Auszug aus dem Monatsbericht der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 18.März 1861. Sitzung der physikalisch-ma- thematischen Klasse. Hr. du Bois-Reymond legte fortgesetzte Unter- suchungen über die Ein wirkun g ga 1 v anisch er S t r tMh e auf Nerven und Muskeln von Hrn. Albert v. d. d. Jena am 15. März 1861, vor. §. 1. Von der Nachwirkung constanter galvanischer Ströme auf die Geschwindigkeit der Reizungs- fortpflanzung im Nerven. Prüft man mittels der graphischen Methode die Geschwin- digkeit der Erregungsleitung in solchen Nerven, die entweder unmittelbar oder längere Zeit vorher der Einwirkung eines con- stanten galvanischen Stromes ausgesetzt waren, so zeigt sich, dafs die Verzögerung oder völlige Aufhebung der Erregungs- leitung, welche der im Zustande des Elektrotonus befindliche Nerv, wie schon früher mitgetheilt, wahrnehmen liefs, noch kurze Zeit anhält, nachdem der einwirkende Strom die Bahn des Nerven verlassen hat. Die Verzögerung der Erregungsleitung in solchen Nerven- strecken, sich im Zustand des Anelektrotonus oder Ka- telektrotonus befanden, nimmt nach dem Verschwinden des Stro- 372 Sitzung der physikalisch-mathernatischen Klasse mes nicht nachweisbar zu, — ein solcher Nachweis ist mir bis jetzt wenigstens nicht geglückt — sondern diese Verzögerung nimmt, wie sich genau darthun läfst, allmählig und zwar stetig ab, um nach kürzerer oder längerer Zeit ganz zu verschwinden. Ebenso macht die Aufhebung der Fähigkeit die Erregung zu leiten, welche man in solchen Nervenstrecken beobachtet, die von stärkeren galvanischen Strömen durchflossen sind, nach der Öffnung dieser Ströme allmählig einem Zustande Platz, in wel- chem die Erregung sehr langsam geleitet wird, und dieser Zu- stand geht ebenfalls langsam in einen dem normalen Zustande ähnlichen über. Die Rückkehr zu diesem normalen Zustande erfordert unter allen Umständen eine mefsbare Zeit (von Bruch- theilen einer Secunde bis zu einer Stunde). Diese Zeit wächst mit der Gröfse der durch die Einwirkung des Stromes herbei- geführten Veränderungen; sie kann sogar unendlich werden. §. 2. Von dem Einflüsse constanter galvanischer Ströme auf die Geschwindigkeit der Erregungs- leitung im Muskel. Zerlegt man den M. sariorius von Fröschen, die mit Cu- rare vergiftet sind, in mehrere Abtheilungen, von denen die eine der anderen zwar die Erregung mitzutheilen, von denen aber keine die Lage der anderen durch die eigene Contraction zu verändern vermag, so kann man dadurch, dafs man an einem Ende des Muskels A die Erregung einwirken und durch das entgegengesetzte Ende B die Zuckung auf dem rotirenden Schreibcylinder des Myographions aufzeichnen läfst, die Zeit be- stimmen, welche nöthig ist, damit die Erregung sich von einem bestimmten Punkte des Muskels zu einem anderen ebenfalls be- stimmten Punkte fortpflanze. Untersucht man nun diese Zeit, in solchen Fällen, wo zwischen der Erregungsstelle und der Zuckungsabtheilung des Muskels eine Strecke von Muskelsub- stanz sich befindet, welche von einem constanten Strome durch- flossen wird, so ergiebt sich, dafs durch die Schliefsung dieses Stromes das zwischen Erregung von A und Zuckung von B verstreichende Zeitintervall vergröfsert wird. Diese Ver- größerung wächst mit der Stromdichte und wurd bei einer ge- wissen Stromdichte unendlich. Nach der Öffnung des Stro- vom 18. März 1861. 