich, als auch der Kopf des Beobachters fixirt bleiben. Da es sich hier um Beobachtung feiner Far- bennuancirungen handelt, so kann man leicht durch Nichtbeachtung der angegebenen Vorsichtsmaassregeln auf Täuschungen stossen. Reizt man nun den einen der Zweige des Annulus Vieusseni, so beobachtet man meistens an der Ober- fläche der Leber das Auftreten von weisslichen Flek- ken, die während der ganzen Dauer der Reizung an- halten, an Grösse zunehmen und nach Aufhören der Reizung nur allmählich verschwinden. Man muss oft einen grösseren Theil der Leber beobachten, um diese Flecken zu sehen, da sie nicht an allen Theilen der Leber gleichmässig Vorkommen. Beobachtet man diese Flecken genauer, so findet man, dass die weissliche 103 Farbe derselben von einem Netze blasser Fäden her- rührt, welches auf der Oberfläche des Fleckes sicht- bar ist. Das Netz ist ziemlich engmaschig, und man überzeugt sich bei näherer Betrachtung leicht, dass die weissen Fäden sich um die Grenzen der einzelnen Acini hinziehen; mit anderen Worten, dass die Acini die Maschen dieses Netzes ausfüllen. Nichts lag näher als die Vermuthung, dass diese Fäden den Verzwei- gungen der Art. hcpatica, vielleicht sogar der Venae portarum entsprechen, und dass das Erblassen dersel- ben von der Contraction dieser Verzweigungen her- rühre. Es gelingt oft, diese Vermuthung durch die Beobachtung zu unterstützen, dass während des Er- scheinens dieser blassen Netze Risse in der Leber schwächer bluten, als vorher. Mit einem Worte, durch diese Reizversuche ist es im höchsten Grade wahr- scheinlich gemacht worden, dass im Annulus Vieusseni vasomotorische Nerven für die Ge- fässe der Leber verlaufen. Ehe wir zu Schlussfolgerungen aus diesen Beob- achtungen für die Physiologie des Diabetes schreiten, wollen wir noch die letzte Reihe der hierher gehöri- gen Versuche mittheilen, welche die erwähnte Wahr- scheinlichkeit in Gewissheit verwandelt.haben. Durch den Erfolg der ersten Reizversuche ange- spornt, unternahmen wir nämlich Messungen der Ver- änderungen in der Circulation der Leber mittelst des Quecksiibermanometers. So schwierig die Ausführung dieser Versuche auch war, so lohnend waren ihre Resultate. Die Versuche wurden so ausgeführt, dass in die Art. Inepatica eine T-förmige Cantile eingeführt wurde, welche wir später in Verbindung mit den Zuleitungsröh- ren des Manometers brachten. Die Präparation der Art. hepatica, so wie deren Unterbindung, muss sorgfältig ausgeführt werden, besonders nehme man sich vor einer Verletzung oder gar Unterbindung der zahlrei- chen die Arterie begleitenden Nervenfäden in Acht. Während der Messungen des Blutdrucks muss die Arterie oft von einem Assistenten mit den Fingern fixirt werden, da sonst leicht durch Zusammenfaltung des einen Endes der Arterie die Veränderungen des Blutdrucks in derselben sich nicht am Manometer äussern können. Auch in diesen Versuchen waren die Hunde durch Curare vergiftet. Beizten wir nun den einen der Zweige des Annulus Vieusseni, so beobachteten wir in allen Fällen eine sofortige Zunahme des Seitendrucks in der Art. hepatica. Diese Zunahme war in verschiedenen Fällen verschieden gross, betrug aber gewöhnlich zwischen 30 und 70 Mm. Nach der Reizung kehrt der Blutdruck allmählich wieder zu seiner früheren Grösse zurück. Somit ist durch diese letzte Versuchsreihe festge- stellt worden, dass im Annulus die gefässverengenden Fasern für die Zweige der Art. hepatica liegen. Um noch mehr den Verdacht auszuschHessen, es stiege hier der Seitendruck nur in'Folge von Druck- veränderungen in den benachbarten Gefässen, mach- ten wir noch folgende zwei Proben. l)maassen wir den Blutdruck gleichzeitig in der Carotis und überzeugten uns, dass, während in der Art. hepatica der Seiten- druck auf mehr als 50 Mm. in die Höhe