ZUR ERINNERUNG AX GESPROCHEN IM Gesellig-WisseiiscMlicbeii Verein zu New-Yoit am 30, Januar 1817, 1/ F. M. MAAS. (ALS MANU8CRIPT GEDRUCKT.) Es fällt das Lanb stets zur bestimmten Zeit, Die Blume welkt vor Winters Maclitgebot, Die Stern’ erblassen, wenn der Tag gebeut, Doch Dir gilt Zeit und Stunde gleich; o Tod! Manch’ ewiges Gesetz ist uns bekannt. Der Jahreszeiten Kreis, der Welten Bahn Erforscht des Menschen Geist, des Menschen Hand, Wer aber sagt uns, Tod, — wann Du wirst nali’n 1 Ist’s, wenn der Frühling flüsternd zu uns spricht, Uns leis’ das erste holde Veilchen bot! Ist’s, wenn der rauhe Nord die Rose bricht? Alles hat seine Zeit, — nur nicht der Tod! Am 14. Januar liat der Tod der Wissenschaft einen vortrefflichen Jünger, dem Staate einen guten Bürger, den Armen und Kranken einen Helfer in der Notli, uns einen braven, lieben Freund entrissen, und wir klagen über den Verlust, der uns betroffen. Am 14. Januar starb in der Vollkraft der Jahre Doctor Hermann Althof. Für Alle, die ihn kannten, war diese Kunde ein Schmerzes- sehrei, für seine näheren und nächsten Freunde ein überwältigendes Unglück, und Niemand hat den Verlust überschätzt. Von allen Seiten, — aus den verschiedensten Kreisen, von Armen und Reichen, von seinen deutschen Landsleuten und seinen amerikanischen Mitbürgern, von seinen Collegen und von Laien, von Männern und von Frauen, —- von überall her derselbe Ausdruck des wahren, inneren Schmerzes, der Jeden erfasste, der den Verstorbenen kannte. War es nur sein Wissen, das ihn den Männern der Wissenschaft wertli machte? War es nur sein Können, das seine Patienten an ihn fesselte ? War es nur sein Streben,* das Gleichgesinnte an ihm lobten ? W ar es nur sein biederer Sinn, der uns gefiel, sein einnehmendes Wesen, das uns bestach? War es nicht vielmehr die Summe seiner schönen vortrefflichen Eigenschaften, und die Abwesenheit jedes störenden Elementes im harmonischen Ganzen, das uns zu seinen Freunden machte ? Und daher auch die Einstimmigkeit des Bedauerns, und daher auch das überall gleiche Gefühl des Verlustes bei dem Tode des Mannes, der bei aller Positivität des Cliaracters es verstanden hatte, ein thätiges Leben zu führen, ohne sich Feinde oder Widersacher zu erwerben. Hermann Althof wurde am 8. August 1 835 zu Horn in Lippe-Detmold als Jüngster der zahlreichen Familie eines geachteten Lehrers geboren.— Schon frühe starb die Mutter und durch deren Tod, sowie durch die Uebersiedelung der älteren Geschwister unseres Freundes nach Amerika wurde schon während seiner Kindheit die Häuslichkeit zerstört, deren er so sehr bedürftig war, und die ihm, dem Unverheiratheten, immer nur als verheissenes Land bei Anderen erschien. Im Jahre 1847 begleitete er seinen Vater auf einer Besuchsreise zu den hier ansässigen Familiengliedern, und absolvirte nach seiner Rück- kehr die Gymnasien zu Minden und Detmold, studirte alsdann Medicin in Würzburg, Berlin, Zürich und Wien, machte im Jahr 1857 in Berlin sein Examen, blieb, einige Zeit daselbst bei Graeffe, und brachte dann fast ein ganzes Jahr in Paris zu, wo er durch Graeffe’s Empfehlung bei Desmanes und Nelaton eingeführt, vortreffliche Gelegenheit fand, den Schatz seiner Kenntnisse zu vergrössern. Im Herbst 1858 verliess er Europa, um sich in New York niederzulassen, begann hier seine Praxis