373 mes nimmt der Zuwachs, den dieses Zeitintervall erlitten hat, wieder allmählig und stetig ab, und zwar um so schneller, je geringer die Dichtigkeit und die Dauer der Schliefsung des Stro- mes gewesen waren. Es zeigen sich hier dieselben Abhängig- keiten, welche wir vorher beim Nerven kennen gelernt haben. Befindet sich die erregte Muskelstelle (A) entweder zwischen der polarisirten Strecke und der Contractionsstelle (B) oder an der polarisirten Strecke selbst, so erfährt das Zeitintervall zwi- schen Erregung von A und Zuckung von B durch das Ein- brechen des constanten Stromes keine Veränderung. Hieraus folgt 1) Die Erregungsleitung durch die Muskelsubstanz wird durch die Einwirkung constanter galvanischer Ströme auf den Muskel verzögert, diese Verzögerung wächst mit der Strom- dichte und Schliefsungsdauer und geht in den völligen Ver- lust der Fähigkeit, die Erregung zu leiten, über. 2) Diese Verzögerung der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erregung tritt nur in den vom Strome unmittelbar durch- flossenen Muskelstrecken auf und pflanzt sich weder vom po- sitiven noch vom negativen Pole auf eine irgend bemerkliche Weise nach Aufsen fort. 3) Diese Verzögerung auf Aufhebung der Erregungsleitung im Muskel klingt ebenso, wie die entsprechende Veränderung im Nerven, nach Öffnung des Stromes allmählig ab, und zwar um so langsamer, je ausgeprägter die durch den Strom erzeugte Veränderung gewesen war. §. 3. Von dem Einflüsse constanter galvanischer Ströme auf die Erregbarkeit der Muskeln. Prüft man, nach der Pflüger’schen Methode, indem man den Schliefsungsinductionsschlag der secundären Spirale als Er- regungsmittel anwendet, die Erregbarkeit entweder ganzer (Cu- rare)-Muskeln, oder solcher (ebenfalls Curare)-Muskelstücke, die wahrscheinlich nerven frei sind (die Enden des M. sartorius), und vergleicht diese Erregbarkeit in zwei Fällen, von denen der eine dadurch ausgezeichnet ist, dafs ein constanter Strom vorher durch das zu erregende Muskelstück geschlossen wurde; so findet sich, dafs schwache im Muskel fliefsende galvanische 374 Sitzung der pliysik.-math. Klasse vom 18. Mürz 1861. Ströme, insbesondere wenn ihre Strömungsrichtung mit der des erregenden Schliefsungsinductionsstromes übereinstimmt, die Ge- sammterregbarkeit des von ihnen durchflossenen Muskelstückes erhöhen. Diese Erhöhung der Erregbarkeit erreicht hei Wach- sen der Stromdichte sehr bald ein Maximum und geht dann in eine mit dem Wachsen der Stromdichte continuirlich zuneh- mende Abnahme der Erregbarkeit über. Diese Erregharkeitsänderung der intrapolaren Muskelstrecken pflanzt sich weder vom positiven noch negativen Pole aus nach Aufsen merkbar fort; man findet bei der genauesten Unter- suchung in der Nachbarschaft solcher vom Strom durchflossenen Muskelstrecken keine Erregbarkeitsveränderung (im Falle eins der beiden Enden vom Sartorius unmittelbar durchströmt waren) vorausgesetzt, dafs keine Stromschleifen in den unmittelbar er- regten Muskeltheil übergingen. Aus den Versuchen §. 2. und §. 3. geht demnach hervor, dafs, im Gegensatz zur Nervensubstanz, die Muskelsubstanz, welche doch die Fähigkeit der Erregungsleitung besitzt, nicht im Geringsten fähig ist, die Veränderungen, welche, abgesehen von der Erregung, in einer vom elektrischen Strome durch- flossenen Muskelstrecke vor sich gehen (Elektrotonus, Verzöge- rung der Fortpflanzungs-Geschwindigkeit, Veränderung der Er- regbarkeit), auch irgendwie beträchtliche Strecken forlzupflan- zen. Es ist also, wenigstens beim Muskel, die Leitung der Erregung vollständig aufser Zusammenhang mit der Leitung ir- gend eines an den Elektrotonus erinnernden Zustandes.