ging, er in der Carotis nur 5—10 Mm. gewann; 2) klemmten wir das peripherische Ende der Art. hepatica zu und reizten nun den Ann. Vieusseni, so war gar keine Druckzunahme im centralen Theile der Art. hepatica wahrzunehmen, was doch durchaus eintreten müsste, wenn die Steigerung des Seiten- drucks nicht durch Verengerung der kleineren Leber- arterien, sondern durch erhöhten Druck in den Nach- bargefässen erzeugt worden wäre. Ganz ähnliche Messungen des Blutdrucks machteu wir an der Ven. port. und beobachteten hier auch eine Druckzunahme während der Reizung derselben Ner- ven; diese Zunahme erreichte aber kaum die Höhe von 10 — 12 Mm.; wahrscheinlich war sie also indi- rekt durch Veränderungen des Blutdrucks in der Art. hepatica bedingt. Die Frage, die wir uns oben gestellt: «üben die Nerven, in denen wir die Existenz Diabetes erzeugen- der Fasern nachgewiesen haben, irgend einen Einfluss auf die Circulation in der Leber aus oder nicht?», ha- ben wir also auf das Bestimmteste dahin beantwortet, dass diese Nerven auch die verengernden Fa- sern der Leberarterien enthalten. Reizung die- ser Nerven erzeugt Verengerung dieser Gefässe, ihre Lähmung muss also eine Erweiterung derselben her- vorrufen. Diese Erweiterung ist auch am Manometer nachweisbar, nur tritt sie allmählich ein und erreicht ihr Maximum erst 10—15 Minuten nach der Durch- schneidung der Ann. Vieusseni beider Seiten. Es fragt sich nun, kann das Entstehen von Diabe- tes bei Lähmung dieser Nerven durch die dabei ein- tretende Erweiterung der Blutbahn in der Leber er- klärt werden, oder sind wir gezwungen, diese beiden 106 Vorgänge als unabhängig von einander zu betrachten und im Ann. Vieusseni zwei Arten von Fasern anzu- nehmen, von denen die einen Vasomotoren der Leber sind, die anderen in die chemischen Processe der Leber direkt eingreifen können. Wir glauben, dass zwischen diesen beiden Möglichkeiten die Wahl kaum zweifelhaft sein »kann. — Die zweite Möglichkeit muss nicht nur die Existenz neuer specifisch wirkender Fa- sern voraussetzen, sondern sie schiebt das Verständ- niss der hier vorkommenden Vorgänge noch in wei- tere Ferne hinaus, während die erste keiner Voraus- setzungen bedarf und uns auch dem Verständniss der Wirkungsweise dieses Nerven näher bringt. Eine Läh- mung der vasomotorischen Nerven der Leber erzeugt in derselben einen viel lebhafteren Blutstrom, und muss also die Thätigkeiten dieser Drüse steigern; es muss also die Menge des von der Leber in der Zeit- einheit gelieferten Zuckers nach dieser Lähmung zu- nehmen, ebenso wie die Speichelabsonderung in der Gland. maxillaris durch den in ihr beschleunigten Blutstrom zunimmt. (Es wäre im höchsten Grade in- teressant, den Einfluss dieser Nerven auch auf die an- deren Thätigkeiten der Leber, z. B. auf die Gallen- absonderung, zu prüfen; wahrscheinlich wird auch diese Absonderung bei Lähmung der Vasomotoren zu- nehmen.) Es bleibt uns jetzt noch übrig, mit Hülfe der ge- wonnenen Aufschlüsse über das Wesen der Wirkung des Ann. Vieusseni bei Diabetes eine Lösung des schein- baren Widerspruchs, welches sich sowohl aus den Ver- suchen CI. Bernard’s, als aus den unsrigen über die Rolle der Splanchnici ergeben hat. Wir blieben oben bei der Annahme stehen, es träten in den Grenz- strang unterhalb des Gangl. stellatum Fasern ein, deren Lähmung den Wirkungen der Durchschneidung des Ann. Vieusseni entgegentritt. Da wir jetzt nun wissen, dass die hier in Betracht kommenden Fasern des Ann. Vieusseni gefässveren- gende Fasern der Leber sind, so scheint nichts ein- facher als die Annahme, die tiefer aus dem Rücken- marke tretenden Fasern, welche diesen entgegenwir- ken, — seien gefäss er weiternde Nerven der Leber. Mit dieser Annahme würden sich zwar unsere Ver- suche der 4ten Reihe leicht erklären