sofort, und hat derselben mit Eifer und Erfolg beständig bis zu seinem Tode obgelegen, mit Ausnahme einer einjährigen Abwesenheit — 1860—61, die er dazu benutzte, um bei Müller in Würzburg und Graeffe in Berlin in seinem speciellen Fache, der Augen-Heilkunde, sich zu vervollkommnen. — Ausserdem hat er New York nur gelegentlich zu Erholungsreisen, und im Jahre 1862, als er Krackowizer nach Fredericks- burgh zum Felddienst begleitete, verlassen. Zur Kennzeichnung des Menschen sei es mir erlaubt, zu erwähnen, dass er bei seiner Uebersiedelung nach New York einen empfehlenden Brief Alex. v. Humboldt’s an Bayard Taylor brachte; dass er mit Graeffe, Prof. Heinrich Müller, Prof. Kollicker, Spielhagen, Wachenhusen etc. auf mehr oder minder vertrautem Fusse stand, mit der Mehrzahl der Genannten und andern bedeutenden Persönlichkeiten correspondirte, und dass sein Verhältniss zu dem Ehepaare Fanny Lewald und Adolf Stahr ein so inniges war, dass diese Beiden ihn fast als Sohn betrachteten, und dass der intimste Briefwecliel erst durch Stahr’s, jetzt durch Althofs Tod beendet wurde. Mit Krackowizer, dem er selbst nachweinte, wie wir ihm heute nachweinen, war er aufs Engste ver- bunden ; Carl Schurz zählte zu seinen nächsten Freunden. Was er in seinem Berufe geleistet, kann der Laie nur oberflächlich berühren, und seines Wirkens als Arzt wird wohl an geeigneter Stelle gedacht werden. Doch will ich bemerken, dass er, nach competenter Aussage, Vorzügliches und Originelles geleistet, und sein Fach gründlich und erschöpfend kannte, dass er ein ausgezeichneter Operateur war, und — was ihm besonders nachgerühmt wird, dass er, der Specialist, niemals aufhörte, das lebhafteste Interesse an allen allgemein medicinisclien Vorkommnissen zu nehmen und seine Forschungen und sein Streben niemals auf sein specielles Fach beschränkte, so dass er sich auf seinem grösseren Felde die grösste Vielseitigkeit zu eigen machte. Wenn er im täglichen Berufe sich nicht nur das Zutrauen, sondern auch die Liebe und die Verehrung seiner Patienten zu sichern wusste, — wenn er — die durch und durch genercuse Natur — mit gleicher Höflichkeit und Rücksicht den armen nichtzahlenden Kranken, deren Zahl Legion war, entgegentrat, wie den Begüterten, die sich ihm anvertrauten, und so im Publikum die so wohlverdiente Popularität errang, deren Beweise noch heute seine Umgebung mit trauernder Freude erfüllen, — so war er nicht minder geachtet und beliebt bei seinen Collegen, und manche Thriine wurde ihm nachgeweint von Augen, die durch tägliches Anschauen des grössten menschlichen Elends abgehärtet sein könnten. Und hier darf ich nicht versäumen, auf die Wichtigkeit seiner Persönlichkeit hinzuweisen, die besonders seit Krackowizer’s Tode eines der Bindemittel zwischen den deutschen und amerikanischen Aerzten New York’s geworden war. Er war gerade dazu angethan, um bei den amerikanischen Aerzten die deutschen Collegen zu repräsentiren, er, — der feine, gebildete, tüchtige Arzt, der sich in Sprache und Sitten unseres Adoptivlandes ganz hineingelebt hatte, und dem gerade das richtige Quantum Selbstbewusst- sein innewohnte, um die geachtetste und unantastbarste Stellung einzunehmen, während sein richtiger Tact ihn manche gefährliche Klippe umschiffen liess. — Es hat vor und nach seinem Tode nicht an Beweisen gefehlt, wie sehr seine amerikanischen Berufsgenossen ihn schätzten und verehrten, ihn mit Stolz zu den Ihrigen zählten. Mit Eifer und Hingebung hat Althof seit Jahren als Arzt und als Mitglied des Verwaltungsraths sich dem Dienste des deutschen Hospitals und Dispensary, (zu dessen Gründern er auch gehörte), gewidmet. Er bekleidete seit Jahren mit Gewissenhaftigkeit und Fleiss das Amt des Schriftführers, und war einer Derjenigen, denen das Hospital verdankt, dass es nicht an der Indifferenz der deutschen Bevölkerung kümmerlich zu Grunde gegangen ist. — Man kann den Werth seiner Leistungen für das Hospital auf beiden Feldern, dem ärztlichen und administrativen, gar nicht hoch genug anschlagen. Althof war seit Jahren aufopfernd in hervorragender Stellung an dem Eye & Ear Infirmary thätig, und vor IS Monaten ward ihm, dem Nichtamerikaner, die Freude, zum Oberarzt, (executive surgeon) erwählt zu werden, und das ist er auch, sowie leitender Genius des Instituts, bis zu seinem Ende unter allseitiger Anerkennung geblieben. Das ist das Leben des Mannes, der* uns leider allzufrüh entrissen wurde, und den wir betrauern und feiern. Die wohlthätigen Anstalten, für welche er mit beständiger Liebe arbeitete und sorgte, verlieren Viel an ihm. — Sein klarer Blick, sein richtiges Urtlieil, seine emsige Thätigkeit sind nicht leicht, wohl keinen- falls in einer Person wieder zu finden. Sein Rath und sein Schaffen wird noch oft fehlen. Die grosse Schaar von Kranken, denen er helfend und strebend zur Seite stand, verlieren Viel an ihm. Dem armen Kranken, dem er Arzt und Wohlthäter war, wird er unersetzlich bleiben. Die Wissenschaft verliert Viel an ihm; schmerzlich vermissen seine Collegen seine klare Beurtlieilung, seine richtige Diagnose, schmerzlich vermissen sie die Erfolge, deren er sicher gewesen wäre, wenn ihn der unerbittliche Tod nicht seinem ferneren Wirken entrückt hätte. Der Staat, das Gemeinwohl verliert Viel an ihm, denn wir bedürfen ehrlicher Leute, die mannhaft und geschickt ihre Ansicht vertreten und uneigennützig nur das Rechte wollen. Oeffentliche Gesellschaften, deren Mitglied er war, verlieren Viel an ihm. Er scheute sich nicht, Verpflichtungen zu übernehmen und sie zu erfüllen. — Und so ist auch unser Verein als solcher, unter den Leid- tragenden. Aber am Meisten, viel, viel mehr, als ich aussprechen kann, verlieren seine Brüder, seine Verwandten, seine nächsten Freunde, denen allen der Verkehr mit dem vortrefflichen, liebenswertlien Manne, als eine Zierde ihres Lebens ewig unvergesslich bleiben muss, und die den Zauber seiner Persönlichkeit, seine immer bereite Gefälligkeit, sein immer aufrichtiges Urtlieil, sein immer freundliches Entgegenkommen, — die leider ihn selbst für immer entbehren müssen. Sie welken schnell, die Blumen unseres Lebens, Und wir, wir welken ihnen langsam nach. Sein Dasein ist abgeschlossen, sein Wirken beendet, — wir fühlen tief die Leere, die sein Scheiden zurücklässt, wir erkennen trauernd an, was wir verloren, wir weihen ihm für immer ein dankbar freundliches Andenken. Glücklich zu preisen ist der Mann, der gleich ihm, ehe das traurige Alter an ihn herantritt, geachtet und geliebt, schmerzlos und plötzlich das blühende Leben verlässt! Zu bedauern sind nur die Ueberlebenden. M. A P,OST# ST CAM JOB TRIXTER, 3 KORTH WILLIAM LTRIST.