lassen — diese Annahme beruht aber zuerst auf der unwahrschein- lichen Voraussetzung, es gäbe im Organismus direkt erweiternde Nervenfasern, und sodann ermangelt sie des Beweises, dass auch die Leber solche Nerven be- sitzt. Wir dürfen daher zu dieser Annahme erst dann unsere Zuflucht nehmen, wenn wir uns auf andere Weise die Erscheinungen nicht werden erklären können. In den hier in Betracht kommenden Theil des Grenz- stranges treten erwiesenermaassen die Gefässnerven der oberen Extremität, die der Eingeweide und theil- weise auch die der unteren Extremität ein. Eine Läh- mung dieser Gefässnerven wird nun eine Erweiterung sämmtlicher Gefässe dieser Bezirke nach sich ziehen, also eine Blutanhäufung in denselben. Wegen der be- kannten WTeite der Eingeweidegefässe wird der grösste Theil des Blutes sich in den Gefässen der Eingeweide anhäufen, wie es ja bei Lähmung der Splanchnici zu geschehen pflegt. Sehen wir nun, ob wir mit Hülfe dieser nachgewiesenen Folgen derGrenzstrangesdurch- schneidung uns nicht erklären können, warum sowohl 108 diese Durchschneidung selbst (wobei ja die Fasern des Ann. Vieusseni mit gelähmt werden), als auch die nachherige Durchschneidung des Ann. Vieusseni, kei- nen Diabetes zu erzeugen vermag. Wir haben oben gesehen, dass die der Mellitarie vorausgehende vermehrte Zuckerproduction in der Leber von einem vermehrten Blutzufluss zu diesem Organe bedingt ist; es ist also klar, dass eine vorher- gehende Blutanhäufung in den anderen Organen, wie sie nach Durchschneidung des Grenzstranges auftritt, die Blutvermehrung in der Leber durch Lähmung ih- rer Gefässnerven auf ein Minimum reducirt werden muss: daher kein Diabetes, wenn der Piqüre oder der Exstirpation des Gangl. cervicale inf. eine Durchschneidung des Splanchnicus, resp. des gleichseitigen Grenzstranges vorangegan- gen ist. Ist aber durch die Piqüre oder die Exstir- pation des erwähnten Ganglions schon Erweiterung der Lebergefässe eingetreten, so kann die nachfol- gende Splanchnicus-Durchtrennung wenigstens in den ersten Stunden nicht mehr diese Erweiterung auf- heben: daher dauert der Diabetes nach dieser Operation Anfangs noch fort. Diese Erklärung spricht uns viel mehr an, weil sie nur auf nachgewiesenen Thatsaehen beruht und kei- ner unbegründeten Voraussetzung bedarf. Dieselbe Überlegung würde auch erklären, warum Exstirpation des Gangl. cervic. inf. oft viel sicherer Diabetes er- zeugt, als die Exstirpation des Gangl. stellatum; in diesem letzteren finden sich ja bekanntlich auch die Gefässnerven der oberen Extremität, die also mitge- lähmt werden. Zum Schlüsse noch einige Worte über das Verhält- niss der von uns gefundenen Thatsachen zu der Piqüre von CI. Bernard. Aus der ganzen Darstellung unse- rer Versuche ging schon hervor, dass wir den durch die Piqüre entstehenden Diabetes für identisch hal- ten mit dem durch Lähmung des Ann. Vieusseni her- Vorgebrachten; mit anderen Worten, wir nehmen an, dass der Diabetes bei der Piqüre eine Lähmung der- selben vasomotorischen Nerven erzeugt, die wir bei Durchschneidung des Annulus oder Exstirpation des Gangl. cervic. inf. treffen. Der einzige Unterschied, den wir in den durch die beiden Methoden erzeugten Diabetes constatiren können, ist der, dass der Dia- betes durch Piqüre fast immer mit Hydrurie, der unsrige aber immer ohne Hydrurie auftritt. Die Er- klärung dieses Unterschiedes liegt wahrscheinlich dar- in, dass bei der Piqüre auch die vasomotorischen Ner- ven der Niere getroffen werden, bei unserer Opera- tion aber nicht. (Aus dem Bulletin, T. XYI, pag. 308 — 321.1 Gedruckt auf Verfügung der Kaiserlichen Akademie der Wissen' schäften. Im August 1871. K. Wesselowski, beständiger Secretair. Buchdruckerei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (Wass.-Ostr., 9 Lin., JVs 12).